Verfasst von: achterosten | 14. Januar 2018

Unser Mann im Himmel? Predigt zu Mt 6,9b (I. Bitte Vater Unser)

 

Predigt zur I. Bitte Vater Unser (Mt 6, 9b) (II. Sonntag nach Epiphanias, 14. I.2018)

 

 

 

Liebe Gemeinde, es ist schon erstaunlich, aber es ist ein wohlvertrautes Bild: Egal ob am Horizont sich die Indianerhorden zeigen, das Schiff dem sicheren Untergang geweiht ist oder andere Katastrophen ihren unheilvollen Verlauf nehmen. Irgendwann kommt  er der Moment des Mützenabnehmens, des Köpfe Senkens, Hände Faltens und wer es ganz dramatisch mag des Hinkniens. Des lauten Rufens, schnellen Sprechens, des stummen Bewegens der Lippen – und wir wissen alle – jetzt steuert es auf den Höhepunkt zu. Jetzt gibt es nur noch den Untergang und das Ende – siehe Titanic oder die finale Rettung, siehe diverse Wild-West-Filme. So kündigt es sich in Filmen an, wenn wir sie hören, die so wohlvertrauten Worte: „Vater Unser, der du bist im Himmel.“ Ist das Kreuz das sichtbare Zeichen der Christinnen und Christen, so ist das „Vater Unser“ das hörbare Zeichen. In all den unterschiedlichen Arten und Weisen den christlichen Glauben zu leben, in all den Konfessionen, Gruppen, Gemeinschaften – es ist für alle das gleiche hörbare Zeichen. Ob Andacht, Gottesdienst, Unterricht – es geht nicht ohne. Ob als leiser Ruf der verzweifelten Bitte, ob als Freudenschrei des dankbaren Herzens, ob fröhlich laut nach der Trauung von zwei Menschen, ob verzweifelt gemurmelt und halb verschluckt am Grab – es ist dabei.

 

Das sind doch Gründe genug um diesem zentralen Hör-Zeichen des Glaubens mal ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, zu schauen, was sich hinter den Worten verbergen könnte. Genau das will ich mal in diesem Jahr tun, immer mal wieder eine der Bitten des Vater Unsers betrachten, es wie einen unbekannten Gegenstand in den Händen hin- und herbewegen, schauen, wohin die Worte führen können.

 

 

 

Zu Beginn die Fakten, damit wir die alle mal gehört haben und vielleicht hilft es ja beim nächsten Termin bei Günter Jauch auf dem Stuhl. Wie viele zentrale Texte gibt es auch das Vater Unser gleich zwei Mal im neuen Testament, einmal im Lukas- und einmal im Matthäusevangelium. Und es ist wie bei vielen anderen Texten: Beide Versionen unterscheiden sich. Was denn nun älter und ursprünglicher ist, darüber gibt es genügend Fachliteratur. Konsens ist: Im Vater Unser kommen wir dem Menschen Jesus, seinem Glauben so nahe wie in nur wenigen Worten und Geschichten der Bibel. Das merkt man zum Beispiel daran, dass diese Worte aus der Sprache Jesu stammen, die welche war? Antwort a) Hebräisch, Antwort B: Sächsisch, Antwort C: Aramäisch oder Antwort D: Latein? Genau, Antwort C: Aramäisch. Das war die Sprache Jesu und der Menschen, unter denen er lebte. Erzählt wird uns, dass das „Vater Unser“ die  Antwort Jesu auf die Frage war „Wie soll man denn nun Beten?“ Schon immer war daher den Christinnen und Christen dieses Gebet so wichtig, durch die Zeiten hindurch ist es gewandert, bis heute, in zig Sprachen übersetzt. Und noch zwei Informationen mit denen man dann richtig angeben kann. Erstens: Das wir es als „Vater Unser“ sprechen ist leider ein Fehler, die korrekte Übersetzung ist „Unser Vater“, was übrigens auch schon Martin Luther wusste, aber irgendwie ist da was falsch gelaufen und wir sprechen es heute hier bei  uns als Vater Unser. Und zweitens: Es ist ein sehr altes Gebet, aber die Vorstellung, dass es schon immer mit tiefster Inbrunst von der gesamten Gemeinde gebetet wurde, auch das ist leider falsch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgehend von den Gottesdiensten der Bekennenden Kirche in den 30er und 40er Jahren, verbreitete sich die Praxis, es gemeinsam zu beten.  Vorher hat das der Pfarrer gemacht und die Gemeinde hat brav mit Amen geantwortet.

 

Nun aber genug der nackten Fakten, wir starten und – sind nach zwei Worten schon wieder am Ende: „Vater Unser“ oder besser, gerade gelernt, „Unser Vater“. Zwei Worte und sie umreißen schon eine Vorstellungswelt, die so gewaltig ist, dass wir sie kaum fassen können. Das reicht von Bildern eines bärtigen Mannes fortgeschrittenen Alters auf einer Wolke bis hin zu den lustigen Bildern des Comic Zeichners „Flix“. Eines aber ist ihnen garantiert gemeinsam – es sind immer Männer zu sehen! Und das ist jetzt kein vernachlässigbares Detail. Gott als Vater, Gott als Mann – das zieht sich durch, ist Mainstream und auch Menschen, die mit Glauben oder Gott nichts am Hut haben – würde man sie danach fragen, welches Bild sie mit Gott verbinden würden, ich verwette mein Fahrrad darauf – es wäre ein Mann! Es mag nun ja die eine oder der andere jetzt gequält innerlich aufstöhnen: „Jetzt ist er auch noch unter die Feministinnen gegangen und erklärt mir gleich, dass „Mutter Unser“ und „Göttin“ viel besser und korrekter wäre.“ Keine Angst, das werde ich nicht tun. Aber  die Betonung auf das Männliche ist nun mal eine Tatsache, die wir auch nicht einfach beiseiteschieben können. Diese Worte „Vater Unser“ führen uns mitten in ein Thema, welches aktuell meist sehr hitzig diskutier wird – das Geschlecht.  Wie das so alles mit dem Geschlecht ist, ist nun mal Thema in der Welt, in der wir leben. Ich weiß, für viele ist es hart, dass auch an dieser Bastion gerüttelt wird. Früher war es ja angeblich immer besser und auch klarer: Da gab es Mann und Frau, Mann liebte Frau, Frau liebte Mann – über das andere schwieg man beschämt, aber egal auch da galt es, es gab klar Mann und ganz klar Frau, dazwischen nichts. Alles andere war abnorm und galt zu isolieren und zu operieren. Auch an dieser Bastion wird nun kräftig gerüttelt und nun stehen sie auf, all die, die sich in dieser Sortierung nicht aus körperlichen und seelischen Gründen nicht wiederfinden. Sie treten nun aus dem Dunkel, fordern Aufmerksamkeit und Rechte. Suchen selber für sich nach neuen Wegen, neue Namen für sich, fordern die Gesellschaft heraus und treffen oft auf Formen des Widerstandes die manchmal eher an Panikreaktionen erinnern als an etwas anderes. Und schon werden sie wieder errichtet, rote Linien, Feindbilder. Für die einen wird der Kampf gegen diese Menschen fester Bestandteil des Kampfes für ein Abendland des Stolzes und der Nation, für die anderen wird das Verstehenwollen und kritische Nachfragen schon zum Ausdruck von Unterdrückung, Sexismus und Menschenhass. Und viele stehen wie immer daneben, schütteln den Kopf und fragen sich: „Wer soll das noch verstehen?“ Und wenden sich notfalls und wenn es dumm läuft der Seite zu, die die einfachsten Antworten verspricht. Und viele wollen einfach nur, dass alles bleibt wie es ist: Es gibt Männer und Frauen – und fertig. Und greifen dann auch noch mal zur Beruhigung auf das Überlieferte zurück: Spricht nicht schon die Bibel ganz am Anfang von Mann und Frau? Fangen wir nicht mit den Worten „Vater Unser“ an?

 

Was tun wir dann aber mit all denen, die das nicht für sich annehmen? Verständnis für das Leid haben aus Nächstenliebe, aber dennoch therapieren und operieren für eine klare Zuordnung Mann oder Frau für das ganze Leben? So einfach will ich es mir nicht machen, schon deswegen nicht, weil ich aus der nahen Distanz die Lebens- und Leidensgeschichte eines Kindes und einer Familie kennen. Ein Aufwachsen, ein Start ins Leben bestimmt von Therapieren und Operieren in unzähliger Zahl mit der fortlaufenden Frage „Wofür das alles?“ Wofür endlose Entzündungen, Innkontinenz, Nebenwirkungen der Hormone? Für das unverbrüchliche Bild von  Mann und Frau und nichts dazwischen?

 

„Vater Unser“ beten wir und haben dieses Lebensrahmen von Augen, den von Mann und Frau und davon dass Gott wohl zu den ersteren gehört, dass auch Gott sich in diese Zweiteilung einordnen lässt oder sagen wir – von uns einsortieren lassen muss. Aber – glauben wir an biologistische Dogmen, an einen Gott der biologischen Geschlechterfestlegung oder an einen lebendigen, liebenden Gott der zu uns redet, uns hört, in Beziehung zu uns tritt, unter uns Mensch geworden ist? „Unser Vater“ – muss es Ausdruck einer Festlegung auf zwei Geschlechter sein? Kann es nicht besser ein Bild für den unaussprechlichen Gott, seiner Nähe zu uns sein? Ausdruck der Festlegung des Menschen auf Liebe, gemeinsames Leben und Beziehung, ein Ausdruck für das Aufeinanderangewiesensein und Aufeinanderverlassen sein?.

 

„Unser Vater“ als Beschreibung der Nähe, der Beziehung Jesu zu Gott. So eng, so unauflöslich wie wir es nur fassen können in dem geheimnisvollen Bild von Gott, der einer in dreien ist. Weil es bei Gott um Liebe geht – und die kann nicht allein bleiben. „Unser Vater“ – eben nicht der Ausdruck eines auf Geschlechtsmerkmale festgelegtes Bildes von Gott, sondern Antwort auf die Liebe Gottes, Schrei nach der Liebe Gottes, Freudenruf des Vertrauens auf Gott, stummes Gestammel des Angewiesenseins.  „Unser Vater“ das ist der Raum der besonderen, engsten Nähe zwischen Gott und Jesus in den er uns mit hineinnimmt.

 

 

 

Könnte dann nicht dieses hörbare Zeichens des Glaubens auch ein Schlüssel sein für das Verstehen der aktuellen Debatten ums MeToo, Transsexualität, Gender, Queer etc.? Der Beginn eines Verständnis aus dem Glauben heraus? Erste Schritte auf einem Weg hin zu einem anderen Bild des Menschen im Angesicht Gottes, der Bestimmung des Menschen? Der Versuch zu verstehen, was sie bedeuten können, die Worte von Mann und Frau in der Bibel, die Rede von Gott als Vater und Mutter? Dass es nicht um Schwarz und Weiß, eine klare Zuordnung geht – hier Mann, dort Frau und nichts dazwischen oder daneben. Sondern dass diese Worte von einer anderen primären Bestimmung des Menschen sprechen: Nicht allein zu sein, ein Gegenüber zu haben, das gleich und doch anders ist. Das frei ist wie ich und doch Nähe, Liebe zum Leben braucht wie ich. Wir nicht gemacht sind für uns allein, zum Alleinleben, dass unser Bauchnabel, egal welcher Form, nicht der Nabel der Welt ist. „Vater Unser“ – nicht der Ruf von dem Mann und der  Frau, sondern des Menschen ist über den Gott selber sagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Und der darum weiß. Mann und Frau, Mutter und Vater, Schwester und Bruder nicht Ausdruck einer Festlegung auf äußere und innere Merkmale sondern als Bild für die Nähe, die Liebe Gottes zu uns. Bild unser aller Bestimmung, die Angewiesenheit auf Liebe und Nähe, auf ein Gegenüber.

