Verfasst von: achterosten | 19. März 2017

Herz und Hand sind getrennt – Predigt zu Exodus 20, 17

 

Predigt zu Ex 20,17 (Okuli, 19.III.2017)

 

 

„In Müssenberg bei Arnsberg herrschte einst ein riesiger Berggeist, dessen stilles Walten von den Menschen nicht unbemerkt blieb. Den Bösen zeigte er sich als rächender Alter, den Guten als freundlicher, helfender Geist. Keiner sah ihm jemals in das von langwallendem Bart bekränzte Gesicht; nur schattenhaft blickte er  bisweilen über die Felsen und Höhen, während sein wehender Mantel wie ein Schleier die bewaldeten Abhänge bedeckte.

 

Im Tale, am Fuße des Müssenberges, lebten einmal zwei Brüder, jeder auf seinem Bauernhof. Den älteren, unverheirateten, hatte die Gier so sehr gepackt, dass er sich um jeden Preis auf Kosten seines jüngeren Bruders bereichern wollte. Bei Nacht und Nebel vergiftet er diesem das Vieh, zerstörte ihm die Felder, stahl im sein Geld und zündete ihm gar Haus und Scheune an. Dann trat er, Mitleid heuchelnd, vor den ahnungslosen jüngeren Bruder und bot ihm gegen hohe Zinsen Geld zum Wiederaufbau seines Hofes an. Auf diese Art bekam er den Jüngeren ganz in seine Gewalt.

 

Dieser war nun so arm geworden, dass er beschloss, den Hof einige Zeit allein zu bewirtschaften. Seine Frau und seine Kinder brachte er bei Verwandten unter, die versprachen, gut für sie zu sorgen. Auf dem Rückweg von seinen Verwandten sah er am späten Abend den Müssenberg in seltsamen Licht erglänzen. Ein weiter Spalt zeigte eine erleuchtete, tiefe Höhle, und der Berggeist winkte dem Wanderer, dass er hineinkomme. Zögernd trat er ein und wurde in eine von Kostbarkeiten glänzende Grotte geführt. Dort stand auf einem Tisch zwei Kästchen, das eine aus Eisen, das andere aus Gold.

 

„Nimm das eiserne Kästchen und bring es deiner Familie“, sprach der Geist. „Und sage deinem Bruder, er soll sich das andere holen.“

 

Folgsam nahm der so Angesprochene das eiserne Kästchen, ließ noch einmal seinen Blick über die umliegenden Reichtümer schweifen und verließ dann die Höhle.

 

Zuhause angekommen, öffnete er das mitgebrachte Behältnis – und heraus fielen viele Goldstücke, mehr als er brauchte, um seine Schulden zu tilgen.

 

Am folgenden Tag erzählte er seinem Bruder das Ereignis und zeigte ihm zum Beweis der Wahrheit einige Goldmünzen aus seinem Kästchen. Da erwachte in dem bösen Menschen erneut die Gier, so dass er kaum den Abend abwarten konnte. Und als er zum Müssenberg kam, sah er auch wirklich die erleuchtete Höhle. Rasch trat er ein; stauend stand er wie sein Bruder vor den herrlichen Schätzen, doch Angst kroch in ihm hoch, als ihn die Stimme des Berggeistes aufforderte, das goldene Kästchen zu nehmen. Er fühlte das Unheil, doch gleichwohl ergriff er das Kästchen und eilte hastig hinaus. Dröhnend schloß sich die Höhle hinter ihm und erleichtert atmete er auf, glaubte er doch, der vermeintlichen Gefahr glücklich entronnen zu sein.

 

Auf seinem Hof öffnete er gierig das Kästchen. Aber anstelle der erwarteten Goldstücke züngelte ihm eine Flamme entgegen, die an dem Balken emporkroch und Haus und Hof verzehrte. Doch da trat sein jüngerer Bruder an ihn heran und bot ihm sein Gold an, damit das Anwesen wieder aufgebaut werden könne.

 

Als nun die Gebäude stolzer und schöner als vorher dastanden, erwachte im älteren Bruder erneut der böse Geist. Als er einmal einsam an seinem Tisch saß und überlegte, wie er die Rückzahlung des Goldes wohl vermeiden könne, da stand plötzlich das unheimliche Kästchen wieder vor Augen. Nun fasste er einen schrecklichen Gedanken: Er wollte das Kästchen in seines Bruders Haus tragen, damit dieses verbrenne. Doch kaum hatte er es ergriffen, um es fortzutragen, stolperte er auch schon, das Kästchen öffnete sich – und heraus kam die Flamme. Sofort ergriff sie ihn und er verbrannte.

 

Sein Bruder aber erbte den Hof und lebte noch viele Jahre mit seiner Familie glücklich und zufrieden. Nie vergaß er, den Armen von seinem Reichtum zu geben. Und wenn der Berggeist von Zeit zu Zeit über die Gipfel der Berge schaute, dann blickten seine Augen freundlich auf das stille Glück im Tal.

 

 

 

(nach Anton Steinbach, aus: Schulze, Wolfgang: Die schönsten Bergbausagen aus dem Ruhrgebiet, Essen 1981)

 

Liebe Gemeinde, „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“ Das ist das zehnte und letzte Gebot. Unzählig sind die Märchen, Sagen, Geschichten, Theaterstücke, Kinofilme die diesem Gebot nachgehen. Ich hatte ihnen heute die Geschichte vom „Geist vom Müssenberg“ mitgebracht. Eine alte Sage aus dem Raum von Arnsberg, von dem Lehrer und Volksdichter Anton Steinbach pädagogische zu einer lehrreichen, wenn auch ein wenig brutalen Geschichte weiter bearbeitet. Auch sie ein eingängiger Versuch dem Inhalt des Zehnten Gebotes nachzugehen, es zu befragen. Und, wie ich finde, kommt sie dem Gebot dabei sehr nahe. Wenn mal das allzu vordergründige pädagogische abklopft und den Kern in den Blick nimmt. Dafür müssen wir aber auch einmal das Gebot selber ein wenig unter die Lupe nehmen. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin zutiefst dankbar, das wir zwei Punkte aus dem Gebot heute herausstreichen können. Ich bin jetzt einfach mal so frei: die Frau und den Knecht. Sie gehören, der Herr sei gelobt dafür, heute nicht mehr zu den Dingen, von denen ausgegangen wird das sie zum Besitzstand gehören. Also zu  den Dingen, die ein freier Mensch zum Überleben und zur sozialen Sicherung seiner Existenz benötigt. Okay, ich muss zugestehen, natürlich erlebe ich auch immer wieder mal Ehemänner, bei denen das in Hinblick auf das eigenen Überleben und die Ehefrau doch noch sehr eng verwoben zu sein scheint. Gemäß dem Motto „Du Schatz, tut mir leid, dass ich dich schon wieder in der Kur anrufen muss, aber irgendwie hat das mit der Suppendose nicht funktioniert. Da stand was vom im Wasserbad erhitzen, von vorher öffnen stand da nichts. Hast Du gerade mal die Nummer von unserem Anstreicher.“ Ich denke, diese Spezie von Männern können wir heute mal ein wenig vernachlässigen und fest halten: Es geht bei dem Gebot um die Dinge, die einem Menschen ein Leben, ein Überleben in sozialer Sicherheit, in Freiheit ermöglichen. Die die elementare Grundlage für dieses Leben, was Gott für die Menschen will, bilden. Daher können und müssen wir sie auch heute mit anderen Begriffen füllen. Begriffe wie Arbeitsplatz, Wohnraum etc. Begriffe, die vielleicht nicht mehr ganz so handfest sind wie ein Esel, die wir aber heute dringend benötigen für ein Leben in Freiheit.

 

Und was soll das mit dem „Begehren“. Viele Köpfe habe schon darüber geraucht und ich muss ihnen sagen, auch ich habe heute darauf keine eindeutige Antwort. Es gibt da sozusagen ja zwei mögliche Wege. Der erste das ist der der moralischen Goldmedaille: „Begehren“ meint wirklich etwa in Sinne eines inneren Vorganges. So eine Art starker Wunsch in uns, das wir gerne hätten, was der andere hat. So ein Begriff wie „Neid“ geht vielleicht schon in diese Richtung. Dass das nicht gut ist, ist bekannt. Aber jetzt mal ehrlich, wer kennt, und wenn auch nur ganz kurz, nicht diese Momente in seinem Leben, wo der Neid sich in ihm meldet. Wer wird da aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Weg Nummer Eins würde sagen: Allein dieser Wunsch, den Neid zuzulassen ist der falsche Weg, stellt sich gegen das Gebot. Dabei hat dieses Verständnis von „Begehren“ gewichtige Fürsprecher, z.B. den Mann aus Nazareth, Jesus.

 

Weg Nummer Zwei, um das Gebot zu verstehen, ist eher der der Geschichte von den beiden Brüdern, die ich ihnen gerade erzählt. Verurteilt wird ja hier nicht in einer Art Seelenschau die innere Haltung des ledigen Bruders. Verurteilt wird, dass er wirklich so handelt. Dass er alles tut, um seinem Bruder die Lebensgrundlagen zu zerstören, zu entziehen und damit sein Leben im Letzten zerstören will. Er also den Schritt vom inneren Wunsch zur Tat geht. Er es wirklich tut, die Handlung vollzieht.

 

Der Unterschied zwischen diesen beiden Wegen ist mehr als ein theoretischer, mehr als ein akademischer. Denn hier im letzten Gebot steht sie noch einmal in aller Macht vor uns die Frage: Wie lebensnahe sind denn diese Gebote? Sind sie ein Katalog für moralische Olympiasieger, für Superhelden des Glaubens? Ein Katalog der Überforderung? Oder sollen sie Grundlage einer gelebten Ethik sein, dessen Ziel es ist, dem Willen Gottes möglichst nahe zu kommen? Dem Willen, dass eine Jede und ein Jeder in Freiheit und Gerechtigkeit sein Leben führen kann. Diesem Willem mit den Zehn Geboten nachzugehen, in all unserer Gebrochenheit, in unseren Halbheiten. Denn wieviel wäre doch schon gewonnen, wenn die Menschen sich dem geschilderten zweiten Weg des Verstehens des Zehnten Gebotes anschließen würden. Dann darauf verzichten würden, den brennenden Wunsch in ihrem Herzen die Taten folgen zu lassen und dem Nächsten seine Lebensgrundlage zu zerstören. Ihn in ein Leben in Unfreiheit und Ungerechtigkeit zwingen. Wie menschenfreundlicher wäre dann schon das Gesicht dieser Erde. Wie näher wäre wir dann schon an dem Geschenk Gottes in den Zehn Geboten: Ein Leben in der Freiheit,  für die er uns bestimmt hat.

 

Verfasst von: achterosten | 15. Januar 2017

Der König und der Kohl – Predigt zum VIII. Gebot (Exodus 20, 15)

Predigt zu Ex 20, 15 (II. Sonntag nach Epiphanias, 15.I.2017)

Liebe Gemeinde, zu Beginn eine kleine Geschichte: Da war mal ein Herrscher. Nicht irgendeiner Weltmacht. Nein, wenn man ehrlich sein muss, eher so eine Art Lokalfürst am Rande des Weltgeschehens. Für das Land und die Menschen die dort lebten ist das allerdings mal zweitrangig. Für sie gilt, egal wie groß und bedeutend oder klein und unbedeutend auch ihr Land ist: Er ist ihr König und sie seine Untertanen. Und das lässt er sie auch spüren.

Einer dieser Untertanen ist ein recht reicher Mann. Ihm scheint es gut zu gehen. Jedenfalls hat er einen wunderbaren Weinberg. Fruchtbar, jedes Jahr tragen die Stöcke herrliche Reben. Der Boden ist gut, die Sonne ausreichend. Es ist das Land seiner Vorfahren. Keiner kann sich noch daran erinnern, wann der Erste aus seiner Familie hier seine Harke in die Erde grub, Weinstöcke pflanzte und die Traubenernte einbrachte. Der Weinberg verhalf der Familie zu einem gewissen Wohlstand. Sein jetziger Besitzer musste nicht mehr selber die harte Arbeit ausführen. Dafür hatte er seine Leute, aber es war jeden Tag zu entscheiden, was zu tun war. Fast jeden Tag sieht er bei seinem Gang durch den Weinberg auch den Herrscher des Landes, denn sein Weinstock grenzt direkt an dessen Besitz. Aus den Augenwinkel sieht er wir dieser an seinem Weinberg vorbeigeht oder fährt. Hin zu irgendwelchen wohl wichtigen Gesprächen oder einfach auch nur um zu flanieren. Er versucht dann immer möglichst nicht im Blickfeld des Königs zu sein. Von den Herrschern dieser Welt gesehen zu werden, da muss nicht immer Segen darauf ruhen, so ist wohl seine Überzeugung. Heute aber gelingt ihm das nicht. Denn der König schreitet nicht an seinem Weinberg vorbei. Er bleibt auch nicht kurz stehen, um ihn betrachten, wie er es manchmal in der Vergangenheit gemacht hat. Nein, heute lenkt der König seine Schritte mitten in den Weinberg hinein, direkt auf ihn zu. Da gibt es kein Ausweichen, wohl oder übel bleibt er stehen. Sieht wie der König auf ihn zukommt. Ehrerbietig, aber nicht unterwürfig begrüßt er seinen Herrscher. „Einen schönen Weinberg hast Du. Sehr fruchtbar wie mir scheint. Und direkt neben meinem Palast. Um es kurz zu machen: Ich tausche mit dir. Du bekommst von mir einen anderen, besseren Weinberg am Rande der Stadt. Ich bekomme dafür deinen Weinberg. Kohl werde ich hier anbauen lassen. Guten, wohlschmeckenden Kohl.“ „Nein, mein Herr, das geht nicht. Das ist das Land meiner Vorfahren. Ich kann es euch nicht geben, selbst wenn ich wollte. Ich habe es von meinen Eltern übernommen, ich werde es an meine Kinder weitergeben.“ Erstaunt blickt ihn der König an, ein Moment des Schweigens legt sich über den Weinberg. Selbst die Grillen mit ihrem allgegenwärtigen Zirpen scheinen für einen Moment angesichts dieser Antwort zu verstummen. Wortlos dreht der König sich um, wie betäubt verlässt er den Weinberg, eilt in den Palast, wirft sich auf sein Bett. Als am Abend das Essen aufgetragen wird, liegt er immer noch so dort. Keinen Bissen bekommt er herunter. Immer wieder dröhnt diese Antwort in seinem Kopf. Aber er ist doch der König und er will diesen Weinberg. Er ist der König, der Herrscher! Er will diesen Weinberg! Kaum bemerkt er, dass seine Frau das Zimmer betreten hat. Er nimmt sie erst wahr, als sie ihn besorgt fragt, warum er nichts isst. Mit stammelnden Worten erzählt er ihr von dem Vorfall, von der unverschämten Antwort dieses elenden Weinbergbesitzers. „Aber ich bin doch der König und ich will diesen Weinberg für meinen Kohl!“ mit diesem Aufruf beendet er seinen Bericht. „Ja, du bist der König. Du wirst den Weinberg bekommen. Lass mich nur machen.“ Oh ja, seine Frau die wusste wie ein Herrscher zu regieren hatte, die beherrschte das Geschäft!. Sie schreibt einen Brief. An die obersten religiösen Führer. Es soll ein landesweites öffentliches Fasten geben und der Weinbergbesitzer, dieser geachtet Mann sollte dabei den Ehrenplatz erhalten. Nun aber das Entscheidende: Es gilt zwei Männer zu finden, die zu allem bereit sind. Auch dazu als falsche Zeugen aufzutreten. Die sollen aufstehen und den Besitzer des Weinberges beschuldigen. Er habe Gott und den König gelästert. Daraufhin soll er der einzig möglichen Strafe zugeführt werden: Der Todesstrafe. Sie versieht den Brief mit dem Namen ihres Mannes, des Königs, des Herrschers. Es kommt wie zu erwarten. Die religiösen Führer wissen, wie sie mit dem Willen ihres Königs umzugehen haben. Es wird ein landesweites Fasten ausgerufen. Der Besitzer des Weinberges erhält den Ehrenplatz. Zwei Männer stehen auf und beschuldigen ihn vor allem Volk der Lästerung Gottes und des Königs. Er wird schuldig gesprochen, vor die Stadt geführt und gesteinigt. Den Besitz des Toten, er steht offen für den Anspruch des Königs. Schon am nächsten Tag lässt er die Weinstöcke roden, den Boden bereiten für ein Feld voller Kohlköpfe. Ist er nun glücklich? Glücklich über diesen gelungenen Schachzug, eines uneingeschränkten Herrschers würdig? Vielleicht weiß er es selber nicht. Bis sein schärfster Kritiker sich angekündigt. Wieder so einer, wo es im Kopf des Herrschers dröhnt: „Aber ich bin doch König! Ich bin doch Herrscher!“ Diesen aber wird er nicht so leicht los. Freundlich begrüßt er ihn. Dann ergießt sie sich über ihn, trifft ihn wie harte Schläge. Die Kritik dieses Mannes Gottes, die Worte des Niederganges angesichts der Mordtat, angesichts dessen, dass der König und seine Frau sich zu Schreibtischtätern gemacht haben. Und alles für einen Kohlgarten. Für den Anspruch auf Land, das ihnen nicht gehörte. Brutal sind die Worte, die auf ihn niederprasseln. Die Frau, ihre Leiche werden die Hunde auf der Straße fressen. Alle männlichen Mitglieder der Familie werden den Tod finden. Der König windet sich unter diesen Worten, wird von ihnen, von seiner Schuld zu Boden gedrückt. Er will bereuen, er will zu seiner Schuld stehen. Aber wie, aber wie, der Besitzer des Weinbergs ist tot, er ist der König? Wie soll das gehen?

Wie die Geschichte endet? Der König wird überleben, aber alle nach ihm sterben. Sein Familie wird ausgelöscht. Das brutale Ende seiner Frau im Ende im Straßengraben hallt durch die Jahrtausende.

 

Liebe Gemeinde, es ist immer wieder faszinierend wie lebendig die Bibel ist. Dass sie kein Geschichtsbuch, keine bloße Sammlung von theologischen Richtigkeiten, sondern das Zeugnis unzähliger Gespräche untereinander. Genau das macht sie doch so lebendig, so kann sie Quelle des Glaubens sein für uns. Die Geschichte die ich ihnen gerade erzählt habe, sie ist genau das. Sie erzählt davon, welche Konsequenzen es hat, wenn das achte Gebot, bei dem wir heute sind, einfach beiseitegeschoben wird: „Du sollst nicht stehlen“. Und spart dabei nicht mit einer ordentlichen Portion bitterer Ironie: Ein Mord, ein verwüstetes Königreich, ein brutales Ende einer ganzen Herrscherdynastie wegen ein paar Kohlköpfen neben der Palastmauer. Sie erzählt uns aber auch von den Ursachen, die dazu führten. Und, was für mich das Zentrale dieses Gespräches zwischen dem Gebot und der Geschichte ist, sie erzählt davon, dass ein solches Gebot viel mehr ist, als eine einfache, billige Ermahnung für kleine Kinder und Konfirmanden. Das Gebot führt uns mitten hinein in unser aller Leben mit seinen dunklen Ecken, unseren Verstrickungen. „Du sollst nicht stehlen“ – das ist doch vielmehr als die billige Ermahnung, dass man im Supermarkt nichts mitgehen lässt oder nicht schwarz mit der Straßenbahn fährt. Es geht weit über diese oberflächlichen Appellen hinaus. Es bleibt nicht stecken in dem verzweifelten Versuch, dann doch die Welt irgendwie in schwarz und weiß, in Gut und Böse zu unterteilen. Dann müsste es vielleicht heißen „Du sollst nicht Klauen“. „Stehlen“ das führt tiefer, das umfasst das ganze menschliche Elend. Jenseits von Schwarz und Weiß. Dazu gehört die ganze Bandbreite, wie in der Geschichte des König Ahabs, die ich ihnen gerade erzählt habe. Das ist auch mehr als Diebstahl, das umfasst halt auch den Betrug. Und so führt es mitten hinein in die Abgründe des menschlichen Lebens, unseren Verstrickungen. Als ich mich hinsetze, um diese Predigt zu schreiben, ließ sich ein Präsident eines nicht ganz unbekannten deutschen Fußballvereines zum Thema „deutsche Sprache in der Kabine“ in den Medien aus. Man muss immer vorsichtig mit Vergleichen sein, aber auch sein juristisch bestätigtes Verbrechen stellt das vor Augen. Auch wenn es „nur“ um Steuerbetrug und nicht um einen Wirtschaftsmord ging. Auch dieser Fußballpräsident führte uns in seinen hellen, in seinen klugen Momenten in Interviews und Äußerungen in die Verstrickungen und Abgründe, die ihn dazu brachten, dass achte Gebot mit Füßen zu treten. In die Abgründe von Realitätsverlust und Sucht. In eine Geschichte, die es am Ende nicht mehr möglich macht zu einem einfachen Schluss a la schwarz-weiß zu kommen.

Diese Tiefe des Lebens umfasst das Gebot, in die Tiefen meiner, unserer Verstrickungen. Eröffnet den ganzen Horizont des menschlichen Lebens und zeigt, dass die Gebote vielmehr sind als ein einfacher Moralkatalog, sondern der Weg zu einem anderen Blick auf uns Menschen. Der Blick auf all die Schattierungen unseres Lebens, der weiß wie schwer Schuld und Unschuld oft zu trennen sind, der weiß um meine Abgründe, meine Verstrickungen und den Schmerz darüber. So der Weg zur Heilung ist.

Unsere Mütter und Väter im Glauben, die sich wie wir fragten: Haben die Gebote für uns überhaupt eine Bedeutung, kamen zu einem wunderbaren Schluss. Die Gebote sind für Christinnen und Christen eine Richtschnur. Eine Leitplanke bei der Frage was das gute und richtige Handeln ist. Sie sind aber auch und genau so der Weg zur Heilung. Denn dies ist der eine der drei Wege der Gebote, von denen unsere Mütter und Väter im Glauben sprachen: In uns das Verlangen, die brennende Frage zu entzünden: Was kann mich befreien aus meinen Verstrickungen? Aus all meinen Halbwahrheiten? Sie sollen uns nicht quälen, uns niederhalten, uns klein halten, sondern so uns führen auf den Weg hinaus aus all dem. So sind sie das Geschenk des liebenden Gottes, der um all unsere Abgründe, all unsere Halbheiten weiß. Der uns aus ihnen befreien will und kann.

Verfasst von: achterosten | 26. Dezember 2016

Gute Werbung – Predigt zu Jesaja 11, 1-10

Predigt zu Jes 11,1-10 (Christvesper, 24.XII.2016)

Liebe Gemeinde, nun ist er endlich da der Heilig Abend und nur eine kurze Zeit trennt uns vom erwarteten oder bei manchem dann doch leider auch befürchteten Abend. Vorher haben Sie aber alle heute noch hier Ihren Weg in den Gottesdienst gelenkt, was mich sehr freut. Und ich kann Ihnen versichern es ist alles da wie erwartet: Krippe und Weihnachtsbaum im festlichen Glanz, die Geschichte einer besonderen Geburt aus dem Lukasevangelium und – ich verrate da jetzt kein Geheimnis – wir werden auch zum Schluss noch „O du fröhliche“ singen. Eigentlich ging der Einstieg in diese Predigt nun anders weiter.

Sie werden es ahnen, ich hatte sie vor dem Verbrechen mit einem LKW in Berlin geschrieben. Bevor Menschen, die einfach nur auf einem Weihnachtsmarkt waren, um dort zu arbeiten, um es sich dort gut gehen zu lassen, ihr Leben auf brutale Art verloren haben oder verletzt wurden. Bevor aus abstrakter Bedrohung blutiger Ernst wurde. Ich möchte das jetzt gar nicht in aller Breite hier ausführen. Wir alle haben die Bilder, die Töne, die Worte der letzten Tage im Kopf. Wer weiß schon, welche noch dazukommen werden.

Kann ich da noch die Predigt halten, die für heute vorgesehen habe? Das waren meine Gedanken in dieser Woche. Um es kurz zu machen, es ist eigentlich die gleiche Predigt geblieben. Zu dieser Überzeugung bin ich gekommen weil eine Predigt keine politische Rede, auch keine persönlichen Ausführungen des Pfarrers zur allgemeinen Weltlage mit allem was dazu gehört ist und schon gar keine pädagogische Belehrung, sondern sie ist immer im letzten der Versuch Gottes Wort jetzt und heute zu verstehen. Und heute hören wir Gottes Wort von seiner Geburt mitten unter uns. Das habe ich versucht zu verstehen und Berlin hat diesen Versuch mehr bekräftigt, als dagegen zu stehen.

 

Liebe Gemeinde, und so will ich mich am Beginn dazu bekennen: Ich bin ein großer Fan gut gemachter Werbefilme Zurzeit bin ich Fan der Werbung einer Versandfirma, die vielen, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, als Ausgeburt des neuen Internetkapitalismus gilt. Aber das spielt jetzt mal gar keine Rolle, sondern nur der Film an sich. Ein wunderbarer Weihnachtsfilm… [Werbung Amazon Prime Imam Pfarrer].

 

Liebe Gemeinde, für mich ist das der Weihnachtsfilm 2016. Am Rande sei noch erwähnt, dass es sich dabei nicht um zwei Schauspieler, sondern tatsächlich um einen Pfarrer und einen Imam aus England handelt. Wer will, kann die beiden im Interview bei YouTube erleben. Wie könnte man gerade in diesen Tagen der Angst und des Hasses besser die Bedeutung des Geheimnisses der Heiligen Nacht für uns hier und heute darstellen? Wenn die Worte der Engel der Hirten auf dem Felde vom Frieden nicht leere Worthülsen sein sollen? Mehr als bloße Appelle?  Wenn es wirklich etwas mit uns, unserer Angst, unserer Sorge, unserer Freude, unserer Liebe zu tun haben soll.

Liebe Gemeinde, der Film, mag es der ein oder dem anderen auch zu vordergründig sein, von mir aus zu kitischg, er spricht von der Botschaft dieser Nacht: Frieden. Das ist das Geschenk dieser Nacht, die vor uns liegt. Das Geschenk Gottes als Mensch mitten unter uns. Geschenk und Frieden, sie sind seit jener Nacht unauflöslich miteinander verbunden, verknüpft. Und nur da wo sie sich verbinden können, Menschen sie so erfahren können da kann Frieden werden. Daher ist die Geschichte von Weihnachten, der Menschwerdung Gottes etwas völlig anderes als müde Appelle, die vielleicht noch unseren Verstand irgendwie erreichen, aber nicht mehr unser Herz. Und die schon gar nichts verändern. Dort ist Veränderung, wo Geschenk und Frieden sich verbinden, in unseren Herzen und in unserem Verstand. Das kann man nicht verordnen, nicht anweisen, nicht vorschreiben, nicht lehren, nicht wohlmeinend durch Appelle erreichen, das kann man sich nur schenken lassen.

Die Heilige Nacht ist der Ort dieses Geschenkes an uns Christinnen und Christen. Hier nimmt es seinen Ausgangspunkt zu unseren Herzen, zu unserem Verstand. Gott selber ist Mensch geworden, der Retter ist da – nicht mehr die Angst hat Macht über uns. Wir sind nicht allein, wir müssen im letzten keine Angst haben, sondern sind umschlossen, aufgehoben in dem Geheimnis dieser Geburt, dass in sich die Liebe trägt. Und Liebe ist nun mal das Beste aller Mittel gegen Angst vor was auch immer. Erreicht unsere Herzen dieses Geschenk, dann ist so etwas, was der Film uns zeigt nicht ein Wunschtraum des gelebten, alltäglichen Friedens, sondern Realität an jedem Tag. Frieden zwischen uns den Menschen, die wir hier zusammen leben, Frieden aus dem manchmal dann sogar mehr, Freundschaft werden kann. Wenn wir als Christinnen und Christen das Geschenk der Weihnacht, der Liebe in uns tragen, dann ist uns das auch möglich. Weil uns keine Angst lähmt, keine Angst unsere Sinne vernebelt, nicht Misstrauen und Hass nährt.

Daher können sich  und die Zeiten erfordern es, das auch so klar sagen zu müssen, daher können sich selbsternannten Retter des Abend- und Deutschlandes auch von mir aus auf alles Mögliche berufen: auf die angebliche Naivität der von ihnen so titulierten Gutmenschen, gerade jetzt auch nach dem Verbrechen von Berlin. Sie können sich auf die angebliche Weltverschwörung von wem auch immer, von mir aus auch auf irgendwelche krude Ideen vom deutschen Volk, deutscher Kultur oder was sie dafür halten berufen. Und mag es auch genug Menschen in diesem Lande und in Europa geben, die sie wählen. Aber auf eines können sie sich nicht, keinen Millimeter berufen: den christlichen Glauben. Den Glauben an das Geheimnis dieser Nacht. Mögen sie von sich glauben, sie würden für irgendwelche schweigenden, verängstigten Mehrheiten sprechen, mögen sie glauben sie sprechen für das Volk, was auch immer das sein soll. Eines tun sie bestimmt nicht: Im Namen dessen zu sprechen, der dort als Mensch unter uns geboren ist, Gott der Herr selber. Sie können auf ihre Fahnen schreiben was sie wollen, aber nie wieder werden wir es zulassen dass sie auf ihre Koppelschlösser „Gott mit uns“ schreiben. Denn das ist der Name des Kindes, das in dieser Nacht geboren ist: Immanuel, das sind die  hebräischen Worte für Gott mit uns, Friedefürst. Diese selbsterklärten Volkstribune aber leben von der Angst der Menschen und nähren diese Angst, aus der Misstrauen und Hass wachsen. Die Geburt des Immanuel in dieser Nacht aber verheißt uns das Ende aller Angst.

Gut, können Sie jetzt sagen, das gehört wohl alles  irgendwie zu einer Weihnachtspredigt. Der eine findet das jetzt vielleicht auch ein wenig provokativ oder weltfremd, angesichts, all der Toten, Verletzten, angesichts all der Bedrohungen, all der Unsicherheiten. Es wäre weltfremd, zu glauben, dass die Geburt in dieser Nacht Frieden in sich trägt. In sich die Botschaft trägt, die sich gegen alle Angst stellt. Es wäre dann weltfremd wenn nicht zwei Dinge in meinen Leben passiert wären: Das Geschenk der Liebe Gottes mit Herz und Verstand immer wieder erfahren zu haben, trotz allem Zweifel. Und das gerade mitten in der Welt, mitten in meinem Leben und oftmals gerade nicht in irgendeiner Kirche, sondern z.B. bei der Arbeit im Krankenhaus. Weil es sich verbindet mit der  Erkenntnis, die in dieser Nacht beginnt: Gott war als Mensch unter uns, schwach, schutzbedürftig. Ausgeliefert dem Hass, der Gewalt der Menschen und schließlich ihnen auch zum Opfer fiel. Sein Großes Trotzdem des Sieges des Lebens über den Tod aber dagegen setzt. Das ist alles anderes als weltfremd, sondern mitten in unsere Welt ist Gott gekommen. Mitten in ihre Brutalität, ihre Unerlöstheit, aber halt auch mitten in ihre Freude, ihre Lebendigkeit, ihren Spaß. Mitten hinein, ohne Wenn und Aber. Daher ist das Geschenk des Glaubens doch auch nur mitten in dieser Welt zu finden, inmitten unseres Lebens, mitten unter uns.

Und das andere, eng damit verbunden: Wenn ich gleich nach dem Gottesdienst nach Hause komme, werde ich wohl zwei Nachrichten auf meinen Smartphone haben. In beiden wird man uns ein schönes Weihnachtsfest wünschen. Ich werde mich freuen, diese Nachricht von zwei guten Freunden bekommen zu haben. Menschen, die mir sehr wichtig sind. Menschen von denen ich viel gelernt habe. Menschen, mit denen ich auch mal richtig vom Leder ziehen kann. Menschen, von denen ich große Gastfreundschaft erfahren durfte. Ach ja, antworten werde ich ihnen unterschiedlich: Dem einen werde ich schöne freie Tage beim Familientreffen wünschen, denn dafür nutzt diese muslimische Familie immer die Tage von Weihnachten. Dem anderen werde ich ein schönes Chanukkafest wünschen, das die Juden ab heute feiern. Dann werde ich meinem Herzen Gott danken: Für das Geschenk dieser Freundschaft und das Geschenk seiner Geburt. Und dann ist Weihnachten. Trotz allem.

Verfasst von: achterosten | 21. Dezember 2016

O Tannebaum – Predigt zu Ezechiel 17, 22-24

Predigt IV. Advent 2016 (Ez 17,22-24)

Liebe Gemeinde, ich will mal in die heute Predigt mit einem kleinen medizinischen Check einsteigen. Suchen sie doch mal ihren Puls, am besten direkt am Handgelenk. So, wenn ihn alle haben auf Los jeden Herzschlag mitzählen, ich stoppe die Zeit… Und, Stopp! 15 Sekunden sind um, jetzt nehmen sie die gezählten Schläge mal vier und schon haben sie ihren Pulsschlag. Und wie ist er? Vielleicht bei der ein oder dem anderen doch ein wenig erhöht? Das kann zwei Gründe haben: Erstens heute Morgen vergessen die Tabletten zu nehmen oder zweitens da kündigt sie sich schon langsam, sozusagen noch im Verborgenen an:  die Weihnachtsaufregung. Es ist keine ganze Woche mehr, dann ist er da der Heilige Abend, damit steigt die Weihnachtsaufregung und mit ihr langsam auch der Puls. Ich kann ihn ja noch ein wenig beschleunigen, denn was gibt es bis dahin nicht noch alles zu tun: Weihnachtskarten und –pakete sollten spätestens, aber wirklich aller spätestens am Mittwoch auf der Post sein. Hauptsache man hat immer noch ein paar in Reserve, irgendeiner den man nicht auf der Liste hatte schickt immer eine Karte und dann sieht man sich ja gezwungen, auch noch schnell eine zu schreiben. Dann sind hoffentlich schon alle Geschenke da, die gilt es noch einzupacken. Der Essensplan für die Feiertage ist zu klären, die Einkaufsliste aufzustellen und abzuarbeiten. Abhängig von der engen oder etwas weiteren Beziehung zum gutbürgerlichen Sauberkeitsideal könnte da auch noch eine vorweihnachtliche Grundreinigung des Hauses vom Keller bis zum Dach, samt Fenster und Vorgarten anstehen.

Ich sag es jetzt mal so: Das könnte eng werden bis Heilig Abend. Es ist zumindest ein sportliches Vorhaben. So kann aus der Weihnachtsaufregung dann doch Weihnachsstreß werden. Vor allem wenn man dann noch an die Feiertage selber denkt. Was kann da nicht alles schief gehen und die ganze Besinnlichkeit stören. Wenn man erst einmal an das alljährliche Zusammentreffen von Familienmitgliedern denkt. Das kann, ohne Frage schöne sein, das kann einen aber auch jetzt schon einigen Schweißperlen auf die Stirn treiben. Hoffentlich geht das gut. Ja, der Puls beschleunigt sich, der Blutdruck steigt.

Da ist es doch gut wenn man dann Momente hat, die einen wieder herausholen aus dem Weihnachtsstreß und –wahnsinn. Momente die die Dinge wieder gerade rücken, den Puls verlangsamen, den Blutdruck senken. Am besten gelingt mir das durch jahrelang eingeübte Rituale. Dazu gehören bei mir am 23.12. abends immer zwei Filme, jedes Jahr. Das sind jetzt keine cineastischen Meisterwerke, nein, nun wirklich nicht, aber für mich sind sie eine super Vorbereitung auf die Feiertage. Das eine ist die wunderbare Weihnachtsfolge der alten Fernsehserie „Familie Heinz Becker“  von 94. Das andere der Film „Schöne Bescherung“ von 89. Ohne jetzt in die Tiefe gehen zu wollen, beide Filme zeigen auf ihr Art und Weise, wie Weihnachten am Ende in einer mittelschweren Katastrophe mit zerstörtem Hausinventar und gestörtem Familienidyll endet. Auslöser auf jeden Fall ein viel zu hohes Maß an Weihnachtsaufregung. Beide Filme bewahren mich immer mit ihrem vordergründingen Humor dieser Gefahr zu erliegen.

Im Mittelpunkt in beiden Filmen steht, wo wie es bei der absoluten Mehrzahl der Haushalte auch ist: der Weihnachtsbaum. Eine harmlose Tanne im grünen Kleid, die zum Ort aller Hoffnung, aller seligen Erinnerungen, aber auch mancher etwas aus der Bahn geratenen Heiligen Nacht wird. Sie gehört einfach dazu zu Weihnachten und gehört unbedingt auch noch auf die Liste der Dinge, die ab morgen noch zu erledigen sind: Kaufen, Kugeln suchen, feststellen, dass die Lichter nicht gehen, im Baumarkt nur noch leere Regale mit Ersatzbirnen vorzufinden, auf LED umsteigen, feststellen dass die Batterien brauchen, hoffentlich gibt es die noch im Baumarkt… Sie sehen auch der Baum kann die Geschwindigkeit des Pulses durchaus anheben. Dabei sieht er so harmlos aus und später erst, wenn er so schön erstrahlt. Trotz allem Streß, der Baum gehört dazu. Ich darf da kurz aus der Homepage der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zitieren: Jedes Jahr werden zwischen 24 und 25 Millionen Weihnachtsbäume in Deutschland aufgestellt. Da kann doch mit Fug und Recht behaupten: Es mag ja viele Formen geben, Weihnachten zu feiern, der Baum gehört dazu! An erster Stelle natürlich die Nordmanntanne, der Baum für die Sensiblen unter uns, die das Stechen einer echten Blaufichte fürchten, dafür dann aber auch auf den Tannenduft verzichten müssen. Aber egal welcher Art, er gehört einfach dazu, zu Weihnachten, der Tannenbaum. Ein echter Exportschlage des Deutschlands des 19. Jahrhunderts. Der deutsche Prinzgemahl der englischen Königin brachte ihn in das Empire, ein deutscher Industrieller in den USA machte ihn dort wortwörtlich salonfähig. Und wir können uns jetzt auch einmal kurz auf die Schulter klopfen und das gerade im Jahr des Reformationsjubiläums: Wenn nicht alles täuscht, ist der Weihnachtsbaum ein echtes protestantisches Erfolgsprodukt. Denn die ersten historisch belegten Weihnachtsbäume tauchen im 16. Jahrhundert vor allem in tief protestantischen Gegenden auf. Die Katholiken hatten es mehr mit der Krippe. Sein Siegeszug war jedenfalls nicht aufzuhalten, selbst mit höchsten literarischen Weihen versehen; findet er doch sogar bei Gothes „Die Leiden des jungen Werther“ eine Erwähnung. Selbst ein altes viel gesungenes Liebeslied musste dran glauben, wurde vor über 150 Jahren seines alten Textes entledigt und schallt nun aus vielen Boxen und Kehlen als „O Tannebaum, o Tannebaum“. Ein Ende ist bei dieser Erfolgsgeschichte noch nicht abzusehen, er wird auch in absehbarer Zeit fester Bestandteil der Weihnachtszeit sein und damit Klammer auf – auch möglicher Auslöser mancher Weihnachtsaufregung oder sogar Weihnachtsstreß – Klammer zu. Und das gilt auch für unsere Kirchen, auch dort gehört er zum festlichen Inventar der Weihnachtsgottesdienste. Nicht auszudenken, wenn er dort nicht stünde!

Da ist es doch mal mehr als an der Zeit, ihn genauer in den Blick zu nehmen. Ich meine, wenn er doch so zentral ist und sogar in der Kirche an so prominenten Platz zum Stehen kommt. Ist das überhaupt angebracht? In der Bibel, wen wird es wundern, finden wir nichts zum Thema Weihnachtsbaum. Ist halt die falsche Region für das eher im Norden zu findende Tannengehölz. Auch die im Mittelalter zu findenden Bäume in Kirchen um den 24.12. herum passen nicht so ganz bei dem Versuch seinen prominenten Platz zu rechtfertigen: Die standen da, weil der 24.12. auch sozusagen der „Namenstag“ von Adam und Eva ist und der Baum an den Sündenfall erinnern soll. Sie wissen schon, die Geschichte mit dem Apfel. Der Apfel allerdings, der hat es dann doch an den Weihnachtsbaum geschafft. Ich muss also ein wenig weiter denken und komme dabei auf drei Punkte. Alle drei kommen zu dem Schluss, er steht gut dort, wo er an Weihnachten steht.

Der erste verbindet ihn mit so vielem anderen in der Advents- und Weihnachtszeit: das Licht! Kein Weihnachtsbaum ohne Licht. Kein Nachdenken über das Geheimnis der Geburt Jesu ohne das Nachdenken ob und wie diese Geburt Licht in der Finsternis ist. Licht, das von diesem Ereignis ausgeht, strahlt in die Dunkelheit. Das ist doch der tiefe Grund, warum uns von der Geburt und ihrer Verkündigung bei Nacht erzählt wird, warum uns von dem Stern, der den Weg zur Krippe hinweist, erzählt wird: Ein Licht in der Nacht, das die Dunkelheit durchbricht. Herausführt aus der Dunkelheit. Dort wo Licht ist, dort ist Sicherheit, Geborgenheit, Freude. Wie es, wenn es gut läuft, der Weihnachtsbaum ausstrahlt, so wie er dann vor uns steht oder in unserer Erinnerung an gute Weihnachtstagen. Licht, das warm strahlt, die Dunkelheit durchbricht.

Zum zweiten: Leben mitten im Tod. Der Winter hat alle Bäume ihres Laubes beraubt, keine Blüte weit und breit, kein Leben in den Gärten, in Wald und Flur. Trostlos und grau wirkt alles, leblose Äste strecken die Bäume in den grauen Himmel. Wie froh sind wir, wenn der Schnee all diese Trostlosigkeit, diese tote Landschaft mit einem gnädigen weißen Leichentuch bedeckt. Gibt es da überhaupt noch Leben, noch Hoffnung in dieser Trostlosigkeit? Wie gut tut da ein Zeichen des Lebens, ja jedes Zeichen des Lebens, so wie es eine grüne Tanne inmitten kahler Landschaft sein kann. Ihre grünen Zweige der Hoffnung ausbreitet. Es wäre jetzt allerdings zu simpel, so jetzt auch eine direkte Linie zum Geheimnis der Weihnacht zu ziehen. Der Tannenbaum sozusagen als Symbol des Lebens. Dass wäre zu einfach und würde weder zu unserem Leben noch dem Geheimnis der Weihnacht passen. Das Geheimnis der Geburt Gottes unter uns, dass in sich Verheißung des Lebens trägt. Aber es endet ja nicht mit dieser Geburt, sondern geht noch weiter. Weil auch unser Leben nicht einfach ist. Es ist viel komplizierter, viel verschlungener, viel schwerer zu verstehen. Warum der Weihnachtsbaum dann doch ein gutes Symbol ist und seinen Platz verdient hat? Weil man in ihn zwei Teile zersägen kann. In meiner Vikariatsgemeinde wurde der Weihnachtsbaum am 6. Januar aus der Kirche getragen und hinter das Gemeindehaus gelegt. Bis zum Palmsonntag. Dann wurden die Äste entfernt und der Stamm in zwei Teile zersägt, einen längeren, einen kürzeren. So trug man ihn wieder in Kirche – als Kreuz an Karfreitag. So war es allen vor Augen das Geheimnis unseres Glaubens, dass in Geburt und im Tod Gottes sich für uns alle das Leben findet.

Der Dritte Grund, der für den Weihnachtsbaum spricht: Da muss ich sagen, da ist die Nordmanntanne raus. Das geht nur mit der guten alten Blaufichte oder einer Kiefer. Denn die picksen auch ein wenig, so schön und harmlos sie auch von weitem aussehen, kommt man ihnen ganz nahe, dann gibt es den ein oder anderen Stich. Dann merkt man es dann doch, dass es nicht so einfach ist mit der weihnachtlichen Baumidylle. Und genau deswegen gehört der Baum an Weihnachten in jedes Haus und in jede Kirche. Denn der ehrliche Blicke, das Einlassen auf diese unglaubliche Geschichte der Krippe, der sehr jungen Frau und ihrem viel älteren Mann, ihrem Kind, Lohnarbeitern und Gelehrten, die einem Stern folgen, das alles sticht und pickst, ist auch alles ein wenig sperrig. Wehrt sich gegen allzu viel Idylle, aber auch gegen allzu einfache Erklärungen und Vereinnahmungen. Fordert heraus, stachelt uns, wenn es gut geht, im wortwörtlichen Sinne an. Und ist so vielleicht ein gutes Mittel, das bewahrt das die Weihnachtsaufregung in Weihnachsstreß ausartet. So wie es Heinz Becker so schön sagt, wenn er am Ende unter dem umgestürzten Weihnachtsbaum herauskrappelt, mit Nadeln übersät: „Echte Akkupunktur gegen Weihnachtsstress.“

Wunderbar, wenn der Baum so auch nun bei ihnen in den nächsten Tagen sie erinnert an das wundersame Ereignis Gottes, auf das wir zugehen. Die Freude, dass er Mensch unter uns wurde den Puls mehr steigen lässt als die Frage ob Gans oder Karpfen.

Verfasst von: achterosten | 20. November 2016

Die Klugheit und der Tod-Predigt zu Psalm 90, 1-17

Predigt zu Psalm 90, 1-17 (Totensonntag, 20.XI.2016)

„Harry Potter“ – das wird Ihnen heute Morgen sicherlich etwas sagen. Zumindest schon einmal davon gehört. Die Geschichte des kleinen Jungen Harry Potter, der ohne Eltern aufwächst und schließlich lernen muss dass er selber ein ganz besonderer Junge ist. Nicht nur ein Zauberer, sondern auch die entscheidende Person im Kampf gegen das Böse. Hier personifiziert durch den Magier Lord Valdemort. Die Bücher und natürlich auch die Filme begleiten ihn durch die Jahre hindurch bei diesem Kampf. Und halt auch dabei wie Harry Potter die magische Welt Stück für Stück entdeckt, ganz besonders in der Schule für Zauberei. Dazu gehören auch manch merkwürdige Wesen. So gibt es dort in dieser Schule Kutschen die anscheinend von alleine fahren. Kein Pferd ist zu sehen, aber trotzdem fahren sie. Plötzlich, als Harry nach den Ferien an die Schule zurückkehrt, sieht er, dass sie doch von einem Lebewesen gezogen werden. Kein anderer aber scheint dieses Lebewesen zu sehen. Aber er sieht sie. Erst nach ein paar Tagen lüftet sich das Geheimnis: Thestrale heißen diese merkwürdigen Wesen und sehen kann nur der sie, der den Tod gesehen hat. Sprich, gesehen hat, wie jemand stirbt. Harry musste diese Erfahrung machen und kann nun diese Wesen sehen. Man kann ja halten von den Geschichten um Harry Potter halten was man will, aber ich finde hier hat die Autorin Joanne K. Rowling ein passendes, ja anrührendes Bild gefunden, für die Veränderung, wenn wir einen Menschen haben sterben sehen. Dass wir etwas sehen, was zwar immer schon da war, wie diese Wesen, die die Kutschen ziehen, wir aber erst jetzt, nach dieser Erfahrung sehen können. So wie sie auch Harry nun erst sehen kann. Ich halte das für eine der tiefsten Wahrheiten unseres Lebens. Eine Wahrheit, wie sie auch die Beterin, der Beter des heutigen Psalms in Worte kleidet: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“

Viele Menschen habe ich sterben sehen. Menschen, von denen ich gerade mal den Name kannte, die ich nur in den letzten Stunden ihres Lebens kennengelernt habe. Menschen, die ich immer wieder über Monate in Krankheit und Sterben pflegend begleitet habe. Menschen, die nach und nach, bis zum letzten Atemzug immer weniger wurden. Menschen, die wie ein großer, kräftiger Baum einfach umgefallen sind. Menschen, die den Tod begrüßten. Menschen, denen man selbst im Tod noch ihren Kampf ansah. Menschen, die tot waren, aber Maschinen den Schein des Lebens noch aufrecht hielt, bis der Arzt mir zunicke und ich den Strom abschaltete. Menschen, deren Gesicht ich immer noch vor Augen aber auch viele, die ich längst vergessen habe. Und alle starben sie einen eigenen Tod, so wie sie ihr eigenes Leben hatten. Und mancher Tod entbehrte nicht einer verrückten, grausamen Skurrilität. Wie man es ebbend erlebt, wenn man so wie ich, zehn Jahre nebenbei in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Und natürlich erinnere ich mich noch an den ersten Toten.

„Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ Liebe Gemeinde, nur diese Erfahrungen haben mich diese tiefe Wahrheit dieses Satzes erkennen lassen. Die Begegnung mit der Endlichkeit unseres Lebens. Manchem mag das vielleicht zu banal sein, aber meine Generation ist mit diesem Wissen, dieser Wahrheit nicht mehr wirklich aufgewachsen. Sterben, das Ende unseres Lebens ist fast völlig aus unserem Gesichtskreis verschwunden gewesen. „Plötzlich und unerwartet“ – das sind Worte, die wir mit dem Tod verbinden. Aber nicht das Bewusstsein, dass wir jeden Tag auf ihn zugehen. Mit der Arbeit im Krankenhaus wurde diese Scheuklappe von meinen Augen gerissen. „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ – Es mag vielleicht makaber, vielleicht sogar pietätslos in ihren Ohren klingen, aber ich empfinde so etwas wie Dankbarkeit, dass ich das erfahren durfte. Denn oft, wenn ich, nachdem wir die Verstorbene, den Verstorbenen umgelagert hatten, die Tür des Kühlraumes schloss, wuchs es. Wuchs das Wissen, das eines Tages so sich auch hinter mir, aber schlimmer, die Tür hinter Menschen schließen wird, denen meine ganze Liebe gilt. Das hat mich für einen kurzen Moment traurig gemacht, aber es hat vor allem meine Sinne geschärft, für die Zeit, die uns noch gemeinsam verbleiben wird. Wie kostbar diese Tage sind, die Momente, die wir noch haben werden. Wohl wissend, dass einer von uns als erster gehen wird. Und als der Tag kam und ich auch diese Menschen habe sterben sehen, die ich liebte da war in aller Trauer, in allem Schmerz noch viel Raum für die Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Das Trauer und Schmerz diese Dankbarkeit nicht verdunkeln konnten, ich bin mir für mich sicher, lag an dieser Erkenntnis der bemessenen, endlichen gemeinsamen Zeit. Die viel länger war, als ich vorher zu hoffen gewagt hätte.

„Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ Noch etwas anderes, etwas entscheidendes hat sich auch geändert und auch das verbindet sich tief mit den Worten des Psalms. Klugheit beinhaltet Entscheidungen treffen zu können. Das menschliche Leben besteht aus der Fähigkeit Entscheidungen treffen zu können und zu müssen. Dinge zu tun und zu lassen. Um das zu können, müssen wir wissen, was wichtig ist. Also was wir tun. Entscheidend und davon nicht zu trennen, müssen wir wissen, was unwichtig ist, was wir lassen. Das zu gut zu können, dazu ist Klugheit grundlegend notwendig. Bitte jetzt Klugheit nicht mit Wissen, Intellekt oder Bildungsabschluss verwechseln und schon gar nicht mit Lebensalter. Man glaubt manchmal ja gar nicht, wie viele kluge Kinder und dumme Alte es gibt. Klugheit umfasst vielmehr, zu Wissen geronnen Erfahrung, die Verbindung aus Gefühl und Verstand. Das ist die Klugheit, die uns Entscheidungen treffen lässt, die uns unterscheiden lässt zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen. Für mich ist das Wissen um die Endlichkeit unseres Lebens eine der entscheidenden Grundlagen für diese Klugheit. „Was ist wichtiger: Zeit mit den Menschen die ich liebe oder Aufopferung für den Beruf.“, um mal eine der Fragen zu nennen. Und es tritt noch etwas hinzu: Wer um die Endlichkeit unseres Lebens, um die Begrenzung unseres Lebens weiß, der weiß auch darum, dass halt nicht alles möglich ist. Mir jedenfalls geht es so: Bei vielen Entscheidungen war das Wissen um diese Begrenzung ein wichtiger Moment und bei vielen Entscheidungen, hatte ich es leider nicht im Blick, was ich bedauere.

Zum letzten, zum Entscheidenden aber: Wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle um unser Ende. Es schlummert in uns und ist für vieles ja auch der Antrieb. Gerade auch zu Taten der Angst. Denn der Gedanke an das Sterben ist mit der Angst verbunden. Mal mehr oder weniger, aber sie gehören in gewisser Art und Weise zusammen. Vielleicht sogar noch mehr, wenn das Wissen um die Sterblichkeit verdrängt und überdeckt wird. Es macht uns Angst. Es macht mir Angst, zu wissen, dass ich noch an manchem Grab von geliebten Menschen stehen muss. Es macht mir Angst, zu wissen, das auch mir eines Tages jeder Atemzug ein Anstrengung ist, die über meine Kräfte gehen wird. Vielmehr noch, einfach um gefällt zu werden ohne Abschied nehmen zu können, ohne manche Schuld eingestanden, ohne manches Wort des Vergebens gesprochen zu haben. Angst führt in die Verzweiflung und in die Taten der Angst. Viel sind die Beispiel dafür in diesen Tagen in aller Welt, viele werden wohl die Beispiele in den Tagen vor uns sein, wenn sich nichts ändert. Die Psalmbeterin, der Psalmbeter wusste darum. So ließ er ihn auch mit der wichtigsten Aussage beginnen: „Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.“ – So beginnt der Psalm, der ja selber eine Hin- und Herbewegung zwischen Verzweiflung, Angst und Hoffnung, Zutrauen ist. Unter dieser Überschrift steht alles wenn ich dem Tod, dem eignen, dem der Anderen, des Anderen gegenüber stehe, ins Angesicht sehe. Ohne diese Worte wäre da vielleicht vor allem Resignation, Zynismus in mir. Der geschenkte Glaube, dass im Letzten Gott alles umschließt, „für und für“ sind die Worte des Psalms dafür, Leben und Tod, bewahren mich davor. In der Bewegung wie die Beterin, der Beter des Psalms zwischen Verzweiflung, Angst und Hoffnung, Zutrauen. Bewahren mich hoffentlich auch vor den Taten der Angst. Öffnen mein Herz und meinen Verstand für die wunderbaren Worte der Klugheit von Rose Ausländer:

 

Noch bist du da

 

Wirf deine Angst

in die Luft

 

Bald

ist deine Zeit um

bald

wächst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine Träume

ins Nirgends

 

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

 

Sei was du bist

Gib was du hast

Verfasst von: achterosten | 13. November 2016

Mal kurz was zum Thema Sex – Predigt zu Exodus 20, 14

Predigt zu Exodus 20, 14 (Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, 13.XI.2016)

Liebe Gemeinde, ein Dorf irgendwo in Deutschland in den Tagen vor dem Ersten Weltkrieg. In den Tagen als das lange 19. Jahrhundert mit seiner bürgerlichen Moral noch nichts von dem nahen Ende ahnte. Ein Dorf wie es an unzähligen Stellen in Deutschland in jenen Tagen hätte sein können. Alle gut evangelisch, Anstand und Moral bilden die Fassade. Dahinter in der Welt der Erwachsenen herrscht der Abgrund aus sexueller Ausbeutung, Missbrauch, brutaler Gewalt, Lieblosigkeit und Opportunismus. Die Kinder bestrafen die Erwachsenen auf grausame und brutale Weise für diesen Widerspruch zwischen sprichwörtlich gepredigter Moral und gelebter Lebenspraxis. Mittendrin der Pfarrer, Bewahrer der göttlichen Ordnung in dieser Welt. Er hält sich selber für einen strengen, aber gerechten Mann Gottes. In seiner Gemeinde und in seiner Familie. Das ist sein Verständnis der gottgewollten Liebe unter den Menschen. Umso mehr schmerzen ihn die offensichtlichen Veränderungen seines ältesten Sohnes. Immer blasser, kränklicher ist er geworden. Ein böser Verdacht wird im Pfarrherrn und Vater wach und so kommt es zum Gespräch im Amtszimmer oder sollte man besser Verhör sagen? Er erzählt ihm die Geschichte eines Jungen aus dem Nachbardorf, der wie der Sohn immer blasser und stiller wurde. Überall mit Pusteln überseht war und am Ende starb. Die Ursache steht für den Pfarrer unumstößlich fest: Der Junge ist der Sünde des Fleisches verfallen. Wobei er das noch umständlicher ausdrückt. Wir nennen das heute schlicht und einfach Selbstbefriedigung. Unter Tränen nickt der Sohn bei der Frage, ob er auch Zitat „diese Handlung“ an sich vorgenommen habe.

Liebe Gemeinde, um seinen Jungen vor dieser Sünde des Fleisches zu bewahren, wird der Pfarrherr seinem Sohn nach diesem Gespräch Abend für Abend die Hände fesseln lassen. Seien sie versichert, Wort und Tat des Pfarrer wie sie Michael Haneke in seinem großartigen Schwarz-Weißfilm „Das weiße Band“ zeigt sind damals absolut übliche Praxis. Selbst im „Evangelischen Erzieher“, einem Standartwerk der 50er Jahre, finden sich noch dezidierte Hinweise auf dieses Thema. Die Idee war die Gleiche, nur die Methoden weniger brutal, pädagogisch verfeinert. Spiegelbild einer völlig verqueren, körperfeindlichen und brutalen protestantischer Sexualmoral. Die sich vergangen hat an Körper und Seele von Kindern und Jugendlichen, sie gedemütigt hat, Narben geschlagen, die nie wieder wirklich verheilten. Unzählig sind die Belege dafür. Wer mag, darf gerne noch einmal zu Tilmann Mosers „Gottesvergiftung“ aus den 70er Jahren greifen. Alles Schöne, alles Lebendige, alle Liebe wurde der Sexualität ausgetrieben, bis nur noch eine freud- und lieblose Technik zur Triebabfuhr, Herrschergewalt des Mannes und Zeugung von Kindern übrig geblieben ist.

„Du sollst nicht ehebrechen“ – lautet das Gebot. Und es ist fast zum Verzweifeln, aber es ist so und ich stehe fassungslos davor, auch in diesem Fall ist das heutige der Zehn Gebote Teil einer fatalen Wirkungsgeschichte. Teil der christlichen Schuldgeschichte an den Menschen. Vermeintliches Fundament eines Hanges zur dauernden Thematisierung des Sexuellen bei gleichzeitiger Verdunklung des Themas. Hat man es irgendwie wenigsten schon mal akzeptiert, dass es Sex nicht nur während, sondern auch vor und nach der Ehe gibt, kann es immer noch ein Spießrutenlauf in einer Kirchengemeinde sein, z.B. als schwuler Christ, als lesbische Christin zu leben. Das Thema ist immer noch leider virulent in unseren Kirchengemeinden. Irgendwie kriegen wir es nicht so wirklich hin, das Thema einfach mal dort zu lassen, wo es hingehört: Hinter Schlafzimmer- oder auch hinter anderen Türen, also in der unverletzlichen Privatspähre unser Mitmenschen. Dabei ist es doch irgendwie kaum zu verstehen, warum dieses einfache Gebot ein solch fatale Wirkung erzeugen kann: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Das wars und dieses Mal gibt es noch nicht mal Übersetzungsprobleme. „Ehebrechen“ heißt „Ehebrechen“ – Schicht am Schacht. Auch nicht weiter verwunderlich, dieses Gebot in einer Zeit, damals wo fast allein die Familie der Garant von gesellschaftlichem Zusammenleben war. In einer Zeit in der es sonst kaum politische und gesellschaftliche Institutionen gab, die der Welt eine Ordnung geben konnten. Es ist nicht weiter schwer zu verstehen, das Ehebruch dann immer auch eine Gefahr für diese Ordnung darstellte. Es ist also vielleicht nicht allzu kühn zu behaupten, dass es hier weniger um die Fragen der Sexualmoral, sondern um den Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung geht. Wahrscheinlich auch, so kann ich mir vorstellen, weniger um die emotionalen Auswirkungen eines wie auch immer gearteten Ehebruchs..

Was das Thema Ehebruch angeht scheint also die Bibel relativ klar und eindeutig zu sein. Was das Thema Sexualmoral angeht aber gerade und das muss mal zur großen Enttäuschung aller ach so frommen christlichen Moralapostelinnen und Moralaposteln gesagt werden, fehlt es sonst an einer eindeutigen Position zum Thema Sexualität. Obwohl sich da explizite Aussagen an manchen Stellen finden. Machen wir doch mal einen kurzen, schnellen Ritt durch die biblischen Geschichten: Da hätten wird das Gebot versus Ehebruch in einer Zeit gelebter Polygamie, sprich ein Ehemann, mehrere Ehefrauen. Gleichzeitig finden wir die rechtlichen Regelungen für eine Scheidung. Da finden wir eine Prostituierte, die zur Heldin wird und den Israeliten die Eroberung Jerichos ermöglicht. Ohne das da auch nur irgendwie ein Halbsatz der moralischen Verurteilung zu finden ist, darüber wie diese Frau ihren Lebensunterhalt verdient. Da ist der größte König der biblischen Geschichte mit dem miesesten Ehebruch der Literaturgeschichte: Am Ende gibt es zwei Tote, den betrogenen Ehemann und das Kind aus der Nacht zwischen dem König und der Ehefrau. Dazu dann noch einen völlig verzweifelten, ziemlich selbstmitleidigen König. Und dann? – Ja dann wird aus dieser Beziehung der König geboren, der als der weiseste der Bibel gilt. Da haben wir wie in einem James Bond Film eine Frau, die Sex nur benutzt um den größten Feind des israelischen Volkes einen Kopf kürzer zu machen. Da sind Aussagen, die einen Ehebrecher für den absolut Vollidioten erklären. Da sind klare Sätze gegen jede Form der sexuellen Ausbeutung. Schließlich ein Jesus, der die Frau am Brunnen an all ihre gescheiterten Beziehungen erinnert, aber dessen einziger öffentlicher Kommentar auf die frisch ertappte Ehebrecherin ein fast gelangweiltes „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ ist. Fast schon lustig wie sich daraufhin Ratz, Fatz alle Männer, die gerade noch diese Frau steinigen wollten, in die Büsche schlagen. Und – zu guter Letzt – Texte die so voller expliziter Erotik sind, das sie eigentlich mindestens unter Jugendschutz FSK 16 laufen. Troztdem fanden sie Eingang in die biblische Sammlung, weil Menschen sie als Bild der begehrende Liebe Gottes zu seinem Volk, zu den Menschen verstanden. Und das waren jetzt nur sehr wenige Beispiele. Von einer eindeutigen Sexualmoral also weit und breit nicht wirklich was. Noch nicht einmal zum immer noch gerne heiß diskutierten Thema Bi- und/oder Homosexualität lässt sich was Eindeutiges finden.

Auf jeden Fall kaum Grundlagen für diese elende, bigotte und leibfeindliche christliche Sexualmoral, die bis heute wirkt. Woher sie dann aber kommt? Wir haben den seltenen Glücksfall der Kirchengeschichte vor uns, dass wir einen der Hauptübeltäter relativ klar benennen können: Augustinus, jenen Kirchenvater am relativen Beginn der Geschichte des christlichen Glaubens. Der hat nämlich praktischer Weise uns seine Autobiographie hinterlassen. Dauernd wurde der arme Mann vom schlechten Gewissen angesichts seines früheren Lebens geplagt. Zu diesem früheren Leben gehörte halt auch eine, ich will sie mal so nennen, lebendige Sexualität. Zur Eigentherapie dieser Gewissensbisse hat er den ersten Schritt auf diesem fatalen Weg des Christentum getan: Er verband theologisch den Gedanken der Sünde, unter der der Mensch und die Welt leidet, mit dem sexuellen Akt. Er war für ihn nicht nur Ort der gelebten Sünde, sondern sie wurde gleich auch im sündigen Akt der Zeugung an die nächste Generation weitervererbt. Schon dumm, wie manche Sachen auch bei uns in der Kirchen- und Theologiegeschichte gelaufen sind. Vor dort führt der Weg in das Amtszimmer des Pfarrherrn dieses deutschen Dorfes aus dem Film und von dort weiter zum heutigen Volkstrauertag. Denn der Macher des Filmes, Michael Haneke, versucht mit diesem Film eine Antwort auf die Frage nach den Gründen von Krieg und Diktatur in Deutschland zu finden. Die Generation der Kinder der Zeit des Filmes wird sie später stellen, die Generation, aus deren Mitte Tod und Verderben über ganz Europa kommen wird. Kinder, die nie lernen konnten, eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper, ihrer Sexualität aufbauen konnten. Die den Körper nur unter zwei Gesichtspunkten kannten: Schmerz erfahren und Schmerz zufügen.

 

Was am Ende bleibt ist die Frage: Wie kann sie dann aber aussehen, eine christliche Sexualethik, frei von Bigotterie, Unterdrückung, Ausbeutung und klebrigem Voyeurismus? Eine Sexualethik, die das Geschenk der Erotik, des Begehrens, des lustvollen Verschmelzen schützt und leben lässt? Vielleicht hilft es uns weiter, wenn wir dazu nicht nach expliziten Stellen in der Bibel suchen, sondern wahrnehmen zu was uns das Wort Gottes immer wieder aufruft: Liebe, Verantwortung, Ehrfurcht – die bestimmenden Größen der Beziehung, die Gott den Menschen zu ihm eröffnet, die bestimmende Größen der Beziehung, die Gott unter den Menschen eröffnet.

Wenn diese drei im Zentrum unseres Nachdenkens stehen, dann hört vielleicht auch endlich der komische Eiertanz der Unterscheidung zwischen Segnung und Trauung auf. Ja, dann tritt die Frage der sexuellen Orientierung in den Hintergrund und auch fast alles zu diesem Thema dahin wo es hingehört, hinter die Schlafzimmer- oder was auch immer für Türen. Wir könnten dann endlich entspannen und uns unserem eigentlichen Auftrag widmen: Nicht dem Blick durch das Schlüsselloch anderer Leute, sondern dieses drei – Liebe, Verantwortung, Ehrfurcht – jeden Tag mit Leben zu füllen. Damit Szenen wie die im Amtszimmer des Pfarrherrn endlich das bleiben was sie sind: Schwarz-Weiß und damit Vergangenheit.

Verfasst von: achterosten | 30. Oktober 2016

Mehr Frage als Antwort – Predigt zu Exodus 20, 13

Predigt zu Ex 20, 13 (XXIII. So n Tr, 30.X.2016)

„Du sollst nicht töten.“ Liebe Gemeinde, mit diesem Gebot geht er weiter, der Reigen der Zehn Gebote. Vier Wörter, das wars. Kurz und bündig. Ein Gebot dem wir doch alle spontan zustimmen können. Eines der Gebote warum gerne von der Universalität der Zehn Gebote gesprochen wird. Dass sie so eine Art Minimalstandard des menschlichen Zusammenlebens bilden. Eine Art Katalog der guten Sitten und des guten gemeinsamen Lebens. Wobei das heutige Gebot sozusagen diesen Katalog eröffnet. Erstens weil die Grundvoraussetzungen des guten Zusammenlebens ja nun zwangsläufig sein muss, das man sich nicht gegenseitig nach dem Leben trachtet. Zweitens weil nun ab diesem Gebot auch der liebe Gott nicht mehr auftaucht, jedenfalls wird er nicht mehr explizit erwähnt. Womit diese Gebote auch an die vermittelbar und einsichtig sind, die es so nicht mit dem Gott haben, wie ihn uns die Bibel präsentiert. Die letzten Gebote als Fundament der vielleicht etwas kindlichen Hoffnung, dass wenn sich daran alle hielten, würde das schon im Großen und Kleinen gut klappen auf dieser Welt. Und dass das so wird, dafür müssen wir uns alle immer nur ordentlich anstrengen. Leider klappt es nicht so einfach mit so einer Art Eins zu Eins Übersetzung der Zehn Gebote in das Leben. Sie sind nun dann doch nicht ein für alle Zeiten gültiger Moralkatalog menschlichen Verhaltens, sondern vielleicht, um mal einen alten nicht ganz so intelligenten Werbespruch aufzunehmen, mehr eine Geschichte voller Missverständnisse.

Ich finde, gerade bei dem Gebot „Du sollst nicht töten.“ wird das mehr als deutlich, gerade auch bei einem Blick in die jüngere Alltagsgeschichte unserer Kirchengemeinden.

Einige werden sich vielleicht noch an die Zeit erinnern als Worte wie Nato-Doppelbeschluss, Pershing II und Bonner Hofgarten die Gemüter von Christinnen und Christen landauf, landab bewegten. Der Kalte Krieg war mal wieder kälter geworden Ende der 70er, Anfang der 80er und eine neue Welle der gegenseitigen Abschreckung war geplant – gegen den massiven Widerstand aus der Bevölkerung. Die Hochzeit der Friedensbewegung der 80er Jahre nahm ihren Anfang, eine der größten Demonstration in der Bundesrepublik Deutschland fand im Bonner Hofgarten statt. Armeestützpunkte wurden auf kreative Art und Weise blockiert. Neben vielen anderen Organisationen waren es besonders kirchliche Gruppen, die dort sehr aktiv waren. Aus vielen Gemeinden war die Arbeit für den Frieden nicht wegzudenken, der Jutebeutel mit der Friedenstaube immer an der Hand und den Magenkiller Nicaragua Kaffee in der Tasse. Eine ganze Generation von Christinnen und Christen, Pfarrerinnen und Pfarrern ist dadurch geprägt worden und das bis heute. Wie stark, ist mir mal vor kurzem deutlich geworden, als bei einem innerkirchlichen Konflikt eine Teilnehmerin aufsprang und in den Saal rief: „Aber wir haben doch im Hofgarten den Kalten Krieg zusammen beendet.“ Ich will das jetzt mal nicht historisch kommentieren, aber es hat ein wenig die Augen geöffnet über die Zeit in den 80ern und ihre Bedeutung für unsere Kirchengemeinden bis heute.

Heute aber prägen ganz andere Themen die Diskussion und im Hinblick auf den Magen ist das nicht mehr der eigentlich ungenießbare Kaffee aus Lateinamerika, sondern viel grundsätzlicher. „Was bist Du denn so?“ – ist da heute eher die Frage, „noch Vegetarier oder schon Veganerin?“ Das Bewusstsein, dass Schnitzel nicht auf Bäumen wachsen, sondern Lebewesen dafür sterben müssen und vorher oft ein nicht allzu artgerechtes Leben hatten, es ist zumindest in einigen Bevölkerungskreisen angekommen. Und auch in den Kirchengemeinden. Ich erinnere mich gerne noch an eine hitzige Diskussion in einer Kirchengemeinde, ob beim Gemeindefest für die Vegetarier ein zweiter Grill aufgestellt wird. Für manche kam diese Frage knapp vor oder nach dem Untergang des Abendlandes.

Zwei Themen, die trotz mancher Realsatire zwar ernsthafter Diskussion wert sind, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Eigentlich – denn eines verbindet sie dann doch: Der Bezug auf das Gebot „Du sollst nicht töten“. Damals zu Lesen auf manchem Plakat im Hofgarten oder vor den Toren der Raketenabschussrampen. „Du sollst nicht töten.“ – Heute zu hören bei mancher christlichen Vegetarierin, manchem christlichen Veganer. Beides erst einmal nicht nur nachvollziehbar, sondern fast eine Art ethischer Mainstream, auch wenn sich mancher Fleischesser noch wehrt. Irgendwann ist er dann aber da, der Augenblick wo ein bibelkundlich belesener Mensch aufsteht, der gerne vielleicht Fleisch isst oder anfangs der 80er in der Angst lebte, morgen steht der Russe vor der Tür. Dieser bibelkundlich belesner Mensch wir dann mit gewichtiger Miene kundtun: So könne man das leider nicht sehen, denn das sei eigentlich alles vor allem eins – ein Übersetzungsfehler. Eigentlich, ja eigentlich müsste das ja korrekt „Du sollst nicht morden“ heißen. Und das sei ja nun mal was völlig anderes als ein umfassender Begriff als Töten.“ Worauf dann die Diskussion einsetzt, ob nicht das Töten von Tieren dem Mord gleich zu setzen sei. Das will ich aber hier jetzt nicht weiterverfolgen. Ganz Unrecht hat unser bibelkundlicher Schlaumeier nicht. Das hebräische Original benutzt nicht das Wort, was unserem „Töten“ nahe kommt. Allerdings, und daher hat unser Schlaumeier auch nicht völlig recht: „Morden“ kommt dem Original schon näher, trifft es aber auch nicht zu hundert Prozent. Die größte Nähe zur Bedeutung hat man wohl, wenn man es, zugegeben etwas kompliziert, als „Form von nicht angeordneter bzw. nicht erlaubter Tötung“ versteht. Was jetzt wiederum auch nicht nur Mord umfasst. Außerdem kommt ja noch hinzu, dass „Mord“ in unserem Lande eine hochproblematische Vokabel ist. Immer noch gilt bei uns § 211 Strafgesetzbuch fast im gleichen Wortlaut von 1941, für die Roland Freisler, Vorsitzender des Volkgerichtshofes verantwortlich war. Ist schon irgendwie befremdlich wenn heute noch das Urteil „Mord“ gefällt wird nach Rechtstexten von Schreibtischmördern. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Am Schluss bleibt also die doch sehr ernüchternde Feststellung: Gegen die Atomwaffen und für den Vegetarismus mag ja manches gutes Argument sprechen, aber sich dabei auf das Gebot „Du sollst nicht töten“ zu berufen – das ist mal gelinde gesagt schwierig. Weil es nun mal kein universelles Gebot gegen das Töten ist, sondern gerade auf etwas spezifisches abzielt.

Dann schwant einem wohl auch, dass es mit der angeblichen universellen Gültigkeit der Zehn Gebote nicht allzu weit her ist. Sie wohl  nicht so als einfacher moralischer Grundlagenkatalog des menschlichen Lebens und Zusammenlebens gelten können. Sie vielleicht sogar mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Denn was eine „nicht erlaubte Tötung“ ist oder nicht, darüber lässt sich trefflich streiten und es muss auch darüber gestritten werden. Und nur so können doch auch die Zehn Gebote überhaupt Relevanz für unser Leben bekommen. Was sollte ich denn einer alten, sterbenskranken Frau sagen, die unsäglich litt und nur noch eins jeden Tag sagte: „Gebt mir doch eine Spritze.“ Sollte ich ihr einfach das Gebot vor die Füße schmeißen oder mich dahinter verstecken? Oder war nicht ein ganz anderer Weg notwendig, ein viel komplizierter, schmerzhafter, einer der mehr Fragen als Antworten hatte?

Und da will ich dann doch das ganz große Fass aufmachen: Für mich ist das alles ein besonders starkes Beispiel für eines der größten Missverständnisse unseres Glaubens, unseres Umganges mit ihm und mit dem Wort Gottes: Dass er, der Glaube, die eine gültige und unumstößliche Antwort auf die drängenden Fragen unseres Lebens sei. Und am besten natürlich die, die am besten zu mir und meiner gefühlten Realität passt. Wäre das ein lebendiger Glaube, wäre dann das Wort Gottes nicht mehr als ein passender Zitateschatz? Ein Fundus letzter Begründungen für meine Meinungen, meiner Sicht auf die Dinge? Die dann ja auch, wie praktisch, weil sie ja angeblich Gottes Wort sind, nicht mehr in Frage gestellt werden können. Was aber, wenn der der Glaube und das Wort Gottes genau das Gegenteil wäre? Wenn er vielmehr Fragen aufwerfen als einfache Antworten geben würde? Wenn wir mehr durch ihn in Frage gestellt werden würden, als bestätigt? Mehr lebendige Provokation als langweiliges Schulterklopfen? Das wäre ein Glaube von dem ich mich als erwachsener Mensch ernst genommen fühlte. Das wäre Worte eines Gottes, der mich als Gegenüber sieht, so wie es von ihm gesagt wird, das er uns nur ein wenig kleiner gemacht als er selber ist. Das wäre ein Geschehen, eine Beziehung voller Leben. Und genau das ist es doch, was schon in der Bibel ihren Anfang nimmt. Denn sie ist doch keine Sammlung toter Buchstabe, sondern sie ist der Beginn dieser lebendigen Beziehung, dieses Gespräches voller Leben. Sie fragt immer wieder selber nach, bringt andere Aspekte ein, unterzieht manch theologisch steile These der Überprüfung durch das Leben. Eröffnet so neue Perspektiven. Lässt uns leben im Glauben indem sie ihn immer wieder neu anfragt, anstatt nur gleichgültig zu sagen „Ist schon in Ordnung so wie es ist.“ Lässt uns leben im Glauben indem er mehr Frage als Antwort ist. Dem sich zu öffnen, schenkt neues Leben, schenkt neues Selbstvertrauen im Glauben. Kann uns dann auch tragen in den vielen manchmal schwierigen Fragen unseres Lebens. Gibt uns die Weite und Freiheit dann auch alle Aspekte zu sehen, auch die schmerzhaften. Holt uns aus dem kindischen Verhalten einer postfaktischen Zeit in die reife Partnerschaft von Vernunft und Gefühl.

Lassen sie mich im Hinblick auf unser heutiges Gebot mit zwei Zitaten aus der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ schließen. 99 Thesen zu der Frage „Was ist christlich?“ sind dort zu lesen. Zwei will ich laut werden lassen. Erst Christopher Dieckmann, Reporter der „Zeit“: „Christlich ist die Friedensbotschaft Jesu und das oberste Gebot „Du sollst nicht töten“ – wider alle Ideologie vom gerechten Krieg. Christlich ist Luthers Mahnung „Man lasse die geyster auf eynander platzen vnd treffen. Aber die faust halte stille.“ Das andere von Evelyn Finger, Ressortleiterin der Zeit für die Rubrik „Glaube und Zweifel“: „Für besonders christlich halten sich Europas Radikalpazifisten. Sie predigen gegen Waffen, als gehörte dazu Mut. Mutig aber sind Christen im Irak, die sich mit Waffen gegen den „Islamischen Staat“ wehren. Junge Kämpfer tragen als Tätowierung ein Kreuz. Es ist das Symbol für das Ende aller Gewalt. Trotzdem sie wütet weiter. Dieses Dilemma zu leugnen und anderen vom sicheren Hochsitz der Moral Pazifismus zu empfehlen ist nicht christlich, sondern brutal.“

Es liegt an Ihnen zu entscheiden, wer einem lebendigen, reifen Glauben, der mehr Frage als Antwort ist, nahe kommt.

