Verfasst von: achterosten | 2. Februar 2020

Valter – Predigt zu 5. Buch Mose 30, 11-14

Predigt Einführungsgottesdienste Diakoniepfarrstelle (Dtn 30, 11-14)
Zu der nicht ganz unwichtigen Frage „Was ist Diakonie in 2020“ mal was aus der Abteilung Wissen zum Angeben auf der nächsten Party, der nächsten gemütlichen Runde im Freundeskreis: Der Film, den wahrscheinlich die meisten Menschen der Welt gesehen haben. Der so populär war und ist, dass nicht nur ein Bier den Namen der Hauptcharakters trägt, sondern auch eine Vielzahl von Männern ihn in ihrem Pass stehen haben. Der soviel Begeisterung auslöste, dass über eine Million Menschen den Schauspielerinnen und Schauspielern einen triumphalen Empfang am Flughafen bereiteten. Ein wahrer Kultfilm. Die Romantiker und Nostalgiker untern Ihnen denken jetzt vielleicht an „Vom Winde verweht“. Die auf Gnome mit eigenwilliger Grammatik und Herren mit komischen Helmen und schweren Atemproblemen stehen vielleicht an „Star Wars. Ich muss sie alle enttäuschen, keiner von denen ist es. Sie brauchen auch gar nicht heimlich zum Smartphone greifen, denn zumindest im deutschen Wikipedia werden sie ihn nicht finden. Das ist nämlich das kuriose an diesem Film, den wahrscheinlich die meisten Menschen gesehen haben: Kein Deutscher, keine Deutsche kennt ihn.
Dabei haben eine Vielzahl von Deutschen mitgespielt und auch sein Titel klingt so wunderbar deutsch: „Valter brani Sarajevo – Walter verteidigt Sarajevo“. Der erfolgreichste jugoslawische Partisanenfilm aus dem Jahr 1972, mit einer riesigen Fangemeinde nicht nur auf dem Balkan, sondern vor allem in China. Die Story ist schnell erzählt: Der mysteriöse Partisanenführer mit dem Decknamen „Valter“ macht den deutschen Besatzungstruppen in Sarajevo das Leben schwer. Besonders bedroht er 1944 mit seinen Kämpferinnen und Kämpfern den geordneten Rückzug der Wehrmacht vom Balkan. Der SD Obergruppenführer von Dietrich wird nach Sarajevo gesandt, um Valter ausfindig zu machen und hinzurichten. Von Dietrich benutzt das gesamte grausame Besteck des deutschen Besatzungsregimes: Folter, Hinrichtung etc. Aber niemand verrät „Valter“, keiner gibt seinen Namen preis. Er kann weiter erfolgreich seinen Befreiungskampf durchführen. Weil er versagt, wird von Dietrich letztlich selbst von einem Gestapobeamten abgeholt, um ihn nach Berlin zu bringen. Auf einem Hügel über Sarajevo kommt es dann zu jener ikonenhaften Schlussszene des Films:

Schlussszene „Valter brani Sarajevo“ (43:11-43:49)

Was ist Diakonie 2020? Diese Szene steht mir bei dieser Frage vor Augen. Das ist Diakonie 2020! Das ist unsere Aufgabe hier und heute – unseren Beitrag dazu zu leisten, dass unsere demokratischen, freien Stadtgesellschaften stark sind. So stark, dass all die Hasspredigerinnen und -prediger der Blut- und Bodenideologien, all die selbsterklärten Volkstribune auf dem Tippelsberg in Bochum, auf den Ruhrhängen in Witten oder auf der Halde Hoppenbruch stehen, auf unsere Städte blicken und ihre Niederlage vor Augen haben: Ihre Saat ist nicht aufgegangen, ihr Versuch, die Menschen hier zu spalten, ihr Gift in die Herzen zu pflanzen ist gescheitert. Und wir, die Menschen, die in der Diakonie arbeiten, haben unseren Beitrag dazu geleistet. Nicht allein, sondern mit all den Menschen, die guten Willens sind, die das Gute für die Menschen wollen.
Das Gute für die Menschen wollen und tun, das ist gemeint mit „Gebot Gottes“, so wie es vorhin zu hören war. Das Gebot Gottes der die Liebe ist. Deswegen ist sein Gebot nicht irgendwo fern von uns, „sondern sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun.“ Darum gibt es die Diakonie, darum ist sie aber auch nicht nur ein Teil der Kirche, ein Vorfeld der Kirche in der Gesellschaft, sondern ihr Zentrum. Ihr Zentrum, in dem getan wird, was heute nötig ist, damit das Gebot Gottes Wirklichkeit wird: das Gute für die Menschen. Ein Leben in Freiheit und Frieden. Hier und heute, in Bochum, in Witten, im Ruhrgebiet.

Auf dieser Grundlage sind es in meinen Augen drei Punkte, drei Aufgaben, die sich uns stellen. An erster Stelle steht der Schutz der Menschen. Ein Großteil der Menschen, die bei uns Hilfe und Unterstützung suchen, ist nicht nur virtuell bedroht, sondern in zunehmenden Maßen ihre Gesundheit und ihr Leben. Die Zahl der Morde an wohnungslosen Menschen zum Beispiel ist hoch und steigt. Stammen die Täterinnen und Täter nicht aus der gleichen Gruppe, sprich, sind selbst wohnungslos, sind es Taten von Menschen rechtsradikaler Gesinnung. Wem das übertrieben oder zu einseitig erscheint, den möchte ich auch nur an eine Tatsache erinnern: Im Raum der Diakonie Ruhr, in Dortmund hat nicht nur der NSU getötet, sondern auch drei Polizisten und der Punker Thomas Schulz genannt „Schmuddel“ sind rechten Mördern zum Opfer gefallen. Ich muss hier auch nicht auf die täglichen Schlagzeilen über verbale und tätliche Angriffe auf vermeintlich „Fremde“ verweisen, die kennen Sie alle.
Darüber hinaus ist doch auch klar – wer vom „Völkischem“ schwadroniert, in dessen Ideologie ist kein Platz für Menschen mit Behinderung, mit Einschränkungen, mit Suchterkrankung.
Und so bedeutet Schutz für mich auch und das will ich hier so klar sagen: Menschen, die Feinde von Jüdinnen und Juden sind, die sich islamfeindlich äußern, die Menschen entmenschlichen können nicht bei der Diakonie mitarbeiten und sind auch keine Gesprächspartner.

Der zweite wichtige Punkt: Räume schaffen. Räume im Alltag der Menschen schaffen, wo ihnen Gutes widerfährt, sie sich begegnen können – und das auf die bestmöglichste Art und Weise. Jede, jeder von uns trägt den Samen der Abgrenzung in sich, der feindlichen Unterscheidung zwischen die und wir. Wer weiß, vielleicht wäre ich auch so ein kleiner, rassistischer Wutbürger geworden, wenn ich nicht an ganz vielen Stellen das Glück hatte diese Räume zu erleben. Räumen, in denen ich Menschen in all ihrer Vielfalt im alltäglichen Leben begegnet bin und mir dort Gutes widerfahren ist. Ich meine hiermit nicht jene ritualisierte „Begegnungsforen“, sondern im alltätlichen Leben. Wenn eine Frau mit Kopftuch aus einem Auto mit Diakonielogo steigt und den deutschen Rentner pflegt ist meiner Erfahrung nach meistens mehr passiert als bei jeder noch so gut gemeinten interreligiösen Podiumsdiskussion.
Aber es muss „gut“ sein, diese Begegnung, dieser Raum. Daher gehört das Stichwort „Qualität“ untrennbar dazu. „Qualität“ ist so auch ein Begriff des Glaubens, denn Gott will das Gute für die Menschen. Wir müssen gut sein und wir müssen daher alles dafür tun, dass Menschen, die in der Diakonie haupt- oder ehrenamtlich arbeiten, dies unter guten Bedingungen tun können. Dazu gehört der unermüdliche Einsatz für die Anerkennung all der Menschen, die bei der Diakonie tätig sind; Anerkennung, die auch monetär deutlich wird und sich in einer auskömmlichen Refinanzierung zeigt.

Als Dritter Punkt: Orte, Möglichkeiten schaffen, um Verantwortung für die Stadtgesellschaft wahrzunehmen. Wenn wir es als unser Ziel sehen, eine Stadtgesellschaft, die von Freiheit und gegenseitiger Achtung geprägt ist, mit zu schaffen, zu schützen und auszubauen, dann müssen wir bereit sein, Orte der Verantwortung zu schaffen. Das heißt Menschen, die Verantwortung wahrnehmen wollen, auch die Chance dafür zu geben. Menschen, die es für sich als gut und richtig erkannt haben, dass das, was ihnen Gutes widerfahren ist, was sie sich als Gutes erarbeitet haben, nicht nur bei ihnen bleiben soll. Viele Menschen zum Beispiel ernten jetzt und in nächster Zeit die Früchte des historischen Glücksfalls eines unglaublichen wirtschaftlichen Aufstiegs dieses Landes in den letzten 70 Jahren, die Früchte aber auch von persönlicher Arbeit und großem Einsatz in dieser Zeit. Sie sehen diese Früchte aber nicht nur als Ernte für sich und ihre Familie, sondern als Ernte, von der sie sich in Verantwortung nehmen lassen. Sie wollen an dieser Ernte andere teilhaben lassen. Sie beantworten so für sich die Frage „Was bleibt von mir?“. Diese Menschen müssen bei uns Orte und Möglichkeiten finden, durch eine Schenkung, eine Erbschaft das so tun zu können. Das mit der Ernte eines Lebens ein guter, ein wertvoller Beitrag geleistet werden kann zu einer starken Gesellschaft in unseren Städten, unseren Nachbarschaften.

Am Schluss möchte ich es dann doch so sagen, obwohl der Decknamen, den sich der echte Partisanenanführer Vladimir Perić gegeben hat für deutsche Ohren jetzt nicht so mitreißend klingt: Ich wäre gerne in diesem Sinne „Valter“. So wie sich die Menschen in Sarajevo im Angesicht des jugoslawischen Bürgerkrieges als die giftige Saat von Hass und Nationalismus aufging, an ihre Brust hefteten „Ja sam Valter“ „Ich bin Valter“. In diesem Sinne, mit diesem Signal zu wirken – als Mensch, als Pfarrer, als Mitarbeitender in einer Diakonie als Zentrum der Kirche. Diakonie und Kirche, die alles dafür tun, ihren Teil dazu beitragen, dass Bochum, Witten, das Ruhrgebiet ein guter Ort zum Leben ist, ein Ort ohne Angst, ohne Hass. So das tun, was im Herzen und Mund so nahe ist. Für mich ist es das Gebot Gottes.