 

Wenn wir „Vater Unser“ – als Ruf der erfahrenen, der begehrten Nähe zwischen Mensch und Gott verstehen, dann haben wir hierin vielleicht auch den Hinweis was unsere Aufgabe in der Welt ist: Nicht alte oder neue Merkmale der Trennung zu verteidigen oder zu errichten, sondern unseren Teil zu tun, dass Menschen ihrer Bestimmung folgen und all das erfahren können: Beziehung, Liebe und Nähe. Das, was wir uns wünschen, dass es Gott schenkt – jedes Mal wenn wir es sprechen, das „Vater Unser“.

 

 

 

 

 

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Verfasst von: achterosten | 1. Januar 2018

Das Lob des deutschen Rentners – Predigt zu Römer 8, 31b-39

Predigt zu Römer 8, 31b-39 (Sylvester 2017)

Aus dem Römerbrief: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Wenn ich Menschen treffe, die nicht in Deutschland leben, irgendwann kommt sie dann ganz bestimmt, die eine Frage: „Was ist denn so typisch Deutsch. Wer ist so der typische Deutsche?“. Und es ist klar: Es geht weniger um Zahlen aus der letzten Volkszählung, als um das subjektive Erleben. Meine Antwort kommt schnell: „Der deutsche Rentner.“ Und ich bitte hier um Nachsicht, aber das ist nun mal der größte subjektive Unterschied. Den wird jeder nachvollziehen können, der mal mit offenen Augen durch in den Straßen von Goldhamme und Eppendorf oder vieler anderer deutscher Städte und Dörfer geht. Welche andere Antwort soll man auch geben, wenn man in einem Land lebt, in dem die Rentnerinnen und Rentner mal ganz entspannt ein Viertel der Bevölkerung stellen? Klar ich weiß, dass mit den Verallgemeinerungen immer so eine Sache ist, aber wie bereits gesagt, es geht um subjektives Empfinden. Allerdings geht das das ja auch nicht ganz an der faktischen Wirklichkeit vorbei wenn man sich so die Zahlen anschaut.
Jetzt kann man der deutschen Rentnerin, dem deutschen Rentner vieles nachsagen, zwei Dinge auf jeden Fall nicht: Dass er unordentlich sei und dass er keine Meinung hätte, was garantiert auch für den Rückblick auf das Jahr 2017 gilt. Und was war da nicht wieder alles los… Letzteres führt zu folgender Geschichte und natürlich spielt sie an einem der Lieblingsorte des deutschen Rentners, jedenfalls nach meinem subjektiven Erleben: Der Aldi-Markt am frühen Montag- oder Donnerstagmorgen so um halb neun herum. Sie wissen, da gibt es die neuesten Angebote und da der deutsche Rentner zur kaufkräftigsten Bevölkerungsgruppe mit der nötigen Zeit gehört, ist er dort zu finden. Und da auch natürlich in der Schlange an der Kasse. Vorne geht für Minuten gar nichts, jemand hat versucht mit Karte zu zahlen und leider hat die Technik einen längeren Aussetzer, nichts geht mehr. Hinter mir drei würdige Vertreter der Gattung „aktiver, rüstiger Rentner“. Es dauert nicht lange, schon ist der erste mitten im Geschehen, es ist der mittlere: „Hömma, warum geht das nicht weiter?“ Der Vordere: „Da will einer mit Karte zahlen, klappt natürlich nicht. Ich weiß gar nicht wat der neumodische Scheiß soll. Zu faul genug Geld mitzunehmen.“ Vom Mittleren zustimmendes Geknurre. Jetzt wieder der Vordere: „Ist doch auch wieder so ‘n Mist, zahlen mit Karte. Aber wat willste machen, ist halt alles nicht mehr so wie früher.“ Wieder zustimmendes Geknurre vom Mittleren. Das animiert den Vorderen zu seinem ganz persönlichen Rückblick auf das Jahr 2017. Und was war das für ein mieses Jahr für ihn. Vom vermehrten Mit-Karte-Zahlen, über den Ärger mit seinem VW SUV Diesel, die Schmerzen im Knie ging es über das ja überall die Adventsfeiern nicht mehr stattfinden wegen der Moslems, dass s ja alles nicht mehr klappt, „wat ja mal wieder so richtig deutlich geworden ist im letzten Jahr“. Und dergleichen mehr, jetzt ist er richtig in Fahrt, der hinter ihm hat sich aufs zustimmende Nicken beschränkt, so ungefähr alle 20 Sekunden zuckt kurz der Kopf nach unten. Vor meinem inneren Auge, so kurz vor Sylvester, verwandelt sich der Vordere immer mehr zu Alfred Teztlaff und hat er da nicht wirklich gerade gesagt: „Dat is vielleicht ein beschissener Jahreswechsel und das nächste Jahr wird noch beschissener.“ Der Wortschwall nimmt kein Ende, meine Gedanken schweifen ab.

Hat er nicht recht, war das nicht ein mieses Jahr? Muss ich nicht auch zustimmen: Es wird alles schlimmer? Es klappt einfach nicht mehr, zum Beispiel die Idee eines guten Neben- und Miteinanderlebens. Und mir fallen da gleich eine Reihe von Schlagzeilen ein, ob aus der weiten Welt oder auch Essen, Bochum, Gelsenkirchen. Es läuft nicht. Wird wohl doch ein mieser Jahreswechsel und das nächste Jahr erst… Aber dann schieben sich andere Bilder nach vorne: Die Wiedereinweihung der Kita nach dem U3 Umbau. Der Imam, der dabei von seinen drei Töchtern erzählt. Alle drei waren in einer evangelischen Kita und er fand das super. Oder der andere Imam im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen der Kitas. Auch er erzählt von seinen Kindern, die alle in einer evangelischen Kita waren. Wie er beim ersten Kind noch ein bisschen skeptisch und vorsichtig war, sich das aber schnell gelegt hat. Wie er sagt: „Wichtig ist, dass wir da voneinander wissen.“ Der syrische Vater, der neben mir steht und sich von mir erklären lässt, was das mit der Minikirche auf sich hat. Vor zwei Jahren ist er nach Deutschland gekommen, er möchte dass sein Kind auch das Leben der Christen hier kennen lernt. Da steh ich an einem kalten, usseligen Herbstmorgen auf dem Friedhof auf der Pestallozzistraße. Ich warte auf die Männer aus der Lehrwerkstatt der Zeche Prosper-Haniel. Bevor dort für immer die Lichter ausgehen hat die RAG noch versprochen, das alte Spurlattenkreuz auf dem Friedhof zu ersetzten. Heute soll alles vermessen werden. Die Männer kommen, der älteste so um die 50 gibt mir die Hand. „Ich bin Murrat und das sind meine Jungs. Wir bauen ihnen das Kreuz. Ist ja nicht das erste, was ich mache. Bei uns auf der Halde, dat is auch von mir. Wir machen ihnen das hier aber dicker als geplant, soll ja nach was aussehen.“
Vorne an der Kasse geht’s immer noch nicht weiter, der Vordere der drei Rentner hat immer noch kein Ende gefunden. Endlos seine Litanei, ich glaube er ist jetzt gerade bei der örtlichen Baustelle angekommen und der Haltung, das würde alles an den Bauarbeiten liegen. Er hätte sich das mal genau angeguckt… Bei mir geht glücklicherweise das Kopfkino weiter. Immer mehr Bilder laufen da ab, bis sie schließlich wieder vor mir stehen, die schönsten, die klügsten Sätze, die ich in diesem Jahr gelesen habe. In einem noch nicht veröffentlichten Interview mit einem alten Bergmann, einer von denen, die als Gastarbeiter hier malocht hat. Sein Weg führte von Bosnien ins Ruhrgebiet. Irgendwann ist er in dem Gespräch beim Thema Religion angekommen, wie es für ihn so ist als Moslem in Deutschland, da ist manches Bittere zu hören, aber am Ende dieses: „Wenn Gott gewollt hätte, hätte er nur eine Religion gegeben. Nein, er wollte, dass es mehrere Religionen gibt, damit die Menschen sich untereinander besser kennenlernen. Bei einer Religion, das ist ja wie im Kommunismus. Jeder muss die gleiche Jacke anziehen, jeder muss die gleiche Mütze tragen und so weiter. Oder beim Faschismus auch, jeder muss so und so sein und einer bestimmt. Nein, Gott hat gesagt, mehrere Religionen, also jüdische, katholische, orthodoxe, Buddhismus und Islam. Die Menschen sollen das zum Kennenlernen nutzen.“
Warum gehen mir aber gerade diese schönen Bilder durch den Kopf und gerade nicht das Miese, das Traurige der letzten Monate. Sollte es vielleicht daran liegen, dass ich sie gerade noch gelesen habe, diese wunderbare Zusage des Paulus: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Sollten diese Worte wirklich ihren Weg in mein Herz gefunden haben? Diese Worte die nichts mehr erklären, die es einfach nur herausrufen, überwältigt vom Glauben selber. In die man sich am liebsten hineinwerfen möchte, nur noch glauben möchte, dass es wirklich wahr ist. Dass nichts passieren kann, was mich im letzten zerstören kann. Ich trotz des ganzen Mist nicht in einer grausamen, unerbittlichen Kälte zurück bleibe, sondern immer dieser Liebe verbunden, von ihr umschlossen bin. Die ich mir nicht verdient habe, nicht verdienen kann, nicht verdienen muss. Dass es wirklich gilt, dass ich mich darauf verlassen, im Tiefsten vertrauen kann. Dass es wirklich im Letzten etwas gibt, was stärker als alles ist. Dieses starke, endgültige aber gerade nicht der kleine, der alltägliche oder große, der endgültige Tod ist. Sollten es wirklich jene Worte sein, die es geschafft haben, das Gute vor Augen zu haben ohne das Miese zu betäuben? Sollte ich es jenen Worten verdanken dass ich da im Aldi an der Kasse beim kurzen Jahresrückblick kurz vor Sylvester diese Ereignisse, Bilder vor Augen habe?
Das Band ruckt an, es geht weiter und plötzlich ertönt die Stimme des Hinteren der drei: „Komm halt endlich die Klappe, hast uns genug die Welt erklärt. Pack die Sachen aufs Band, ich will nach Hause, die Omma wartet.“ Manchmal sind sie unbezahlbar, die deutschen Rentner.

Verfasst von: achterosten | 25. Dezember 2017

„Fürchtet Euch nicht!“- Predigt zu Micha 5, 1-4a

Predigt Micha 5, 1-4a (Christvesper 2017)

