Verfasst von: achterosten | 2. Juni 2019

Die „zweite Luft“ – Predigt zu Epheser 3, 14-21

 

Predigt Eph 3, 14-21 (Exaudi, 02.VI.2019)

Kennen Sie die schwäbische Alb? Bis vor zwei Wochen ich auch nicht so wirklich, jetzt allerdings schon sehr viel genauer. Landschaftlich, muss ich sagen, wirklich reizvoll. Herrliche Natur, gerade jetzt im Mai, die blühenden Hochwiesen, malerisch darin immer wieder ein kleines Dorf mit allem was dazu gehört: Kirche, Gaststätte und ein kleiner Dorfbach. Einfach herrlich, zumindest wenn man Besucher ist. Wohnen möchte ich da nicht wirklich. Allein schon wegen der sprachlichen Schwierigkeiten, aber auch weil ich wohl nie verstehen werde warum an der Kehrwoche das Seelenheil hängt. Aber davon abgesehen, eine herrliche Gegend, die ich vor zwei Wochen zu Fuß erkunden durfte. Zwei Harken hatte dies allerdings: die schwäbische Alb ist, wie der Name schon sagt, eher hügelig, um nicht zu sagen, für einen typischen Bewohner der norddeutschen Tiefebene, gebirgig. Es geht also fröhlich rauf und runter. Punkt zwei: Mein Kennenlernen der schwäbischen Alp war von der intensiven Art, nämlich kein netter Spaziergang sondern eine – da eher ich zur Zeit eher untrainiert bin – erschöpfende Wanderung von 30km!
So, jetzt ein radikaler Ortswechsel, behalten Sie aber das Bild eines erschöpften Wanderers in herrlicher Landschaft vor Augen. Jetzt geht es um einen Ort, den sie alle kennen. Für Außenstehende wohl eher nicht unter der Überschrift „landschaftliche Idylle“, für uns hier aber ein Traum. Die Erzbahntrasse zwischen Westparkt und Rhein-Herne-Kanal. Herrliche Landschaft mit Förderturm und Bude. Am Sonntagnachmittag kein Durchkommen vor lauter Radfahrern, morgens herrlich leer. Dort will ich am besagten schlechten Trainingszustand endlich was ändern und gehe laufen. Start und Endpunkt Erzbahnschwinge. Hinweg immer locker flockig, Rückweg erst laut atmend, dann keuchend mit Zunge auf der Schuhsohle. Das letzte Stück zwischen Brücke und Erzbahnschwinge ist dann immer die ganz große Herausforderung – und dann gebe ich manchmal auf und gehe das letzte Stück eher gemütlich spaziere als wirklich laufen. Aber es ist auch immer so verdammt anstrengend: Schon so viel gelaufen, da kann man auch schon mal früher aufhören.
Ein Schwenk wieder zurück auf die Schwäbische Alp, Kilometer 25, das Gejammer und Gefluche habe ich schon vor drei Kilometern eingestellt, dazu reicht die Kraft nicht mehr, jedes bisschen Sauerstoff wird in den Beinen benötigt. Und – mache ich das gleiche wie auf der Erzbahntrasse, einfach aufhören? Natürlich nicht, es geht weiter – auch die letzten 5 Kilometer wird tapfer weitermarschiert und am Ende reicht die Kraft sogar noch für ein zufriedenes etwas schiefes Siegerlächeln.
Warum hier und nicht auf der Erzbahntrasse? Weil ich auf der Schwäbischen Alp nicht allein war – ein guter Freund aus Stuttgart war dabei, der ist durchtrainiert, Marathonläufer. Dass er dabei war, das gemeinsame Wandern, das hat eigentlich schon gereicht für das, was Sportler gerne hoch trabend die „zweite Luft“ nennen. Kennen Sie die? Das ist der Moment wenn sie schon eigentlich total erschöpft sind und dann doch noch mal so einen richtigen Schub kriegen, noch mal alles geben können. Doch noch mal auch über die 90. Minute hinaus über den ganzen Platz dem Ball hinter her rennen, sich zum letzten Sprungwurf hochschrauben, den letzten Pass präzise werfen wie keinen vorher oder halt wie ich auch die letzten fünf Kilometer durchhalten und am Ende mit einem schiefen Grinsen am Ziel stehen: „Geschafft – und das gemeinsam.“ Eines der schönsten Gefühle, die es für uns gibt.
Vielleicht auch der Grund warum Sport in unterschiedlichsten Formen immer schon zum menschlichen Wesen dazu gehörte. Das Erleben der „zweiten Luft“, der Gemeinschaft. Das Spüren von Kraft – Kraft, die aus einem selber kommt, aber die man sich nicht selber gegeben hat, sondern von außen angestoßen wurde, sich dem verdankt, was außerhalb von einem selbst ist. Weil man in diesem Moment mit seinem ganzen Wesen, mit jeder Faser eines spürt: Du bist nicht allein! Diese wichtigen Worte in diesem Moment Wahrheit sind: Du bist nicht allein! Das kann nur von außen kommen, dafür ist ein Gegenüber nötig.

