Verfasst von: achterosten | 18. August 2015

Immer schön gelassen – Predigt zu Kohelet (Prediger) 9, 7-10

Predigt Koh 9,7-10 (16.VIII.2015, XI. So.n.Tr)

 

Liebe Gemeinde, was sind die wichtigsten Gegenstände für eine Christin, für einen Christen? Das Kreuz vielleicht? Das würde den Schnelldenkern als erstes einfallen. Die Bibel? Das wäre schon ein bisschen tiefer gedacht. Und die ganz Schlauen würde vielleicht noch das Taufwasser nennen? Tut mir leid, bei all diesen Antworten ertönt leider ein quäkender Misston und kein gewinnverheißender Glöckchenton.

Die wichtigsten Gegenstände für Christinnen und Christen? Ich habe sie mitgebracht: Es ist das Brot, der Wein und die Sonnencreme. Und bei Brot und Wein, um gleich mal Missverständnissen vorzubeugen, geht es dieses Mal nicht um das Abendmahl. Brot, Wein und Sonnencremesind jetzt auch nicht symbolisch zu verstehen, sondern als das, was sie tatsächlich sind: Brot, Wein und Sonnencreme. Und das dann als die wichtigsten Dinge im Leben einer Christin, eines Christen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jedenfalls wenn wir auf kleines Buch der Bibel hören, das leider ein Schattendasein führt. Maximal wird ein Gedicht über Zeit aus ihm zitiert, wobei dabei leider die Grenze zum christlichen Kitsch oft nicht nur gestreift, sondern mit Pauken und Trompeten überschritten wird. Dabei enthält es soviel mehr, wie ebbend auch der zentrale Hinweis auf Brot, Wein und Sonnencreme.

Denn im Buch Kohelet steht: „So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.

Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit deiner Frau, die du lieb hast, solange du das nichtige Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne.

Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.“

Liebe Gemeinde, Brot, Wein und Sonnencreme als zentrale Dinge meines Lebens als Christenmensch. Wobei die Sonnencreme heute vergleichbare Funktion hat, wie die Salbe des Koheletbuches. Ich liebe diesen Text, denn er enthält für mich den ganzen Reichtum unseres Glaubens und seiner Sicht auf die Welt. All die Schönheit unseres Glaubens, all die Freiheit, die mir der Glaube schenkt. Hinzu kommt, dass, wenn ich Kohelet lese, ich mich dort wieder finde, wie in kaum einem anderen Buch der gesamten Bibel. Scheint der „garstige Graben“ zwischen manch biblischem Text, biblischen Verfasser, biblischen Helden und unserer Zeit sehr groß zu sein. Spüre ich dort die Entfernung von tausenden von Jahren, so könnte Kohelet mit mir heute im Zug sitzen und wir würden uns sehr gut verstehen. Denn er stellt die eine große Frage unserer Zeit: Wie kann ich ein glückliches Leben führen? Oder anders formuliert: Was ist ein gutes Leben? Und er hat dabei einen messerscharfen Blick auf die Realitäten unseres Lebens, er sieht Licht und Schatten, schwarz und weiß, aber auch all die Grautöne dazwischen. Er lässt sich daher nicht abspeisen mit platten Sprüchen der Küchenpsychologie à la „Du musst nur an dich selber glauben“ oder etwas altbackener „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Er durchschaut ganz schnell fromme Phrasen, die schon immer ganz genau wissen, wie das mit Gott und der Welt so zu laufen hat. Er sieht, wie sie in der Realität zerplatzen wie Seifenblasen und von ihnen nichts übrig bleibt. Er lässt sich da, und da ist er dann halt so ein bisschen wie wir hier im Ruhrgebiet, nichts vormachen, ist es doch unserer kulturelles Erbe, das Wissen um die harte Realitäten des Lebens. Das Leben ist halt nicht so einfach, wie uns das vorgemacht werden soll. Es bleibt das Unverfügbare. Das, was wir nicht voraussehen können, das was uns einfach geschieht. Das Gute wie auch das Schlechte. Letztlich und schließlich gilt dann auch: Unser Leben auf dieser Erde währt nicht ewig. Das Ende ist für uns alle gleich und wir wissen nicht, wann es kommt. Und so ist Kohelet auch sehr kritisch gegenüber allen allzu angestrengten Versuchen, die Zukunft zu planen. Regeln aufzustellen, die sagen, wenn wir das und jenes tun, dann wird das und jenes passieren. Das ist ja oft nicht so. Und schon gar nicht ist es so, dass am Ende das Gute oder die Guten den Sieg davon tragen. Soweit die gnadenlose Analyse menschlicher Realität durch Kohelet, die Analyse menschlicher Möglichkeiten und menschlicher Grenzen.

Wie soll da noch ein glückliches Leben möglich sein, ein gutes Leben? Die Antwort: Mit Brot, Wein, Sonnencreme und, am wichtigsten, einem Menschen an unserer Seite. Zu platt die Antwort? Auf den ersten Blick scheint mir diese Antwort auch zu seicht, die ist so auch in diversen Magazinen von der Bude zu finden. Aber Kohelet hat diese Antwort dem harten Realitätschek und gerade auch seinem Nachdenken über Gott unterzogen und kommt so zu diesem Schluss: Ein gutes, ein glückliches Leben ist der Genuss der Dinge, die uns Gott geschenkt hat! Und das ist doch auch kein überbordender Luxus, der da eingefordert wird: Brot, Wein, Sonnencreme, alles zusammen für knapp 10 Euro zu haben, der Mensch an meiner Seite, den ich liebe, dem meine Treue gilt, der ist natürlich unbezahlbar. Es ist der Aufruf zum Genuss der alltäglichen Dinge. Darin besteht ein gutes Leben und auch ein Leben, wie es Gott von uns Menschen gefällt. Und bei diesem Genuss das tun, was die Gegenwart, das gegenwärtige Leben von uns fordert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Weil uns doch gesagt ist, dass es alles letztlich in Gottes Hand liegt. Bei ihm, der diese Welt erschaffen hat und erhält.

Liebe Gemeinde, welche Radikalität liegt in diesem Aufruf, welcher Widerspruch gegen die Zeit des Burn-Outs, der beruflichen und privaten Überforderung, der Ökonomisierung des ganzen Lebens, der ständigen Angst vor der Zukunft, der Todesangst. Welche Freiheit wird uns hier vor Augen geführt! Wenn wir erkennen, dass letztlich alles in Gottes Hand liegt, es für uns unverfügbar ist. Wenn wir den Glauben geschenkt bekommen, der das erkennt und zulässt, zu akzeptieren, dass Gott nicht nur, sondern an erster Stelle der ferne Gott ist, der sich verhüllt und nicht zu durchschauen ist. Ja, der uns fremd ist, nicht der nette Typ neben uns, während er doch alles und uns in seiner Hand hält. Dieser Glaube ist die Freiheit des Kohelet und seines Aufrufes zu Brot, Wein, Sonnencreme und dem Anpacken der gegenwärtigen Dinge.

So sind für mich diese drei nicht nur die wichtigsten für jede Christin, jeden Christen sondern auch für die Kirchengemeinden. Und das in zweifacher Hinsicht: Denn der Aufruf des Kohelet ist nicht ein Aufruf zu einer individualistischen Flucht aus der Welt in die trauten vier Wände, sondern er beschreibt auch eine Aufgabe: Dass allen Menschen dieser Genuss, ein Leben in dieser Freiheit möglich ist. Das ist die Aufgabe der ganzen Kirche: Zum einen Menschen in ihren individuellen Situationen durch Wort und Tat zu begleiten, ein Stück mit ihnen des Weges zu gehen, ihre Situation und Fragen so ernst zu nehmen, dass ihnen dieser Genuss möglich ist. Und zwar nicht nur in dem Raum der Gemeinde, sondern, und das ist viel wichtiger, draußen in der Welt. In ihren Familien, bei ihren Freunden, an ihren Arbeitsstätten, in ihren Vereinen, dort wo sie leben.

Zum anderen ist es die Aufgabe, gegen Strukturen in unserer Gesellschaft anzugehen, die diesen Genuss verhindern. In Goldhamme, Dahlhausen und  Eppendorf an erster Stelle, aber auch überall dort, wohin unsere Kraft reicht. Anzugehen gegen das Unrecht in der Welt, denn auch dies ist eine Erkenntnis des Kohelet: Das Unrecht, die Ungerechtigkeit sind ein weltlich Ding und von Menschen gemacht. Und diese Aufgabe können wir nicht alleine stemmen, sondern nur mit allen Menschen guten Willens, die mit uns in Eppendorf, Goldhamme und Dahlhausen leben, egal welcher Konfession, welcher Religion, welchem kulturellen Hintergrund.

Und noch, und das dann zum Abschluss, und noch aus einem weiteren Punkt sind diese drei auch für die Gemeinden und die Kirche so wichtig: Sie erinnern uns nicht nur an die geschenkte Freiheit unseres Glaubens, an unsere Aufgaben als Gemeinde gegenüber den Menschen, sondern an eine wunderbare Eigenschaft, die uns oft in den letzten Jahren verloren gegangen ist, manchmal sogar völlig verschüttet zu sein scheint: Die Gelassenheit und die Zeit zum Genuss, zu der uns Kohelet aufruft. Gerade auch angesichts all der Veränderungen, denen sich die Gemeinden und die Kirche gegenüber sehen. Wir hetzten von einer Reform zu der nächsten, von einem Best-Practice-Beispiel zum nächsten, ohne zu sehen, was die Dinge sind, die wir jetzt mit unseren Händen zu tun haben. Wie atemlos und ja sogar depressiv das Ganze geworden ist. Im letzten gilt doch auch für die Zukunft der Gemeinden die Erkenntnis des Kohelet: Es liegt nicht in unserer Hand, was aus ihnen wird. Und natürlich ist das kein Aufruf zum Realitätsverlust und lustig einfach weiter so. Natürlich nicht! Aber es ist die Bitte an alle, den Aufruf Kohelets auch für unsere gemeinsame Arbeit in den Gemeinden und der Kirche ernst zu nehmen. Nicht das wir am Ende uns eingestehen müssen, dass wir weder Zeit, noch Kraft noch Muße hatten, die wunderbaren Dinge, die Gott uns geschenkt hat zu genießen. Unsere Kleider zerrissen sind und auch kein Mensch mehr an unserer Seite ist, weil wir die schon verloren und es noch nicht einmal gemerkt haben. Und damit meine ich insbesondere die Menschen, die nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen sondern maximal an hohen Feiertagen, die an Wendepunkte ihres Lebens die Nähe zur Kirche suchen, unsere diakonischen Dienste in Anspruch nehmen.

Was sagt es über die Gemeinden und die Kirche aus, wenn an diesem Ort der Freiheit des Glaubens, etwas Einzug hält, das neudeutsch so schön mit Burn-Out betitelt wird? Wenn Ehrenamtliche und Hauptamtliche nur noch erschöpft sind? Wenn wir mutiert sind zu einer geschlossenen Anstalt der Moral und nicht offene Vollzugsanstalten des Lebens sind? Gönnen wir uns und gestehen wir uns selber gegenseitig zu, unter der Überschrift Kohelets unser privates Leben und unser gemeinsames Arbeiten und Leben in unseren Kirchengemeinden zu gestalten. Was wäre das für ein Zeichen des Lebens und der Freiheit des Glaubens, der uns von Gott geschenkt ist. Dem Gott, dem es anscheinend gefällt, wenn Brot, Wein, Sonnencreme, die Menschen, die wir lieben und unser tägliches Tun Mittelpunkt unseres Lebens sind.

Verfasst von: achterosten | 1. März 2015

Ortsbestimmung Predigt zu Markus 12, 1-12

Predigt zu Mk 12, 1-12 (Reminiscere, 01.III.2015)

 

Liebe Gemeinde,

lassen Sie uns eine kleine Reise durch die Zeit machen, so knapp 125 Jahre in die Vergangenheit, in die letzten Tage des Aprils des Jahres 1889. Örtlich müssen wir uns gar nicht so weit bewegen, nur ein paar Kilometer gen Norden, kurz hinter den Bochumer Verein. Dort war die Zeche Präsident, einer dieser Orte hier bei uns, die zu dieser Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Eines dieser Löcher, die unablässig die Menschen verschluckte, um sie nach 10 oder 12 Stunden wieder auszuspeien, zerschunden, todmüde. Einer dieser Orte, die immer wieder ihren Tribut an Menschenleben forderten. Wo Frauen und Kinder an den Toren standen, ängstlich auf die Hängebank starrend, wenn die Nachricht über ein Unglück sich verbreitet hatte. Auf der Zeche Präsident fuhren an diesem Apriltag die Schlepper nicht zur Schicht ein, sie traten in den Streik. Sie hatten die Schnauze voll, ihre Knochen, ihre Gesundheit tagtäglich zu opfern in schlechten Wettern, für einen Hungerlohn und dass sie schweißnass nach der Schicht vom Schacht über den kalten Zechenhof zur Kaue laufen mussten. Es war genug, sie traten in den Streik und wenige Tage später hatten es ihnen 90 Tausend Bergleute gleich getan. Die Staatsmacht reagierte mit Härte, 14 Menschen fanden den Tod. Staatstreu wie sie waren, wollten die Bergleute eine Delegation zu Kaiser Wilhelm II. senden. Sie sollten ihm direkt die Forderungen der Bergleute vorbringen. Überall im Revier wurde für die Reise Geld gesammelt und die Delegierten gewählt. Auch in der Kolonie der Zeche Siegfried…

(Filmausschnitt „Rote Erde“)

Liebe Gemeinde,

wenn sie mich fragen, der katholische Kollege hat genau recht und ich schließe mich gerne dem Urteil von Ralf Richter an: „Das haben sie sehr gut gesagt, Hochwürden.“ Recht hat er, der wackere Mann Gottes, das kann ich ganz ohne protestantischen Neid sagen. Wie ich dazu komme? Ich meine, Sie könnten das Ganze ja auch als viel zu politisch abtun, ja maximal vielleicht noch als Sozialromantik oder Sozialkitsch des Ruhrgebietes à la „Ne wat ham wir früher alle für die Arbeiterrechte gekämpft. Selbst die Popen haben bei uns die Sozis unterstützt.“ Ich aber bleib erst einmal dabei, im Grunde hat der Mann Recht. Ganz besonders wenn ich dieses grausame Gleichnis Jesu von den Weingbergpächtern höre, das uns N.N. gerade aus dem Markusevangelium vorgelesen hat. Die gierig immer grausamer werden und auch nicht vor Gewalt und Mord zurückschrecken, sich in einen wahrhaften Gewaltrausch begeben an dessen Ende der Tod des einzigen Sohnes des Weinbergsbesitzer steht. Alles nur um den Besitz endgültig an sich zu reißen.

Entspricht dieses Gleichnis nicht genau den unzähligen menschlichen Erfahrungen, dass es genau so oft läuft? Und zwar egal ob zur Zeit Jesu mit irgendwelchen Weinbergpächtern, 1889 zur Zeit der Grubenherren und Stahlbaronen oder heute. Ich werde mich hier mich nicht an einem allgemeinen Einschlagen auf Bänker und Wirtschaftler beteiligen, aber es ist doch eine Tatsache, die in dem Gleichnis beschrieben wird. Dass Menschen sich von der Gier überwältigen lassen und am Ende sogar über Leichen gehen. Mit allen Mitteln versuchen, das ihnen anvertraute Gut ganz an sich zu bringen. Wir können gerne nach Italien, Griechenland, Kroatien fahren und uns ansehen, zu was das geführt hat. Und es kommt noch ein ganz entscheidender Punkt hinzu: Es geht hier nicht um irgendwelche allgemeine Aussagen über den Menschen und seinen Hang zur Gier an sich. Das Gleichnis ist ganz klar an eine bestimmte Gruppe gerichtet: An die Mächtigen! Es geht nicht um den Menschen an sich, es geht auch nicht um das Volk Israel an sich, sondern Jesus sagt es den Mächtigen direkt ins Gesicht. Sie stehen Jesus in dieser Situation gegenüber, so wird es uns im Evangelium erzählt. Und sie verstehen ihn sofort: Sie sind die Weingärtner, sie, die von Roms Gnaden politisch Mächtigen, die Besitzenden. Sie, die gerade nicht ihren Pflichten als gute Weingärtner nachkommen, sondern versuchen alles an sich zu reißen und wehe dabei stellt sich ihnen einer in den Weg. Und sie werden genau so handeln, wie es ihnen im Gleichnis gesagt wird. Sie werden dafür sorgen, dass dieser Jesus, der droht, ihnen und ihrer Macht gefährlich zu werden, beseitigt wird. Sie, die Mächtigen, nicht das Volk Israel, werden ihn unter abstrusen Begründungen an die Römer überliefern, dass sie dann mit ihm dementsprechend verfahren. Sie werden tun, was viele Mächtige und Besitzende durch die Jahrhunderte hindurch getan haben. Auch da erzählt uns das Gleichnis nichts Neues, sondern findet nur ein Bild für die Erfahrungen der Armen, Unterdrückten, der Ohnmächtigen, die das Spiel der Mächtigen am eigenen Leibe spüren mussten und müssen. Und wehe sie schicken einen der ihren zu ihnen, um sie an ihre Pflicht zu erinnern, zu erinnern, dass ihnen gerade nicht alles gehört. Die kommen oft nicht wieder und wenn, dann zerschunden, gefoltert, zerbrochen. Da erzählt den Menschen das Gleichnis nichts Neues, aber etwas anderes ist Neu für sie: Jesus stellt sich ganz klar auf die Seite der Ohnmächtigen, auf die Seite derjenigen, die zu leiden haben unter denen, die ihre Macht missbrauchen. Und wenn wir den Weg weiter verfolgen, über den politischen Mord dort am Kreuz hin zu Ostern, dann bleibt am Ende nur zu sagen: Gott selber stellt sich auf die Seite der Ohnmächtigen, in dem er den ins Leben ruft, der am Kreuz das Opfer der Mächtigen geworden ist, sich zu ihm bekennt als seinen Sohn.

Liebe Gemeinde,

eine klare Ortsbestimmung, die uns da zugerufen wird und ganz bestimmt keine einfache und vor allem garantiert keine gemütliche, bequeme, aber eine elementare. Sie bestimmt darüber, ob wir Gemeinden Jesu Christi sind oder nur religiöse Traditions- und Brauchtumsvereine. Denn wenn wir uns als Christen, als Gemeinde genau dieses Gottes verstehen, dann ist auch unser Ort für alle Zeiten festgelegt: Wir stehen auf der Seite der Ohnmächtigen, derjenigen, die unter den bösen Weingärtner zu leiden zu haben!

Und genau deshalb hat der katholische Kollege dort in der Kolonie der Zeche Siegfried Recht. Er stellt sich in dieses Licht, das von Jesu Gleichnis, durch das Kreuz über Ostern in unsere Zeit, in unsere Kirchengemeinden strahlt. Unser Ort, unser Platz in der Welt ist der bei den Ohnmächtigen, denn dort steht Jesus Christus, dort ist er zu finden.

Aber wir sind auch nicht, und dieser Punkt ist mir zu Abschluss sehr wichtig, die Bundesanstalt für politische Moral. Es handelt sich hierbei um eine Ortsbestimmung unserer Gemeinden in der Welt, da wo wir stehen. Nicht da wo wir uns erst hin zu bewegen haben, wir stehen da bereits, christliche Gemeinde ist nur an diesem Ort zu finden. Es geht um eine Ortsbestimmung. Das heißt noch lange nicht, dass wir die bessere Politik machen, dass wir den anderen gesellschaftlichen Gruppen gegenüber moralisch überlegen sind. Es heißt insbesondere noch lange nicht, dass wir das Recht haben, den Menschen vorzuschreiben, was sie politisch zu denken haben. Und wir müssen auch nicht die Welt retten. Befreien wir uns doch von dieser moralischen Überforderung. Wir können und müssen als Gemeinden doch gar nicht allein entscheiden, was politisch und ethisch gut und richtig ist. Ich allein weiß nicht, ob es gut und richtig ist, Griechenland aus dem Euro zu entlassen. Ob es gut und richtig ist, wie wir mit Menschen umgehen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen, auf eine bessere Zukunft hoffen. Ich weiß es als Christ nicht besser, bin genauso hin und her gerissen, bewege mich da genauso zwischen allen Grautönen und den Entscheidungen, die alles andere als einfach sind. Ich bin genauso angewiesen auf das Gespräch, auf den Austausch mit den Menschen, die mit mir leben. Aber ich habe einen festen Ort, von dem ich aus diese Gespräche führe, mir meine Gedanken mache, meine Entscheidungen treffe. Den Ort, den mir der Gott gewiesen hat, der sich selber auf die Seite der Ohnmächtigen gestellt hat und der mir durch Kreuz und Ostern verheißt, dass er es ist, der letztlich die bösen Weingärtner, die gierigen Mächtigen zur Rechenschaft zieht. Der in mir die Hoffnung gepflanzt hat, dass er ihre Todesmacht schon lange besiegt hat. Die Hoffnung, die mir dann, wenn es darauf ankommt, hoffentlich den Mut gibt, auch auf eine Kiste zu steigen, um den Ohnmächtigen zu sagen, auf welcher Seite unser Gott steht.

Verfasst von: achterosten | 15. Februar 2015

Vom Gehorsam zur Tradition – Predigt zu Exodus 20, 12

Predigt zu Ex 20, 12 (Estomihi, 15.II.2015)

 

Liebe Gemeinde,

heute ein etwas drastischer, ein brutaler Einstieg:

„P a u l i n c h e n war allein zu Haus,

Die Eltern waren beide aus.

Als sie nun durch das Zimmer sprang

Mit leichtem Mut und Sing und Sang,

Da sah sie plötzlich vor sich stehn

Ein Feuerzeug, nett anzusehn.

“Ei,” sprach sie, “ei, wie schön und fein !

Das muß ein trefflich Spielzeug sein.

Ich zünde mir ein Hölzlein an,

wie’s oft die Mutter hat getan.”

Und M i n z und M a u n z , die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten :

“Der Vater hat’s verboten !”

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Laß stehn ! Sonst brennst Du lichterloh !

Paulinchen hört die Katzen nicht!

Das Hölzchen brennt gar lustig hell und licht,

Das flackert lustig, knistert laut,

Grad wie ihr’s auf dem Bilde schaut.

Paulinchen aber freut sich sehr

Und sprang im Zimmer hin und her.

Doch Minz und Maunz, die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten:

“Die Mutter hat’s verboten !

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Wirf’s weg ! Sonst brennst Du lichterloh!

Doch weh ! Die Flamme faßt das Kleid,

Die Schürze brennt; es leuchtet weit.

Es brennt die Hand, es brennt das Haar,

Es brennt das ganze Kind sogar.

Und Minz und Maunz, die schreien

Gar jämmerlich zu zweien :

“Herbei ! Herbei ! Wer hilft geschwind ?

Im Feuer steht das ganze Kind !

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Zu Hilf’ ! Das Kind brennt lichterloh !”

Verbrannt ist alles ganz und gar,

Das arme Kind mit Haut und Haar;

Ein Häuflein Asche bleibt allein

Und beide Schuh’, so hübsch und fein.

Und Minz und Maunz, die kleinen,

die sitzen da und weinen :

“Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Wo sind die armen Eltern ? Wo ?”

Und ihre Tränen fließen

Wie’s Bächlein auf den Wiesen.

Liebe Gemeinde,

und die Moral von der Geschichte aus dem Struweelpeter? Sei ein braves Kind und gehorche immer deinen Eltern. Woher das kommt, diese Haltung die uns heute zumindest befremdlich anmutet wenn wir sie nicht gleich unter das Stichwort „Schwarze Pädagogik“ fassen wollen? Eine Quelle ganz bestimmt das Sechste Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“

Ungezählt ist die Heerschar der christlichen Kinder, die mit diesem Satz auf den Lippen zu unbedingtem Gehorsam gegenüber ihren Eltern ermahnt wurden und, weil es so praktisch war, auch noch gleich zu unbedingten und unhinterfragten Gehorsam gegenüber all den anderen „Autoritäten“: Pfarrer, Lehrerin, Chef, Kaiser, König, Führer.

Selbst in meinem Konfirmandenunterricht vor etwas über 20 Jahren wurde uns, in etwas abgemilderter Form zwar, genau diese Botschaft anhand des Sechsten Gebotes vermittelt: Du hast Deinen Eltern zu gehorchen. Praktisch sah das dann so aus, dass ich zähneknirschend dem Willen meiner Eltern gefolgt und zur Konfirmation gegangen bin. Denn eigentlich hatte ich kein Bock gehabt auf diesen ganzen kirchlichen und bürgerlichen Kram. Wie es so laufen kann im Leben…

Kein Wunder also, das angesichts der Veränderungen in der Erziehung der Kinder, auch dieses Gebot in die Rumpelkammer überlebter Traditionen und Vorstellungen entsorgt wurde. Schade drum, denn nicht das Gebot gehört in diese Rumpelkammer, sondern das mit ihm verbundene Missverständnis, das Gebot beinhalte den Befehl zu unbedingtem Gehorsam und dazu, die Eltern nicht hinterfragen zu dürfen, sie als unangreifbare Autoritäten zu verstehen. Denn haben sie in dem Gebot irgendetwas von Gehorsam, von bedingungsloser Unterwerfung gehört oder gelesen? „Du soll deinen Vater und deine Mutter ehren“ – heißt es da. Kein Wort von Gehorsam, Unterwerfung, sondern von „ehren“ – und das muss ja nicht zwangsläufig Gehorsam bedeuten.

Wir haben mit diesem Gebot leider mal wieder eines der Beispiele wie biblische Texte nicht nach ihrem Sinn gefragt werden, noch nicht einmal richtig gelesen und wahrgenommen werden, sondern wie eigene Vorstellungen ihnen übergestülpt werden, in den Dienst für die eigene Sache genommen werden. Wie vielen Kindern und Jugendlichen wurde dieser Satz vor die Füße geworfen, die von ihren Eltern geschlagen wurden? Wie viele Kinder und Jugendliche wagten sich nicht wegen des Missbrauches dieses Textes gegen die Grausamkeiten ihrer Eltern zu wehren oder sich wenigstens Hilfe zu suchen? Erschüttert und zutiefst angewidert muss ich damit leben, dass in der Vergangenheit ein Pfarrer einem solchen Kind unter Hinweis auf dieses Gebot jede Hilfe verweigerte!

Kann das gewollt sein, ist das das Ziel des Gebotes? Wer könnte dann noch heute den Glauben an einen liebenden Gott, einen uns zugewandten Gott versuchen zu bewahren oder von ihm berichten?

Was will dann aber das Gebot? Eine Zielrichtung finden wir in der Bibel selber ganz klar benannt, da wo Jesus Christus dieses Gebot auslegt. Da wird deutlich, es geht nicht um blinden Gehorsam, sondern um etwas völlig anderes: Die Eltern nicht ohne soziale Unterstützung zu lassen. Wer es etwas drastischer mag: Nicht tatenlos zuzusehen, wie die Eltern im Alter in die Armut versinken, weil sie halt nicht mehr für sich selber sorgen können. Sich nicht aus der sozialen Verantwortung für die Eltern schleichen Und da wird auch deutlich, dass das Gebot uns gar nicht als einzelne Kinder anspricht, sondern die gesellschaftliche Gruppe der Kinder, also der Jüngeren in der Gesellschaft. Zugespitzt stellt das Gebot an uns die Frage: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit unseren Alten um? Wie gehen wir um mit denen, die zu alt, zu schwach geworden sind für unsere Arbeitswelt? Keine Frage, die sich mit ein paar gut gemeinten, aber wenig durchdachten ethischen Anweisungen von einer Kirchenkanzel beantworten lässt. Ich kann hier nur sagen: Wer diesem Gebot folgen möchte, wem es wichtig ist, der kann dieser Frage nicht ausweichen. Das ist die eine Richtung des Gebotes, die Frage nach der Verantwortung der Jüngeren in der Gesellschaft gegenüber den Alten.

Es gibt noch eine zweite Richtung, die lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Geschichte! Die Eltern zu ehren, heißt der Frage nachzugehen: Woher komme ich? Woher kommen all die Dinge, die heute mein, unser Leben bestimmen, zum Guten, wie zum Schlechten? Oder noch elementarer: Woher kommen denn all die Dinge, die mir wichtig sind? Sie reichen aus der Vergangenheit, aus der Zeit meiner Eltern und noch viel weiter zurück in meine Gegenwart. Das wahr zu nehmen, dass heißt die Eltern zu ehren. Nicht geschichtsvergessen zu leben, sondern um die vor uns zu wissen, ihre Lebensumstände und das was sie uns überliefert haben. Wir nennen es Tradition. Und ich kann es nicht deutlich genug sagen: Auch hier gilt: Tradition, zum Guten, wie zum Schlechten. Die Elterngeneration, die vor uns, zu ehren, heißt nicht, die Tradition ungefragt einfach zu übernehmen, denn das wäre ja wieder blinder Gehorsam. Sie aber wahrzunehmen und zu würdigen, sie zu prüfen und zu bewerten, dass ist die Richtung des Gebotes. Aber halt auch nicht sie einfach beiseite zu schieben, sich ihrer zu entledigen. Denn das hieße die eigenen Wurzeln zu kappen. Und wer kann so wachsen, ohne Wurzeln?

Und so führt auch diese Richtung des Gebotes weg von unseren persönlichen Beziehungen zu unseren Eltern und weitet den Horizont hin zu der ganz brisanten Frage: Welche Traditionen dürfen in unserer Gesellschaft gelebt werden?

Auch hier kann es keine einfachen Antworten von einer Kirchenkanzel geben, wir sollten uns vor einfachen Antworten hüten. Aber es kann eine Frage laut werden, die uns vielleicht hilft: Wenn wir das Gebot so verstehen, dass wir aufgerufen sind unsere Traditionen im oben skizzierte Sinne zu „ehren“, wenn wir das Gebot so verstehen, haben wir dann das Recht, anderen Menschen dies abzusprechen? All den Menschen mit Migrationshintergrund oder was für schwachsinnige Begriffe mehr wir für diese Menschen erfunden haben? All den Menschen, die unter uns leben und auf ihre Art und Weise versuchen, in ihrem Sinne dem Gebot zu folgen: Ihre Eltern, ihre Tradition zu ehren. Und ich sage es noch einmal, dass heißt nicht blinder Gehorsam, sondern das Prüfen und Bewerten dieser Traditionen.

In diesen beiden Richtungen verstanden, ist für mich nicht mehr der „Struwelpeter“ die Auslegung des Gebotes, die Eltern zu ehren, sondern das wunderschöne Gedicht des jüdischen Dichter Richard Beer-Hoffmann:

Schlaflied für Mirjam

Schlaf mein Kind – schlaf, es ist spät!

Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht,

Hinter den Bergen stirbt sie im Rot.

Du – du weißt nicht von Sonne und Tod,

Wendest die Augen vom Licht und zum Schein –

Schlaf, es sind soviel Sonnen noch dein,

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind – der Abendwind weht.

Weiß man, woher er kommt, wohin er geht?

Dunkel, verborgen die Wege hier sind,

Dir, und auch mir, und uns allen, mein Kind!

Blinde – so gehn wir und gehen allein,

Keiner kann Keinem Gefährte hier sein –

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind und horche nicht auf mich!

Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich.

Schall nur, wie Windeswehn, Wassergerinn,

Worte – vielleicht eines Lebens Gewinn!

Was ich gewonnen gräbt man ein,

Keiner kann Keinem hier ein Erbe sein –

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schläfst du, Mirjam? – Mirjam, mein Kind,

Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt

Blut von Gewesenen – zu Kommenden rollts,

Blut unser Väter, voll Unruh und Stolz.

In uns Alle. Wer fühlt sich allein?

Du bist ihr Leben – ihr Leben ist dein – –

Mirjam, mein Leben, mein Kind – schlaf ein!

Verfasst von: achterosten | 26. Oktober 2014

Ein freier Tag – Predigt zu Exodus 20, 8-11

Predigt zu Ex 20, 8-11 (XIX. So.n.Tr., 26.X.2014)

 

(„Sonntags in der kleinen Stadt – von Franz-Josef-Degenhardt“)

Liebe Gemeinde, eine wunderbare Beschreibung aus der westdeutschen Nachkriegszeit, so der 50er und 60er Jahre, die vor Augen führt, was passiert, wenn bürgerliche und kleinbürgerliche Moral sich der großen Geschenke unseres Glaubens bemächtigten, sie überformen und letztlich zu einer grotesken und aberwitzigen Perversion hat verkommen lassen. Und da gibt es auch keine Sicherheit, dass die Zeiten zum Glück lange vorbei sind, denn nicht nur in der Mode und der Wohnungseinrichtung ist unter der Überschrift „Vintagestyl“ eine Rückkehr dieser Zeit zu beobachten, sondern da wird auch gleich die Denke, die Moral dieser Zeit auf all den Trödelmärkten mitgekauft und bei Ebay mitersteigert. Es wird wieder ganz schön gemütlich in Deutschland, während um uns herum die Welt in Scherben geht. Aber nicht das soll das Thema sein, sondern diese wunderbar, vielleicht sogar das größte Geschenk des jüdischen Volkes, unseres Glaubens an die Welt und die Menschen, das Vierte Gebot:

„Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.“

 

Liebe Gemeinde, befreit von allem Mief, allem Staub der über einem Deutschen Sonntag a la Degenhardt liegt, kann ich als Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts nur sagen: Erst mit diesem Gebot wird der Mensch zum Menschen. Erst mit diesem Gebot werden wir aus dem elenden Kreislauf von Nützlichkeit, von Bewertung befreit. Denn wie ein Mehltau, wie ein schleichendes Gift hat sich die Ökonomisierung, die Frage nach der Nützlichkeit in alle Bereiche unseres Lebens eingeschlichen. Bin ich nützlich? Was nützt es mir? Das sind die Leitfragen unseres Lebens. Und das gilt auch schon lange für die Arbeit und das Leben in unseren Kirchen, auch da sollten wir uns keinen Illusionen hingeben. Egal ob das unser tägliches Berufsleben ist, die Gestaltung unserer Freizeit, unseres Urlaubes, ja selbst unsere Liebesbeziehungen und Freundschaften führen wir unter dem Diktat der Nützlichkeit, unserem Funktionieren unterworfen. Wir haben uns ganz unserer Nützlichkeit hinzugeben, zu arbeiten, zu konsumieren, das möglichst lange und dann, wenn es nicht mehr geht, sozialverträglich, sprich schnell und billig, aus dieser Welt abzutreten. Da diese Zustandsbeschreibung unseres Lebens aber viel zu plump wäre wird das Ganze noch überhöht und quasi religiös gefüllt. Nein, wir machen alle keinen Job, wir gehen ja noch nicht mal zur Arbeit, sondern wir haben einen Beruf. Wir sorgen damit nicht nur dafür, dass die Butter im Kühlschrank ist und wir im Winter nicht frieren müssen, was ja, wenn ich es mal ungeschönt betrachte, der primäre Sinn unserer Arbeit ist. Und bei einem Beruf, da haben wir nicht nur fünf oder sechs Tage acht bis zehn Stunden unserer wertvollen Zeit zur Verfügung zu stellen, da müssen wir uns mit Haut und Haaren, unserem ganzen Leben verkaufen. Da gilt 24-7-52, 24 Stunden, sieben Tage, 52 Wochen. Und wenn wir den letzten miesen Posten haben, sollen wir dafür brennen, mit all unserer Liebe und vor allem mit all unserer Kraft. Urlaub, Freizeit, die wunderschönen Dinge des Lebens, sie gelten der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Und nebenbei noch die Kinder großziehen, dass auch die zu einem nützlichen Hamster für das Rad werden. Und damit über allem dann doch noch das Deckmäntelchen der Gemütlichkeit, des Sozialen sich legt, machen wir nebenbei noch drei, vier Ehrenämter, weil ja auch das nützlich ist für die Gesellschaft und mir selber auch etwas nützt, besonders um mich gut zu fühlen.

Der Mensch beraubt jeglicher Würde, unterworfen dem Diktat des Nutzen – ich muss es heute vielleicht mal so drastisch darstellen, gerade weil es doch auch gerade das ist, woran so viele leiden. Die, die Nutzen bringen,  leiden daran, dass sie nur noch unter der Überschrift ihres Nutzens gesehen werden. Die, die keinen Nutzen mehr bringen, leiden darunter das sie  aussortiert sind und aus einem Pflichtgefühl, und unter Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch mal was nützen, ein wenig betreut werden. Das ist der Wahnsinn einer Welt ohne das Vierte Gebot!

Liebe Gemeinde, das Vierte Gebot durchbricht diesen Wahnsinn, einen Tag in der Woche. Ein Tag befreit vom Diktat der Nützlichkeit, denn dieser Tag ist völlig nutzlos, er verfolgt keinen Zweck, er ist der Tag der Freiheit des Menschen einfach zu leben vor und mit seinem Schöpfer. Einfach zu leben, so wie es seiner Würde, seiner Bestimmung entspricht. Unsere Würde, unsere Bestimmung liegt nicht darin nützlich zu sein, sondern zu leben. Und gerade daher ist es ein Tag der höchsten Freude und nicht miefiger pervertierter bürgerlicher Moral, von der uns Franz-Josef Degenhardt singt. Ein Tag der Freiheit, der Freude, der Lust, ein so schöner Tag. Nur wenn wir das erfahren, begreifen und verinnerlichen, dann können wir auch diesen Tag davor retten, dass auch er nicht noch dem Diktat der Nützlichkeit unterliegt.

Und da hilft uns ein Blick auf das Volk, was uns im Glauben und der Tradition vorangegangen ist und vorangeht: In der jüdischen Tradition tritt der Gedanke der Freude über dieses Geschenk, der Lust an diesem Tag viel stärker hervor, als in unserem protestantischen pflichtschuldigen Kirchgang. Nicht umsonst heißt der Tag des Vierten Gebotes, des Gebotes des Feiertages, im Judentum „die Braut Schabbat“. Wie an einem geliebten Bräutigam, an einer geliebten Braut kann man sich an diesen Tag erfreuen, ihn begrüßen, ihn mit allen Sinnen genießen. Zwei kurze Beispiel, wo das zu erleben ist: Am Ende des Schabbats reicht man in der jüdischen Familie einen Büchse herum, gefüllt mir wohlriechenden Kräutern. Sie sollen an den Wohlgeruch des Feiertages erinnern und damit Kraft geben für die nächsten sechs Tage die vor einem liegt. Und dann ist da noch der Hinweis, dass der Sabbat ein guter Tag ist, um Sex zu haben. Sex wird sogar ganz explizit zu den Freuden des wöchentlichen Feiertages gezählt. Ein Tag der Freude, ein Tag der Lust. Der Lust am Leben, am Leben vor und mit Gott. Das ist doch die Überschrift unter der wir diesen Tag, unseren Sonntag sehen können, wenn wir ein Leben in Freiheit führen wollen: Unser Sonntag, der steht ja nicht nur unter der Überschrift des Vierten Gebotes, sondern auch in der wöchentlichen Erinnerungen an die Auferstehung Jesu Christ, den Sieg des Lebens über den Tod. Heute ist kein „Deutscher Sonntag“, kein Tag der Langeweile, der zwanghaften Unterbrechung, heute ist ihr Sonntag. Und genau, das wünsche ich Ihnen jetzt: ein Tag in Freiheit, ein Tag der Freude, ein Tag der Lust am Leben. Welch eine Liebe Gottes zu den Menschen, das er uns diese schenkt und jetzt viel Spaß damit.

Verfasst von: achterosten | 4. August 2014

Der Name – Das Dritte Gebot (Predigt zu Exodus 20, 7)

Predigt zu Ex 20, 7 (03.VIII.2014, VII. Sonntag nach Trinitatis)

 

Liebe Gemeinde, es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm „ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Der König sprach zum Müller „das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie Morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen.“ Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach „jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.“ Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rath: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfieng. Da gieng auf einmal die Thüre auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach „guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“ „Ach,“ antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen, und verstehe das nicht.“ Sprach das Männchen „was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ „Mein Halsband“ sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so giengs fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Bei Sonnenaufgang kam schon der König und als er das Gold erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch goldgieriger. Noch zwei weitere Nächte musste die Müllerstochter Stroh zu Gold spinnen und jedes Mal half ihr das Männlein, in der dritten Nacht aber hatte die Müllerstochter nichts mehr, was sie im geben konnte:

„So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ Sie versprach also dem Männchen was es verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam und alles fand wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach „nun gib mir was du versprochen hast.“ Die Königin erschrack und bot dem Männchen alle Reichthümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach „nein, etwas lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.“ Da fieng die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleiden mit ihr hatte: „drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach er, „wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fieng sie an mit Caspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein „so heiß ich nicht.“ Den zweiten Tag sagte sie dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor, „heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein?“ aber es antwortete immer „so heiß ich nicht.“ Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte „neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie

 

 

„heute back ich, morgen brau ich,

übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;

ach, wie gut ist daß niemand weiß

daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

 

Da könnt ihr denken wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein herein trat und fragte „nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ fragte sie erst „heißest du Kunz?“ „Nein.“ „Heißest du Heinz?“ „Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wuth den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei.

 

Liebe Gemeinde, sie werden es erkannt haben, das Märchen vom Rumpelstilzchen, vom kleinen Männchen, das versucht seinen Namen nicht preiszugeben, ihn geheim zu halten, namenlos, anonym zu bleiben. Warum aber ist dem Rumpelstilzchen das so wichtig? Er hätte der Königin doch auch eine andere schwierige, vielleicht sogar noch schwerer zu lösende Aufgabe stellen können: „Welche Socke ziehe ich immer als erstes an, die recht oder die linke? Was ist meine Lieblingsfarbe?“ Warum also der Name?

Unser Name macht uns erkennbar, ja unverwechselbar. Wenn er irgendwo erklingt, geschrieben steht, dann fühlen wir uns angesprochen. Unser Name gehört zu uns. Das Wissen um den Namen, das Kennen des Namen gibt uns Macht. Wenn ich weiß, wie jemand heißt, dann ist er für mich erkennbar. Und wann wenn nicht in unseren Zeiten wird uns das deutlich vor Augen geführt, wie viel der Name mir an Informationen und Wissen über einen Menschen liefern kann. Sagen sie mir ihren Namen und dank Google bekomme ich ihre Adresse, ihren Arbeitsplatz heraus. Vielleicht weiß ich dann sogar wie sie in Badehose am Strand von Mallorca aussehen oder bei Omas Goldener Hochzeit zu fortgeschrittener Stunde auf dem Tisch tanzten. Und bei der nötigen kriminellen Energie kann ich da noch ganz andere Sachen machen mit ihrem Namen. Dem Internet sei dank. Und wer klug ist, die oder der nimmt sich mittlerweile Rumpelstilzchen zum Vorbild und bleibt möglichst namenlos beim täglichen Surfen. Denn wer meinen Namen kennt, der hat Macht über mich. Jemanden meinen Namen zu nennen, das setzt immer mehr Vertrauen voraus. Vertrauen darauf, dass der andere es mit mir gut meint. Mein Vertrauen nicht missbraucht, indem er meinen Namen missbraucht.

Die höchste Stufe des gegenseitigen Vertrauens ist es dann, wenn ich jemanden erlaube, ihn bitte, in meinem Namen zu handeln. Welch ein hohes Maß an Vertrauen ist nötig, um so etwas einem anderen Menschen zuzugestehen: „Handel du in meinem Namen, ich vertraue dir, dass du das tun wirst, was gut für mich sein wird. Ich vertraue darauf, dass du das tun wirst, was mich, meine Person, meine Wünsche achtet.“ Und welch eine Verantwortung für die, der das gesagt wird, welch einen verletztlichen Schatz bekommt sie da überreicht. Das ist, dass sei dann doch am Rande erwähnt, in meinen Augen, eine der wenigen wirklich guten Begründungen für die Ehe, egal ob hetero- oder homosexuell: Die Ehe als Institution, in der dieser Vorgang des tiefen Vertrauen von Recht und Gesellschaft akzeptiert und vor Übergriffen jeglicher Art geschützt wird. Das aber nur am Rande.

Liebe Gemeinde, in meiner Predigtreihe zu den zehn Geboten will ich  aus diesem Blickwinkel, aus dieser Perspektive des Vertrauen das Dritte Gebot, das heute an der Reihe ist, lesen und verstehen: „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.“

Dieses Gebot erscheint mir wie eine Erinnerung an die vielen Geschichten der Bibel, in der das erzählt wird, was ich zu dem Verhältnis von Namen, Macht und Vertrauen gesagt habe: Gott nennt den Menschen nicht nur seinen Namen und gibt ihn damit preis, sondern er sagt zu den Menschen: „Handelt in meinem Namen, an meiner Stelle. Ich schenke euch das Vertrauen, das ihr das tun werdet, was gut für diese Welt ist.“ Und das ist doch ein ungeheurer Vorgang, der ist so ungeheuerlich, das andere Autoren der Bibel, auch versuchen, ihm ein wenig seine Radikalität zu nehmen. Denn was ist damit denn gesagt? Gott gibt seine Macht ab, gibt sein Werk in die Hände der Menschen. Er vertraut dem Menschen, vielleicht muss man sogar sagen, wider besseren Wissens. Er vertraut den Menschen seinen Namen an, ruft uns auf, in seinem Namen zu handeln.   Das dritte Gebot ist eine Erinnerung an dieses Vertrauen Gottes zu uns Menschen. So wie wir den Menschen um uns her begegnen, so begegnen sie Gott, um das mal so ganz zugespitzt zu sagen! Welch ein großes, aber auch welch ein gefährliches Zeichen des Vertrauens, das in unsere Hände gelegt wird. Denn was machen wir daraus? Wir können „Gott mit uns“ auf unsere Koppelschlösser schreiben, wie vor hundert Jahren, Elend, Tod und Leid über diese Welt bringen und die Menschen an Gott so verzweifeln lassen. Oder wir können den anderen, den täglichen Kampf führen: Den, uns den Menschen zuzuwenden, ihnen mit offenen Händen zu begegnen und so die Hoffnung wachsen zu lassen, das es Gott gut mit uns meint, das es ein gutes Ziel für die Welt gib. Die beiden Wegen liegen idealtypisch gedacht vor uns, denn Gott hat uns seinen Namen anvertraut, zum Guten wie zum Schlechten. Wir können damit Elend und Tod über die Welt bringen, denn kaum ein Krieg ist grausamer, als der, der sich Gott auf die Fahnen schreibt. Wir können aber auch Leben und Frieden säen, denn kaum eine Hilfe ist zärtlicher, freier, als die, die in sich den Glauben trägt und im Namen Gottes geschieht.

 

Verfasst von: achterosten | 22. Juni 2014

Götzenstatuen und anderes – Predigt zu Exodus 20, 4-6

Predigt zu Ex 20, 4-6 (I. Sonntag nach Trinitatis, 22.VI.2014)

 

Liebe Gemeinde, das Zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“

 

Liebe Gemeinde, was sollen wir heute mit diesem Gebot anfangen? Als es damals niedergeschrieben wurde hatte es eine ganz bestimmte Situation vor Augen: Die Menschen aus dem Volk Israel sollten sich keine Götterstatuen bauen. Weder von irgendwelchen Göttern, die von anderen Völkern verehrt wurden, noch von dem einem Gott, der sie aus der Knechtschaft geführt hat. Denn genau das ist mit den Wörtern „Gleichnis“ und „Bildnis“ gemeint. Keine allgemeines Bilderverbot, sondern wirklich ganz konkret das Verbot von Götterstatuen oder anderen Gegenständen, die als Sitz eines Gottes angebetet wurden. Daraus ein Verbot jeglicher bildlicher Darstellung abzuleiten, geht an diesem konkreten Bezug vorbei. Auch der immer wieder durchgeführte Versuch, meist mit erhobenen Zeigefinger, man solle sich kein allzu genaues Bild von der Welt machen, ist vielleicht eine guter allgemeiner Lebensratschlag. Auf das Zweite Gebot aber kann er sich dabei nicht berufen.

Es bleibt also dabei, die Forderung des Zweiten Gebotes ist der Verzicht auf jede Form von Götterstatue oder ähnlichem.  Jetzt ist es aber so, das behaupte ich mal ganz ungeschützt, dass sich die wenigsten von uns und von unseren Nachbarn heute in ihrem Hobbykeller an die Töpferscheibe setzen und sich dort eine Statue oder ähnliches basteln, im Wohnzimmer aufstellen und diese nun zum Haus- und Familiengott erklären. Die dann auch noch sozusagen nicht nur als Symbol dort steht, sondern wirklich in dieser Figur anwesend ist, in welcher Form auch immer. Dafür haben dann doch 2000 Jahre Christentum, die Aufklärung und all die ganzen anderen geistesgeschichtlichen Entwicklungen gesorgt, dass so etwas eher nicht zu erwarten ist.

Und nun? Dann können wir doch ein Haken an das Gebot machen und es aus unserer Liste streichen. Aufgabe erfüllt und da waren es dann nur noch neun Gebote. Das kommt auch jeder Konfirmandin, jedem Konfirmanden entgegen, ist doch gleich ein wenig weniger zu lernen. Grundsätzlich kann ich diesem Gedanken zustimmen. Es gibt nun mal Texte der Bibel, die so in ihrem historischen Kontext verankert sind, so auf eine ganz spezielle Situation bezogen sind, dass wir nur zwei Möglichkeiten haben, mit ihnen heute umzugehen: Wir tun ihnen Gewalt an und verbiegen sie so, das wir ihnen ein Thema, eine Botschaft zuordnen, die etwas mit uns heute zu tun hat, aber leider so gar nichts mit dem Text. Strikt nach dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Beim Zweiten Gebot gerne der Versuch, dass wir uns kein festes Bild von Gott machen sollen, ihn nicht festlegen sollen oder noch besser, gar kein Bild von ihm / ihr machen. Das ist ja schon angesichts von 2000 Jahren europäischer Kunstgeschichte und der psychologischen Verfasstheit des Menschen ziemlicher Schmarrn. Mal ganz zu schweigen von der eigentlichen Zielrichtung des Textes des Zweiten Gebotes. Der malt uns ja gleich in seinem zweiten Teil in den glühendsten Farben ein Bild Gottes: Das eines völlig entbrannten, sich verzehrenden Liebhabers.

Die zweite Möglichkeit: Wir nehmen den Text so wie er ist, lassen ihn so stehen, gerade auch so fremd wie er uns ist. Und gerade in dieser Fremdheit, wo wir uns fragen: „Was soll das Ganze jetzt? Das ist eine Antwort auf eine Frage, die ich gar nicht habe.“ Wir können aber  doch den Text als Anstoß zum Nachdenken, sozusagen als Startplattform nehmen, auch gerne für ein bisschen Gedankenspiele. Das wär doch schon mal was.

Genau das will ich mit dem Zweiten Gebot tun: Die Frage stellen: Was steht noch hinter der Aussage des Zweiten Gebotes? Wenn ein Mensch sich damals eine solche Figur gemacht oder erworben hat und sie angebetet hat, dann kann ich doch mit Fug und Recht davon ausgehen, dass sie für ihn ja „heilig“ war. Und das sagt mir dann schon mehr. „Heilig“ ist zwar  nicht gerade ein Begriff unserer alltäglichen Sprache, aber wir verbinden damit etwas. Spätestens wenn das Entsetzen über unsere Zeit, in der es ja angebliche es keine verlässlichen Werte mehr gibt, wenn das dann gipfelt in dem Ausruf „Denen ist ja auch gar nichts heilig.“ „Heilig“ soll etwas über den Wert von etwas aussagen, etwas mit einer besonderen Aura ausstatten. Der Aura des Unangreifbaren, versehen mit einer überweltlichen, dauerhaften Autorität. Getrennt von dem Profanen, dem Alltäglichen.

Wer sich dem Heiligen nähert, tut das nur in der berühmten Mischung von Angst und Faszination, dem inneren Erschauern. Es soll ja Menschen geben, denen geht es zur Zeit beim Absingen der Nationalhymnen während der Weltmeisterschaft so.

Das „Heilige“, es ist aufgrund seiner besonderen Autorität auch letztlich nicht angreifbar, nicht verhandelbar. Und, man muss sich den Zugang zum „Heiligen“ verdienen. Durch bestimmte Übungen, Haltungen. Da wo es „heilig“ ist, da darf nicht einfach jeder hin, denn das würde ja das „Heilige“ entwerten. Wenn sie den heiligen Rasen betreten wollen, müssen sie schon Ronaldo, Müller oder Van Gaal heißen.

Für Christinnen und Christen war das „Heilige“ immer besonders mit Gott verbunden, ein Ort und Gegenstand, aber auch eine Meinung, eine Haltung. Was kann das besser darstellen, als die sogenannten Chorschranken in manchen alten Kirchen, kleine Steinmauern und Holzzäune, die den Altarraum vom restlichen Kirchenraum, das Heilige mit den Priestern vom gemeinen Gottesdienstpublikum trennt. Jenseits, im Heiligen, das Fachpersonal, das weiß, wie man sich dort zu verhalten hat, das einen besonderen Stand hat. Das weiß, wie der Hase zu laufen hat. Diesseits das Profane, die Unwissenden oder Halbwissenden, die dem heiligen Schauspiel dort oben zuschauen dürfen.

Und dieses ganze Konstrukt des Heiligen, es hat nicht nur den Gottesdienst im Blick, sondern das ganze Leben der Menschen. Da wird dann von „heiligen Ordnungen“ gesprochen, denen man zu folgen hat, will man ein gottgefälliges Leben führen. Und weil es heilige Ordnungen sind, sind sie auch nicht verhandelbar.

Liebe Gemeinde, passt das noch mit dem zweiten Gebot zusammen? Werden hier dann doch nicht auf einmal menschlichen Handlungen, Ordnungen, moralische Vorstellungen zu „Heiligen“ erklärt? Sie können jetzt, und das mit Recht, einwenden: „Wer spricht denn heute noch von heiligen Ordnungen.“ Das stimmt, aber ersetzten sie Gott als Begründung einer Ordnungen. Nehmen sie von mir aus die Natur, die Nation, das Volk oder auch nur das das diffuse Gefühl, dass es so richtig ist, wie es ist. Oder der berühmt-berüchtigte Sachzwang, das Wirtschaftliche. Das Ergebnis ist das Selbe. So wie Dinge dann sind, werden sie als nicht verhandelbar bezeichnet und auch hier werden Chorschranken errichtet. In Köpfen und in der Realität. Und so wie im Religiösen haben wir auch hier das gleiche Endergebnis: Unfreiheit. Unfreiheit des Denken und Tuns.

Das alles, was ich ihnen hier erzähle, ist jetzt eigentlich nichts wirklich Neues, sondern ein alter Hut: Es ist eine der Grundideen unserer evangelischen Art und Weise den christlichen Glauben zu leben und zu verstehen. Denn unsere Mütter und Väter im Glauben haben die Chorschranken niedergerissen, haben alles „entheiligt“, haben Ordnungen, Meinungen, Moral befreit von der angeblichen Heiligkeit. Denn heilig ist nur Gott allein. Keine menschliche Vorstellung, keine menschlichen Handlungen, Fühlen und Denken! Nur er ist heilig, so haben unsere Mütter und Väter im Glauben erkannt. Und so ist der Same des Zweiten Gebotes aufgegangen zu jener schönen, zarten Pflanze Freiheit. Denn wenn nur Gott heilig ist und alles Menschliche gerade nicht, dann heißt das doch auch, dass es gerade nicht unumstößlich ist, sondern das wir immer wieder die Freiheit haben und dazu aufgerufen sind, gemeinsam zu schauen, was die Ordnungen sind die heute für unser Leben gelten sollen. Wie wir heute gemeinsam leben wollen. Und das in aller Freiheit. Keine Frage ist da zu doof, kein Gedanke zu gewagt. Wer sagt denn dann noch, dass alles so bleiben muss, wie es ist.

Es ändert sich was und wir können uns in aller Freiheit daran beteiligen, das Neue zu gestalten. Können alles Prüfen, das Altvertraute, neue Ideen, alte Ideen, die auf einmal völlig neu klingen. Heilig, unumstößlich, unausweichlich ist nichts davon.

Liebe Gemeinde, ein weiter Weg von einem Gebot, das uns verbietet uns Götzenbilder bzw. Gottesbilder zu basteln hin zu der schönsten, verletzlichsten  aller Pflanzen in Gottes Garten, der Freiheit der Menschen. Ein Weg, nicht leicht zu verfolgen, mit scharfen Abbiegungen, nicht gerade, eher verschlungen, das gebe ich unumwunden zu. Aber lohnend wenn wir am Ende dann vor dieser schönsten aller Pflanzen, die uns Gott geschenkt hat, stehen. Uns durchs Gedankendickicht geschlagen haben. Da steht sie vor uns, gewachsen aus dem Samen des Zweiten Gebotes, oft vergessen, absichtlich hinter einer Hecke versteckt. Genießen wir ihre Pracht und Schönheit, erzählen wir den Menschen davon, dass sie uns allen blüht, ihren Duft verströmt. Das sie sich aufmachen auf den verschlungenen Pfad, der zu ihr führt.

Und wenn ich so vor ihre stehe, dann ist das dieses kleine Gefühl der Dankbarkeit in mir. Dank gerichtet an den, der allein „heilig“ und unumstößlich ist.

Predigt zu Ex 20, 1-3 (Misericordias Domini, 04.V.2014)

 

Liebe Gemeinde, ab heute habe ich etwas mit ihnen vor, heute ist der Start, heute soll es losgehen: Zusammen mit heute werde ich mit ihnen einen kleinen Gang von zehn Stationen machen. Heute und die nächsten neun Sonntage wenn ich die Ehre und das Vergnügen haben, hier bei ihnen sein zu dürfen. Die Zehn Gebote will ich mit ihnen erkunden, genauer anschauen. Dabei den Staub des Vergessens wegblasen und die Verkrustung durch moralische Mißverständnisse wegschlagen. Warum das Ganze? Sollten wir die Zehn Gebote nicht besser lassen wo sie sind, in der Trophäenvitrine des christlichen Abendlandes? So schön neben Kreuz, Bibel und Lutherbild? Ab und zu führen wir noch unsere Kinder und Jugendlichen kurz vor der Konfirmation dran vorbei, damit sie ja „irgendwas haben fürs Leben“. Oder wir verweisen auf diese Trophäen wenn das christliche Abendland mal wieder gefährdet ist und kurz vor dem Untergang steht. Durch wen oder was auch immer: schlechtes Fernsehen, islamische Horden mit Zwangskopftuch, Menschen, die unter Sex mehr verstehen als Kinderkriegen, die Deutsche Bank, Herr Putin. Damit hat es sich dann aber auch. Und ich kann uns auch nur raten, sie dort zu lassen in ihrer Vitrine. Dort wo sie sind liegen sie doch gut, da sind wir vor ihnen sicher. Was könnte nicht alles passieren, wenn wir sie herausnehmen würden, abstauben und uns genauer angucken. Vielleicht würden auf einmal unsere Bilder von Gott und der Welt ins Wanken geraten. Und dabei war es doch schon schwer genug, zu wissen, wie das alles zu laufen hat in der Welt. Gerade in diesen unübersichtlichen und schnelllebigen Zeiten. Endlich halbwegs zu wissen, was gut und richtig ist. Wie der liebe Gott ist oder gerade nicht. Und was wir zu halten haben, von den Dingen dort im Vitrinenschrank. Aber es juckt mir ja schon in den Fingern. Ach, was solls, ich hol sie raus, die Zehn Gebote. Wenn es heikel wird, stell ich sie einfach zurück. Merkt eh keiner. So dann wollen wir uns das Ganze mal anschauen, eine Steintafel mit zwei Hälften, oben mit einem schönen Rundbogen verziert. Darauf die kurzen Sätze, die ich mit Mühe und Not mir noch aus dem Konfiunterricht in meinem Gedächtnis zusammensuchen kann. Wie war noch mal gleich die Reihenfolge: Das mit dem Ehebruch vor dem Begehren von Rind und Weib? Feiertag nach dem Töten? Na, egal, kann man ja notfalls nachlesen. Für Geschichten habe ich ein besseres Gedächtnis: Also, da gibt es die Geschichte von Moses und dem Auszug der Juden aus Ägypten. Weg von dort, wo sie in Knechtschaft und Unfreiheit gelebt haben. Und auf dem Weg in das Land, was ihnen Gott verheißen hat, kommen sie am Berg Sinai vorbei. Dort erhält Mose all die ganzen Gesetze und darunter auch das was wir landläufig als Zehn Gebote bezeichnen. So ungefähr, ganz kurz zusammengefasst, wird es in der Bibel erzählt. Und wie das so ist mit biblischen Erzählungen und Texten, so sind auch die Zehn Gebote über einen gewissen Zeitraum entstanden, wurden ergänzt und verändert, bis sie irgendwann die Form bekommen haben, wie wir sie heute kennen. So gibt es sie ja auch gleich zwei Mal in der Bibel, mit kleinen Unterschieden im Zweiten und im Fünften Buch Mose.

 

Soweit dazu, aber fangen wir an:  

„Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

Ich habe es geahnt, ich hätte das Ganze mal schön in der Vitrine lassen sollen, denn jetzt geht der Ärger los. Denn es geht gar nicht damit los, was ich alles zu sollen habe. So wie wir das uns landläufig vorstellen. Sondern an erster Stelle, als Überschrift über allen was ich soll, steht der entscheidende Satz. Der Satz der klar anzeigt, wie alles, was folgt zu verstehen ist, was der rote Faden des Ganzen ist, was noch folgt. Der das Vorzeichen, die Überschrift über den Zehn Geboten steht. Denn die entscheidende Frage, die allen Geboten vorangestellt ist, ist doch die: Warum befolge ich sie? Weil ich Angst vor Strafe habe, wenn ich es nicht tue? Weil sie mir einsichtig erscheinen, der Vernunft entsprechen und eine gute Richtschnur für das Leben der Menschen untereinander sind? Weil es von mir als Beweis meiner Liebe oder meiner Unterwürfigkeit verlangt wird? Oder noch präziser gefragt, mit welcher Autorität begegnen mir die Gebote: Macht, Gewalt, Strafe, Schutz, guten Argumenten, Versprechen? Oder einer Mischung aus allem?

Mit was davon hätten wir die Zehn Gebote eher in Verbindung gebracht? In unserem christlichen Vitrinenschrank liefen sie ja wohl eher unter der Rubrik Macht, Gewalt und Strafe. Das hat ihnen Autorität verliehen. Und als wir dann aufgehört haben, vor Gott Angst zu haben, da haben sie dann auch die Autorität mehr oder weniger verloren. Vielleicht laufen sie ja ganz gut unter der Rubrik Vernunft und gute Argumente, jedenfalls bei den meisten. Ist doch ganz sinnvoll, wenn man sich nicht gleich gegenseitig umbringt, einen freien Tag in der Woche hat und alle versuchen, so halbwegs die Wahrheit zu sagen. Das ist ja kein schlechtes Argument für die Zehn Gebote, aber die Zehn Gebote selber argumentieren ganz anders. Denn hier wird auf etwas völlig anderes verwiesen, was zunächst doch eher widersinnig erscheint, wenn das Wörtchen „sollen“ an jeder Ecke und Kante gebraucht wird: Freiheit. Die Überschrift über den Zehn Geboten ist Freiheit. Nicht Angst, nicht Macht, Gewalt, ja, noch nicht einmal Vernunft, sondern Freiheit ist das was den Zehn Geboten ihre Autorität und ihre Bestimmung gibt. „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“, aus der Knechtschaft, aus der Unfreiheit in die Freiheit, genauso geht alles los. Die Zehn Gebote sind uns nicht als Knecht von wem auch immer gegeben worden, sondern als freie Frauen und Männer. In Freiheit können wir die Gebote befolgen. Und wir sind schon als Freie angesprochen. Wir müssen uns nicht ihnen unterwerfen, um frei zu werden. So als Belohnung, wenn wir uns brav und anständig verhalten. Wir sind schon frei, aus der Knechtschaft geführt. Und nur als solch Freie können wir auch die Verantwortung übernehmen, die von uns in den Geboten gefordert ist. Denn Verantwortung setzt Freiheit, innere und/oder äußere, voraus. Wer unfrei ist, gehorcht Befehlen, unterwirft sich Anordnungen, aber er übernimmt keine Verantwortung. Gott hat befreit, aus der Knechtschaft geführt, damit wir die Verantwortung übernehmen können, für unser Leben mit ihm und den Menschen um uns her. Und so passt es um so mehr in der Zeit nach Ostern sich die Zehn Gebote zum Gemüte zu führen. Denn die Knechtschaft die unser Leben bestimmt, die uns umfangen hält, die Knechtschaft des Todes ist schon besiegt. Die Ketten der Knechtschaft unter den Mächten des Todes ist gesprengt. Wir sind frei! Wir sind frei, weil Gott uns befreit hat. So wie er sein Volk zum Tun seiner Gebote befreit hat, hat er alle Menschen in dem was Karfreitag und Ostern geschieht endgültig befreit. Und so ist es doch nur logisch, dass auch der erste Du-sollst-Satz genau darauf eingeht: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Das ist nicht der Befehl eines Despoten, eines Tyrann, der es nicht ertragen kann, wenn seine Untertanen ihn nicht lieben. Sondern es ist der Aufruf, die Verantwortung, die Freiheit zu bewahren und zu beschützen. Und nicht gleich wieder an all die Götter und Götzen zu verlieren, die uns knechten, in Unfreiheit halten wollen. Denen wir uns mit Haut und Haaren, mit ganzer Seele, ganzem Herzen, ganzer Kraft in ihre unbarmherzigen Arme werfen. Von denen wir uns ganz, bis ins letzte hinein bestimmen lassen. Denen wir uns unterwerfen, ob voller Angst oder voller Freude. Die uns alles ermöglichen, eines aber nicht: Freiheit. Die uns klein halten, uns zu elenden Kompromissen treiben, zu diesem Gefühl der Zerrissenheit, das uns so zu schaffen macht. Das sind die falschen Götter, die Götzen an die wir unsere Freiheit verlieren. Daher ist gleich dieser erster „Du-sollst-Satz“ kein Aufruf zum blinden, erbarmungslosen Gehorsam, sondern erfüllt die Aufgabe aller zehn Gebote: Die uns geschenkte Freiheit in der Beziehung zu Gott und untereinander zu bewahren und zu beschützen. Was für eine eine Aufgabe: Die Verantwortung für diese Freiheit hat Gott uns in mit seinen Geboten in die Hand gegeben.

 

Liebe Gemeinde, genau darum hätten wir die Zehn Gebote lieber in ihrer Vitrine lassen sollen, bei all den ganzen andern Sachen. Denn jetzt schlägt uns ihre radikale Anfrage mitten in unsere Vorstellungen von Gut und Richtig und von Schlecht und Falsch. Denn all das wird radikal in Frage gestellt. Es geht nicht mehr um eine wie auch immer geartete Moral mit christlichem Anstrich. Diese Moral ist viel zu häufig zu anderen Göttern, zum Götzen geworden. Es geht nicht darum, irgendwie eine Zuckerguss zu haben, der allem den Anstrich der Wohlanständigkeit gibt. Die Zehn Gebote stellen die eine, entscheidende Frage an uns: Dient das, was wir für gut und richtig halten, was unser Tun und Lassen bestimmt der uns von Gott geschenkten Freiheit? Ermöglicht es allen Menschen in dieser Freiheit mit Gott und den Mitmenschen zu leben? Oder versucht es wieder, diese Freiheit zu beschränken, Menschen davon auszuschließen?

Lieber Gemeinde, wie war es doch bequem, als sie noch dort in ihrer Vitrine lagen, jetzt haben wir sie in den Händen und haben den Salat. Jetzt können wir sie aber auch nicht zurück legen, denn ihre Verheißung der Freiheit ist zu groß.

 

Verfasst von: achterosten | 9. Februar 2014

Post Tenebras lux – Predigt zu 2. Korintherbrief 4, 6-10

Predigt zu II. Kor 4, 6-10 (Letzter Sonntag nach Epiphanias, 09.II.2014)

 

Liebe Gemeinde,

„Post tenebras lux“ – „Nach der Dunkelheit Licht“, dieser Spruch steht auch dieses Jahr auf dem Deckblatt meines Kalenders. Jedes Jahr schreibe ich ihn dort hin, diesen Spruch, der das Wappen der Stadt Genf ziert und seinen Ursprung bei den reformierten evangelischen Christen hat. Ausdruck der Hoffnung, dass nach dunklen Zeiten es wieder hell wird. Dabei geht es mal nicht um die persönlich dunklen Zeiten, all das was in uns Dunkelheit verbreitet. Es geht mehr um eine äußere Dunkelheit, aber der Predigttext bringt uns da auf die Spur, was mit „tenebras“ – Dunkelheit, und mit „lux“ – Licht gemeint sein kann. Da steht im Zweiten Korintherbrief: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“

 

Liebe Gemeinde,

der entscheidende Satz ist gleich der erste: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ „Erleuchtung zur Erkenntnis“ – genau dies verbirgt sich hinter „Post tenebras lux“. Der Wunsch, die Hoffnung, dass sich nach einer Zeit des im Dunkelns Herumtappens, das Licht der Erkenntnis die Dunkelheit erleuchtet. Und damit ist das Stichwort des heutigen Morgens gefallen: Erkenntnis. Jener Vorgang unseres Lebens, über den sich Theologen, Philosophen und Mediziner seit tausenden von Jahren den Kopf zerbrechen. Und bei diesen lassen wir gerne auch diese Fragen nach der Erkenntnis. Scheinen sie doch weit weg zu sein von uns, unserem alltäglichen Leben, unseren alltäglichen Freuden und alltäglichen Kämpfen. Erkenntnis – sie ist aber unser Grundnahrungsmittel, wir benötigen sie wie unser täglich Brot, ja sie ist Überlebenswichtig. Warum? Ein ganz einfaches Bild zum Einstieg: Sie betreten einen völlig dunklen, ihnen unbekannten Raum, hinter ihnen schließt sich die Tür. Sie wissen nicht was sich in diesem Raum befindet. Sie sind völlig orientierungslos. Marschieren sie einfach los? Nein, sie werden zuerst nach dem Lichtschalter suchen, damit das Licht ihnen hilft, sich zurechtzufinden, den Raum zu erkennen. Ist kein Lichtschalter da, werden sie ihre anderen Sinne benutzen, um sich ein Bild von dem Raum zu machen.

Erkenntnis bedeutet ja viel mehr, als das bloße wahrnehmen, und da wird es spannend: Erkenntnis, das heißt den wahren Kern, das was unter der Oberfläche liegt, sich dort vielleicht auch versteckt, zu sehen. Zu sehen, nein vielmehr, zu „erkennen“ wie die Sachen wirklich sind! Erkenntnis ist mehr als bloßes Wissen, mehr als bloßes wahrnehmen. Vor allem aber etwas völlig anderes als sich die Welt so zu erklären, wie man sie gerne hätte. Erkenntnis ist kein leichtes Geschäft. Nicht umsonst ist allein die Zahl der ganzen menschlichen Versuche einen Weg zur Erkenntnis zu finden unermesslich hoch. Bestimmte Strömungen in der Bibel und der Tradition unseres Glaubens stehen diesen Versuchen sehr skeptisch gegenüber. Das ist mir sehr nahe, denn es steht doch ein großes Fragezeichen an der Frage, ob wir Menschen überhaupt in der Lage zur wirklicher Erkenntnis sind. Ob es uns wirklich gelingen kann, aus eigener Kraft bis zum Kern der Dinge, der Welt vorzudringen, bis zu letzten Wahrheit zu gelangen. Oder ob unser Erkennen nicht immer nur Stückwerk bleibt, weil es unsere Fähigkeiten übersteigt? Und in welches Elend führt es Menschen, wenn sie denen folgen, die davon reden, dass sie alles erkannt haben! Sie meinen das wahr Licht angezündet zu haben und es aber der vernichtende Flächenbrand ist, der nichts zurücklässt als Ruinen, Asche und Staub.

Paulus spricht davon, dass wir darauf angewiesen sind, uns das Licht schenken zu lassen, es nicht selber zu entzünden. Das wir darauf angewiesen sind, es und von Gott schenken zu lassen. Und dann können wir es weiter schenken, können selber zur „Erleuchtung“ werden, anderen zur Erkenntnis verhelfen. Damit sind wir als Christinnen und Christen, und dies muss uns immer vor Augen stehen, nicht bessere Menschen, Menschen auf einer höheren Ebene, sondern wir bleiben immer noch Menschen mit der eingeschränkten Erkenntnisfähigkeit. Immer, täglich, darauf angewiesen, dass in uns immer wieder durch Gott das Licht in unseren Herzen geschützt, genährt und neu entzündet wird.

 

Liebe Gemeinde,

das war sozusagen der theoretische Teil, nur ganz kurz angerissen, all die spannenden Fragen nach dem „menschliche Erkennen“. Was gäbe es da nicht noch alles zu besprechen, zu fragen, zu sagen. Nun aber der nächste Schritt: Erkenntnis führt immer zu Handlungen, zu Entscheidungen, zu Positionen. Gerade das ist ja einer der Unterschiede zwischen Wissen und Erkennen. Wissen kann ich wahrnehmen und ins Bücherregal stellen, Erkenntnis wird immer bestimmen wie ich mich verhalte, was ich tue und lasse. Und zwar auf einer anderen Ebene als das was an der Oberfläche bleibt! Erkenntnis ist der Tod jeden Stammtisches und seiner Parolen, der Tod jeder einfachen Erklärung der Welt, der Tod jeder Verschwörungstheorie! Und genau zu diesem „Erkennen“ will uns unser Glaube führen. Und damit ist nicht gesagt, dass Christinnen und Christen eine bessere oder höhere Erkenntnis von der Welt haben. Aber was wir haben ist zumindest, und das lass ich mir auch nicht nehmen, die „Erkenntnis“ das die Dinge oft anders sind in ihrem Kern, als es an der Oberfläche erscheint. Schauen wir uns doch das Fundament des Glaubens an: Der Tod am Kreuz, die absolute Niederlage gegenüber menschlicher Macht, gegenüber menschlichem Unrecht wird zum größten Sieg über den Tod der Menschen. Der Kern unseres Glaubens ist ein völlig anderer als es an der Oberfläche zu sein scheint.

Das heißt doch, das wir doch durch unseren Glauben aufgerufen sind, hinter die Dinge zu schauen. Nicht mit dem ersten Blick, dem ersten Eindruck zufrieden zu sein sondern wir sind zum „Erkennen“ aufgerufen. Dem Nachfragen, dem kritischen Blick!

Und genau an dieser Stelle will ich noch konkreter werden, noch genau sagen, was das für Konsequenzen haben kann: Wir alles hier sind, wenn wir uns über Aktuelles in Dorf, Stadt und Kreis informieren wollen zum Großteil abhängig von einem gedruckten Medium oder seinem Internetauftritt. Bestimmte früher in Deutschland eine Zeitung mit vier Buchstaben die öffentliche Meinung mehr oder weniger, versucht dies hier bei uns eine mit drei Buchstaben. Die Qualität dieses Versuches zu beurteilten, das steht in der Freiheit jeder einzelnen oder jeden einzelnen.

Nun gibt es genau dort in den letzten Monaten und verstärkt in den letzten Wochen Berichte über die diakonische Arbeit der Kirche. Diakonische Arbeit der Kirche die jeden Tag in Einrichtungen wie Hephata jeden Tag getan wird.. Artikel, Berichte und Kommentare, die es mir zum Teil persönlich schwer machen, das ganze noch unter der Überschrift kritischen Journalismus zu sehen. Natürlich liegt das letzlich im Urteil jeder Leserin, jeden Lesers, aber ich möchte doch die Frage in den Raum stellen: Ist diese Berichterstattung der Erkenntnis verpflichtet? Werden hier kritische Dinge in diakonischen Einrichtungen, in der diakonischen Arbeit der Kirche von allen Seiten beleuchtet? In ihrer Komplexität gewürdigt?

Es ist doch überhaupt keine Frage, dass es Entwicklungen in der Diakonie gibt, die kritisch zu sehen sind, zum Beispiel, dass bestimmte Arbeitsbereiche ausgegliedert werden. Aber es ist doch nach den Gründen zu fragen, warum das so ist. Wer hier nur von „Gewinnmaximierung“ spricht, der bleibt an der Oberfläche, der macht es sich zu einfach.

Und noch etwas anderes: Es erschreckt mich bei Leserbriefen und Kommentaren im Internet zu diesem konkreten Thema welche von Menschen zu finden, die dezidiert als evangelische Christinnen und Christen zu erkennen sind, die in Wortwahl und Forderungen erkennen lassen, das es ihnen anscheinend nicht um Erkenntnis geht.

Liebe Gemeinde, die diakonische Arbeit der Kirche, die diakonischen Einrichtungen die jeden Tag diese Arbeit versuchen zu leisten und damit meine und ihre Arbeit als Christinnen und Christen in, für und mit dieser Welt, die brauchen ihre kritische Solidarität! Die brauchen Ihren Willen zur Erkenntnis warum manche Entwicklungen in der Diakonie so sind, wie sie sind. Die Diakonie braucht keine blinde, unkritische und bedingungslose Unterstützung, das will auch kein Mensch, aber sie braucht ihren Willen zu Erkennen unter welchen Bedingungen zum Beispiel Pflegeeinrichtungen geführt werden müssen. Ihren Willen, das Ganze sehen zu wollen. Nicht vorschnell in den Chor einzustimmen, der sich erhoben hat und wo die Töne, die Köpfe rollen sehen wollen kaum zu überhören sind. Fragen sie nach! Fragen sie kritisch nach! Gerade hier, bei dieser grundlegenden Arbeit ihrer Kirche. Gerne stehen ich und andere zur Verfügung bei einem Gemeindeabend über die Situation der diakonischen Arbeit der Kirche zu berichten, über die Bedingungen, die diese Arbeit bestimmen, Rede und Antwort zu stehen. Es ist doch ihre Arbeit, unsere Arbeit als Christinnen und Christen, die dort getan wird, unser Auftrag als Gemeinde, der dort versucht wird zu erfüllen. Und diese Arbeit benötigt ihren Willen als Christinnen und Christen zur Erkenntnis, zum Verstehenwollen, den Willen zur kritischen Auseinandersetzung. Es ist ihre Diakonie um die es dort geht. Und Erkenntnis in diesem Zusammenhang bedeutet mehr als die Zeitung mit drei Buchstaben als alleinige Grundlage von Meinungen und Äußerungen heranzuziehen! Es gibt mehr was hier zur Erkenntnis ganz konkret beitragen kann.

„Post tenebras lux!“, nach der Dunkelheit Licht – lassen sie uns gerade hier, an dieser Stelle ein Licht anzünden.

Verfasst von: achterosten | 22. Dezember 2013

Gottes Handeln? – Predigt zu Gen 50, 15-21

 

Liebe Gemeinde,

„ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“, so zieht einer seine Lebensbilanz am Ende eines sehr ereignisreichen Lebens.

Die Advents- und die vor uns liegende Weihnachtszeit ist ja irgendwie auch die Zeit von Geschichten. Es mag seinen Ursprung in der einen großen Geschichte haben, die uns am Heiligen Abend erzählt wird von dem was passiert ist, als August Kaiser war und Quirinius Statthalter. Vielleicht sind es auch die langen dunklen Abende, die zu dieser Zeit unser Interesse an Geschichten wecken.

Auch ich habe heute eine solche Geschichte zu erzählen, an dessen Ende die Hauptperson jenen Satz sagt. Es ist die Geschichte von Josef. Jenem letzten Sohn Jakobs, vom Vater besonders geliebt, von seinen Brüdern argwöhnisch betrachtet. Er ist aber auch ein komischer Kauz, ein Träumer von großen Zeiten, der sich dann auch nicht zu blöde ist, diese Träume seiner Herrschaft über die Brüder diesen auch noch zu erzählen. Nun schlug ihr Misstrauen in blanken Hass um. Die Gelegenheit ist günstig, ganz allein kommt Josef zu seinen Brüdern, die das Vieh hüten. Schon von weitem ist er zu sehen. Jetzt wollen sie ihn endlich loswerden. „Kommt lasst uns ihn töten, seine Leiche verstecken und dem Vater erzählen wilde Tiere haben ihn angefallen.“ Nur bei einem der Brüder regt sich das schlechte Gewissen. Ihn loswerden ja, dem Vater die Geschichte von den wilden Tieren erzählen, ja; Josef töten, nein. Sondern sie ergreifen ihn, schmeißen ihn in einen tiefen Brunnen und wie der Zufall es will, kommt eine Karawane daher, Händler auf dem Weg nach Ägypten. Josef wird von seinen Brüdern verkauft. Endlich sind sie ihn los.

So kommt Josef nach Ägypten und jetzt beginnt erst dieses ereignisreiche Leben: vom Sklaven zum Hausdiener, vom zu Unrecht verurteilten Sexualstraftäter bis zum höchsten politischen Amt neben dem Pharao, ja zum Retter Ägyptens in schweren Zeiten. Und nun stehen sie wieder vor ihm, seine Brüder. Gesandt vom Vater nach Ägypten, angespornt von der Nachricht, dass es dort einen mächtigen Mann gibt, der in der Hungersnot, die alle Welt heimsucht, noch genug Korn hat, weil er klug hat wirtschaften lassen. Und nun stehen sie vor ihm und erkennen in ihm nicht ihren Bruder. Er aber erkennt sie sofort. Und nun, grausame Rache, Soldaten, die herbeigerufen werden, um sie gleich alle hinzumetzeln vor seinen Augen? Nein, das nicht, aber er lässt sie zappeln, versetzt sie in grausamen Schrecken mit fiesen Tricks ohne ihnen wirklich etwas anzutun. Dann aber als sie alle wiederum vor ihm stehen, da kann er nicht mehr dieses Spiel spielen. Unter Tränen gibt er sich ihnen zu erkennen, als Mann der dankbar ist seine Brüder wiederzusehen, als Mann frei von jedem Rachegedanken. Und so wird schließlich auch der alte Vater nach Ägypten geholt und fällt dem totgeglaubten Sohn um den Hals. Und alle, Jakob, Josef und seine Brüder leben in Ägypten von der Ernte der klugen Politik des Josef. „Nun aber ist Jakob tot, wird Josef nicht doch noch Rache nehmen, die Geschichte ein blutiges Ende nehmen, wo der schützende Vater nicht mehr zwischen ihnen und Josef steht?“ Zitternd liegen seine Brüder vor ihm auf den Knien und dann fällt dieser Satz: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ Und mit diesem Satz endet die Geschichte von Josef, der Rest sind nur noch protokollarische Notizen, wie alt er war als er starb und wie viele Söhne er hatte.

 

Liebe Gemeinde, da stellt einer sein gesamtes Leben, alles was ihm wiederfahren ist, aber auch alles was er selber erreicht hat, alle Niederlagen und Erfolge unter diese eine Überschrift. Er sieht in seinem gesamten Leben Gottes Wirken. Nicht nur das, sondern er geht sogar so weit festzuhalten, das Gottes Wirken sich durchgesetzt hat, am letzten Ende sogar gegen die bösen Pläne der Brüder, die ihn aus dem Weg schaffen wollten. Ein Leben das ganz unter Gottes Hand gesehen wird.