Liebe Gemeinde, „Fürchtet euch nicht!“ So ruft der Engel den Hirten zu. So wird uns jedes Jahr erzählt in der Weihnachtsgeschichte. Das wird vorangestellt, bevor die Hirten erfahren, um was es überhaupt geht. Mich springt dieser Satz schon seit Wochen immer wieder an. „Fürchtet euch nicht!“ – wie nötig ist dieser Satz in diesen Tagen. Am liebsten würde ich Plakate mit ihm drucken und die ganze Stadt damit zupflastern. Am liebsten würde ich damit jedes Gespräch, jede E-Mail, jeden Besuch beginnen. Nicht mehr „Guten Morgen“, sondern „Fürchtet euch nicht!“. Furcht, Angst, in fast jedem Gespräch begegnen sie mir. Ob mit Eltern in der Kita, die verunsichert sind, was denn nun gut und richtig ist für ihr Kind. Ob mit älteren Menschen, die nicht wissen, wie es werden soll, wenn die Knochen nicht mehr so mitmachen. Ob mit der Frau, die dieses Jahr keinen Weihnachtsmarkt besucht hat, aus Angst vor einem Anschlag. Ob mit einem Menschen von der Engelsburgerstraße, der die ganzen AfD Plakate in seiner Straße sah und sich fragte, ob er als Nichtbiodeutscher hier je eine neue Heimat haben würde. Furcht, Angst hat sich in vielen Herzen breit gemacht. Nicht mehr nur Sorge. Sorge, die ist oft ja berechtigt, hat einen konkreten Anlass, aber sie lähmt nicht, sondern sie lenkt unsere Gedanken auf eine bestimmte Sache, um die wir uns kümmern sollten und auch können. Nicht umsonst verbindet sich Sorge mit dem positiven „sich um jemanden, etwas sorgen“ im Sinne von Kümmern, Achten. Und – Sorgen verbindet sich dabei aber mit einem gewissen Grundvertrauen. Klar mach ich mir Sorgen, ob das alles so mit Weihnachten klappt. Es keinen Streit in der Familie gibt, die Geschenke auf Freude beim Beschenkten stoßen, es so wird, wie sich das alle so wünschen. Aber bei dieser Sorge ist da auch immer so eine Art Grundvertrauen. Wird schon klappen, irgendetwas geht schief, aber im Großen und Ganzen wird es wohl gut gehen. Tante Else hat sich total über das Geschenk gefreut und Onkel Jupp hat mal endlich seine Witze zu Hause gelassen, über die schon vor 20 Jahren keiner lachen konnte. Alles in allem hat es doch halbwegs geklappt mit dem ganzen Weihnachtstrubel. Die Sorgen im Vorfeld waren nicht unberechtigt, manche hat sich auch bestätigt, aber das Vertrauen, das es schon gut gehen wird ebbend auch.
Wie anders ist die Angst, die Furcht. Sie hat einen Anlass in der Realität, aber relativ schnell wird sie größer als die Wirklichkeit. Sorge, das ist die richtige Dosis, aber Angst, Furcht ist die Überdosis, die giftige Menge. Sie vergiftet immer mehr das Vertrauen in mir, zerstört es, zersetzt es in einen ekeligen, stinkenden Brei, der sich überall ausbreitet. Im meinem Herzen, in meinem Verstand, mich lähmt. Man kann sich versuchen dagegen zu wehren. In guten Momenten gelingt das, in schlechten nicht. Und zumindest gefühlt nehmen die letzten immer mehr zu. Wenn ich am Wahlabend die Ergebnisse sehe, Kommentare im Internet lese, ich verzweifelt merke, dass das Vertrauen, dass es uns wirklich gelingt neben- und miteinander in einer friedliche, offene Gesellschaft zu leben sich immer mehr als ein Fantasiegebilde herausstellt. Das sind die Tage, an denen ich zu meiner Frau sage, dass Ihre Heimat in Ex-Jugoslawien vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft leider kein Ferienort mehr, sondern Fluchtpunkt sein könnte. Wo ich Freunde am liebsten anrufen und sagen möchte: „Lasst die Koffer gepackt! Macht nicht die gleichen Fehler wie eure Vorfahren.“ Oder schlimmeres geht mir durch Kopf und Herz. Wut und Hass, auch sie wachsen gut auf von Angst und Furcht zerfressenem Vertrauen. Dann brauche ich einen, der das „Fürchtet euch nicht!“ wieder in mir zum Leben erweckt. Das in mir das Vertrauen schützt vor Angst und Furcht, die Lähmung überwunden wird, aus Angst wieder Sorge wird, ich den Kopf frei habe, zu überlegen, was zu tun ist. Da reicht es nicht mehr, dass mir das von irgendwo gesagt wird – ob von Kanzeln, Pulten der Bundespressekonferenz oder anderen Orten. Zu sehr ist in den letzten Jahren das Gift der Angst hineingetröpfelt, so lange schon, dass ich gar nicht mehr weiß, wann das anfing. Was ich weiß, ist, dass die Dosis sich von Jahr zu Jahr erhöht hat. Worte allein dringen nicht mehr vor, zu sehr hat die Angst schon den Weg vom Ohr zum Verstand und Herz blockiert. Es muss etwas anderes sein, das andere Wege kennt und geht um zu heilen vom Gift der Angst und Furcht.
Hier und heute soll dies zu finden sein, hier und heute soll der Ort sein, soll der Satz der Engel bis in unser Herz und Verstand vordringen, alles überstrahlen. So wird es uns erzählt. Die schwangere Frau, die Geburt in einem Stall, irgendwo am äußersten Rand des römischen Reiches und dann noch in einer der kleinsten Orte dieser unbedeutenden Gegend. Nur so kann uns die Geschichte erzählt werden, nur so kann den Hirten und uns das „Fürchtet euch nicht!“ zugerufen werden. Nur so kann diese Geschichte zum „Trost der ganzen Welt“ werden. Nur so kann sie sich verbinden mit den Hoffnungsgeschichten des Volkes Gottes und damit mit Gott selber. Nicht als ihre Erfüllung, sondern als Tor für uns, damit wir hineingehen können, in die Hoffnung, in den Trost, von dem dort erzählt wird. Wo es sich verbindet mit dieser kleinen Stadt, von der es heißt: „Du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.“

Dort soll es also zu finden sein, das was uns hilft gegen Angst und Furcht? Das ist die große Weihnachtsfrage. Bei den Hirten scheint es ja gelungen sein. Irgendetwas muss mit ihnen passiert sein. Sie machen sich auf den Weg, finden alles vor: Mutter, Vater, Kind in der Krippe. Sie kehren verändert zurück, sie haben es wohl dort gefunden, was es für sie hat wahr werden lassen, was ihnen die Engel befehlen: „Fürchtet euch nicht!“ Was wirklich mit ihnen geschehen ist, darüber wird uns nichts erzählt, es bleibt die Leerstelle. Was es war, was sie getroffen hat in Herz und Verstand, was in ihnen das Gift besiegt hat? Drüber schweigt die Geschichte und es ist gut, dass sie das tut. Denn was wäre gewonnen, wenn sie es erzählen würde? Es hätte nichts mit uns zu tun, könnte nichts mit uns zu tun haben. Denn wir sind nicht die Hirten, waren es nie und werden es nie sein. Ihre Angst und Furcht war nicht die unsere und unsere wird nie die ihre sein. Dank dieser Leerstellen können die zwei Dinge in den Vordergrund treten, die entscheidend sind und eigentlich erst einmal ganz einfach sind: Jemand, der mir, der uns sagt „Fürchte dich nicht!“ damit wir uns dann auf den Weg machen und zu sehen, ob es wahr ist, was erzählt wird. „Fürchte dich nicht!“ – wenn man mir das sagt, wieviel mehr Kraft hat das, als wenn ich es mir selber in meinem verzagten Herzen versuche zu sagen. Dabei kommt dann meistens doch nur etwas heraus, was maximal zum Pfeifen im dunklen Keller reicht. Und dann kommt es darauf an, wer es sagt. Es sind die Engel. Engel sind keine Geistergestalten, sie sind Boten, die eine Nachricht überbringen, etwas ankündigen, keine geisterhaften Wesen, die über uns schweben. Solchen Engel sind so unterschiedlich wie wir, wie die Welt. Unendlich ist die Zahl der Wege, wie uns die Nachricht, die Botschaft Gottes erreichen kann. Was und wer zum Engel wird. Wir werden es merken, wenn sie, er uns gegenüber steht. Und dann heißt es, sich in Bewegung setzen, zu sehen, ob es wirklich stimmt. Ob er wirklich dort zu finden ist, der Ort, wo es ein starkes Mittel gibt gegen Furcht und Angst. Kein Betäubungs- sondern ein Stärkungsmittel. Auch hier zeigen uns die Hirten den Weg. Was dort in unserem, meinem Herzen und Verstand passiert, Worte, Erklärungen sind dafür zu klein, zu wenig. Auch die Hirten fassen es nicht in Worten, sie erzählen von dieser Krippe, von diesem Kind. Was dort mit ihnen passiert ist, das können sie mit Loben, Beten und Singen zeigen, nicht mit erklärenden Worten. Vielleicht ist das sogar das entscheidende Merkmal, wo es wirklich passiert, das Wunder der Geburt in der Krippe. Gerade nicht erklärende Worte, Verlautbarungen von Kanzeln und Rednerpulten in Pressekonferenzen, sondern das Lob zeigt, dass es wirklich wahr ist: „Fürchtet euch nicht!“

Das ist der Weg, heute an diesem Heiligen Abend, an diesem Ort. Das ist der Weg gegen Furcht und Angst, der in dieser Nacht vor uns liegt. Der Weg, der aus Angst wieder Sorge macht, Kraft gibt, mich den Dingen zu stellen. Kraft, die Koffer noch nicht zu packen, sondern zu sagen: Von solchen Gestalten, von solchen Rattenfängern willst du dich vertreiben lassen, das Ziel eines offenen, friedlichen Nebeneinander- und Zusammenlebens aus der Hand schlagen lassen? Wo kämen wir denn da hin? Nein, soviel Macht geben wir euch nicht, denn mir und uns ist gesagt „Fürchtet euch nicht!“.“

 

Verfasst von: achterosten | 26. November 2017

Erinnerungen – Predigt zu Daniel 12, 1b-3

Predigt zu Dan 12, 1b-3 (Totensonntag, 26.XI.2017)

In einer nicht allzu fernen Zukunft: Die Erde ist gezeichnet von Umweltzerstörung, Megacities, der völligen Digitalisierung. Alles erscheint düster, überhitzt. Aber die Menschen haben einen großen Schritt getan: die Besiedlung fernen Planeten und die Befreiung von Arbeit. Die übernehmen jetzt Wesen, die wie Menschen aussehen, wie Menschen sprechen, wie Menschen arbeiten, wie Menschen bluten und atmen, aber keine Menschen sind. Künstlich geschaffen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, allein in der Gegenwart zu arbeiten und zu Sein ist der ihnen zugestandenen Sinn und Zweck. Dies funktioniert aber nur bedingt, denn sie sollen so menschenähnlich wie möglich sein, aber die Grenze zum Menschsein nicht überschreiten. Es gibt Schwierigkeiten mit diesen „Replikanten“. Ihr genialer „Schöpfer“ entwickelt sie aber immer weiter, bringt sie immer näher an diese Grenze, die auf einmal gar nicht mehr so klar zu sein scheint. Ein entscheidender Schritt wird vollzogen: Die „Replikanten“ erhalten eine Vergangenheit, ihnen werden Erinnerungen eingepflanzt. Erinnerungen an Dinge, die sie nie erlebt haben, aber Erinnerungen. Und mit diesen Erinnerungen erhalten sie noch etwas, was nicht beabsichtigt war: der Wunsch nach Zukunft.

Liebe Gemeinde, „Erinnerungen“ sind eines der zentralen Motive der beiden Filme „Blade Runner“ und „Blade Runner 2049“. Der erste kam 1982 in die Kinos, der andere 25 Jahre später in diesem Jahr. Zwei Filme, die in beeindruckenden Bildern, denen man sich kaum entziehen kann, um die zentrale Frage kreisen: „Was ist der Mensch? Was macht den Mensch zum Menschen?“. Eines der zentralen Motive dabei ist Erinnerung, wahre echte Erinnerung. So ist es der „Replikant“ Roy Batty der im finalen Showdown des ersten Filmes in poetische Worte fasst, wie Erinnerungen den Menschen zum Menschen machen Der Schauspieler Rutger Hauer hat sie selber seiner Figur in den Mund gelegt: „All diese Momente werden in der Zeit verlorengehen, wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.“ Es sind diese Momente, echte Erinnerungen, sie sind die Grenze zum Menschsein.
Liebe Gemeinde, Erinnerungen sind Zeichen unseres Menschseins. Deswegen sind wir heute Morgen hier, wegen diesem zentralen Punkt unseres Menschseins, der Erinnerung. Die Erinnerung an Menschen, die wir verloren haben. Die Erinnerungen an ihr Leben, unser Leben mit ihnen. Schöne Erinnerungen, traurige Erinnerungen, wütende Erinnerungen. Wir erinnern uns an sie. Wir sind dadurch das was wir sind: Menschen. Unsere Verstorbenen bleiben dadurch das, was sie waren: Menschen. Unverwechselbar, einmalig. Denn das bleibt der Mensch, der in Erinnerung bleibt. Das gilt für jeden Menschen. Das ist sozusagen ein großer Teil meiner täglichen Arbeit: Erinnerung. Ob es der Besuch bei einer Familie ist, die jemanden gerade verloren hat, ob es das ausführliche Seelsorgegespräch bei jemandem ist, der Angst hat, sich in seiner Trauer zu verlieren oder der kurze Geburtstagsbesuch zum 95. Bei all diesem stehen Erinnerungen im Mittelpunkt. Sie sind die ersten, zaghaften Schritte im Verstehen, dass dieser geliebte Menschen nun nicht mehr da ist, sie sind die Brücke in ein Leben ohne einen geliebten Menschen, sie bleiben als Halt und Orientierung. Was mir durch viele dieser Gespräche immer bewusster und immer klarer geworden ist: Erinnerungen brauchen dabei immer auch Orte. Orte, die Erinnerungen nicht nur auslösen, sondern sich auch fest mit ihnen verbinden. Bei „Blade Runner“ werden den Replikanten nicht nur falsche Erinnerungen eingepflanzt, sie erhalten auch gefälschte Bilder als Orte der Erinnerung. Ohne diese Orte irren Erinnerungen heimatlos umher, finden Erinnerungen keine Behausung, werden heimatlos. Können so zum quälenden Alb werden. Das ist mir im „Kleinen“ in Gesprächen begegnet, das haben wir im Großen letzten Sonntag gesehen. Am Tag, an dem wir an die Opfer aus Terror und Krieg denken. In jedem Sommer seit über zwanzig Jahren, wenn die Toten in den Massengräbern in Bosnien beigesetzt werden. Die Toten erhalten ihre Namen wieder, die Familien endlich einen Ort nicht nur für die Trauer, sondern auch einen Ort mit dem sich die Erinnerungen verbinden können, sie eine Behausung finden. Unsere Erinnerungen, wir brauchen diese Orte. Wie schwer ist es, wie quälend diese nicht zu haben. Gerade dort, wo Macht und Gewalt, die Entmenschlichung der Opfer durch die Täter dies verhindern. Umso schwieriger für mich zu verstehen, dass es hier bei uns geschieht, wo Gewalt und Terror nicht verhindert, solche Ort zu haben. Ich will da ganz konkret werden: Wir berauben uns in meinem Augen einer der wichtigen Orte der Erinnerung, wenn unser letzter Ort auf dieser Erde ein unbekannter ist. Ohne Name, ohne Zeichen. Ich finde es traurig, wenn anerzogene, durch einen bestimmten Zeitgeist bestimmte Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung Menschen dieser Ort der Erinnerung genommen wird. Wie oft höre ich es, das Argument: „Ich will doch niemandem mit meinem Grab zur Last liegen. Wer soll es denn pflegen? Dann lieber anonym auf die grüne Wiese.“ Da berauben Menschen sich aus pragmatischen Gründen diesen wichtigen Ort der Erinnerung. Wobei es völlig unnötig ist! Wenn wir uns auf der einen Seite verabschieden würden von bestimmten einengenden, beklemmenden Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit. Ein Friedhof ist doch kein deutscher Vorgarten, sondern Ort der Erinnerung, ein menschenfreundlicher Ort. Zum anderen gibt es doch mittlerweile unterschiedlichste Möglichkeiten auf den Friedhöfen, die dieses Argument entkräften. Egal ob auf der „grünen Wiese“ mit einem eigenen Stein, mit dem Namen auf der gemeinsamen Stele, wir haben sie doch, die Chance der Erinnerung einen Ort zu geben. Und sie erlauben mir, jetzt ganz konkret zu werden: Dass diese Orte angeblich teurer sind, als ein anonymes Grab, stimmt so auch nicht. Vieles was dafür spricht uns und den Menschen, die um uns trauern werden diesen einem, aber für viele doch so wichtigen Ort der Erinnerung zu geben. Dass ihre Erinnerungen an uns nicht heimatlos umherirren, wir uns nicht der Vergangenheit und Zukunft berauben.
Liebe Gemeinde, Erinnerungen machen uns Menschen aber nicht nur zu Menschen, sondern sie sind auch immer die Stimme des Lebens im Angesicht der Vergänglichkeit und damit des Todes. „All diese Momente werden in der Zeit verlorengehen, wie Tränen im Regen.“ – das benennt ja auch die andere schmerzhafte Wahrheit der Erinnerungen – sie verändern sich, verlieren ihre Konturen, werden unscharf, bis auch sie verschwinden. Sie unterliegen, wie wir selber auch der Vergänglichkeit, lösen sich auf. So bleiben sie das, was sie uns scheinen: Vergangenheit ohne Zukunft. Der Glaube stellt dieser bitteren Erkenntnis sein großes „Aber“ entgegen. Sein „Aber“, dass sich in der Erinnerung Vergangenheit mit der Zukunft, und damit mit dem Leben verbindet. Es ist sind unsere Lehrerinnen und Lehrer im Glauben, das Volk Gottes, die Juden, die uns dieses Bild des Trostes schenken. Sie stellen Erinnerung an einen zentralen Punkt. Nicht unsere, menschliche, bruchstückhafte und vergängliche Erinnerung bleibt, sondern die Erinnerung Gottes an uns. Gott vergisst uns nicht, sondern erinnert sich unser, in all unserer Einzigartigkeit, mit unserem ganz eigenen Namen, unserer ganz eigenen Geschichte, von Anfang bis zum Ende. Unverlierbar sind wir dort bei ihm aufgehoben, nicht dem Vergessen, dem Tod preisgegeben. Aus seiner Erinnerung ruft er uns neu ins Leben, so wird uns verheißen. Bei ihm ist Erinnerung nicht allein Vergangenheit, sondern er ruft sie in die Zukunft, in das Leben. Für diese Verheißung, dass Gott uns, die Menschen, die vor uns waren und nach uns sein werden, nicht ins Vergessen fallen lässt, für diese Verheißung gibt es in der jüdischen Theologie und dem gelebten Glauben das wunderbare Bild des Buch des Lebens. Seine Wurzeln hat dieses Bild gegen das Vergessen, dieses Bild des Lebens in Texten wie aus dem heutigen Predigttext im Danielbuch: „Es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“ Aus Wurzeln wie dieser wuchs das Bild vom Buch des Lebens. Mit diesem Bild vor Augen betet das Volk Gottes im Umfeld einer seiner höchsten Feiertage, Jom Kippur: „Gedenke unser zum Leben, Herr, der will, dass wir leben, und schreibe uns in das Buch des Lebens, um deinetwillen, G-tt, Ewiglebender!“
Im Buch des Lebens sind all unsere unverwechselbaren Namen niedergeschrieben, unverlierbar verbunden mit der Erinnerung, die unser Leben ist. Kein Buch der toten Buchstaben, sondern der Worte, die ins Leben rufen. Keine und keiner geht verloren. Alle sind unsere Verstorbenen und wir bewahrt vor dem Vergessen, das der Tod ist. Bewahrt in der Erinnerung, die das Leben ist.

Verfasst von: achterosten | 23. November 2017

An die eigene Nase packen – Predigt zu Ezechiel 22, 23-31

Predigt zu Ez 22,23-31 (Buß-und Bettag 2017)

„Des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, sprich zu ihnen: Du bist ein Land, das nicht beregnet ist, das nicht benetzt wurde zur Zeit des Zorns, dessen Fürsten in seiner Mitte sind wie brüllende Löwen, wenn sie rauben; sie fressen Menschen, reißen Gut und Geld an sich und machen viele zu Witwen im Lande. Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt. Die Oberen in seiner Mitte sind wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen und Menschen umzubringen um ihrer Habgier willen. Und seine Propheten streichen ihnen mit Tünche darüber, haben Truggesichte und wahrsagen ihnen Lügen; sie sagen: »So spricht Gott der HERR«, wo doch der HERR gar nicht geredet hat. Das
Volk des Landes übt Gewalt; sie rauben drauflos und bedrücken die Armen und Elenden und tun den Fremdlingen Gewalt an gegen alles Recht. Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ichs nicht vernichten müsste; aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie aus, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich ihnen ein Ende und ließ so ihr Treiben auf ihren Kopf kommen, spricht Gott der HERR.“

Liebe Gemeinde, das sind mal ordentliche, harte Worte. Vielleicht erwartet man so etwas ja auch am Buß- und Bettag. Und passen sie nicht wie gemacht für die heutigen Tage, für unsere Zeiten? Da stehen sie uns sofort vor Augen, Mächtige, Herrscher, wie sie im Text beschrieben und verdammt werden. Ich brauche gar keine Namen nennen, jede und jeder vor ihnen wird da ein, zwei, drei vor Augen haben, je nach persönlicher Überzeugung. Hach, was für ein schöner Text, da zuckt es im Finger auf der Tastatur, da springt das Herz. Jetzt auch mal endlich vom Leder ziehen dürfen gehen die da oben. Einstimmen zu dürfen in den neuen Volkssport in unserem Lande: Elitenbashing. Mal so richtig auf die einzuprügeln, die da oben sind. Immer in der tiefen Überzeugung, dass ich weiß, was gut und richtig ist. Wie es zu laufen hat. Ja, der Text lädt dazu mehr als ein. Ist er nicht sogar der unmissverständliche Aufruf, genau das zu tun? Auch wenn es doch so schwer fällt, ich will dieser Versuchung dennoch widerstehen. Gerade heute, denn wenn ich das richtig verstanden habe, soll es doch heute an diesem Tag um uns, um mich gehen und nicht um die da oben. Eine kritische, wenn auch schmerzhafte Schau auf mich, mein Herz, meinen Verstand, mein Tun. Und dann gilt für mich wohl doch erst einmal vor allem der folgende Satz: „Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt.“ Und wenn ich diesen Satz gut evangelisch lese, dann geht es da nicht um mich in meiner Rolle, in meiner Funktion als Pfarrer, sondern als Teil der Gemeinschaft des „Priestertum aller Gläubigen“. Als Teil der Gemeinschaft der Christinnen und Christen hier vor Ort, die das Priesteramt unseres Glaubens gemeinsam tragen.
Jetzt fällt es mir schon nicht mehr so leicht vom Leder zu ziehen, jetzt wird es unangenehm. Denn das sind dann mal ganz schöne harte Worte nicht gegen die da oben, sondern gegen mich, gegen uns. Jetzt gibt es nur noch zwei Wege. Da gibt es den bequemen: „Ich, wir sind ja gar nicht damit gemeint.“ Den findet man gerne bei bestimmten Gruppierungen und Gemeinden einer gewissen Frömmigkeit. Selbst schon erlebt, dass mir das von Vertreterinnen dieser Gruppe so gesagt wurde, wie Unheilig mein Leben sei und der Suda mehr. Und machen wir uns da nichts vor, diese Haltung gibt es in jeder Kirchengemeinde, mal mehr oder weniger. Die Frömmigkeitsblockwarte. Die, die Worte wie diese hören und dann gleich mal schauen, wer von den Mitpriestern und Mitpriesterinnen damit gemeint ist. Und wenn dann jemand gefunden ist, auf ihn mit Gebrüll. Da wird dann leider, wenn auch zum Glück selten, wortwörtlich durch Schlafzimmer, Vorgärten und Mülltonnen geschnüffelt und gestöbert. Wer sich das in abstoßender Weise anschauen will, dem seien die Kommentare auf evangelisch.de zu einem Artikel über das Leben von Ex-Frauen von Pfarrern empfohlen. Bei sich selber geschaut wird nicht, allenfalls in Ansätzen, in hömopatischer Dosis vielleicht. Wenn man sich ausnahmsweise bei einem kleinen bösen Gedanken erwischt. Die harten Worte, die wir im Predigttext gehört haben, nicht gegen uns zu richten, ja uns gar nicht gemeint sehen – das ist der bequeme Weg. Wie so etwas dann meistens endet kann man wunderbar in dem Film „Wie im Himmel“ anschauen – im Gesicht des sich als immer fromm, immer moralisch gebenden Pfarrers Stig Berggren. Ein interessanter Gesichtsausdruck, wenn ihm seine Frau seine Pornohefte vor die Füße wirft, dessen Versteck sie schon seit Jahren kennt.
Der andere Weg, wie sieht der aus? Der ist schmerzhafter, der tut weh. Da kann man sich auch nichts vormachen. Der schaut auf sich, auf uns selber, ungeschönt. Der fragt: „Was ist bei uns? Wo tun wir Gottes Geboten und damit ihm selber Gewalt an?“ Da merken wir schnell, hier geht es nicht um die doch meist kleinen, belanglosen Verfehlungen in unserem Leben. Hier geht es ans Eingemachte, an die umstürzende grundlegende Frage: Wie leben wir unseren Glauben, wie leben wir unser Leben als Christinnen und Christ? Was ist der Grundton unseres gemeinsamen Lebens als Priesterinnen und Priester Gottes? Was das sein kann?
Der Buß- und Bettag ist kein Tag der Antworten, sondern der Fragen. Der Fragen an sich selbst, aber auch der gemeinsamen Fragen. In Respekt und Achtung vor den anderen, vor sich selber, auch in aller Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber dem was ist. Beichte, Buße, die Bitte um Vergebung heißt nicht den Weg der schnellen Antwort zu gehen, sondern den Weg der Fragen bis zu seinem Ende. Das will ich heute auch tun: Die harten Worte des Predigttextes als Frage hören, als Frage stellen. An mich, an uns, die wir gemeinsam Gottes Priesterinnen und Priester in dieser Welt sind. Fragen, an deren Ende keine einfachen Antworten stehen werden, aber das wiedererwachte Bewusstsein, dass uns Flügel geschenkt sind. Und der Mut, der wunderbare Mut, endlich wieder zu fliegen, in die unbekannte, aber herrliche Freiheit, die uns Gott schenkt.
Der dänische Philosoph und Theologe Soren Kierkegaard erzählt zu dieser Frage eine Geschichte: „Ein Haufen schnatternder Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof. Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredteste Gänserich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank deren die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher, und ihr Leben bequem.“
Liebe Gemeinde, ich denke, es braucht keine erklärenden Worte, welchen realen Gänsehof Kierkegaard hier vor Augen hatte. Keine weiteren Worte, wie treffend er das Leben der Gemeinschaft der Priesterinnen und Priester beschreibt.
Heute ist der Tag der Fragen, nicht der Antworten, an uns.

 

Verfasst von: achterosten | 12. November 2017

Was würde Bud Spencer dazu sagen? – Predigt zu Lukas 6, 27-38

Predigt zu Lukas 6, 27-38 (Drittletzer Sonntag, 12.XI.2017)

Liebe Gemeinde,
es ist schon erstaunlich, wie manche Personen zu Ikonen werden. Nehmen wir heute mal ihn: Viele bekommen leuchtende Augen wenn sein Name fällt. Ich meine seinen Künstlername, denn sein Geburtsname Carlo Pedersoli sagt nur den wenigsten etwas. Für viele ist er ein Held, nicht nur der Kindheitstage, sondern bis heute – sie bewundern seinen gekonnten Einsatz körperlicher und verbaler Argumente im richtigen Zeitpunkt und in der Dosis, die jeden Gegner schlagkräftig überzeugt. Selbst ein Schwimmbad haben sie nach ihm benannt. Ich muss gestehen, auch ich verdanke ihm die Rettung vieler langweiliger Sonntagnachmittage meiner Kindheit und frühen Jugend. Besonders in den Wilden Westen bin ich ihm gerne gefolgt. Die Fachfrauen und –männer unter ihnen werden ihn vielleicht erkannt haben, den großen, breischultrigen, um kein Argument verlegenen Mann mit Bart aus Italien: Bud Spencer. Einer dieser filmischen Meisterwerke mit ihm trägt den wunderbar verheißungsvollen Titel „Die linke und die rechte Hand des Teufels“. Die Geschichte ist schnell erzählt: „Der Kleine“ – Bud Spencer – gibt in einer namenlosen Stadt den Sherriff. Eigentlich ist er aber genau das Gegenteil und will die Position nutzen für einen großen Raubzug. Alle ist schon geplant, da taucht überraschend sein Bruder auf. Und wer sollte ihn anders spielen als Terence Hill. Dann gibt es da noch den habgierigen und skrupellosen Major. Der hat gerade ein kleines Problem: Tief fromme Siedler baut genau auf dem Stück Land ihr Dorf, welches ein wunderbares Weideland für des Majors teure Zuchtpferde wäre. Die Lösung ist klar, die Siedler müssen weg. Das Ganze mit Hilfe des vertrottelten, aber nicht minder zu Gewalt bereiten mexikanischen Bandenführers Meczal. Es sind wirklich fromme Siedler, die nun zu Opfern der Drangsalierungen werden. Ihr Prediger und Anführer zitiert in solchen und anderen Gelegenheiten gerne aus der Bibel, um deutlich zu machen, dass Gewalt nicht ihr Weg ist, selbst wenn es manche Ohrfeige setzt. So hätte er auch den heutigen Predigttext zum Besten geben können. Denn da heißt es im Lukasevangelium: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun dasselbe auch. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen. Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen.“
Die frommen Siedler übertragen diese Wort eins zu eins, die Konsequenz ist klar – Drangsalierung und Prügel für die Siedler. Doch Hilfe naht in Form des Kleinen und seines Bruders. Sie überzeugen erst die Siedler von den Vorzügen der körperlich ausgerichteten Diskussion. Dann bekommen, in einer finalen Demonstration dieser Art der Argumentation, der Major und seine Truppe aus Gaunern übelst ein auf die Mütze. Die Siedler können bleiben und weiter ihren Glauben in diesem idyllischen Tal zum Lob Gottes leben. Den falschen Sherriff und seinen Bruder von den Vorzügen dieser Art des Lebens zu überzeugen gelingt aber auch den hübschen Töchtern des Predigers nicht und so ziehen sie am Ende ihres Weges um nach dieser Heldentat sich wieder den weniger vorbildlichen Taten der Gaunerei zu widmen. Finis – ein wunderbarer, harmloser Filmspass geht zu Ende.

Liebe Gemeinde,
sie werden diese Aufnahme der Worte aus dem Lukasevangelium vielleicht etwas befremdlich finden, aber wenn wir doch ehrlich sind, zeigen sie doch auf verspielte Weise was wohl vielen, mich eingeschlossen, durch den Kopf geht, wenn wir diese Worte hören. Nett, aber für das reale Leben wohl nicht zu gebrauchen. Und beim längeren Nachdenken kommt man vielleicht zu dem Schluss, es kann sogar gefährlich werden, dem im wahren Leben folgen zu wollen. Die Feinde zu lieben – da droht einem am Ende das Elend der frommen Siedler auf den saftigen Weiden oder noch Schlimmeres. Gerade in diesen Tagen scheint dies ja mehr als treffend zu sein. Heute, wo wir uns, je nach politischer Couleur, ja an allen Enden und Ecken von Feinden bestimmter Art bedroht sehen. Und es wird ja auch schon zur Jagd geblasen. „Liebe deine Feinde“ – nie schien es falscher als heute! Dumm nur, das dass dieser Satz einer der zentralsten des Glaubens ist. Lässt man ihn fallen, fällt damit auch das, was den Glauben besonders macht. Mein Gefühl dabei, vielleicht liegt hier ein so etwas wie ein Missverständnis vor: Es scheint als gehe manche und mancher davon aus, dass die biblischen Texte den Anspruch haben so eine Art göttliche Gebrauchsanweisung für das Leben zu sein. Ich lese da etwas anderes. Nichts von dem Anspruch wortwörtlich zu allen Zeiten und an allen Orten verstanden zu werden. Nichts von einer moralischen Erziehung der Menschheit. Für diesen Blick gibt es einen guten Prüfstein. Denn immer wenn die Worte der Bibel so gelesen wurden, ging und geht es furchtbar schief. Dann wurde und wird der Glaube, der Freiheit verheißt, zur lebensfeindlichen Ideologie. Nein, ich lese da etwas anderes: Die Bibel als Buch des Glaubens, kein Ratgeber für alle privaten und gesellschaftlichen Lebenslagen. Das ist ein verdammt wichtiges Detail bei dem Ganzen. Um nicht zu sagen, der entscheidende Perspektivwechsel, wenn der Glaube eine Rolle und Bedeutung für uns und die Welt haben soll. Das gilt umso mehr für solche steilen Text wie dem heutigen aus dem Lukasevangelium. Denn er erzählt mehr über das Geheimnis des Glaubens, als moralische Belehrung zu sein. In seinem Zentrum steht nicht etwa die tiefe philosophische Überlegung, ohne die ein Zusammenleben der Menschen nicht möglich wäre. Die uns die wunderbare Erkenntnis aus der Antike bis heute zuruft und die wir als Goldene Regel kennen: „Tu was du willst, das dir getan wird“. Das ist eine tiefe Wahrheit über das Leben des Menschen zu der es keinen Gott und keinen Glauben braucht.
Gott und der Glaube, beides ist aber das Zentrum der Worte, die wir gehört haben. Gott und der Glaube bilden ihre Mitte. „Liebe deine Feinde“ – das ist kein moralischer Appell sondern es ist der Ausruf des Glaubens, der selber diese Erfahrung gemacht hat. Der selber überwältigt wurde davon, dass ein Feind ihm mit Liebe und nur mit Liebe begegnet. Denn das ist der Glaube – der Mensch sieht in Gott den Feind, interpretiert ihn so, hat so Angst vor ihm, versucht vor ihm zu flüchten oder ihn unterwürfig zu bestechen. Unzählig die Geschichten, die davon berichten. In der Bibel, durch die Zeiten hindurch bis heute. Immer dort zum Beispiel wo der Mensch dem Menschen Feind wird, wird er auch Gott zum Feind. Deshalb hängt doch auch hier das Kreuz an der Wand, als Ort dieser Feindschaft. Wo der Mensch zum Feind Gottes geworden ist und ihn selbst dort hingerichtet, ihn dem Tod überlassen hat. Was ist die Antwort des Feindes, Gottes? Nicht Ausübung von Gewalt, von Macht, sondern überwältigende Liebe, eine grenzenlose Liebe. Auch davon erzählen unzählige Geschichten des Glaubens bis heute. Das ist die umstürzende, alles in ein anderes Licht setztende Erfahrung des Glaubens von der Lukas spricht. Ohne sie wird „Liebe deine Feinde“ zu einer lebens- und weltfremden religiösen Sondermoral. Aus der Perspektive der erfahrenen Überwindung der Feindschaft von Mensch und Gott wird es Fundament eines Glaubens, der dann wirklich tragen kann in dieser Welt. Fundament von dem wir aus unseren Beitrag leisten können, Antworten zu finden, was zu tun ist in einer Welt, wo der Mensch oft dem Menschen ein Feind ist. Wo die Überwindung von Feindschaft ein so kostbares, so seltenes, so beglückendes Gut ist. Diesem Fundament liegt nichts ferner als der überstiegene moralische Anspruch die Welt mit der Bibel in der Hand und fromm-betroffenen Sinnsprüchen auf den Lippen zu verbessern, sondern in der Welt und ihren Verwerfungen gelassen und befreit zu tun, was jeweils nötig ist. Vielleicht hat das auch der Prediger der kleinen Siedlergemeinschaft erkannt und stimmt am Ende der Hilfe des Kleinen und seines Bruder zu, sie vor der Gewalt des Majors zu schützen. Aber vielleicht ist das auch ein wenig zu viel der Interpretation für einen schönen Film für langweilige Sonntagnachmittage mit einem großen, dicken Mann aus Italien.