Verfasst von: achterosten | 27. September 2016

Alles Gut – Predigt zu Genesis 1, 1-2,3

Predigt zu Genesis 1, 1- 2, 3 (Erntedankfest 25.IX.2016)

Liebe Gemeinde, aber vor allem liebe Eltern, ja es stimmt und ich gebe es unumwunden zu: Es ist nicht gut, dass wir ihre Kinder in Kontakt mit der Schöpfungsgeschichte gebracht haben. Sie ihnen nicht nur erzählt, sondern auch noch ausführlich mit ihnen darüber gesprochen haben. Ja, sogar dieses wunderbare kleine Stück mit ihnen fleißig geübt haben. Das könnte Folgen haben, die wir uns vielleicht alle gar nicht wünschen. Denn da stehen doch Sachen in dieser Geschichte, die können uns gar nicht gefallen. Klar, die Schönheit der Natur, das Geschenk, das uns täglich gemacht wird vor Augen zu führen, das ist schon gut. Auch der Dank, dass sie uns täglich nährt, uns leben lässt – auch sehr gut. Das Bewusstsein zu wecken, wie zerbrechlich dieses Geschenk ist, dieser Schatz und wie wir behutsam mit ihm umgehen müssen – Prädikat pädagogisch besonders wertvoll. Wenn dann noch mit dieser Geschichte der Same der Erkenntnis gelegt wird, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, weil sie alle den gleichen Ursprung haben – perfekt. Aber da ist ein großer Haken bei der Geschichte, die das in den Schatten stellen könnte, ja sie vielleicht sogar gefährlich macht. Denn neben all diesen plakativen Dingen, die ich gerade aufgezählt habe, trägt sie in sich  noch eine fast versteckte Botschaft, die in der Lage ist, entscheidende Grundpfeiler unseres gemeinsamen Lebens doch erheblich ins Wanken zu bringen.

Ich rede dabei gar nicht von dem schnell auf das Tableau gestellte Widerspruch zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis, wie das Leben über einen fast nicht zu verstehenden Zeitraum langsam entstanden ist und der biblischen Erzählung einer Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Denn dieser Widerspruch ist ein künstlicher und gibt maximal den ideologischen Vertreterinnen und Vertreter der beiden Seiten viel Raum für Wortgefechte. Beides, die wissenschaftliche Erkenntnisse und die biblische Geschichte ernst zu nehmen, schaffen sie nicht. Zu dem ganzen nur ein sehr schlaues Zitat von Stanley Gevirtz, der zur Frage nach der Wahrheit des Textes sagt: „Natürlich ist es wahr. Nicht in dem selben Sinn, in dem ein Naturgesetz wahr ist (…). Das Buch ist in der Weise wahr, wie große poetische Werke immer wahr sind: in der Vorstellungskraft des menschlichen Herzens und in der Ordnung des menschlichen Geistes.“

Es ist also nicht dieser Punkt, wo die Gefahr lauert.

Nein, liebe Gemeinde, die Gefahr liegt an ganz anderer Stelle. In einem ganz kleinen, fast unscheinbaren Wort. Dem kleinen Wort „gut“. Immer wieder taucht er auf, der kleine Satz „Und Gott sah, dass es gut war.“ und gibt der Geschichte ihren Rhythmus, Bei der Erschaffung des Menschen steht da gerade noch ein „sehr gut“. Ich meine, was ist das für eine schwache Nummer. „Gut“ – das ist doch mal ganz knapp über „nett“. Und von wem „nett“ wiederum die Schwester ist, weiß die ein oder der andere auch. Ich führe das nicht aus, da Kinder anwesend sind. Ich meine wir reden doch hier über die Schöpfung, die Grundlage allen Lebens, die Schönheit der Natur, die Erschaffung der Welt, den Menschen und am Ende steht nur ein „gut“. Ja mit Mühe und Not, weil es halt der Mensch ist, kann man sich  noch zu einem „sehr gut“ durchringen? Mehr nicht? Wie wäre es mal mit „super“, oder noch besser, „vollkommen“? Ich erwarte doch, dass, um in den Bildern der Geschichte zu bleiben, Gott wie ein Bildhauer, von mir aus auch wie eine Konditorin nach getaner Arbeit einen Schritt zurücktritt, auf sein Werk schaut und schließlich sagt: „Perfekt!“ Nichts davon, der ganze Laden, wirklich alles, ist maximal „sehr gut.“ Es handelt sich hier doch um die Schöpfung und Gott, da kann man doch erwarten, dass bei einem „gut“ noch einmal nachgebessert wird. Der Schöpfer dieser Welt ein paar Überstunden macht, bis es „perfekt“ ist. Oder notfalls alles nochmal ins Nichts zu schicken, um ganz von vorne anzufangen, solange bis es halt perfekt ist. Nichts davon!

Wir leben als Menschen, immerhin „sehr gut“, in der „guten“ Schöpfung Gottes, aber nicht in der perfekten. Und genau das macht sie so gefährlich, diese Geschichte und sollte vielleicht daher auch nicht Kindern erzählt werden. Denn was wäre, wenn ihnen das auffallen würde oder sie es sogar ernst nehmen würden? Wenn sie diese versteckte Botschaft in der Geschichte hören würden? Was wäre dann mit unserem allgemein anerkannten Ziel immer und über überall perfekt sein zu wollen? Mit diesem Grundpfeiler unseres Lebens? Der Grundpfeiler, der davon ausgeht, dass es immer noch besser wird, bis es schließlich perfekt ist. Was, wenn sie sehen, das Gott selber mit einem „gut bis sehr gut“ überaus zufrieden war und keine perfekte Welt geschaffen hat? Ja, dass er sich sogar an die von ihm selber gesetzten Grenzen hält: Er tut jeden Tag seinen Teil, „und es ward Abend und Morgen, der so und so vielte Tag.“ Und dann ist Feierabend, Schicht am Schacht. Gott macht keine Überstunden, um Perfektion zu erreichen. Und noch schlimmer, anstatt den siebten Tag, sozusagen kurz vor der Deadline, dem endgültigen Abgabetermin zu nutzen, macht er: gar nichts. Er ruht und lässt auch diese Chance zum perfekten Abschluss ungenutzt verstreichen. Was wenn die Kinder das nicht nur sehen sondern sogar ernst nehmen würden? Vielleicht würden sie sich dann nicht so zerreiben wie wir es tun, zwischen allen unterschiedlichen Ansprüchen, perfekt sein zu wollen. Perfekte Eltern von zwei perfekten Kindern, nach perfekter Hochzeitsfeier nun im perfekten Haus lebend trotz perfekter Berufskarriere immer noch Zeit habend für die perfekte Urlaubsreisen, genug perefekter Quality Time in der perfekten Work-Life-Balance, wie es so schön neudeutsch heißt. Vielleicht würden sie dann nicht so leiden oder gar daran zerbrechen, wie wir es tun, das halt gar nichts perfekt ist in unseren Leben, sondern halt „gut“ und manchmal vielleicht sogar „sehr gut“. Vielleicht wären sie gnädiger zu sich und anderen, wenn sie am Ende auf ihr Leben zurückschauen, das alles, bloß nicht perfekt war. Vielleicht könnten sie dann auch das größte Geschenk der Schöpfung annehmen: zu erkennen, dass es gut ist, zu ruhen, gar nichts zu tun und zu genießen. Denn was ist die Schöpfung wert, wenn es keinen gibt der sich daran freut?

Liebe Gemeinde, aber vor allem liebe Eltern, ja es stimmt und ich gebe es unumwunden zu: Es ist nicht gut, dass wir ihre Kinder in Kontakt mit der Schöpfungsgeschichte gebracht haben. Genau aus diesem Grund: Sie könnten unseren Wahn zur Perfektion ernsthaft in Frage stellen. Genau aus diesem Grund erzählen wir sie ihnen aber auch.

Verfasst von: achterosten | 24. Juli 2016

Von Söhnen und Vätern – Predigt zu Genesis 22, 1-19

Predigt Sommerkirche (Gen 22, 1-19)

 

Liebe Gemeinde, es ist wohl die berühmteste und geheimnisvollste, aber auch die grausamste und verstörendste Vater-Sohn Geschichte der Bibel:

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht. Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba, und Abraham blieb daselbst.

 

Es ist die Geschichte eines Vaters, der meint einen Befehl Gottes zu hören, der so grausam, so unvorstellbar ist. Das wird auch nicht dadurch besser, dass wir alle schon wissen, wie die Geschichte enden wird. Was scheint das für ein Gott zu sein, der eine solche Forderung stellt? Was ist das für ein Vater, der ohne zu zögern, dieser Forderung folgt? Den selbst die lange Reise von drei Tagen nicht zur Besinnung bringt? Der erst einen Engel, ein massives Eingreifen benötigt, damit diesem Wahnsinn ein Ende bereitet wird. Dem Wahnsinn das eigene Kind aus religiösen Gründen zu töten. Das erscheint uns wie Fundamentalismus der schlimmsten Art. Eine gute Geschichte, um zu belegen, welche Gefahr, welches Gewaltpotential in der Religion liegt. Eine guten Geschichte, in der die Bibel selber die Quelle ist, um diesen Glauben, diese Vorstellung eines Gottes abzulehnen. Wer ehrlich aus dieser Perspektive auf diese Geschichte schaut, der wird auch nur weniges bis gar nichts finden, was man dagegen stellen kann. Der kann auch nicht relativieren, der kann nur ehrlich auf den Schmerz verweisen, dass auch Geschichten wie diese von dem Glauben an den einen Gott erzählen wollen. Der sollte auch nicht der Versuchung erliegen, diesen Schmerz, das Entsetzen über diese Geschichte weg zu erklären. Man kann diese Geschichte nicht drehen und wenden, abschleifen, verharmlosen, relativieren. Es bleibt dabei: ein Vater ist bereit sein einziges Kind zu töten, allein, weil er der Überzeugung ist, dass Gott es ihm befohlen hat. Wenn man in dieser Perspektive bleibt. Genau das war auch meine Perspektive bis ich anfing über diese Predigt nachzudenken. Relativ unüberlegt und spontan habe ich mich für diese Geschichte entschieden, als das Thema der Sommerkirche 2016 feststand. Habe sie noch einmal gelesen und wieder weggelegt.

Nach und nach fielen mir aber ganz andere Geschichten ein. Und alle fanden im meinem engsten Umkreis statt, habe sie also fast hautnahe erlebt. Da beugte sich der stolze Großvater, seines Zeichens promovierter und erfolgreicher Naturwissenschaftler, über die Wiege des ersten Enkelkindes und seufzt: „Ach Kind, wenn du erst einmal Abitur machst.“ Die Antwort der Kindsmutter: „Vielleicht wird sie ja auch Frisörin.“ sorgte für akute Herzprobleme beim frisch gewordenen Großvater.

Da sind zwei frühere Freunde, beide waren begnadete Sportler. Der eine hätte es vielleicht weit bringen können als Fußballer. Der kleine Ruhrgebietsverein für den er damals spielte hat schon einige Bundesligaspieler hervorgebracht. Sein Stiefvater war bei jedem Training, bei jedem Spiel dabei, laut schallte seine Stimme über den Platz, immer nur scharfe Kritik, nie Lob. Als ich diesen Stiefsohn, das Fußballtalent das letzte Mal sah, hab ich sein Busticket bezahlt, wenigstens half ihm das Methadon.

Vom anderen damaligen Freund, auch er ein guter Sportler in seinem Fach, erzählte der Vater immer mit Stolz, zu jedem passenden und unpassenden Moment. Nicht ganz unberechtigt, wie der Blick auf die lange Reihe von Pokalen bewies, die schön auf dem Wohnzimmerschrank drapiert waren. Eine Verletzung des Sohnes beendete abrupt diese Pokalreihe und auch den Stolz des Vaters. Seinen Sohn erwähnte er nur noch selten.

Und am Schluss die grausamste von allen: Ich habe sehr früh mit dem Handballspielen angefangen, ich habe sehr gerne gespielt, aber war fürchterlich untalentiert. Als Foulkönig berüchtigt, die Mehrzahl unbeabsichtigt und aus purer Verzweiflung. Ich spielte immer rechts außen, auf der anderen Seite links außen spielte einer, der ähnliches Talent mitbrachte. Mein Vater, selber erfolgreicher Handballer in den 50er und 60er war bei jedem Spiel dabei, ertrug die fehlgeschlagene Vererbung seines Talentes auf mich mit Gleichmut. Der Vater des Anderen, dem auf links außen stürmte manchmal in der Halbzeitpause in die Kabine und wies seinen Sohn vor versammelter Mannschaft zurecht. Einige Jahre später tötete dieser Vater fast seine gesamte Familie, darunter auch mein Handballkumpel von damals, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Ein breites Spektrum, von der Realsatire eines standesbewussten Großvaters über die Zerstörung der Vater-Sohn Beziehung bis hin zur Zerstörung eines Menschenlebens selber. Und diese Geschichten verknüpften sich mit der Geschichte des Vaters Abrahams und seines Sohnes Isaaks auf dem Berg Morija. Geschichten von Vätern, die bereit sind, ihre Kinder zu opfern. Für die eigene Vorstellung, was ein gutes Leben ist. Auf dem Altar der eigenen Wünsche, der Vorstellungen von Erfolg und Ansehen. Auf dem Altar der eigenen Mittelmäßigkeit, an der man leidet, der eigenen Misserfolge. Nicht zu vergessen auf dem Altar bürgerlicher Moral und Geschlechterdefinitionen. Die eigene Vorstellung von gut und richtig, von schlecht und falsch, von wichtig und unwichtig wird zum entscheidenden Maßstab des Blicks auf die Kinder, auf die nachfolgenden Generationen, für die man Verantwortung trägt. Und die archaische Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn für seine religiöse Überzeugung opfern will, wir können sie nicht mehr von uns wegschieben, entweder in weit entfernte Zeiten oder zu unseren dunkelhaarigen Nachbarn mit Bärten, von denen wir in unser Unwissenheit ausgehen, dass das angeblich zu ihnen und ihrer Religion passt. Diese Altäre finden sich heute und jetzt inmitten unserer Familien, unserer Nachbarschaften.

Und nun?

 

Es ist die seit Jahrhunderten anhaltenden Diskussion der jüdischen Auslegerinnen und Ausleger dieses Textes die so etwas wie ein kleinen Lichtschein in dieser grausamen Geschichte von Abraham und Isaak wirft. In dieser Diskussion gibt es welche die sehen in Abraham nicht nur den Übervater dreier Weltreligionen, den mit einem Übermaß an Gottvertrauen ausgestatteten religiösen Superhelden, sondern auch einen Vater der vielleicht alles missverstanden hat. Alles missverstanden hat und dafür alle Zukunft aufs Spiel setzt. Denn „Gott“ ist es, der Abraham zu diesem Mord aufruft, im Hebräischen steht dort das Wort „Elohim“, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet als Gott. Das ist sehr allgemein, völlig unspezifisch zu verstehen. Fast gesichtslos ist „Elohim“. Mit viel Offenheit für menschliche Projektionen, wer oder was dieser „Elohim“ ist. Vielleicht sogar nicht mehr als eine menschliche Idee von Gut und Richtig, eine Idee, der alles unterzuordnen ist, die zum Herrscher über alles wird, mich bereit macht bis zum letzten, vielleicht sogar über Leichen zu gehen?

Die Rettung des Sohnes ist der HERR, so steht es im deutschen, im Hebräischen steht dort der unaussprechliche Name Gottes. Kein allgemeiner, unspezifischer Gott. Sondern der Gott, der sich den Menschen unverwechselbar zu erkennen gibt in seinem Namen. Der uns sein Gesicht

zeigt. Ein erkennbares Gegenüber, das sich uns zeigt. Der klar erkennbar ist. Und ist es übertrieben, die Idee zu haben, dass Gott selber über Abraham erschrocken ist? Erschrocken darüber, dass Abraham ein „Gottesbild“ hat, dass nicht sein Gesicht, das Gesicht des HERRN zeigt? Kein Gott, der fordert, dass Menschen für ihn geopfert werden, sondern der HERR, der das Gute für die Menschen will. Kein Gott, der Unterjochung bis zum letzten, bis zum Tod fordert, sondern der HERR, der den Mensch befreit von aller Unterjochung.

Es ist der HERR, von dem uns erzählt wird. Kann er dann nicht auch jedem Vater und dann natürlich auch jeder Mutter das Messer aus der Hand nehmen, der seine Kinder, die ihre Kinder auf welchem Altar auch immer opfert? Kann er sie dann nicht auch befreien von dem Wahn einer höheren Idee und wenn es sogar die ehrenvolle ist, das Allerbeste für sein Kind zu wollen ohne das Gute für das Kind zu sehen? Kann er sie dann nicht befreien, ihre Kinder zu begleiten auf dem Weg, den sie der HERR selber geführt hat: In die Freiheit, für die uns alle Gott bestimmt hat? In das Leben in der Liebe, in der uns Gott begegnet.

In allem Schrecken dieser grausamen Geschichte will ich den Hauch dieser Hoffnung sehen.

Verfasst von: achterosten | 2. Juli 2016

Ein Bischof im Gebet – Jes 40, 1-11

 

Aus dem Jesajabuch: Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hats geredet.

Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

 

Es ist einer dieser Texte die wie geschaffen sind, uns vor Augen zu führen, dass Kirche nie auf sich allein bezogen bleibt. Jedenfalls wenn sie sich unter dem Auftrag, unter den Geboten Gottes sieht. An allen Orten, wo sie Kirche ist, in den Ortsgemeinden genauso wie in den Klinken, Schulen, Gefängnissen und an diversen anderen Orten und Plätzen. Kirche ist dort Kirche wo sie sich nach außen orientiert, in Richtung der Menschen zu denen sie gesandt ist. Man mag das Stadtviertel, Quartier nennen, oder etwas soziologisch-politischer, und gerade wieder en vogue, auch gerne Gemeinwesen. Der biblische Auftrag verweist uns an die Gemeinschaft der Menschen unter denen wir Kirche sind. Dazu ist dieser Auftrag mit einem klaren Inhalt gefüllt. Wie hier in diesem Abschnitt aus dem Jesajabuch. Keine moralischen Hinweise und keine ethische Richtigkeiten finden wir hier. Auch keine Blaupause für die Anmaßung einer gesellschaftlich-politischen Rolle, für die wir von der Gesellschaft kein Mandat erhalten haben. „Trösten“ erhalten wir als Auftrag. „Trösten“ nicht als Mitleid, sondern als Ermutigung, als Befähigung der Menschen. In allem Realismus, wie uns der Hinweis auf die Endlichkeit allen menschlichen Tuns vor Augen führt. Wir sollen für die Menschen da sein, uns für sie einsetzen – für die Menschen die mit uns leben. Wir als Kirche sind nicht um unser selbst willen da. Um Gottes und der Menschen Willen sind wir da. Dazu gehört ein gelingendes Zusammenleben mit den Menschen um uns herum

So weit so gut, ich könnte das jetzt noch weiter ausführen und mit einem Appell schließen. Anstelle eines Appells, dem es ergehen würde wie allen Appellen: Vom Winde verweht ohne weitere Folgen. Ich nehme lieber den Weg, den auch viele biblische Autoren eingeschlagen haben: Ich erzähle ihnen lieber eine Geschichte.

 

Es ist Samstag im Mai. Für ihn ist es kein weiter Weg, es sind nur wenige Meter zu gehen. Draußen herrscht ein sonniger Frühlingstag. Er legt sein Gewand an, damit ist er für alle zu erkennen. Nötig ist es nicht, auch so ist sein Gesicht bekannt in dieser Stadt. Alle kennen ihn. Er tritt aus dem Haus, geht durch die Straßen. Mit ihm streben vielen Menschen zu seinem Ziel. Sie kommen aus der Stadt, aus den umliegenden Ortschaften. Desto näher er kommt, desto mehr Sicherheitskräfte stehen nervös an den Straßenecken. Die Menschenmenge wird dichter, aber sie machen ihm respektvoll Platz. Dann wird er auch schon freudig von den Würdenträgern begrüßt. Er ist einer der Ehrengäste. Vielleicht ist es Freude in seinem Herzen als er zu seinem Platz in der ersten Reihe geführt wird. Freude, dass seine Stadt wieder ihr altes Gesicht erhält. Das Gesicht, das von der Verheißung friedlichen Zusammenlebens erzählte. Dass es möglich ist, dass die Menschen in Frieden leben.

Er wird eine Rede halten, er wird von Brüdern und Schwestern sprechen, vom Frieden, von Freundschaft. So wie er es immer tut bei diesen Gelegenheiten, denn sie laden ihn oft dazu ein. Nicht immer an einen so bedeutenden Ort wie heute, aber er kommt.

Der Festakt erlebt eine Unterbrechung. Es ist Zeit, die Menschen streben in ihr Gotteshaus. Sie folgen dem Ruf zum Gebet. Er geht mit ihnen hinein. Und während sie ihre Knie beugen, steht er in der letzten Reihe, mit ihnen im Gebet versunken. Der dort steht – es ist Franjo Komarica, katholischer Bischof von Banja Luka. Er steht inmitten der Ferhat-pašina džamija, der wiederaufgebauten Ferhadija-Moschee. Es ist der 7. Mai 2016, auf den Tag genau vor 23 Jahren sprengten serbische Freischärler Teile dieser Moschee, die vielen als die schönste des ganzen Balkan galt. Die Republika Srpska machte später einen Parkplatz daraus.

Das Bild des betenden Franjo Komarica wurde viel geteilt in der islamischen Community, besonders auch in der bosnischen hier in Deutschland. Und oft schwingt dabei eine Frage mit einer gewissen Bitterkeit mit. Ich stelle sie hier auch in den Raum: Warum kennen wir kein solches Bild aus Deutschland aus unseren Moscheen, das Bild eines christlichen Würdenträgers im gemeinsamen Gebet mit Muslimen in einer Moschee? Werden sie nicht so öffentlich oder gibt es sie vielleicht gar nicht, diese Bilder.

So wie von Franjo Komarica, den katholischen Bischof von Banja Luka. In den Zeiten des Bosnienkrieges hat er gekämpft für den Frieden. Flammende Briefe an die Mächtigen der Welt geschrieben, vom Sterben seines Volkes. Sie blieben meist ohne Antwort. Er öffnete sein Haus für alle, egal ob katholische Kroaten, orthodoxe Serben oder muslimische Bosniaken. Er ließ sich nicht einschüchtern, auch nicht als sie sein Leben bedrohten, die Kriegsverbrecher. Sie stellten ihn unter Hausarrest, was ihn nur wenig beeindruckte. Ihn wie so viele der Priester und Nonnen in seiner Bistum zu töten, das trauten sie sich dann doch nicht.

Nach dem Krieg setze er sich für die Versöhnung ein und kämpft weiter wie ein Löwe für den Bestand und die Wiederherstellung seines Bistumes.

Und so wie er bei der Wiedereröffnung der Ferhadija-Moschee Ehrengast war, ist er es auch oft, wenn all die vielen kleinen zerstörten Dorfmoscheen um Banja Luka wieder eingeweiht werden. Bei einer dieser Eröffnungen brachte er nicht nur seine Freude zum Ausdruck, sondern ermahnte auch alle anwesenden Muslime: Sie hätten nun wieder ein Gotteshaus in ihrer Mitte und er hoffe sehr, dass es nicht nur zu diesem Tag der Wiederöffnung und zu den Feiertagen so gut besucht sei.

Und auch hier die Frage: Kennen wir so etwas aus Deutschland, ein kirchlicher Würdenträger der Andersgläubige daran erinnert, ihre Religion, ihre Frömmigkeit zu leben?

Jedes Mal wenn mich Bilder oder Berichte von Franjo Komarica erreichen, haben ich ihn im Ohr, diesen Ruf des Jesajabuches: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Und die Frage wird in mir laut, in mir, einem unbedrohten evangelischen Pfarrer, gut eingerichtet in aller normalen Mittelmäßigkeit des gut saturierten Lebens in Westeuropa: Wie schafft er das? Woher dieser Mut in der Zeit des Krieges, in der Bedrohung? Woher die Kraft, dem Aufruf des Jesaja zu folgen, Ermutigen zu können? In Menschen die Hoffnung auf Frieden zu wecken? Sie in im Leben ihrer Religion zu bestärken? Warum schafft er es Vorbehalte oder Bedenkenträgerei gegenüber dem Islam zu überwinden – oder warum hatte er sie vielleicht auch nie? Kurz und knapp: Warum lässt er sich nicht von der Angst überwinden, wie ich es bei mir, bei uns immer wieder erlebe?

Dabei taugt er wahrlich weder zum glänzenden Helden und auch nicht zum uneingeschränkten Vorbild. Es gibt nicht ganz unberechtigte kritische Stimmen zu mancher Aktion von ihm im Krieg. Sein Kampf für das Überleben der Kroaten in seinem Bistum, für den katholischen Glauben in der Republika Srbska lässt ihn oft über das Ziel hinausschießen. So gestaltet er in diesem Jahr den Gottesdienst bei der Gedenkveranstaltung in Bleiburg, die auch in diesem Jahr wieder zu einem Treffen nationalistischer und faschismusnaher Kroaten ausartete. Aber trotzdem: Warum lässt er sich nicht von der Angst überwinden? Dass es dafür nicht nur einen guten Grund geben wird, geschenkt. Aber das ist hier eine Predigt, kein psychologischer, historischer oder politischer Vortrag. Von diesen Dingen habe ich auch nicht genug Ahnung. Aber ich sehe sein Bischofswappen und den Wahlspruch: „Gospodin je moja snaga i moja pijesma.“ – Der HERR ist meine Stärke und mein Lied“. Ein Vers aus dem Lobgesang Moses und seiner Schar angesichts der wundersamen Errettung vor der Vernichtung durch Pharao und sein Heer. Ein Vers, der in sich die Verheißung und Hoffnung auf Freiheit trägt. Der in sich die Erfahrung trägt, das es stärkeres gibt als die Angst. Dass dieser Gott einem so entgegenkommt, dass man vom Vertrauen zu ihm überwältigt wird. Dass die Angst nicht siegt! Die Angst, die uns daran hindert, unserm Auftrag nach zu kommen. Die uns hindert Menschen zu trösten, zu ermutigen. Die all die kleinen Vorbehalte und Bedenken gebiert und manchmal auch die vorgeschobenen Hinderungsgründe.

Was wäre, wenn das wahr wäre? Was wäre, wenn das die Wahrheit wäre, die diese Krankheit zum Tode, die die Angst ist eindämmt? Uns befreien würde von den Symptome dieser Krankheit: die kleinlichen Vorbehalte und Bedenken? Was wäre, wenn das wahr wäre, und dies der Grund war für den Mann in der Ferhadija-Moschee im Gebet vertieft mit seinen muslimischen Freunden an jenem Samstag im Mai? Keine politische Richtigkeiten, sondern die Freiheit von der Angst. Genährt und gestärkt aus dem Glauben, dass der Herr die Stärke und das Lied ist. Genährt und gestärkt um dem Ruf zu folgen: „Tröstet, tröstet mein Volk!“

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