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“ Ein paar Sätze aus dem Epheserbrief, die eigentlich genau das meinen, der Impuls von außen, der uns mit allen Fasern spüren lässt: Du bist nicht allein!
Aber – dabei sind wird doch genau das, allein in unserem Glauben. Wo ist denn Gott, wo ist der Auferstandene? Weit weg, soweit weg, dass wir dafür den fernsten und unklarsten Ort nehmen: den Himmel. Irgendwo dort, vielleicht. Das ist doch die Tatsache dieser Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – allein auf weiter Flur stehen wir da. Gott, Jesus Christus? Halt irgendwo dort, „im Himmel“. Verdammt weit weg! Viel zu weit für das Gefühl, nicht allein, von Gott verlassen zu sein. Zu weit weg auch um da irgendwelche Nähe konstruieren zu können, das Gefühl des Alleinseins weg argumentieren zu können. Aus unserer Kraft können wir sie nicht überwinden, diese endlose Entfernung. Aus uns selbst können wir es uns nicht sagen: „Du bist nicht allein!“. Es braucht etwas, was uns von außen gegeben wird, ebbend jene Kraft, von der im Epheserbrief die Rede ist. Jener Geist, der diese Kraft bewirkt. Der die „zweite Luft“ schenkt, der mit jeder Faser spürbar macht „Du bist nicht allein.“ Auf diese Kraft, diesen Geist warten wir. Nächste Woche wird uns erzählt, dass er da ist, dieser Geist, in uns. Bleibt sie nicht trotzdem, die Frage – diese Kraft, dieser Geist, wo soll er sein? Gottes Nähe? Ein wortwörtlich frommer Wunsch, oder etwa nicht? Wo soll ich was davon spüren?

Eine Frage, der ich ehrlicherweise gerne ausgewichen bin, erst langsam lerne ich, dass ich es schon gespürt habe, aber es so nie wahrgenommen habe, weil mein Blick in die falsche Richtung ging. Gestarrt in Richtung Himmel, diesen völlig offenen, undefinierten Ort. Von dort es erwartet habe und gar nicht gehört habe, die Worte der Männer zu den Jüngern als sie Jesus in den Himmel nachstarren: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und starrt gen Himmel?“ Dass dort nicht der Geist zu finden ist, sondern an ganz vielen anderen Orten, unter uns Menschen. Dass nicht von einem fernen Ort dieser Geist, nicht von oben, sondern von links und rechts neben mir. Auf unterschiedlichste Art und Weise, und wahrscheinlich niemals auf geraden, klaren Wegen, sondern krumm und verschlungen, so wie unser Leben ist. Mitten im Leben und doch so, dass das Leben über sich in diesem Moment hinauswächst, die „zweite Luft“ bekommt, spürt „Du bist nicht allein!“.
So will ich mit einem dieser „Orte“ schließen, der für viele jeden Samstag genau das ist. Es ist eine Schnulze. Eine Schnulze mit einer völlig verschlungenen und krummen Geschichte. Eigentlich ein Stück aus einem Musical, eine krumme Adaption von Liliome, ein Theaterstück, das heute auch nur noch Kennerinnen und Kennern etwas sagt. Ein Weg aus dem Budapest der K. und K. hin zur seichten Begleitmusik vor Spielbeginn in der Anfield Road in Liverpool. Von dort hin zu einem Lied das vielen Menschen genau diesen Geist, diese Kraft spüren lässt mit jeder Faser. Wohl auch, weil sie es gesungen haben angesichts von 96 toten Fans 1989 im Hillsborough Stadion und als sich im Westfalenstadion die Nachricht verbreitete, dass ein Fan während des Spieles einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hatte.

Wenn du durch einen Sturm gehst
Halte deinen Kopf oben und fürchte nicht die Dunkelheit
Ein goldener Himmel ist am Ende des Sturms
und das süße, silberhelle Lied einer Lerche

Gehe weiter durch den Wind
Gehe weiter durch den Regen
obwohl alle Deine Träume umgeworfen werden.

Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen

Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: