Verfasst von: achterosten | 30. April 2017

Vom Hirten und Schafen – Predigt zu Johannes 10, 11-16.27-30

Predigt zu Johannes 10, 11-16.27-30 (Quasimodigeniti, 30.IV.2017)

Liebe Gemeinde, den Predigttext für den heutigen Sonntag, wir haben ihn gerade in der Lesung gehört. Es schade ja aber nichts, wenn wir ihn noch einmal hören – vor allem da noch zwei, drei nicht ganz unwichtige Sätze dazu kommen:

„Jesus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -,  denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.“

Liebe Gemeinde, die Gruppe von Euch Konfis, die diesen Gottesdienst vorbereitet hat, hat sich diesen Text mal sehr genau angeschaut. Erstaunlich, was, das so zu Tage trat. Erstaunlich auch deswegen, weil ihr mir eine ganz neue Perspektive auf den Text eröffnet habt.

Als erstes ist da doch die Frage, was sich hinter dem Bild des Hirten überhaupt verbirgt. Wir alle leben nicht mehr in einer durch kleinteilige Landwirtschaft geprägten Welt. Auch wenn dank des Heimatsvereines eine nicht unerhebliche Schar von Schafen mit uns in unserem Stadtteil lebt. Was also verbirgt sich hinter dem Bild des Hirten? Ich habe da mal ein Beispiel aus Eurer Kindheit mitgebracht. Zwei „Hirten“ im Einsatz: Shaun das Schaf , Der Roboterhund.

Liebe Gemeinde, es mag für sie jetzt etwas ungewöhnlich sein, aber der Hirtenhund 1.0 Bitzer und seine technische Verbesserung, sozusagen 2.0 führen uns mitten hinein in die Frage, was wir verstehen, wenn wir die Worte Jesus hören. Hören, wie er das Bild eines Hirten von sich malt. Wen haben wir denn da eher vor Augen. Den Roboterhund oder Bitzer? Wenn wir gute Landwirtinnen und Landwirte wären, fernab aller Verklärung a la „Landlust“, dann müssten wir an den Roboterhund denken. Vorbildlich, bis zu der kleinen technischen Fehlfunktion, die wir mal gerade vernachlässigen. Er beendet das Chaos, hält die Herde ordentlich in Reih und Glied und die Schafe erfüllen endlich ihre Aufgabe: Gras fressen! Damit sie ihren Zweck erfüllen: Milch, Wolle, Fleisch zu liefern und als natürliche Rasenmäher uralte Kulturlandschaften zu erhalten. Der Hofhund Bizer ist mit dieser Aufgabe heillos überfordert, der technische Schäfer 2.0 erfüllt sie vorbildlich. Erinnert diese Vorstellung an die Rede Jesu vom Hirten und seinen Schafen? Wir als die Herde, die in Reih und Glied zu halten ist, brav unser Gras fressend und still unsere Pflicht erfüllend? Vielen unserer Schwestern und Brüdern im Glauben lag und liegt vielleicht diese Vorstellung nicht allzu fern. Und weil es so praktisch war, nahm mancher christliche Würdenträger diese Vorstellung auch gleich für sich in Anspruch. Nicht umsonst kommt die Amtsbezeichnung „Pastor“ vom lateinischen Wort für den Hirten. Aber wollen wir das vor Augen haben, wenn sich Jesus selber als Hirte bezeichnet? Passt das? Gut, als Bizter, den überforderten Hofhund wollen wir uns ihn vielleicht auch nicht vorstellen. Wenn auch der Aspekt der Freundschaft zwischen den Schafen und ihrem „Hirten“ etwas für sich hat. Schäfer und Schaf – sie begegnen sich hier auf Augenhöhe und lösen dann oft gemeinsam so manches Problem auf dem kleinen Hof irgendwo in England.

Aber, und das ist euch Konfis ja aufgefallen in Gahlen – auch Jesus malt von sich nicht das Bild eines Hirten im Sinne landwirtschaftlicher Fachbücher. Er sprengt sozusagen den üblichen Rahmen dieses Bildes um einen neuen Blick und damit neues Leben zu schenken.. Denn ein guter Hirte würde vieles für seine Herde tun, würde sie auch nicht in der Gefahr allein lassen. Wenn es die eigene Herde ist, dann bleibt der Hirte bei ihr, schützt sie vor den Gefahren. Aber sein Leben geben für die Schafe? Da wart ihr euch einig – das geht dann auch für einen guten Hirten zu weit. Und was noch erschwerend hinzukommt: Auch der beste Hirte hat nur das eine Ziel: Schafe, die ihre Funktion erfüllen – Wolle, Milch und Fleisch. Jesus nimmt in seinen Worten aber das Bild des Hirten als Ausgangspunkt, um viel weiter zu gehen, Neues zu eröffnen. Aber was? Das war die Frage, die in unserer Vorbereitungsgruppe dann im Raum stand. Und Euch kam ein Gedanke, eine Idee, die so wichtig, so wertvoll ist, das sie es mehr als verdient hat, heute hier noch einmal laut zu werden, damit wir sie alle mitnehmen können. Uns von Euch einen neuen Blickwinkel auf diesen Text, aber auch auf einen der wichtigsten, wenn auch schwierigsten Grundpfeiler unseres Glaubens öffnen lassen. Ihr habt euch folgendes gefragt: Was ist, wenn Jesus von sich hier so als einem Hirten sprechen kann, der viel mehr für seine Schafe gibt, als jeder anderer Hirte, weil in ihm ja Gott selber auch Schaf, also Mensch war. Wenn also Gott als der dreieinige Gott alles drei in einem ist: Als Gott der Vater der Hirte, als Jesus ein Schaf und damit, sprich ein Mensch, und als Heiliger Geist so eine Art Hütehund für die Herde? Dann könnte es doch stimmen, was Jesus sagt:, Durch ihn selber, Jesus, kennt Gott die Menschen, weil er in Jesus selber einer ist, unter den Menschen ist. Und damit selbst ein Teil der Herde. Mit uns Menschen auf Augenhöhe. Mit uns verbunden. Wie wir Freude und Schmerz erleben, wie wir erleben wie schön das Leben auf der grünen Wiese sein kann. Was es aber auch manchmal ein Elend ist, tagtäglich in der Herde mittrotten zu müssen. In Angst um die Gefahren leben, die uns bedrohen. Wehr- und schutzlos ausgeliefert zu sein, aber im Herzen die tiefe Hoffnung, es möge doch einen geben, einen guten Hirten, der uns schützen möge bis zum letzten. Der mehr in uns sieht als nur die Lieferanten für sein Überleben oder seinen Wohlstand. In Jesus ist Gott selber Teil dieser Herde, selber ein Schaf von vielen. Und weil so der Hirte selber Teil der Herde ist, und das ist das wunderbare Geheimnis unseres Glaubens, ist er so viel mehr als ein Hirte. Dann wird er bis zum letzten gehen, damit die Herde, damit wir leben können.

Und noch etwas anderes: Weil Gott ein Teil von uns und unter uns war, ist Gott für uns Menschen ganz nahe. Weil er einer von uns war sind wir mit ihm auf Augenhöhe. Dann ist der Hirte auch kein fernes Wesen, was irgendwie alles lenkt, aber uns nicht wirklich versteht und wir ihn auch nicht. Dann kennen wir ihn und er uns – so wie es Jesus sagt. Ja, dann ist es doch ein wenig wie bei Shaun und Bitzer, Gott und Mensch begegnen sich in Jesus Christus auf Augenhöhe, es ist so etwas wie Freundschaft möglich, wie Vertrauen, Gemeinschaft und sogar, welch ein spannender Gedanke, das gemeinsame Tun in dieser Welt.

Was habt Ihr da für eine wunderbare Idee gehabt, wie tief seid ihr eingedrungen in das Geheimnis unseres Glaubens.

Liebe Gemeinde, nehmen Sie ihn mit, diesen Gedanken, diese Frage von den Konfis, die mit ihnen zusammen hier in Eppendorf-Goldhamme versuchen den Glauben zu verstehen, prüfen, ob er uns im Leben tragen kann. Ob man ihr vertrauen kann –  der Zusage, der Verheißung Gottes, der gute Hirte zu sein. Der uns nicht fremd ist, weil er einer von uns war, dessen Herde wir sind, weil er uns in Liebe als seine Herde gewählt hat, der uns leiten und bewahren will, indem er als Hütehund uns als seine Gemeinde zusammen hält.

Dieser Gedanke, der uns auch vor Augen führt, als Christinnen und Christen sind wir eigentlich keine Schafherde in Reih und Glied unter der Bewachung eines perfekten Hirten, der uns nur dumm unser Gras fressen lässt. Sondern ein bunter Haufen, behütet von dem liebenden Hirten, er alles für uns gibt.

 

Verfasst von: achterosten | 14. April 2017

Entscheidungen – Predigt zum Karfreitag

Predigt zu Jesaja 52,13-15; 53,1-12 (Karfreitag, 14.IV.2017)

Liebe Gemeinde, wissen sie was ich immer wieder schön finde an meinem Beruf: Dass ich die Chance habe, Geschichten und Glaubensüberzeugungen, die wir irgendwie wie selbstverständlich mit uns herumtragen und erzählen, genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann gibt es sie immer wieder, diese kleineren oder größeren Aha-Effekte, wenn ich dann erstaunt feststelle, dass man manches auch anders verstehen kann, angebliche Nebensächlichkeiten plötzlich viel gewichtiger werden. Die oft gehörten Geschichten eine andere Richtung nehmen, die toten Buchstaben lebendig werden und neue Blickwinkel eröffnen. Texte, Geschichten und Aussagen,  die mir nie wirklich etwas zu sagen hatten, nahe rücken und was selbstverständlich ist, fremd wird, in die Ferne rückt. Das Starre, Tote lebendig wird. Eine wunderbare Erfahrung.

In diesem Jahr war das auch so im Blick auf diesen Tag, mit dem wir vielleicht auch nicht so richtig wissen, was wir mit ihm eigentlich anfangen sollen. Angeblich der wichtigste evangelische Feiertag, so haben wir es vielleicht noch im Hinterkopf. Aber wenn uns einer fragen würde, ob er das für uns auch ist? Ich weiß nicht, was sie so antworten würden. Alles nicht so einfach heute, diese blutige, grausame Geschichte, die heute auch ohne Happy End bleibt. Am Ende regieren Tod und Schmerz. Das soll dann der wichtigste Tag des Glaubens sein? Na ja, so ganz weiß ich ja nicht…

Wenn mich aber eine nach der Geschichte fragt, die heute erzählt wird, an die wir uns heute erinnern, dann ist es schon einfacher. Denn eigentlich ist das ganz wunderbar, die Rollen sind gut verteilt. Gut und Böse – alles klar zu erkennen. Hier die bösen religiösen Funktionäre und ein zynischer korrupter Politiker hübsch vereint in dem einen Ziel: dieser komische Typ muss weg, so wie viele vor ihm und dann auch nach ihm, die den Eliten irgendwie in die Quere kamen. Dort das Gute in seiner reinsten Form, der, der alles erduldet. Der Opfer wird der brutalen politischen Machtgier. Der Gute unterliegt, das Böse triumphiert. Täter und Opfer – klar benannt. So hören wir diese Geschichte immer wieder an diesem Tag. Für mich ist sie – so erzählt – allerdings eine starre Geschichte geworden. Eine, die mich vielleicht noch darin bestätigt hat, dass denen da oben nicht zu trauen ist – egal ob religiöse oder politische Elite, am Ende gehen sie doch alle über Leichen. Aber etwas, wo ich mich in dieser Geschichte wiederfinde? Schwierig, oder vielleicht doch nicht? Die Frage, warum das Ganze? Dieser ganze grausame Tod, der doch eine so hohe Bedeutung für uns haben soll, ja an dem ja sogar das Heil der Welt hängen soll?

