Verfasst von: achterosten | 25. November 2018

Mitten im Leben – Predigt zu Johannes 5, 24-29 (Totensonntag)

 

„Was passiert eigentlich wenn eine stirbt?“ – „Wann ist man eigentlich so richtig tot?“ Liebe Gemeinde, wenn wir ein paar Mutige dabei haben, dann kommen sie relativ schnell, diese Fragen. So auch wieder Freitag vor einer Woche. „Tod und Sterben“ – so ist der Freitagnachmittag für die Konfis im November überschrieben. Nach einer Erkundung des Friedhofes gehört dazu auch immer das Gespräch mit einer Bestatterin, einem Bestatter. Menschen, die täglich mit dem Tod zu tun haben. Oft bestätigt sich dabei etwas, was ich immer wieder beobachte: Kinder und Jugendliche sind zum weit überwiegenden Teil unbefangen, wenn es um das Thema Tod geht. Schnell werden Fragen laut, wie ich sie gerade zu Beginn zitiert habe. Fragen, die erst einmal, ja ein bisschen medizinisch, vielleicht sogar biologisch klingen. Bei denen man denkt, eine schnelle Antwort ist möglich. Schon allein, weil das Thema einem ja doch mehr als unangenehm ist. Kurze Erklärung, kurze Antwort, nächste Frage. Dabei führen genau diese beiden Fragen uns viel tiefer, als eine kurze Antwort. Sehr viel tiefer in das Geheimnis von Tod und Leben. Denn wann ist jemand tot, wann ist das Leben an sein Ende gekommen? Landläufig haben viele ja so die Vorstellung eines festen Punktes, einer festen Grenze im Kopf, oder eines fest bestimmbaren Ort. Gut, der feste Punkt hat sich verschoben, in dem Maße, in dem medizinische und biologische Erkenntnisse in das Allgemeinwissen vorgedrungen sind. Früher war das Aussetzen des Atmens ein sicheres Zeichen, dann der fehlende Herzschlag, heute wird viel vom Hirntod gesprochen. Durch bestimmte Anzeichen kann dann davon ausgegangen werden, dass das Gehirn endgültig nicht mehr seinen Dienst versieht. Wenn auch bedingt durch die technischen Möglichkeiten über einen wahrscheinlich längeren Zeitraum alle anderen körperlichen Funktionen aufrecht erhalten werden können. Ein fester Punkt, eine feste Grenze – das ist der Tod. Ende, Aus. Vielleicht hat diese weitverbreitete Meinung, diese Überzeugung etwas damit zu tun, dass Tod und Sterben weitgehend aus unserem Erfahrungsraum, aus unserem Leben verschwunden ist. Denn eines kann ich sagen: Ich habe Menschen sterben sehen, ferne und nahe. Menschen, denen als Patienten und Gästen meine Fürsorge und Menschen aus der Familie, denen meine Liebe galt. Ich habe gesehen, gehört und erfahren, dass so, wie das Leben in aller Vielfalt, in aller Einzigartigkeit ist, so auch das Sterben einzigartig ist. Dass also der Tod der große Gleichmacher ist, im Tod alle gleich – das habe ich nicht erkennen können. Jeder und jedem stand auch im Tod sein Leben ins Gesicht geschrieben, sie oder er blieb unverwechselbar, einzigartig. Eine Grenze, einen festen Zeitpunkt? Auch den habe ich nicht wirklich erkennen können. Kein glatter Schnitt, keine klare Kante, sondern ein Prozess. Selbst bei Menschen, die auf den ersten Augenschein „einfach umfielen“, „sich mal kurz nur hingelegt haben“. Spätestens in der Rückschau zeigen sich kleine Punkte dieses Prozesses. „Plötzlich“ habe ich den Tod nicht erlebt.

Der Tod – keine klare Grenze, keine Abbruchkante. Der Tod ragt weit schon ins Leben hinein, die Zeichen des Lebens ragen in den Tod. Endgültig klar wurde mir das am Bett eines Patienten, als das Wort „Hirntod“ gefallen war. Äußerlich, erfahrbar waren alle Zeichen des Lebens zu sehen, zu spüren. Nach und nach stellten wir die Geräte ab. Der Tod nicht als klare Kante, als klare Grenze, sondern als etwas, was viel mit dem Leben zu tun hat, im Leben schon beginnt, das habe ich gelernt. Das hat Augen geöffnet, den Blick geschärft, wie weit schon der Tod in das Leben ragen kann. Wie viele schon Zeichen des Todes tragen, lange vor dem letzten Atemzug. Wie weit er schon in mein Leben ragt. Das Leben zur Seite drängt im grauem, stumpfen Alltag. Wie viele Dinge ohne Sinn und Verstand ich jeden Tag tue. Wie viele Worte nur leeres, totes Gerede sind. Das Zusammenkommen mit Menschen weniger lebendige Begegnung als Austausch toter Gesten ist. Wie vieles was einmal wichtig, lebendig war, verdorrt, vertrocknet ist. Der Tod kein ferner Ort, keine ferne Grenze ist, sondern seine Kälte schon heute mein Leben, das Leben so vieler erstarren lässt.
So ist es mir deutlich geworden, dass die vermeintlich so simple Frage der Konfis „ Wann ist jemand tot?“ keine einfache Antwort hat. Sie nicht nur hineinführt in das Geheimnis von Leben und Tod, sondern auch in die zentrale Verheißung des christlichen Glaubens, dem sogenannten „ewigen Leben“. So diese Frage der Konfis den Weg zeigt, dass er lebendiger Grund der Hoffnung und des Trostes ist und bleiben kann. Denn das kann er nicht sein, wenn seine Verheißungen alle nur immer erst jenseits der Grenze „Tod“ angeblich Wirklichkeit werden. Dort an jenem Ort jenseits der Grenze, dort im ewigen Leben, da, ja da, angeblich, wird dann alles Wirklichkeit. Das wird zurecht als billige Vertröstung kritisiert, zu Recht von Franz-Josef Degenhardt mit dem spöttischen Bild der „ewigen Blumenwiese“ belegt. Was soll das für mich bedeuten? Das Leben nur als längerer oder kürzerer Wartesaal auf das wahre Leben? Nein, danke, kein Interesse. Das ist zu wenig. Das ist eigentlich auch, wenn man es mal zu Ende denkt, eine Verhöhnung des Lebens, ein Billigmachen. Dann stimmt alle Kritik am christlichen Glauben, denn dann bewahrheitet er sich ja erst hinter der Grenze, die angeblich der Tod ist. Wenn das der christliche Glaube ist, dann versteht er nicht das Leben, aber auch nicht seine eigenen Grundlagen. Denn was sind dann Worte wie die des heutigen Predigttextes anderes als abstruses, leeres Gerede:
„Jesus sprach:. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.“
Wenn ich vom Tod als Grenze ausgehe, dann klingt das maximal ein wenig gruselig, aber mehr auch nicht. Wenn ich aber erfahren habe, dass der Tod nun doch keine Grenze ist, sondern weit in das Leben hineinragt, ich selber mich manchmal an den grauen Tagen wie tot fühle, dann, ja dann. Ja, was dann? Dann gilt die Verheißung heute, jetzt wo ich mich wie tot fühle, fern des Lebens. Keine Vertröstung auf morgen oder, was ja noch schlimmer ist, auf ein übermorgen, das vielleicht nie kommen wird. Irgendetwas hinter irgendeiner Grenze. „Schon jetzt“ heißt es. „Schon jetzt“ wird mir das Leben geschenkt, das Leben, das stärker ist als der Tod. „Schon jetzt werden die leben, die hören werden.“ Nicht morgen, nicht übermorgen schenkt uns Gott das Leben – er schenkt es heute! Ich muss es also nicht einfach ertragen, all die Kälte, all die abgestorbenen Wurzeln und Äste meines Lebens, all diese ganzen sinnlosen Mist, die ganzen Räume, in denen sich schon der Tod breit gemacht und von innen die Tür verriegelt hat. Alles nur ertragen, weil mir ja da irgendetwas, irgendwo im „Jenseits“ versprochen ist. Ich werde leben – schon jetzt ist es mir gesagt, die Türen reißt das Leben wieder auf, nimmt dort wieder Raum, dort wo es hingehört. Bei mir, bei all den anderen die morgens manchmal im Spiegel nur eine tote, graue Gestalt sehen. Leben, lebendige Hoffnung, lebendiger Trost heute, jetzt schon Wirklichkeit. Das ist der Glaube, davon spricht die Bibel.
Aber wissen Sie was? Hier im Kopf, da habe ich es, da habe ich es vielleicht auch ein wenig verstanden. Aber, hier im Herzen, da kommt es nicht immer an, denn gerade dort sitzt er manchmal ganz schön hartnäckig, der Tod des Alltags. Dann hol ich sie raus, die alte schon leicht angestoßene CD von den Missfits. Und im vertrauten, schönen schnodrrigen Dialekt und Denken hier bei uns lassen sie sie in meinem toten Herzen ankommen. Die Stimme, die vom Leben spricht, dass er, Gott, mir schenkt. Schon heute.

Missfits – Mäuschen

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Verfasst von: achterosten | 11. November 2018

Sommerhit – Predigt 1.Thessalonier 5, 4-11

Predigt zu I. Thessalonier 5, 4-11 (Drittletzter Sonntag, 11.XI.2018)

Liebe Gemeinde, nun ist er aber auch wirklich endgültig vorbei, der lange Sommer 2018. Zum Sommer gehören ja nicht nur die ganzen schönen Dinge, die auch mit S anfangen, wie Strand, Sonne, Schwimmen usw. Sondern auch seit vielen Jahren immer der sogenannte Sommerhit. Und was durften wir da schon für musikalische Leckerbissen erleben. Das Rezept ist immer gleich: Man nehme ein paar fette Beats, einen möglichst sinnfreien Text, knapp bekleidete Damen und mische das ganze zu einem wunderbaren leichten Gute-Laune-Hit. Aber in diesem Jahr? Als der aufgeregte Moderator im Radio den Sommerhit 2018 ankündigte, machte mich das nicht wirklich wach, was dann aber kam, da fiel mir doch fast die Kaffetasse aus der Hand:

Bella Ciao

Das alte Partisanenlied aus Italien als Sommerhit 2018. Weil es noch früh am Morgen ist habe ich mal jetzt den Ursprung des Hits aus der Netflix-Serie „Haus des Geldes“ genommen. Das alte Partisanenlied mit Technobeats als Lied auf Sommerpartys, als Dancehit! Ich steh bis heute völlig faziniert davor und schwanke zwischen Begeisterung und Befremden. Ich meine, der Song, also die tanzbare Version, stand in Deutschland in den Charts auf Platz 2! Das ist befremdlich. Deutsche feiern, tanzen, singen mit bei einem Lied, das einen Zweck hatte: Mut zu geben beim gerechten Kampf gegen unsere Väter, Groß- und Urgroßväter, die Tod und Elend brachten. Egal, wo ich in Europa war: Niederlande, Belgien, Dänemark, Italien, Frankreich, Estland, Kroatien, Bosnien – überall stehen sie, die Steine, die mir sagten: Opa war schon vor dir da.
Europäer, Nachfahren der Opfer und der Täter, feiern, tanzen, singen gemeinsam bei einem Lied, das ein Ziel hatte: Die Freiheit von Unterdrückung und Barbarei. Das begeistert mich.
Ob es noch weitere Gründe gab, dass genau dieses Lied in diesen Tagen, in diesem Sommer so ein Hit wurde? In Tagen wo Schatten sich ausbreiten? War es mehr als nur die eingängige Melodie?
Ich hatte das Lied gleich im Ohr als ich den Predigttext für heute las: „Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

„Kinder des Lichtes“ – der schönste Name für Christinnen und Christen, für die, die wir getauft sind. Strahlend und schön macht uns der Glaube. Wir sind nicht allein, wir sind nicht schutzlos ausgeliefert. Eine wundersame Rüstung ist uns geschenkt. Nicht schwer, niederdrückend, keine, die uns kaum bewegen lässt. Nein, leicht und doch stark, so wie die Liebe, so wie der Glaube. Kein geschlossener Helm mit engem Visier, der Blick und Gedanken einengt, sondern einer mit breiter Krempe, offenem Gesicht, weitem Blick, so wie die Hoffnung. So sind wir die Kinder des Lichtes, so sind wir bestens gerüstet für unseren Auftrag: Nüchtern sein, wachsam sein. Das ist jetzt nicht als Partykiller gemeint, von wegen immer nur klar Wasser, sondern eher so im Sinne von: Ihr habt es nicht nötig euch die Welt, das Leben schön zu saufen. Egal ob mit ner Kiste Bier oder anderem was da so genommen wird: Volk, Nation, Rasse. In dieser Nüchternheit wachsam sein, die Zeichen sehen, erkennen und nüchtern deuten, jene des Lichtes, aber halt auch jene der Finsternis. Sie aber nicht nur sehen, denn wer eine Rüstung trägt, der kann auch kämpfen. Nicht für den Kampf des Zorns haben wir sie. Diese Rüstung von Glaube, Liebe, Hoffnung, jeder und jedem ist sie in der Taufe geschenkt. Wir haben sie Ida und Udo Paul angelegt. Wir haben ihnen damit versprochen: Wir sind die Kinder des Lichtes und wir werden unseren Auftrag annehmen. Wir werden den Kampf kämpfen, dass ihr nicht in Finsternis leben werdet. In der Finsternis, die sich in den Tagen eurer Geburt, eurer Taufe wie eine elende Seuche in Europa, in der Welt ausbreitet. Die die Sinne vernebelt, Haß und Verachtung sät und Gewalt und Tod ernten wird. Wenn sich keine, keiner dagegen stellt. Die Finsternis von Unterdrückung und Barbarei. Die Finsternis, die sich ausbreitet in einem Sommer in dem aus dem Radio ein altes Lied schallt, das von diesem Kampf erzählt. Von den tapferen Frauen und Männern im Unterholz in Frankreich, in den Mooren Rußlands, im Ghetto von Warschau, in den Bergen Jugoslawiens. Davon erzählt, dass zu wenige wach und nüchtern waren als sich die Finsternis über das Land legte, so dass am Ende nur eines blieb: Gewalt gegen Gewalt, Waffe gegen Waffe.
Geschichte wiederholt sich nicht. Heute ist nicht 1932, auch nicht 1923, wir leben nicht in der Weimarer Republik. Vor allem aber gilt heute: Wir haben noch die Chance, noch nicht zu diesen letzten Mitteln greifen zu müssen um das höchste zu verteidigen, was wir haben: die Freiheit. Um unseren Auftrag als „Kinder des Lichts“ zu erfüllen. Unseren Auftrag in der Welt. Wir haben noch die Chance, nicht das tun zu müssen, was diese Frauen und Männer tun mussten: Als „Kinder des Lichtes“ in der Finsternis der Nacht, mit den Mitteln der Nacht zu handeln, zu kämpfen. Wir haben die Chance. Wir haben es alle gerade Ida und Udo Paul vor der Taufe versprochen.
So will ich mit einem anderen Lied schließen, was nicht vom Kampf der Partisanen erzählt. Nüchterner, weniger pathetisch. Der ein oder andere wird es kennen, gerne auch mal verwendet zur Untermalung romantischer Atmosphäre: The Partisan von Leonard Cohen. Egal wie groß die Finsternis auch sein wird, als „Kinder des Lichts“ ist er in unser Herz geschrieben, der letzte Satz des Liedes:

Partisan – Leonard Cohen

Verfasst von: achterosten | 28. Oktober 2018

Rentons Wahrheit – Predigt zu 1. Johannes 2, 15-17

Predigt zu I. Joh 2, 15-17 (28.X.2018, XXII. So.n.Tr.)

Liebe Gemeinde,
es ist schon etwas Besonderes sozusagen zu seiner eigenen Jubelkonfirmation zu predigen. 25 Jahre, so lange ist auch meine Konfirmation her, so wie bei mancher und manchem heute Morgen hier. In solchen Tagen nimmt man ja auch mal gerne alte Fotos, alte Bilder in die Hand, egal ob die Konfirmation jetzt 1992 oder 1968 war. Man, was haben wir damals für Klamotten angehabt und erst einmal die Haare. Wahnsinn! Und schon auf diesen Bilder können wir erkennen: Jede Generation hat ihren Stil, ihren Ausdruck, ihre Musik, ihren Film. Etwas, was wie eine Ikone für diese Zeit steht, wir mit dieser Zeit verbinden, das Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, bis heute fortwirkt. Etwas, was die Mehrheit vielleicht gar nicht so erlebt hat, nicht mitgemacht hat, vielleicht nicht einmal wirklich gut fand. Nur eine Minderheit ist gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen, hat mit LSD experimentiert oder Velvet Underground gehört und trotzdem wirkte dies auf eine ganze Generation, bildete den Boden, auch gerade bei stilbildenden Filmen. Für Sie, die vor 50 Jahren hier in Eppendorf und in der Martinskirche ihre Konfirmation feierten ist das vielleicht „Easy Rider“. Wenn es auch nur „Born to be wild“ von Steppenwolf war, das damals auf ihrem Schallplattenspieler lief. Natürlich gibt es für meine Generation auch so einen Film. Kontrovers, streckenweise übellaunig feiert er die Ästhetik der Drogensucht und der ungezügelten Ichbezogenheit der 90er Jahre. Ist ungeschönt ehrlich, gab meinem Lebensgefühl und vieler meiner Generation die Bilder, die Geschichte und die Musik, die wir damals nicht fanden. Und er ist einer der Gründe für diese besondere Situation, dass ich heute hier zu meiner eigenen Jubelkonfirmation predige:

Transpotting (0:00 – 1:40)

„Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ So der heutige Predigttext aus dem Ersten Johannesbrief. Sagt er nicht das Gleiche wie Renton zu Beginn des Filmes Trainspotting? Nur halt in anderen Worten? Worten, die dafür sorgen, dass uns es nicht so auf die Pelle rückt, wie Rentons die schonungslose Analyse? Worte, so antiquiert klingen, dass wir sie ganz entspannt wegschieben können. Die auch nicht so anstößig klingen, ohne S- und F-Wörter auskommen, so dass sie einem nicht wehtun. Mir geht es so: Immer wenn ich Texte aus der Bibel höre, wie diesen hier, dann habe ich sie auch im Ohr, die ehrliche Analyse Rentons. Worte, die damals aus meinem Herzen sprachen, die unseren Blick damals auf das Leben laut werden ließ. Als er drei, vier Jahre nach meiner Konfirmation in den Kinos lief, da war er für mich wie eine Offenbarung. So war damals meiner, von vielen von uns der Blick auf die Welt, auf das Leben. Weil sie so verdammt ehrlich waren, schonungslos, aber einen auch nicht gleich zumüllte mit irgendwelchem moralischen-ideologischen Krempel, wie „Du musst aufbegehren, du musst für den Frieden sein, du musst dich für die Umwelt einsetzen“. Was diese hohlen Appelle brachten haben wir gesehen: Das Aufbegehren der Elterngeneration hat ihr Ende darin gefunden, dass unsere sie in Eigenheimen hockten und sich darüber beschwerten, dass Kollege XY ja viel schneller Karriere machte. Die Friedensideologie ließ Tag für Tag den Tod in Sarajevo, Vukovar und Kozarac seine Ernte einfahren. Energie zu sparen war auch ein schlechter Witz angesichts unserer Väter, die mit 50 in den Ruhestand gingen, weil deutsche Kohle zu teuer war. Strom aus deutschen Kraftwerken wurde aber mit billiger Blutkohle aus Südamerika produziert. Hinzu kommt: Kompromisse grundsätzlich als verdächtig anzusehen, das ist das vornehmste Recht der Jugend. Das war 1967/68, 1992/93 und heute so. Renton hatte Worte für die Welt, wie wir, wie ich sie sah. Und auch seine Schlussfolgerung, das Nein zum Jasagen, auch das war meine, unsere. Wir brauchten keine Gründe, wir brauchten gar nichts oder um es mit einem anderen wunderbaren Filmzitat zu sagen: „Eh Alter, is das geil, wir haben keine Termine und wir brauchen auch keine. Wir sind die Könige vom Westpark.“ Nur den letzten Schritt, den Renton ging, den in die Drogen, den habe ich und die meisten dann nicht gemacht. Aber sind wir doch ehrlich, so wie es einer bei YouTube in der Kommentarspalte schreibt: Weniger wohl aus tiefer moralischer Überzeugung, sondern einfach aus Angst. Angst vor den Konsequenzen, gesundheitliche und juristische, bei manchem war es auch allein die Angst vor Spritzen. Da hatten dann doch Horrorbilder a la Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ihre Spuren hinter lassen. Außerdem mussten wir dann doch relativ schnell mitkriegen, wie Kumpels sich im Alkohol und den Drogen verloren. Als Trainspotting in die Kinos kam, war einer dieser Kumpels schon im Methadonprogramm, ein anderer nachts betrunken erfroren. Egal, zum Ja-Sagen Nein sagen, das hatte ich mir fest vorgenommen. S wie es im Johannesbrief steht.
Das ist jetzt über 20 Jahre her. Ich bin erwachsen geworden, habe die wichtigste Lektion gelernt: Kompromisse sind nicht grundsätzlich von übel, sondern sie bewahren den Frieden und das Leben. Was sich nicht verändert hat für mich: Die Wahrheit der Worte von Renton, vielleicht noch ergänzt um Facebook-Account und 100 WhatsApp Nachrichten pro Tag. Eine Wahrheit, die auch schon in „Easy Rider“ zur Sprache kam. Es ist aber in den Jahren etwas gewachsen, etwas was ich damals nie geahnte hätte. In den Tagen als ich völlig ohne innere Teilnahme Ja sagte. Ja, als man mich fragte, ob ich mich zu meiner Taufe bekenne, als Christ leben will. Was da aber seinen Anfang nahm. Das Verstehen, die Erkenntnis, dass der Glaube das ist was beides in sich trägt: der schonungslose Blick auf die Welt, und auch das Nein-Sagen. Beides aber mit einem Grund versieht. Ein Grund der trägt, auch um es auszuhalten. Nicht zu flüchten und wenn es nur in miese Kompromisse ist. Ein Grund, der aber nicht nur es aushalten lässt, sondern an den guten Tagen weit darüber hinausgeht. Und das ist so bei mir aufgrund einer Tatsache: Weil er, der Glaube, die Beziehung zu Gott, nicht versucht mir die Worte Rentons auszureden. Sondern weil er ihnen zustimmt. Lesen Sie doch einmal ein paar Sätze der Menschen aus der Bibel, die unter der Überschrift Propheten zusammengefasst sind. Dagegen sind Rentons Worte wohlgesetzte, fein ausformulierte Nadelstiche. Da wird nichts schöngeredet, da geht’s zur Sache. Da werde ich aufgefordert zum Ja-Sagen Nein zu sagen. Es kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Gott, der Glaube müllt mich aber auch nicht gleich wieder mit irgendwelchem ideologischen oder moralischem Kram zu. „Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ – so endet der Abschnitt aus dem Johannesbrief. Der Wille Gottes ist viel und eigentlich ist er alles, aber eines nicht: Moral und Ideologie.
Der Wille Gottes ist der gute Grund von dem ich sprach: Der schonungslose, ehrliche Blick eines Rentons, die unendliche Sehnsucht meines Herzens nach dem wahren, dem guten Leben und die Erkenntnis, dass ich das nur als Geschenk erhalte. Das ist der Wille Gottes! Das ist das, was mir in der Taufe zugesagt wird, das, zu dem ich vor 25 Jahren Ja gesagt habe, auch wenn es mir da nicht klar war. Ja, gesagt habe zum Größten, zum Wertvollsten: Zur Freiheit Nein zu sagen zum Ja-Sagen. Nicht jeden Mist mit machen zu müssen, nicht die Augen zu verschließen vor dem Leben, nicht flüchten zu müssen – jedenfalls nicht jeden Tag. Das ist die Freiheit des Glaubens, die Freiheit des Willen Gottes. Das ist der Grund.
In „Trainspotting“ gibt es ein Lied für das was dieser Grund in meinem Herzen tut: „Einfach ein perfekter Tag. Du hast es vollbracht, dass ich mich selbst vergaß. Dachte, ich war jemand anderes, jemand Gutes.“ Vielleicht nicht zufällig endet dieser Song von Lou Reed mit einem biblischen Vers: „You’re going to reap just what you sow – Du wirst ernten was du säst.“ Egal ob vor 25 Jahren, vor 50 oder wann auch immer wir Ja gesagt haben zu unserer Taufe- er ist jedenfalls gesät, der Same dieser Freiheit, der Same des Glaubens.

Verfasst von: achterosten | 26. August 2018

Selbstmitleid – Predigt zum Jonabuch

Predigt zum Jonabuch (Sommerkirche 2018)

Es ist Sommer, Ferien, Freibad mit dem unvergesslichen Geruch der Mischung aus Chlor, Sonnencreme und Pommes mit Mayo. Und irgendwo dudelt ein Radio, ja was wohl, Schlager. Ich habe ihnen auch einen mitgebracht, stellen Sie sich beim Hören ruhig so eine Art imaginäres Musikvideo vor: Ein Mann sitzt in der prallen Sonnen, um ihn herum kahles, staubiges Land und man sieht ihn an – auf seinen Schultern ruht das Elend der ganzen Welt. Bitteschön, Christian Steiffen – Selbstmitleid.

Unser heutiger Held badet auch gerade aber mal so richtig schön in Selbstmitleid. Aber er hat es auch schwer und jetzt ist ihm auch noch das letzte bisschen Schatten in dieser wüsten Einöde genommen worden – durch einen Wurm. Das muss man sich mal vorstellen, durch einen Wurm. Alle Welt hat sich gegen ihn verschworen und ja, hat er es nicht vorausgesehen, dass es genauso enden wird? Aber mal so was von… Er ist ja nicht dumm. Deswegen hat er ja auch gleich versucht, sich geschmeidig vom Acker zu machen und dann gleich auch ans andere Ende der Welt. Möglichst großen Abstand schaffen zwischen sich und diesem Schwachsinnsauftrag. Auf keinen Fall in diese Riesenstadt. In diesen Moloch, wo er sich da hinstellen und den Leuten etwas über ihr unethisches Verhalten erzählen soll. Dazu dann auch noch in den schillerndsten Farben die grausamen Folgen ausmalen soll. Und was wenn es nicht dabei bleibt? Man weiß doch schließlich was die Kollegen noch so für Anweisungen bekamen um das Ganze in aller Drastik und Bildhaftigkeit vor Augen zu führen: Nackig und völlig verdreckt durch die Stadt laufen oder gleich noch eine Prostituierte heiraten. Und gut geendet ist es für viele auch nicht gerade. Klar, keine Frage, die miesen Typen in der betreffenden Stadt haben es nicht anders verdient. Weiß man doch schließlich was da so abgeht. Mal so ein ordentliches göttliches Gericht mit allem was dazu gehört: Feuer, viel Getöse und am Ende Tabula Rasa, eine schön aufgeräumt Ruinenstadt ohne eine Menschenseele. An diesem Gedanken kann man sich schon befriedigen. Aber nein er wusste schon, wie das enden wird, nämlich garantiert nicht so. Also ab in die genau andere Richtung. Dumm nur dass dieser Sturm dazwischen kam, und an diese völlig abgedrehte Geschichte mit dem großen Fisch will er mal gar nicht denken. Gut, die Sache mit dem Fisch hat zumindest dafür gesorgt, dass er verstanden hat, dass er um den Auftrag wohl doch nicht drum herum kommt. Also alles wieder auf Anfang, schließlich hat der Fisch ihn genau da wieder ans Land gesetzt. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja doch das wunderbare himmlische Spektakel, gut – dabei werden ein paar über die Klinge springen, aber was solls. Sind die ja schließlich selber schuld. Und wie ist das Ende vom Lied: Er braucht noch nicht einmal mehrere Auftritte, unser Held. Die Leute glaubten ihm! Sahen ihre Fehler ein, wollten das ändern! Und damit fiel auch das himmlische Säuberungsschauspiel aus, nichts mit Rache, Wut und Flammen. Selbst die politische Elite hört auf sein Wort. Einfach so. Ja, wo kommen wir denn da hin. Soll jetzt einfach alles vergessen sein, ist das gerecht? Er wusste, dass es so kommen würde. „Barmherzigkeit“ ist einer der Namen seines Auftraggebers. Völlig frustriert schleicht er sich aus der Stadt. Und jetzt noch das mit dem Strauch der ihm wenigstens Schatten gespendet hat. Dann kam der Wurm und auch der Strauch verließ ihn.. Oh ja, nur hinein mit ihm in den tiefen Tümpel des Selbstmitleides und kräftig drin herumsuhlen. Was tut das Gut! Dumm nur, dass sich jetzt wieder der Auftraggeber meldet, mitten hinein in dieses Bad: „Dir ist leid um den Strauch, mit dem du keine Mühe gehabt, und den du nicht groß gezogen, der als Kind einer Nacht entstanden und als Kind einer Nacht verschwunden ist. Und mir sollte nicht leid sein um Niniveh, die große Stadt, in welcher mehr all zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht wissen zwischen der Rechten und Linken, dazu vieles Vieh?“ Und unser Held – der hält einfach die Klappe.

Liebe Gemeinde, ein wunderbare märchenhafte Geschichte die da in der Bibel von Jona erzählt wird. In schönster Ironie werden sie alle vorgeführt: die religiösen Fanatiker, die moralisch Überheblichen, die theologischen Besserwisser. Zusammengefasst all die, die eine klare Grenze ziehen zwischen dem Kreis der Auserwählten und der tumben Masse, die sowieso falsch und schlecht ist. Der Haufen, der die Wahrheit nicht erkennen will. Auch die bestechenste Eigenschaft dieser selbsternannten Auserwählten wird mit schwarzem Humor vor Augen gestellt: der unnachgiebige Hang zum Selbstmitleid. Denn alle Welt versteht sie janicht, ist schlecht zu ihnen und sowieso… Bei Jona kommt es ja am Ende noch schlimmer: Selbst Gott stellt sich gegen ihn und folgt nicht seinen Argumenten oder seinem Gefühl was richtig und falsch ist. Selbst Gott ist gar nicht wie er sein sollte, hart, gewaltig gegen das Unrecht und strafend, sondern in Barmherzigkeit gerecht. Was für ein Elend…
Eine Satire, eine Karikatur diese Geschichte von Jona, Satire, Karikatur des Zustandes unserer Kirche, unserer Gemeinden. Ja, alles verändert sich um uns herum. Die Menschen brauchen die Kirchen, die Gemeinden nicht mehr um ein gutes, ein selbständiges Leben zu führen. Sie vermissen uns vielleicht nicht einmal wirklich. Warum sollten sie das auch? Und wir? Trauen wir uns, diese Frage laut zu stellen? Warum uns die Menschen, warum sie die Orte des christlichen Glaubens vermissen sollten? Oder baden wir nicht viel lieber in Selbstmitleid, das Ganze noch garniert mit dem tiefen Bewusstsein, dass wir ja die Besseren, vielleicht sogar die Auserwählten sind. Die besseren Christinnen und Christen und damit auch die besseren Menschen. Weil uns Tradition, Glaube etc. noch etwas bedeuten. Weil wir, wie Jona, genau wissen, wie der Hase zu laufen hat. Aber man hört ja nicht auf uns. Und so setzen wir uns schwer geprüft in die wohltunenden Schatten unserer leeren Gemeindehäuser, so wie Jona unter den Strauch. Und wie ihm wird uns dies noch genommen, wegen des Geldes, das ist noch schlimmer als der Wurm. Und ich will die Parallelen zwischen uns und Jona noch weiter ziehen. Genau wie er haben wir doch auch unsere ganz persönlichen Geschichten vom „großen Fisch“. Denn das ist ja nicht irgendein Fisch der rein aus dramatischen Gründen Höhepunkt der Geschichte wird, es ist ein besonderer Fisch, ein weiblicher Fisch. Keine grammatikalische Kleinigkeit, sondern vielleicht nicht ganz unwichtig, wie die jüdische Auslegung betont: Kein Gefängnis, sondern ein geschützter Raum in dem Jona mit allem versorgt ist wie ein Kind im Mutterleib. Solange bis er versteht was sein Auftrag ist. Wir haben sie doch, unsere Geschichten, die von diesem fürsorglichen Beschütztsein erzählen, dem beschützten Raum des Glaubens. Tragen sie uns oder sind sie nur Episode wie bei Jona? Und haben wir nicht Erfolg, sowie Jona in Ninive? Gerade im letzten Jahr zum Reformationsjubiläum haben wir es doch landauf, landab betont, am 31.10. gefeiert: Dass der Kern des Protestantismus die Erkenntnis der persönlichen Beziehung zwischen Gott und der Einzelnen, dem Einzelnen ist. Ohne eine menschliche Autorität dazwischen. Da haben wir ihn doch gerne betont, den historischen Beitrag der Evangelischen zur Freiheit des Individuums nicht nur in Glaubensdingen. Und wir haben damit Erfolg gehabt. Die Menschen leben diese Freiheit! Sie nehmen als ihr ureigenes Recht wahr, für sich zu schauen, woran sie ihr „Herz hängen.“ Und wir? Freuen wir uns, bleiben wir bei diesen Menschen oder folgen wir Jona in sein Selbstmitleid? Und vielleicht werden wir ja sogar schon mit diesem Selbstmitleid gleichgesetzt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass im Mittelpunkt des Musikvideos von Christian Steiffen zum gerade gehörten Lied ganz klare Bezüge zur Kreuzigung und zum Kreuz stehen. Ein schaler Marketinggag oder versteckte Botschaft an uns? Das mag jede und jeder selber entscheiden.
Genug davon, vor allem vom Selbstmitleid, denn am Ende bleibt der befreiende Humor der Jonageschichte, das Größte, das was all unsere Vorstellung übersteigt: die Barmherzigkeit Gottes. Die schon lange da draußen bei den Menschen war und ist. Die schon lange unser beschränktes Denken überstiegen hat. Die nicht aufteilt in die und wir. Die immer ganz anders ist als wir uns das denken und vielleicht auch wünschen. Die einfach überwältigt. Wo es nur eine Reaktion gibt: Klappe halten, kein aber mehr, nur verstummen. Ob Jona aufstand, nach Ninive hineinging und sich freuen konnte an seinem Erfolg und der Barmherzigkeit Gottes mit den Menschen? Ob wir aufstehen und hinaus gehen zu den Menschen, uns freuen an unserem Erfolg und der Barmherzigkeit Gottes? Ein riskanter Sprung ins kalte Wasser, sicher, aber ein erfrischender.

(Mit Kinder klären was man zum Backen benötigt – Mehl, Hefe, Wasser neben die Kanzel stellen)
Wir haben es gerade gehört, für ein Brot brauch es nicht viel. Eigentlich nur Mehl, Wasser, Salz und Hefe. Und eine ganz wichtige Zutat, vielleicht die wertvollste: Zeit! Erst einmal alle Zutaten vermengen, ordentlich und lange kneten, gehen lassen, wieder kneten, wieder gehen lassen. Das Backen ist fast der Teil, der am wenigsten Zeit benötigt. Ich backe sehr gerne Brot, wobei ich gleich gestehen muss, das sind immer ganz einfache Brote. Der ganze Schnick-Schnack drum herum interessiert mich herzlich wenig. Wie bereits gesagt, ich backe einfach Brot.
Brot und „einfach“ sind ein sehr gutes Paar. Das legt schon die Spur für die heutige Bitte in unserer Vater Unser Reihe „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Auch eigentlich eine „einfache“ Bitte, die jede und jeder sofort verstehen, nachvollziehen kann. Die Bitte um das tägliche Brot. Eigentlich ist diese Bitte aber viel geheimnisvoller, gerade nicht so schnell zu verstehen. Das liegt mal wieder am Originaltext, denn präziser übersetzt, heißt es: „Unser Brot für morgen gib uns heute.“ Da stutzt man schon. Was soll das heißen? Auf jeden Fall öffnet die Bitte so einen viel breiteren Raum. Denn ehrlich, die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute.“, was soll die für uns für eine Bedeutung haben? Wir haben unser tägliches Brot und mehr als das – das ist nun mal eine Tatsache des Lebens hier an diesem Ort, heute. Eine Bitte, die sich leicht dahin sagen lässt, denn der Kühlschrank ist gut gefüllt. Maximal lässt sich die Bitte sich noch als moralischen Appell missbrauchen, sich gefälligst daran zu erinnern, dass es damals nach dem Krieg auch nichts gab oder für einen Großteil der Menschen diese Bitte immer noch von elementarer Bedeutung ist. Wobei wir alle wissen, dass solche Appelle nur sehr wenig bis gar nichts an dieser erbärmlichen Situation verändert. Außerdem gibt das da einen gravierenden Punkt: Das Vater Unser ist ein Gebet und keine Sammlung von ethisch-moralischen Richtigkeiten. Gebet, das heißt es geht um etwas, was uns elementar betrifft, von elementarer, grundstürzender Bedeutung ist. Die Bitte um das tägliche Brot in diesem, wörtlichen, Sinn ist das hier und heute nicht. Der Urtext, jenes etwas geheimnisvolle „Unser Brot für morgen gib uns heute“ führt uns auf eine andere Spur.
Da ist die Perspektive auf die Zukunft, die nicht Zukunft bleiben soll. Das was uns für morgen versprochen ist, es soll schon heute spürbare Wirklichkeit sein. Diese Bitte ist der Protest gegen alle Vertröstung auf ein Morgen das nie kommt. Das ist aber auch der Ruf gegen die eigene „Aufschieberitits“. Morgen, ja morgen beginnt das wahre, das echte Leben. Nach dem Abitur, nach der Berufsausbildung, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, in der Rente – was weiß ich wann. Und auch dieser Morgen kommt nie.
Der Ruf des Gebetes will dieses Morgen schon Heute – und das mit gutem Recht. Es benennt sehr genau, sehr präzise was das ein soll, das Erhoffte, das Erflehte, was nicht unerreichbare Zukunft bleiben soll: das Brot, einfach Brot. Das Brot als Paar mit dem schlichten Wort „einfach“. Und „einfach“ das scheint mir die größte Sehnsucht in diesen Tagen zu sein. In einer Welt, die von Komplexität bestimmt ist wird der Ruf nach „Einfachheit“ täglich lauter und leider auch der wuterfüllte Schrei nach „einfachen“ Lösungen. Das Leben soll, wenn das im gesellschaftlichen, politischen Raum nicht möglich ist, wenigstens sonst „einfacher“ werden. Ganze Regalmeter lassen sich mit passenden Ratgebern füllen, jede Zeitschrift, die was im Bereich Lifestyle auf sich hält, widmet sich dem Thema. Ganz vorne mit dabei, im Trend, das „Minimalisieren“. Sie werden das kennen, das ist im Endeffekt etwas holzschnittartig gesagt, der Versuch sein Leben „einfacher“ zu machen. Im Mittelpunkt: Sich von trenne, die man eigentlich nicht nur nicht benötigt, sondern die einen vor allem zunehmend belasten. Oder die man vielleicht eigentlich nie gebraucht hat. Denn ganz viele dieser Dinge sind meistens für das „Morgen“ gekauft, „morgen“, wenn ich endlich mit Sport anfange, „morgen“ wo ich mir endlich Zeit zum Bier selber brauen nehme. Alles unerfüllte Versprechen, die vom Traum zur Last werden. Der Trend geht also zum „Entrümpeln“ – sich trennen von all diesen Dingen, die Last endlich loswerden. Und die Leerstellen dann auch nicht mit neuem Krempel zuzustellen. Und auch dazu gibt es wiederrum Regalmeter mit Büchern mit den unterschiedlichsten Methoden. Ich glaube auch wirklich, dass die Analyse stimmt, dass wir uns das Leben mit all diesem ganzen unnützen Scheiß verbauen, es für viele Menschen mehr Last den Lust ist. Und es scheint ja wirklich Fakt zu sein, dass es viele, natürlich aus bestimmten Milieus, so empfinden, dass sie unter dieser Last keuchen, wenn man so will nach dem einfachen, dem Brot rufen. Ist dann dieser Ruf nichts anderes als ein Gebet, die Bitte des Vater Unsers? Der elementare, der grundstürzende Ruf nach Veränderung? Das macht das Gebet zum Gebet. Da ist nur noch ein gewichtiger Punkt: das Gebet ist kein Selbstaufruf, kein Appell an den inneren Schweinehund. Es weiß um das grundlegende Problem, dass auch den Versuch des „einfachen“ Lebens so schwierig macht – die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Erkenntnis und Tat. Sich wirklich von Dingen zu trennen bedeutet doch auch oft das Eingestehen von gescheiterten Versuchen, Träumen. Das ist in der Praxis verdammt schwer, wenn nicht oft unmöglich. Und so geht das „einfache“ Leben den gleichen Weg wie viele andere – es erhält seinen Platz im Morgen.
Der Ruf des Vater Unser weiß darum, ist grundehrlich mit sich selber, mit Menschen und weiß, dass sie und er es nicht alleine schaffen; dass ich es nicht alleine schaffe. Dass ich etwas brauche was mir geschenkt wird, das mir die Freiheit gibt. Für Christinnen und Christen ist dies der Glaube. Der Ruf im Vater Unser nach dem Brot von Morgen was mir heute schon geschenkt wird, ist der Ruf nach diesem Glauben. Ihn habe ich nötig wie das tägliche Brot. Er trägt in sich die Freiheit, die mich „einfach“ leben lässt, trägt mich im Morgen heute schon.

Verfasst von: achterosten | 24. Juni 2018

Wille und Vertrauen – Predigt zu Matthäus 6, 10 b.c

Predigt zu Mt 6, 10b.c (III. Bitte Vater Unser)

Liebe Gemeinde,
er hat alles, ihm stehen alle Wege, alle Möglichkeiten offen. Sein Lebensunterhalt ist mehr als gesichert, er hat alle Mittel zur Verfügung, die er braucht: Finanzielle Unabhängigkeit, gesellschaftliches Ansehen und politische Macht. Und das alles, wenn man denn so seiner Selbstdarstellung glauben darf, im Überfluss. Keine Sorge, es handelt sich hierbei nicht um jenen aktuellen US-Präsidenten, bei dem manchem und mancher ja nicht nur die Frisur wirr erscheint. Nein, unser Held ist eher genau das Gegenteil, sozusagen ganz idealtypisch. Ihm geht es nicht um das „immer mehr“ von Reichtum, Ansehen und Macht. Das sind für ihn nur Mittel, die ihm die Freiheit, die Unabhängigkeit für etwas ganz anderem geben: der Suche nach Erkenntnis, nach Wahrheit. Er will verstehen, damit er danach handeln, sein Leben danach ausrichten kann. Und so probiert er alles aus. Von Sex, Drugs, Rock n Roll über ausschweifenden Luxus, über tiefe geistige Versenkung bis hin zu hochgelehrter Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Denkmustern probiert er alles. Dabei das Ziel immer fest im Blick, endlich eine Antwort auf die Frage finden „Was ist das gute Leben?“ oder noch präziser „Was ist der Wille Gottes“? Am Ende kommt er zu einer entscheidenden, sehr nüchternen Erkenntnis: Den Willen Gottes – Frau und Mann, der Mensch kann ihn nicht wirklich erkennen. Sehr eindrücklich warnt er davor sich unnütz wie er auf die Suche nach diesem zu machen. Eine sehr nüchterne, sehr ernüchternde Erkenntnis, die bei ihm zum Glück nicht im Aufruf zur kollektiven Depression mündet. Sondern eher sehr lebensnahe: Wenn wir schon nicht erkennen können, was wirklich Gottes Wille ist, dann sollen wir wenigstens die Dinge, die zu tun sind gut machen und dabei nicht vergessen, das Leben zu genießen. Denn da ist sich unser Held sicher: Er hat zwar nicht Gottes Willen erkannt, aber ist davon überzeugt, dass das Gute, das uns bereitet ist, von Gott kommt. Von diesem Helden habe ich ihnen schon öfters erzählt, mich als sein Fan geoutet.
Von dem anderen haben Sie auch schon öfters gehört. Ihm geht es ganz anders, ihm geht es nämlich mit ziemlicher Sicherheit demnächst an den Kragen. Sein Vermögen, sein gesellschaftliches Ansehen, seine politische Macht? Mehr als überschaubar, um nicht zu sagen überhaupt nicht vorhanden, wenn man vielleicht von dem Ansehen, der Bewunderung absieht, die er bei einem gewissen Kreis von Anhängern genießt. Aber selbst seine engsten Vertrauten sind nun nicht wirklich für ihn da. Sie zeichnen sich auch in diesen Tagen eher durch Unverständnis, großer Klappe mit nichts dahinter oder gleich durch Verrat aus. Jetzt gerade scheint ihnen ein wenig Schlaf auch wichtiger als alles andere. Und unser Held durchlebt das härteste Ringen und Hadern das man sich nur vorstellen kann. Sein ganzer Körper ist mit davon betroffen. „Wie soll es weitergehen, wie wird es weitergehen mit mir?“, um diese eine Frage dreht sich alles. Und auch bei ihm ist das vor allem die Frage: „Was ist der Wille Gottes?“ Und vielleicht hat auch er nicht wirklich eine Antwort gefunden, aber vielleicht einen Weg. „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, das schreit er Gott entgegen, wohl wenn auch nicht wissend, so doch ahnend, was es für ihn bedeuten wird: Schmerz, Leid und Tod. Drei Mal schreit er es, dann kommen sie, holen ihn und es kommt so: Schmerz, Leid und Tod für ihn.
Liebe Gemeinde, sie werden sie beide erkannt haben, auf jeden Fall den Zweiten. Der erste ist jener uns unbekannte Autor des Buches Kohelet im Alten Testament. Ob er wirklich ein reicher Herrscher war oder nicht? Es zeigt jedenfalls die ganze Bandbreite, den Reichtum der Bibel. Zeigt, dass sie viel mehr ist als eine enge theologische Sicht mit nur einer Wahrheit über Gott und die Welt. Der zweite, ganz klar, Jesus selber im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung. So wie es uns der Autor des Matthäusevangelium erzählt. Beide sollen den Boden bereiten, wenn wir heute die dritte Bitte des Vater Unsers in den Blick nehmen: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Denn beide verhindern, dass dieser Boden zu einem Minenfeld wird, auf dem man eigentlich nur umkommen kann. Denn als nichts anderes kann ich es bezeichnen, wenn die Beterin, der Beter in diesen Worten nicht nur ihren, seinen Ruf zu Gott laut werden lässt, sondern daneben und manchmal sogar lauter, ihre, seine Überzeugung. Die darin besteht ganz genau zu wissen, was dieser Wille Gottes ist. Es konnte mir bis heute noch keiner ein positives Beispiel dafür nennen, wo diese Überzeugung, Gottes Willen bis ins letzte erkannt zu haben und zu tun, nicht immer einen sehr hohen Preis gekostet hat. Nicht immer im letzten dazu geführt hat, dass der gute Boden des Glaubens zu einem lebensgefährlichen Minenfeld wurde. Und mag dieser vermeintlich erkannte Wille noch so gut, die Absicht dahinter noch so menschenfreundlich sein. Die Theokratie, die „Gottesherrschaft“, ist keine Herrschaftsform Gottes, sondern sie unterwirft Gott dem menschlichen Willen. Sie erhebt den angeblich erkannten Willen Gottes zum höchsten Prinzip. Damit natürlich auch die, die an dieser Erkenntnis teilhaben, erhebt sie zu den alleinigen Herrschern. Es stellt sich ja die Frage: Wie soll dieser Wille getrennt werden vom menschlichen Willen, menschlichen Streben? Wo liegen die Kriterien dafür, dass es wirklich Gottes Wille ist? Weil es vernunftsgemäß ist, weil es zutiefst im Herzen anspricht? Und wie soll dieser Wille umgesetzt werden? Mit Überzeugung, mit Druck, ja sogar Gewalt? So übt auch die Bibel in ihrer Vielzahl von Stimmen Kritik an dem vorschnellen Schluss, was Gottes Wille ist oder dass der Mensch ihn erkennen kann. Kohelet ist der beste Schutz davor den guten Boden des Glaubens in dieses Minenfeld der religiösen Schreckensherrschaft zu verwandeln. In dem er ganz klar festhält: Der Wille Gottes, er bleibt für uns im letzten verborgen und wir sollten uns hüten, ihn sehen zu wollen, wo er nicht zu sehen ist. Warum das so wichtig ist? Weil wir uns so zum Beispiel wirklich zu denen setzen können, die hart getroffen wurden vom Leid, von Krankheit. Weil wir damit den erbärmlichen und letztlich auch menschenverachtenden Versuch aufgeben können, das Leid als Gottes Willen erklären zu wollen. Kurt Marti hat für diesen miesen Versuch die passenden Worte gefunden:

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
das gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen

was soll jetzt ohne ihn werden?
was ist seine frau ohne ihn?
wer spielt mit den kindern?
wer ersetzt einen freund?
wer hat die neuen ideen?

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen

im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand
wir protestieren gegen den tod
von gustav e. lips

Die Geschichte von Jesus kurz vor seiner Ergreifung, von seinem verzweifelten Ruf nimmt diesen Gedanken auf, führt ihn weiter. Verbindet ihn schließlich mit seinem Tod am Kreuz und seine Auferstehung. Was wenn das alles auch ein Hinweis, ein Fingerzeig unter dieser Überschrift auf die 3. Bitte des Vater Unsers ist? Was, wenn uns Gott eines vor Augen stellt: Wir sollen nicht dem Missverständnis erliegen, im grausamen Tod am Kreuz könnten wir den Willen Gottes erkennen? Was, wenn Ostern, die Auferweckung uns genau das zeigen soll? Dann würden wir vielleicht die Worte in ihrer Klarheit hören und beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Dann wäre es ein Schrei ohne zu wissen, ohne zu behaupten, ohne sich zwanghaft einreden zu wollen was dieser Wille ist. Dann wäre es der Ruf, dass dieser Wille Wirklichkeit wird. Nicht in kleiner Dosis, sondern ganz. Dann wären wir frei von diesem verzweifelten Versuch diesen Willen erkennen zu wollen, ihn durch Anstand und Moral, ihm durch Leistung gerecht zu werden. Und sie können da gerne auch Gott durch andere Begriffe ersetzen, die für Menschen an die Stelle Gottes gerückt sind: das Gute, das Richtige, das Wahre, das Erfüllende. Dem allen muss ich dann nicht mehr gerecht werden. Das Vater Unser wird zum Ort meiner tiefsten Sehnsucht, meinem tiefsten Verlangen: ohne Angst, ohne Vorbehalt, bedingungslos vertrauen zu können. Mich hineinfallen zu lassen. Aber nicht mich willenlos auszuliefern und alles einfach hinzunehmen, was da so kommt. Die heutige Bitte des Vater Unser ist kein Aufruf zur gläubigen Schicksalsergebenheit, die alles nimmt was da kommt. Es geht um Vertrauen, dass man es nur gut mit mir und all den anderen meint. Das ich ganz ohne Angst sein kann. Das ich nicht ausgenutzt, nicht Mittel zum Zweck werde, die Sache einen Harken hat. Sondern einfach im ganzen Herzen, im ganzem Verstand eingepflanzt ist: Dieser Wille im Himmel und auf Erden, auch wenn ich ihn nicht erkenne, meint es gut und nur gut mit dir und allen Menschen. Was wäre das wunderbar! Was gäbe es schöneres, wenn das wahr wäre? Dann würde es sie wirklich geben, die Liebe, denn nur sie kann dieses Vertrauen schenken und nur sie ist dieses Vertrauen wert! Dann würde sie herrschen im Himmel und auf Erden.

Verfasst von: achterosten | 20. Mai 2018

Schönheit der Sprache – Predigt zu Apostelgeschichte 2, 1-21

Predigt zu Apg 2, 1-21 (Pfingsten 20.V.2018)

Liebe Gemeinde, bevor wir heute Morgen in die weite Welt starten, alles im Ganzen betrachten wollen und mal wieder die ganz großen Probleme wälzen bleiben wir doch hier erst einmal vor der Haustür. Hier bei uns, da ist ja schließlich auch was los und angeblich soll es bei uns ja auch ganz besonders schön und grün sein. Jedenfalls sagen uns das ja immer die Leute von Auswärts: „Ne, was ist das Grün bei Euch.“ Aber wir haben ja nicht nur viele Bäume bei uns, sondern auch so eine Art eigene Sprache. Denn wie heißt bei uns ein kleines Messer, z.B. zum Kartoffelschälen? (Hümmelken) – Und bei uns heißt der Regen auch nicht einfach Regen, wenn es nur leicht tröpfelt dann… (fiselt), aber wenn es wie aus Eimern vom Himmel kommt, dann… (plästern). Wunderschön auch unser Wort dafür wenn etwas nicht (mehr) schön, runtergekommen ist? Das kann man aber auch zu schlechtem Wetter sagen (schäbbig). Schön, weil auch das gibt es nur bei uns: Was sagt man wenn man bei uns einen im Freibad untertaucht (döppen). Und das sieht man auch gleich wie gut christlich wir alle erzogen sind: Döppen kommt nämlich von dem alten westfälischen Wort „dope“ und das ist die Taufe, wo man ja auch eigentlich untergetaucht wird. Schön, nicht? Geht ihnen das auch so? Mir jedenfalls schon, wenn man lange nicht hier war und dann auf einmal wieder die vertrauten Worte und die vertraute Art zu Sprechen hört. Was ging mir das Herz auf, als ich nach zehn Jahren Kassel wieder hier war und gleich am ersten Tag mich einer aufm Parkplatz anranzte: „Hömma, da kannste nich parken, is für Behinderte und behindert siehst du mal nich aus.“ Ich hatte dummerweise das kleine zugewachsene Schild übersehen. Ich parkte natürlich dann brav mein Auto um; unter der genauen Beobachtung dieses Prachtexemplars eines Ruhrgebietsmenschen. Es wird einem warm ums Herz, wenn man die vertrauten Worte, die vertraute Sprache hört. Sprache, Worte, sie sind so wichtig wie das täglich Brot und eröffnen einem doch das ganze Leben.
Daher will ich ihnen noch etwas anderes erzählen: Meine Vermieterin in Kassel war gut befreundet mit der großen Übersetzerin Swetlana Geier. Ich durfte sie kennen lernen bei einem ihrer häufigen Besuche in Kassel. Eine beeindruckende Frau, körperlich stark gebeugt, fast zerbrechlich wirkend, aber mit einem eindrucksvollen, wachen Geist, selbst bis kurz vor ihrem Tod. Es gibt einen wunderbaren Film über sie und ihr nicht von Widersprüchen freiem Leben: „Die Frau mit den fünf Elefanten.“ Die fünf Elefanten, so nannte sie die fünf Bücher von Dostojewski, die sie neu in das Deutsche übersetzt hat. Ich konnte im Film dann das sehen, von dem ich bei der persönlichen Begegnung schon eine Ahnung bekam: Diese wunderbare Art und Weise mit Sprachen umzugehen, ihnen nachzugehen. Übersetzen ist ja nicht Wort für Wort zu übertragen, sondern immer der Versuch eine Welt in einer anderen Welt zu verstehen. Jeden Tag traf sie sich und diskutierte mit einem befreundeten Musiklehrer Wort für Wort, Satz für Satz. So schuf sie, da sind sich alle Kritiker wohl einig, soweit ich das überblicken kann, kongeniale neue Übersetzungen dieser Klassiker der russischen Literatur. Welche Kraft Sprache haben kann, bei ihr, nur in der kurzen Begegnung konnte ich das lernen.
Und noch etwas, etwas theoretischer. Ich bewundere Menschen, denen es leicht fällt Sprachen zu lernen, sich schnell in ihnen zu bewegen, wie in einem neuen Kleidungsstück, das so gut sitzt, als wenn man es schon jahrelang trägt. Mir fällt es unglaublich schwer. Latein und Englisch in der Schule, eine Quälerei für die mich. und für Lehrerinnen mit mir. Eine Sprache zu lernen, da liegen in meinem Hirn riesen Steine im Weg. Schnell ist auch wieder leider alles vergessen. Aber trotzdem: Es ist doch einfach ein inneres Bedürfnis, wenn man sein Leben mit jemanden teilt, dessen Muttersprache nicht die eigene ist, trotz aller Quälerei und Rückschlägen, die Sprache des anderen kennen zu lernen. Weil irgendwo spürt man, dann ist ein Verstehen, ein Folgen der Gedanken und Gefühle besser möglich. Ein kleines Beispiel: Wie sehr sich die Beziehung zu seiner Familie in Deutschland und in anderen Gegenden der Welt unterscheidet, man versteht es wohl erst, wenn man die ellenlange Vokabelliste für die beiden einfachen deutschen Wörter „Onkel“ und „Tante“ sieht. Da spielt es eine Rolle, ob es der Bruder des Vaters ist, ob angeheiratet oder leiblich. Jede und jeder hat ihr, sein eigenes Wort. Und manches bekommt in einer anderen Sprache einen anderen Klang. Wie blöd wäre ich mir vorgekommen, wenn ein deutscher Mitreisender zu seinem Sitznachbar, als der mich sah, gesagt hätte: „Guck mal der Große“. Wie ging das drunter wie Öl für einen von der Spätpubertät arg gebeutelten Jugendlichen wie ich damals war, als ein von wind- und wettergegerbter alter Franzose mich anschaute und für alle im Zugabteil vernehmbar sagte: „Oh, le Grand.“ Auf der Jugendfreizeit in der Normandie war danach alle Akne und ungestalten langen Arme und Beine aber mal so was von vergessen.
Sprache – die eigene, die fremde, sie gehört zu uns Menschen. Sie verbindet, sie trennt aber auch. Sie bestimmt ob wir uns heimisch, gut fühlen oder schlecht und fremd. Sie schaufelt tiefe Gräben und sie baut Brücken über Gräben. Sprache – sie ist fester Bestandteil, Fundament dieses Tages – Pfingsten. Denn so wird uns erzählt: „Und als der Tag des Pfingstfestes erfüllt war, waren sie alle an einem Ort beisammen. Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen, als führe ein gewaltiger Wind daher, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer, von jeder Nation unter dem Himmel. Als aber dieses Geräusch entstand, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder einzelne sie in seiner eigenen Mundart reden hörte. Sie entsetzten sich aber alle und wunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer? Und wie hören wir sie, ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind: Parther und Meder und Elamiter und die Bewohner von Mesopotamien und von Judäa und Kappadozien, Pontus und Asiennund Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Gegenden von Libyen gegen Kyrene hin und die hier weilenden Römer, sowohl Juden als Proselyten, Kreter und Araber – wie hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden? Sie entsetzten sich aber alle und waren in Verlegenheit und sagten einer zum anderen: Was mag dies wohl sein? Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines.“
Das ist die Geschichte des heutigen Tages. Für viele die Geburtsstunde der Kirche, der Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Wenn das wirklich stimmt, dann stimmt es auch, dass die Sprache eine nicht zu überbietende Rolle für diese Kirche, für Christinnen und Christen, ihren Glauben spielt. Sie ist Ausdruck des Heiligen Geistes! An ihr ist es für die Menschen zu erkennen, dass die Verheißung nicht ins Leere geht. Wir nicht allein sind, sondern in unserem Herzen der Heilige Geist, der Glaube gepflanzt ist. Aber nicht in einer Einheitssprache, sondern in ihrer Vielfalt. Das beschriebene Wunder ist kein Hörwunder, sprich, alle verstehen auf einmal die gleiche Sprache, sondern ein Sprechwunder. Die Botschaft der Freiheit des Glaubens wird zu den Menschen in ihrer Sprache gesprochen, dort wo sie sich heimisch fühlen, auf dem direkten Weg zu ihrem Herz. In der jeweils eigenen Muttersprache und was ist einem näher als diese. Und man weiß nicht was wunderbarer, wunderhafter an dieser Geschichte des Pfingsttages ist: Dass die Jünger auf einmal in fremden Sprachen sprechen oder vielmehr, dass die Vielzahl der Sprache nichts Trennendes ist, sondern die Menschen zusammenführt. Keine Gräben gerissen sondern Brücken gebaut werden.
Das ist in meinen Augen kein Nebenschauplatz, keine Randbemerkung aus Gründen der gesteigerten Dramatik des Erzählten, kein Stilmittel des Autors. Es ist zentral für das was dort erzählt wird. Diese Geschichte mit dem Heiligen Geist, mit der wir uns doch sehr schwer tun.
Das Sprachwunder ist zentraler Hinweis in den aufgeheizten Debatten dieser Tage. Wo es hitzig jeden Tag um Einheit und Vielfalt, um Abgrenzung und Öffnung, die und wir geht. Wie kann eine theologisch begründete, im Glauben wurzelnde Position in diesen Debatten aussehen? Der heutige Tag beschreibt dafür in meine Augen das Fundament: In seiner Mitte steht die Sprache und zwar: die Vielfalt der Sprache. Denn hier verbindet sich die Geschichte des heutigen Tages mit der anderen „Sprachgeschichte“ der Bibel: dem Turmbau zu Babel. Die Geschichte vom Geschenk des Heiligen Geistes, vom Glauben ist ja erstaunlicherweise keine Korrektur der Sprachverwirrung von Babel, sondern eine Bestätigung der Sprachvielfalt von Babel. Denn die Schuld der Menschen von Babel war doch nicht ihr komischer Turmbau, so eine Art Stuttgart 21 der frühen Menschheit, sondern, dass sie sich Gottes Befehl wiedersetzten, in Vielfalt die Erde zu besiedeln. Sie wollten weiterhin alle an einem Ort hocken, mit einer Einheitssprache, Einheitskultur, einheitlichem Einerlei. Um das aufzubrechen kam die Strafe der Sprachenvielfalt. Angesichts dessen, was am Anfang der Predigt stand, frage ich mich aber eher, ob es nicht eher ein „strafendes Geschenk“ war.
Pfingsten – das Fest der Kirche, der Christinnen und Christen, das Fest des geschenkten Glaubens ist das Fest der Sprache in all ihrer Vielfalt. Auf diesem Weg kommt dieses Geschenk in unser Herz, denn was gibt es schöneres als in der eigenen Sprache zu hören: „Ich liebe dich!“ Das ist der Heilige Geist, das Geschenk Gottes.

 

Verfasst von: achterosten | 6. Mai 2018

Bayrischer „Kreuzzug“ – Predig zu Matthäus 6, 10a

Predigt zu Mt 6, 10a (II. Bitte Vater Unser, Rogate 06.V.2018)

Liebe Gemeinde, Sie können sich gar nicht vorstellen wie es in mir aussieht. Ja, wie ich vor Aufregung und Vorfreude fast platze. Ich weiß gar nicht wohin mit mir. Denn schließlich darf ich Ihnen hier und heute die frohe Botschaft verkünden. Ist das noch Zufall oder schon mehr, das just in diesen Tagen, wo ich mit Ihnen das Vater Unser betrachten will diese bahnbrechenden, alles verändernden Nachrichten zu uns gelangen? „Dein Reich komme.“ – Hunderte von Jahren rufen dies Christinnen und Christen im Gebet. Voller Hoffnung, mit ängstlicher Erwartung oder großer Vorfreude. Nicht zu zählen die Zahl derer, über dessen Lippen es kam – voll tiefem Glauben, in skeptischer Halbdistanz oder gedankenloser Routine. In großen Kathedralen bei weltbewegenden Ereignissen oder in Schulklassen in der verzweifelten Hoffnung, dass das Reich Gottes eher seinen endgültigen Anfang nimmt als die Mathearbeit. Ungezählt auch die Versuche, das erhoffte, das erflehte Kommen des Reiches Gottes mit einem festen Termin zu versehen. Was wurde dafür nicht an Hirnschmalz und Rechenkünsten verwendet. Wieviel Hoffnung erweckt und dann bitter enttäuscht. Und wenn es richtig dumm lief verband sich das auch immer mit einer ordentlichen Portion Blut die dabei floss. Noch heute hängen als gruseliger Beweis dafür z.B. die Metallkäfige an der Lambertikirche in Münster. Auch Martin Luther übrigens war der festen Überzeugung, dass die Menschen nicht mehr als zu häufig diese Bitte des Vater Unsers sprechen müssen, bis es soweit ist. Klugerweise hat er sich nicht zu Rechenspielchen verleiten lassen, sein Ruf hätte doch arg darunter gelitten. Sei`s drum, das Warten hat ein Ende. Alles Bitten, alles Flehen hat ein Ende, endgültig. Jetzt schon, in diesen Tagen – am 1. Juni 2018 ist es endgültig soweit. Und ich darf ihnen das heute verkünden. Und es wird noch besser: Direkt vor unserer Haustür. Wenn der ICE pünktlich ist, Sie ohne größere Verzögerungen die Dauerbaustellen auf der A 45 hinter sich bringen, ist es gerade mal knappe drei Stunden von hier. Welch ein Glück für uns, ich kann es kaum fassen. Vor allem wenn man bedenkt, dass man nichts dafür tun muss, um das Reich Gottes in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit erleben zu dürfen. Ich meine das ist doch mal der endgültige Beweis, dass wir Protestanten immer Recht hatten – Gottes Reich gibt es ohne das wir dafür etwas tun müssen, außer das, was schon in der Bibel steht: sich auf den Weg machen. Aber sie dürfen auch frei entscheiden, wo sie eintauchen möchten in das Reich Gottes. Mitten im Alltag – egal ob Sie ihre Steuerklärung abgeben, das alte Auto abmelden oder den neuen Reisepass abholen wollen, das Reich Gottes wartet schon dort auf sie. Wie wunderbar.
Nur eines ist mir ein Rätsel: Warum das Reich Gottes jetzt mitten in Bayern angebrochen ist und der Heilsbringer den nicht allzu biblischen Namen „Söder“ trägt – das versteh ich noch nicht so ganz. Wenigstens trägt er den Namen eines der Evangelisten vorneweg – Markus. Und das mit Bayern – vielleicht hatten ja doch schon immer diejenigen Recht, die die bayrische Biergartenkultur zumindest für ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes gehalten haben. Seis drum, Hauptsache es ist jetzt endlich da, das Reich Gottes. In allen Amtsstuben von Aschaffenburg bis Garmisch-Partenkirchen, von Ulm bis Passau. Und in München in der Staatskanzlei nahm es seinen Anfang, als der gerade erwähnte Markus Söder dort selbst das erste „Bayrische Amtskreuz“ an die Wand, ja was wäre jetzt korrekt zu sagen, hängte, nagelte? Ich sage mal, befestigte. Was ist das schön und so verdammt einfach. Wobei ich mich ja jetzt frage: Was passiert in diesem blau-weißen Reich Gottes nun mit den obligatorischen Bildern der milde auf uns herablächelnden Minister- und Bundespräsidenten? Angeblich gab es Entwürfe beide rechts und links des Querbalkens zu platzieren und oben drüber das Bild von Franz-Josef Strauß. Das hat man dann aber doch als zu gewagt verworfen, auch wenn es vielleicht dem Lebensgefühl und Weltbild von manchem tapferen Parteirecken der CSU entspricht. Ich schlage vor sie klassisch links und rechts zu Füßen des Kreuzes zu platzieren. Vielleicht das Bild des MP etwa an der Stelle wo in der Kunstgeschichte der Lieblingsjünger zu finden war. Allein schon wegen seiner Verdienste dafür, dass ich Ihnen heute die frohe Botschaft verkünden kann.