Verfasst von: achterosten | 17. November 2019

Realität – Predigt zu Ijob 14, 1-17

Predigt zu Ijob 14, 1-17

Es ist Volkstrauertag. An vielen Orten jahrein-jahraus dasselbe Bild: Ein kleine Schar im grauen Nieselregen drängt sich um einen Stein, kurze Ansprachen, Kranzabwurf und wer es ganz traditionell mag darf auch noch dem „Ich hat einen Kameraden“ lauschen. Danach bleiben sie wieder allein zurück, die grauen Steine, die versuchen dem Tod von Tausenden irgendeinen Sinn zu geben. Auch auf unserem Friedhof ist da die Rede von Helden, Mut und Tapferkeit. Von den „Gefallenen“. Gefallen klingt gut, harmlos, ein Stolperer ins Gras und einer bleibt liegen, sanft. Was „Gefallen“ meint: „Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt. Wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind, sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch. Ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her, ein anderer geht zur Verbandsstelle, und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme. Wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht. Wir finden jemand, der mit den Zähnen zwei Stunden die Schlagader seines Armes klemmt, um nicht zu verbluten, die Sonne geht auf, die Nacht kommt, die Granaten pfeifen, das Leben ist zu Ende.“ Soweit Erich Maria Remarque zum harmlos klingenden Wort „Gefallen“.
Welches Angebot machen die grauen Steine um mit dieser Realität umzugehen, den Schmerz auszuhalten angesichts von unzähligem Leiden? Welches Angebot machen sie angesichts dessen, dass die jahrzehntelange Erzählung von der „sauberen Wehrmacht“ mittlerweile als das dasteht was es ist: ein Märchen vom sauberen deutschen Soldaten. Welches Angebot machen die grauen Steine? Das von Helden, Mut und Tapferkeit? Das ist ihr Weg um mit Leid, Trauer und Schmerz umzugehen, den brutalen Tod aufzuladen mit Sinn. Damit es irgendwie zu ertragen ist. Damit da endlich eine Antwort ist auf die bohrende Frage „Warum?“.
Mir ist er in den letzten Jahren auch immer wieder begegnet, dieser Wunsch, ja sogar diese Forderung an mich. „Es ist doch ihre Aufgabe die Antwort auf das Warum zu geben. Sie sollen doch die Frohe Botschaft verkünden.“ und dergleichen mehr. Ist der Inhalt der Frohen Botschaft die Antwort auf diese Frage? Ist die Frohe Botschaft das Beschönigen, ja sogar das Leugnen der bisweilen verdammt harten Realitäten des Lebens? Für mich nicht!
Und ich glaube ich kann das auf gutem biblischem Fundament sagen. Ich kann damit auch meinem Leitsatz für jede Predigt treu bleiben, die Worte Ingeborg Bachmanns: „Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, daß sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ Diese Worte Bachmanns gelten nicht nur für Schriftsteller, sondern für jede und jeden, die oder der das Wort Gottes auslegt.
Wo soll denn Trost und Hoffnung wachsen, wenn die Wahrheit verschwiegen, beschönigt und verborgen wird? Wo dann allerdings auch in Kauf genommen wird, dass die Wahrheit oft nicht das Einfache, sondern das Verschlungene, nicht das Ewige, sondern das immer wieder neu zu Suchende ist.

Der heutige Predigttext aus dem Ijobbuch ist einer der Steine in diesem, meinem Fundament. Und er bestätigt auch das, was ich zuletzt sagte: Der Text ist nicht einfach, nicht gerade, sondern verschlungen, suchend. So wie das ganze Ijobbuch aber ein Gespräch ist, so auch dieser Abschnitt. Und so soll er auch laut werden:

NN: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur kurze Zeit, ist aber voll Unruhe. Er geht auf wie eine Blume und fällt ab, er flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

NN: Doch du Gott tust deine Augen über einen solchen Schatten auf, indem du mich noch vor dir ins Gericht ziehst.

NN: Kann dann aber ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind des Menschen Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde allein bei dir und du hast dem menschlichen Leben ein Ende gesetzt, das er nicht überschreiten kann. Dann bleibt dir nur die Bitte an Gott: Blicke doch weg von dem Menschen, damit er wenigstens Ruhe hat, bis sein Tag des Gerichts kommt, an dem er sich wie ein Lohnarbeiter freut weil er seinen Lohn empfängt.

NN: Doch ein Baum hat Hoffnung. Auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Auch wenn seine Wurzel in der Erde alt
wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

NN: Das ist richtig. Aber: Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin. Kommt ein Mensch um – wo ist er? Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich zum Sterben niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen. Er wird nicht aufwachen bis der Himmel zusammenschrumpft, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

NN: Ach dass du Gott mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!

NN: Meinst du denn, ein toter Mensch wird wieder leben?

NN: Alle Tage in meiner Knechtschaft wollte ich aushalten, bis zu meiner Erlösung. Denn
Du, Gott, wirst rufen und ich dir antworten. Dich wird verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann wirst du meine Schritte zählen und nicht achthaben auf meine Sünden. Du würdest meine Übertretung in einem Bündel verwahren und meine Schuld übertünchen.

Das sind sie, die beiden Stimmen im Gespräch. Meine, die von der harten Realität des Lebens spricht, von der härtesten überhaupt: Die Zahl der Tage unseres Lebens ist begrenzt, die Zahl des Leidens, das uns in den Tagen widerfahren kann, nicht. Und am Ende bleibt nur der Tod.
Da ist die andere Stimme, die von Frau NN. Und was tut sie, diese Stimme? Versucht sie diese Realität zu beschönigen, sie zu verdecken oder gar zu leugnen? Versucht sie es irgendwie, diese Realität zu erklären, einen Sinn hineinzulesen, der darin überhaupt nicht zu finden ist? Ich weiß nicht, wie es ihnen ging oder geht, aber für mich gab es in den dunklen Tagen meines Lebens nichts Schlimmeres, als wenn dann einer, eine versucht hat noch in den ganzen Mist irgendetwas hinein zu erklären. Für das Ganze irgendeinen Sinn herbei zu dichten. Als wenn Elend, Leid vor allem eine pädagogische Veranstaltung wären damit wir was lernen.
Nein, diese Stimme leugnet nichts, versucht es nicht weg zu erklären. Sie stellt aber der schonungslosen Beschreibung der Realität drei Punkte an die Seite und macht sie so zur Wahrheit. Denn, dieser kleine Exkurs sei mir erlaubt, die alleinige Beschreibung von Realität ist noch keine Wahrheit, sondern erst der aufrichtige Versuch, die Realität verstehen und deuten zu wollen ist die Wahrheit.

Lass sie uns noch einen kurzen Blick auf diese drei Punkte werfen. Die drei die an die Realität unseres Lebens anknüpfen, sich mit ihr verbinden: Gott sieht mich, Gott verwahrt mich, Gott gedenkt meiner.

Gott sieht mich. – Er verschließt die Augen nicht vor der Realität meines Lebens. Gott schleicht sich nicht aus der Verantwortung, aber er nimmt mich auch nicht aus meiner Verantwortung. Daher der Ruf nach dem Gericht. Vor dem Gericht werden die Augen nicht verschlossen, nicht vor dem Elend, aber auch nicht vor der Verantwortung. Gott sieht mich – wieviel wert ist das in einer Gesellschaft, in der einer wochenlang tot in seiner Wohnung liegen kann?

Gott verwahrt mich. – Oftmals, wenn ich Menschen habe sterben sehen, nahe und ferne, was war dann das Erste an dem sich so etwas wie Trost festmachen konnte? Die Ruhe. Dass es diesem Menschen vergönnt war endlich Ruhe zu haben. Da beugt sich eine Frau über ihren verstorbenen Mann nach langer, oft nicht einfachen Ehe, in dem viel gesagt wurde, aber wenig von der Liebe die man zueinander hatte und sagt: „Nun kannst du schlafen.“ In Gott wird diese Ruhe gesehen, die Verwahrung, eine solche Ruhe, dass sie uns bewahrt sogar vor Gottes Zorn. Daher schrieben die Alten auf die Gräber „Ruhe in Frieden.“ Gott schenkt Ruhe – wieviel wert ist das nach einem letzten, harten Kampf?

Gott gedenkt meiner. – Vergessen werden, das Schlimmste was einem Menschen passieren kann und wieviel schlimmer, wenn er es sich für sich selbst wünscht. Wir führen viel den Begriff der Menschenwürde im Munde, zu recht, aber ein Punkt fällt mir zu oft dabei hinten runter: das Recht, nicht vergessen zu werden. So ist es die edelste Aufgabe, allen Opfern von Gewalt und Unterdrückung ihren Namen wieder zu geben. Auf dass sie nicht vergessen sind. Es ist der legitime Wunsch einer jeden, eines jeden, nicht vergessen zu werden. Eine Antwort zu bekommen auf die Frage „Was bleibt von dir?“. Gott vergisst mich nicht, weil er Verlangen hat nach mir als dem Werk seiner Hände – Wieviel ist das wert in einer Zeit, wo wir verzweifelt darum kämpfen, dass wir beachtet, nicht vergessen werden?

Die harte Realität des Lebens, mit ihr verbunden aber das Sehen, Bewahren und Erinnern Gottes – das ist die Wahrheit des christlichen „Trotzdem“, das ist die Wahrheit der „Frohen Botschaft“.
Wie schön diese „Trotzdem“ sein kann, dazu nächste Woche mehr.

Verfasst von: achterosten | 28. Juli 2019

Garten-Lust – Predigt zu Hohelied 4, 12-16

Predigt zu Hdl 4, 12-16 (Sommerkirche 2019)
Liebe Gemeinde,
kurze aktuelle Umfrage an diesem Morgen: Wer von Ihnen hat die Chance einen Garten zu nutzen – und mit Garten meine ich jetzt alles, vom 2 ha großen Grundstück bis zum kleinen Handtuchgarten auf den drei Sonnenblumen passen? Ich bin da jetzt noch neugieriger: Wer von ihnen hat den Garten am Haus? Gibt es Schrebergärtnerinnen oder – gärtner unter uns? Okay, wer von ihnen nutz den Garten als Gemüse- und Obstgarten? Wer als Blumengarten? Und wer als Ort wo vor allem der Grill und die Hängematte ihren Platz haben? Jetzt nähern wir uns langsam den Glaubensfragen an: Was ist für sie ein schöner Garten? Für wen ist es der „gepflegte“ Garten mit gestutztem Rasen und ordentlichen Rabatten? Und wer pflegt eher das Bild vom naturnahen Garten, wo es auch mal eine unordentliche Ecke gibt? Okay, keine Angst, ich frage jetzt nicht weiter, wer von Ihnen auch noch eifrige Leserin, Leser von „Landlust“ oder „Kraut und Rüben“ ist. Eine Frage will ich dann aber doch noch loswerden, die dürfen sie aber für sich in ihrem Herzen beantworten: Lieben Sie ihren Garten?
Mich können Sie nachts um drei aus dem Bett reißen und ich würde Ihnen diese Frage aus tiefstem Herzen mit einem „Ja“ beantworten. Ich liebe sie alle beide, die beiden Gärten, deren Pflege mir anvertraut war bzw. sind. Der eine in Kassel war ein Traum mit 2000 qm. Gemüsegarten, Pfingstrosen, Streuobstwiese, Gewächshaus, diverse exotische Pflanzen, die von Reisen der Besitzer in aller Welt zeugten und mittendrin ein Pavillon. Als die drei wunderbaren Menschen, die unsere Vermieterinnen und Vermieter waren, langsam zu alt wurden, übernahm ich nach und nach die Pflege. Aber nicht nur das war ein Traum, sondern vor allem das Vertrauen, das mir geschenkt wurde. „Du wirst das schon gut machen.“ Und so durfte ich mich ganz diesem herrlichen Stück Natur annehmen. Was allerdings, so viel Ehrlichkeit ist nötig, in einem Winter bedeutet, dass ich leider auch zum unbarmherzigen Jäger werden musste. Am Ende waren es über 60 Wühlmäuse, die ich aus den Fallen geholt habe – spätestens dann war mir auch klar: Gartenbau ist nichts für Pazifisten. Welch ein herrliches Stück Natur mitten in Kassel, welch ein Glück diesen Garten sechs Jahre pflegen zu dürfen. Der andere liegt hinter meinem Elternhaus, leider nur knappe 800qm, aber auch dort Platz für Obstbäume, Gemüsegarten, Teich etc. Ihn darf ich bis heute pflegen, dort säen, pflanzen und ernten. Ein Vorteil: Von Wühlmäusen blieb ich dort bisher verschont. Ich liebe diese Gärten aber nicht nur wegen der Natur, dem Lebendigen, der eigenen Hände Werk sondern weil in beiden auch immer etwas da war: Die Handschrift der Menschen, die ihn vor mir angelegt und gepflegt haben. Und man spürt das, ob da eine, einer mit der gleichen Liebe und Leidenschaft zu Werke gegangen ist, mit dem gleichen liebevollen Blick auf ihn geschaut hat. Ein Garten hat ein Gedächtnis – das tief in seinen Boden ragt. Sie glauben das vielleicht nicht, aber ich bin davon überzeugt: Sie spüren schon an der Beschaffenheit des Bodens, wie er gepflegt worden ist: Ist er locker durch unzähliges Bearbeiten und pflanzen, oder ist er bretthart. Sie können einem Garten die Liebe abspüren, er trägt sie in seinem Gedächtnis. Man merkt ob da eine, einer mit der gleichen Lust und Leidenschaft ans Werk gegangen ist.
Liebe, Leidenschaft, Lust und Garten – das gehört zusammen. Sie können im Garten etwas über die Liebe der Menschen erfahren, manchmal versteckt, manchmal ganz offen. Sissinghurst in Südengland, in Kent zum Beispiel. Ich war dort vor einigen Wochen in diesem berühmten Garten, zum Glück noch in der Vorsaison. Die Beziehung seiner Schöpferin und seines Schöpfers, der Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihres Mannes Harold Nicolson, sie ist in diesen Garten hineingeschrieben. Ihre Liebe zueinander, das unter sich sein, aber auch die Bereitschaft der beiden, dem anderen seine sexuelle Freiheit zuzugestehen, das Programm einer offenen Beziehung zu leben. Sie finden in diese Garten Ordnung, Ebenmaß, aber auch bunte, überbordende Vielfalt . Sie finden Abgetrenntes, Verborgenes und Offenes, Freies. So ist dieser Garten wie all die Briefe, die die beiden sich Zeit ihres gemeinsamen Lebens geschrieben haben. „Wir sind einander ganz sicher in diesem sonderbaren, seltsamen, distanzierten, intimen, mystischen Verhältnis, das wir außenstehenden Menschen niemals erklären können.“, so schrieb Vita Sackville-West an Nicolson.
Liebe zum Garten, aber auch die Liebe, die Anziehung, das Begehren untereinander werden spürbar in diesem abgetrennten Stück Welt – so wie es für Menschen immer schon war, unzählig sind die Zeugnisse darüber, als gestaltetes Stück Natur, in Bilder festgehalten oder in poetischen Worten wie diesen: «Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Born, eine versiegelte Quelle. Was dir entsproßt, ist ein Lustgarten von Granatapfelbäumen samt köstlichen Früchten, Hennasträuchern samt Narden, Narde und Safran, Würzrohr und Zimt samt allerlei Weihrauchgewächsen, Myrrhe und Aloe samt allerbesten Balsamsträuchern. Eine Gartenquelle bist du, ein Brunnen mit fließendem Wasser und Wasser, das vom Libanon strömt.» «Wach auf, Nordwind, und komm, Südwind! Laß duften meinen Garten, laß strömen seine Balsamöle! Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse seine köstlichen Früchte!»
Liebe, Garten, das gegenseitige Begehren zweier Menschen, die Erotik – das alles verbindet sich auch zu einem poetischen Werk in der Bibel, dem Hohe Lied. Eines jener kleinen Schätze im Alten Testament, die einen ganz anderen Blickwinkel eröffnen. Vielleicht, weil sie nicht schon unter religiöser Absicht geschrieben wurden. Wie ebbend das Hohe Lied – es ist erst einmal nicht mehr als die Sammlung ganz profaner Liebesgedichte mit zum Teil sehr expliziten erotischen Bildern. Wie Sie es ja gerade gehört haben, in dieser Verbindung von Garten, Liebe und Erotik. Bilder, die durch die Zeiten hindurch natürlich immer auch als anstößig empfunden wurden und werden. Die man lieber in der Schmuddelecke verbannt sehen möchte, nicht aber in einer moralisch sauberen, hygienisch völlig reinen „Heiligen Schrift“ in der bitteschön nicht von „Brüsten wie Rehkitzen“ die Rede ist. Für viele ein Unglücksfall der Glaubensgeschichte, dass dieser Text überhaupt in der Bibel zu finden ist. Für mich ist es geradezu ein Glücksfall! Denn es ist mit der Bibel wie mit einem guten Garten: Man spürt ihr ab, dass dort die Liebe der Menschen zu finden ist, die sie angelegt, die sie gepflegt haben. Dieses Stück erotischer Poesie, sie pflanzten sie in den biblischen Garten der Liebe. Mit dieser ganz der Lieben eigenen Mischung aus freudigem Erkennen des geliebten Gegenübers und der sehnsuchtsvollen Suche. Der berauschenden Nähe und der schmerzhaften Ferne, dem hellen offenen und dem dunklen, verschlossenem, der Freude und dem Leiden aneinander – sprich einer lebendigen Beziehung, jeden Tag anders, jeden Tag neu. Und die dabei das Wichtigste nicht vergießt: die Lust! Die Lust aufeinander, die Lust aneinander. Das Begehren des anderen, des geliebten Gegenüber. Das ist der Glaube: Die Frage Gottes an uns „Hast du Lust? Hast du Sehnsucht nach mir?“ So starke Sehnsucht, so starkes Begehren wie es im Hohen Lied in Bilder und Worte gefasst wird. Das ist für mich eine der schönsten, aber auch wichtigsten Botschaften der Bibel, der Glaubensgeschichte: Gott sehnt sich nach uns, wie eine Liebhaberin nach dem geliebten Menschen! Der Glaube, die Geschichten des Glaubens als einzige bange Frage Gottes: „Hast Du Sehnsucht nach mir?“ Und wie die Geliebte wirbt er um uns, hoffend, verzweifelnd und manchmal auch tobend.
Menschen haben diese Frage Gottes beantwortet, beantworten sie, machen so die Welt zu einem Ort wie einem guten Garten: Ein Ort an dem man spürt, dass Menschen ihm mit Liebe und Lust begegnet sind, diese Liebe sich tief eingegraben hat und Frucht bringt bis heute. Damit wir auch diesen Ort so weiter pflegen können und uns an ihm erfreuen. Mit Liebe, Lust und Sehnsucht im Herzen.

Verfasst von: achterosten | 30. Juni 2019

Familienfeier mit Gästen – Predigt zu Jesaja 55, 1-5

Predigt Jes 55, 1-5 (II. Sonntag nach Trinitatis, 30.VI.2019)

Versetzen Sie sich doch einmal in folgende Situation: Sie sind eingeladen zu einem großen Essen. Das lässt jedenfalls die Einladung vermuten, die sie erhalten haben: „Auf, ihr Durstigen, alle, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und eßt! Ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Verdienst für das, was nicht sättigt ? Hört doch auf mich, und eßt das Gute, und eure Seele labe sich am Fetten! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben!“ Das lässt doch hoffen, dass es ordentlich was auf die Gabel gibt und natürlich nur das Beste. Eingeladen haben ihre Eltern, die lassen sich nicht lumpen, das wissen sie. Ist manchmal mit ihnen nicht ganz so einfach, aber was solche Feste angeht – immer bestens! Sie gehen also von einer schönen Familienfeier im kleinen, gemütlichen Kreis aus. Als Sie allerdings den Festraum betreten, sind sie doch leicht irritiert. Am Tisch sitzen nicht nur all ihre Familienmitglieder, sondern auch Menschen, die Sie nicht wirklich kennen, die sich aber schon irgendwie ganz schön breit gemacht haben. Sie hatten sich auch schon über all die Autos draußen direkt vor der Einfahrt gewundert. Sie mussten drei Häuser weiter parken und durch den strömenden Regen laufen. Außerdem sollte das Fest erst in einer halben Stunde losgehen. Diese „Gäste“ aber waren nicht nur schon da, sondern hatten sich anscheinend schon reichlich am Buffet und der Bar bedient. Außerdem tragen sie teilweise Sachen, die eigentlich nur Familienmitglieder tragen. Sie können sich aber nicht daran erinnern, dass diese Menschen irgendwie zur Familie gehören. Da kommt auch schon Ihr Vater auf sie zu, leicht irritiert lassen Sie sich herzlich begrüßen: „Du, Vater, all diese Menschen…“ Ihr Vater strahlt über das ganze Gesicht, „Du weißt, wir haben mehr als genug, es soll für alle reichen, da habe ich einen von deinen Brüdern losgeschickt. Er hat sie in meinem Namen dazu eingeladen. Wirklich nette Leute…“
In diesem Moment haut Ihnen jemanden von hinten auf die Schulter, sie schauen in ein breit lächelndes Gesicht, dessen dicke Backen vermuten lassen, dass da gerade noch einiges vom Buffet verarbeitet wird. „Super, dass wir hier sind. Ganz toll, hätte eigentlich schon lange so sein sollen. Übrigens, ganz üble Geschichte mit ihren Großeltern, erzählen sie doch mal…“ Sie können nicht so ganz adäquat auf diese Form der Begrüßung reagieren, denn aus dem Augenwinkel sehen Sie, dass sich eine andere, Ihnen völlig unbekannte Person, direkt auf Ihren Stammplatz neben Ihrer Mutter gesetzt hat. Sie setzen sich also in Bewegung, bei aller Gastfreundschaft, das ist Ihr Platz und Sie haben sich schon lange darauf gefreut, mal wieder neben ihrer Mutter zu sitzen. Man sieht sich ja so selten. Am Stuhl angekommen sprechen Sie die Dame an, die dort Platz genommen hat und pausenlos auf ihre Mutter einredet. „Tschuldigung, ich bin der Sohn und das ist eigentlich mein Platz. Sie verstehen schon, Familie und so…“ Die Frau springt auf, schenkt Ihnen das breiteste Lächeln das möglich ist und nimmt Sie in den Arm. „Ich freue mich so. Das ist ihr Platz, das weiß ich doch, da habe ich höchsten Respekt vor, aber wissen sie, ich muss da ihrer Mutter einiges erzählen. Da hinten bei meiner Begleiterin ist auch noch ein Stuhl frei, die freut sich auch schon sehr mit ihnen zu sprechen. Übrigens, ganz schlimme Geschichte mit ihren Großeltern, ich erzähl ihrer Mutter gerade einiges dazu.“ Sie wollen etwas erwidern, was vielleicht nicht mehr ganz so höflich ist, da sehen Sie, wie Ihre Schwester Sie hektisch zu sich winkt. Kaum sind Sie bei ihr eingetroffen, hält sie Ihnen auch schon ihr Smartphone unter die Nase. Ein Bild ist zu sehen. Einige der fremden Gäste vor einem alten, beindruckenden Gebäude. So wie sie davor stehen scheint es ihr Zuhause zu sein, beeindruckend auf jeden Fall. Ihre Schwester vergrößert das Bild und was sie jetzt sehen, haut Sie um: An der Fassade des Hauses, kaum zu sehen, die Skulptur eines Schweines, genauer einer Sau. Darunter und dahinter drei Menschen, zwei saugen an den Zitzen der Sau und einer hebt ihren Schwanz und schaut ihr in den Enddarm. Der Hammer: Die drei Menschen, das sind eindeutig Mitglieder ihrer Familie! Am Haus der Gäste dieses Festes. Sie krallen sich den Erstbesten von diesen halten ihm wortlos das Bild unter die Nase. Der wird rot und windet sich: „Oh ja, ganz dumme Geschichte. Hängt da schon seit Urzeiten, haben unsere Vorfahren angebracht. Aber sehen sie“, und schon lächelt er wieder, „wir haben vor unserem Haus ein Schild angebracht, dass wir uns auf das Schärfste von diesem Bild distanzieren. Übrigens, das mit ihren Großeltern tut mir sehr leid. Mögen Sie erzählen?“ Bevor Sie irgendwas sagen können übertönt sie der Koch, der verkündet, dass leider schon das Buffet alle ist und an der Bar gibt es auch nur noch Wasser…