 

Verfasst von: achterosten | 15. Oktober 2017

Ein schönes Gesamtbild – Predigt zu 5. Mose 30, 11-14

Predigt zu Dtn 30, 11-14 (XVIII. So. n. Tr., Jubiläumsgottesdienst 10 Jahre EBH, 15.X.2017)

Liebe Festgemeinde,
es gibt sie ja, diese Glücksmomente, wo wie durch Zufall manche Dinge zusammenkommen, sich verbinden zu einem Moment, einem Bild. Eine schöne Sache. Ich bin heute Morgen ein so beglückter Zeitgenosse. Es nicht nur wieder eine besondere Freude für mich, mal wieder bei der Diakonie zu sein. Vor allem da ich auf den Monat genau vor 24 Jahre in einem weißen Kasack zu ersten Mal durch die Stationstür eines Krankenhaus schritt und von da an die Diakonie mich nicht mehr losgelassen hat. Sondern, viel entscheidender, dass ich heute zu diesem wunderbaren Anlass hier sein darf. Wir heute dieses Geburtstagsfest zusammen als diakonische Einrichtung und Kirchengemeinde feiern dürfen. Sie wissen, der 10. Geburtstag ist immer einer der schönsten. Die Kinder sind dann schon alt genug für eine halbwegs stressfreie Geburtstagsfeier und noch weit genug weg von pubertären Merkwürdigkeiten. Es kommt noch etwas hinzu und fügt sich wie von selbst in dieses Bild. Der heutige Predigttext aus dem 5. Buch Mose: „Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wirs hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“
Nicht mehr und nicht weniger ist es, was seit zehn Jahren Tag für Tag in diesem Haus geschieht – dass das Wort, das Gebot Gottes, gelebte und erfahrbare Wirklichkeit wird. Gottes Wille für den Menschen, das Gute, getan wird. Und damit auch der christliche Glaube hier an diesem Ort zu seinem Ziel und zu seiner Vollendung kommt. Denn das ist doch im Gesamten die Diakonie: Das Tun des Wortes, des Gebotes Gottes und damit die Vollkommenheit des christlichen Glaubens. Hier im diakonischen Handeln wird sie gelebte Realität, diese unauflösbare Verbindung.
Ich gebe zu, eine steile These und sie mag auf den ersten Blick auch fern der diakonischen Praxis, der täglichen Realität der Diakonie zu sein. Dass sie das aber gerade nicht ist, dazu möchte ich ein paar Gedanken mit Ihnen teilen.

Liebe Festgemeinde, am Anfang ganz grundsätzlich gefragt: Was ist überhaupt das Wort, das Gebot Gottes? Ich will es kurz machen: Alles nur nicht eine Gängelung des Menschen durch Beschränkungen und einem Dschungel aus Ge- und Verboten. Nicht das gehässige moralische Programm eines sadistischen Gottes, der genau weiß, dass dies alles nicht von einem Menschen befolgt, erfüllt werden kann. Jede, jeder der dies so versucht ist zum Scheitern verurteilt.. Die Gebote sind auch nicht der Aufgabenkatalog eines ekeligen Patriarchaten, den man minutiös zu erfüllen hat, nur um dann, ja dann endlich das Ziel zu erreichen: geliebt zu werden. Die Verwechslung der Gebote Gottes mit Moral, dem erhobenen Zeigefinger, dem „das tut man so“ hat vielleicht vielen Psychotherapeutinnen ordentlich Arbeit beschert. Es hat aber sicher nicht dazu beigetragen, das Gute für die Menschen zu tun. Das Gebot Gottes bedeutet nicht Moral, sondern zu aller erst Freiheit. Sie wird den Geboten vorangestellt, ist für sie die unabdingbare Grundlage, ihr Fundament. Dem aus der Sklaverei befreiten Volk Israel werden die Gebote gegeben als Ausdruck und Bewahrung ihrer Freiheit. Die freie Frau, der freie Mann tritt Gott gegenüber und erhält seine Gebote. Dem befreiten Herz ist das Wort ganz nahe, dass es getan werden kann. Es bleibt aber ein menschliches Herz, dem es nahe ist, es bleibt eine menschliche Hand, die es tut.
Liebe Gemeinde, lassen sie mich den nächsten Gedankenschritt tun: Gott gibt das Gebot in die Hand des Menschen und stellt es damit in den Rahmen des Menschen. Es wird so gelebte Praxis und nicht starre lebensferne Moral. Damit wird das Wort Gottes, sein Wille zum Guten für die Menschen, gelebte und erfahrbare Wirklichkeit an diesem Ort, hier im Elsa-Brändström-Haus. Und das trotz all der Einschränkungen, die eine gute Pflege nur schwer möglich machen. Wie etwa durch den fehlenden gesellschaftlichen und politischen Willen für eine gute Pflege die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die fehlende monetäre und ideelle Anerkennung einer guten Pflege und das heißt an allererster Stelle all der Menschen, die sich ihr tagtäglich widmen. Und da nehme ich die Kirche explizit mit in die Verantwortung. Denn was hier in Eppendorf vor zehn Jahren geschehen ist, war ein großer Glücksfall, ist aber leider doch ein eher seltener: Die enge Kooperation zwischen einer diakonischen Einrichtung und der Gemeinde der evangelischen Christinnen und Christen vor Ort. Das hohe finanzielle und ideelle Engagement einer Kirchengemeinde bei der Errichtung und Ausstattung eines Alten- und Pflegeheimes bis auf den heutigen Tag. Wenn ich das richtig aus den Berichten verstanden habe, ja sogar die Initialzündung aus der Gemeinde selber kam. Das Ganze ist besonders mit zwei Menschen verbunden, denen wir leider heute nicht mehr dafür danken können. Menschen, die ihren Glauben wohl genau so verstanden haben, wie ihn die Worte aus dem 5. Buch Mose vor Augen stellen. Daher – und ich mache einen weiteren Gedankenschritt – ist doch bei aller Freude über das heutige Jubiläum, bei aller Feierlaune, der heutige Tag auch eine Anfrage an die Gemeinden selber, an die Gemeinschaft der Christinnen und Christen Aufruf zur kritischen Selbstreflexion. Zugespitzt ist es die Frage: „Wo ist heute der Ort, wo der Glaube an sein Ziel kommt, seine Vollendung findet? Sind das unsere Kirchengemeinden, so wie sie heute sind?“ Denn wenn wir die Worte aus dem Predigttext, das biblische Zeugnis, ernst nehmen, dann steht es vor Augen: Ziel des Glaubens ist nicht die eigene Selbstvergewisserung, nicht, ich nehme jetzt mal diesen alten Begriff, das eigene Seelenheil. Und schon gar nicht die Errichtung einer letzten Bastion bestimmter moralischer Werte oder überkommender Formen menschlicher Vergemeinschaftung. Nicht die Schaffung einer Insel weit weg vom Leben der Menschen, ihren Nöten, Sorgen, Freuden und Fragen. Nicht umsonst haben die Reformatoren vor 500 Jahren die Mauern dieser Bastionen, dieser christlichen Sonderwelten niedergerissen.
Ich will noch einen Schritt weiter gehen: Der Glaube kommt da zum Ziel, zu seiner wahren Gestalt wo er für den Menschen neben mir zur erlebbaren Wirklichkeit wird. Mein Glaube kommt da zu seiner Vollendung wo meine Hand die eines anderen ergreift, wo mein Mund ruft, für die, die keine Stimme hat. Nicht in der persönlichen Glaubensstärke, der eigenen Überzeugung gewinnt der von Gott geschenkte Glaube Gestalt, sondern dort, wo die ausgestreckte Hand gereicht wird. Und bis zum Ende gedacht – erlauben Sie mir diese Randbemerkung – wird dann auch klar, dass die Frage der Religionszugehörigkeit von Mitarbeitenden in der Diakonie unter ganz anderen Vorzeichen zu diskutieren ist, als das in oftmals geschieht. Dann kann die Öffnung für Menschen anderer Religion oder Religionslosigkeit nicht mehr als ein defizitärer Schritt aufgrund gesellschaftlicher und demografischer Bedingungen verstanden werden. Er wird dann ein theologisch begründeter und begleiteter Weg der Hoffnung und des Vertrauens, dass der Wille Gottes zum Guten für die Menschen durch alle Menschen guten Willens geschehen kann. Durch alle die den Willen zum Gute für den Menschen in ihrem Herzen und in ihrem Mund tragen – durch Menschen wie Sie, die diakonisches Handeln mit Leben füllen.

Zwei kurze Gedanken zum Schluss: Wenn dem aber allem so ist, dann ist mehr als hohe Zeit, dass wir in den Kirchengemeinden uns sehr kritisch fragen, wo und wie bei uns der Glaube so zu seiner Gestalt kommt. Nicht nur in irgendwelchen Sonderräumen am Rande, sondern in unserem Zentrum. Ist diese Frage die Leitlinie all unserer Überlegungen oder nur das ängstliche Starren auf den Rückgang von Mitgliedszahlen und zu erwartenden schwindenden finanziellen Mitteln? Sind Gemeinden, ja ist die Kirche um ihrer selbst oder um der Menschen da? Liegt nicht im diakonischen Tun und Denken der Aufbruch aus der schon viel zu lange dauernden depressiven Nabelschau? Liegt nicht vielleicht in der Diakonie die Zukunft des Glaubens, sind hier die heutigen Orte des Glaubens? Das Diakonische als Zentrum und nicht als Randort zur Beruhigung des notorisch schlechten Gewissens. Das gemeinsame Erbauen dieses Hauses, die enge Kooperation, der heutige Gottesdienst hier an diesem Ort – es wäre dann mehr als ein nettes, schönes Beiwerk, sondern erste Schritte auf einem Weg in die gemeinsame Zukunft der Kirche und ihrer Diakonie hier vor Ort.
Und ein letzter Gedanke: Es stimmt wohl, ein paar steile und kontroverse, die mir da durch den Kopf gehen beim Blick auf dieses wunderbare Gesamtbild aus Anlass und Bibeltext heute Morgen. Aber es sie sind keine hoch fliegender Gedanken am heimischen und heimeligen Schreibtisch, sondern mit beiden Füßen auf der guten Erde des Glückes jahrelang bis heute diakonisch tätig sein zu dürfen. Keine Theorie in der sterilen Sauberkeit kirchlicher Wohlanständigkeit, sondern erfahrene Wirklichkeit, bei der man sich auch dreckig gemacht hat. Verbunden mit dem ganz persönlichen Erleben, dass der angegriffene, angezweifelte, korrumpierte Glaube gerade dort Nahrung und Quelle gefunden hat, wo in aller Nüchternheit und Professionalität ich meine Hand zur Hilfe reichen, meine Stimme für die Stummen erheben durfte. Ich tat, was meinem Herzen und Mund nahe war. Nicht umsonst ist der heutige Predigttext dieser Vers mein Ordinationsspruch, die Überschrift, die ich für meinen Beruf gewählt habe.

Liebe Festgemeinde – ein wunderbarer Glücksmoment, das dies alles heute hier zusammen kommt, sich zusammenfügt zu einem wunderbaren Bild des Guten, was Gott für uns Menschen will und auf das es nur eine Antwort geben kann: Das wir es ordentlich feiern.

 

Predigt zu Mk 4, 26-29 (Erntedank mit Kita, 08.X.2017)

– Mit Kinder Gemüse und Obst auf dem Altar betrachten
– Als letztes die Kartoffel
– Woher kommt sie?
– Wie wächst sie? Erzählen wie ich sie lege, sie verschwunden sind, dann zeigen sich zarte Pflanzen, ich häufle an mit dem Pflug, sie wachsen und sterben ab, nur noch dürre Halme, dann brauch ich die Grabgabel und plötzlich finde ich ganz viele. Stichwort: V E R B O R G E N
– Was kann man aus der Kartoffel machen? Sie kann uns komplett ernähren, mit ihr kann man nicht verhungern.