Wie? Sie meinen ich hätte da etwas missverstanden? Hier geht es gar nicht um das Reich Gottes, sondern um den für alle sichtbaren „Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“ und dem „sichtbaren Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland“, wie es so im Erlass heißt oder viel griffiger als „grundlegendes Symbol unserer bayerischen Identität und Lebensart“? Tut mir leid, das verstehe ich jetzt nicht. Das Kreuz also auf einer Ebene mit der Toleranz von nackten Männerbeinen in Lederhosen, dem Recht auf Massenbesäufnis auf dem Oktoberfest und der Pflicht seine Weißwurst vor 12 Uhr zu essen? Ich bin in der Naivität meines Glaubens immer davon ausgegangen, dass das Kreuz Zeichen für unserer Sehnsucht, für unsere Hoffnung als Christinnen und Christen ist, wenn wir bitten „Dein Reich komme“. Dass das Kreuz für uns der Ausgangspunkt ist, das wir hoffen, vertrauen, dass diese Bitte nicht verhallt, auf taube Ohren stößt. Das dort zu sehen ist, was der Charakter dieses „Reiches“ ist: das völlig andere, das völlig Neue, das völlig Unbekannte. Denn dort wurde alles anders: Gott selber geht in die tiefsten Tiefen, das unschuldige Opfer menschlicher Willkür wird ins Recht gesetzt, der Ort des Todes zum Ort des Lebens, der Platz der tiefsten Verzweiflung wird zum Hügel der Hoffnung. Das Kreuz ist unser Zeichen für das „Reich Gottes“ und für nichts anderes!

Markus Söder und sein „Kreuzzug“ durch bayrische Amtsstuben ist wohl doch wieder nur eines der traurigen, wenn auch in diesem Fall eher harmlosen, Beispiele dafür wenn Glaube und Politik zu einer Sache erklärt werden. Direkt aus dem Glauben, seinen Geschichten, seinen Texten politische Handlungsanweisungen abgeleitet werden! Glaube und Politik zu einem Eintopf vermengt werden, der dann meistens für ziemliche Magenschmerzen sorgt. Der Glaube ist keine politische Gebrauchsanweisung, das „Reich Gottes“ kein politisches Ziel. Das „Reich Gottes“ ist allein dessen Reich, der auch schon im Namen genannt wird: Gott. Und es ist allein seine Sache, wir können es nicht verhindern, aber auch nicht miterschaffen oder mit daran bauen. Es wird kommen, unabhängig von unseren Leistungen, aber auch unabhängig von unserem Nichtstun. Und es wird sein wie das Kreuz: etwas völlig anderes, etwas völlig Neues. Nicht die Verwirklichung politscher Ziele und Träume, sind sie noch so gut, am Frieden und Wohl von Mensch und Natur orientiert.
Als ich so anfing mich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen, war viel davon die Rede, dass „wir mit bauen am Reich Gottes“. Das war verbunden mit klaren politischen Positionen und Forderungen, mancher unterlag sogar der irrigen Annahme, dieses „Mitbauen“ damals hätte den Kalten Krieg beendet. Wenige Monate nachdem mir davon vorgeschwärmt wurde, musste ich sehen wie dieses „Reich Gottes“ nicht auf dem Zettel hatte, das vor unsere Haustür im letzten Jahrzehnt des 20.Jh. Menschen schutzlos der Aggression nationalistischer Rattenfänger ausgeliefert waren, die dort ihre „Gottesreiche“ errichten wollten.
Wenn wir im Vater Unser rufen „Dein Reich komme“ da rufen wir nicht nach politischer Einsicht, nicht nach Parteiprogrammen, nicht nach den ehrenwerten Zielen aller Politik. Wir rufen, dass dies alles nicht mehr nötig ist, weil dann das ganz Andere, das ganz Neue herrschen wird. Das ist der Gebetsruf. Daher ist er so schlicht, drei einfache Worte, kein Zeitpunkt, keine politische Dimension wird genannt. Die Beterin, der Beter erhält keine Vorschrift, wie sie, er sich dieses Reich vorzustellen hat. Nur eines kann man wohl festhalten: Mit Politik hat das alles sehr wenig zu tun, wenn das Reich Gottes sich mit dem Kreuz verbindet. Denn am Kreuz endet das grundlegende und wichtigste Werkzeug aller Politik: die Macht. Ihr ist dort, wo der Ohnmächtige ins Recht gesetzt wurde, jeder Anknüpfungspunkt entzogen, sie gleitet ab am Stamm des Holzes.

Um aber allen Missverständnissen vorzubeugen: „Dein Reich komme“ ist andererseits aber nicht der Rückzug von allem politischen Tun, allem gesellschaftlichen Handeln, nicht der Rückzug vor Verantwortung! Und schon gar nicht der Aufruf dazu! Sondern ganz anders: Der Ruf „Dein Reich komme!“ ist unsere Grundlage als Christinnen, Christen uns politisch, gesellschaftlich zu engagieren. Nicht als politisches Programm, als politische Agende, sondern als Fundament, dass wir die Kraft, den Mut und die Freiheit für dieses Engagment haben. Die Früchte des Glaubens in unseren Herzen, die wir brauchen um uns zu beteiligen. Daher haben zum Teil diejenigen Recht, die sagen eine Predigt ist keine politische Rede, ein Gottesdienst kein Parteitag. Sie haben allerdings nicht damit recht, dass der Gottesdienst und die Predigt ohne Folgen für das Zusammenleben in unserem Land bleiben. Denn die Begegnung mit Gott in Wort, Lied und Gebet gibt uns das dafür was wir brauchen: Mut und Freiheit!
Wir bauen nicht mit am „Reich Gottes“, wir beten dass es kommt, nicht nur in bayrischen Amtsstuben sondern überall. Das kann morgen sein, übermorgen oder fern in der Zukunft, egal. Liebe Gemeinde – zu glauben, dass es kommt, schenkt jeden Tag Leben und Hoffnung.

Verfasst von: achterosten | 22. April 2018

Blick in den Spiegel – Predigt zu Johannes 15, 1-8

Predigt zu Joh 15, 1-8 (Jubilate, Konfirmation 22.IV.2018)

Liebe Konfis,
jetzt ist es fast geschafft, noch ein paar Minuten und dann könnt ihr sie endlich beantworten, die eine Frage: Ob ihr ja sagt dazu dass ihr getauft seid. Ihr habt euch die letzten 15 Monate darauf eingelassen zu überlegen, wie ihr diese Frage beantwortet. Habt etwas von dem geschenkt, was in unseren Tagen das kostbarste ist: Zeit. Zuletzt sogar eine ganze Woche in Euren Ferien. Wir haben uns in dieser Zeit viel unterhalten. Wir haben versucht für euch Zeit und Raum zu schaffen, damit ihr den christlichen Glauben erfahren könnt, so wie er hier in dieser Gemeinde gelebt wird. Ich habe dabei auch etwas von euch gelernt, gerade auch vor zwei Wochen als wir zusammen in Gahlen waren: Von euch wird ganz schön viel erwartet! Ob Schule, ob Freizeit, ob von euren Eltern, Familien, Freunden oder von Euch selbst. Und ihr habt eure eigene Art und Weise mit all diesen vielen Erwartungen umzugehen. Auch heute die Konfirmation war und ist mit Erwartungen an euch verbunden. Ich muss sagen, ich bin bis heute davon extrem beindruckt, zum Teil erschreckt es mich auch. Von euch wird verdammt viel erwartet, was ihr Tun und Lassen sollt, wie Ihr euren Weg gehen sollt. Vielen von euch zum Beispiel hat man ein ganzes Jahr genommen. Ihr seid die Generation, die nie etwas anderes als G8 kannte. Zwölf Monate Zeit, das ist in Eurem Alter fast eine Ewigkeit. Zwölf Monate weniger um Erwartungen zu erfüllen, das ist verdammt viel.
Und noch eins wurde mir klar: Uns Ältere unterscheidet sehr viel von euch, eines aber verbindet uns mit euch. Wir alle stehen unter diesem Druck der Erwartungen, der Ansprüche an uns, von uns selber und von anderen. Egal wie alt wir sind! Und gefühlt nimmt der Druck Tag für Tag zu.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum uns der christliche Glaube so fremd ist, so wenig einleuchtend erscheint, so wenig Raum in unserem Leben einnimmt. Denn das ist der Witz bei der Sache: Der Glaube hat keine Erwartungen an uns, der verlangt nichts von uns, gar nichts! Das ist ihm völlig fremd! Es gibt keine bessere Christin, keinen schlechteren Christen! Es gibt keine Liste zum Abhaken, kein Leistungsnachweis, keine Flammen auf dem Account. Der Glaube ist einfach nur da – ohne Erwartungen. Er will auch einfach nur da sein, das ist sein innerster Kern. Er ist das wahre Geschenk und verlangt noch nicht einmal ein Dankeschön. Das ist sein Geheimnis und die Freiheit, die in ihm wohnt. Freiheit, weil der Glaube erkennen lässt: im letzten, im ganz letzten bin ich gewollt und geliebt ohne Erwartungen. Ich erklär das mal mit dem Beginn eines Nirvanasongs. „Come as you are“ – so lässt es sich beschreiben, das ist das Geheimnis des Glaubens, zu dem sagen heute die Jugendlichen „Ja“. Nicht zu sogenannten christlichen Werten, zu irgendeiner Moral, sondern dazu, dass Gott nichts von Ihnen, von Euch erwartet, Euch, uns aber alles schenkt
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Aber was heißt das weiter? Kann das Konsequenzen haben? Ändert das was? Der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium fragt genau das: „Was sind die Früchte des Glaubens?“ Ich glaube darauf gibt es keine pauschale, allgemein gültige Antwort. Da kann jede, jeder nur von sich sprechen, erzählen. Ich mache da mal den Anfang und das hat viel mit den Erwartungen, all den Fragen und dem ganzem Kram zu tun, der jeden Tag auf mich ohne Ende einströmt. Der Glaube, dieses lebendige Etwas, was mir geschenkt wurde, ist für mich mein Grund warum ich mir von Dubioza Kollektiv in Musik, Text und Bildern den Spiegel vorhalten lassen kann. Frei zu sein, gelassen zu sein, den Humor zu haben zu erkennen: Du bist einer von denen. Das ist dein Lied.

Liebe Gemeinde, ganz in der Tradition in Eppendorf Musikvideos im Konfirmationsgottesdienst erklingen zu lassen heute nun Dubioza Kollektiv – Himna Generacije. Den deutschen Text gibt es auf dem Einleger in den Liedblättern.

Für mich ist der Glaube die Freiheit, wie diese Jungs auf mein Leben zu schauen. Nicht von einer überhöhten moralischen Position aus auf die anderen, von denen ich mich angeblich so unterscheide. Sondern, dass ich weiß, dass das auch für mich gilt. Ich auf der einen Seite genauso an dem ganzen Kram leide, von dem gesungen wird, auf der anderen Seite aber je nach dem um was es geht, einer von denen in der Meute auf dem Weg zum Einkaufszentrum bin.
Das ist für mich eine der kostbaren Früchte des Glaubens: In diesen Spiegel schauen zu können. Das aushalten zu können, nicht alles als Gefasel unverbesserlicher Idealisten abzutun, nach der nächsten Ausrede zu suchen oder gleich das ganze als sehr gute Analyse der heutigen Gesellschaft zu erklären, die aber mit mir nichts zu tun hat. Sich so den Spiegel zeigen zu lassen, das ist nicht einfach, aber es geht und das ist doch schon mal eine ganze Menge, finde ich. Eine kostbare Frucht meines Glaubens, vor allem weil ich dank ihm auch mit der nötigen Portion Humor in diesen Spiegel schauen kann. Weil in meinem Herzen etwas gepflanzt ist, was mir sagt: Du bist so, aber es ist nicht das letzte Urteil über dich, Du bist geliebt und nicht allein. Wie schwach auch diese Stimme des Glaubens sein mag, wie überdeckt gerade auch von all den Dingen, von denen Dubioza gerade gesungen haben. Dies ist in meinem Herzen geblieben bis heute und hoffentlich für alle Tage.
Vielleicht habt Ihr, haben Sie in dem Lied ein Gefühl, einen Gedanken entdeckt, der Ihnen und Euch ja auch nicht fremd ist. Vielleicht wirklich ein Blick in den Spiegel, eine Momentaufnahme.
Wenn ihr gleich „Ja“ sagt, sagt Ihr „Ja“ zu einem Fundamt um entspannt in diesen Spiegel zu schauen. Sagt „Ja“ zu einem Fundament um entspannt mit all den Erwartungen umzugehen, die so an euch gestellt werden. Denn das ist die Verheißung des heutigen Tages: Das Geschenk des Glaubens gibt euch die Freiheit, den Humor und die Kraft dazu, aber auch dazu, die Frage zu stellen: Muss es so bleiben wie es ist?
Amen.

