Verfasst von: achterosten | 1. Januar 2016

Stolz und Demut (Predigt zu Numeri 6, 22-27)

Predigt zu Num 6, 22-27 (Sylvester, 31.XII.2015)

„Willen braucht man. Und Zigaretten.“ „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ „Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich; Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.“

Liebe Gemeinde, das Jahr erlebt seine letzten Stunden. Zeit des Rückblickes auf ein bewegtes Jahr. Große Veränderungen haben ihren Anfang genommen. Menschen haben ihr Recht auf ein Leben in Wohlstand und Frieden selbst in die Hand genommen. Sie haben sich dorthin aufgemacht, wo beides existiert, oft genug auf ihre Kosten. Europa steht am Scheideweg und dabei geht es um mehr als nur ein paar wirtschaftliche Vorteile. Die Staatengemeinschaft hat aber auch das Unerwarte geschafft: Der Klimavertrag von Paris könnte die Grundlage sein, die Klimaveränderung abzumildern. Und es galt Abschied zu nehmen von Menschen, die wir alle kannten. Für mich waren es vor allem zwei alte Männer, deren Zitate sie gerade gehört und vielleicht auch schon erkannt haben: Egon Bahr und natürlich Helmut Schmidt.

„Wer soll uns jetzt die Welt erklären?“ – so titelte zugegeben etwas pathetisch Die Zeit nach Helmut Schmidts Tod. Für Egon Bahr gilt dies in meinen Augen nicht minder. An beiden knüpft sich ein Phänomen an, das erst einmal erstaunlich ist. Es ist aber auch der Grund, warum ich die beiden und vor allem ihr Wesen, ihre Wirken etwas genauer unter die Lupe nehmen will. Denn beim Tod Helmut Schmidts zeigte es sich endgültig: Dieser alte, zigarettenrauchende, manchmal etwas schroffe Mann faszinierte vor allem Menschen, die ihn als aktiven Politiker gar nicht mehr oder nicht bewusst erlebet haben. Gerade für viele Menschen der Generation unter vierzig war er eine Figur, die Orientierung bot, die geachtet wurde. Für Egon Bahr galt das vielleicht nicht ganz so prominent, aber auch wenn man ihn im Gespräch mit Menschen der jüngeren Generationen erlebte, war das zu spüren. Es gibt sogar Menschen aus diesen Generationen, die sich sämtliche Zitate Schmidts erst einmal auf ihr Smartphone gezogen haben. Was ist der Grund dafür, dass zwei alte Männer diese Rolle erhalten haben und nun genau deswegen anscheinend so fehlen? Meine Vermutung ist, dass sie ein Bedürfnis angesprochen haben, dass in Menschen meiner und der jüngeren Generation dann doch verankert ist: Das es ältere Menschen gibt, die uns an ihrer Lebenserfahrung, an dem was sie geleistet haben, was sie für Fehler gemacht haben teilhaben lassen. Das aber so, dass es für uns jüngere möglich ist, darin Orientierung zu finden für die Entscheidungen, die wir treffen müssen, die Wege, die wir einschlagen müssen. Und genau hier liegt der Grund, warum ich diese beiden alten Männer in der Predigt an diesem letzten Tag des Jahres in den Blick nehme. Denn an Sylvester stehen wir ja genau zwischen gestern, 2015 und morgen, 2016. Nicht umsonst heißen die Tage „zwischen den Jahren“. Zeit nicht nur des Rückblickes, sondern auch für den Blick nach vorne. Was wird kommen? Was wird richtig, was wird falsch sein? Für mich, für unser Zusammenleben?

Ich kann gar nicht anders, als diese Fragen immer auch zu verstehen, als die Frage nach dem was ein Segen für mich, für uns ist. Gerade auch angesichts des heutigen Predigttextes: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.“

 

Der Segen Gottes – wo haben wir ihn im vergangen Jahr erfahren? Oder, verbunden mit dem Wort Gottes an uns „Ihr sollt ein Segen sein“ noch viel spannender gefragt: Wo waren Menschen für uns ein Segen, wo waren wir Segen? Und: Wo können wir morgen, 2016 ein Segen sein?

Helmut Schmidt hätte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber in seiner Art kam er wohl dem sehr nahe, gerade auch in den letzten Jahren für Menschen, die viel jünger waren und sind als er: ein Segen, ohne dass ihn das zum unangreifbaren Heiligen macht. Wie bereits gesagt, er hätte das abgestritten, aber aus christlicher Sicht kann man das in meinen Augen genau so sagen: Wenn ein alter Mensch wie Helmut Schmidt ein Punkt der Orientierung ist, der einem selber hilft Entscheidungen zu treffen, Meinungen zu bilden, dann ist er ein Segen. Und so war ein Mensch wie Helmut Schmidt ein Segen in den letzten Jahren und soll stehen für all die weniger oder gar nicht bekannten Männer und Frauen der älteren Generation, die für uns Jüngere genau das waren und sind. Weil sie diese ganz besondere Mischung haben, die sie für uns Jüngeren zum Segen machen. Helmut Schmidt war dafür ein wunderbares Beispiel. Die Mischung aus Zutaten wie: Uns teilhaben lassen an der eigenen Lebenserfahrung, dem eigenen Tun; an dem Stolz über das Geleistete, aber auch an der Demut gegenüber der eigenen Schuld. Helmut Schmidt hat mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Terror der RAF den entscheidenden Schlag verpasst. Hat aber dafür auch das Leben von Hans Martin Schleyer geopfert. Eine Schuld, die er zeitlebens trug und über die er glaubwürdig sprach. Das gilt auch für das Leben mit seiner Frau.

Stolz auf die eigenen Ideen und Überzeugungen, wie man Probleme gelöst hat, Demut, dass diese Ideen und Überzeugungen solche der Vergangenheit sind; sie immer wieder in Frage gestellt werden müssen und auch dürfen.

Stolz auf die eigenen Eigenheiten, Demut, das sie nicht für alle gelten können. Ich konnte kein Zitat finden, wo Helmut Schmidt behauptet hätte, das Rauchen gesund sei.

Stolz auf die eigenen Entscheidungen, die damals die richtigen erschienen und wo man die Macht auch hatte, sie zu fällen und durchzusetzen. Dass man die Situation richtig erkannt, richtig eingeschätzt hat. Demut, dass nun die Jüngeren diese Entscheidungen fällen und umsetzen müssen. Ihnen zuzugestehen, ihre eigenen Fehler zu machen. Gerade auch im Bewusstsein, dass es immer die Aufgabe der Nachfolgenden ist, die Fehler der Vergangenheit zu erkennen, zu benennen und aus ihnen zu lernen. „Sie haben einem uralten Mann zugehört. Sie müssen ihn nicht unbedingt ernst nehmen.“, so Helmut Schmidt

Das sind wohl einige der Zutaten, die Menschen wie Helmut Schmidt zu etwas werden lassen, was Gott für seine Welt, uns Menschen will: Dass wir zu einem Segen werden. Und dafür ist sie nötig, diese Mischung aus Stolz und Demut. Stolz, denn Segen bedeutet Kraft. Kraft, für andere da zu sein. Kraft, die sich auf andere überträgt. Demut, denn der Segen hängt letztlich nicht an mir, an meinen Leistungen, es ist ein Geschenk.

Diese Mischung, das ist aber letztlich das Entscheidende, sie darf nicht mit dem schleichenden Gift der Verbitterung durchsetzt sein. Das verdirbt alles. Verbitterung, darüber, dass sich die Dinge weiter entwickelt haben, die Welt sich jeden Tag verändert. Nichts für die Dauer ist. Denn diese Verbitterung macht hart, verschließt das Herz. Sucht nach Schuldigen für die Veränderungen und findet sie oftmals in den Jüngeren. Vertieft so noch den Spalt zwischen den Generationen, der ja genauso oft von uns Jüngeren aufgerissen wird. Die Verbitterung, sie verdunkelt nicht nur das Herz der Älteren, sondern auch unser. Wie sollen wir denn den Mut finden, die Dinge anzupacken, wenn uns keine konstruktive Kritik entgegenbracht wird, sondern nur der Vorwurf, es nicht richtig zu machen? Wie sollen wir den Verheißungen, dem Segen Gottes trauen können, wenn wir erleben müssen, dass Verbitterung sie so zugedeckt haben? Wie sollen wir hoffen können auf die Kraft des Lebens, wenn wir erleben wie Verbitterung alles Leben in Starrsinn erstarren lässt? Wie sollen wir glauben dürfen, dass Gott uns frei macht, wenn Verbitterung wie schwere Ketten alles lähmt? An den Älteren können die Jüngeren lernen, wie Glaube und Hoffnung in die Freiheit führt, das Leben wachsen lässt, so dass aus den Enttäuschungen und Wunden des Lebens nicht das Gift der Verbitterung wird.

So können Menschen der älteren Generationen zum Segen für uns jüngere werden. So waren sie es 2015 und werden es auch in 2016 sein, als Hilfe und Orientierung bei unseren Entscheidungen, bei unseren Ideen. So können sie zu gemeinsamen Entscheidungen und Ideen werden. Möge uns so der Segen Gottes tragen in der Zeit vor uns, in aller Welt, aber gerade auch in unserer Kirchengemeinde Eppendorf-Goldhamme.

Segen für einander sind wir aber auch, wenn wir die schönen Momente des Lebens feiern, so wie in der  Silvesternacht. Wenn wir das neue Jahr, das unbekannte Land vor uns fröhlich begrüßen, in der Hoffnung und dem Vertrauen, dass uns im nächsten Jahr der Segen Gottes begegnen wird. Vielleicht in einem Menschen der irgendwo auch den Raketen am Nachthimmel hinterherschaut.

Predigt zu 1Joh 1,1-4 (Hl. Abend 2015

Nun stand er vor mir auf dem Teller, die Haut leicht labberig umrahmt von Salzkartoffeln. Oh ja, es war wieder Weihnachten und vor mir stand er, der übliche Gast zum Mittagessen am Heiligen Abend. Von Muttern persönlich vor einigen Tagen zubereitet, noch zwei Tage später war es zu riechen und nun wartet er auf mich, nur ich nicht auf ihn: Der traditionelle Heilig Abend Brathering zum Mittagessen. So auch in diesem Jahr. Ich war so in der Lebensphase zwischen sehnsüchtigem Warten und kaum zu stillender Ungeduld auf die Bescherung und pubertärer Totalverweigerung des Weihnachtsfestes. Und nun also der Brathering. Aber in diesem Jahr gab es Rettung. Gerade als wir uns ihm widmen wollten, schellte das Telefon. Wir schauten uns überrascht an. Mein Vater erhob sich schließlich und ging ans Telefon. Aufgrund des sofort ansetzenden Schreiens meines Vaters, wussten meine Mutter und ich es genau: Es war die Arbeit, die Zeche, genauer gesagt direkt von Untertage. Es gab nämlich nicht die Möglichkeit das Telefon von Untertage direkt mit dem Festnetz zu verbinden, so wurden in der Grubenwarte einfach die beiden Hörer zusammen gehalten. Verständigung war daher nur durch so lautes Geschrei möglich, dass die gesamte Straße wusste: Bei Pernaks ruft der Pütt an. Und so auch jetzt mitten in der Vorbereitung auf den Heiligen Abend. Es war nicht zu überhören: „Ja, was Schrauben am Flansch abgerissen, keine neuen vor Ort. Muss noch vor dem Ausfahren der halben Schicht zu Weihnachten gemacht werden. Ja, Scheiße, ich komm. Auf.“ Alles klar, mein Vater musste also zur Zeche und zwar jetzt und sofort. Mir kam sofort die rettende Idee für meine missliche Lage: Zur Zeche war es zu Fuß über die Felder ungefähr 45 Minuten für eine Strecke. Das würde reichen für die Schrauben. Was aber viel wichtiger war, wir wären erst so zurück, dass es angesichts des Weihnachtskuchen und der Bescherung zu spät für den Brathering wäre. Und noch ehe mein Vater sagen konnte, dass er nochmals zum Pütt musste schoss es aus mir heraus: Nimm mich doch mit und lass uns zu Fuß gehen. Und mein Glück war vollständig, mein Vater hielt das auch für eine wunderbare Idee. Und los ging es zu einer Wanderung, die ich nie vergessen werde.

Schnell hatten wir uns angezogen und waren losgezogen, es war merklich kälter geworden. Gleich direkt in das kleine Wäldchen hinter unserer Straße. Kein Mensch war mehr unterwegs. Als wir aus dem Wald auf das freie Feld traten, scheuchten wir ein paar Rehe auf. Von nun an wies uns der schwebende Weihnachtsbaum den Weg. Der Platzwart auf dem Zechenhof hatte ihn schon angestellt, jenen Weihnachtsbaum ganz oben auf dem Schachtgerüst. Und jetzt fing es auch leicht an zu schneien, ganz leicht, ein feiner, weißer Teppich legte sich über die Felder. Schweigend gingen wir den Feldweg entlang bis zum Kanal, bogen links zur Brücke ab, und gleich hinter ihr an der Zechenmauer entlang bis zum Tor. Auch der Zechenplatz war schon mit Schnee überzogen, zwei, drei Kumpels kamen uns entgegen, eine kurzes „Auf“ und „Schöne Weihnachten“ wurde gewechselt. Wir stiegen in den Lagerkeller unter dem Hauptgebäude und standen vor dem Schrank mit jenen ominösen Schrauben für irgendeinen Flansch. Mein Vater suchte zunehmend hektisch in den Taschen – Schlüssel für das Schrankschloss vergessen. Wieder nach Hause und zurück – das würde zu lange dauern. Dann lernte ich den berühmten Zechenpragmatismus kennen: Hoch in die Steigerkaue, Bolzenschneider und ein anderes Schloss geholt, Schloss geknackt. Danach wurde der Schrank wieder verschlossen, das geknackte Schloss in die Kiste für die Schlosserei geworfen, versehen mit dem Zettel: „Einmal Schweißen.“ Dann noch zur Hängebank, der Korb war schon da. Schrauben drauf, Tor zu, der Anschläger gibt das Signal, wir sehen, wie der Korb in die Tiefe fällt. Kurze Verabschiedung und wir machen uns auf Weg nach Hause. Mein Vater und ich, zwei Gestalten auf dem Feld im Fallen der Schneeflocken und der beginnenden Dämmerung. Im Rücken den Weihnachtsbaum hoch oben auf dem Schacht, vor uns die Aussicht auf Kuchen. Wenn mal einer ne idyllische Szene für nen Weihnachtsfilm aus dem Ruhrgebiet sucht, soll er sich bei mir melden.

Ab jenem Heilig Abend gab es eine neue Tradition, ohne dass groß darüber gesprochen wurde, denn wir gingen beide jedes Jahr den gleichen Weg wieder zum Schacht hin und  zurück. Nach einigen Jahren war da kein Weihnachtsbaum mehr, sondern nur noch ein einsames Rohr in der Landschaft. Dann wuchs ein Industriegebiet um das Rohr herum, aber wir gingen jedes Jahr den gleichen Weg. Eine Zeitlang mit dem ersten Enkel, dann mit dem zweiten, dann waren wir wieder zu zweit – geschneit hat es nie mehr. Heute gehe ich den Weg allein zu Weihnachten – einmal zum Schacht und zurück.

Und ich habe dabei über die Jahre etwas sehr wichtiges über Weihnachten gelernt, und daher habe ich ihnen auch  meine Weihnachtsgeschichte erzählt: Weihnachten, der Heilig Abend wird durch das Leben hindurch immer mehr zu einem Ort der Vergangenheit, der Erinnerung. Die Erinnerung wie man diese besonderen Tage als Kind erlebt hat. Die Erinnerung an das Schöne, was sich mit diesem Tag verbindet. Über die Jahre stellt sich auch ein wenig Verklärung ein. So bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, aber es könnte sein, dass meine Mutter stinksauer war über meine Flucht vor dem Brathering.

So ist diese besondere Nacht eine, in der das Vergangene ganz besonders deutlich wird, lebendig wird. Die meine Gegenwart diese Weihnacht 2015 bestimmt. In dankbarer Erinnerung oder in wehmütiger Melancholie. Und das vielleicht noch stärker in diesem Jahr, wo immer mehr uns vor Augen steht, dass große Veränderungen geschehen.

Und dieser Blick zurück, er passt ja auch zu diesem Abend, an dem immer wieder eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählt wird. Die Geschichte von dieser nächtlichen Geburt in einem namenlosen Stall irgendwo bei Bethlehem. Durch die Jahrtausende ist sie gewandert, diese Geschichte. Bilder, Erwartungen, Hoffnungen haben sich dabei an ihr gesammelt. Und so trifft diese Geschichte aus der Zeit, aus der Vergangenheit an diesem Tag auf unseren Blick zurück in unsere Zeit, in unsere Vergangenheit. Und unsere Erinnerungen stellen sich zu der Geschichte von der Krippe in Bethlehem.

Vergangenheit und Gegenwart, nie sind sie enger miteinander verbunden als in dieser Nacht. Das ist das Geheimnis, das kaum zu ergründen ist, diese Geschichte aus einer fernen Vergangenheit, die heute in  unsere Gegenwart ankommt. Angereichert mit all den Geschichten, die wir mit dieser Nacht verbinden, so liegt sie vor uns, wie jedes Jahr.

Wie jedes Jahr können wir sie hören diese Geschichte der Jahrtausende. Ihr Geheimnis, dass es Gott selber sein soll, der in dieser Krippe geboren ist. Dass es wahr sein soll, dass der Schöpfer der Welt kein fernes Wesen, keine gestaltlose Macht ist, sondern mitten unter uns ist. Dass es wahr sein soll, dass in dieser Geschichte das Ende aller menschlichen Verstrickungen, all unserer inneren Verknotungen erzählt wird. Dass nicht ich dafür sorgen muss, diese Geschichte zu glauben, sondern mir dieser Glaube geschenkt wird. Wie jenen Hirten, von denen uns erzählt wird. Der Glaube, der mich den einen Grundton dieser Geschichte hören lässt: Liebe. Die Liebe, die Gott selbst ist. Der Glaube, der den tiefen Trost schenkt, dass all meine Melancholie, aller Schmerz, dass ich nun Weihnachten alleine den gewohnten Weg gehen muss. Das es auch keinen Weihnachtsbaum auf dem Schacht gibt der mir den Weg weist. Dass das alles in dieser Liebe aufgenommen ist. Dass es zwar vergangen ist, aber nie vergessen.

Und dann, ja dann können wir auch sehen, wohin diese Geschichte gerichtet ist und wir verstehen: Dies ist kein Geschichte aus der Vergangenheit, die in unserer Gegenwart für diesen Abend, diese Stunde erklingt und dann wieder in die Dunkelheit der Jahrtausende verschwindet. Sie ist nach vorne gerichtet, in die Zukunft, in unser Leben, in das Leben der ganzen Welt. Sie will uns tragen in die Zukunft, in das was vor uns liegt, worauf wir uns freuen, was uns Angst macht. Bis an jenes große Ziel aller Welt.

Es ist das Geheimnis dieser Nacht, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ganz nahe zusammentreten und sich miteinander verbinden. Es ist das Geheimnis dieser Nacht, dass die Vergangenheit uns jetzt sagt: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Das trägt uns in die Zukunft, gestärkt und getröstet durch diese geheimnisvolle Nacht.

Verfasst von: achterosten | 18. November 2015

Raus aus dem Horror (Predigt zu Matthäus 7, 12-20)

 

Liebe Gemeinde, aus dem Matthäusevangelium:

„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden! Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.  Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

 

Texas Chain Saw Massacre, Poltergeist, Armee der Finsterin, Tanz der Teufel, Freitag der 13., Braindead – sagt ihnen das was? Alles Horror und Splatterfilme. Auch wenn die ihnen jetzt konkret nichts sagen, sie kennen aber bestimmt die Zutaten solcher Filme: Jugendliche, gerne in der Mischung smarte Jungs und Mädchen, die aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen immer leicht bekleidet durchs Bild laufen, ein großer Wald / Wildnis, in der sie sich verlieren, kommen zu einem Haus mit merkwürdigen Bewohnern und dann beginnt der Wahnsinn: die Kettensäge singt, das Messer ist gewetzt und unter der Verwendung von Kubikmetern von Theaterblut haucht einer nach dem andern der smarten Jugendlichen nach aufregender Hetzjagd sein bzw. ihr Leben aus. Am Ende gelingt immer einem der jungen Mädchen die Flucht, entweder nach vorheriger ebenso grausamer Erledigung sämtlicher Horrorgestalten oder man verzichtet auf diese. Vielleicht weil das Kunstblut ausgegangen ist. Das ist das Genre der Horror- und Splatterfilme – eine Erfindung der Gehirne komischer Filmemacher der letzten dreißig, vierzig Jahren? Weit gefehlt. Wer mal seinen Gang in Kunstmuseen lenkt, aufmerksam durch mittelalterliche Kirchen läuft oder ein Bildband zur Geschichte der Malerei in die Hand nimmt der wird dort ähnliches finden: Menschen, die dem wahren Horror ausgesetzt sind. Da wird geröstet, aufgeschlitzt, aufgefressen und zerteilt was die Farbe nur so hergibt. Und das alles wird mit einem konkreten Ort verbunden: der Hölle. Dem Ort des Horror und des Splatters unser Vorfahrinnen und Vorfahren. Zeichen der Wirkungsgeschichte unseres Glaubens. Ausgehend auch von Texten wie dem heutigen Predigttext. Sein Bild vom breiten Tor und engem Pfad. Nur im Gegensatz zu unserem genußvollem Gruseln auf der heimischen Couch verbunden mit der realen Angst, diesem Horror ausgesetzt zu sein. Und so krochen sie alle an Tagen wie diesem in die Kirchen, unsere Vorfahren im Glauben, auf ihren Knien, mit gebeugtem Haupte, voll mit Angst in diese Hölle zu müssen. Voller Angst vor dem der dies entscheiden wird, Gott, der Richter. Jede einzelne, jeder einzelne wird vor ihm stehen und wer soll schon in diesem Gericht mit Freispruch rechnen? Schwer wiegen all die kleinen und großen moralischen Vergehen. Voller Angst kamen sie in die Kirchen und wie gut ließen sie sich mit dieser Angst lenken, von der Kirche und den Mächtigen. Und um ihnen dieses auch noch mal klar zu machen, wurden Tage wie der heutige gefeiert: Büßen und Beten soll das Volk, damit sie brave Untertanen, brave Schafe ihrer Kirche sind.

 

Wie fern scheinen uns heute solche Vorstellungen, wie abstrus. Jahrhunderte der Aufklärung, des Sieges über diese Angst vor der Hölle liegen dazwischen. Hölle – das hat seinen Horror verloren, keiner von uns geht davon aus, einmal an einem Ort zu landen, wo er gebraten, zerteilt oder sonst was wird. Hölle – das sind für uns eher Orte des Diesseits. Hölle – das sind reale Orte der Vergangenheit oder Gegenwart. Hölle – kein Ort der uns nach dem Tod erwartet. Das Thema ist abgeschlossen, höchstens noch von Interesse für Historiker und Kulturwissenschaftler.

Und so sind uns auch Texte wie der gerade gehörte eher fremd. Ist er doch so eng durch die Zeit hindurch verwoben mit der Vorstellung einer Hölle.

Aber wir haben nicht nur das Stichwort „Hölle“ ad acta gelegt, sondern gleich noch etwas anderes: die Idee des Gerichtes Gottes. Die Vorstellung, dass wir alle nach unserm Tod vor den Richter müssen und unser Leben „beurteilt“ wird. Ein zentraler Punkt des christlichen Glaubens, der christlichen Tradition. Uns genauso fremd, wie die „Hölle“ und daher, ab ins Archiv damit.

Es wäre Schade drum, wenn diese zentrale Bestandteil christlicher Glaubensvorstellung dort bleiben würde. Wir berauben  uns und andere um einen großen Trost unseres Glaubens. Dass nämlich nicht Opfer immer Opfer, Täter immer Täter bleibt. Dass nicht unser eigenes Urteil über unser Leben, das Urteil anderer Menschen über uns für immer und alle Zeiten stehen bleibt. Dass nicht all die schlimmen und miesen Dinge, die im Dunkeln, hinter verschlossenen Türen geschehen dort im Dunkeln, im Verborgenen bleiben sondern an das Licht geholt werden. Das ist der Trost bei dem Bild des göttlichen Gerichtes. Nicht die kleinliche Beurteilung all der kleinen und größeren moralischen Fehltritte jeder und jedes von uns. Da geht es doch nicht um die Frage, ob sie mal bei Rot über die Ampel gefahren sind. Da geht es nicht darum, irgendwelche dreckige Wäsche zu waschen. Hier geht es nicht darum, ein Strafmaß festzulegen für irgendwelche Taten, hier geht es um vielmehr: Taten endgültig und vollumfassend zu benennen und Tat und Täter, Tat und Opfer zu trennen.

Dies ist kein menschliches Gericht und hat gar nichts mit juristischen Vorstellungen zu tun. Hier gehen Recht und Gerechtigkeit, Gnade und Urteil eine unauflösliche Verbindung ein.

Hier bleiben all die Opfer nicht Opfer, hier wird der Täter klar benannt. Oder man muss es besser sagen: Hier wird für jede und jeden klar benannt wo er Opfer und wo er Täter war. Denn das gehört doch auch zu uns als Menschen, dass viele beides sind: Opfer und Täter. Menschen in beides verstrickt sind. Das gehört zu unserem Sein als Menschen. In diesem Gericht wird beides endlich entwirrt, die Verknüpfungen gelöst. Es wird uns jeder Faden klar vor Augen gestellt. Es bleibt nichts im Verborgenen, kann nicht mehr im Dunkel vor sich hinmodern und sein Gift verströmen.

Das ist sozusagen das Verfahren, unauflöslich damit verbunden aber ist das Urteil, das allerletzte was über uns gesprochen wird, nachdem alle Fäden unseres Seins, unseres Tuns und Lassen entwirrt wurden. Und das ist das Entscheidende, die große Verheißung: Dieses Urteil wird eines voller Gnade, voller Liebe sein. Und Gnade nicht im Sinne von falscher Nachsicht, falschem Verständnis, Mitleid, sondern echte Gnade. Ein Urteil, dass uns endlich frei spricht von all den falschen Urteilen, die über uns gefällt werden oder die wir selber fällen. Ein Urteil frei von all der unmenschlichen Härte der menschlichen Urteile über uns.

Denn das ist meine Beobachtung: Wir haben das gnädige Gericht Gottes über uns Mensch nicht nur zu den Akten gelegt, sondern durch ein menschliches Gericht ersetzt. Meiner Wahrnehmung nach ist eine unserer größten Ängste, dass am Ende unseres Lebens über unserem Leben das Urteil steht, dass wir unser Leben vertan haben, den Ansprüchen nicht genügt haben. Und um wieviel härter ist dieses Urteil, wenn wir es selber über uns fällen. Wenn wir die gesteckten Ziele nicht erreicht haben, sie verfehlt haben. Wie auch immer diese Ziele ausgesehen haben. Man einsehen muss, die Prioritäten doch falsch gesetzt zu haben. Und dann? Bleibt dann dieses Urteil stehen? Ist es dann die Überschrift über mein ganzes Leben? Wie hoffnungslos, wie ungnädig wäre das, wie sehr wäre alle Angst vor diesem Urteil berechtigt. Erheben wir uns daher nicht so sehr über unsere Vorfahren: Was ihre Angst vor dem jenseitigen Gericht und der Gang in die Hölle war, ist unsere Angst vor dem diesseitigen Urteilen über uns und unser Leben. Befreiung von der Angst, die gab es nicht. Natürlich muss klar sein, solche Aussagen gelten weder für damals noch für heute pauschal: Die Angst war und ist von Mensch zu Mensch und in bestimmten Lebensphasen weniger präsent. Aber sie war und ist real, hinterließ und hinterlässt Spuren ihres lähmenden Giftes.

Wie befreiend dann der Glaube an ein Gericht, dass nicht dem Prinzip unserer Gerichten über unser Leben folgt, sondern dem Prinzip der Gnade, der Liebe.

Vielleicht sollten wir doch nochmal ins Archiv steigen, die alte Akte hervorholen, lesen von dem Bild des harten Gerichtes und einem gnädigen Richter. Und das ganz ohne Angst vor einem Horrorort im Jenseits. Auf jeden Fall eine schönere Beschäftigung als die unser Vorfahren, die an diesem Tag voller Angst in die Kirche und zum Herrscher gekrochen kamen. Auf jeden Fall mit schöneren Früchten für die Welt und uns.

Verfasst von: achterosten | 1. November 2015

Lasst doch den Kürbis in Frieden (Predigz zu Matthäus 10, 26b-33)

Predigt zu Matthäus 10, 26b-33 (Reformationstag 2015)

 

Diese Enthüllung hier (Tuch wird von Kürbisfigur gezogen) löst ganz unterschiedliche Empfindungen bei ihnen aus. Widerstand gegen das Halloweenfest, dessen Symbol er ist. Heimliche Vorfreude auf den späteren Abend heute, denn natürlich geht man gleich schön Halloween feiern. Vielleicht ist aber Halloween schon so zur Tradition geworden, dass es manche gar nicht verwundert, dass ich ihn mitgebracht habe. Für Verwunderung sorgt eher, dass heute am Samstag Gottesdienst ist. Und dann auch gleich noch mit Abendmahl…

Wenn ich jetzt hier abbrechen würde mit der Predigt und die Diskussion eröffnen, ich bin mir relativ sicher, es würde zu einer hitzigen Diskussion kommen. Zumindest aber zu sehr emotionalen Meinungsäußerungen. Da würde dann, auch da bin ich mir sehr sicher, der Reformationstag in Frontstellung zu Halloween gebracht. Die Hitze hier im Raum würde spürbar zunehmen, wir könnten den ganzen Gottesdienst sicher mit dem Thema füllen. Oh ja, über die Frage Halloween versus Reformationstag können wir super diskutieren, uns auch empören, kein Problem. Genau das gleiche jedes Jahr an Karfreitag. Dann bei der Frage, ob an diesem Tag der ganzen Gesellschaft in unserem Land jede Art der öffentlichen Vergnügung verboten sein soll. Auch hier können wir herzlich diskutieren, da steigt der Puls, der Blutdruck schwingt sich in die Höhe.

Zwei Sachen garantiere ich Ihnen auf jeden Fall dabei. Erstens: Die Frage was denn eigentlich die Bedeutung des heutigen Tages als Reformationstag wirklich ist, würde maximal am Rande diskutiert werden, wenn überhaupt. Zweitens: Vor dieser Kirchentür, da draußen wird sich keine Einzige, kein Einziger heute Abend davon abhalten lassen, Halloween zu feiern, wenn sie oder er das will. Egal, zu welchem Schluss wir hier kommen würden.

Ich finde es sehr gut, dass das so ist. Zeigt es mir doch eines: Die Welt, die Menschen haben uns endlich eine Last, eine Rolle abgenommen, die wir uns selber aufgehalst, ja uns angemaßt haben. Denn irgendwann kamen wir Christen und Christinnen auf die komische Idee, wir hätte das Recht, ja sogar die Pflicht aller Welt zu erklären, was richtig ist. Was gut, was böse, was weiß, und was schwarz ist. Wir als die moralischen Oberlehrerinnen und Oberlehrer dieser Welt. Das Ganze hat dann immer besonders gut geklappt, wenn wir starke Beziehungen zu den Personen oder Personenkreisen mit der nötigen politischen Macht bzw. den Meinungsführern hatten. Und bitte schieben wir solches nicht in das angeblich so dunkle Mittelalter. Da zum Beispiel, wage ich zu behaupten, gab es Zeiten, da war der Einfluss der Christen und ihrer Moral gar nicht so hoch. Nein, schauen wir doch mal auf die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts und die Friedensbewegung, da war die Kirche ganz nahe am Mainstream der Meinung, nahe dran an einer weitverbreiteten Moral bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Erinnert sei hier nun an die Demo im Bonner Hofgarten, eine der größten Demonstrationen Deutschlands vor 1989. Und ob diese Nähe immer gut war, das weiß ich auch nicht so genau, wenn ich mir das gesamteuropäische Versagen angesichts des Jugoslawienkrieges ansehe.

Heute haben wir diese gesellschaftliche Rolle endgültig nicht mehr und ich sage nochmals, ich bin dankbar, dass dem so ist. Dass uns die Gesellschaft, die Mehrheit der Menschen, die mit uns in diesem Land leben, uns endlich von diesem Sockel gestoßen haben. Und in einer demokratisch verfassten Gesellschaft haben wird das auch zu akzeptieren, dass wir eine Gruppe unter vielen in diesem Land sind. Eine unter all den anderen die an der Gestaltung unseres Zusammenlebens, an der Gestalt unserer Gesellschaft gleichberechtigt mitarbeiten.

Es ist gut, dass das so ist, denn es macht uns frei. Denn nicht nur, dass die Rolle des moralischen Oberlehrers ja an sich von einer sehr gefährlichen Überheblichkeit zeugt, nein, wie anstrengend ist sie auch. Wie eng ist das Korsett, das uns da geschnürt wurde. Jetzt sind wir frei, frei unsere Rolle in der Welt neu zu bestimmen, neu  auf unsere Wurzeln zu schauen. In dieser Freiheit zu finden, was vielleicht von diesen Wurzeln her eigentlich unsere Aufgabe ist. Und wann, wenn nicht an einem solchen Tag wie heute, wäre dazu eine wunderbare Gelegenheit. Denn, aber das nur am Rande, wir sind auch kein Luther-Gedächtnis-Verein, der sich an diesem Tag nur einem höchst fraglichen angeblichen historischen Ereignis erinnert. Denn wenn wir Pech haben, gab es heute gar kein höchst dramatischen Thesenanschlag, sondern maximal einen Brief des Theologieprofessors und Mönches Martin Luther an seinen Bischof Albrecht von Brandenburg mit der Zusammenfassung seines theologischen Nachdenkens in 95 Thesen. Und heute ist auch schon gar nicht die Geburtsstunde der evangelischen Kirche, keiner der Reformatoren hatte jemals die Absicht einer Kirchenspaltung. Blamieren wir uns also nicht mit der Pflege gewisser historischer Mythen, sondern nutzen wir den Tag heute doch dazu, in die Zukunft zu schauen. In der neuen Freiheit, die uns geschenkt wurde. Zu schauen, was uns eigentlich ausmacht, eigentlich unser Auftrag ist, heute als evangelische Christinnen und Christen.

Bei dieser Frage wählt das Matthäusevangelium harte und schonungslose Worte. Ich will sie nochmal vorlesen: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“

Da hören wir es ganz klar, „Bekennen“ ist unsere genuine Aufgabe. Das ist unsere Rolle in dieser Welt wenn wir Gemeinde Gottes, Gemeinde Jesu Christi sind und gerade nicht ein Luther-Gedächtnis-Verein. „Bekennen“ in der Welt, das wird hier in aller Drastik gesagt, ist unsere Rolle. Versuchen Sie sich zu lösen von dem Bild, dass dieser Text mit der Angst unserer Vorfahren vor der Hölle argumentiert. Das vermutete Schema: Du musst brav dich zu Gott in der Öffentlichkeit bekennen, koste es was es solle, sonst landest du in der Hölle, ist das Prinzip christlicher schwarzer Pädagogik der Vergangenheit, aber nicht  Prinzip dieser Worte.  Ganz im Gegenteil und das ist für uns zugegeben heute schwer zu verstehen, aber der Hinweis auf die Hölle und Gottes Macht soll nicht Angst machen, sondern Kraft, Trost schenken. Damit wir den Mut haben, den das „Bekenntnis“ braucht. Denn es geht nicht um die Hölle, eine Vorstellung die uns heute zu recht fremd ist. Der Hinweis auf die Macht Gottes zeigt vielmehr, wer wirklich die Macht über unser Leben hat. Nicht die, von denen wir das vermuten, vor denen wir Angst haben. Denen wir sogar zutrauen, dass sie uns ganz und gar vernichten könnten, wenn sie das wollten. Angst die uns lähmt, gerade auch dann wenn es darum geht zu „bekennen“. Sie haben diese Macht nicht, diese Macht hat nur einer, Gott selber! Er könnte das, er hat die Macht dazu. Er wird es aber nicht tun! Er wird diese Macht nicht einsetzen, dass ist sein unverbrüchliches Versprechen an uns. Davon erzählt uns die Bibel. Das ist der Trost dieser Worte, nicht die Angst vor irgendwelcher Hochofenhitze einer wie auch immer gearteten Hölle.

Frei von der Rolle der moralischen Oberlehrerin, aufgerufen zum „Bekennen“ des einen Gottes, getröstet und gestärkt, um den Mut zum „Bekennen“ in der Welt zu haben, das ist für mich die Botschaft des Reformationstages 2015 beim Hören der Worte aus dem Matthäusevangelium.

Was bleibt, sind aber zwei ganz große Fragen, sozusagen die Fragen der Praxis: Was heißt das überhaupt „bekennen“? Und wie sollen wir wirklich diesen Mut finden? Darauf kann ich keine Antwort geben, die diese Fragen letztlich löst, aber ich kann zum Abschluss noch etwas erzählen. Navid Kermani, der bedeutende deutsche Intellektuelle unserer Tage hat vor zwei Wochen den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Seine bewegende und von politischer Klugheit geprägte Rede war gerahmt von der Erzählung von den beiden Patern Jacques Mourad und Paolo Dall’Oglio. Der italienische Pater Paolo Dall‘ Oglio hat in Syrien eine christliche Gemeinschaft in einem uralten verlassen Kloster gegründet. Männer und Frauen leben und praktizieren dort ihren christlichen Glauben. Aber nicht in Abgrenzung, sondern im liebevollen Gegenüber und Miteinander, im großen liebevollen Respekt zum islamischen Glauben, der Menschen, die dort an diesem Ort mit ihnen leben. Die Gemeinschaft erweiterte die mönchischen Grundtugenden “Gebet” (arabisch: Salat) und Arbeit (‘Amal) um die arabischen Elemente der Gastfreundschaft (Dayafa) und des Dialogs (Hiwar).  So entstand ein Ort gelebten christlichen Glaubens, gelebten christlichen Bekenntnis als Oase des Friedens. Jaques Mourad hat später mit ihm zusammen diese Arbeit fortgeführt. Als der Krieg kam, sind beide geblieben, haben versucht diese Oase des Friedens zu erhalten, haben sich für eine friedliche Lösung des Krieges eingesetzt. Paolo Dall‘ Oglio und Jacques Mourad wurden beide vom sog. IS entführt. Von Paolo Dall‘ Oglio fehlt jedes Lebenszeichen, Jacques Mourad konnte vor wenigen Wochen mit Hilfe der islamischen Bevölkerung, die genauso wie alle anderen unter dem Terror des IS leiden, aus der Gefangenschaft fliehen. Sie bekennen in ihrem Leben, in ihrem Tun den einen Gott und haben den nötigen Mut dafür gefunden.

Ich kann keine genaue Antwort auf die Fragen Was heißt das überhaupt „bekennen“? Und wie sollen wir wirklich diesen Mut finden? geben, aber ich kann heute am evangelischen Reformationstag in nur in wenigen Worten diese Geschichte der beiden katholischen Pater in Syrien erzählen. Von ihrem Mut und ihrem Bekenntnis.

Wie klein erscheint da die Frage, ob wir ihm heute seinen großen Auftritt gönnen oder nicht (Kürbis hochhalten).

Verfasst von: achterosten | 25. Oktober 2015

Vor aller Moral – Predigt zu Matthäus 5, 38-48

Predigt zu Matthäus 5, 38-48 (XXI. So. n. Tr.)

Liebe Gemeinde, jetzt schließt sich langsam der Pfad. Die Herbststürme wühlen das Mittelmeer auf. Frost, Schnee und Eis legen sich auf den Balkan und versperren den Weg. Wer sich jetzt auf die Flucht begibt, nimmt ein noch höheres Risiko für Gesundheit und Leben in Kauf als eh schon mit diesen Wegen verbunden ist. Wer es bis jetzt nicht geschafft hat, für den heißt es weitere Monate ausharren in Krieg und Elend oder in überfüllten Auffanglagern. Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Wochen weniger Menschen zu uns kommen als in den Monaten des Sommers. Auch wenn die Bilder aus Kroatien und Slowenien momentan vor Augen stehen. Bis zum nächsten Frühjahr und Sommer, wo mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder viele Menschen ihr ureigenes Recht als Mensch in Anspruch nehmen werden: Nicht dort zu bleiben, wo sie in Krieg, Verfolgung und Elend leben.

Es ist an der Zeit uns bis dahin für uns klar zu werden, was das für uns hier in Deutschland bedeuten wird. Für unsr Christinnen und Christen ist es an der Zeit, uns klar zu werden, was unser Glaube eigentlich zu uns in dieser Situation zu sagen hat. Ich will heute mit ihnen im Rahmen des diesjährigen Diakoniegottesdienstes die Zeit für ein paar Gedankenanstöße nutzen.

Zu Beginn kann ich Sie dabei auch ein bisschen beruhigen: Sie werden nicht von mir den nächsten moralischen Appell hören, dass wir uns um Flüchtlinge zu kümmern haben. Gerne auch mit dem etwas kurz gesprungenen Hinweis darauf, dass Jesus angeblich auch Flüchtling war. Dass uns diese Geschichte nämlich in der Bibel erzählt wird, hat weniger mit dem Aufruf zur Flüchtlingshilfe zu tun, sondern vielmehr damit, dass damit theologisch zu der Bedeutung von Jesus etwas gesagt werden soll. Aber das nur am Rande.

Auch der Hinweis, man könne die biblischen Texte, die zum Schutz des Fremden aufrufen, ein zu ein als Beleg für diesen moralischen Appell heranzuziehen, ist leider nur die halbe Wahrheit. Denn was in der Bibel unter dem „Fremden“ verstanden wird, hat nur wenig mit den Menschen heute zu tun, die aus anderen Ländern, anderen Regionen der Welt stammen und bei uns leben, zu uns kommen

Dass sie mich nicht falsch verstehen: Dass Menschen das Recht haben, in unserem Lande Zuflucht zu finden, dass wir verpflichtet sind, ihnen zu helfen, steht für mich absolut nicht in Frage. Auch dass wir in keinster Weise unsere „Heimat“ gegen die „Fremden“ verteidigen müssen, ist mehr als klar. Gerade für uns hier im Ruhrgebiet, die wir fast alle aus Familien mit Wanderungs- und Fluchtgeschichten stammen. Darum aber soll es mir heute angesichts des Textes aus dem Matthäusevangelium, den wir  gehört haben, gar nicht gehen. Denn diese Position entspringt einer allgemeinen bürgerlichen Moral der humanitären Grundhaltung. Diese findet vielleicht einen Teil ihrer historischen Wurzeln in der christlichen Kultur, aber genuin christlich ist sie nun wiederum auch nicht. Muss sie auch gar nicht. Wichtig ist zunächst, dass den Menschen in der akuten Not geholfen wird. Aus welchen Gründen ist da doch erst einmal zweitrangig.

Aber vor uns steht eine viel größere Aufgabe, eine viel größere Herausforderung: Die Veränderung unserer Gesellschaft. Es kann und wird nicht sein, dass alles bleibt wie es ist. Unsere Gesellschaft in einem der wenigen reichen Länder dieser Welt wird sich verändern. Da brauchen wir gar nicht mehr das Wort „müssen“ ergänzen. Sie wird es einfach und es ist auch höchste Zeit dafür. Und das hat nicht nur mit den Menschen zu tun, die zu uns kommen, sondern mit ganz vielen anderen Faktoren. Ich nenne nur den Klimawandel, soziales Ungleichgewicht, Verschwendung von Ressourcen etc. Wir stehen am Scheideweg. Da ist es doch höchste Zeit, dass wir Christinnen und Christen der Frage nachgehen, wie das Wort Gottes, der Glaube sich dazu verhält. Und das, wie bereits gesagt, nicht in allzu vorschnellen moralischen Appellen, die alle so vernünftig klingen, die am Ende aber wenig an unserem Verhalten ändern. Das entscheidende geschieht doch vor aller Moral, das entscheidende geschieht doch in unserem Herzen. Das entscheidende ist doch der Grund,, unser persönliches Fundament, mit dem wir auf die Welt schauen.

Lassen sie uns angesichts dessen noch einmal auf diese radikalen Worte aus dem Matthäusevangelium hören: „Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

Das, was hier gesagt wird, ist an Radikalität nicht zu überbieten. Nicht umsonst hat man immer wieder versucht, es abzuschwächen mit allen möglichen theologischen Tricks. Da ging es dann auf einmal angeblich nur um die persönlichen Feinde, nicht aber um die Feinde von außen in Kriegsfall etc. Oder der Text wurde gleich als ganz realitätsfern abgestempelt oder als Vision für eine zukünftige Welt verstanden, die jetzt aber noch nicht da ist. Und das kommt ja wohl auch dem nahe, was wir so denken, wenn wir diesen Text hören. Aber wenn er gar nicht zuerst darauf abzielt uns zu so einem Verhalten aufzurufen, sondern eher eine Beschreibung dafür ist, was mit einem Menschen passiert ist, der sich so verhält? Wenn wir diesen Text erst einmal als Beschreibung hören, nichtdenn als Appell? Was müsste mit einem Menschen passiert sein, der sich so verhält?

Das Geheimnis liegt im letzten Satz: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Der Mensch, der uns hier vor Augen gestellt wird, ist schier überwältigt worden von Gott. Der Mensch, der uns hier vor Augen gestellt wird, ist kein moralisches Vorbild, sondern er hat die unbedingte, voraussetzungslose Liebe Gottes erfahren. Sie ist ihm ohne Abstriche geschenkt worden und in seinem Herzen verankert. Sie oder er hat die alles überstrahlende Erkenntnis, von Gott ohne Abstriche, ohne Wenn und Aber geliebt zu sein. Das Geschenk des unbedingten Angenommenseins. Eine solche Frau, ein solcher Mann wird hier durch die Worte Jesu beschrieben. In ihr, in ihm steht uns der Kern des Christentums vor Augen. Nicht Moral, nicht Weltverbesserung ist der Kern unseres Glaubens, sondern das Geschenk der Liebe Gottes. Das ist der Ausgangspunkt, das Fundament von dem alles weitere dann ausgeht. Das ist der Ausgangspunkt diakonischen Handelns, dass sich als solches versteht. Denn die Liebe kann nie bei sich selber bleiben, eine solch überwältigende Liebe, sie kann nicht ohne Antwort bleiben. Sie will mit Liebe antworten. Sie fließt über, sie strahlt aus. Sie befreit von dem Kampf um sich selber, das Kämpfen, sich selber liebenswert machen zu müssen.  Sie schenkt die Fähigkeiten, eine Ethik, ein Verhalten zu entwickeln, wie die, von der wir im Bibeltext gehört haben.

Und sie ist der entscheidende Punkt, bei der Frage, wo stehen wir als Christinnen, Christen angesichts der kommenden grundlegenden Veränderungen? Sie ist der entscheidende Punkt allen diakonischen Handelns. Nicht eine bürgerliche-humanitäre Moral. Was nicht als Bewertung dieser zu verstehen ist, überhaupt nicht. Aber wenn wir uns als Menschen des christlichen Glaubens verstehen, dann kann sie nicht Grundlage unseres Denkens und Handelns sein, Grundlage kann dann nur die Liebe Gottes zu uns Menschen sein. Und dann kommen wir um eine gewisse Radikalität auch nicht herum. Das kann man nicht klein reden oder irgendwie in weichere Worte und Bilder packen. Ich jedenfalls kann das nicht, in kann es nur in aller Schroffheit, wie es auch die Bibel zeichnet, benennen.

Damit komme ich aber wieder zum Anfang zurück: Dies Geschenk der Liebe Gottes ist das Fundament auf dem wir stehen bei unserem Nachdenken. Es ersetzt aber nicht das Nachdenken. Dieses Fundament ist keine Sozialpolitik. Es ist nicht die Antwort auf die Frage nach einer Strategie im Kampf zur Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit in der Welt. Es ist keine Ideologie, kein politisches Programm. Sondern es ist die Grundlage, von der wir solches entwickeln können. Das schöne dabei: Wir können das ganz ohne ein Herz voller Angst. Denn Liebe, die uns geschenkt wird, überwindet die Angst. Auch die Angst vor den Fremden, dem Fremden.

Verfasst von: achterosten | 29. September 2015

Von Zucchinis und Fischen (Predigt zu Lukas 5, 1-11)

Predigt zu Lk 5, 1-11 (Erntedank, 27.IX.2015)

 

Sie und Ihr kennt dieses Gemüse (Zucchini hochhalten). Dieses Gemüse und ich, wir haben immer schon eine ganz besondere Beziehung, die in diesem Jahr aber noch mal intensiver geworden ist. Unsere Beziehung ist nämlich jedes Jahr von dem gleichen Ritual bestimmt. Im Mai kaufe ich zwei von diesen zarten Pflanzen, zwei Keimblätter und darüber das erste paar Laubblätter. Wie verloren sehen sie auf dem Beet aus. Am nächsten Tag lassen sie sogar ein wenig die Blätter hängen. „Das wird nichts in diesem Jahr“, ist dann mein Standardsatz. Die werden es nicht schaffen, die beiden. Es ist zu nass, zu kalt, es ist zu heiß, zu trocken. Es fehlt an Insekten zur Bestäubung. Und wenn ich erst an die Monster des Gartens, die unersättlichen Killer, die Schnecken denke, vergiss es, das wird nichts. Ein paar Tage später aber zeigen sich zwei neue Blätter, na vielleicht klappt es ja doch. So geht es den ganzen Mai hindurch, den Juni, zeigt sich dann die erste Frucht, verfault die, weil sie nicht befruchtet wurde, ist es wieder da, das Mantra: „Vergiss es, das wird nichts!“ Obwohl, da zeigt sich schon ein zweite, vielleicht wird  die ja was? Und in diesem Jahr hier in Eppendorf musste ich sie sogar in eine Mörtelwanne pflanzen. Wie bekloppt ist das denn, die pure Verzweiflung angesichts fehlender Beete. Das wird erst recht nichts. Vergiss es einfach. Aber mit ein bisschen Dünger, ordentlich gießen? Wer weiß?

Und jetzt Ende September wo die Gartensaison ausläuft? Sie und ihr ahnt es: In welcher Form haben wir sie nicht gegessen. Als Salat, als Suppe, als Gemüseauflauf, in Nudelsoßen, als Füllung von Pita, eine Spezialität vom Balkan, und so weiter und so fort. Mein Bedarf an kulinarischen Genüsse mit Zucchini ist für die nächsten 10 Monate gedeckt, aber mal reichlich. Eine reiche Ernte, trotz Mörtelkiste, Schnecken und klimatischen Katastrophen wie dreitätigem Dauerregen im August. Aber eines garantiere ich ihnen und euch: Im nächsten Mai stehe ich wieder vor diesen zwei verlorenen Pflanzen und sag mir, das wird nichts: Es ist zu kalt, es ist zu trocken und erst die Schnecken, vergiss es. Obwohl im letzten Jahr, so schlecht war es doch auch nicht. Und so geht sie fröhlich weiter, meine besondere Beziehung zu diesem Gemüse in ihrem Schwanken zwischen Vertrauen und Skepsis.

Was ich in dieser Beziehung erlebe, was Petrus auf dem Schiff erlebt, es ist eine urmenschliche Erfahrung: Das Schwanken zwischen Skepsis und Vertrauen. Und wenn es ein Happy End ist, dann ist es wie bei mir und der Zucchini, wie bei Petrus und den Fischen. Wie heute wenn wir auf die reichen Gaben hier im Altarraum blicken. Wir werden überreich beschenkt, mehr als ich Rezepte für Zucchini habe, mehr als Petrus Netze hat. Welch ein Überfluss! Und wie eindrucksvoll, wie stark bewegt das unser Herz, wenn im Vorfeld eher die Skepsis überwogen hat. Im Fall mit der Zucchini ist die, wenn ich mal ehrlich bin, auch nicht so ganz angemessen. Das Zeug wächst meistens wie Unkraut, wenn die Bedingungen nur halbwegs stimmen. Bei Petrus aber, da ist die Skepsis schon weitaus berechtigter.

Und wie sehr muss das erst für unsere Haltung gegenüber Gott gelten! Denn wenn wir ehrlich sind, hier ist die Skepsis mehr als angebracht. Was soll denn für Gott sprechen, wenn wir uns so umschauen? Da erscheint das Fischen am Tage doch als harmlose Angelegenheit, die man mal ruhig als erfahrener Fischer wie Petrus angehen kann. Als Mensch aber von sich aus auf Gott vertrauen, dafür spricht nichts. Ich als Mensch kann Gott nicht vertrauen, es ist mir schier nicht möglich. Das muss doch auch mal so klar gesagt werden. Von mir aus Gott vertrauen, nein, das geht nicht. Wir Menschen können das nicht von uns aus!

Vertrauen auf Gott – das würde nur gehen, wenn er von seiner Seite aus unsere Skepsis überwinden würde. Wenn er in uns Vertrauen in ihn schenken würde. Dann ja, dann könnte dieses Vertrauen wachsen. Wenn Gott in uns den Samen legen würde. Genau in diesem Punkt fällt es, um im Bilde zu bleiben, Petrus wie Schuppen von den Augen als er die überreiche Ernte des Sees in den Netzen sieht. Von Gottes Seite aus wird das Vertrauen in ihn gesät. Wir Menschen können das nicht, aber er kann es! Und wie groß ist der Überfluss! Wie reicht wird da geschenkt! Wie voll sind da die Netze, wie groß die Ernte! Und Gott muss so reich schenken, den wir groß ist unsere, berechtigte Skepsis ihm gegenüber. Und er tut es. Er schenkt so reich, dass in uns ihm gegenüber nicht die Skepsis alleine herrscht, sondern dass es ihm gegenüber auch zu diesem Schwanken zwischen Skepsis und Vertrauen kommt. Allein, auflösen wird sich dieses Schwanken in uns nie, so wie es sich auch bei Petrus nie aufgelöst hat. Aber das ist eine andere Geschichte, die wir Karfreitag hören.

Heute wollen erst einmal feiern, dass Gott uns reich beschenkt. Mit den Gaben die uns satt machen, uns stärken, uns Freude schenken, die in uns den Vorrat auffüllen, aus dem sich unser Vertrauen ihm gegenüber nähren und wachsen kann, trotz aller Skepsis. Denn im Gegensatz zu den Zucchinis kann dieser Vorrat nie groß genug sein. Und wie bei jedem guten Vorrat erhält auch dieser ein Etikett als Erinnerung, was darinnen köstliches zu finden ist: Der Fisch, den die Kinder der Kita Himmelszelt verteilt haben.

Verfasst von: achterosten | 8. September 2015

Voller Dankbarkeit – Predigt zu Lukas 17, 11-19

Predigt Lk 17, 11-19 (06.IX.2015, XIV. So n Tr)

 

(Bild Schreibtisch verteilt)

„Ein geretteter Hauer wird von seiner Familie auf dem Zechengelände in Empfang genommen.“ So der lapidare Text, der neben dem Bild steht, welches sie nun in der Hand halten. Wo genau und wann das Bild entstanden ist, erfahren wir nicht. Die Kleidung der Menschen lässt auf die 20er oder 30er Jahre des letzten Jahrhunderts schließen. Ob es Zufall war oder der Fotograf wirklich ein Meister seines Faches, das weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist es ihm nicht nur gelungen im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken, sondern dabei auch ein wunderbares Bild komponieren. In der Mitte der schwarze Mann. Seine Augen blicken auf die Frau vor ihm, vielleicht seine Ehefrau, vielleicht seine Mutter. Nicht Freude zeigt sich in seinem Gesicht, sondern nur abgrundtiefe Erschöpfung. Unten sieht man die Hand der Frau, die Adern treten hervor, so drückt sie sie. Ein Moment tiefster Intimität. Und rechts, fast hervorleuchtend zwischen all den dunklen, schwarzen Menschen, der Junge. Ob er sich die Augen reibt weil er weint oder die Sonne abschirmt, um besser den Vater oder Bruder zu sehen? Es ist nicht genau zu erkennen.

Seit vielen Jahren steht dieses Bild auf meinem Schreibtisch, mehrfach am Tag schaue ich ganz automatisch auf dieses Bild. Es ist mein täglicher Begleiter. Und dass dem so ist, dass liegt an diesem Jungen. Aus Dankbarkeit, dass ich nicht er bin. Dass mir in meinem Leben erspart blieb, einmal in der gleichen Situation gewesen zu sein wie er. Dass meinen Vater nie der Berg unter sich begrub. Um mich an dieses Glück zu erinnern, als Bild meiner Dankbarkeit, dass dem so ist, steht es auf meinem Schreibtisch. Und als Mahnung, was wirklich zählt im Leben, gerade an den Tagen wo Lappalien,  unwichtige Kleinigkeiten zu bedeutungsschweren Elefanten durch andere der mich selber aufgeblasen werden. Der Blick auf dieses Bild, die Erinnerung an die Dankbarkeit hilft dann sie zu dem werden zu lassen, was sie sind: Keine Elefanten, sondern Mäuse, eher sekundär.

Die Dankbarkeit ist bis heute bei jedem Blick auf dieses Bild geblieben. Von Dankbarkeit erzählt uns auch eine Geschichte aus dem Lukasevangelium:

„Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, daß er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!  Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. Einer aber unter ihnen, als er sah, daß er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“

Was die Geschichte mit meinem Bild (und der heutigen Taufe) zu tun hat? Lassen sie sich mitnehmen auf einen kleinen Gedankenspaziergang. Der erste Punkt der Bild und Geschichte verbindet, ist das Alltägliche, das Erwartbare. Die Geschichte erzählt uns nämlich bis zur ihrer Mitte eine völlig alltägliche Situation. Absolut nichts außergewöhnliches, sondern Alltag. Wir dürfen bei Aussatz halt nicht gleich an Lepra denken, und schon verliert die ganze Sache ein wenig ihre Besonderheit. Was die Bibel unter dem berühmten Wort „Aussatz“ versteht ist bis heute nicht ganz geklärt. Ob es sich dabei wirklich oder ausschließlich um Lepra handelt ist eher zu bezweifeln. Es könnte auch ein Sammelbegriff für eine Vielzahl entzündlicher Hautkrankheiten sein, zu denen auch die Akne gehört. Klar, für Jugendliche in der Pubertät kann auch das katastrophale Züge annehmen, mit zunehmendem Alter wird ein Pickel eher zu einem kleinen Ärgernis, mehr aber auch nicht. Auf jeden Fall aber ist fest zu halten, dass mit Aussatz nicht nur eine Krankheit gemeint ist, die einen für das gesamte Leben kennzeichnet, sondern eher für eine gewisse Zeit und die Aussicht auf Heilung auch nicht völlig ausgeschlossen war. Wer allerdings Aussatz hatte, also „aussätzige“ war, für den galten zur damaligen Zeit ganz bestimmte Regeln. Die wichtigste: Er oder sie hatte sich abzusondern von den anderen Menschen,  so wie uns in der Geschichte auch erzählt wird, wenn es da heißt „die standen von ferne“. Ob ein Mensch dann vom Aussatz geheilt war und damit wieder in seine normalen sozialen Bezüge zurückkehren konnte, diese Entscheidung trafen die Priester. Etwas flapsig gesagt, sie waren so eine Art antik-jüdisches „Gesundheitsamt“. Fand der Priester keine Anzeichen mehr von Aussatz, war die Betroffene, der Betroffen wieder für gesellschaftsfähig erklärt. Der Aufruf Jesu, sich den Priestern zu zeigen, also auch der ist nichts mehr als Alltag. Sozusagen ein Hinweis auf das korrekte formale Verfahren. Und die Vermutung liegt doch nahe, dass es von den zehn aus der Geschichte neun genau so erlebt haben. Als ein freudiges, vielleicht unerwartet schnelles, aber im Endeffekt alltägliches Verfahren, Erlebnis. Nichts außergewöhnliches, trotz all der Freude über die Rückkehr in das gewohnte Leben. Ich will nicht zu viel spekulieren, aber vielleicht für einige von ihnen vielleicht auch nicht das erste Mal, dass sie das so erlebt haben. Ein kurzer Moment der Dankbarkeit, der Freude, dann aber wieder ganz schnell zurück zur Familie, in die gewohnte Umgebung. Auch nichts was man unter moralischen Vorzeichen zu verstehen hat, von wegen Undankbarkeit und so etwas. Für neun also ein gewohntes Ereignis, schön, aber nicht so außergewöhnlich. Nur der eine, für den ist etwas Besonderes, er hat es als etwas völlig Unerwartetes, ja als Wunder erlebt. Und genau hier ist der Berührungspunkt zwischen dem Bild, das sie vor sich haben und der Geschichte. Denn natürlich war es völliger Alltag trotz aller noch bestehenden Gefahren, dass Bergmänner in den 80er und 90er Jahre von größeren Unfällen verschont geblieben sind. Starben bei größeren Unglücken im Ruhrbergbau zwischen 45 und 60 knapp 550, waren es im gleichen Zeitraum zwischen 1977 und 1992 29. Es war also, so kann man es sehen, nichts Besonderes, es war Alltag, dass ich nicht das Schicksal dieses Jungen oder ein noch schlimmeres teilen musste. Ein kurzer Moment der Dankbarkeit, vielleicht. Für mich ist es halt mehr, ein Dankbarkeit die sich hält, trotz der statistischen und gelebten Alltäglichkeit.

Und hieraus entwickelt sich dann der zweite Verbindungspunkt zwischen Bild und Geschichte: Wohin mit all der Dankbarkeit, die man in seinem Herzen trägt? Der Zehnte, der Samariter, der so voller Dankbarkeit ist, wohin soll er mit seiner Dankbarkeit? Ich mit meinem Blick voll Dank auf dieses Bild, wohin soll ich mit meiner Dankbarkeit? Wem sollen wir danken? Natürlich gibt es gute Erklärungen, warum der Aussatz verschwunden ist, Bergleute von Unglücken verschont wurden. Keine Frage, aber in einem da ist dieses Gefühl der überwältigen Dankbarkeit, die über diese Erklärungen hinausgehen. Wer ist der Adressat dieser Dankbarkeit? Wem will ich dafür danken? Der Samariter hat seine Antwort gefunden, er läuft zurück zu dem, der ihm eigentlich nur einen alltäglichen Hinweis gegeben hat. Er sieht in ihm den, den er als sein Gegenüber für seinen Dank erkannt hat: Gott. Ihm gilt sein Dank für ein alltägliches Ereignis, dass er als Wunder erlebt.

Liebe Gemeinde, wenn wir einen erwachsenen Menschen taufen, wenn eine und einer aufgrund seines Alters selber ja sagt zu den Verheißungen, die in der Taufe zum Ausdruck kommen, dann ist dieser Mensch den Weg des Samariters gegangen. Dann hat sie, dann hat er das Alltägliche, dass Erklärbare als etwas viel Größeres, als Wunder erlebt. Und hat wie der Samariter ein Gegenüber für seinen Dank erkannt, erlebt und geht zu ihm. In aller Freiheit, in aller Dankbarkeit. Und erhält durch die Taufe das unauslöschliche Zeichen der Zusage Gottes: „Geh nun hin, lebe dein Leben. Dein Glaube hat dir geholfen.“

Verfasst von: achterosten | 18. August 2015

Immer schön gelassen – Predigt zu Kohelet (Prediger) 9, 7-10

Predigt Koh 9,7-10 (16.VIII.2015, XI. So.n.Tr)

 

Liebe Gemeinde, was sind die wichtigsten Gegenstände für eine Christin, für einen Christen? Das Kreuz vielleicht? Das würde den Schnelldenkern als erstes einfallen. Die Bibel? Das wäre schon ein bisschen tiefer gedacht. Und die ganz Schlauen würde vielleicht noch das Taufwasser nennen? Tut mir leid, bei all diesen Antworten ertönt leider ein quäkender Misston und kein gewinnverheißender Glöckchenton.

Die wichtigsten Gegenstände für Christinnen und Christen? Ich habe sie mitgebracht: Es ist das Brot, der Wein und die Sonnencreme. Und bei Brot und Wein, um gleich mal Missverständnissen vorzubeugen, geht es dieses Mal nicht um das Abendmahl. Brot, Wein und Sonnencremesind jetzt auch nicht symbolisch zu verstehen, sondern als das, was sie tatsächlich sind: Brot, Wein und Sonnencreme. Und das dann als die wichtigsten Dinge im Leben einer Christin, eines Christen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jedenfalls wenn wir auf kleines Buch der Bibel hören, das leider ein Schattendasein führt. Maximal wird ein Gedicht über Zeit aus ihm zitiert, wobei dabei leider die Grenze zum christlichen Kitsch oft nicht nur gestreift, sondern mit Pauken und Trompeten überschritten wird. Dabei enthält es soviel mehr, wie ebbend auch der zentrale Hinweis auf Brot, Wein und Sonnencreme.

Denn im Buch Kohelet steht: „So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.

Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit deiner Frau, die du lieb hast, solange du das nichtige Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne.

Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.“

Liebe Gemeinde, Brot, Wein und Sonnencreme als zentrale Dinge meines Lebens als Christenmensch. Wobei die Sonnencreme heute vergleichbare Funktion hat, wie die Salbe des Koheletbuches. Ich liebe diesen Text, denn er enthält für mich den ganzen Reichtum unseres Glaubens und seiner Sicht auf die Welt. All die Schönheit unseres Glaubens, all die Freiheit, die mir der Glaube schenkt. Hinzu kommt, dass, wenn ich Kohelet lese, ich mich dort wieder finde, wie in kaum einem anderen Buch der gesamten Bibel. Scheint der „garstige Graben“ zwischen manch biblischem Text, biblischen Verfasser, biblischen Helden und unserer Zeit sehr groß zu sein. Spüre ich dort die Entfernung von tausenden von Jahren, so könnte Kohelet mit mir heute im Zug sitzen und wir würden uns sehr gut verstehen. Denn er stellt die eine große Frage unserer Zeit: Wie kann ich ein glückliches Leben führen? Oder anders formuliert: Was ist ein gutes Leben? Und er hat dabei einen messerscharfen Blick auf die Realitäten unseres Lebens, er sieht Licht und Schatten, schwarz und weiß, aber auch all die Grautöne dazwischen. Er lässt sich daher nicht abspeisen mit platten Sprüchen der Küchenpsychologie à la „Du musst nur an dich selber glauben“ oder etwas altbackener „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Er durchschaut ganz schnell fromme Phrasen, die schon immer ganz genau wissen, wie das mit Gott und der Welt so zu laufen hat. Er sieht, wie sie in der Realität zerplatzen wie Seifenblasen und von ihnen nichts übrig bleibt. Er lässt sich da, und da ist er dann halt so ein bisschen wie wir hier im Ruhrgebiet, nichts vormachen, ist es doch unserer kulturelles Erbe, das Wissen um die harte Realitäten des Lebens. Das Leben ist halt nicht so einfach, wie uns das vorgemacht werden soll. Es bleibt das Unverfügbare. Das, was wir nicht voraussehen können, das was uns einfach geschieht. Das Gute wie auch das Schlechte. Letztlich und schließlich gilt dann auch: Unser Leben auf dieser Erde währt nicht ewig. Das Ende ist für uns alle gleich und wir wissen nicht, wann es kommt. Und so ist Kohelet auch sehr kritisch gegenüber allen allzu angestrengten Versuchen, die Zukunft zu planen. Regeln aufzustellen, die sagen, wenn wir das und jenes tun, dann wird das und jenes passieren. Das ist ja oft nicht so. Und schon gar nicht ist es so, dass am Ende das Gute oder die Guten den Sieg davon tragen. Soweit die gnadenlose Analyse menschlicher Realität durch Kohelet, die Analyse menschlicher Möglichkeiten und menschlicher Grenzen.

Wie soll da noch ein glückliches Leben möglich sein, ein gutes Leben? Die Antwort: Mit Brot, Wein, Sonnencreme und, am wichtigsten, einem Menschen an unserer Seite. Zu platt die Antwort? Auf den ersten Blick scheint mir diese Antwort auch zu seicht, die ist so auch in diversen Magazinen von der Bude zu finden. Aber Kohelet hat diese Antwort dem harten Realitätschek und gerade auch seinem Nachdenken über Gott unterzogen und kommt so zu diesem Schluss: Ein gutes, ein glückliches Leben ist der Genuss der Dinge, die uns Gott geschenkt hat! Und das ist doch auch kein überbordender Luxus, der da eingefordert wird: Brot, Wein, Sonnencreme, alles zusammen für knapp 10 Euro zu haben, der Mensch an meiner Seite, den ich liebe, dem meine Treue gilt, der ist natürlich unbezahlbar. Es ist der Aufruf zum Genuss der alltäglichen Dinge. Darin besteht ein gutes Leben und auch ein Leben, wie es Gott von uns Menschen gefällt. Und bei diesem Genuss das tun, was die Gegenwart, das gegenwärtige Leben von uns fordert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Weil uns doch gesagt ist, dass es alles letztlich in Gottes Hand liegt. Bei ihm, der diese Welt erschaffen hat und erhält.

Liebe Gemeinde, welche Radikalität liegt in diesem Aufruf, welcher Widerspruch gegen die Zeit des Burn-Outs, der beruflichen und privaten Überforderung, der Ökonomisierung des ganzen Lebens, der ständigen Angst vor der Zukunft, der Todesangst. Welche Freiheit wird uns hier vor Augen geführt! Wenn wir erkennen, dass letztlich alles in Gottes Hand liegt, es für uns unverfügbar ist. Wenn wir den Glauben geschenkt bekommen, der das erkennt und zulässt, zu akzeptieren, dass Gott nicht nur, sondern an erster Stelle der ferne Gott ist, der sich verhüllt und nicht zu durchschauen ist. Ja, der uns fremd ist, nicht der nette Typ neben uns, während er doch alles und uns in seiner Hand hält. Dieser Glaube ist die Freiheit des Kohelet und seines Aufrufes zu Brot, Wein, Sonnencreme und dem Anpacken der gegenwärtigen Dinge.

So sind für mich diese drei nicht nur die wichtigsten für jede Christin, jeden Christen sondern auch für die Kirchengemeinden. Und das in zweifacher Hinsicht: Denn der Aufruf des Kohelet ist nicht ein Aufruf zu einer individualistischen Flucht aus der Welt in die trauten vier Wände, sondern er beschreibt auch eine Aufgabe: Dass allen Menschen dieser Genuss, ein Leben in dieser Freiheit möglich ist. Das ist die Aufgabe der ganzen Kirche: Zum einen Menschen in ihren individuellen Situationen durch Wort und Tat zu begleiten, ein Stück mit ihnen des Weges zu gehen, ihre Situation und Fragen so ernst zu nehmen, dass ihnen dieser Genuss möglich ist. Und zwar nicht nur in dem Raum der Gemeinde, sondern, und das ist viel wichtiger, draußen in der Welt. In ihren Familien, bei ihren Freunden, an ihren Arbeitsstätten, in ihren Vereinen, dort wo sie leben.

Zum anderen ist es die Aufgabe, gegen Strukturen in unserer Gesellschaft anzugehen, die diesen Genuss verhindern. In Goldhamme, Dahlhausen und  Eppendorf an erster Stelle, aber auch überall dort, wohin unsere Kraft reicht. Anzugehen gegen das Unrecht in der Welt, denn auch dies ist eine Erkenntnis des Kohelet: Das Unrecht, die Ungerechtigkeit sind ein weltlich Ding und von Menschen gemacht. Und diese Aufgabe können wir nicht alleine stemmen, sondern nur mit allen Menschen guten Willens, die mit uns in Eppendorf, Goldhamme und Dahlhausen leben, egal welcher Konfession, welcher Religion, welchem kulturellen Hintergrund.

Und noch, und das dann zum Abschluss, und noch aus einem weiteren Punkt sind diese drei auch für die Gemeinden und die Kirche so wichtig: Sie erinnern uns nicht nur an die geschenkte Freiheit unseres Glaubens, an unsere Aufgaben als Gemeinde gegenüber den Menschen, sondern an eine wunderbare Eigenschaft, die uns oft in den letzten Jahren verloren gegangen ist, manchmal sogar völlig verschüttet zu sein scheint: Die Gelassenheit und die Zeit zum Genuss, zu der uns Kohelet aufruft. Gerade auch angesichts all der Veränderungen, denen sich die Gemeinden und die Kirche gegenüber sehen. Wir hetzten von einer Reform zu der nächsten, von einem Best-Practice-Beispiel zum nächsten, ohne zu sehen, was die Dinge sind, die wir jetzt mit unseren Händen zu tun haben. Wie atemlos und ja sogar depressiv das Ganze geworden ist. Im letzten gilt doch auch für die Zukunft der Gemeinden die Erkenntnis des Kohelet: Es liegt nicht in unserer Hand, was aus ihnen wird. Und natürlich ist das kein Aufruf zum Realitätsverlust und lustig einfach weiter so. Natürlich nicht! Aber es ist die Bitte an alle, den Aufruf Kohelets auch für unsere gemeinsame Arbeit in den Gemeinden und der Kirche ernst zu nehmen. Nicht das wir am Ende uns eingestehen müssen, dass wir weder Zeit, noch Kraft noch Muße hatten, die wunderbaren Dinge, die Gott uns geschenkt hat zu genießen. Unsere Kleider zerrissen sind und auch kein Mensch mehr an unserer Seite ist, weil wir die schon verloren und es noch nicht einmal gemerkt haben. Und damit meine ich insbesondere die Menschen, die nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen sondern maximal an hohen Feiertagen, die an Wendepunkte ihres Lebens die Nähe zur Kirche suchen, unsere diakonischen Dienste in Anspruch nehmen.

Was sagt es über die Gemeinden und die Kirche aus, wenn an diesem Ort der Freiheit des Glaubens, etwas Einzug hält, das neudeutsch so schön mit Burn-Out betitelt wird? Wenn Ehrenamtliche und Hauptamtliche nur noch erschöpft sind? Wenn wir mutiert sind zu einer geschlossenen Anstalt der Moral und nicht offene Vollzugsanstalten des Lebens sind? Gönnen wir uns und gestehen wir uns selber gegenseitig zu, unter der Überschrift Kohelets unser privates Leben und unser gemeinsames Arbeiten und Leben in unseren Kirchengemeinden zu gestalten. Was wäre das für ein Zeichen des Lebens und der Freiheit des Glaubens, der uns von Gott geschenkt ist. Dem Gott, dem es anscheinend gefällt, wenn Brot, Wein, Sonnencreme, die Menschen, die wir lieben und unser tägliches Tun Mittelpunkt unseres Lebens sind.

Verfasst von: achterosten | 1. März 2015

Ortsbestimmung Predigt zu Markus 12, 1-12

Predigt zu Mk 12, 1-12 (Reminiscere, 01.III.2015)

 

Liebe Gemeinde,

lassen Sie uns eine kleine Reise durch die Zeit machen, so knapp 125 Jahre in die Vergangenheit, in die letzten Tage des Aprils des Jahres 1889. Örtlich müssen wir uns gar nicht so weit bewegen, nur ein paar Kilometer gen Norden, kurz hinter den Bochumer Verein. Dort war die Zeche Präsident, einer dieser Orte hier bei uns, die zu dieser Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Eines dieser Löcher, die unablässig die Menschen verschluckte, um sie nach 10 oder 12 Stunden wieder auszuspeien, zerschunden, todmüde. Einer dieser Orte, die immer wieder ihren Tribut an Menschenleben forderten. Wo Frauen und Kinder an den Toren standen, ängstlich auf die Hängebank starrend, wenn die Nachricht über ein Unglück sich verbreitet hatte. Auf der Zeche Präsident fuhren an diesem Apriltag die Schlepper nicht zur Schicht ein, sie traten in den Streik. Sie hatten die Schnauze voll, ihre Knochen, ihre Gesundheit tagtäglich zu opfern in schlechten Wettern, für einen Hungerlohn und dass sie schweißnass nach der Schicht vom Schacht über den kalten Zechenhof zur Kaue laufen mussten. Es war genug, sie traten in den Streik und wenige Tage später hatten es ihnen 90 Tausend Bergleute gleich getan. Die Staatsmacht reagierte mit Härte, 14 Menschen fanden den Tod. Staatstreu wie sie waren, wollten die Bergleute eine Delegation zu Kaiser Wilhelm II. senden. Sie sollten ihm direkt die Forderungen der Bergleute vorbringen. Überall im Revier wurde für die Reise Geld gesammelt und die Delegierten gewählt. Auch in der Kolonie der Zeche Siegfried…

(Filmausschnitt „Rote Erde“)

Liebe Gemeinde,

wenn sie mich fragen, der katholische Kollege hat genau recht und ich schließe mich gerne dem Urteil von Ralf Richter an: „Das haben sie sehr gut gesagt, Hochwürden.“ Recht hat er, der wackere Mann Gottes, das kann ich ganz ohne protestantischen Neid sagen. Wie ich dazu komme? Ich meine, Sie könnten das Ganze ja auch als viel zu politisch abtun, ja maximal vielleicht noch als Sozialromantik oder Sozialkitsch des Ruhrgebietes à la „Ne wat ham wir früher alle für die Arbeiterrechte gekämpft. Selbst die Popen haben bei uns die Sozis unterstützt.“ Ich aber bleib erst einmal dabei, im Grunde hat der Mann Recht. Ganz besonders wenn ich dieses grausame Gleichnis Jesu von den Weingbergpächtern höre, das uns N.N. gerade aus dem Markusevangelium vorgelesen hat. Die gierig immer grausamer werden und auch nicht vor Gewalt und Mord zurückschrecken, sich in einen wahrhaften Gewaltrausch begeben an dessen Ende der Tod des einzigen Sohnes des Weinbergsbesitzer steht. Alles nur um den Besitz endgültig an sich zu reißen.

Entspricht dieses Gleichnis nicht genau den unzähligen menschlichen Erfahrungen, dass es genau so oft läuft? Und zwar egal ob zur Zeit Jesu mit irgendwelchen Weinbergpächtern, 1889 zur Zeit der Grubenherren und Stahlbaronen oder heute. Ich werde mich hier mich nicht an einem allgemeinen Einschlagen auf Bänker und Wirtschaftler beteiligen, aber es ist doch eine Tatsache, die in dem Gleichnis beschrieben wird. Dass Menschen sich von der Gier überwältigen lassen und am Ende sogar über Leichen gehen. Mit allen Mitteln versuchen, das ihnen anvertraute Gut ganz an sich zu bringen. Wir können gerne nach Italien, Griechenland, Kroatien fahren und uns ansehen, zu was das geführt hat. Und es kommt noch ein ganz entscheidender Punkt hinzu: Es geht hier nicht um irgendwelche allgemeine Aussagen über den Menschen und seinen Hang zur Gier an sich. Das Gleichnis ist ganz klar an eine bestimmte Gruppe gerichtet: An die Mächtigen! Es geht nicht um den Menschen an sich, es geht auch nicht um das Volk Israel an sich, sondern Jesus sagt es den Mächtigen direkt ins Gesicht. Sie stehen Jesus in dieser Situation gegenüber, so wird es uns im Evangelium erzählt. Und sie verstehen ihn sofort: Sie sind die Weingärtner, sie, die von Roms Gnaden politisch Mächtigen, die Besitzenden. Sie, die gerade nicht ihren Pflichten als gute Weingärtner nachkommen, sondern versuchen alles an sich zu reißen und wehe dabei stellt sich ihnen einer in den Weg. Und sie werden genau so handeln, wie es ihnen im Gleichnis gesagt wird. Sie werden dafür sorgen, dass dieser Jesus, der droht, ihnen und ihrer Macht gefährlich zu werden, beseitigt wird. Sie, die Mächtigen, nicht das Volk Israel, werden ihn unter abstrusen Begründungen an die Römer überliefern, dass sie dann mit ihm dementsprechend verfahren. Sie werden tun, was viele Mächtige und Besitzende durch die Jahrhunderte hindurch getan haben. Auch da erzählt uns das Gleichnis nichts Neues, sondern findet nur ein Bild für die Erfahrungen der Armen, Unterdrückten, der Ohnmächtigen, die das Spiel der Mächtigen am eigenen Leibe spüren mussten und müssen. Und wehe sie schicken einen der ihren zu ihnen, um sie an ihre Pflicht zu erinnern, zu erinnern, dass ihnen gerade nicht alles gehört. Die kommen oft nicht wieder und wenn, dann zerschunden, gefoltert, zerbrochen. Da erzählt den Menschen das Gleichnis nichts Neues, aber etwas anderes ist Neu für sie: Jesus stellt sich ganz klar auf die Seite der Ohnmächtigen, auf die Seite derjenigen, die zu leiden haben unter denen, die ihre Macht missbrauchen. Und wenn wir den Weg weiter verfolgen, über den politischen Mord dort am Kreuz hin zu Ostern, dann bleibt am Ende nur zu sagen: Gott selber stellt sich auf die Seite der Ohnmächtigen, in dem er den ins Leben ruft, der am Kreuz das Opfer der Mächtigen geworden ist, sich zu ihm bekennt als seinen Sohn.

Liebe Gemeinde,

eine klare Ortsbestimmung, die uns da zugerufen wird und ganz bestimmt keine einfache und vor allem garantiert keine gemütliche, bequeme, aber eine elementare. Sie bestimmt darüber, ob wir Gemeinden Jesu Christi sind oder nur religiöse Traditions- und Brauchtumsvereine. Denn wenn wir uns als Christen, als Gemeinde genau dieses Gottes verstehen, dann ist auch unser Ort für alle Zeiten festgelegt: Wir stehen auf der Seite der Ohnmächtigen, derjenigen, die unter den bösen Weingärtner zu leiden zu haben!

Und genau deshalb hat der katholische Kollege dort in der Kolonie der Zeche Siegfried Recht. Er stellt sich in dieses Licht, das von Jesu Gleichnis, durch das Kreuz über Ostern in unsere Zeit, in unsere Kirchengemeinden strahlt. Unser Ort, unser Platz in der Welt ist der bei den Ohnmächtigen, denn dort steht Jesus Christus, dort ist er zu finden.

Aber wir sind auch nicht, und dieser Punkt ist mir zu Abschluss sehr wichtig, die Bundesanstalt für politische Moral. Es handelt sich hierbei um eine Ortsbestimmung unserer Gemeinden in der Welt, da wo wir stehen. Nicht da wo wir uns erst hin zu bewegen haben, wir stehen da bereits, christliche Gemeinde ist nur an diesem Ort zu finden. Es geht um eine Ortsbestimmung. Das heißt noch lange nicht, dass wir die bessere Politik machen, dass wir den anderen gesellschaftlichen Gruppen gegenüber moralisch überlegen sind. Es heißt insbesondere noch lange nicht, dass wir das Recht haben, den Menschen vorzuschreiben, was sie politisch zu denken haben. Und wir müssen auch nicht die Welt retten. Befreien wir uns doch von dieser moralischen Überforderung. Wir können und müssen als Gemeinden doch gar nicht allein entscheiden, was politisch und ethisch gut und richtig ist. Ich allein weiß nicht, ob es gut und richtig ist, Griechenland aus dem Euro zu entlassen. Ob es gut und richtig ist, wie wir mit Menschen umgehen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen, auf eine bessere Zukunft hoffen. Ich weiß es als Christ nicht besser, bin genauso hin und her gerissen, bewege mich da genauso zwischen allen Grautönen und den Entscheidungen, die alles andere als einfach sind. Ich bin genauso angewiesen auf das Gespräch, auf den Austausch mit den Menschen, die mit mir leben. Aber ich habe einen festen Ort, von dem ich aus diese Gespräche führe, mir meine Gedanken mache, meine Entscheidungen treffe. Den Ort, den mir der Gott gewiesen hat, der sich selber auf die Seite der Ohnmächtigen gestellt hat und der mir durch Kreuz und Ostern verheißt, dass er es ist, der letztlich die bösen Weingärtner, die gierigen Mächtigen zur Rechenschaft zieht. Der in mir die Hoffnung gepflanzt hat, dass er ihre Todesmacht schon lange besiegt hat. Die Hoffnung, die mir dann, wenn es darauf ankommt, hoffentlich den Mut gibt, auch auf eine Kiste zu steigen, um den Ohnmächtigen zu sagen, auf welcher Seite unser Gott steht.

Verfasst von: achterosten | 15. Februar 2015

Vom Gehorsam zur Tradition – Predigt zu Exodus 20, 12

Predigt zu Ex 20, 12 (Estomihi, 15.II.2015)

 

Liebe Gemeinde,

heute ein etwas drastischer, ein brutaler Einstieg:

„P a u l i n c h e n war allein zu Haus,

Die Eltern waren beide aus.

Als sie nun durch das Zimmer sprang

Mit leichtem Mut und Sing und Sang,

Da sah sie plötzlich vor sich stehn

Ein Feuerzeug, nett anzusehn.

“Ei,” sprach sie, “ei, wie schön und fein !

Das muß ein trefflich Spielzeug sein.

Ich zünde mir ein Hölzlein an,

wie’s oft die Mutter hat getan.”

Und M i n z und M a u n z , die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten :

“Der Vater hat’s verboten !”

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Laß stehn ! Sonst brennst Du lichterloh !

Paulinchen hört die Katzen nicht!

Das Hölzchen brennt gar lustig hell und licht,

Das flackert lustig, knistert laut,

Grad wie ihr’s auf dem Bilde schaut.

Paulinchen aber freut sich sehr

Und sprang im Zimmer hin und her.

Doch Minz und Maunz, die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten:

“Die Mutter hat’s verboten !

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Wirf’s weg ! Sonst brennst Du lichterloh!

Doch weh ! Die Flamme faßt das Kleid,

Die Schürze brennt; es leuchtet weit.

Es brennt die Hand, es brennt das Haar,

Es brennt das ganze Kind sogar.

Und Minz und Maunz, die schreien

Gar jämmerlich zu zweien :

“Herbei ! Herbei ! Wer hilft geschwind ?

Im Feuer steht das ganze Kind !

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Zu Hilf’ ! Das Kind brennt lichterloh !”

Verbrannt ist alles ganz und gar,

Das arme Kind mit Haut und Haar;

Ein Häuflein Asche bleibt allein

Und beide Schuh’, so hübsch und fein.

Und Minz und Maunz, die kleinen,

die sitzen da und weinen :

“Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Wo sind die armen Eltern ? Wo ?”

Und ihre Tränen fließen

Wie’s Bächlein auf den Wiesen.

Liebe Gemeinde,

und die Moral von der Geschichte aus dem Struweelpeter? Sei ein braves Kind und gehorche immer deinen Eltern. Woher das kommt, diese Haltung die uns heute zumindest befremdlich anmutet wenn wir sie nicht gleich unter das Stichwort „Schwarze Pädagogik“ fassen wollen? Eine Quelle ganz bestimmt das Sechste Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“

Ungezählt ist die Heerschar der christlichen Kinder, die mit diesem Satz auf den Lippen zu unbedingtem Gehorsam gegenüber ihren Eltern ermahnt wurden und, weil es so praktisch war, auch noch gleich zu unbedingten und unhinterfragten Gehorsam gegenüber all den anderen „Autoritäten“: Pfarrer, Lehrerin, Chef, Kaiser, König, Führer.

Selbst in meinem Konfirmandenunterricht vor etwas über 20 Jahren wurde uns, in etwas abgemilderter Form zwar, genau diese Botschaft anhand des Sechsten Gebotes vermittelt: Du hast Deinen Eltern zu gehorchen. Praktisch sah das dann so aus, dass ich zähneknirschend dem Willen meiner Eltern gefolgt und zur Konfirmation gegangen bin. Denn eigentlich hatte ich kein Bock gehabt auf diesen ganzen kirchlichen und bürgerlichen Kram. Wie es so laufen kann im Leben…

Kein Wunder also, das angesichts der Veränderungen in der Erziehung der Kinder, auch dieses Gebot in die Rumpelkammer überlebter Traditionen und Vorstellungen entsorgt wurde. Schade drum, denn nicht das Gebot gehört in diese Rumpelkammer, sondern das mit ihm verbundene Missverständnis, das Gebot beinhalte den Befehl zu unbedingtem Gehorsam und dazu, die Eltern nicht hinterfragen zu dürfen, sie als unangreifbare Autoritäten zu verstehen. Denn haben sie in dem Gebot irgendetwas von Gehorsam, von bedingungsloser Unterwerfung gehört oder gelesen? „Du soll deinen Vater und deine Mutter ehren“ – heißt es da. Kein Wort von Gehorsam, Unterwerfung, sondern von „ehren“ – und das muss ja nicht zwangsläufig Gehorsam bedeuten.

Wir haben mit diesem Gebot leider mal wieder eines der Beispiele wie biblische Texte nicht nach ihrem Sinn gefragt werden, noch nicht einmal richtig gelesen und wahrgenommen werden, sondern wie eigene Vorstellungen ihnen übergestülpt werden, in den Dienst für die eigene Sache genommen werden. Wie vielen Kindern und Jugendlichen wurde dieser Satz vor die Füße geworfen, die von ihren Eltern geschlagen wurden? Wie viele Kinder und Jugendliche wagten sich nicht wegen des Missbrauches dieses Textes gegen die Grausamkeiten ihrer Eltern zu wehren oder sich wenigstens Hilfe zu suchen? Erschüttert und zutiefst angewidert muss ich damit leben, dass in der Vergangenheit ein Pfarrer einem solchen Kind unter Hinweis auf dieses Gebot jede Hilfe verweigerte!

Kann das gewollt sein, ist das das Ziel des Gebotes? Wer könnte dann noch heute den Glauben an einen liebenden Gott, einen uns zugewandten Gott versuchen zu bewahren oder von ihm berichten?

Was will dann aber das Gebot? Eine Zielrichtung finden wir in der Bibel selber ganz klar benannt, da wo Jesus Christus dieses Gebot auslegt. Da wird deutlich, es geht nicht um blinden Gehorsam, sondern um etwas völlig anderes: Die Eltern nicht ohne soziale Unterstützung zu lassen. Wer es etwas drastischer mag: Nicht tatenlos zuzusehen, wie die Eltern im Alter in die Armut versinken, weil sie halt nicht mehr für sich selber sorgen können. Sich nicht aus der sozialen Verantwortung für die Eltern schleichen Und da wird auch deutlich, dass das Gebot uns gar nicht als einzelne Kinder anspricht, sondern die gesellschaftliche Gruppe der Kinder, also der Jüngeren in der Gesellschaft. Zugespitzt stellt das Gebot an uns die Frage: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit unseren Alten um? Wie gehen wir um mit denen, die zu alt, zu schwach geworden sind für unsere Arbeitswelt? Keine Frage, die sich mit ein paar gut gemeinten, aber wenig durchdachten ethischen Anweisungen von einer Kirchenkanzel beantworten lässt. Ich kann hier nur sagen: Wer diesem Gebot folgen möchte, wem es wichtig ist, der kann dieser Frage nicht ausweichen. Das ist die eine Richtung des Gebotes, die Frage nach der Verantwortung der Jüngeren in der Gesellschaft gegenüber den Alten.

Es gibt noch eine zweite Richtung, die lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Geschichte! Die Eltern zu ehren, heißt der Frage nachzugehen: Woher komme ich? Woher kommen all die Dinge, die heute mein, unser Leben bestimmen, zum Guten, wie zum Schlechten? Oder noch elementarer: Woher kommen denn all die Dinge, die mir wichtig sind? Sie reichen aus der Vergangenheit, aus der Zeit meiner Eltern und noch viel weiter zurück in meine Gegenwart. Das wahr zu nehmen, dass heißt die Eltern zu ehren. Nicht geschichtsvergessen zu leben, sondern um die vor uns zu wissen, ihre Lebensumstände und das was sie uns überliefert haben. Wir nennen es Tradition. Und ich kann es nicht deutlich genug sagen: Auch hier gilt: Tradition, zum Guten, wie zum Schlechten. Die Elterngeneration, die vor uns, zu ehren, heißt nicht, die Tradition ungefragt einfach zu übernehmen, denn das wäre ja wieder blinder Gehorsam. Sie aber wahrzunehmen und zu würdigen, sie zu prüfen und zu bewerten, dass ist die Richtung des Gebotes. Aber halt auch nicht sie einfach beiseite zu schieben, sich ihrer zu entledigen. Denn das hieße die eigenen Wurzeln zu kappen. Und wer kann so wachsen, ohne Wurzeln?

Und so führt auch diese Richtung des Gebotes weg von unseren persönlichen Beziehungen zu unseren Eltern und weitet den Horizont hin zu der ganz brisanten Frage: Welche Traditionen dürfen in unserer Gesellschaft gelebt werden?

Auch hier kann es keine einfachen Antworten von einer Kirchenkanzel geben, wir sollten uns vor einfachen Antworten hüten. Aber es kann eine Frage laut werden, die uns vielleicht hilft: Wenn wir das Gebot so verstehen, dass wir aufgerufen sind unsere Traditionen im oben skizzierte Sinne zu „ehren“, wenn wir das Gebot so verstehen, haben wir dann das Recht, anderen Menschen dies abzusprechen? All den Menschen mit Migrationshintergrund oder was für schwachsinnige Begriffe mehr wir für diese Menschen erfunden haben? All den Menschen, die unter uns leben und auf ihre Art und Weise versuchen, in ihrem Sinne dem Gebot zu folgen: Ihre Eltern, ihre Tradition zu ehren. Und ich sage es noch einmal, dass heißt nicht blinder Gehorsam, sondern das Prüfen und Bewerten dieser Traditionen.

In diesen beiden Richtungen verstanden, ist für mich nicht mehr der „Struwelpeter“ die Auslegung des Gebotes, die Eltern zu ehren, sondern das wunderschöne Gedicht des jüdischen Dichter Richard Beer-Hoffmann:

Schlaflied für Mirjam

Schlaf mein Kind – schlaf, es ist spät!

Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht,

Hinter den Bergen stirbt sie im Rot.

Du – du weißt nicht von Sonne und Tod,

Wendest die Augen vom Licht und zum Schein –

Schlaf, es sind soviel Sonnen noch dein,

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind – der Abendwind weht.

Weiß man, woher er kommt, wohin er geht?

Dunkel, verborgen die Wege hier sind,

Dir, und auch mir, und uns allen, mein Kind!

Blinde – so gehn wir und gehen allein,

Keiner kann Keinem Gefährte hier sein –

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind und horche nicht auf mich!

Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich.

Schall nur, wie Windeswehn, Wassergerinn,

Worte – vielleicht eines Lebens Gewinn!

Was ich gewonnen gräbt man ein,

Keiner kann Keinem hier ein Erbe sein –

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schläfst du, Mirjam? – Mirjam, mein Kind,

Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt

Blut von Gewesenen – zu Kommenden rollts,

Blut unser Väter, voll Unruh und Stolz.

In uns Alle. Wer fühlt sich allein?

Du bist ihr Leben – ihr Leben ist dein – –

Mirjam, mein Leben, mein Kind – schlaf ein!

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