Liebe Gemeinde,
gerade jetzt im Herbst, an Erntedank steht es uns nochmal ganz besonders vor Augen, dieses unscheinbare Gemüse. Was aber doch so vielfältig ist und mit dem sich so wunderbare Sachen zaubern lassen wie Gratin, Backkartoffeln, Kartoffelklöße, aber auch Pommes und Chips. Sie ist Grundlage vieler wunderbarer Gerichte aus allen Herrenländern: Krumpir i blitva, kleine Kartoffelwürfel mit Mangold auf dem Balkan ist, Jota in Italien, Kartoffeln und Dicke Bohnen mit viel Speck, die jüdischen Reibeplätzchen Laktes oder Himmel und Erde, Apfel- und Kartoffelbrei Überall ist sie in prominenter Rolle dabei und erfreut den Gaumen. Sie sehen, ich gerate richtig ins Schwärmen. Wenn in meinem Gemüsegarten die Ernte ansteht, dann freue ich mich immer ganz besonders auf die Kartoffelernte. Denn bei ihr gibt es immer diesen wunderbaren Moment der Überraschung. Ob Kohl, ob Rote Beete oder Mangold, bei allem anderen kann man schon vorher sehen, wie die Ernte ausfallen wird – bei der Kartoffeln nicht. Ich bin immer ganz begeistert, wenn sie mir schon beim ersten Aufbrechen des Bodens in Fülle goldgelb entgegenleuchten, sich Reihe um Reihe der Korb füllt und am Ende ich, natürlich nicht ohne einen gewissen Stolz, auf 30kg Kartoffeln blicke. Vor allem, wenn ich mich dann erinnere, wie wenig Saatkartoffeln dafür nötig waren. Es ist etwas ganz besonderes sie zu ernten. Sie liegt in der Erde, im Verborgenen, wächst dort, bildet ihre Früchte, bleibt dort bewahrt, bis man sie ans Tageslicht holt. Ihr Reichtum liegt nicht vor Augen, sondern ist im Beet, in der Erde verborgen.
Sie hat mich viel gelehrt, die Kartoffel, nicht nur Geduld und dass Rückenschmerzen der Preis für eine reiche Ernte sind, sondern auch viel über den Glauben. Ich bin mir verdammt sicher: Wenn Jesus die Kartoffel gekannt hätte, viele seiner Geschichten, Gleichnisse, Bilder, sie würden uns heute anders erzählt werden, mit ihr an ganz herausragender Stelle. Denn sie ist vielleicht eines der Bilder, die dem Wesen des Glaubens am nächsten kommen. Das beginnt ja bereits damit, dass wir uns unseren Glauben nicht selber schaffen können, nicht verdienen können. Er wird in uns gelegt, so wie im Frühjahr die Saatkartoffel in die Erde gelegt wird. Das kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschehen, vielleicht durch die Geschichten des Glaubens, die wir als Kinder hören. So wie wir sie euch in der Kita erzählen. Dann zeigt sich das Grün, der Glaube wächst, zeigt sich an der Oberfläche. Und auch das kennen ja manche von uns, aus ihren jungen Jahren. Waren bei der Jungschar oder Messdienerin, sind zum Unterricht in die Moschee gegangen. Und der Glaube folgt der Kartoffel. Er wächst immer mehr, kräftig und grün stehen die Pflanzen, mitten im Saft. Es zeigen sich kleine Blüten, gefolgt von kleinen grünen Früchten. Wenn sie sich zeigen, diese scheinbaren Glaubensfrüchte, dann kann es passieren: Frau oder Mann ist der Überzeugung, der Glaube in einem sei stark, nicht zu bezwingen, mein Glaube ist das einzig wahre, mag manche, mag mancher in dieser Zeit denken. Aber es die gefährlichste Zeit des Glaubens. Die grünen Früchte, die so schön aussehen, niemals darf man sie essen. Sie sind giftig. Und auch wer in dieser Zeit seines, ihres Glaubens das was einem vor Augen steht, für die Frucht des Glaubens hält, wird schlimme Vergiftungen erleiden. Das Gift des Fanatismus, des Hasses, der Abscheu all den Menschen gegenüber die nicht das gleiche Glauben wird von Herz und Kopf Besitz ergreifen. Und wenn man den Boden aufgraben würde in dieser Zeit, wäre dort nichts zu finden, nur eine ungestalte, kaum zu erkennende Schale der alten Saatkartoffel. Hier kann noch nichts Nahrhaftes, Schmackhaftes geerntet werden. Es braucht noch Zeit, es braucht die schönen, aber auch die schweren Dinge des Lebens. Das grüne Kraut es welkt, verdorrt, übrig bleiben nur ein paar dürre, trostlose Halme. Wie es auch mit dem Glauben geht, wenn die Zeit des Lebens über ihn hinweg zieht. Mit all dem was wir erleben, was an ihm zehrt, ihn ausdörrt, was oft nicht mehr zurücklässt als ein verdorrtes, leeres Feld des Glaubens. Aber tief in der Erde, im Dunklen sind sie gewachsen, die wahren Früchte. Keine gleicht der anderen, so wie das Beet ist, so wie wir sind, sind sie gewachsen. Manche groß und kräftig, anderen verwinkelt, weil es galt um einen Stein herum zu wachsen. Und wer Kartoffeln schon mal geerntet hat, wird es wissen, mindestens eine in Herzform ist immer dabei. Das sind die wahren Früchte des Glaubens, die in uns schlummern, ruhen, warten, dass sie ans Licht geholt werden, um zu stärken, um uns zu erfreuen. Auch wenn wir meinen, das Beet wäre öd und leer, im Verborgenen ruhen sie. Auf die Suche müssen wir uns halt machen, das bleibt nicht aus. Wir müssen in dem Beet unseres Lebens graben, dort sind sie verborgen. Manchmal liegen sie auch tiefer, aber wenn sie dann vor uns liegen, in der aufgebrochenen Erde, goldgelb und verheißungsvoll, was gibt es Schöneres.
Ja, wenn die biblischen Autoren die Kartoffel schon gekannt hätten, sie hätten uns manches Lied, manche Geschichte von ihr hinterlassen als wunderbares Bild des Geheimnisses des Glaubens, dessen Früchte in uns ruhen. Die darauf warte unseren Hunger nach Leben, nach Hoffnung, nach Mut zu stillen.

Verfasst von: achterosten | 26. September 2017

Feste Feiern – Predigt zu Jesaja 25, 6-9 (Erntedank)

Predigt zu Jesaja 25, 6-9 (Erntedank 2017)

Liebe Gemeinde, es sind Symptome, die immer mal wieder auftauchen und im Ganzen betrachtet dann doch irgendwie stutzig machen. Schauen Sie sich mal das Bild an. Ich gebe zu, vielleicht nicht ganz jugendfrei, aber da sitzen sie in der Angestellenkaue. Irgendein Geburtstag, wahrscheinlich von dem jungen Mann in der Mitte mit dem beeindruckenden in weiß leuchtenden nackten Oberkörper und dem stolzen Blick. Der Ort, das Jahr, die Menschen auf dem Bild sind aber gar nicht das Interessante, sondern vielmehr, was die Jungs da so machen: Einige sind mit Schnaps und Bier ausgestattet, für Musik ist gesorgt, ein liebevolles Geburtstagsschild im Hintergrund ist auch da und sie schauen alle erwartungsfroh in die Kamera, wohl wissend: Jetzt wird gefeiert. Und das müssen sie wohl auch ganz ordentlich, wie weitere Fotos sehr eindrücklich belegen. Ein zufälliges Foto wie es doch wohl fast jeder irgendwo in seinem Fundus oder im Familienalbum hat ob in Schwarz-Weiß oder Farbe. Jubel, Trubel, Heiterkeit festgehalten im Foto. Ne, wat ham wir da gefeiert, schießt einem durch den Kopf wenn man drauf schaut. Aber irgendetwas hat sich in den letzten Jahren beim Feiern geändert.
Es begann alles damit, als ich meinen Kroatischlehrer zum Grillen einlud. Er druckst ein bisschen am Telefon herum, bis sie endlich kam, die für ihn entscheidende Frage: „Ist das eine deutsche Einladung oder eine vom Balkan?“ Auf meine erstaunte Rückfrage, wo denn da der Unterschied sei, kam zurück: „Bei der deutschen muss ich mein Fleisch selber mitbringen.“ Im Hintergrund stand die traumatische Erfahrung, beim Grillfest mit deutschen Kolleginnen und Kollegen der einzige gewesen zu sein, der nicht Würstchen, Salat etc. mitbrachte. Später kam es zu einer weiteren Beobachtung: Freunde feiern den Geburtstag nicht mehr. „Ist mir alles zu aufwendig und dann bist Du ja noch Tage lang mit Aufräumen beschäftigt und richtig fit für die Arbeit bist Du dann Montag auch nicht.“ Oder ich bekam Einladungskarten mit dem freundlichen Schlusssatz: „Wir beenden die Feier dann nach dem Kaffeetrinken.“ Ach, schau an, wenigsten muss ich meinen Kuchen nicht mitbringen und zur Sportschau bin ich auch pünktlich zu Hause. Dann las ich auf einmal von dem neusten Hype: Feiern bei denen es nur um die Gesundheit geht. Alles super gesund, am besten in flüssiger Form. Damit man nach der Feier noch gesünder, noch leistungsfähiger ist. Sehr beliebt, wenn man dem Artikel glauben darf, in gewissen studentischen Kreisen in hippen Großstädten. Dann schließlich war es nicht mehr zu übersehen: Einer hat sich dann doch mal endlich entschieden, ein wenig zu feiern, wir sitzen gerade beieinander, da fällt auch schon der erste fast vom Stuhl – vor lauter Müdigkeit. Und das nicht morgens um drei sondern um zehn Uhr abends! Und ehrlicherweise sagen dann fast alle, dass es ihnen gerade nicht anders geht. Betretendes Schweigen bis sie einer laut stellt, die entscheidende Frage: „Haben wir das Feiern verlernt? Wir haben das eigentlich unsere Eltern gemacht? Gefeiert bis tief in die Nacht und morgens um fünf wieder raus und auf die Frühschicht?“ „Und die hatten auch Kinder und haben gearbeitet,“ ergänzt noch eine von der Seite. „Wie haben die das geschafft?“ Keine Ahnung.
Geht das nur mir so – oder ist es wirklich so: Haben wir das Feiern verlernt? Ich meine, schauen Sie sich die Jungs auf dem Bild an, die haben es schon in der Kaue krachen lassen. Ich denke an Hochzeitsfeiern in der Nachbarschaft als ich Kind war, mit Kränzen, Polterabend und der eigentlich Hochzeitsfeier war man da gut eine Woche fröhlich zugange. Oder die Goldene Hochzeit meiner Ersatzgroßeltern: Die 30 Mann, Familie, samt Nachbarschaft in der kleinen Küche im Zechenhaus mit Akkordeon und Gesinge als ob es kein Morgen gibt. Und das war nicht vor 100 Jahren sondern vor 30. Auf der anderen Seite gibt es dann so Geschichten wie das Spring Break, das sich ja auch in Europa zunehmender Beliebtheit erfreut. Bevor man Mitglied im allgemeinen Hamsterrad aus Arbeit und Funktionieren wird, gibt man mit Sex, Drugs und Rock n Roll ein paar Tage alles. Dann aber auch so, dass es fürs ganze Leben reicht. Nicht, das man mich da jetzt falsch versteht, jeder und jedem der da dabei sein will, sei das gegönnt, aber die Frage bleibt am Ende für mich doch: „Haben wir das feiern verlernt. Und wenn dem wirklich so ist, warum ist dem so?“ Und es scheint ja nicht nur mir so zu gehen. Liegt es nur an den äußeren Umständen? An früheren Zwängen zu Festlichkeiten, die man zum Glück abgelegt hat? Für was könnte das ein Symptom sein? Ehrlicherweise ich weiß nicht wirklich.
Nehmen wir doch auch mal die Bibel. Da wird an allen Ecken und Enden gefeiert und manche dieser Feier endet am nächsten Morgen auch mit einem dicken Kater, direkt oder im übertragenden Sinne. Große Feiern mit allem was dazu gehört sind immer wieder auch ein Bild für die biblischen Verheißungen. Als die die großen Hoffnungsbilder. Keine fleischlosen, rein vergeistigen Ansagen, sondern da lässt man es so richtig krachen. Wie hier zum Beispiel im Jesajabuch: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.“ Das ist die Einladung zu einem Fest, was garantiert nicht nach dem Kaffeetrinken sein Ende findet und zu dem ich selber meinen Nudelsalat mit anschleppen muss. Viele solcher Texte sind in der Bibel zu finden. Wenn man sich die dann genauer anschaut, haben die biblischen Autorinnen und Autoren das was in der Tiefe des Feierns steckt wohl wirklich durchdrungen: Es macht uns Menschen zu Menschen und es ist das große Trotzdem! Wer feiert durchbricht jede Frage nach dem Funktionieren, der muss nicht mehr funktionieren, der darf einfach sein. Wer feiert schleudert ihr Trotzdem all den Dingen, die das Leben aus uns heraussaugen, entgegen. All diesem ganzen Mist, der uns Tag für Tag Angst macht, belastet, uns die Hoffnung raubt, uns verbiestern lässt. All den ganzen Anforderungen von allen möglichen Seiten, am meisten von uns selbst an uns. Wer feiert feiert das große Trotzdem: Dort wo wir zu funktionierenden Maschinen degradiert werden oder uns selber degradieren im braven gläubigen Gehorsam gegenüber all den Religionen unserer Tage: Beruf, Gesundheit, Work-Life-Balance, Essen und Trinken. Das große Trotzdem des Lebens feiern wir, spüren es. Egal zu welchem Anlass, auch heute zum Erntedankfest. Daher ist das Feiern nicht nur ein wunderbares Bild für den Glauben an diesen einen Gott. Wo wir einfach sein dürfen, wo das große Trotzdem als Festplakat über unsere Köpfe gespannt ist. Sondern dort wo gefeiert wird, wir Mensch sein dürfen, immer auch etwas zu spüren, zu schmecken ist, von dem was uns von diesem Gott verheißen ist.
Vielleicht wussten die Jungs auf dem Bild aus der Kaue das oder hat ein größeres Gespür dafür. Vielleicht einfach deswegen, weil sie Tag für Tag hautnah erlebten, wie der Mensch zur Maschine wird, Teil eines großen Räderwerkes. Aber auch wie schnell das Leben vorbei sein kann, wie gefährdet es ist. Vielleicht wussten sie daher umso mehr in ihren Herzen, wie groß und wichtig das Trotzdem ist, wie wir es brauchen, um zu leben.
So will ich auch mit einem hoffnungsvollen Blick schließen: Vor drei Wochen habe ich einen guten Freund besucht. Es war elf Uhr abends, wir wollten nur noch jeder sein Bier austrinken und dann ab ins Bett. Es klingelte der Nachbar, um noch kurz vorbei zu schauen. Um es kurz zu machen: Am Ende saßen sechs Menschen um den Tisch, es wurde gelacht, getrunken und gesungen. Als ich um halb vier auf die Luftmatratze sank da wusste ich, nein, so ganz haben wir das feiern nicht verlernt. Mehr im Herzen als im Verstand spürte ich wieder, warum uns von der Schönheit des Glaubens, von seiner Hoffnung als großem Fest erzählt wird.