Ach, wissen sie was: Ich nehme sie einfach mal mit beim Blick durch die Lupe auf diese Geschichte. Vielleicht hilft uns das ja weiter. Da nehmen wir doch mal die religiösen Funktionäre und am besten gleich mal das Oberhaupt, den Herrn Kaiphas. Er ist doch der, der alles letztlich ins Rollen gebracht hat, die Ergreifung Jesu. Der ihn befragt und schließlich an die Römer übergibt. Alles aus reiner Machtgier, weil Jesus die Macht der Tempelfunktionäre in Gefahr bringt? Oder aus reinem religiösen Fanatismus, weil er sich angeblich eine Rolle anmaßt, die nur Gott allein zusteht? So die gängigen Lesarten. Da find ich mich nicht wieder. Ich bin kein hoher religiöser Funktionär und religiöser Fanatiker beim Besten willen auch nicht. So wie Sie alle hier heute Morgen das ja wahrscheinlich von sich sagen würden. Dieser Kaiphas, er scheint aber beides zu sein und damit nicht wie ich – wirklich? Da gibt es diesen entscheidenden Satz von ihm, in aller Dramatik der Erzählung überhören wir ihn fast. Mir wird dieser Satz immer wichtiger, denn mit ihm erscheint dieser Kaiphas in einem ganz anderen Licht – nicht mehr als machtgieriger, fanatischer Funktionär. „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe.“ So wird der Satz im Johannesevangelium überliefert. Wenn das nun der wahre Grund für die Auslieferung an die Römer wäre? Dann wäre der Kaiphas so ein Mensch wie ich – unter Zwängen lebend, Entscheidungen treffend, die „alternativlos“ erscheinen, wohl wissend oder eher ahnend, was ihr Preis ist. Im Beruf, im Privatleben. So wie wir alle, Tag ein, Tag aus. Bei den wenigsten in der Dramatik wie bei Kaiphas, aber bei manchen manchmal auch. Da sitzen wir in unseren Büros, stehen in den Werkstätten und sind gezwungen Entscheidungen zu treffen, bei denen wir oft Menschen enttäuschen, sie verletzen, sie in unseren Überlegungen von eigenständigen Subjekten zu Objekten wie Schachfiguren werden. Und das betrifft alle Berufszweige, alle Karrierestufen. Da sitzen Sie bei Aldi an der Kasse und sehen ihre Nachbarin vor sich, sie wissen wie schlecht es ihr geht, wie leer der Kühlschrank ist, sie sehen, dass die Beule unter ihrem Mantel eher auf eine Packung Müsli, als auf einen dicken Pulli hindeutet. Sie müssen entscheiden, die Frau weiter ins Elend stürzen oder den Job riskieren? Und sie müssen sich entscheiden. Sie sitzen am Bett des Sterbenden, keiner ist mehr da, der bei ihm sitzen könnte. Er umfasst ihre Hand und im Zimmer nebenan wartet noch Frau Schmidt, die immer noch nicht gewaschen ist und es ist schon wieder halb neun und die Kollegin hat sich auch wieder krank gemeldet. Eine Frau in einer vollen Windel noch länger liegen oder einen Sterbenden allein lassen? Sie müssen entscheiden. Der Firma geht es schlecht, ihr Plan würde sie retten und zukunftsfähig machen, dafür müssten die älteren Mitarbeitenden gehen, gerade fragt sie ihre Sekretärin ob sie einen Kaffee wollen. Sie trinkt nur Tee, seit dem sie mit 53 einen Herzinfarkt hatte. Sie müssen entscheiden. Und in Ihrem Kopf werden Worte laut, wie „Sachzwang“, „alternativlos“, „es geht nicht anders“ und sie nehmen immer mehr Raum ein. So wie ich das sehe war Kaiphas genau in einer solchen Situation, stand genau vor einer solchen Entscheidung. Entweder er lässt diesen Jesus weiter gewähren, lässt weiter zu, dass er die Praxis im Tempel kritisiert, dort randaliert und damit maximal die Gefahr erhöhte, dass es unruhig wurde in der Bevölkerung. Und dann noch jetzt, wo die Stadt überlaufen ist von jüdischen Pilgern. Er weiß um die höchste Maxime römischer Besatzungspolitik: Jede Form von Unruhe wird effektiv, schnell und gewalttätig im Keim erstickt. Notfalls mit der völligen Vernichtung der örtlichen Kultur. Die Römer waren tolerant, so lange es ruhig blieb! Kaiphas wusste genau, wie sein Glaube in der Vergangenheit an einer Besatzungsmacht fast zugrunde gegangen war. Nicht nur das der Glaube unterdrückt wurde, nein es sogar zu einem blutigen Bürgerkrieg kam. Auf der anderen Seite dieser Jesus, ein einzelner Mann, keine große Anhängerschaft. Vielleicht gefiel Kaiphas sogar, was der zu sage hatte. Zu anderen Zeiten hätte sie vielleicht in Ruhe reden können, feststellen können, dass sie vieles auf ähnliche Weise in der Tora lasen. Aber es sind keine anderen Zeiten. Es muss schnell überlegt werden: Das Risiko eingehen und damit im schlimmsten Fall den Tod vieler Menschen, Vertreibung und Zerstörung in Kauf nehmen oder einen über die Klinge springen lassen? Ihn an die Römer ausliefern und damit sich dort auch in eine gute Verhandlungsposition bringen? Diese dann auch für den Schutz der eigenen Religion nutzen zu können? Es ist eine Entscheidung zu treffen und Kaiphas fällt eine. So wie die Kassiererin beim Aldi, der Pfleger am Sterbebett, die Abteilungsleiterin in der Firma.

Warum erzähle ich das aber alles so ausführlich? Um Kaiphas zu rehabilitieren, ihn in Schutz zu nehmen? Wohl kaum, auch wenn es gut ist, wenn er damit aus der Ecke als Vertreter des Bösen herauskommt und damit wieder mal klar wird, es gibt viele Gründe für den Tod Jesu, aber garantiert keine die irgendetwas mit der angeblichen Verbohrtheit  oder angeblichen Blutgier des Volkes Gottes, der Juden, zu tun hatte. Am Karfreitag war ja immer Hochamt all dieser abscheulichen Lügen in unseren Kirchen. Nein, das steht nicht im Zentrum, sondern wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Wenn es wirklich stimmt, dass dort wirklich Gott selber in diesem Jesus Christus am Kreuz hang, dass Gott selber Schmerz, Gewalt und schließlich den Tod erlitt und dies etwas mit unserer Schuld, unserem Schuldig werden zu tun haben soll, dann ist doch zu fragen: Was ist der Grund für diesen Tod? Warum dieser Tod? Was ist diese Schuld? Es ist die Entscheidung des Kaiphas, die er treffen musste. Es sind unsere Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen. Es ist Kaiphas Tun und Lassen. Es ist unser Tun und Lassen. All die Entscheidungen, die wir treffen und dabei nicht frei sind. An denen wir dann auch leiden, an manchen den Bruchteil einer Sekunde und an manchen ein ganzes Leben. Und wenn sie manchmal auch bei aller objektiven Betrachtung die richtige Entscheidung war, der Schmerz darüber, so entschieden zu haben, er kann da sein und bleiben. Genau wie die Freude, sich so entschieden zu haben. Vielleicht war Kaiphas auch nach diesem Freitag zufrieden mit seiner Entscheidung: Er hatte für die Sicherheit und Unversehrtheit all der Einheimischen und Pilger in diesen Tagen in Jerusalem gesorgt. Aber vielleicht war da auch der Schmerz in ihm über den grausamen Tod, den er mit zu verantworten hatte. Dass dem so ist hat auch nichts mit moralischem Versagen zu tun, sondern ich kann es nur so klar sagen: Das ist das Drama unseres Lebens! Dem wir auch nicht ausweichen können.

Liebe Gemeinde, wenn es hier um moralisches Versagen gehen würde, um schwache Geister oder sogar um das schiere Böse, dann wäre Jesus nicht am Kreuz gestorben, dann wäre es nicht soweit gekommen. Gott wäre nicht den Weg ans Kreuz gegangen wegen der vermeidlichen moralischen Schwächer mancher Handelnder. Und ein Kampf Böse gegen Gut, das ist Star Wars, aber nicht die Geschichte vom Schöpfer aller Dinge. Dem hätte er sich nicht unterworfen, in diese absolute Machtlosigkeit begeben. Er hat sich aber dem Drama unseres Lebens vollständig ausgeliefert, bis zum Äußersten, bis zum Letzten! Er hat sich dem völlig unterworfen, dem „Sachzwang“, der „Alternativlosigkeit“ – er, der es nie hätte tun müssen. Und er ändert es auch nicht sozusagen durch einen magischen Moment, durch einen Zauber, einen göttlichen Akt. Das Drama unserer Entscheidungen es bleibt. Wir sehen es vor uns am Kreuz. Gott geht es bis zum bitteren Ende, bis zum letzten Akt. Erleidet die schlimmste Konsequenz, die unsere Entscheidungen haben können, dass ein anderer Mensch stirbt. Und er unterbricht es auch nicht, beendet es auch nicht. Am Ende bleibt heute nur der Tod, der Schmerz und die Verzweiflung. Es wird nichts rückgängig gemacht, die Uhr wird nicht zurück gedreht, die Entscheidungen wurden getroffen und es bleibt dabei.

Wir wären verloren, wenn es hier enden würde. Wenn unsere schmerzhaften Entscheidungen und ihre schmerzhaften Konsequenzen stehen bleiben würden – für alle Tage, für alle Zeiten. Das wäre der endgültige Sieg der „Alternativlosigkeit“, des „Sachzwanges“, der Unfreiheit. Wo soll dann noch Hoffnung sein, wo soll sich dann noch Leben regen? Für heute endet es hier, aber wir sehen uns wieder am Morgen der Hoffnung, des Lebens in zwei Tagen. Denn den wichtigsten Tag des Glaubens den gibt es nicht, nur sie alle zusammen verheißen uns Leben in Freiheit und Hoffnung.

Predigt zu Hebr 11,1-2.39b-40; 12,1-3 (Palmarum, 09.IV.2017)

Liebe Gemeinde,

ich muss zugeben ich habe mich lange zurück gehalten und das ganz bewusst. Ich meine, wir haben jetzt schon fast die Hälfte geschafft und ich habe es mir bis jetzt verkniffen oder, ehrlicherweise, ich habe mich in angestrengtem Ignorieren versucht. Aber das ist wie mit Zahnschmerzen: Da gibt es ja auch den verzweifelten Versuch am Anfang einfach so zu tun, als wenn da gar nichts wäre. „Wir wissen alle, wie das endet. Am Ende sitzt Mann oder Frau auf dem Stuhl, hört die Zahnärztin hinter dem Mundschutz „Mein lieber Mann“ murmeln. Ja, ich sehe, da werden bei Ihnen selige Erinnerungen wach.

Das mit dem Ignorieren klappt also nicht wirklich. Ich habe es trotzdem tapfer die letzten Monate versucht. Ich habe versucht, das sogenannte Reformationsjubiläum einfach zu ignorieren. Habe hinweg gesehen über all die Lutherbonbons, Lutherkaffeetassen, über all die tausend Veranstaltungen, die irgendwas, was auch immer mit diesem gemütlich lächelnden Mann im schwarzen Umhang und lustiger Kappe zu tun haben. Fast täglich werde ich mit Post beglückt, wo der Herr Luther für irgendwelche Werbung herhalten muss. Die Altpapiertonne freut es. Und was es da nicht alles gibt.

Also, ich habe das alles ignoriert, aber wie bereits gesagt, das klappt halt nicht. Vor einigen Tagen war dann doch Schluss, um im Bilde zu bleiben: Das Pochen im Zahn war nicht mehr beiseite zu schieben. Zum einen gab es da diese etwas merkwürdige Art der Lutherwerbung in Düsseldorf. Da es ja schon alles für Luther oberhalb des Bauchnabels gibt – von Luthermützen bis zum Reformationsshirt – ging die dortige Jugendkirche einfach eine Etage tiefer. Es mussten die Reformationskondome her. Mit Sprüchen von vordergründigem Humor wie „Für Huren und Heilige“ und „Hier steh ich – ich kann nicht anders.“ Man weiß jetzt auch nicht was schlimmer war, dieser Versuch irgendwie das Thema bei der Hauptopfergruppe kirchlicher Missionsbeglückung, jungen Menschen, an die Frau oder hier ja vor allem an den Mann zu bringen. Oder aber die völlig überzogene Reaktion der rheinischen Kirche, die hektisch das Ganz beendete, alle Kondome gleich wieder einsammeln und ohne Sprüche über die HIV Arbeit verteilen ließ. Und damit dann auch endlich für die nötige Öffentlichkeit in allen Medien der Republik und bei mancher Protestantin, manchem Protestanten mal wieder für eine ordentliche Portion Fremdschämen gesorgt hat.

Zum anderen, zwar von der Öffentlichkeit, selbst in den Kirchengemeinden, weniger wahrgenommen, aber in meinen Augen gravierender sind da schrille Töne, die durch den ganzen Reformationslärm aus Hannover in das Land des Protestantismus entsandt werden. Da ist dann von „grummeliger Meckerstimmung“ und Miesepetrigkeit die Rede, von mangelnder Unterstützung etc. Thies Gundlach, Vizepräsident, und damit der zweite Mann neben Bedford-Strohm bei der EKD sah sich wohl zu diesen Aussagen in der Märzausgabe des evangelischen Magazins „Zeitzeichen“ genötigt. Grund dafür: Es gibt halt ein paar Theologinnen und Theologen an den Universitäten, die wollen nicht so  einstimmen in den ganzen Jubel- und Freudentaumel gerade der Vertreter der EKD über all die tollen Sachen des Herrn Luther anno 1517 und der angeblichen ökumenischen Liebe in 2017. Darüber ist Herr Gundlach anscheinend mehr als erbost und sah sich zu diesem mahnenden Artikel genötigt. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, die Aufgabe der Theologie würde darin bestehen, den christlichen Glauben verstehen zu wollen. Mit wissenschaftlichen Methoden und im Gespräch mit heutigen Erkenntnissen der Forschungen unterschiedlichster Fakultäten. Und das frei von Vorgaben, wie das nun mal in ein einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft ist. Allerdings lag ich da wohl falsch, für Herrn Gundlach scheint ihre Aufgabe die „Zuarbeit für große Glaubensentfaltung, die Gottesbewusstsein und Weltrationalität auch im 21. Jahrhundert zusammenbindet.“ Mal weniger akademisch und zugespitzt gesagt: Die Theologie liefert das akademische Mäntelchen, für das was die Leitung der EKD sich so ausdenkt. Und sie soll also bitteschön nicht kritisch sein  gegenüber was in Hannover ex cathedra verkündet wird.