Wie würden Sie an der Stelle des Sohnes reagieren? Die Gäste gleich an die frische Luft setzen? Irgendwie das alles halbwegs höflich über die Bühne bringen, danach aber mit Ihren Eltern ein ernstes Wort reden, was das jetzt sollte? Eines werden Sie aber wohl nicht tun: Diese Menschen, bei aller Gastfreundschaft, wieder einladen. Davon gehe ich jetzt mal aus. Das verwunderliche, genau das geschieht aber immer wieder. Wer aber ist diese Familie, wer sind die Gäste? Das verrät der Text, der auf der Rückseite der Einladung stand: „Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu den unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David. – Siehe, ich habe ihn zu einem Zeugen für Völkerschaften gesetzt, zum Fürsten und Gebieter von Völkerschaften. Siehe, du wirst eine Nation herbeirufen, die du nicht kennst; und eine Nation, die dich nicht kannte, wird zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und wegen des Heiligen Israels. Denn er hat dich herrlich gemacht.“
Damit ist es klar: Die Familie – das sind die Juden, die Gäste – das sind wir Christinnen und Christen. Das war so und ist so. Dieser ewige Bund, von dem die Rede ist, ist der zwischen Gott und seinem Volk, den Jüdinnen und Juden. Wir sind die Gäste, unverdient, allein aus Liebe eingeladen, dabei zu sein, teilzuhaben an dem großen Fest zu dem eingeladen wird, dem Fest Gottes.
Und wie verhalten wir uns so als Gäste? Die Geschichte trifft es leider allzu häufig auf den Punkt und ich habe noch nicht einmal übertrieben. Ich habe es zum Teil selbst so erlebt, und so wird es mir auch immer wieder von Jüdinnen und Juden erzählt. Da werden in Kirchengemeinden Sabbatfeiern gemacht, mit allem was dazu gehört: Tallit, Kippa, Israelflaggen und auf dem Tisch liegt noch ein Stein aus dem Krematorium von Ausschwitz, um mal nur ein Beispiel zu nennen. Da meiden Jüdinnen und Juden den Synagogenbesuch wenn Besuchsgruppen angekündigt sind weil sie sich, leider zu recht, vorkommen wie im Zoo. Wissen Sie was meine Vermutung dabei ist? Bei uns ist bis heute nicht angekommen, was es für unseren Glauben bedeutet zu sagen, dass Gottes Bund mit den Juden unverbrüchlich besteht, dass Gott durch einen aus diesem Volk uns zu sich ruft, allein aus Liebe. Das ist kein theologisches Lehrwissen, nichts für mehr oder weniger theoretische Diskussionen – damit steht oder fällt der christliche Glaube. Es kann einen Glauben, dass Gott die Liebe ist, dass er sich unverbrüchlich den Menschen zuwendet nur geben, wenn er auf dieser Erkenntnis wächst, sich aus ihr speist. Wie könnten wir sonst guten Gewissens taufen, Menschen unter Gottes Segen stellen, wenn dies für uns nicht Grundlage unseres Glaubens ist? Wie dürften wir auf das alles hoffen, wenn wir nicht davon ausgehen würden, dass Gott treu ist, zu seinen Zusagen steht, die er seinem Volk gegenüber gegeben hat? Der Kernsatz unseres Glaubens, er wäre dann falsch.
Was aber bedeutet das für uns? Ich glaube, wir stehen bei dieser Frage noch ganz am Anfang. Zwei Konsequenzen aber lassen sich schon jetzt festhalten: Zu akzeptieren, dass wir Gäste sind und nicht zur Familie gehören. Das steht einer guten, gemeinsamen Feier nicht im Wege, ganz im Gegenteil. Das steht auch in keinster Weise dem entgegen, was uns in der Einladung aus dem Jesajabuch geschrieben wird, die ich vorhin vorgelesen habe. Das weiß aber um den Unterschied und respektiert ihn. Dann unterlässt man alles, was nur irgendwie nach „freundlicher Übernahme“, nach Gleichmacherei etc. riecht. Um es auf mal in einem Schlagwort zusammen zu fassen: Respekt! Zum zweiten und zum letzten: Der Kampf gegen den Antisemitismus ist dann keine unliebsame Aufgabe, der Frau, der Mann mit schlechtem Gewissen nachgeht, wegen der Taten unserer Vorfahren. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist unser Kampf, weil es dort wo er herrscht keinen christlichen Glauben geben kann. Der Antisemitismus zerstört die Grundlage unseres Glaubens! Wo gegen Juden gehetzt wird kann Gott nicht gelobt werden. Wo „Jude“ ein Schimpfwort ist, da kann kein Kind getauft werden, in der Hoffnung, dass es wirklich wahr ist, dass Gott uns trägt. Wo all die Klischees über Jüdinnen und Juden gepflegt werden bis hin zu irgendwelchen obskuren Verschwörungstheorien, also dieser ganze Alltagsantisemitismus, da kann das Wort Gottes nicht Wahrheit sein. Der Antisemitismus schneidet uns ab von dem lebendigen Wasser, dass uns Gott in seiner Einladung verspricht. Es ist aber auch dieses lebendige Wasser, das Wasser mit dem wir getauft sind, das Wasser des Glaubens das uns für diesen Kampf Mut, Entschlossenheit und Aufrichtigkeit schenkt. Dass es uns lehrt gute Gäste zu sein.

Verfasst von: achterosten | 2. Juni 2019

Die „zweite Luft“ – Predigt zu Epheser 3, 14-21

 

Predigt Eph 3, 14-21 (Exaudi, 02.VI.2019)

Kennen Sie die schwäbische Alb? Bis vor zwei Wochen ich auch nicht so wirklich, jetzt allerdings schon sehr viel genauer. Landschaftlich, muss ich sagen, wirklich reizvoll. Herrliche Natur, gerade jetzt im Mai, die blühenden Hochwiesen, malerisch darin immer wieder ein kleines Dorf mit allem was dazu gehört: Kirche, Gaststätte und ein kleiner Dorfbach. Einfach herrlich, zumindest wenn man Besucher ist. Wohnen möchte ich da nicht wirklich. Allein schon wegen der sprachlichen Schwierigkeiten, aber auch weil ich wohl nie verstehen werde warum an der Kehrwoche das Seelenheil hängt. Aber davon abgesehen, eine herrliche Gegend, die ich vor zwei Wochen zu Fuß erkunden durfte. Zwei Harken hatte dies allerdings: die schwäbische Alb ist, wie der Name schon sagt, eher hügelig, um nicht zu sagen, für einen typischen Bewohner der norddeutschen Tiefebene, gebirgig. Es geht also fröhlich rauf und runter. Punkt zwei: Mein Kennenlernen der schwäbischen Alp war von der intensiven Art, nämlich kein netter Spaziergang sondern eine – da eher ich zur Zeit eher untrainiert bin – erschöpfende Wanderung von 30km!
So, jetzt ein radikaler Ortswechsel, behalten Sie aber das Bild eines erschöpften Wanderers in herrlicher Landschaft vor Augen. Jetzt geht es um einen Ort, den sie alle kennen. Für Außenstehende wohl eher nicht unter der Überschrift „landschaftliche Idylle“, für uns hier aber ein Traum. Die Erzbahntrasse zwischen Westparkt und Rhein-Herne-Kanal. Herrliche Landschaft mit Förderturm und Bude. Am Sonntagnachmittag kein Durchkommen vor lauter Radfahrern, morgens herrlich leer. Dort will ich am besagten schlechten Trainingszustand endlich was ändern und gehe laufen. Start und Endpunkt Erzbahnschwinge. Hinweg immer locker flockig, Rückweg erst laut atmend, dann keuchend mit Zunge auf der Schuhsohle. Das letzte Stück zwischen Brücke und Erzbahnschwinge ist dann immer die ganz große Herausforderung – und dann gebe ich manchmal auf und gehe das letzte Stück eher gemütlich spaziere als wirklich laufen. Aber es ist auch immer so verdammt anstrengend: Schon so viel gelaufen, da kann man auch schon mal früher aufhören.
Ein Schwenk wieder zurück auf die Schwäbische Alp, Kilometer 25, das Gejammer und Gefluche habe ich schon vor drei Kilometern eingestellt, dazu reicht die Kraft nicht mehr, jedes bisschen Sauerstoff wird in den Beinen benötigt. Und – mache ich das gleiche wie auf der Erzbahntrasse, einfach aufhören? Natürlich nicht, es geht weiter – auch die letzten 5 Kilometer wird tapfer weitermarschiert und am Ende reicht die Kraft sogar noch für ein zufriedenes etwas schiefes Siegerlächeln.
Warum hier und nicht auf der Erzbahntrasse? Weil ich auf der Schwäbischen Alp nicht allein war – ein guter Freund aus Stuttgart war dabei, der ist durchtrainiert, Marathonläufer. Dass er dabei war, das gemeinsame Wandern, das hat eigentlich schon gereicht für das, was Sportler gerne hoch trabend die „zweite Luft“ nennen. Kennen Sie die? Das ist der Moment wenn sie schon eigentlich total erschöpft sind und dann doch noch mal so einen richtigen Schub kriegen, noch mal alles geben können. Doch noch mal auch über die 90. Minute hinaus über den ganzen Platz dem Ball hinter her rennen, sich zum letzten Sprungwurf hochschrauben, den letzten Pass präzise werfen wie keinen vorher oder halt wie ich auch die letzten fünf Kilometer durchhalten und am Ende mit einem schiefen Grinsen am Ziel stehen: „Geschafft – und das gemeinsam.“ Eines der schönsten Gefühle, die es für uns gibt.
Vielleicht auch der Grund warum Sport in unterschiedlichsten Formen immer schon zum menschlichen Wesen dazu gehörte. Das Erleben der „zweiten Luft“, der Gemeinschaft. Das Spüren von Kraft – Kraft, die aus einem selber kommt, aber die man sich nicht selber gegeben hat, sondern von außen angestoßen wurde, sich dem verdankt, was außerhalb von einem selbst ist. Weil man in diesem Moment mit seinem ganzen Wesen, mit jeder Faser eines spürt: Du bist nicht allein! Diese wichtigen Worte in diesem Moment Wahrheit sind: Du bist nicht allein! Das kann nur von außen kommen, dafür ist ein Gegenüber nötig.