Predigt zu „Christ ist erstanden“  (Ostern, 01.IV.2018)

 

Es wird kälter, er spürt es. Die Kraft der Sonnenstrahlen lässt nach. Sie mühen sich schon, den morgendlichen Dunst zu durchbrechen, der sie bald ganz verschlucken wird. Eine erste feuchte Kälte steigt vom Boden auf unter seine Arbeitsjacke. Feucht und nass ist auch das Gras, schnell spürt er, wie die Nässe an den Knien die Hose durchzieht. Immer kniet er in diesen Momenten, betrachtet oft die Welt auf den Knien, tief unten, taucht unter das Geschehen der Zeit, das über seinem Kopf in diesen Stunden hinweggeht, ihn nicht berührt. Er blickt um sich. Ist der Platz gut gewählt? Gedankenverloren streicht seine Hand durch das nasse Gras. Er wischt danach die Hand an der Hose ab, ein Streifen mehr neben all den andern die von den Monaten erzählen, die hinter ihm liegen. Es ist das letzte was zu tun ist, danach ist es wieder getan, ein weiteres Jahr ist zu Ende. Kurz schaut er noch mal, ja es ist ein guter Ort, hier kann es sein. Er zögert die Arbeit hinaus, geht umständlich sorgfältig vor, so als könne er damit die Zeit zwingen, das Ende hinauszögern. Dann aber ist es soweit, den richtigen Zeitpunkt abgewartet, den richtigen Ort gewählt. Mit Kraft aber doch sanft bohrt er das gezahnte Metall in den Boden, verwundet in einem perfekten Kreis die geschlossene Grasfläche, immer langsamer werdend. Nicht zu flach, nicht zu tief darf es sein. Vorsichtig zieht er das Metall aus dem Boden, drückt mit dem Daumen den Pfropfen aus Erde und Gras hinaus. Legt ihn neben sich. Ist zufrieden. Er greift in die Tasche und holt ihn heraus, ein schrumpeliges, kleines hässliches Etwas. Fast wie ein kleiner, unförmiger dunkler Klumpen Lehm sieht er aus. In seiner Hosentasche sind noch mehr davon, wie um sie zu wärmen, ihnen einen Moment von dunkler Wärme zu schenken, bevor es in die feuchte Finsternis der Erdhöhle geht. Mitten hinein legt er den Klumpen, verschließt die Höhle fest mit dem Erdpfropfen. Kaum zu sehen ist noch etwas, nur für das wissende Auge nicht verschwunden die Narbe auf der Erde. Ruhig und präzise arbeitet er weiter, unzählige der kleinen Klumpen wandern aus der fusseligen Wärme der Hosentasche in ihre Erdhöhle. Die Zeit verstreicht, die Sonnenstrahlen waren heute Morgen doch noch stärker als der Dunst, noch. So spürt er ihre ersterbende Kraft durch Jacke, Pulli und Hemd. Er greift in die Tasche, sie ist leer. Es ist getan. Er blickt auf, löst den Blick von der Erde. Nicht weit sitzt ein Rotkehlchen, neugierige Beobachterin seines Tuns, Begleiterin der letzten Monate. Sein Kopf durchstößt wieder die unsichtbare Grenze zum Alltag als er sich aufrichtet. Das wars. Ohne sich umzublicken geht er ins Haus, in der Hand den Eimer mit den Geräten. Seine Hoffnung sie liegt in den kleinen, feuchten Erdgräbern. Er zwingt sich, nicht an sie zu denken. Ein dummer Trick um der Enttäuschung vorzubeugen. Nach ein paar Stunden schon hat er sie vergessen. Von nun an übernimmt feuchte Kälte, kalte Nässe und graue Dunkelheit das Regime, breiten ihr dunstiges Leichentuch aus. Es gelingt, in die Tiefen seiner Erinnerung hat er die kleinen Erdhöhlen verschlossen in dieser Zeit. Vergisst sie, ihren Ort, begraben unter dem toten Laub.

Eines Morgens aber ist sie da, diese Unruhe. Er erwischt sich immer wieder dabei, wie er aus dem Fenster in das Graue starrt. Sich davon abhält  nicht hinauszugehen, vorsichtig wie beiläufig um nichts zu zwingen, ein wenig das Laub beiseite zu schieben. In einem Moment der Schwäche aber schaut er nach. Er hätte es nicht tun sollen. Nichts ist zu sehen, nur das Einheitsgrün der Rasenhalme. Die kleine Höhle sie ist zum Grab geworden, so scheint es. War es sein Fehler? Falscher Ort, falsche Zeit, zu tief, zu flach? Er wendet sich ab, enttäuscht, mit einem Stich im Herzen. Drei Mal geht das Licht der Sonne über das Land, um wieder in der grauen Dunkelheit zu verschwinden. Die Narben auf dem Rasen sind darüber verschwunden, Gras ist über das Ganze gewachsen. Nichts mehr zu sehen von der kleinen Hoffnung, die er dort begraben hat. Beiläufig geht er an dem Mantel des toten Laubes vorbei, da trifft es ihn wie ein Schlag. Kaum zu sehen eine kleine gelbe Krone, halb verborgen. Zwingt seine Füße stehen zu bleiben, er geht auf die Knie, ungläubig, aber es ist so. Eine kleine gelbe Krone hat mit unwiderstehlicher Kraft das Totenkleid des Laubes durchdrungen. Und es ist nicht nur die eine, jetzt auf den Knien erst sieht er es, überall schieben sich die kleinen Siegerinnen dem Himmel entgegen. Erstrahlendes lebendiges Gelb. Eine  Bewegung daneben, ein pelziger kleiner Körper schiebt sich hindurch, verweilt einen Moment in Schwachheit, wendet sich dann aber den gelben Kronen zu. Eine erste Hummel, die bei ihnen Kraft und Leben finden wird und ihren Namen Lügen strafen wird, den Namen dessen, der nun besiegt ist: Winterlinge.

 

Meditation über „Christ ist erstanden“ (Orgel, Klavier)

 

Liebe Gemeinde,

es ist Ostern. Ein Tag der Freude, des Lebens, ungetrübt. Dieser Tag ist nicht zu erklären, in die Sprache der Theorie zu fassen. Wie soll das auch gelingen? Dass der Tod besiegt ist, das Leben am Ende steht von allem? Der Anfang ist und nicht das Ende? Das können diese Worte nicht umgreifen, nicht erklären. Durch die Zeiten hindurch erheben Menschen in diesen Tagen ihre Stimme und singen es „Christ ist erstanden“, das wahrscheinlich älteste Kirchenlied in unserer Sprache. Auch dies versucht nicht zu erklären, sondern stellt die Botschaft von der Auferstehung nur in größter Verwunderung und Freude fest. In Wort und Melodie. Sprache der Musik, der Bilder, der Poesie, das sind die Sprachen dieses Tages. Die Botschaft des Lebens sie wird in diesen Sprachen laut. Die Botschaft des Lebens braucht Erfahrungen unseres Lebens, mit denen sie sich verbindet, eine Brücke bildet, über die wir gerufen werden, hinzugehen, dort wo das Leben blüht. Und daher muss ich es einfach mal so sagen: Gott ist ein großer Fan des Ruhrgebietes, gerade zu Ostern. Und das nicht gerade deswegen, weil man uns nachsagt, dass wir das Leben zu feiern wissen, sondern wegen der Schrebergärten, der weitläufigen Gärten hinter den Häusern der alten Zechensiedlungen. Fahren sie mal mit dem Zug durch das Ruhrgebiet oder zum Beispiel Stuttgart – in der Zeit, in der sie da an grauen Straßen vorbei  bis zum Milliardengrab Stuttgart Hbf gelangt sind, haben sie schon bei uns in mindestens drei bis vier grünen Einsprengseln den Möhren beim Wachsen und den stolzen Gartenbesitzern beim Grillen zugucken können. Sie halten das für unangemessen zu sagen, dass deswegen Gott ein Fan des Ruhrgebietes ist? Das ist vielleicht ein bisschen flapsig, aber wie wird uns denn Gott ganz am Anfang in der Bibel vorgestellt – als Gärtner. Als Gärtner für den es nichts Schöneres gibt als am Abend durch das zu wandeln, was er geschaffen hat. Der verlorene Ort, wo Gott und Mensch sich Aug in Aug begegnet sind – ein Garten. Die Verheißung Gottes am heutigen Tag, die Botschaft vom Leben, für die wir kaum Worte finden, die allem entgegenstehen, was uns Erfahrung und Klugheit lehrt? Dafür ist er der beste Ort, um dies zu erkennen – der Garten. Denn hier wächst aus dem toten Samenkorn das Leben, aus dem kleinen unscheinbaren toten Klumpen die wunderbaren Winterlinge. Sie lehren zum Beispiel die Gärtnerin den Rhythmus von Karfreitag und Ostern – denn meistens brauchen sie etwa drei Jahre bis zur ersten Blüte. Und ist es wirklich nur Zufall, dass uns erzählt wird, wie Maria den Auferweckten am Ostermorgen für den Gärtner hielt? Die Gärtnerin, der Gärtner tragen sie in sich die Erfahrungen durch die die unsagbare Botschaft von Ostern Worte, Bilder findet. Eine Sache ist da aber noch zur Präzisierung nötig: Gärtnerin, Gärtner, das ist weit gemeint. Jede, jeder die schon einmal einen Samenkorn in die Erde gelegt hat, sei es in einem riesen Gemüsebeet oder einem kleinen Topf. Ungeduldig gewartet und dann dem Leben beim Wachsen und Gedeihen zugesehen hat. Sie wissen um das Geheimnis vom Leben, tragen in sich die Erfahrung für den heutigen Tag. Wissen aber auch darum, dass die Erfahrung des Gartens nicht die Botschaft des Ostermorgens in sich aufnimmt, sondern sich mit ihr zu der Brücke verbindet hinüber und hinein in alle kettensprengende Siegesbotschaft dieses Tages. Die weit über alles hinausgeht. Die Erfahrung der Gärtnerin, des Gärtners weiß um den Kreislauf von Leben und Tod, weiß, das alles verblüht, vergeht. Jesus Nacht der tiefsten Verzweiflung, des Verrates, der Verhaftung – ein Garten ist der Ort dafür. Ostern aber ist nicht ein Wiederauferblühen von Totgeglaubtem, es ist das völlig Neue, das nicht mehr verblühen, vergehen wird. Verborgen und doch offen vor unseren Augen und Herzen. Das völlig Neue von Ostern ist die Brücke in den alten Ort wo Gott und Mensch sich begegnen, das Paradies, ein Garten. Leben und Freiheit wachsen dort ohne Ende, ohne Vergehen, denn er ist erstanden.

 

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