Und spätesten als ich das so alles las, war es dann vorbei. Der Zahn pocht nun so stark, ignorieren hilft da nichts mehr. Um es kurz zu machen, mein Eindruck bei diesem ganzen Luthergedenkfeierzahn, so wie er mir schmerzt ist leider: Ich muss ihn mir ziehen lassen oder vielmehr mir selber ziehen. Denn so ist das nun mal bei uns Evangelischen, im Letzten sind wir allein für unseren Glauben, unsere Theologie zuständig und verantwortlich. Dieser Zahn, seine Wurzeln sind schon abgestorben, er ist locker und eigentlich wäre er sowieso wahrscheinlich in nächster Zeit von alleine herausgefallen. Denn, so will ich das in aller Deutlichkeit sagen und damit dann auch das Bild vom hohlen, lockeren, toten Zahn zu verlassen, dieses Wurzel ist deswegen abgestorben, weil mir dieser Martin Luther heute nichts zu sagen hat! Reformationsjubiläum hin oder her, theologische Revolution hin oder her, Gründungsgestalt der evangelischen Kirche hin oder her. Das alles kann ein halbes Jahrtausend, das zwischen ihm und mir liegt nicht einfach überbrücken. Er bleibt eine fremde Gestalt, der mir heute in meinem Glauben, in meiner Lebenssituation nichts sagen kann. Es bleibt der unüberwindbare Graben von 500 Jahren. Da helfen auch keine Lutherbonbons oder große Kirchentage. Martin Luthers Glaube, sein Zweifel, seine Überzeugungen können nicht meine sein. Die Vorstellung eines zornigen Gottes, der mich im Gericht nur verdammen kann, macht mir keine schlaflosen Nächte, treibt mich nicht in die Verzweiflung wie ihn. Mir rauben die Sorgen um die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens den Schlaf, dass der Mensch, ich anscheinend nur noch an dem gemessen werde, was ich leiste. Die unglaubliche Beschleunigung, das alles so kompliziert ist, dieser ganze Perfektionswahn. Das macht mein Herz unruhig. Mal ganz von der großen Frage, die über allem steht, ob es diesen Gott überhaupt gibt. Ob mein Glaube ein wirkliches Gegenüber hat oder doch nur in der Leere des Himmels herumgeistert. Damit bin ich kein besserer oder schlechterer Mensch als Martin Luther, aber halt ein ganz anderer Mensch. In mir fließen Traditionen, Erfahrungen, Erkenntnisse von weiteren 500 Jahren. Die zentrale Frage, die Grundlage seines Glaubens, seiner damals umstürzenden Erkenntnis, sie ist nun mal nicht meine. Ich kann mich doch auch nicht dazu zwingen, dass sie das wird. Er hat mir nun mal heute nicht wirklich etwas zu sagen – und damit gilt nun mal für ihn, was für alle Menschen der Vergangenheit gilt. Sie sind Kinder und Menschen ihrer Zeit. Ihr Leben, das was sie uns hinterlassen haben, es soll uns helfen, heute die Welt zu verstehen, zu verstehen, wie sie geworden ist. Zu verstehen, wie heute unser Leben so ist wie es ist und wie wir es verantwortlich für morgen gestalten können. Dass sie uns aber heute unsere Fragen direkt beantworten können, nein. Wer das versucht, der will nur zwanghaft Vergangenes am Leben erhalten, aber die Menschen nimmt er nicht ernst. Weder die, die vor uns lebten, noch die gegenwärtigen. Die aus der Vergangenheit können sich nicht dagegen wehren, selbst ein Martin Luther nicht. Die Menschen heute aber gehen, weil sie mit ihren Fragen allein bleiben. Wenn ihnen auf ihre Fragen Antworten von vor über 500 Jahren präsentiert werden. Und in meinen Augen ist das Reformationsjubiläum an vielen Stellen genau das geworden. Unter Zuhilfenahme zeitgemäßer Werbe- und Eventindustrie werden Antworten den Menschen präsentiert, deren Verfallsdatum schon vor 200 Jahren mehr oder weniger abgelaufen war.

Martin Luther hat, ich bleibe dabei, mir für meinen Glauben an Gott, für meinen Zweifel an Gott heute nichts mehr zu sagen und das ist auch in manchen Teilen doch auch gut so. Denn seine Hetze gegen die Juden oder seine tiefste Überzeugung, dass wir nicht Herr unserer selbst sind, also nicht frei entscheiden können, keinen freien Willen haben – soll das eine Rolle für unseren Glauben heute spielen? Wollen wir 500 Jahre Kampf um die innere und äußere Freiheit der Menschen einfach beiseiteschieben?

Ja, es hilft alles nichts: Martin Luther hat mir heute nicht wirklich was zu sagen hat, weil seine Fragen nicht meine Fragen sind, weil seine Antworten nicht die Antworten sind, die ich  für mein Leben heute brauche wie das tägliche Brot. Wenn ich das sage,  dann stürze ich ihn auch nicht von einem Denkmal,  dann begehen ich keinen Affront, sondern dann bin ich schlicht und einfach ehrlich! Ich will auch gar nicht gegen die Reformationsfeiern wettern, ich bin immer dafür, wenn Menschen zusammenkommen und es sich gut gehen lassen, gemeinsam genießen, was uns Gott schenkt. Darum geht es mir nicht. Aber es ist doch irgendwie bezeichnend, wenn Herr Gundlach im besagten Artikel, keine theologischen Gründe für seine Kritik an den Theologinnen und Theologen vorbringt, sondern von der großen Unterstützung von Staat, Politik und Gesellschaft für das Jubiläum spricht. Das ist ja schön, aber wir als Kirchengemeinden, wir sind doch kein Luthergedächtnisverein. Wir sollen die Menschen heute mit ihren Fragen ernst nehmen, heute das Wort Gottes in Wort und Tat unter die Menschen bringen. Und dabei stellt sich für mich mittlerweile die Frage, ob das Reformationsjubiläum so wie es seit nun neun Jahren begangen wird und in diesem Jahr auf seinen Höhepunkt zusteuert diesem Ziel dient oder es nicht sogar noch behindert. Mit dem krampfhaften Versuch diesen Mann aus Wittenberg irgendwie so hin zu biegen, das er dann doch wirklich heute was zu sagen hat, das kostet viel Kraft und Mühe, und ich frage mich: Was wird von all dem am 01.11.2017 bleiben?

Der Zahn ist also raus, jedenfalls bei mir. Es wäre gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, dass das so ganz schmerzfrei abging, aber es war eigentlich einfacher als gedacht. Der heutige Predigttext war die wohltuende Linderung und sorgte für schnelle Heilung. Was ich da lese, ist kein Schmerzmittel, was den Schmerz betäubt, sondern seine Ursache verschwinden lässt. Denn es ist heilsam zu lesen, wer Grund meines Glauben, Horizont meiner Hoffnung ist, das Leben gut zu leben – und das ist nicht Martin Luther: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht erlangt, was verheißen war, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden. Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

So aus dem Hebräerbrief. Ich laufe nicht den Lauf Martin Luthers, ich kämpfe nicht seinen Kampf, ich laufe jetzt, hier und heute. Heute, in meinen Tagen versuche ich aufzusehen zu Jesus Christus. Versuche heute zu erkennen, wo meine Fragen, meine Ängste in seinem Sterben am Kreuz, seiner Auferstehung eine Antwort finden. Nicht im Leben und in den Worten eines Mannes vor 500 Jahren in Wittenberg. Denn wenn mein Glaube, der christliche Glaube Antworten auf Fragen, Hoffnungen für die Verzweiflung, Trost für den Schmerz verheißt, dann müssen sie dort zu finden sein, am Kreuz und am Ostermorgen.

Vor uns liegt die Karwoche und das Osterfest, welch eine wunderbare Zeit um genau das zu tun, zum Beispiel in der Predigt am Karfreitag. Denn wenn für Herrn Luther mit allen möglichen Mitteln Werbung gemacht wird, darf ich das doch auch mal für Gottesdienst und Predigt am Karfreitag und Ostern.

Verfasst von: achterosten | 19. März 2017

Herz und Hand sind getrennt – Predigt zu Exodus 20, 17

 

Predigt zu Ex 20,17 (Okuli, 19.III.2017)

 

 

„In Müssenberg bei Arnsberg herrschte einst ein riesiger Berggeist, dessen stilles Walten von den Menschen nicht unbemerkt blieb. Den Bösen zeigte er sich als rächender Alter, den Guten als freundlicher, helfender Geist. Keiner sah ihm jemals in das von langwallendem Bart bekränzte Gesicht; nur schattenhaft blickte er  bisweilen über die Felsen und Höhen, während sein wehender Mantel wie ein Schleier die bewaldeten Abhänge bedeckte.

 

Im Tale, am Fuße des Müssenberges, lebten einmal zwei Brüder, jeder auf seinem Bauernhof. Den älteren, unverheirateten, hatte die Gier so sehr gepackt, dass er sich um jeden Preis auf Kosten seines jüngeren Bruders bereichern wollte. Bei Nacht und Nebel vergiftet er diesem das Vieh, zerstörte ihm die Felder, stahl im sein Geld und zündete ihm gar Haus und Scheune an. Dann trat er, Mitleid heuchelnd, vor den ahnungslosen jüngeren Bruder und bot ihm gegen hohe Zinsen Geld zum Wiederaufbau seines Hofes an. Auf diese Art bekam er den Jüngeren ganz in seine Gewalt.

 

Dieser war nun so arm geworden, dass er beschloss, den Hof einige Zeit allein zu bewirtschaften. Seine Frau und seine Kinder brachte er bei Verwandten unter, die versprachen, gut für sie zu sorgen. Auf dem Rückweg von seinen Verwandten sah er am späten Abend den Müssenberg in seltsamen Licht erglänzen. Ein weiter Spalt zeigte eine erleuchtete, tiefe Höhle, und der Berggeist winkte dem Wanderer, dass er hineinkomme. Zögernd trat er ein und wurde in eine von Kostbarkeiten glänzende Grotte geführt. Dort stand auf einem Tisch zwei Kästchen, das eine aus Eisen, das andere aus Gold.

 

„Nimm das eiserne Kästchen und bring es deiner Familie“, sprach der Geist. „Und sage deinem Bruder, er soll sich das andere holen.“

 

Folgsam nahm der so Angesprochene das eiserne Kästchen, ließ noch einmal seinen Blick über die umliegenden Reichtümer schweifen und verließ dann die Höhle.

 

Zuhause angekommen, öffnete er das mitgebrachte Behältnis – und heraus fielen viele Goldstücke, mehr als er brauchte, um seine Schulden zu tilgen.

 

Am folgenden Tag erzählte er seinem Bruder das Ereignis und zeigte ihm zum Beweis der Wahrheit einige Goldmünzen aus seinem Kästchen. Da erwachte in dem bösen Menschen erneut die Gier, so dass er kaum den Abend abwarten konnte. Und als er zum Müssenberg kam, sah er auch wirklich die erleuchtete Höhle. Rasch trat er ein; stauend stand er wie sein Bruder vor den herrlichen Schätzen, doch Angst kroch in ihm hoch, als ihn die Stimme des Berggeistes aufforderte, das goldene Kästchen zu nehmen. Er fühlte das Unheil, doch gleichwohl ergriff er das Kästchen und eilte hastig hinaus. Dröhnend schloß sich die Höhle hinter ihm und erleichtert atmete er auf, glaubte er doch, der vermeintlichen Gefahr glücklich entronnen zu sein.

 

Auf seinem Hof öffnete er gierig das Kästchen. Aber anstelle der erwarteten Goldstücke züngelte ihm eine Flamme entgegen, die an dem Balken emporkroch und Haus und Hof verzehrte. Doch da trat sein jüngerer Bruder an ihn heran und bot ihm sein Gold an, damit das Anwesen wieder aufgebaut werden könne.

 

Als nun die Gebäude stolzer und schöner als vorher dastanden, erwachte im älteren Bruder erneut der böse Geist. Als er einmal einsam an seinem Tisch saß und überlegte, wie er die Rückzahlung des Goldes wohl vermeiden könne, da stand plötzlich das unheimliche Kästchen wieder vor Augen. Nun fasste er einen schrecklichen Gedanken: Er wollte das Kästchen in seines Bruders Haus tragen, damit dieses verbrenne. Doch kaum hatte er es ergriffen, um es fortzutragen, stolperte er auch schon, das Kästchen öffnete sich – und heraus kam die Flamme. Sofort ergriff sie ihn und er verbrannte.

 

Sein Bruder aber erbte den Hof und lebte noch viele Jahre mit seiner Familie glücklich und zufrieden. Nie vergaß er, den Armen von seinem Reichtum zu geben. Und wenn der Berggeist von Zeit zu Zeit über die Gipfel der Berge schaute, dann blickten seine Augen freundlich auf das stille Glück im Tal.

 

 

 

(nach Anton Steinbach, aus: Schulze, Wolfgang: Die schönsten Bergbausagen aus dem Ruhrgebiet, Essen 1981)

 

Liebe Gemeinde, „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“ Das ist das zehnte und letzte Gebot. Unzählig sind die Märchen, Sagen, Geschichten, Theaterstücke, Kinofilme die diesem Gebot nachgehen. Ich hatte ihnen heute die Geschichte vom „Geist vom Müssenberg“ mitgebracht. Eine alte Sage aus dem Raum von Arnsberg, von dem Lehrer und Volksdichter Anton Steinbach pädagogische zu einer lehrreichen, wenn auch ein wenig brutalen Geschichte weiter bearbeitet. Auch sie ein eingängiger Versuch dem Inhalt des Zehnten Gebotes nachzugehen, es zu befragen. Und, wie ich finde, kommt sie dem Gebot dabei sehr nahe. Wenn mal das allzu vordergründige pädagogische abklopft und den Kern in den Blick nimmt. Dafür müssen wir aber auch einmal das Gebot selber ein wenig unter die Lupe nehmen. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin zutiefst dankbar, das wir zwei Punkte aus dem Gebot heute herausstreichen können. Ich bin jetzt einfach mal so frei: die Frau und den Knecht. Sie gehören, der Herr sei gelobt dafür, heute nicht mehr zu den Dingen, von denen ausgegangen wird das sie zum Besitzstand gehören. Also zu  den Dingen, die ein freier Mensch zum Überleben und zur sozialen Sicherung seiner Existenz benötigt. Okay, ich muss zugestehen, natürlich erlebe ich auch immer wieder mal Ehemänner, bei denen das in Hinblick auf das eigenen Überleben und die Ehefrau doch noch sehr eng verwoben zu sein scheint. Gemäß dem Motto „Du Schatz, tut mir leid, dass ich dich schon wieder in der Kur anrufen muss, aber irgendwie hat das mit der Suppendose nicht funktioniert. Da stand was vom im Wasserbad erhitzen, von vorher öffnen stand da nichts. Hast Du gerade mal die Nummer von unserem Anstreicher.“ Ich denke, diese Spezie von Männern können wir heute mal ein wenig vernachlässigen und fest halten: Es geht bei dem Gebot um die Dinge, die einem Menschen ein Leben, ein Überleben in sozialer Sicherheit, in Freiheit ermöglichen. Die die elementare Grundlage für dieses Leben, was Gott für die Menschen will, bilden. Daher können und müssen wir sie auch heute mit anderen Begriffen füllen. Begriffe wie Arbeitsplatz, Wohnraum etc. Begriffe, die vielleicht nicht mehr ganz so handfest sind wie ein Esel, die wir aber heute dringend benötigen für ein Leben in Freiheit.

 

Und was soll das mit dem „Begehren“. Viele Köpfe habe schon darüber geraucht und ich muss ihnen sagen, auch ich habe heute darauf keine eindeutige Antwort. Es gibt da sozusagen ja zwei mögliche Wege. Der erste das ist der der moralischen Goldmedaille: „Begehren“ meint wirklich etwa in Sinne eines inneren Vorganges. So eine Art starker Wunsch in uns, das wir gerne hätten, was der andere hat. So ein Begriff wie „Neid“ geht vielleicht schon in diese Richtung. Dass das nicht gut ist, ist bekannt. Aber jetzt mal ehrlich, wer kennt, und wenn auch nur ganz kurz, nicht diese Momente in seinem Leben, wo der Neid sich in ihm meldet. Wer wird da aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Weg Nummer Eins würde sagen: Allein dieser Wunsch, den Neid zuzulassen ist der falsche Weg, stellt sich gegen das Gebot. Dabei hat dieses Verständnis von „Begehren“ gewichtige Fürsprecher, z.B. den Mann aus Nazareth, Jesus.