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“ Ein paar Sätze aus dem Epheserbrief, die eigentlich genau das meinen, der Impuls von außen, der uns mit allen Fasern spüren lässt: Du bist nicht allein!
Aber – dabei sind wird doch genau das, allein in unserem Glauben. Wo ist denn Gott, wo ist der Auferstandene? Weit weg, soweit weg, dass wir dafür den fernsten und unklarsten Ort nehmen: den Himmel. Irgendwo dort, vielleicht. Das ist doch die Tatsache dieser Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – allein auf weiter Flur stehen wir da. Gott, Jesus Christus? Halt irgendwo dort, „im Himmel“. Verdammt weit weg! Viel zu weit für das Gefühl, nicht allein, von Gott verlassen zu sein. Zu weit weg auch um da irgendwelche Nähe konstruieren zu können, das Gefühl des Alleinseins weg argumentieren zu können. Aus unserer Kraft können wir sie nicht überwinden, diese endlose Entfernung. Aus uns selbst können wir es uns nicht sagen: „Du bist nicht allein!“. Es braucht etwas, was uns von außen gegeben wird, ebbend jene Kraft, von der im Epheserbrief die Rede ist. Jener Geist, der diese Kraft bewirkt. Der die „zweite Luft“ schenkt, der mit jeder Faser spürbar macht „Du bist nicht allein.“ Auf diese Kraft, diesen Geist warten wir. Nächste Woche wird uns erzählt, dass er da ist, dieser Geist, in uns. Bleibt sie nicht trotzdem, die Frage – diese Kraft, dieser Geist, wo soll er sein? Gottes Nähe? Ein wortwörtlich frommer Wunsch, oder etwa nicht? Wo soll ich was davon spüren?

Eine Frage, der ich ehrlicherweise gerne ausgewichen bin, erst langsam lerne ich, dass ich es schon gespürt habe, aber es so nie wahrgenommen habe, weil mein Blick in die falsche Richtung ging. Gestarrt in Richtung Himmel, diesen völlig offenen, undefinierten Ort. Von dort es erwartet habe und gar nicht gehört habe, die Worte der Männer zu den Jüngern als sie Jesus in den Himmel nachstarren: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und starrt gen Himmel?“ Dass dort nicht der Geist zu finden ist, sondern an ganz vielen anderen Orten, unter uns Menschen. Dass nicht von einem fernen Ort dieser Geist, nicht von oben, sondern von links und rechts neben mir. Auf unterschiedlichste Art und Weise, und wahrscheinlich niemals auf geraden, klaren Wegen, sondern krumm und verschlungen, so wie unser Leben ist. Mitten im Leben und doch so, dass das Leben über sich in diesem Moment hinauswächst, die „zweite Luft“ bekommt, spürt „Du bist nicht allein!“.
So will ich mit einem dieser „Orte“ schließen, der für viele jeden Samstag genau das ist. Es ist eine Schnulze. Eine Schnulze mit einer völlig verschlungenen und krummen Geschichte. Eigentlich ein Stück aus einem Musical, eine krumme Adaption von Liliome, ein Theaterstück, das heute auch nur noch Kennerinnen und Kennern etwas sagt. Ein Weg aus dem Budapest der K. und K. hin zur seichten Begleitmusik vor Spielbeginn in der Anfield Road in Liverpool. Von dort hin zu einem Lied das vielen Menschen genau diesen Geist, diese Kraft spüren lässt mit jeder Faser. Wohl auch, weil sie es gesungen haben angesichts von 96 toten Fans 1989 im Hillsborough Stadion und als sich im Westfalenstadion die Nachricht verbreitete, dass ein Fan während des Spieles einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hatte.

Wenn du durch einen Sturm gehst
Halte deinen Kopf oben und fürchte nicht die Dunkelheit
Ein goldener Himmel ist am Ende des Sturms
und das süße, silberhelle Lied einer Lerche

Gehe weiter durch den Wind
Gehe weiter durch den Regen
obwohl alle Deine Träume umgeworfen werden.

Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen

Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen

Verfasst von: achterosten | 28. Mai 2019

Religiöse Allergie – Predigt zu Johannes 16, 23b-33

Predigt zu Joh 16, 23b-33 (Rogate 26.V.2019)

Aus dem Johannesevangelium: „Und an jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. Bis jetzt habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude völlig sei! (…)An jenem Tag werdet ihr bitten in meinem Namen, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde; denn der Vater selbst hat euch lieb, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, daß ich von Gott ausgegangen bin. (…) Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden.“

Welche Allergien haben Sie denn so? Ist es das Gluten, Lactose oder Pollen? Wie sind die Symptome: Magenschmerzen, tränende Augen, juckende Haut? Ich leide ja sehr stark an einer schweren Form der religiösen Allergie, so eine Art Frömmigkeitsunverträglichkeit. Die sorgt in leichten Fällen nur für eine Art vorübergehendes inneres Jucken, in schwereren Fällen für ziemlich große, schmerzende Pickel auf der Seele. Am liebsten möchte ich dann laut werden und mir einmal kräftig Luft machen: „Was soll dieser verdammte Mist? Für was soll das jetzt gut sein?“ Macht man natürlich nicht oder zumindest nicht in der Öffentlichkeit, soll ja friedlich zugehen bei uns. Auslöser für diese schwere Form religiöser Allergie? Texte wie den, den Sie gerade gehört haben. Ich meine, was soll das? So Sätze wie „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. Bittet, und ihr werdet empfangen.“ Geht es bitte schön noch tausend Meilen entfernter an der Lebensrealität vorbei? Wie lang soll sie denn noch sein, die Schlange der Menschen, die das so ernst genommen haben? Ich will uns heute Morgen mal nicht komplett die Stimmung versauen und in die ganz großen Tiefen menschlicher Abgründe und menschlichen Leidens hinabsteigen. Denn es fängt doch schon harmloser an. Denn, das scheint doch auch klar, über was ist Gott am besten informiert? Natürlich über die schulische Karriere einer Unzahl von Menschen. Schlagartig steigt da vor jeder Mathe- oder Lateinarbeit die himmlische Sprechstundenfrequenz. „Lieber Gott, es muss ja nicht gleich die Eins sein, das wäre auch ungerecht, weil ich ja wirklich eine faule Socke bin, aber komm, eine vier wäre schon super.“ Und diejenigen die Gott nicht gleich für den Weihnachtsmann halten, versuchen es geschickter: „Lieber Gott, nein, ich bitte nicht um eine Note, sondern um die nötige Kraft und Konzentration für diese entscheidende Arbeit. Wäre es nicht gerecht, ich habe dieses Mal auch echt versucht zu lernen, aber du weiß ja, was alles dazwischen gekommen ist….“ Ich kann nicht abstreiten, dass in ganz verzweifelten Momenten meiner schulischen Karriere ich es auch nicht auf diese Art und Weise versucht hätte. Ergebnis: Mathe war und blieb für mich ein Tennismatch – keine Punkte. In Latein hat mir auch eher der Sachteil mit inhaltlichen Fragen den Hals und das Latinum gerettet. Göttliche Gebetserhörung, wie im heutigen Predigttext versprochen, – wohl eher nicht, wenn nicht eher sogar vielleicht überhaupt nicht. Und wie bereits gesagt, das ist die harmlose Variante der unzähligen, die zu Gott riefen und nichts empfingen außer, wenn es ganz mies lief – noch mehr Elend. Darum meine ausgeprägte allergische Reaktion auf Texte wie diesen, einen allergischen Schock kriege ich dann, wenn es dann noch die ganz speziellen Frommen gibt. Die dann anfangen, die Schuld dafür bei den Menschen selbst zu suchen, bei ihrem mangelnden Glauben oder ähnlichem. Selbst so erlebt. Ein großer Unglücksfall, ein junger Mensch schwer verletzt und es fallen Sätze wie „Wir haben nicht genug geglaubt.“, „Wir haben Gott / Jesus nicht genug geliebt.“ Ich will ja keiner und keinem zu nahe treten, aber das ist vor allem eines: Der Höhepunkt christlichen Zynismus und Menschenverachtung.
Diese meine religiöse Allergie hat über die Jahre zugenommen, je größer die Erfahrung, die Begegnung mit Menschen, gerade auch den Verzweifelten, war. Aber ehrlich gesagt, ich glaube diese religiöse Allergie ist ziemlich weit verbreitet und wahrscheinlich häufiger als Heuschnupfen. Und was schützt vor allergischen Reaktionen? Genau, die Vermeidung. Und so sind viele zu dem Schluss gekommen, das mit dem Beten und gleich mal auch mit Gott, dem Glauben lieber ganz sein zu lassen. Wer will es ihnen auch vorwerfen, die Erfahrungswerte, das Leben an sich spricht ja auch eher dafür.

Bei mir ist es der etwas andere Weg gewesen, der bei Allergien ja auch hilfreich sein kann – die Desensibilisierung. Man setzt sich immer wieder gewissen Dosen des Stoffes aus und hofft so, das sich die Allergie wenn auch nicht verschwindet, so doch bessert. Ich muss sagen: Hat geklappt bei mir. Wodurch? Durch intensives theologisches Studium? Leider nicht ganz, sondern es kam noch etwas anderes hinzu –ein Witz, sie mögen es mir verzeihen. Der ist nicht neu und ein klassischer Erzählwitz:
Gott selber erscheint im Traum einem christlichen Geistlichem und einem jüdischen Rabbiner. Beiden teilt er mit, dass es mal wieder Zeit für eine Sintflut sei, die er, Gott, Ende nächster Woche über die Menschen schicken wird. Der Geistliche und der Rabbiner seien von Gott ausgesucht worden, das den Menschen zu verkünden. Das alles teilt Gott ihnen in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit. Der Geistliche kann es also schon am nächsten Morgen verkünden. Um mit einem verzweifelten Aufruf zu enden: „Betet um Errettung, vielleicht können wir so den Entschluss des Herrn noch ändern.“ Der Rabbiner hat eine Woche Zeit zum Nachdenken. Er stellt sich am Samstag in der Synagoge vor die Gemeinde: „Der Herr hat eine Sintflut angekündigt, betet und – “ Kurze Pause. – „lernt Schwimmen!“
Dieser Witz hilft mir jedenfalls sehr bei meiner Allergie, denn er lenkt den Blick um, weg von der einfach Gleichung Bitte an Gott = Erfüllung. Er lenkt den Blick auf mich, die Menschen um mich herum, auf unser Handeln. Verbindet beides: Gebet und Tun! Beten und Handeln. Stellt beides in eine unauflösliche Verbindung. Durch unser Handeln wird uns geholfen, es liegt in meiner Verantwortung, in meinem Tun, dass was aus mir wird. Klar, kenn ich doch, wird jetzt jemand von Ihnen sagen: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“ Uralt, mindestens 2600 Jahre alt, aber genau das ist in meinen Augen nicht gemeint. Was wenn der Satz genau anders herum wahr ist, wenn es um das Beten und seine Konsequenzen geht? „Helft euch untereinander, so hilft euch Gott!“ Wie ich darauf komme? Weil Jesus im Zusammenhang des Betens von der Liebe spricht. Wie Gott diejenigen liebt, die ihn lieben. Und dass das der Schlüssel zum Gebet ist. Und das Kriterium für diese Liebe zu Gott? Fromme Sprüche, laute Bekenntnisse? Nein, sondern: „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ So sagt Jesus es seinen Jüngerinnen und Jüngern kurz vorher. Für mich ist es auch der einzig mögliche Schlüssel, jedenfalls der ohne allzu große allergische Reaktionen. Denn wo habe ich die Hilfe Gottes erfahren, im Gebet erschrien oder nur leise gehofft? In der Hand, die mir einer entgegenstreckte. Dort wo Gebete nicht Worte blieben, sondern Menschen zusammen es in die Hand genommen haben, für das einzutreten, für das sie beten. Wo sie auf das Gebet der anderen neben ihr gehört haben, sich haben anrühren lassen. Wo der Blick im Gebet nicht gen Himmel geht, der sich immer wieder als ziemlich leer erweist, sondern rechts und links neben sich, auf die, auf den neben mir mit ihrer Freude, mit seinem Leid. Wo es nicht bei Worten ohne Konsequenzen bleibt, sondern im Sprechen, im Schreien, im Flehen die Kraft wächst zu handeln. Die helfende Hand zu ergreifen, sie selber auszustrecken. Die Freude des anderen nicht zu stören, sondern als kostbaren Schatz zu schützen.
Dieser Gedanke „Helft euch untereinander, so hilft euch Gott“ – vielleicht ist es ja nicht nur ein Mittelchen gegen meine allergischen Symptome, sondern ein wirklich wahres, ein echtes Heilmittel.