 

Liebe Gemeinde, so enden Hollywoodfilme, aber das echte, unser Leben? Steht das auch unter dieser Überschrift? Oder nicht doch eher unter all den ganzen anderen? Denen von Krisen, Misserfolgen, Enttäuschungen, eigenem Versagen, Krankheit? Gottes Handeln, davon ist weit und breit nichts zu sehen, außer man eignet sich einem gewissen Zynismus an, der auch noch angesichts der schlimmsten, sinnlosesten Katastrophe von Gottes Handeln als Gericht über all unser Fehlverhalten schwafeln kann. Und dann habe ich mal das Gefühl, ja hier hat vielleicht Gott gehandelt. Da ist es auch schon verweht das Gefühl, davongeweht vom Sturm des Misstrauen. „Ach was, maximal ein glücklicher Zufall, mehr nicht.“ In der Bibel wird viel erzählt vom Handeln Gottes in der Welt, im Leben der Menschen. Gerade auch, aber nicht nur, in dieser großen Geschichte die wir in zwei Tagen hören. Damit hat es sich dann aber auch, Gottes Handeln in der Welt, eingefangen zwischen zwei Buchdeckeln, darüber hinaus: Fehlanzeige. Oder doch nicht? Denn eines muss uns klar sein, wenn wir Gottes Handeln wirklich nur zwischen diesen beiden Buchdeckeln sehen können, sonst aber nirgends, dann brauchen wir gar nicht erst Weihnachten feiern, dann können wir hier eigentlich die Tür zu- und das Licht ausmachen. Denn dann hat das alles nicht mehr allzu viel mit uns zu tun. Dann verwandelt sich christlicher Glaube in die Postulierung maximal eines fernen Schöpfergottes, der sozusagen alles einmal zum Laufen gebracht hat und sich dann freundlich, aber endgültig zurückgezogen hat.

Da stellt sich doch die ganz einfache Frage: Gehen wird davon aus, dass Gott heute, in meinem, in ihrem Leben handelt oder nicht? Und in mir da ruft das Verlangen nach einer einfachen Antwort: „Ja oder nein und für beides hätte ich bitte gern Beweise.“ Das Leben aber, es ist nicht so einfach es ist nun mal viel komplizierter. Wer lebt den sein Leben in Ja und Nein, hat für alles Beweise? Die Antwort kann doch gar nicht so einfach sein, weder ja noch nein.

 

Liebe Gemeinde, so ist die Ausganslage, einfache Frage, gar nicht einfache Antwort. Eigentlich müssten wir auch darüber ins Gespräch kommen, schauen, ob wir gemeinsam den Versuch einer Antwort schaffen. Oder ich müsste zu mindesten hier auf der Kanzel erste, Schritte hin zu einer Antwort versuchen. Ganz ehrlich gesagt, habe ich so meine Probleme mit dem Handeln Gottes in der Welt und bin da sehr skeptisch. Das liegt zum einem in meinen Naturell und Herkommen, aber auch der Erfahrungen, wie übel es endet, wenn Menschen zu schnell und einseitig das Handeln Gottes für sich postulieren. Diese ersten Schritte wäre also eine wenig holprig.

Aber wir sind ja in der Adventszeit, der Zeit der Geschichten und daher will ich Ihnen lieber noch eine erzählen: Jetzt geschieht aber folgendes: Ich werde um eine Trauerfeier gebeten. Die Ehefrau und der Verstorbene wir haben in vielen Bezügen in den letzten Jahren den Alltag geteilt. Und nun ist der Mann gestorben, in hohem Alter, ohne eine lange Zeit, in der er auf Pflege und Unterstützung angewiesen war. Beide haben sich genau vor 70 Jahren kennengelernt, haben schwere Zeiten durchgestanden, haben gemeinsam die Welt gesehen. Zwei sehr liebenswerte,  zwei nüchterne, pragmatische Menschen. Die Trauerfeier findet in kleinstem Kreis statt. Nun passiert Unerwartetes: Am nächsten Morgen lese ich die Todesanzeige und  da dankt die Witwe in ihrem und im Namen ihres Mannes Gott dafür, dass er sie 70 Jahre lang beschützt hat. In ganz klaren einfachen Worten, kein Schmalz, kein komischer romantischer Glaubenskitsch, sondern nur diese klaren Worte. Da dankt ein Mensch, der mehr als neunzig Jahre auf sein Leben zurückblickt Gott dafür, dass er in diesem Leben gehandelt hat. Da werden siebzig Jahre gemeinsames Leben unter diese Überschrift gestellt. Da sieht ein Mensch ganz klar Gottes Handeln in seinem Leben, da stimmt ein Mensch in den Satz des Josef ein: „Gott hat es gedacht, gut zu machen.“  Genau an diesem Punkt bin ich wieder ins Nachdenken gekommen. Wenn ein solcher Mensch in solchen klaren, einfachen Worten nach so einer Lebensspanne die Worte des Josef für sein eigenes Leben spricht, dann muss doch was dran sein. Da beginne ich vorsichtig zu schauen, ganz zaghaft in mein eigenes, viel kürzeres Leben. Gibt es sie vielleicht doch, diese Spuren Gottes in meinem Leben? „Hast Du nicht auch eine Geschichte zu erzählen, die ihren Schluss darin findet, dass diese große Geschichte, die wir in zwei Tagen hören, nicht die letzte vom Handeln Gottes ist?“, geht es mir durch den Kopf.

„Gott hat es gedacht, gut zu machen.“ – Gilt das für mein bisheriges Leben? Gibt es dafür Geschichten, die ich erzählen kann, so wie uns die Alten die Josefgeschichte erzählen? Liebe Gemeinde, nachdem wir am Dienstag die ganz große Geschichte von Gottes Handeln in der Welt hören werden, der ganze Weihnachtsstress hinter uns liegt, dann gibt es immer diese besonderen Tage zwischen den Jahren. Gute Tage um auf die Suche nach diesen Geschichten in meinem Leben zu gehen.

Für Sie vielleicht auch?

Verfasst von: achterosten | 20. Oktober 2013

Verzweifelte Suche – Predigt zu Jeremia 29, 4-14

Predigt zu Jer 29, 4-14 (XXI. Sonntag nach Trinitatis, 20.X.2013)

 

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 29. Kapitel des Jeremiabuches:

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR,.“

 

Filmausschnitt aus „Das Siebente Siegel“ von Ingmar Bergmann.

 

Liebe Gemeinde,

es ist kaum eindrucksvoller darzustellen, als es Ingmar Bergmann mit seinem Ritter Antonius Block gelungen ist – der Kampf eines Menschen mit der Verheißung Gottes. Die Zusage Gottes, seine Verheißung: „Ihr werdet mit suchen und finden.“ Immer wieder machen sich Menschen auf diese Suche, spüren in sich diesen Drang und finden ihn nicht, diesen Gott, der ihnen zugesagt, sich finden zu lassen. Immer verzweifelter wird diese Suche, und die einzige Gewissheit, die am Ende steht ist, der Tod.

Als Kind eines Pfarrers in Schweden, der sein Leben lang unter der strengen religiösen Erziehung und der damit verbundenen Verlogenheit seiner Eltern gelitten hat, macht Ingmar Bergman diese verzweifelte Suche immer wieder zum Thema seiner Filme. „Das siebente Siegel ist eine Allegorie mit einem sehr einfachen Thema: der Mensch, seine ewige Suche nach Gott und dem Tod als einziger Sicherheit.“, so beschreibt Bergmann selber den Film, aus dem wir gerade eine der Schlüsselszenen gesehen haben. Und so zeichnet Bergmann vor der Zuschauerin, dem Zuschauer die unterschiedlichen Wege dieser Suche. Der intellektuelle, abgehoben erscheinende Ritter Block auf seiner verzweifelten Suche nach Gott, mit und ohne den er nicht leben kann. Dessen Schachspiel mit dem Tod um sein Leben, das den roten Faden des Filmes bildet. Der Tod, der die verzweifelte Suche Blocks auf den Punkt bringt: Er will Garantien am Ende seiner Suche.

Als anderen Weg: Sein Knecht und direkter Gegenüber im Film der viel lebenspraktischer denkende Jöns. Er hat als Atheist für die Welt und die verzweifelte Suche seines Herren nur eine ordentliche Ladung Spott übrig.

Dann gibt es da noch den fanatischen Mönch, der anscheinend Gott nur noch im plötzlichen und unerwarteten, aber gewissen Tod finden kann.

Oder die in der Bibel lesende Frau Blocks, die in stiller Würde dem Tod entgegentritt. All diese Personen werden uns in diesem Mysterienspiel vor Augen geführt, vor die Augen gestellt. Bergmann aber verzichtet auf jede Bewertung, auf jede eindeutige Antwort, die einzige Antwort die er gibt, ist die, die alle Menschen in dem Film und uns mit ihnen vereint: die einzige Gewissheit, die einzige Garantie ist der Tod. Am Ende steht das Schachmatt für alle, der Tanz mit dem Tod.

Ist das das Ende der Suche nach dem Gott, der sich finden lassen will? Eine düstere Antwort, so wie auch der Film ein ernster, ein düsterer ist?

 

Liebe Gemeinde,

ich kann auf die Frage Blocks keine eindeutige Antwort geben, denn das wäre vermessen. Damit würde ich diese grundlegende Frage von vielen Menschen, ihre verzweifelte Suche, ihre Verzweiflung an einem Gott, der sich anscheinend nicht finden lassen will, „der sich im Dunstkreis halbeingelöster Versprechen versteckt“ nicht ernstnehmen. Ich will vielmehr Ingmar Bergmann folgen und die unterschiedlichen Wege dieser Suche nicht loben und verdammen, nicht gegen sie anpredigen. Das wäre Ihnen nicht gerecht und nicht dem biblischen Zeugnis. Denn ist die verzweifelte Beichte des Richter Blocks nichts anderes als der verzweifelte Schrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“?

Aber ich möchte wie Ingmar Bergmann in diesem eindrucksvollen Film etwas andeuten, auf etwas hinweisen. Zum einen: Der heutige Predigttext ist auf die Zukunft ausgerichtet, ein Hoffnungstext für die Israeliten im Exil, eine Verheißung. Ihm vorweg gehen aber ganz lebenspraktische Hinweise zum Leben in der Gegenwart: Richtet euch ein in der Gegenwart, lebt ein gutes Leben. Starrt nicht nur auf die Vergangenheit und die Zukunft.

Zum anderen: Es gibt in dem Film eine wichtige Person, von der noch gar nicht die Rede war. Der Film endet nicht mit Totentanz aller Beteiligten, sondern er endet mit dem Gaukler Jof, seiner Frau und dem gemeinsamen kleinen Kind, wie sie nach überstandenem Unwetter ihren Wagen in den aufbrechenden Morgen lenken. Jof, der Gaukler, der Träumer, er scheint nicht auf der Suche zu sein. Er lebt im Hier und Jetzt, ihn aber lässt Bergmann etwas finden: Er sieht in einer morgendlichen Vision Maria und das Jesuskind. Diese Vision in mittelalterlich-christlicher Tradition als Bild eines religiösen Erlebnis, einer Erfahrung mit Gott nimmt Bergman auf und ordnet sie dem zu, der gar nicht auf der Suche ist, wogegen dem der sucht, dies verweigert wird.

 

Liebe Gemeinde, kein leichtes Thema, kein leichter Film, aber ich kann ihnen diesen eindrucksvollen Film nur ans Herz legen. Auch wenn er schon über fünfzig Jahre alt ist. Nie könnte ich so über die Frage, die der Jeremiatext aufwirft, unsere Suche nach Gott predigen, wie es Ingmar Bergman in diesem Film, wie im vielen seiner Filme, gelingt. Man ist versucht, denen zuzustimmen, die ihn einen modernen Propheten nennen. Ein moderner Prophet der uns den Spiegel vor Augen hält, wenn wir die Verheißung des Jeremias hören. Wem ähnelt unser Bild in diesem Spiegel: Jöns, Block oder Jof?

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