 

Weg Nummer Zwei, um das Gebot zu verstehen, ist eher der der Geschichte von den beiden Brüdern, die ich ihnen gerade erzählt. Verurteilt wird ja hier nicht in einer Art Seelenschau die innere Haltung des ledigen Bruders. Verurteilt wird, dass er wirklich so handelt. Dass er alles tut, um seinem Bruder die Lebensgrundlagen zu zerstören, zu entziehen und damit sein Leben im Letzten zerstören will. Er also den Schritt vom inneren Wunsch zur Tat geht. Er es wirklich tut, die Handlung vollzieht.

 

Der Unterschied zwischen diesen beiden Wegen ist mehr als ein theoretischer, mehr als ein akademischer. Denn hier im letzten Gebot steht sie noch einmal in aller Macht vor uns die Frage: Wie lebensnahe sind denn diese Gebote? Sind sie ein Katalog für moralische Olympiasieger, für Superhelden des Glaubens? Ein Katalog der Überforderung? Oder sollen sie Grundlage einer gelebten Ethik sein, dessen Ziel es ist, dem Willen Gottes möglichst nahe zu kommen? Dem Willen, dass eine Jede und ein Jeder in Freiheit und Gerechtigkeit sein Leben führen kann. Diesem Willem mit den Zehn Geboten nachzugehen, in all unserer Gebrochenheit, in unseren Halbheiten. Denn wieviel wäre doch schon gewonnen, wenn die Menschen sich dem geschilderten zweiten Weg des Verstehens des Zehnten Gebotes anschließen würden. Dann darauf verzichten würden, den brennenden Wunsch in ihrem Herzen die Taten folgen zu lassen und dem Nächsten seine Lebensgrundlage zu zerstören. Ihn in ein Leben in Unfreiheit und Ungerechtigkeit zwingen. Wie menschenfreundlicher wäre dann schon das Gesicht dieser Erde. Wie näher wäre wir dann schon an dem Geschenk Gottes in den Zehn Geboten: Ein Leben in der Freiheit,  für die er uns bestimmt hat.

 

Verfasst von: achterosten | 15. Januar 2017

Der König und der Kohl – Predigt zum VIII. Gebot (Exodus 20, 15)

Predigt zu Ex 20, 15 (II. Sonntag nach Epiphanias, 15.I.2017)

Liebe Gemeinde, zu Beginn eine kleine Geschichte: Da war mal ein Herrscher. Nicht irgendeiner Weltmacht. Nein, wenn man ehrlich sein muss, eher so eine Art Lokalfürst am Rande des Weltgeschehens. Für das Land und die Menschen die dort lebten ist das allerdings mal zweitrangig. Für sie gilt, egal wie groß und bedeutend oder klein und unbedeutend auch ihr Land ist: Er ist ihr König und sie seine Untertanen. Und das lässt er sie auch spüren.

Einer dieser Untertanen ist ein recht reicher Mann. Ihm scheint es gut zu gehen. Jedenfalls hat er einen wunderbaren Weinberg. Fruchtbar, jedes Jahr tragen die Stöcke herrliche Reben. Der Boden ist gut, die Sonne ausreichend. Es ist das Land seiner Vorfahren. Keiner kann sich noch daran erinnern, wann der Erste aus seiner Familie hier seine Harke in die Erde grub, Weinstöcke pflanzte und die Traubenernte einbrachte. Der Weinberg verhalf der Familie zu einem gewissen Wohlstand. Sein jetziger Besitzer musste nicht mehr selber die harte Arbeit ausführen. Dafür hatte er seine Leute, aber es war jeden Tag zu entscheiden, was zu tun war. Fast jeden Tag sieht er bei seinem Gang durch den Weinberg auch den Herrscher des Landes, denn sein Weinstock grenzt direkt an dessen Besitz. Aus den Augenwinkel sieht er wir dieser an seinem Weinberg vorbeigeht oder fährt. Hin zu irgendwelchen wohl wichtigen Gesprächen oder einfach auch nur um zu flanieren. Er versucht dann immer möglichst nicht im Blickfeld des Königs zu sein. Von den Herrschern dieser Welt gesehen zu werden, da muss nicht immer Segen darauf ruhen, so ist wohl seine Überzeugung. Heute aber gelingt ihm das nicht. Denn der König schreitet nicht an seinem Weinberg vorbei. Er bleibt auch nicht kurz stehen, um ihn betrachten, wie er es manchmal in der Vergangenheit gemacht hat. Nein, heute lenkt der König seine Schritte mitten in den Weinberg hinein, direkt auf ihn zu. Da gibt es kein Ausweichen, wohl oder übel bleibt er stehen. Sieht wie der König auf ihn zukommt. Ehrerbietig, aber nicht unterwürfig begrüßt er seinen Herrscher. „Einen schönen Weinberg hast Du. Sehr fruchtbar wie mir scheint. Und direkt neben meinem Palast. Um es kurz zu machen: Ich tausche mit dir. Du bekommst von mir einen anderen, besseren Weinberg am Rande der Stadt. Ich bekomme dafür deinen Weinberg. Kohl werde ich hier anbauen lassen. Guten, wohlschmeckenden Kohl.“ „Nein, mein Herr, das geht nicht. Das ist das Land meiner Vorfahren. Ich kann es euch nicht geben, selbst wenn ich wollte. Ich habe es von meinen Eltern übernommen, ich werde es an meine Kinder weitergeben.“ Erstaunt blickt ihn der König an, ein Moment des Schweigens legt sich über den Weinberg. Selbst die Grillen mit ihrem allgegenwärtigen Zirpen scheinen für einen Moment angesichts dieser Antwort zu verstummen. Wortlos dreht der König sich um, wie betäubt verlässt er den Weinberg, eilt in den Palast, wirft sich auf sein Bett. Als am Abend das Essen aufgetragen wird, liegt er immer noch so dort. Keinen Bissen bekommt er herunter. Immer wieder dröhnt diese Antwort in seinem Kopf. Aber er ist doch der König und er will diesen Weinberg. Er ist der König, der Herrscher! Er will diesen Weinberg! Kaum bemerkt er, dass seine Frau das Zimmer betreten hat. Er nimmt sie erst wahr, als sie ihn besorgt fragt, warum er nichts isst. Mit stammelnden Worten erzählt er ihr von dem Vorfall, von der unverschämten Antwort dieses elenden Weinbergbesitzers. „Aber ich bin doch der König und ich will diesen Weinberg für meinen Kohl!“ mit diesem Aufruf beendet er seinen Bericht. „Ja, du bist der König. Du wirst den Weinberg bekommen. Lass mich nur machen.“ Oh ja, seine Frau die wusste wie ein Herrscher zu regieren hatte, die beherrschte das Geschäft!. Sie schreibt einen Brief. An die obersten religiösen Führer. Es soll ein landesweites öffentliches Fasten geben und der Weinbergbesitzer, dieser geachtet Mann sollte dabei den Ehrenplatz erhalten. Nun aber das Entscheidende: Es gilt zwei Männer zu finden, die zu allem bereit sind. Auch dazu als falsche Zeugen aufzutreten. Die sollen aufstehen und den Besitzer des Weinberges beschuldigen. Er habe Gott und den König gelästert. Daraufhin soll er der einzig möglichen Strafe zugeführt werden: Der Todesstrafe. Sie versieht den Brief mit dem Namen ihres Mannes, des Königs, des Herrschers. Es kommt wie zu erwarten. Die religiösen Führer wissen, wie sie mit dem Willen ihres Königs umzugehen haben. Es wird ein landesweites Fasten ausgerufen. Der Besitzer des Weinberges erhält den Ehrenplatz. Zwei Männer stehen auf und beschuldigen ihn vor allem Volk der Lästerung Gottes und des Königs. Er wird schuldig gesprochen, vor die Stadt geführt und gesteinigt. Den Besitz des Toten, er steht offen für den Anspruch des Königs. Schon am nächsten Tag lässt er die Weinstöcke roden, den Boden bereiten für ein Feld voller Kohlköpfe. Ist er nun glücklich? Glücklich über diesen gelungenen Schachzug, eines uneingeschränkten Herrschers würdig? Vielleicht weiß er es selber nicht. Bis sein schärfster Kritiker sich angekündigt. Wieder so einer, wo es im Kopf des Herrschers dröhnt: „Aber ich bin doch König! Ich bin doch Herrscher!“ Diesen aber wird er nicht so leicht los. Freundlich begrüßt er ihn. Dann ergießt sie sich über ihn, trifft ihn wie harte Schläge. Die Kritik dieses Mannes Gottes, die Worte des Niederganges angesichts der Mordtat, angesichts dessen, dass der König und seine Frau sich zu Schreibtischtätern gemacht haben. Und alles für einen Kohlgarten. Für den Anspruch auf Land, das ihnen nicht gehörte. Brutal sind die Worte, die auf ihn niederprasseln. Die Frau, ihre Leiche werden die Hunde auf der Straße fressen. Alle männlichen Mitglieder der Familie werden den Tod finden. Der König windet sich unter diesen Worten, wird von ihnen, von seiner Schuld zu Boden gedrückt. Er will bereuen, er will zu seiner Schuld stehen. Aber wie, aber wie, der Besitzer des Weinbergs ist tot, er ist der König? Wie soll das gehen?

Wie die Geschichte endet? Der König wird überleben, aber alle nach ihm sterben. Sein Familie wird ausgelöscht. Das brutale Ende seiner Frau im Ende im Straßengraben hallt durch die Jahrtausende.

 

Liebe Gemeinde, es ist immer wieder faszinierend wie lebendig die Bibel ist. Dass sie kein Geschichtsbuch, keine bloße Sammlung von theologischen Richtigkeiten, sondern das Zeugnis unzähliger Gespräche untereinander. Genau das macht sie doch so lebendig, so kann sie Quelle des Glaubens sein für uns. Die Geschichte die ich ihnen gerade erzählt habe, sie ist genau das. Sie erzählt davon, welche Konsequenzen es hat, wenn das achte Gebot, bei dem wir heute sind, einfach beiseitegeschoben wird: „Du sollst nicht stehlen“. Und spart dabei nicht mit einer ordentlichen Portion bitterer Ironie: Ein Mord, ein verwüstetes Königreich, ein brutales Ende einer ganzen Herrscherdynastie wegen ein paar Kohlköpfen neben der Palastmauer. Sie erzählt uns aber auch von den Ursachen, die dazu führten. Und, was für mich das Zentrale dieses Gespräches zwischen dem Gebot und der Geschichte ist, sie erzählt davon, dass ein solches Gebot viel mehr ist, als eine einfache, billige Ermahnung für kleine Kinder und Konfirmanden. Das Gebot führt uns mitten hinein in unser aller Leben mit seinen dunklen Ecken, unseren Verstrickungen. „Du sollst nicht stehlen“ – das ist doch vielmehr als die billige Ermahnung, dass man im Supermarkt nichts mitgehen lässt oder nicht schwarz mit der Straßenbahn fährt. Es geht weit über diese oberflächlichen Appellen hinaus. Es bleibt nicht stecken in dem verzweifelten Versuch, dann doch die Welt irgendwie in schwarz und weiß, in Gut und Böse zu unterteilen. Dann müsste es vielleicht heißen „Du sollst nicht Klauen“. „Stehlen“ das führt tiefer, das umfasst das ganze menschliche Elend. Jenseits von Schwarz und Weiß. Dazu gehört die ganze Bandbreite, wie in der Geschichte des König Ahabs, die ich ihnen gerade erzählt habe. Das ist auch mehr als Diebstahl, das umfasst halt auch den Betrug. Und so führt es mitten hinein in die Abgründe des menschlichen Lebens, unseren Verstrickungen. Als ich mich hinsetze, um diese Predigt zu schreiben, ließ sich ein Präsident eines nicht ganz unbekannten deutschen Fußballvereines zum Thema „deutsche Sprache in der Kabine“ in den Medien aus. Man muss immer vorsichtig mit Vergleichen sein, aber auch sein juristisch bestätigtes Verbrechen stellt das vor Augen. Auch wenn es „nur“ um Steuerbetrug und nicht um einen Wirtschaftsmord ging. Auch dieser Fußballpräsident führte uns in seinen hellen, in seinen klugen Momenten in Interviews und Äußerungen in die Verstrickungen und Abgründe, die ihn dazu brachten, dass achte Gebot mit Füßen zu treten. In die Abgründe von Realitätsverlust und Sucht. In eine Geschichte, die es am Ende nicht mehr möglich macht zu einem einfachen Schluss a la schwarz-weiß zu kommen.

Diese Tiefe des Lebens umfasst das Gebot, in die Tiefen meiner, unserer Verstrickungen. Eröffnet den ganzen Horizont des menschlichen Lebens und zeigt, dass die Gebote vielmehr sind als ein einfacher Moralkatalog, sondern der Weg zu einem anderen Blick auf uns Menschen. Der Blick auf all die Schattierungen unseres Lebens, der weiß wie schwer Schuld und Unschuld oft zu trennen sind, der weiß um meine Abgründe, meine Verstrickungen und den Schmerz darüber. So der Weg zur Heilung ist.

Unsere Mütter und Väter im Glauben, die sich wie wir fragten: Haben die Gebote für uns überhaupt eine Bedeutung, kamen zu einem wunderbaren Schluss. Die Gebote sind für Christinnen und Christen eine Richtschnur. Eine Leitplanke bei der Frage was das gute und richtige Handeln ist. Sie sind aber auch und genau so der Weg zur Heilung. Denn dies ist der eine der drei Wege der Gebote, von denen unsere Mütter und Väter im Glauben sprachen: In uns das Verlangen, die brennende Frage zu entzünden: Was kann mich befreien aus meinen Verstrickungen? Aus all meinen Halbwahrheiten? Sie sollen uns nicht quälen, uns niederhalten, uns klein halten, sondern so uns führen auf den Weg hinaus aus all dem. So sind sie das Geschenk des liebenden Gottes, der um all unsere Abgründe, all unsere Halbheiten weiß. Der uns aus ihnen befreien will und kann.