Verfasst von: achterosten | 12. Mai 2019

Heldinnen des Lebens – Predigt zur Konfirmation

Predigt Konfirmation 2019 (Jubilate, 12.V.2019)

Liebe Konfis,
Ihr kennt das Spiel aus Gahlen. Ihr bildet zwei Gruppen, die eine auf der linken, die andere auf der rechten Seite, ich spiele eine Musik an und wer als erste Sagen kann, woher diese Musik stammt hat gewonnen.

Genau, Avengers, diese Filmreihe aus dem Marveluniversum. Der letzte Teil „Endgame“ bricht gerade alle Rekorde an den Kinokassen. Egal, ob Captain America, Iron Man, Hulk, Spiderman oder all die anderen – es geht um alles, wie immer, die Zukunft der Welt. Da braucht es ganz klar Superhelden. Ich selber bin ja eher DC-Anhänger und vor allem Fan von Batman. Aber auch da ist Rettung nur durch Superhelden möglich.
Ein Held zu sein? Eine, die für das Gute kämpft? Vielleicht ja doch der heimliche Traum von mancher von Euch, von manchem von uns. Vielleicht ja gerade kein Superheld, aber ein Held des Alltags. Eine, die im richtigen Moment das richtige tut, mutig, entschlossen. Vielleicht wie Abdul Aziz, der Mann, der sich dem rechtsradikalen Terroristen von Christchurch im März in den Weg stellte und so wohl noch weitere Tote verhinderte. Oder die Feuerwehrfrauen und -männer von Paris, die sich für den gefährlicheren, aber schonenderen Weg der Brandbekämpfung von Innen entschieden. Und zum Glück nicht auf den Twitterkönig aus den USA gehört haben und so Notre-Dame gerettet haben.
So ein Held zu sein, so im echten Leben vielleicht? Das wärs doch. Wie aber wird man so eine Heldin, so ein Held? Nun ja, Superheld wird man relativ leicht – es empfiehlt sich da die Aufnahme unbekannter chemischer Substanzen, das Verschlucken von radioaktiven Tierchen oder einfach bei der nächsten MRT Untersuchung den Radiologen bitten, mal das Gerät stundenlang auf volle Pulle laufen zu lassen. Heldin, Held des Alltags, des Lebens zu werden – das scheint nicht ganz so einfach, oder etwa doch?
Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat in einer der letzten Ausgabe dem Thema eine ganze Doppelseite gewidmet und wer „Die Zeit“ kennt weiß, das ist viel Text. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen schon länger der Frage nach, was unterscheidet die Heldinnen, die Helden des Alltages von denen, die nur dabei stehen, starr vor Schrecken oder mit abartiger Sensationslust? Was mich erstaunte, die Antwort ist anscheinend erst einmal relativ einfach: Es sind zwei Dinge, mehr nicht.
Das erste, es ist wenig erstaunlich: Es braucht Eltern oder andere Vorbilder die einer, einem Mitgefühl, Fairness und Verantwortung mitgegeben haben. Und – nicht unwichtig, das Gefühl durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Also ein Leben als Kind, als Jugendlicher das geprägt war durch Worte wie Toleranz, Eigenständigkeit und Selbstvertrauen. Ich denke, das sind doch auch Dinge die heute Morgen hier die Mehrheit von Ihnen unterschreiben würde. Als Fundament eines gelingenden Start ins Leben, als Fundament des Umganges mit Kindern, der Erziehung. Alles Gut bei diesem Punkt.
Nummer zwei dagegen, da wird es kniffliger. Denn noch etwas scheint viele der Heldinnen und Helden des Lebens, des Alltages auszumachen: Die frühe Erfahrung von Leid, von eigenem oder fremdem. Eigene Krankheit, Verlust eines lieben Menschen oder anderes was ihnen eines vor Augen führte: Das Leben ist zerbrechlich, gefährdet und wir brauchen in diesen Zeiten die anderen, die Menschen, die uns beistehen. Das ist jetzt mal nicht mehr so schön. Das lässt sich ja vielleicht auch noch verstandesmäßig nachvollziehen, vielleicht auch noch aufgrund eigener Erfahrungen im Leben. Spätestens bei der Konsequenz wird einem dann doch aber ein wenig flau im Magen. Denn heißt das nicht im Umkehrschluss – solche Erfahrungen sind notwendig? Es ist vielleicht sogar gut, dass Kinder, Jugendliche diese Erfahrungen machen? Nicht alles dafür zu tun sie davor zu bewahren, alles abzuwehren, sie zu beschützen? Klar damit ist jetzt nicht gemeint, junge Menschen bewusst dem Leid auszusetzen, es geht hier nicht um „Was uns nicht tötet, macht uns härter.“ Denn es geht nicht um Härte, ganz im Gegenteil, diese Heldinnen, Helden des Lebens, waren alles, nur nicht hart. Sondern sie ließen sich anrühren vom Leid, Elend, der Gefahr der anderen.
Aber wie reagieren Sie, wenn Ihr Kind eines Tages zu Ihnen kommt und sagt: „Du, ich mache mein Schulpraktikum im Altenheim, im Krankenhaus, in der Schlafstelle für Obdachlose. Ich mache mit bei der Freiwilligen Feuerwehr.“ Und Sie haben dabei eines vor Augen: Dort wird sie, er auf das Leid des Lebens unweigerlich treffen, in seiner ganzen Härte. Wie reagieren Sie?
Ich weiß es nicht, aber eines weiß ich: Der heutige Tag, die Konfirmation, Euer Ja zu Eurer Taufe, Euer Ja zum christlichen Glaube kann in sich das Vertrauen tragen. Das Vertrauen, sich nicht vor dem Leid der anderen zu verschließen, aber auch das Vertrauen, es mittragen zu können, damit umgehen zu können, daran nicht zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen. Das Vertrauen, dass Ihr Konfis in Euch tragt, aber auch das Vertrauen von Ihnen, liebe Eltern, Familienmitgliedern, Freunden: Das Kind hat etwas, was sie, ihn tragen wird in diesen Erfahrungen, ihr, ihm das nötige Maß an Mut und Kraft gibt.
Eure Bekenntnisse, Eure Konfisprüche, die Ihr selber geschrieben, Euch selber aus der Bibel gewählt habt, die sprechen genau davon: Von der Hoffnung, von dem Vertrauen, dass ihr Mut und Kraft im Glauben findet, ihr getragen werdet von dem einen Gott, zu dem Ihr Euch heute bekennt.
Noch etwas zum Schluss: All die, die Heldinnen und Helden des Alltages sind und alle, die sie erleben durften, haben, glaube ich, noch etwas anderes gelernt. Wie wichtig Tage wie heute sind, Tage des Feierns, des sich Gutgehen-Lassens. Weil sie erfahren haben, wie wertvoll das ist: Stunden, ein Tag, ein Augenblick des Lebens, der Freundschaft. Wie schön es ist, dass es Glauben, Gott gibt, das was uns trägt. Wie schön es ist, dass es wahr ist, was Abdul Aziz später in Christchurch sagte: „Ich bin kein Held. Es gehört zu unserer Menschlichkeit, dass wir anderen Menschen in Not helfen.“

Verfasst von: achterosten | 22. April 2019

Mahlzeit! – Predigt zu Jesaja 25, 6-9

Predigt Jes 25, 6-9 (Ostmontag 22.IV.2019)

Da gibt es dieses kleine Dorf. Umgeben von Festungen der Besatzungsmacht. Was die liebenswerten Bewohner des kleinen Dorfes nicht weiter stört. Ganz im Gegenteil, sind diese doch gerne auch mal Ziel gepflegter Ausflüge an die frische Luft und zur allgemeinen körperlichen Ertüchtigung. Was die Soldaten dieser Festung aber leider nicht ganz so positiv sehen, denn für sie bedeuten diese Ausflüge vor allem eines: tagelang Schmerzen. Ein idyllisches Dort, direkt am Meer, vom Wald umschlossen. Der auch gleich das Lieblingsessen der Dorfbewohner liefert, vor allem von einem. Dem sieht man es dann aber auch an. Von diesem Dorf starten er und sein kleiner, schnautzbärtiger Freund in alle Himmelsrichtungen der damals bekannten Welt.
Sie werden es erkannt haben, das kleine Dorf und seine beiden Helden – genau Asterix und Obelix und all die anderen Bewohner jenes kleinen namenlosen Dorfes am Rande von Gallien. Bestimmt kennen Sie da die ein oder andere Geschichte der beiden. Aber egal ob Rom, Ägypten oder gar das ferne Indien – das letzte Bild ist immer das Gleiche: Alle sitzen in einer großen Runde zusammen, es gibt Wildschwein ohne Ende. Man freut sich über die glückliche Rückkehr, genießt das Leben, die Freundschaft, das Zusammensein. Gut, das gilt nicht für alle – der Barde des Dorfes schafft es fast nie dabei zu sein. Warum bloß nur? Egal, denn wir haben heute Morgen genau das und nichts anderes als Asterix und all die anderen gemacht, auch wenn es kein Wildschwein gab.
Der Predigttext passt da auch wunderbar: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, daß er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; laßt uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«
Da lässt es Gott aber mal richtig krachen. Nichts mit Streuselkuchen und Tasse Kaffee. Hier wird richtig aufgefahren und nur vom Besten und hoch die Tassen. Das ist so einer der Texte wo ich das mit der protestantischen Leibfeindlichkeit endgültig nicht mehr verstehen kann. Denn was ist denn hier das Hoffnungsbild? Dass wir alle auf Wolken in ewiger Anbetung vor uns hin schweben? Nein, ein ordentliches Festmahl wir uns vor Augen gestellt. Ein Ort des Endes allen Elends, aller Trauer. Ein Ort, wo wir es uns gut gehen lassen.
Das ist doch einmal ein verheißungsvolles Bild einer Zukunft, das mir bedeutend näher ist als irgendwelche vergeistigten Bilder. Das ist doch mal was Handfestes. Und damit sind wir dann leider beim heutigen Tag. Ich sage ganz bewusst leider. Denn das ist doch das große Problem, was wir mit Ostern haben. Für die Jüngerinnen, für die Jünger war das ja anscheinend ganz „handfest“ mit der Begegnung mit dem Auferstandenen. Manchem vielleicht sogar zu „handfest“. Denn sie ist schon irgendwie ekelig die Vorstellung, dass der ungläubige Thomas da so mit seinen Fingern in der Seitenwunde herumprockeln darf. So „handfest“ hätte es vielleicht auch nicht sein müssen. Aber egal wie – diese Menschen haben eine so „handfeste“ Begegnung, dass es in ihre Herzen, in ihren Verstand gepflanzt ist: der Glaube, dass der, der ihnen gegenübersteht wirklich der ist, der so grausam hingerichtet wurde. Mit dem nicht nur ein geliebter Mensch, ein Freund, ein Lehrer starb, sondern auch alle Hoffnung. Auch aller Glaube, dass es wahr sein könnte, dass es kein ferner Gott ist, sondern ein naher, einer bei den Menschen, um es auch hier zu sagen: ein „handfester“ Gott. Keiner den man sich durch drei Mal um die Ecke denken selber konstruieren muss. All das hang dort mit am Kreuz und starb einen grausamen Tod.
Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist die Begegnung mit dieser Hoffnung, diesem Glauben und setzt sie ins Recht. „Es ist wahr was ihr in diesem Jesus gesehen habt. Das Gott nicht fern ist, sondern bei den Menschen. Das nicht all das Graue, das Tote, das ewig weiter so die Wahrheit über das Leben ist, sondern die Freiheit, das Leben selber.“ Das ist das was sie sehen, was sich in ihr Herz und Gedächtnis bei diesen Begegnungen an Ostern und in den Tagen danach brennt.