Verfasst von: achterosten | 17. September 2017

Vom Traum zur Wirklichkeit – Predigt zu Genesis 28, 10-22

Predigt zu Gen 28, 10-22 (XIV. Sonntag nach Trinitatis, 17.IX.2017)

Liebe Gemeinde,
warum sind Sie heute Morgen hier? Die Witzbolde unter Ihnen würden vielleicht unter Abwandlung eines alten Fußballzitates antworten „Weil Sonntag ist.“. Und Ihr Konfis werdet sagen: „Weil ich muss. Gehört zur Zeit als Konfi dazu.“ Beides ist ja auch nicht so ganz falsch, aber es ist klar, mir geht es um die tieferen Gründe. Die werden ganz unterschiedlich aussehen bei jeder, bei jedem Einzelnen. So wie es zu dem eigenen Leben, zu Ihnen selbst passt. Da gibt es auch keine guten und keine schlechten Gründe. Eins aber vermute ich doch mal trifft auf die ein oder andere Art für uns alle hier heute Morgen zu: Irgendwie gehört der Glaube zu unserem Leben. In ganz unterschiedlichen Formen, wie auch unsere Leben ganz unterschiedlich sind. Ein Hoffen, ein Vertrauen, eine leise Ahnung, dass es wahr ist, was uns erzählt wird, was wir in unseren Herzen spüren: Dass es einen Gott gibt, der uns gegenüber steht, der mit uns ist, der uns nicht allein lässt. Mir jedenfalls geht es so. Und wie schön wäre es, wenn da mehr wäre als nur ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Vertrauen, eine leise Ahnung. Tiefer, fester Glaube – unerschütterlich, jeden Tag wie ein fester, unumstößlicher Grund. Aber dem ist ja nicht so, immer wieder nagt da auch der Zweifel. Kann das wirklich so sein? Kann es diesen Gott überhaupt geben? Oder ist es nicht doch alles ganz anders? Ist der „Thron“ dort im Himmel schon lange verwaist, vielleicht hat da ja nie jemand gesessen? Und wenn es Gott wirklich gibt, vielleicht ist er ja ganz wo anders zu finden? So oder ähnlich geht es mir durch den Kopf, immer wieder. Wie einfach wäre alles, wenn da etwas wäre, was mir diese letzte Gewissheit gibt. Wenn sich Gott doch einfach zeigen würde. So wie in all den Geschichten, die uns da in der Bibel erzählt werden. So wie die im heutigen Predigttext über Jakob. Das ist der, der seinen Bruder um seine Rechte als Erstgeborenen gebracht hat auf sagen wir mal zumindest nicht ganz legale Art und Weise. Erst für ein Linsengericht die Rechte gekauft und dann noch den blinden Vater betrogen, um an den väterlichen Segen zu kommen, der eigentlich dem Ältesten zustand. Der Sohn wird so als rechtmäßiger Nachfolger anerkannt und ist damit also demnächst „Herr im Hause“ mit allem was damals so dazu gehört. Das hat sich dieser Jakob mal gerade auf miese Art und Weise an Land gezogen. Klar, so etwas sorgt nicht gerade für gute Stimmung beim Bruder und da die Gefahr besteht, dass nicht nur bei einem blauen Auge für Jakob bleiben wird, macht der sich mal ganz schnell außer Landes bzw. ihm fällt ganz spontan ein, man könne ja auch mal den entfernten Onkel besuchen, der, welch ein Zufall sehr weit weg von Jakobs Bruder wohnt. Zwei unverheiratete Töchter hat der auch, wie praktisch. Auf dem Weg zum Onkel, von Müdigkeit übermannt, in der Einsamkeit der öden Landschaft legt er sich einfach nieder und so wird uns erzählt: „Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goß Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“
Der Jakob hat es gut, mein Neid ist ihm gewiss. Wie ich hat er von Gott gehört, haben ihm die Älteren davon erzählt. Wie ich hat es vielleicht in ihm eine Ahnung geweckt, vielleicht sogar ein leises Vertrauen, der Beginn seines Glaubens. Ihm aber erscheint Gott gleich mal persönlich und das gleich auch noch mit einer eindrucksvollen Leiter. Und mit einer klare Zusage Gottes: Ich werde bei Dir sein, Du wirst nicht allein durch dein Leben stolpern, ich bin an deiner Seite. Super für Jakob, aber ich? Hatte ich schon mal einen solchen Traum oder ist mit diesem überhaupt zu rechnen? Wohl eher nicht. Mal ganz von der Ungerechtigkeit abgesehen, denn ich habe noch nie so jemanden über den Tisch gezogen, wie das Jakob mit seinem Vater und Bruder getan hat. Er aber bekommt hier das volle göttliche Programm, ich gehe leer aus. Also wieder mal so eine dieser Geschichten, die man vielleicht mal gehört haben sollte. Das wars dann aber auch. Für meinen Versuch zu glauben wohl eher nicht hilfreich, wie es ja anscheinend oft so ist mit diesen ganzen biblischen Geschichten. Fazit: Jakob wird bestimmt einen festen Glauben gehabt haben, unumstößlich, nie in Frage stellen, worauf er seine Hoffnung, sein Leben aufbaut. Nach dieser Nummer mit der Leiter, diesem Traum. Der weiß, wer und wo Gott ist. Stand ihm sozusagen direkt gegenüber. Ich bleibe dagegen ratlos zurück, wissend, dass ich wohl nicht wirklich je einen solchen Traum haben werde. Vielleicht erscheint mir mal im Traum die Meisterschaftsfeier des SC Freiburgs, das war’s dann aber auch.
Dass dem aber nicht so ist, dass ganz im Gegenteil das was uns von Jakob erzählt wird ganz viel mit meinem schwachen Glauben zu tun hat. Sogar Nahrung für ihn ist und mein Vertrauen nährt, das hat damit zu tun, dass uns die ganze Lebensgeschichte Jakobs erzählt wird. Da zeigt sich, dass es nicht weit her ist mit dem Vorurteil, nach diesem Traum wäre er so eine Art Superheld des Glaubens. Ganz im Gegenteil und das geht schon in dieser Geschichte des Traumes los. Denn mit seinem Vertrauen in Gott scheint es nicht allzu weit her zu sein und so ganz durchdrungen, mit wem er es da zu tun hat, auch das ist ihm nicht so ganz gelungen. Denn ist er blass vor Erstaunen? Ist er völlig verwirrt? Weiß er vor lauter Dankbarkeit und Freude ob dieses enormen Versprechens nicht wohin mit sich? Nichts davon! Jakob sieht das ganz wohl eher als so eine Art Handelsabschluss. Versucht Gott gleich an die Kandare zu nehmen. Nur wenn Gott sich auch daran hält, was er ihm zusagt, dann erhält er einen eins a Tempel. Bis dahin reicht erst einmal ein Stein. So als eine Art Anzahlung. Nichts anderes als der Versuch einen Deal mit Gott zu schließen ist doch sein Gelübde. Zeigt wie wenig er doch verstanden hat, welcher Natur sein Glaube ist. Kein bedingungsloses Vertrauen und letztlich wohl auch keine wirkliche Erkenntnis. Denn was passiert nach dieser Geschichte? Das ganz mal kurz zusammengefasst: Er kommt dann doch zur fernen Verwandtschaft, erlebt dort gleich mehrfach, wie es ist selber gnadenlos über den Tisch gezogen zu werden, kommt mit eher zweifelhaften Methoden zu Reichtum und muss sich dann doch wieder vom Acker machen, weil er es sich wieder mit der Familie verscherzt hat. Das alles spricht jetzt nicht von einem Glauben, wie ich ihn mir wünsche. Ja, wie ich ihn als Bedingung verstehen würde für uneingeschränktes Vertrauen, frei von Zweifel. Ganz im Gegenteil, auch Jakob stolpert weiter durch sein Leben, auch bei ihm läuft nicht alles nach Plan. Er bleibt das alte Schlitzohr, immer auf seinen Vorteil bedacht. Und Gott so richtig erkannt, das hat er wohl trotz seines Traumes immer noch nicht. Denn alles steuert auf den einen Höhepunkt zu. Der Höhepunkt der Geschichte Jakobs, der nur in wenigen Worten erzählt wird, aber doch ganz tief in die Geheimnisse des Glaubens führt. Die Erzählung, die einer der Hauptgründe dafür ist, dass ich heute hier stehe. Es ist die Geschichte von Jakobs Kampf mit Gott. Denn er begegnet ihm noch einmal, am Fluss Jabbok und trotz seines Traumes erkennt er ihn nicht, den Mann, der sich ihm dort in den Weg stellt. Er kämpft mit ihm eine ganze Nacht bis zum Morgen. Er kämpft mit Gott viele Stunden und erkennt ihn doch nicht. Erkennt in ihm nicht den, der ihm alles Gute zugesagt hat, sondern sieht in ihm den Feind. Erst als Gott ihn verwundet, auf die Hüfte schlägt, da erkennt Jakob, mit wem er gerungen hat. Da erst wird aus Traum Wirklichkeit, erst da versteht, erkennt Jakob. Nach stundenlangen Ringen und mit geschlagener Hüfte. Welch eine Geschichte über meinen, unseren Glauben. Welch eine Geschichte über unsere Beziehung zu Gott wird uns da in der ganzen Jakobsgeschichte erzählt. Eröffnet uns den Blick in das Geheimnis des Glaubens. Warum zu ihm immer auch der Zweifel gehört, das Ringen mit Gott, die Wunden, die wir dabei davon tragen. Zeigt den Weg von einem Traum, den wir vom Glauben haben zu der Wirklichkeit des Lebens, unseres Lebens. So, dass am Ende nicht die falsche und lebensfremde Hoffnung steht, der Glaube wäre etwas festes, unumstößliches, nie angezweifeltes, nichts Gefährdetes. Etwas was wir besitzen und uns nicht genommen werden kann. So ist unser Leben nicht. Sondern am Ende steht jener Satz Jakobs nach seinem Ringen mit Gott, seinem Ringen mit dem Leben: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Darum bin ich heute hier, um diesen einen Satz immer wieder in unterschiedlichster Gestalt in Wort und Gesang zu sagen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Damit auch morgen er noch lebt, mein Glaube als Hoffnung, Vertrauen und Ahnung.

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