Verfasst von: achterosten | 26. Dezember 2016

Gute Werbung – Predigt zu Jesaja 11, 1-10

Predigt zu Jes 11,1-10 (Christvesper, 24.XII.2016)

Liebe Gemeinde, nun ist er endlich da der Heilig Abend und nur eine kurze Zeit trennt uns vom erwarteten oder bei manchem dann doch leider auch befürchteten Abend. Vorher haben Sie aber alle heute noch hier Ihren Weg in den Gottesdienst gelenkt, was mich sehr freut. Und ich kann Ihnen versichern es ist alles da wie erwartet: Krippe und Weihnachtsbaum im festlichen Glanz, die Geschichte einer besonderen Geburt aus dem Lukasevangelium und – ich verrate da jetzt kein Geheimnis – wir werden auch zum Schluss noch „O du fröhliche“ singen. Eigentlich ging der Einstieg in diese Predigt nun anders weiter.

Sie werden es ahnen, ich hatte sie vor dem Verbrechen mit einem LKW in Berlin geschrieben. Bevor Menschen, die einfach nur auf einem Weihnachtsmarkt waren, um dort zu arbeiten, um es sich dort gut gehen zu lassen, ihr Leben auf brutale Art verloren haben oder verletzt wurden. Bevor aus abstrakter Bedrohung blutiger Ernst wurde. Ich möchte das jetzt gar nicht in aller Breite hier ausführen. Wir alle haben die Bilder, die Töne, die Worte der letzten Tage im Kopf. Wer weiß schon, welche noch dazukommen werden.

Kann ich da noch die Predigt halten, die für heute vorgesehen habe? Das waren meine Gedanken in dieser Woche. Um es kurz zu machen, es ist eigentlich die gleiche Predigt geblieben. Zu dieser Überzeugung bin ich gekommen weil eine Predigt keine politische Rede, auch keine persönlichen Ausführungen des Pfarrers zur allgemeinen Weltlage mit allem was dazu gehört ist und schon gar keine pädagogische Belehrung, sondern sie ist immer im letzten der Versuch Gottes Wort jetzt und heute zu verstehen. Und heute hören wir Gottes Wort von seiner Geburt mitten unter uns. Das habe ich versucht zu verstehen und Berlin hat diesen Versuch mehr bekräftigt, als dagegen zu stehen.

 

Liebe Gemeinde, und so will ich mich am Beginn dazu bekennen: Ich bin ein großer Fan gut gemachter Werbefilme Zurzeit bin ich Fan der Werbung einer Versandfirma, die vielen, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, als Ausgeburt des neuen Internetkapitalismus gilt. Aber das spielt jetzt mal gar keine Rolle, sondern nur der Film an sich. Ein wunderbarer Weihnachtsfilm… [Werbung Amazon Prime Imam Pfarrer].

 

Liebe Gemeinde, für mich ist das der Weihnachtsfilm 2016. Am Rande sei noch erwähnt, dass es sich dabei nicht um zwei Schauspieler, sondern tatsächlich um einen Pfarrer und einen Imam aus England handelt. Wer will, kann die beiden im Interview bei YouTube erleben. Wie könnte man gerade in diesen Tagen der Angst und des Hasses besser die Bedeutung des Geheimnisses der Heiligen Nacht für uns hier und heute darstellen? Wenn die Worte der Engel der Hirten auf dem Felde vom Frieden nicht leere Worthülsen sein sollen? Mehr als bloße Appelle?  Wenn es wirklich etwas mit uns, unserer Angst, unserer Sorge, unserer Freude, unserer Liebe zu tun haben soll.

Liebe Gemeinde, der Film, mag es der ein oder dem anderen auch zu vordergründig sein, von mir aus zu kitischg, er spricht von der Botschaft dieser Nacht: Frieden. Das ist das Geschenk dieser Nacht, die vor uns liegt. Das Geschenk Gottes als Mensch mitten unter uns. Geschenk und Frieden, sie sind seit jener Nacht unauflöslich miteinander verbunden, verknüpft. Und nur da wo sie sich verbinden können, Menschen sie so erfahren können da kann Frieden werden. Daher ist die Geschichte von Weihnachten, der Menschwerdung Gottes etwas völlig anderes als müde Appelle, die vielleicht noch unseren Verstand irgendwie erreichen, aber nicht mehr unser Herz. Und die schon gar nichts verändern. Dort ist Veränderung, wo Geschenk und Frieden sich verbinden, in unseren Herzen und in unserem Verstand. Das kann man nicht verordnen, nicht anweisen, nicht vorschreiben, nicht lehren, nicht wohlmeinend durch Appelle erreichen, das kann man sich nur schenken lassen.

Die Heilige Nacht ist der Ort dieses Geschenkes an uns Christinnen und Christen. Hier nimmt es seinen Ausgangspunkt zu unseren Herzen, zu unserem Verstand. Gott selber ist Mensch geworden, der Retter ist da – nicht mehr die Angst hat Macht über uns. Wir sind nicht allein, wir müssen im letzten keine Angst haben, sondern sind umschlossen, aufgehoben in dem Geheimnis dieser Geburt, dass in sich die Liebe trägt. Und Liebe ist nun mal das Beste aller Mittel gegen Angst vor was auch immer. Erreicht unsere Herzen dieses Geschenk, dann ist so etwas, was der Film uns zeigt nicht ein Wunschtraum des gelebten, alltäglichen Friedens, sondern Realität an jedem Tag. Frieden zwischen uns den Menschen, die wir hier zusammen leben, Frieden aus dem manchmal dann sogar mehr, Freundschaft werden kann. Wenn wir als Christinnen und Christen das Geschenk der Weihnacht, der Liebe in uns tragen, dann ist uns das auch möglich. Weil uns keine Angst lähmt, keine Angst unsere Sinne vernebelt, nicht Misstrauen und Hass nährt.

Daher können sich  und die Zeiten erfordern es, das auch so klar sagen zu müssen, daher können sich selbsternannten Retter des Abend- und Deutschlandes auch von mir aus auf alles Mögliche berufen: auf die angebliche Naivität der von ihnen so titulierten Gutmenschen, gerade jetzt auch nach dem Verbrechen von Berlin. Sie können sich auf die angebliche Weltverschwörung von wem auch immer, von mir aus auch auf irgendwelche krude Ideen vom deutschen Volk, deutscher Kultur oder was sie dafür halten berufen. Und mag es auch genug Menschen in diesem Lande und in Europa geben, die sie wählen. Aber auf eines können sie sich nicht, keinen Millimeter berufen: den christlichen Glauben. Den Glauben an das Geheimnis dieser Nacht. Mögen sie von sich glauben, sie würden für irgendwelche schweigenden, verängstigten Mehrheiten sprechen, mögen sie glauben sie sprechen für das Volk, was auch immer das sein soll. Eines tun sie bestimmt nicht: Im Namen dessen zu sprechen, der dort als Mensch unter uns geboren ist, Gott der Herr selber. Sie können auf ihre Fahnen schreiben was sie wollen, aber nie wieder werden wir es zulassen dass sie auf ihre Koppelschlösser „Gott mit uns“ schreiben. Denn das ist der Name des Kindes, das in dieser Nacht geboren ist: Immanuel, das sind die  hebräischen Worte für Gott mit uns, Friedefürst. Diese selbsterklärten Volkstribune aber leben von der Angst der Menschen und nähren diese Angst, aus der Misstrauen und Hass wachsen. Die Geburt des Immanuel in dieser Nacht aber verheißt uns das Ende aller Angst.

Gut, können Sie jetzt sagen, das gehört wohl alles  irgendwie zu einer Weihnachtspredigt. Der eine findet das jetzt vielleicht auch ein wenig provokativ oder weltfremd, angesichts, all der Toten, Verletzten, angesichts all der Bedrohungen, all der Unsicherheiten. Es wäre weltfremd, zu glauben, dass die Geburt in dieser Nacht Frieden in sich trägt. In sich die Botschaft trägt, die sich gegen alle Angst stellt. Es wäre dann weltfremd wenn nicht zwei Dinge in meinen Leben passiert wären: Das Geschenk der Liebe Gottes mit Herz und Verstand immer wieder erfahren zu haben, trotz allem Zweifel. Und das gerade mitten in der Welt, mitten in meinem Leben und oftmals gerade nicht in irgendeiner Kirche, sondern z.B. bei der Arbeit im Krankenhaus. Weil es sich verbindet mit der  Erkenntnis, die in dieser Nacht beginnt: Gott war als Mensch unter uns, schwach, schutzbedürftig. Ausgeliefert dem Hass, der Gewalt der Menschen und schließlich ihnen auch zum Opfer fiel. Sein Großes Trotzdem des Sieges des Lebens über den Tod aber dagegen setzt. Das ist alles anderes als weltfremd, sondern mitten in unsere Welt ist Gott gekommen. Mitten in ihre Brutalität, ihre Unerlöstheit, aber halt auch mitten in ihre Freude, ihre Lebendigkeit, ihren Spaß. Mitten hinein, ohne Wenn und Aber. Daher ist das Geschenk des Glaubens doch auch nur mitten in dieser Welt zu finden, inmitten unseres Lebens, mitten unter uns.

Und das andere, eng damit verbunden: Wenn ich gleich nach dem Gottesdienst nach Hause komme, werde ich wohl zwei Nachrichten auf meinen Smartphone haben. In beiden wird man uns ein schönes Weihnachtsfest wünschen. Ich werde mich freuen, diese Nachricht von zwei guten Freunden bekommen zu haben. Menschen, die mir sehr wichtig sind. Menschen von denen ich viel gelernt habe. Menschen, mit denen ich auch mal richtig vom Leder ziehen kann. Menschen, von denen ich große Gastfreundschaft erfahren durfte. Ach ja, antworten werde ich ihnen unterschiedlich: Dem einen werde ich schöne freie Tage beim Familientreffen wünschen, denn dafür nutzt diese muslimische Familie immer die Tage von Weihnachten. Dem anderen werde ich ein schönes Chanukkafest wünschen, das die Juden ab heute feiern. Dann werde ich meinem Herzen Gott danken: Für das Geschenk dieser Freundschaft und das Geschenk seiner Geburt. Und dann ist Weihnachten. Trotz allem.

Verfasst von: achterosten | 21. Dezember 2016

O Tannebaum – Predigt zu Ezechiel 17, 22-24

Predigt IV. Advent 2016 (Ez 17,22-24)

Liebe Gemeinde, ich will mal in die heute Predigt mit einem kleinen medizinischen Check einsteigen. Suchen sie doch mal ihren Puls, am besten direkt am Handgelenk. So, wenn ihn alle haben auf Los jeden Herzschlag mitzählen, ich stoppe die Zeit… Und, Stopp! 15 Sekunden sind um, jetzt nehmen sie die gezählten Schläge mal vier und schon haben sie ihren Pulsschlag. Und wie ist er? Vielleicht bei der ein oder dem anderen doch ein wenig erhöht? Das kann zwei Gründe haben: Erstens heute Morgen vergessen die Tabletten zu nehmen oder zweitens da kündigt sie sich schon langsam, sozusagen noch im Verborgenen an:  die Weihnachtsaufregung. Es ist keine ganze Woche mehr, dann ist er da der Heilige Abend, damit steigt die Weihnachtsaufregung und mit ihr langsam auch der Puls. Ich kann ihn ja noch ein wenig beschleunigen, denn was gibt es bis dahin nicht noch alles zu tun: Weihnachtskarten und –pakete sollten spätestens, aber wirklich aller spätestens am Mittwoch auf der Post sein. Hauptsache man hat immer noch ein paar in Reserve, irgendeiner den man nicht auf der Liste hatte schickt immer eine Karte und dann sieht man sich ja gezwungen, auch noch schnell eine zu schreiben. Dann sind hoffentlich schon alle Geschenke da, die gilt es noch einzupacken. Der Essensplan für die Feiertage ist zu klären, die Einkaufsliste aufzustellen und abzuarbeiten. Abhängig von der engen oder etwas weiteren Beziehung zum gutbürgerlichen Sauberkeitsideal könnte da auch noch eine vorweihnachtliche Grundreinigung des Hauses vom Keller bis zum Dach, samt Fenster und Vorgarten anstehen.

Ich sag es jetzt mal so: Das könnte eng werden bis Heilig Abend. Es ist zumindest ein sportliches Vorhaben. So kann aus der Weihnachtsaufregung dann doch Weihnachsstreß werden. Vor allem wenn man dann noch an die Feiertage selber denkt. Was kann da nicht alles schief gehen und die ganze Besinnlichkeit stören. Wenn man erst einmal an das alljährliche Zusammentreffen von Familienmitgliedern denkt. Das kann, ohne Frage schöne sein, das kann einen aber auch jetzt schon einigen Schweißperlen auf die Stirn treiben. Hoffentlich geht das gut. Ja, der Puls beschleunigt sich, der Blutdruck steigt.

Da ist es doch gut wenn man dann Momente hat, die einen wieder herausholen aus dem Weihnachtsstreß und –wahnsinn. Momente die die Dinge wieder gerade rücken, den Puls verlangsamen, den Blutdruck senken. Am besten gelingt mir das durch jahrelang eingeübte Rituale. Dazu gehören bei mir am 23.12. abends immer zwei Filme, jedes Jahr. Das sind jetzt keine cineastischen Meisterwerke, nein, nun wirklich nicht, aber für mich sind sie eine super Vorbereitung auf die Feiertage. Das eine ist die wunderbare Weihnachtsfolge der alten Fernsehserie „Familie Heinz Becker“  von 94. Das andere der Film „Schöne Bescherung“ von 89. Ohne jetzt in die Tiefe gehen zu wollen, beide Filme zeigen auf ihr Art und Weise, wie Weihnachten am Ende in einer mittelschweren Katastrophe mit zerstörtem Hausinventar und gestörtem Familienidyll endet. Auslöser auf jeden Fall ein viel zu hohes Maß an Weihnachtsaufregung. Beide Filme bewahren mich immer mit ihrem vordergründingen Humor dieser Gefahr zu erliegen.