Da sag ich doch mal ganz flapsig: „Schön für sie, die Jungs und Mädels damals. Aber ich?“ Ich meine, da sind wir uns doch alle einig, solche „handfesten“ Begegnungen mit dem Auferstandenen, da sieht es doch seit knapp zweitausend Jahren eher mau aus. Jedenfalls wenn man es mit dem vergleicht, was uns da in den Ostergeschichten erzählt wird. Das ist doch, um es mal weniger flapsig zu sagen, nicht gleich das Elend, aber doch das Problem des christlichen Glaubens: Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass es bei uns nicht so „handfest“ wird, dass wir nicht eine so „handfeste“ Begegnung mit dem Auferstandenen haben. Wir müssen uns wieder mit drei Mal um die Ecke gedacht irgendwie Gott, den Glauben zurecht konstruieren?
Ich glaube wir müssen das gar nicht! Ich nehme den Predigttext mal ganz wortwörtlich: Ich glaube, wir brauchen nicht nach hinten schauen und die Jüngerinnen und Jünger an Ostern beneiden, wir brauchen auch nicht in die Zukunft schauen, wenn er dann wiederkommt, der Auferstandene. Wir brauchen nur ins Jetzt gucken! Dort wo es ganz „handfest“ zugeht, dort wo uns Gutes widerfährt. So wie ein gemeinsames Essen,, so wie wir es gerade hatten. Was ist angesichts des Predigttext so verwegen an dem Gedanken, dass wir das was uns dort verheißen wird schon heute genau in dem Beschriebenen erfahren können? Mir jedenfalls ging und geht es immer wieder so. Wie oft habe ich bei diversen Feiern für einen Augenblick genau das gespürt, genau das geglaubt. An ganz hochbedeutenden Punkten, wie bei unserer Hochzeit. Mal ganz abgesehen von all dem Schönen was sich mit diesem Tag verbindet, gab es da auch diesen Moment. Ich sah all die Menschen, die zusammengekommen waren, um uns, meiner Frau und mir alles Gute zu wünschen, die Hoffnung auf ein Leben in Liebe zu feiern. Da war der Jude, der Moslem, der Christ, die Serbin, die Kroatin, ganz nahe lag ihr Geburtsort oder tausende von Kilometern weg, aber sie waren alle da. Da war es für mich wahr: Der Friede, der uns im Auferstandenen verheißen ist.
Oder auch zum Beispiel die Minikirche im letzten Oktober. Am Ende der Minikirche war ein lange Tafel in der Kirche aufgebaut, alle hatten einen Platz gefunden, die Kinder, die Eltern, Großeltern. Die Tafel war gedeckt, die Kerzen brannten und durch die Reihen ging der Teller mit Brot, der Kelch mit den Weintrauben. Danach blieben wir sitzen, es gab zu Essen. Es war eine ganz besondere Atmosphäre. Da war es für mich wahr: Die Gemeinschaft, die der Auferstandene schenkt.
Dort ist er zu suchen, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft, der Auferstandene. Im „handfesten“ unseres Lebens. Und dann sind wir gar nicht mehr von den Jüngern entfernt, wie wir vorhin in der Lesung gehört haben. Auch sie erkennen den Auferstandenen erst dann als es „handfest“ zur Sache, sprich zum Essen ging.
So höre ich die Ostergeschichten: Ohne sie könnte ich nicht verstehen, was vor sich geht, in diesen Momenten, wenn es gut ist. Wenn er da ist, der gute und Hoffnung schenkende Moment, wenn die Hülle, die alles verdeckt weggenommen ist: Es ist der Auferstandene, dem ich begegne und damit aller Hoffnung, allem Glauben.
In diesem Sinne: „Guten Appetit“ oder von mir aus auch „Mahlzeit“. Denn beim Essen treffen wir nicht nur liebe Menschen, lassen es uns gut gehen, sondern haben auch gemeinsam Ostern.

Verfasst von: achterosten | 19. April 2019

Jesus in den „Honka-Stuben“? Predigt zu Johannes 19, 16-30

Predigt zu Joh 19, 16-30 (Karfreitag, 19.IV.2019)

Man kann es sich kaum vorstellen, wenn man ihn da so sitzen sieht. Ein Häufchen Mensch, für den um ihn herum alles irgendwie eine Nummer zu groß wirkt, für dieses Männchen. Schmalbrüstig, nicht mal 1,70 groß, ein Gesicht das einem irgendwie entgleitet, zur Seite verrutscht. Selbst das Schnurbärtchen, dieser schmale Strich über der Oberlippe bestärkt diesen Eindruck. Das soll er sein? Dass er hier sitzt, ist ein Zufall, so wie alles in diesem Leben Zufall gewesen zu sein scheint, nur niemals ein guter. Ein Brand in seinem Mietshaus, ein Brand wie er immer mal passieren kann. Nichts was gut ist, aber auch keine Katastrophe, kein Mensch kommt zu Schaden, es gibt keinen Totalverlust eines Hauses. Unerfreulich und gefährlich, aber Alltag für die Hamburger Feuerwehr. Ein Zufall und dann noch in der Zeit in der er noch nicht zurückkehrt ist von seinem Job als Nachtwächter. Alltag für die Feuerwehrleute – wenn da nur nicht dieser durchdringende Gestank wäre. Tod und Verwesung liegen in der Luft. Sie suchen nach Brandnestern, decken dafür das Dach ab, finden auch ein, zwei, aber vor allem finden sie die Ursache für den Gestank. In Säcken verstaute menschliche Körper. Es wird eine Zeit brauchen, bis man weiß, dass es drei Menschen waren, drei Frauen. Drei Menschen, die keiner vermisst hat. So wie wohl auch keiner ihren Mörder vermisst hätte – dieses Männchen, dass da in dieser Fantasieuniform eines Nachtwächters vor den Polizisten steht. Dieser Fritz Honka, der jetzt zum Segen aller Boulevardzeitungen inmitten des schlimmsten Sommerlochs wird. Jetzt haben sie die Schlagzeilen – das unscheinbare Männchen mit seinen „ungestalten, viel zu großen Mörderhänden, Monsterhänden“. Bis in die Tagesschau schafft er es. Fritz Honka, am Ende gesteht er, vier Frauen umgebracht zu haben. Er wird verurteilt, erhält nach dem Gefängnis eine neue Identität, lebt unerkannt in einem Altenheim – unauffällig. Am Ende geistig verwirrt holt er ihn wieder ein, dieses Mal allerdings nur in seinem Kopf, der alles durchdringende Geruch von Verwesung mit dem er jahrelang lebte, damals da in Hamburg.
Den zentralen Ort dieser Jahre, den „Lebensort“ von ihm und seinen Opfern, den gibt es bis heute: „Der goldene Handschuh“. Eine Kneipe mitten in Hamburg, wie eine Bucht, eine besondere Stelle an einem Strand an dem sich das menschliche Treibgut sammelt. Fritz Honka, seine Opfer, sie waren, sie sind die andere Seite der westdeutschen Aufstiegsgesellschaft. Die, die keiner damals sehen wollte. Die, an die sich heute keiner mehr erinnern will. Geboren in den 30ern und frühen 40ern des letzten Jahrhunderts, so wie ja nicht wenige heute Morgen hier. Hineingeboren in Unterdrückung und Gewalt. Kinder der Täter oder wie Fritz Honka, der Opfer. Sein Vater saß wohl als Alkoholkranker und Kommunist im KZ. Die Menschen im „Goldenen Handschuh“ sind aber die, die es nicht schafften. Die, die es nicht schafften, einfach zu vergessen, sich mit den richtigen Sachen zu betäuben, irgendwie es auf die Reihe zu kriegen. Von diesen Menschen erzählt Heinz Strunk in seinem Buch „Der goldenen Handschuh“ – nicht vom Frauenmörder Fritz Honka, sondern von diesen Menschen. Vor zwei Jahren ist dieses Buch erschienen. Ich habe es vor einigen Wochen gelesen. Keine leichte Kost, Strunk geht bis an die Schmerzgrenze und locker darüber hinaus. Ein Buch das mich seit dem nicht mehr los lässt. Gerade wenn in an den heutigen Tag denke – an Karfreitag.
Wissen Sie was mich am meisten an diesem Buch erschreckt oder besser verstört hat? Das waren nicht die Mordszenen, da gibt es brutalere in jedem zweiten Krimi. Auch noch nicht mal der bodenlose Abgrund aus Elend, Zerfall, der Kontrollverlust über Seele und Körper – das war immer wieder auch Alltag im Krankenhaus und manchmal auch an der Tür des Pfarrhauses. Nein, so schlimm, so grausam, das ist, nein, es war die Erkenntnis, dass diese Hölle der Dachgeschosswohnung Fritz Honkas auf dem gleichen Fundament steht wie die vermeintlichen Gewinnerseite der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Das Lieblingslied von Fritz Honka? Der Schlager „Es geht eine Träne auf Reisen“. Das Sofa von Fritz Honka? Über und über bedeckt mit den üblichen Stofffiguren und –püppchen wie sie alle in dieser Zeit waren. Die Frauen, die mit ihm mitgingen, um gegen Sex und Unterwürfigkeit eine oder mehrere Nächte im Trockenen und Warmen zu haben? Sie trugen die üblichen Kittelschürzen. Fritz Honkas oberste Maxime? Sauberkeit und Ordnung. Selbst die Sprache, die Bilder, sie waren mir beim Lesen nur allzu vertraut und versetzen mich in meine Kindheit, in die letzten Tage dieser westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Förderten damit auch wieder die Erinnerung zutage: Hatten wir sie nicht alle in unsere Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie? Die, die es nicht geschafft haben, das menschliche Treibgut? Über die nur mehr oder weniger verschämt hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde und wird? Natürlich nicht immer in der Drastik der Menschen im „Goldenen Handschuh“, aber die Grenze war dünner, als es viele sich einreden. Der „Goldene Handschuh“ ist weniger eine reißerische Erzählung über den Frauenmörder Fritz Honka als ein Spiegel westdeutscher Nachkriegsgesellschaft mit ihren Wirkungen bis heute. Wissen Sie womit sich Fritz Honka jahrelang herausreden konnte, wenn sich Menschen im Haus über den bestialischen Gestank beschwert haben? Mit dem Hinweis auf die griechischen Gastarbeiter im Erdgeschoss und dem, was sie angeblich so kochen.
Die Welt der Menschen im „Goldenen Handschuh“ ist keine Sonderwelt derjenigen, die man landläufig „als Bodensatz der Gesellschaft“ bezeichnet. Es ist das Elend jener Jahre, das sich nur im „Goldenen Handschuh“ soweit dreht, bis am Ende, denn so endet auch das Buch, der Wahnsinn steht. Und es gibt viele Drehungen, bis es soweit ist und vier Menschen tot sind. Oder waren sie es schon vorher? Inge, eine von ihnen hat darauf ein klare Antwort, die ich hier mal zitieren will: „Der einzige Unterschied zwischen uns und Leudn auf´m Friedhof is, dass wir im Sitzen vergammeln. Was ist das eigentlich für ein Gott, der so was zulässt. Grunzend wie ´ne Sau. Eine Sau mit goldenen Flügeln. Nur ´n Windstoß hoch in der Luft, so schwebt unser Herrgott über uns und guckt runter auf die Schweinerei, die er da angerichtet hat.“, so stellt sie fest, als die verhasste Offizierin der Heilsarmee ihr gegenüber sitzt.

Eine der Buchstellen, die mich immer wieder an diesen Tag heute erinnerten, was mich seit dem umtreibt: Was hat der Tod Jesu überhaupt für eine Bedeutung, wenn er nichts mit dieser Feststellung von Inge, mit den Menschen aus dem „Goldenen Handschuh“ zu tun haben soll? Wenn wir sie versuchen auszuklammern, wegzuschieben? Wenn der Gekreuzigte über der püppchenverzierten Couch des anständigen Hauses hängt, aber nicht über der von Fritz Honka. Und zwar weil wir ihn da nicht sehen wollen, uns es nicht vorstellen wollen. Aber was ist dann noch dieser Tod am Kreuz, dieses Leiden wert? Was ist dann das „Für uns“ mehr als eine hohle Phrase? Was will man dann noch gegen Inges Feststellung sagen? Wenn die grausame Geschichte vom Tod Jesu am Kreuz keine Bedeutung, keine Rolle im „Goldenen Handschuh“, in dem Wahnsinnsort der Wohnung Fritz Honkas spielt wie kann sie dann überhaupt eine Rolle für uns, die Menschen spielen? Die Geschichte des Karfreitags lässt keine Sonderräume zu in denen sie Hoffnung, Trost schenkt. Sie muss es im „Goldenen Handschuh“, in der Wohnung Fritz Honkas tun oder sie tut es gar nicht. Denn sie erzählt doch, dass Gott selber in Jesus in dem Elend seiner Zeit lebt, bis sich auch dieses Elend zum Wahnsinn des Todes am Kreuz gedreht hat.
Ich habe keine fertige Antwort auf diese Frage nur diese Unruhe in mir, denn es geht um alles bei der Frage ob er dort zu finden ist, im „Goldenen Handschuh“, der Gekreuzigte. Allerdings gab es da beim Lesen so etwas wie ganz leichte Ahnung, eine ganz leichte Spur. Da ist nämlich der tiefe Humanismus den Menschen im „Goldenen Handschuh“ gegenüber. Gerade auch weil es nicht versucht, etwas zu beschönigen, etwas zu verheimlichen und damit zu verschleiern. Gerade in dieser Direktheit aber niemals all diesen Menschen ihr Menschsein abspricht, ihnen zu entreißen versucht. Sich ihnen in aller Drastik mit Achtung zuwendet, ohne die Abgründe zu beschönigen, zu verschleiern. So wie es der Karfreitag auch nicht tut. So Linderung schenkt, auf völlig unerwartete Weise. So wie es auch Herbert tut, der Chef des Goldenen Handschuhs: „Magda und Willi sind schon seit ungefähr Tausenden von Jahren miteinander verheiratet, wie lange wissen sie selber nicht. Ihre letzte Erinnerung ist die Silberhochzeit Neunzehnhundertschießmichtot. Sie haben den richtigen Zeitpunkt verpasst, sich zu trennen, und nun ist es zu spät. Todschwer und kettenrauchend hocken sie in ihrer Stammecke. (…) Magda bildet sich ein, von radioaktiven Strahlen verseucht zu sein. Alle paar Wochen ist es so weit, sie bekommt es wegen der drohenden Strahlenvergiftung mit der Angst zu tun. Einmal ist die kleine, alte, schwache Frau in ihrer Not auf zwei norwegische Matrosen losgegangen. Die haben nur gelacht, der eine hat sie am ausgestreckten Arm hochgehoben und so lange zappeln lassen, bis Herbert das unwürdige Schauspiel beendete. Herbert kümmert sich manchmal nämlich ganz rührend um seine Stammgäste, vor allem um die Alten, Kranken, Verwirrten und Behinderten. In diesem Fall nahm er Magda behutsam an die Hand und führte sie mit nach hinten ins Büro. Dort steht auch eine uralte Infrarotlampe. Er schaltete die Lampe an, setzte Magda davor, ließ sie alleine, und eine halbe Stunde später war sie tatsächlich davon überzeugt, dass das rote Licht die Strahlen aus ihrem Körper gezogen oder neutralisiert oder unschädlich gemacht hat. Oder so ähnlich. Gute Idee, macht er seit dem immer so, Hauptsache es funktioniert. Ist ja bei allem so. Woran die Menschen glauben, ist völlig egal. Hauptsache, der Glaube tut ihnen gut, und sie richten in seinem Namen kein Unheil an. Herbert hilft gerne, und das ist einer der Gründe, weshalb die Menschen ihn in ihr Herz geschlossen haben. In welcher Kneipe gibt´s sonst noch Chefarztbehandlung?“

Verfasst von: achterosten | 7. März 2019

Alles Opfer – Predigt zu Joel 2, 12-20

Predigt Joel 2, 12-20 (Aschermittwoch)

Liebe Gemeinde,
„wo man hinsieht, nur Opfer“ – egal ob mir die Nachrichten aus dem Radio entgegenschallen, ich die Zeitung aufschlage oder mich im Internet durch Kommentarspalten klicke – etwas was in den letzten Jahren erst als Ahnung gewachsen ist, als vorsichtige Beobachtung ist mittlerweile in aller Munde. Nicht nur das, es ist zum gesellschaftlichen Mainstream, zur Grundhaltung und zum politischen Instrument geworden: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Das scheint der gesellschaftliche Megatrend in Deutschland dieser Tage zu sein. Das Prinzip ist relativ einfach und simpel: Man wagt sich vor mit seiner Meinung, gerne auch mal provokativ formuliert. Schlägt einem dann Ablehnung entgegen oder wird diese Äußerung als das bezeichnet, was sie manchmal ja auch einfach ist, z.B. menschenverachtend geht das Geheule los – dann ist man das Opfer von der „Lügenpresse“, von „denen da oben“. Dann wird wieder geraunt vom „Schweigekartell“, dass man nicht mehr sagen dürfe „was man wirklich denkt“. Immer schon auch an Satzeinleitungen wie „aber das darf man ja nicht laut sagen“ oder „das muss aber mal sagen dürfen“ gut zu erkennen. „Politische Opferolympiade“ – so war der sehr passende Begriff dazu in einer Rezension des neusten Buches des Politologen Francis Fukuyama zu lesen.
Es hat eine Pervertierung stattgefunden, deren Gift langsam in unser Leben, in unser Zusammenleben in den letzten Jahren eingesickert ist: Beim Stichwort „Opfer“ geht es nicht mehr um Hilfe, um Gerechtigkeit für die wahren Opfer, sondern es ist zu einem gesellschaftlichen Kampfwort geworden. Es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung, um den Schutz von Minderheiten, all dies wird darunter begraben. Der Begriff „Opfer“, die Selbsterklärung, das man „Opfer“ sei, sie dient nur noch einem: der Abgrenzung gegenüber den anderen: „Wir sind die Opfer der anderen.“ Die Frage des Verhältnisses von Selbstverantwortung und Fremdverschulden – sie wird gar nicht gestellt. Und so klingt es immer mit wenn sie brüllen „Wir sind das Volk.“ – „Wir sind die Opfer.“ Die Pflanze die aus diesem Gift wächst ist der Hass. Der Hass auf die Anderen, der am Ende nur eine Konsequenz haben kann, die Vernichtung des Anderen.
Diese Selbstbezeichnung als „Opfer“ die nun so offensiv zu Tage tritt, wenn wir ehrlich sind, hat sie doch gerade hier bei uns in Deutschland einen fruchtbaren Boden mit einer guten Tradition vorgefunden. Schauen wir doch nur auf die kollektive Erzählung der Jahre 1933-45: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Die Diktatur, der Krieg, der Massenmord – eine Tat der Nazis. So eine Art außerirdische Rasse die 1933 plötzlich auftauchte, all die schrecklichen Taten planten, mit einer Art Hirnstrahl die Menschen für sich begeisterten, sie zwangen all diese unschönen Dinge zu tun und dann am 08.05.1945 einfach wieder verschwanden. Zurück blieben nur Opfer, jeder Deutsche, jede Deutsche alles Opfer der Nazis. In wieviel Familie wird das bis heute erzählt – wenn überhaupt klar ist, was die Vorfahren in dieser Zeit getan haben? Was für eine Lüge. Was für ein Schlag in das Gesicht all derjenigen, die mit Mühe und Not sich gerettet haben vor diesen Untaten, ebbend nicht der Nazis, sondern denen von deutschen Männern und deutschen Frauen. Das ist der Nährboden in unserem Land des Märchens das wir alle nur Opfer sind.

Aschermittwoch – das ist kein Tag der selbernannten „Opfer“, das ist der Tag der „Täter“. Das ist der Tag der schmerzhaften Unterscheidung zwischen Selbstverantwortung und Fremdverschulden – also dem Bewusstsein, wo ich selber Verantwortung zu tragen habe. Das ist der Weg all der Geschichten und der Worte der Bibel, so wie sie es gerade aus dem Buch Joel gehört haben. Das Volk Israel erklärt sich nicht zum Opfer um die anderen hassen zu können – auch wenn sie mehr als gute Gründe dafür gehabt hätten, nach der Zerstörung ihrer Heimat, der Verschleppung. Immer wieder wird die Frage nach der eigenen Verantwortung gestellt, der schmerzhafte Weg des ehrlichen Blickes auf sich selber. Das ist die Grundbewegung des Alten Testamentes, des Volkes Gottes, der Juden. Wo trage ich Verantwortung? Wo bin ich „schuldig“ geworden? Hinzu tritt eine zweite Bewegung: Diese Verantwortung, die habe ich immer dem Menschen neben mir gegenüber. Meine Verantwortung für sie, für ihn das ist meine Verantwortung vor Gott. Wo bin ich diesem Menschen zum „Täter“ geworden? Das ist die Frage des Aschermittwochs, die Frage der Bibel. Sie öffnet den Blick, sie ist das Antidot gegen das Gift dieser Tage: Das die „Täter“ sich zum Opfer erklären. Aschermittwoch ist so der erste Schritt dazu die Mauern und Grenzen zwischen den Menschen niederzureißen, den Hass zu besiegen, in der Freiheit zu leben, die Gott für uns will, die er schenken will.
So ist das Aschekreuz kein Zeichen was uns niederdrückt, sondern aufrichtet, den mit diesem Zeichen zeigen wir es: Wir sind bereit für unsere Verantwortung vor den Menschen und somit vor der Welt und Gott.

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