Im Mittelpunkt in beiden Filmen steht, wo wie es bei der absoluten Mehrzahl der Haushalte auch ist: der Weihnachtsbaum. Eine harmlose Tanne im grünen Kleid, die zum Ort aller Hoffnung, aller seligen Erinnerungen, aber auch mancher etwas aus der Bahn geratenen Heiligen Nacht wird. Sie gehört einfach dazu zu Weihnachten und gehört unbedingt auch noch auf die Liste der Dinge, die ab morgen noch zu erledigen sind: Kaufen, Kugeln suchen, feststellen, dass die Lichter nicht gehen, im Baumarkt nur noch leere Regale mit Ersatzbirnen vorzufinden, auf LED umsteigen, feststellen dass die Batterien brauchen, hoffentlich gibt es die noch im Baumarkt… Sie sehen auch der Baum kann die Geschwindigkeit des Pulses durchaus anheben. Dabei sieht er so harmlos aus und später erst, wenn er so schön erstrahlt. Trotz allem Streß, der Baum gehört dazu. Ich darf da kurz aus der Homepage der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zitieren: Jedes Jahr werden zwischen 24 und 25 Millionen Weihnachtsbäume in Deutschland aufgestellt. Da kann doch mit Fug und Recht behaupten: Es mag ja viele Formen geben, Weihnachten zu feiern, der Baum gehört dazu! An erster Stelle natürlich die Nordmanntanne, der Baum für die Sensiblen unter uns, die das Stechen einer echten Blaufichte fürchten, dafür dann aber auch auf den Tannenduft verzichten müssen. Aber egal welcher Art, er gehört einfach dazu, zu Weihnachten, der Tannenbaum. Ein echter Exportschlage des Deutschlands des 19. Jahrhunderts. Der deutsche Prinzgemahl der englischen Königin brachte ihn in das Empire, ein deutscher Industrieller in den USA machte ihn dort wortwörtlich salonfähig. Und wir können uns jetzt auch einmal kurz auf die Schulter klopfen und das gerade im Jahr des Reformationsjubiläums: Wenn nicht alles täuscht, ist der Weihnachtsbaum ein echtes protestantisches Erfolgsprodukt. Denn die ersten historisch belegten Weihnachtsbäume tauchen im 16. Jahrhundert vor allem in tief protestantischen Gegenden auf. Die Katholiken hatten es mehr mit der Krippe. Sein Siegeszug war jedenfalls nicht aufzuhalten, selbst mit höchsten literarischen Weihen versehen; findet er doch sogar bei Gothes „Die Leiden des jungen Werther“ eine Erwähnung. Selbst ein altes viel gesungenes Liebeslied musste dran glauben, wurde vor über 150 Jahren seines alten Textes entledigt und schallt nun aus vielen Boxen und Kehlen als „O Tannebaum, o Tannebaum“. Ein Ende ist bei dieser Erfolgsgeschichte noch nicht abzusehen, er wird auch in absehbarer Zeit fester Bestandteil der Weihnachtszeit sein und damit Klammer auf – auch möglicher Auslöser mancher Weihnachtsaufregung oder sogar Weihnachtsstreß – Klammer zu. Und das gilt auch für unsere Kirchen, auch dort gehört er zum festlichen Inventar der Weihnachtsgottesdienste. Nicht auszudenken, wenn er dort nicht stünde!

Da ist es doch mal mehr als an der Zeit, ihn genauer in den Blick zu nehmen. Ich meine, wenn er doch so zentral ist und sogar in der Kirche an so prominenten Platz zum Stehen kommt. Ist das überhaupt angebracht? In der Bibel, wen wird es wundern, finden wir nichts zum Thema Weihnachtsbaum. Ist halt die falsche Region für das eher im Norden zu findende Tannengehölz. Auch die im Mittelalter zu findenden Bäume in Kirchen um den 24.12. herum passen nicht so ganz bei dem Versuch seinen prominenten Platz zu rechtfertigen: Die standen da, weil der 24.12. auch sozusagen der „Namenstag“ von Adam und Eva ist und der Baum an den Sündenfall erinnern soll. Sie wissen schon, die Geschichte mit dem Apfel. Der Apfel allerdings, der hat es dann doch an den Weihnachtsbaum geschafft. Ich muss also ein wenig weiter denken und komme dabei auf drei Punkte. Alle drei kommen zu dem Schluss, er steht gut dort, wo er an Weihnachten steht.

Der erste verbindet ihn mit so vielem anderen in der Advents- und Weihnachtszeit: das Licht! Kein Weihnachtsbaum ohne Licht. Kein Nachdenken über das Geheimnis der Geburt Jesu ohne das Nachdenken ob und wie diese Geburt Licht in der Finsternis ist. Licht, das von diesem Ereignis ausgeht, strahlt in die Dunkelheit. Das ist doch der tiefe Grund, warum uns von der Geburt und ihrer Verkündigung bei Nacht erzählt wird, warum uns von dem Stern, der den Weg zur Krippe hinweist, erzählt wird: Ein Licht in der Nacht, das die Dunkelheit durchbricht. Herausführt aus der Dunkelheit. Dort wo Licht ist, dort ist Sicherheit, Geborgenheit, Freude. Wie es, wenn es gut läuft, der Weihnachtsbaum ausstrahlt, so wie er dann vor uns steht oder in unserer Erinnerung an gute Weihnachtstagen. Licht, das warm strahlt, die Dunkelheit durchbricht.

Zum zweiten: Leben mitten im Tod. Der Winter hat alle Bäume ihres Laubes beraubt, keine Blüte weit und breit, kein Leben in den Gärten, in Wald und Flur. Trostlos und grau wirkt alles, leblose Äste strecken die Bäume in den grauen Himmel. Wie froh sind wir, wenn der Schnee all diese Trostlosigkeit, diese tote Landschaft mit einem gnädigen weißen Leichentuch bedeckt. Gibt es da überhaupt noch Leben, noch Hoffnung in dieser Trostlosigkeit? Wie gut tut da ein Zeichen des Lebens, ja jedes Zeichen des Lebens, so wie es eine grüne Tanne inmitten kahler Landschaft sein kann. Ihre grünen Zweige der Hoffnung ausbreitet. Es wäre jetzt allerdings zu simpel, so jetzt auch eine direkte Linie zum Geheimnis der Weihnacht zu ziehen. Der Tannenbaum sozusagen als Symbol des Lebens. Dass wäre zu einfach und würde weder zu unserem Leben noch dem Geheimnis der Weihnacht passen. Das Geheimnis der Geburt Gottes unter uns, dass in sich Verheißung des Lebens trägt. Aber es endet ja nicht mit dieser Geburt, sondern geht noch weiter. Weil auch unser Leben nicht einfach ist. Es ist viel komplizierter, viel verschlungener, viel schwerer zu verstehen. Warum der Weihnachtsbaum dann doch ein gutes Symbol ist und seinen Platz verdient hat? Weil man in ihn zwei Teile zersägen kann. In meiner Vikariatsgemeinde wurde der Weihnachtsbaum am 6. Januar aus der Kirche getragen und hinter das Gemeindehaus gelegt. Bis zum Palmsonntag. Dann wurden die Äste entfernt und der Stamm in zwei Teile zersägt, einen längeren, einen kürzeren. So trug man ihn wieder in Kirche – als Kreuz an Karfreitag. So war es allen vor Augen das Geheimnis unseres Glaubens, dass in Geburt und im Tod Gottes sich für uns alle das Leben findet.

Der Dritte Grund, der für den Weihnachtsbaum spricht: Da muss ich sagen, da ist die Nordmanntanne raus. Das geht nur mit der guten alten Blaufichte oder einer Kiefer. Denn die picksen auch ein wenig, so schön und harmlos sie auch von weitem aussehen, kommt man ihnen ganz nahe, dann gibt es den ein oder anderen Stich. Dann merkt man es dann doch, dass es nicht so einfach ist mit der weihnachtlichen Baumidylle. Und genau deswegen gehört der Baum an Weihnachten in jedes Haus und in jede Kirche. Denn der ehrliche Blicke, das Einlassen auf diese unglaubliche Geschichte der Krippe, der sehr jungen Frau und ihrem viel älteren Mann, ihrem Kind, Lohnarbeitern und Gelehrten, die einem Stern folgen, das alles sticht und pickst, ist auch alles ein wenig sperrig. Wehrt sich gegen allzu viel Idylle, aber auch gegen allzu einfache Erklärungen und Vereinnahmungen. Fordert heraus, stachelt uns, wenn es gut geht, im wortwörtlichen Sinne an. Und ist so vielleicht ein gutes Mittel, das bewahrt das die Weihnachtsaufregung in Weihnachsstreß ausartet. So wie es Heinz Becker so schön sagt, wenn er am Ende unter dem umgestürzten Weihnachtsbaum herauskrappelt, mit Nadeln übersät: „Echte Akkupunktur gegen Weihnachtsstress.“

Wunderbar, wenn der Baum so auch nun bei ihnen in den nächsten Tagen sie erinnert an das wundersame Ereignis Gottes, auf das wir zugehen. Die Freude, dass er Mensch unter uns wurde den Puls mehr steigen lässt als die Frage ob Gans oder Karpfen.

Verfasst von: achterosten | 20. November 2016

Die Klugheit und der Tod-Predigt zu Psalm 90, 1-17

Predigt zu Psalm 90, 1-17 (Totensonntag, 20.XI.2016)

„Harry Potter“ – das wird Ihnen heute Morgen sicherlich etwas sagen. Zumindest schon einmal davon gehört. Die Geschichte des kleinen Jungen Harry Potter, der ohne Eltern aufwächst und schließlich lernen muss dass er selber ein ganz besonderer Junge ist. Nicht nur ein Zauberer, sondern auch die entscheidende Person im Kampf gegen das Böse. Hier personifiziert durch den Magier Lord Valdemort. Die Bücher und natürlich auch die Filme begleiten ihn durch die Jahre hindurch bei diesem Kampf. Und halt auch dabei wie Harry Potter die magische Welt Stück für Stück entdeckt, ganz besonders in der Schule für Zauberei. Dazu gehören auch manch merkwürdige Wesen. So gibt es dort in dieser Schule Kutschen die anscheinend von alleine fahren. Kein Pferd ist zu sehen, aber trotzdem fahren sie. Plötzlich, als Harry nach den Ferien an die Schule zurückkehrt, sieht er, dass sie doch von einem Lebewesen gezogen werden. Kein anderer aber scheint dieses Lebewesen zu sehen. Aber er sieht sie. Erst nach ein paar Tagen lüftet sich das Geheimnis: Thestrale heißen diese merkwürdigen Wesen und sehen kann nur der sie, der den Tod gesehen hat. Sprich, gesehen hat, wie jemand stirbt. Harry musste diese Erfahrung machen und kann nun diese Wesen sehen. Man kann ja halten von den Geschichten um Harry Potter halten was man will, aber ich finde hier hat die Autorin Joanne K. Rowling ein passendes, ja anrührendes Bild gefunden, für die Veränderung, wenn wir einen Menschen haben sterben sehen. Dass wir etwas sehen, was zwar immer schon da war, wie diese Wesen, die die Kutschen ziehen, wir aber erst jetzt, nach dieser Erfahrung sehen können. So wie sie auch Harry nun erst sehen kann. Ich halte das für eine der tiefsten Wahrheiten unseres Lebens. Eine Wahrheit, wie sie auch die Beterin, der Beter des heutigen Psalms in Worte kleidet: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“

Viele Menschen habe ich sterben sehen. Menschen, von denen ich gerade mal den Name kannte, die ich nur in den letzten Stunden ihres Lebens kennengelernt habe. Menschen, die ich immer wieder über Monate in Krankheit und Sterben pflegend begleitet habe. Menschen, die nach und nach, bis zum letzten Atemzug immer weniger wurden. Menschen, die wie ein großer, kräftiger Baum einfach umgefallen sind. Menschen, die den Tod begrüßten. Menschen, denen man selbst im Tod noch ihren Kampf ansah. Menschen, die tot waren, aber Maschinen den Schein des Lebens noch aufrecht hielt, bis der Arzt mir zunicke und ich den Strom abschaltete. Menschen, deren Gesicht ich immer noch vor Augen aber auch viele, die ich längst vergessen habe. Und alle starben sie einen eigenen Tod, so wie sie ihr eigenes Leben hatten. Und mancher Tod entbehrte nicht einer verrückten, grausamen Skurrilität. Wie man es ebbend erlebt, wenn man so wie ich, zehn Jahre nebenbei in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Und natürlich erinnere ich mich noch an den ersten Toten.

„Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ Liebe Gemeinde, nur diese Erfahrungen haben mich diese tiefe Wahrheit dieses Satzes erkennen lassen. Die Begegnung mit der Endlichkeit unseres Lebens. Manchem mag das vielleicht zu banal sein, aber meine Generation ist mit diesem Wissen, dieser Wahrheit nicht mehr wirklich aufgewachsen. Sterben, das Ende unseres Lebens ist fast völlig aus unserem Gesichtskreis verschwunden gewesen. „Plötzlich und unerwartet“ – das sind Worte, die wir mit dem Tod verbinden. Aber nicht das Bewusstsein, dass wir jeden Tag auf ihn zugehen. Mit der Arbeit im Krankenhaus wurde diese Scheuklappe von meinen Augen gerissen. „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ – Es mag vielleicht makaber, vielleicht sogar pietätslos in ihren Ohren klingen, aber ich empfinde so etwas wie Dankbarkeit, dass ich das erfahren durfte. Denn oft, wenn ich, nachdem wir die Verstorbene, den Verstorbenen umgelagert hatten, die Tür des Kühlraumes schloss, wuchs es. Wuchs das Wissen, das eines Tages so sich auch hinter mir, aber schlimmer, die Tür hinter Menschen schließen wird, denen meine ganze Liebe gilt. Das hat mich für einen kurzen Moment traurig gemacht, aber es hat vor allem meine Sinne geschärft, für die Zeit, die uns noch gemeinsam verbleiben wird. Wie kostbar diese Tage sind, die Momente, die wir noch haben werden. Wohl wissend, dass einer von uns als erster gehen wird. Und als der Tag kam und ich auch diese Menschen habe sterben sehen, die ich liebte da war in aller Trauer, in allem Schmerz noch viel Raum für die Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Das Trauer und Schmerz diese Dankbarkeit nicht verdunkeln konnten, ich bin mir für mich sicher, lag an dieser Erkenntnis der bemessenen, endlichen gemeinsamen Zeit. Die viel länger war, als ich vorher zu hoffen gewagt hätte.

„Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ Noch etwas anderes, etwas entscheidendes hat sich auch geändert und auch das verbindet sich tief mit den Worten des Psalms. Klugheit beinhaltet Entscheidungen treffen zu können. Das menschliche Leben besteht aus der Fähigkeit Entscheidungen treffen zu können und zu müssen. Dinge zu tun und zu lassen. Um das zu können, müssen wir wissen, was wichtig ist. Also was wir tun. Entscheidend und davon nicht zu trennen, müssen wir wissen, was unwichtig ist, was wir lassen. Das zu gut zu können, dazu ist Klugheit grundlegend notwendig. Bitte jetzt Klugheit nicht mit Wissen, Intellekt oder Bildungsabschluss verwechseln und schon gar nicht mit Lebensalter. Man glaubt manchmal ja gar nicht, wie viele kluge Kinder und dumme Alte es gibt. Klugheit umfasst vielmehr, zu Wissen geronnen Erfahrung, die Verbindung aus Gefühl und Verstand. Das ist die Klugheit, die uns Entscheidungen treffen lässt, die uns unterscheiden lässt zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen. Für mich ist das Wissen um die Endlichkeit unseres Lebens eine der entscheidenden Grundlagen für diese Klugheit. „Was ist wichtiger: Zeit mit den Menschen die ich liebe oder Aufopferung für den Beruf.“, um mal eine der Fragen zu nennen. Und es tritt noch etwas hinzu: Wer um die Endlichkeit unseres Lebens, um die Begrenzung unseres Lebens weiß, der weiß auch darum, dass halt nicht alles möglich ist. Mir jedenfalls geht es so: Bei vielen Entscheidungen war das Wissen um diese Begrenzung ein wichtiger Moment und bei vielen Entscheidungen, hatte ich es leider nicht im Blick, was ich bedauere.

Zum letzten, zum Entscheidenden aber: Wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle um unser Ende. Es schlummert in uns und ist für vieles ja auch der Antrieb. Gerade auch zu Taten der Angst. Denn der Gedanke an das Sterben ist mit der Angst verbunden. Mal mehr oder weniger, aber sie gehören in gewisser Art und Weise zusammen. Vielleicht sogar noch mehr, wenn das Wissen um die Sterblichkeit verdrängt und überdeckt wird. Es macht uns Angst. Es macht mir Angst, zu wissen, dass ich noch an manchem Grab von geliebten Menschen stehen muss. Es macht mir Angst, zu wissen, das auch mir eines Tages jeder Atemzug ein Anstrengung ist, die über meine Kräfte gehen wird. Vielmehr noch, einfach um gefällt zu werden ohne Abschied nehmen zu können, ohne manche Schuld eingestanden, ohne manches Wort des Vergebens gesprochen zu haben. Angst führt in die Verzweiflung und in die Taten der Angst. Viel sind die Beispiel dafür in diesen Tagen in aller Welt, viele werden wohl die Beispiele in den Tagen vor uns sein, wenn sich nichts ändert. Die Psalmbeterin, der Psalmbeter wusste darum. So ließ er ihn auch mit der wichtigsten Aussage beginnen: „Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.“ – So beginnt der Psalm, der ja selber eine Hin- und Herbewegung zwischen Verzweiflung, Angst und Hoffnung, Zutrauen ist. Unter dieser Überschrift steht alles wenn ich dem Tod, dem eignen, dem der Anderen, des Anderen gegenüber stehe, ins Angesicht sehe. Ohne diese Worte wäre da vielleicht vor allem Resignation, Zynismus in mir. Der geschenkte Glaube, dass im Letzten Gott alles umschließt, „für und für“ sind die Worte des Psalms dafür, Leben und Tod, bewahren mich davor. In der Bewegung wie die Beterin, der Beter des Psalms zwischen Verzweiflung, Angst und Hoffnung, Zutrauen. Bewahren mich hoffentlich auch vor den Taten der Angst. Öffnen mein Herz und meinen Verstand für die wunderbaren Worte der Klugheit von Rose Ausländer:

 

Noch bist du da

 

Wirf deine Angst

in die Luft

 

Bald

ist deine Zeit um

bald

wächst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine Träume

ins Nirgends

 

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

 

Sei was du bist

Gib was du hast

Verfasst von: achterosten | 13. November 2016

Mal kurz was zum Thema Sex – Predigt zu Exodus 20, 14

Predigt zu Exodus 20, 14 (Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, 13.XI.2016)

Liebe Gemeinde, ein Dorf irgendwo in Deutschland in den Tagen vor dem Ersten Weltkrieg. In den Tagen als das lange 19. Jahrhundert mit seiner bürgerlichen Moral noch nichts von dem nahen Ende ahnte. Ein Dorf wie es an unzähligen Stellen in Deutschland in jenen Tagen hätte sein können. Alle gut evangelisch, Anstand und Moral bilden die Fassade. Dahinter in der Welt der Erwachsenen herrscht der Abgrund aus sexueller Ausbeutung, Missbrauch, brutaler Gewalt, Lieblosigkeit und Opportunismus. Die Kinder bestrafen die Erwachsenen auf grausame und brutale Weise für diesen Widerspruch zwischen sprichwörtlich gepredigter Moral und gelebter Lebenspraxis. Mittendrin der Pfarrer, Bewahrer der göttlichen Ordnung in dieser Welt. Er hält sich selber für einen strengen, aber gerechten Mann Gottes. In seiner Gemeinde und in seiner Familie. Das ist sein Verständnis der gottgewollten Liebe unter den Menschen. Umso mehr schmerzen ihn die offensichtlichen Veränderungen seines ältesten Sohnes. Immer blasser, kränklicher ist er geworden. Ein böser Verdacht wird im Pfarrherrn und Vater wach und so kommt es zum Gespräch im Amtszimmer oder sollte man besser Verhör sagen? Er erzählt ihm die Geschichte eines Jungen aus dem Nachbardorf, der wie der Sohn immer blasser und stiller wurde. Überall mit Pusteln überseht war und am Ende starb. Die Ursache steht für den Pfarrer unumstößlich fest: Der Junge ist der Sünde des Fleisches verfallen. Wobei er das noch umständlicher ausdrückt. Wir nennen das heute schlicht und einfach Selbstbefriedigung. Unter Tränen nickt der Sohn bei der Frage, ob er auch Zitat „diese Handlung“ an sich vorgenommen habe.

Liebe Gemeinde, um seinen Jungen vor dieser Sünde des Fleisches zu bewahren, wird der Pfarrherr seinem Sohn nach diesem Gespräch Abend für Abend die Hände fesseln lassen. Seien sie versichert, Wort und Tat des Pfarrer wie sie Michael Haneke in seinem großartigen Schwarz-Weißfilm „Das weiße Band“ zeigt sind damals absolut übliche Praxis. Selbst im „Evangelischen Erzieher“, einem Standartwerk der 50er Jahre, finden sich noch dezidierte Hinweise auf dieses Thema. Die Idee war die Gleiche, nur die Methoden weniger brutal, pädagogisch verfeinert. Spiegelbild einer völlig verqueren, körperfeindlichen und brutalen protestantischer Sexualmoral. Die sich vergangen hat an Körper und Seele von Kindern und Jugendlichen, sie gedemütigt hat, Narben geschlagen, die nie wieder wirklich verheilten. Unzählig sind die Belege dafür. Wer mag, darf gerne noch einmal zu Tilmann Mosers „Gottesvergiftung“ aus den 70er Jahren greifen. Alles Schöne, alles Lebendige, alle Liebe wurde der Sexualität ausgetrieben, bis nur noch eine freud- und lieblose Technik zur Triebabfuhr, Herrschergewalt des Mannes und Zeugung von Kindern übrig geblieben ist.

„Du sollst nicht ehebrechen“ – lautet das Gebot. Und es ist fast zum Verzweifeln, aber es ist so und ich stehe fassungslos davor, auch in diesem Fall ist das heutige der Zehn Gebote Teil einer fatalen Wirkungsgeschichte. Teil der christlichen Schuldgeschichte an den Menschen. Vermeintliches Fundament eines Hanges zur dauernden Thematisierung des Sexuellen bei gleichzeitiger Verdunklung des Themas. Hat man es irgendwie wenigsten schon mal akzeptiert, dass es Sex nicht nur während, sondern auch vor und nach der Ehe gibt, kann es immer noch ein Spießrutenlauf in einer Kirchengemeinde sein, z.B. als schwuler Christ, als lesbische Christin zu leben. Das Thema ist immer noch leider virulent in unseren Kirchengemeinden. Irgendwie kriegen wir es nicht so wirklich hin, das Thema einfach mal dort zu lassen, wo es hingehört: Hinter Schlafzimmer- oder auch hinter anderen Türen, also in der unverletzlichen Privatspähre unser Mitmenschen. Dabei ist es doch irgendwie kaum zu verstehen, warum dieses einfache Gebot ein solch fatale Wirkung erzeugen kann: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Das wars und dieses Mal gibt es noch nicht mal Übersetzungsprobleme. „Ehebrechen“ heißt „Ehebrechen“ – Schicht am Schacht. Auch nicht weiter verwunderlich, dieses Gebot in einer Zeit, damals wo fast allein die Familie der Garant von gesellschaftlichem Zusammenleben war. In einer Zeit in der es sonst kaum politische und gesellschaftliche Institutionen gab, die der Welt eine Ordnung geben konnten. Es ist nicht weiter schwer zu verstehen, das Ehebruch dann immer auch eine Gefahr für diese Ordnung darstellte. Es ist also vielleicht nicht allzu kühn zu behaupten, dass es hier weniger um die Fragen der Sexualmoral, sondern um den Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung geht. Wahrscheinlich auch, so kann ich mir vorstellen, weniger um die emotionalen Auswirkungen eines wie auch immer gearteten Ehebruchs..

Was das Thema Ehebruch angeht scheint also die Bibel relativ klar und eindeutig zu sein. Was das Thema Sexualmoral angeht aber gerade und das muss mal zur großen Enttäuschung aller ach so frommen christlichen Moralapostelinnen und Moralaposteln gesagt werden, fehlt es sonst an einer eindeutigen Position zum Thema Sexualität. Obwohl sich da explizite Aussagen an manchen Stellen finden. Machen wir doch mal einen kurzen, schnellen Ritt durch die biblischen Geschichten: Da hätten wird das Gebot versus Ehebruch in einer Zeit gelebter Polygamie, sprich ein Ehemann, mehrere Ehefrauen. Gleichzeitig finden wir die rechtlichen Regelungen für eine Scheidung. Da finden wir eine Prostituierte, die zur Heldin wird und den Israeliten die Eroberung Jerichos ermöglicht. Ohne das da auch nur irgendwie ein Halbsatz der moralischen Verurteilung zu finden ist, darüber wie diese Frau ihren Lebensunterhalt verdient. Da ist der größte König der biblischen Geschichte mit dem miesesten Ehebruch der Literaturgeschichte: Am Ende gibt es zwei Tote, den betrogenen Ehemann und das Kind aus der Nacht zwischen dem König und der Ehefrau. Dazu dann noch einen völlig verzweifelten, ziemlich selbstmitleidigen König. Und dann? – Ja dann wird aus dieser Beziehung der König geboren, der als der weiseste der Bibel gilt. Da haben wir wie in einem James Bond Film eine Frau, die Sex nur benutzt um den größten Feind des israelischen Volkes einen Kopf kürzer zu machen. Da sind Aussagen, die einen Ehebrecher für den absolut Vollidioten erklären. Da sind klare Sätze gegen jede Form der sexuellen Ausbeutung. Schließlich ein Jesus, der die Frau am Brunnen an all ihre gescheiterten Beziehungen erinnert, aber dessen einziger öffentlicher Kommentar auf die frisch ertappte Ehebrecherin ein fast gelangweiltes „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ ist. Fast schon lustig wie sich daraufhin Ratz, Fatz alle Männer, die gerade noch diese Frau steinigen wollten, in die Büsche schlagen. Und – zu guter Letzt – Texte die so voller expliziter Erotik sind, das sie eigentlich mindestens unter Jugendschutz FSK 16 laufen. Troztdem fanden sie Eingang in die biblische Sammlung, weil Menschen sie als Bild der begehrende Liebe Gottes zu seinem Volk, zu den Menschen verstanden. Und das waren jetzt nur sehr wenige Beispiele. Von einer eindeutigen Sexualmoral also weit und breit nicht wirklich was. Noch nicht einmal zum immer noch gerne heiß diskutierten Thema Bi- und/oder Homosexualität lässt sich was Eindeutiges finden.

Auf jeden Fall kaum Grundlagen für diese elende, bigotte und leibfeindliche christliche Sexualmoral, die bis heute wirkt. Woher sie dann aber kommt? Wir haben den seltenen Glücksfall der Kirchengeschichte vor uns, dass wir einen der Hauptübeltäter relativ klar benennen können: Augustinus, jenen Kirchenvater am relativen Beginn der Geschichte des christlichen Glaubens. Der hat nämlich praktischer Weise uns seine Autobiographie hinterlassen. Dauernd wurde der arme Mann vom schlechten Gewissen angesichts seines früheren Lebens geplagt. Zu diesem früheren Leben gehörte halt auch eine, ich will sie mal so nennen, lebendige Sexualität. Zur Eigentherapie dieser Gewissensbisse hat er den ersten Schritt auf diesem fatalen Weg des Christentum getan: Er verband theologisch den Gedanken der Sünde, unter der der Mensch und die Welt leidet, mit dem sexuellen Akt. Er war für ihn nicht nur Ort der gelebten Sünde, sondern sie wurde gleich auch im sündigen Akt der Zeugung an die nächste Generation weitervererbt. Schon dumm, wie manche Sachen auch bei uns in der Kirchen- und Theologiegeschichte gelaufen sind. Vor dort führt der Weg in das Amtszimmer des Pfarrherrn dieses deutschen Dorfes aus dem Film und von dort weiter zum heutigen Volkstrauertag. Denn der Macher des Filmes, Michael Haneke, versucht mit diesem Film eine Antwort auf die Frage nach den Gründen von Krieg und Diktatur in Deutschland zu finden. Die Generation der Kinder der Zeit des Filmes wird sie später stellen, die Generation, aus deren Mitte Tod und Verderben über ganz Europa kommen wird. Kinder, die nie lernen konnten, eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper, ihrer Sexualität aufbauen konnten. Die den Körper nur unter zwei Gesichtspunkten kannten: Schmerz erfahren und Schmerz zufügen.

 

Was am Ende bleibt ist die Frage: Wie kann sie dann aber aussehen, eine christliche Sexualethik, frei von Bigotterie, Unterdrückung, Ausbeutung und klebrigem Voyeurismus? Eine Sexualethik, die das Geschenk der Erotik, des Begehrens, des lustvollen Verschmelzen schützt und leben lässt? Vielleicht hilft es uns weiter, wenn wir dazu nicht nach expliziten Stellen in der Bibel suchen, sondern wahrnehmen zu was uns das Wort Gottes immer wieder aufruft: Liebe, Verantwortung, Ehrfurcht – die bestimmenden Größen der Beziehung, die Gott den Menschen zu ihm eröffnet, die bestimmende Größen der Beziehung, die Gott unter den Menschen eröffnet.

Wenn diese drei im Zentrum unseres Nachdenkens stehen, dann hört vielleicht auch endlich der komische Eiertanz der Unterscheidung zwischen Segnung und Trauung auf. Ja, dann tritt die Frage der sexuellen Orientierung in den Hintergrund und auch fast alles zu diesem Thema dahin wo es hingehört, hinter die Schlafzimmer- oder was auch immer für Türen. Wir könnten dann endlich entspannen und uns unserem eigentlichen Auftrag widmen: Nicht dem Blick durch das Schlüsselloch anderer Leute, sondern dieses drei – Liebe, Verantwortung, Ehrfurcht – jeden Tag mit Leben zu füllen. Damit Szenen wie die im Amtszimmer des Pfarrherrn endlich das bleiben was sie sind: Schwarz-Weiß und damit Vergangenheit.

Verfasst von: achterosten | 30. Oktober 2016

Mehr Frage als Antwort – Predigt zu Exodus 20, 13

Predigt zu Ex 20, 13 (XXIII. So n Tr, 30.X.2016)

„Du sollst nicht töten.“ Liebe Gemeinde, mit diesem Gebot geht er weiter, der Reigen der Zehn Gebote. Vier Wörter, das wars. Kurz und bündig. Ein Gebot dem wir doch alle spontan zustimmen können. Eines der Gebote warum gerne von der Universalität der Zehn Gebote gesprochen wird. Dass sie so eine Art Minimalstandard des menschlichen Zusammenlebens bilden. Eine Art Katalog der guten Sitten und des guten gemeinsamen Lebens. Wobei das heutige Gebot sozusagen diesen Katalog eröffnet. Erstens weil die Grundvoraussetzungen des guten Zusammenlebens ja nun zwangsläufig sein muss, das man sich nicht gegenseitig nach dem Leben trachtet. Zweitens weil nun ab diesem Gebot auch der liebe Gott nicht mehr auftaucht, jedenfalls wird er nicht mehr explizit erwähnt. Womit diese Gebote auch an die vermittelbar und einsichtig sind, die es so nicht mit dem Gott haben, wie ihn uns die Bibel präsentiert. Die letzten Gebote als Fundament der vielleicht etwas kindlichen Hoffnung, dass wenn sich daran alle hielten, würde das schon im Großen und Kleinen gut klappen auf dieser Welt. Und dass das so wird, dafür müssen wir uns alle immer nur ordentlich anstrengen. Leider klappt es nicht so einfach mit so einer Art Eins zu Eins Übersetzung der Zehn Gebote in das Leben. Sie sind nun dann doch nicht ein für alle Zeiten gültiger Moralkatalog menschlichen Verhaltens, sondern vielleicht, um mal einen alten nicht ganz so intelligenten Werbespruch aufzunehmen, mehr eine Geschichte voller Missverständnisse.

Ich finde, gerade bei dem Gebot „Du sollst nicht töten.“ wird das mehr als deutlich, gerade auch bei einem Blick in die jüngere Alltagsgeschichte unserer Kirchengemeinden.

Einige werden sich vielleicht noch an die Zeit erinnern als Worte wie Nato-Doppelbeschluss, Pershing II und Bonner Hofgarten die Gemüter von Christinnen und Christen landauf, landab bewegten. Der Kalte Krieg war mal wieder kälter geworden Ende der 70er, Anfang der 80er und eine neue Welle der gegenseitigen Abschreckung war geplant – gegen den massiven Widerstand aus der Bevölkerung. Die Hochzeit der Friedensbewegung der 80er Jahre nahm ihren Anfang, eine der größten Demonstration in der Bundesrepublik Deutschland fand im Bonner Hofgarten statt. Armeestützpunkte wurden auf kreative Art und Weise blockiert. Neben vielen anderen Organisationen waren es besonders kirchliche Gruppen, die dort sehr aktiv waren. Aus vielen Gemeinden war die Arbeit für den Frieden nicht wegzudenken, der Jutebeutel mit der Friedenstaube immer an der Hand und den Magenkiller Nicaragua Kaffee in der Tasse. Eine ganze Generation von Christinnen und Christen, Pfarrerinnen und Pfarrern ist dadurch geprägt worden und das bis heute. Wie stark, ist mir mal vor kurzem deutlich geworden, als bei einem innerkirchlichen Konflikt eine Teilnehmerin aufsprang und in den Saal rief: „Aber wir haben doch im Hofgarten den Kalten Krieg zusammen beendet.“ Ich will das jetzt mal nicht historisch kommentieren, aber es hat ein wenig die Augen geöffnet über die Zeit in den 80ern und ihre Bedeutung für unsere Kirchengemeinden bis heute.

Heute aber prägen ganz andere Themen die Diskussion und im Hinblick auf den Magen ist das nicht mehr der eigentlich ungenießbare Kaffee aus Lateinamerika, sondern viel grundsätzlicher. „Was bist Du denn so?“ – ist da heute eher die Frage, „noch Vegetarier oder schon Veganerin?“ Das Bewusstsein, dass Schnitzel nicht auf Bäumen wachsen, sondern Lebewesen dafür sterben müssen und vorher oft ein nicht allzu artgerechtes Leben hatten, es ist zumindest in einigen Bevölkerungskreisen angekommen. Und auch in den Kirchengemeinden. Ich erinnere mich gerne noch an eine hitzige Diskussion in einer Kirchengemeinde, ob beim Gemeindefest für die Vegetarier ein zweiter Grill aufgestellt wird. Für manche kam diese Frage knapp vor oder nach dem Untergang des Abendlandes.

Zwei Themen, die trotz mancher Realsatire zwar ernsthafter Diskussion wert sind, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Eigentlich – denn eines verbindet sie dann doch: Der Bezug auf das Gebot „Du sollst nicht töten“. Damals zu Lesen auf manchem Plakat im Hofgarten oder vor den Toren der Raketenabschussrampen. „Du sollst nicht töten.“ – Heute zu hören bei mancher christlichen Vegetarierin, manchem christlichen Veganer. Beides erst einmal nicht nur nachvollziehbar, sondern fast eine Art ethischer Mainstream, auch wenn sich mancher Fleischesser noch wehrt. Irgendwann ist er dann aber da, der Augenblick wo ein bibelkundlich belesener Mensch aufsteht, der gerne vielleicht Fleisch isst oder anfangs der 80er in der Angst lebte, morgen steht der Russe vor der Tür. Dieser bibelkundlich belesner Mensch wir dann mit gewichtiger Miene kundtun: So könne man das leider nicht sehen, denn das sei eigentlich alles vor allem eins – ein Übersetzungsfehler. Eigentlich, ja eigentlich müsste das ja korrekt „Du sollst nicht morden“ heißen. Und das sei ja nun mal was völlig anderes als ein umfassender Begriff als Töten.“ Worauf dann die Diskussion einsetzt, ob nicht das Töten von Tieren dem Mord gleich zu setzen sei. Das will ich aber hier jetzt nicht weiterverfolgen. Ganz Unrecht hat unser bibelkundlicher Schlaumeier nicht. Das hebräische Original benutzt nicht das Wort, was unserem „Töten“ nahe kommt. Allerdings, und daher hat unser Schlaumeier auch nicht völlig recht: „Morden“ kommt dem Original schon näher, trifft es aber auch nicht zu hundert Prozent. Die größte Nähe zur Bedeutung hat man wohl, wenn man es, zugegeben etwas kompliziert, als „Form von nicht angeordneter bzw. nicht erlaubter Tötung“ versteht. Was jetzt wiederum auch nicht nur Mord umfasst. Außerdem kommt ja noch hinzu, dass „Mord“ in unserem Lande eine hochproblematische Vokabel ist. Immer noch gilt bei uns § 211 Strafgesetzbuch fast im gleichen Wortlaut von 1941, für die Roland Freisler, Vorsitzender des Volkgerichtshofes verantwortlich war. Ist schon irgendwie befremdlich wenn heute noch das Urteil „Mord“ gefällt wird nach Rechtstexten von Schreibtischmördern. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Am Schluss bleibt also die doch sehr ernüchternde Feststellung: Gegen die Atomwaffen und für den Vegetarismus mag ja manches gutes Argument sprechen, aber sich dabei auf das Gebot „Du sollst nicht töten“ zu berufen – das ist mal gelinde gesagt schwierig. Weil es nun mal kein universelles Gebot gegen das Töten ist, sondern gerade auf etwas spezifisches abzielt.

Dann schwant einem wohl auch, dass es mit der angeblichen universellen Gültigkeit der Zehn Gebote nicht allzu weit her ist. Sie wohl  nicht so als einfacher moralischer Grundlagenkatalog des menschlichen Lebens und Zusammenlebens gelten können. Sie vielleicht sogar mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Denn was eine „nicht erlaubte Tötung“ ist oder nicht, darüber lässt sich trefflich streiten und es muss auch darüber gestritten werden. Und nur so können doch auch die Zehn Gebote überhaupt Relevanz für unser Leben bekommen. Was sollte ich denn einer alten, sterbenskranken Frau sagen, die unsäglich litt und nur noch eins jeden Tag sagte: „Gebt mir doch eine Spritze.“ Sollte ich ihr einfach das Gebot vor die Füße schmeißen oder mich dahinter verstecken? Oder war nicht ein ganz anderer Weg notwendig, ein viel komplizierter, schmerzhafter, einer der mehr Fragen als Antworten hatte?

Und da will ich dann doch das ganz große Fass aufmachen: Für mich ist das alles ein besonders starkes Beispiel für eines der größten Missverständnisse unseres Glaubens, unseres Umganges mit ihm und mit dem Wort Gottes: Dass er, der Glaube, die eine gültige und unumstößliche Antwort auf die drängenden Fragen unseres Lebens sei. Und am besten natürlich die, die am besten zu mir und meiner gefühlten Realität passt. Wäre das ein lebendiger Glaube, wäre dann das Wort Gottes nicht mehr als ein passender Zitateschatz? Ein Fundus letzter Begründungen für meine Meinungen, meiner Sicht auf die Dinge? Die dann ja auch, wie praktisch, weil sie ja angeblich Gottes Wort sind, nicht mehr in Frage gestellt werden können. Was aber, wenn der der Glaube und das Wort Gottes genau das Gegenteil wäre? Wenn er vielmehr Fragen aufwerfen als einfache Antworten geben würde? Wenn wir mehr durch ihn in Frage gestellt werden würden, als bestätigt? Mehr lebendige Provokation als langweiliges Schulterklopfen? Das wäre ein Glaube von dem ich mich als erwachsener Mensch ernst genommen fühlte. Das wäre Worte eines Gottes, der mich als Gegenüber sieht, so wie es von ihm gesagt wird, das er uns nur ein wenig kleiner gemacht als er selber ist. Das wäre ein Geschehen, eine Beziehung voller Leben. Und genau das ist es doch, was schon in der Bibel ihren Anfang nimmt. Denn sie ist doch keine Sammlung toter Buchstabe, sondern sie ist der Beginn dieser lebendigen Beziehung, dieses Gespräches voller Leben. Sie fragt immer wieder selber nach, bringt andere Aspekte ein, unterzieht manch theologisch steile These der Überprüfung durch das Leben. Eröffnet so neue Perspektiven. Lässt uns leben im Glauben indem sie ihn immer wieder neu anfragt, anstatt nur gleichgültig zu sagen „Ist schon in Ordnung so wie es ist.“ Lässt uns leben im Glauben indem er mehr Frage als Antwort ist. Dem sich zu öffnen, schenkt neues Leben, schenkt neues Selbstvertrauen im Glauben. Kann uns dann auch tragen in den vielen manchmal schwierigen Fragen unseres Lebens. Gibt uns die Weite und Freiheit dann auch alle Aspekte zu sehen, auch die schmerzhaften. Holt uns aus dem kindischen Verhalten einer postfaktischen Zeit in die reife Partnerschaft von Vernunft und Gefühl.

Lassen sie mich im Hinblick auf unser heutiges Gebot mit zwei Zitaten aus der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ schließen. 99 Thesen zu der Frage „Was ist christlich?“ sind dort zu lesen. Zwei will ich laut werden lassen. Erst Christopher Dieckmann, Reporter der „Zeit“: „Christlich ist die Friedensbotschaft Jesu und das oberste Gebot „Du sollst nicht töten“ – wider alle Ideologie vom gerechten Krieg. Christlich ist Luthers Mahnung „Man lasse die geyster auf eynander platzen vnd treffen. Aber die faust halte stille.“ Das andere von Evelyn Finger, Ressortleiterin der Zeit für die Rubrik „Glaube und Zweifel“: „Für besonders christlich halten sich Europas Radikalpazifisten. Sie predigen gegen Waffen, als gehörte dazu Mut. Mutig aber sind Christen im Irak, die sich mit Waffen gegen den „Islamischen Staat“ wehren. Junge Kämpfer tragen als Tätowierung ein Kreuz. Es ist das Symbol für das Ende aller Gewalt. Trotzdem sie wütet weiter. Dieses Dilemma zu leugnen und anderen vom sicheren Hochsitz der Moral Pazifismus zu empfehlen ist nicht christlich, sondern brutal.“

Es liegt an Ihnen zu entscheiden, wer einem lebendigen, reifen Glauben, der mehr Frage als Antwort ist, nahe kommt.

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