Verfasst von: achterosten | 27. September 2016

Alles Gut – Predigt zu Genesis 1, 1-2,3

Predigt zu Genesis 1, 1- 2, 3 (Erntedankfest 25.IX.2016)

Liebe Gemeinde, aber vor allem liebe Eltern, ja es stimmt und ich gebe es unumwunden zu: Es ist nicht gut, dass wir ihre Kinder in Kontakt mit der Schöpfungsgeschichte gebracht haben. Sie ihnen nicht nur erzählt, sondern auch noch ausführlich mit ihnen darüber gesprochen haben. Ja, sogar dieses wunderbare kleine Stück mit ihnen fleißig geübt haben. Das könnte Folgen haben, die wir uns vielleicht alle gar nicht wünschen. Denn da stehen doch Sachen in dieser Geschichte, die können uns gar nicht gefallen. Klar, die Schönheit der Natur, das Geschenk, das uns täglich gemacht wird vor Augen zu führen, das ist schon gut. Auch der Dank, dass sie uns täglich nährt, uns leben lässt – auch sehr gut. Das Bewusstsein zu wecken, wie zerbrechlich dieses Geschenk ist, dieser Schatz und wie wir behutsam mit ihm umgehen müssen – Prädikat pädagogisch besonders wertvoll. Wenn dann noch mit dieser Geschichte der Same der Erkenntnis gelegt wird, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, weil sie alle den gleichen Ursprung haben – perfekt. Aber da ist ein großer Haken bei der Geschichte, die das in den Schatten stellen könnte, ja sie vielleicht sogar gefährlich macht. Denn neben all diesen plakativen Dingen, die ich gerade aufgezählt habe, trägt sie in sich  noch eine fast versteckte Botschaft, die in der Lage ist, entscheidende Grundpfeiler unseres gemeinsamen Lebens doch erheblich ins Wanken zu bringen.

Ich rede dabei gar nicht von dem schnell auf das Tableau gestellte Widerspruch zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis, wie das Leben über einen fast nicht zu verstehenden Zeitraum langsam entstanden ist und der biblischen Erzählung einer Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Denn dieser Widerspruch ist ein künstlicher und gibt maximal den ideologischen Vertreterinnen und Vertreter der beiden Seiten viel Raum für Wortgefechte. Beides, die wissenschaftliche Erkenntnisse und die biblische Geschichte ernst zu nehmen, schaffen sie nicht. Zu dem ganzen nur ein sehr schlaues Zitat von Stanley Gevirtz, der zur Frage nach der Wahrheit des Textes sagt: „Natürlich ist es wahr. Nicht in dem selben Sinn, in dem ein Naturgesetz wahr ist (…). Das Buch ist in der Weise wahr, wie große poetische Werke immer wahr sind: in der Vorstellungskraft des menschlichen Herzens und in der Ordnung des menschlichen Geistes.“

Es ist also nicht dieser Punkt, wo die Gefahr lauert.

Nein, liebe Gemeinde, die Gefahr liegt an ganz anderer Stelle. In einem ganz kleinen, fast unscheinbaren Wort. Dem kleinen Wort „gut“. Immer wieder taucht er auf, der kleine Satz „Und Gott sah, dass es gut war.“ und gibt der Geschichte ihren Rhythmus, Bei der Erschaffung des Menschen steht da gerade noch ein „sehr gut“. Ich meine, was ist das für eine schwache Nummer. „Gut“ – das ist doch mal ganz knapp über „nett“. Und von wem „nett“ wiederum die Schwester ist, weiß die ein oder der andere auch. Ich führe das nicht aus, da Kinder anwesend sind. Ich meine wir reden doch hier über die Schöpfung, die Grundlage allen Lebens, die Schönheit der Natur, die Erschaffung der Welt, den Menschen und am Ende steht nur ein „gut“. Ja mit Mühe und Not, weil es halt der Mensch ist, kann man sich  noch zu einem „sehr gut“ durchringen? Mehr nicht? Wie wäre es mal mit „super“, oder noch besser, „vollkommen“? Ich erwarte doch, dass, um in den Bildern der Geschichte zu bleiben, Gott wie ein Bildhauer, von mir aus auch wie eine Konditorin nach getaner Arbeit einen Schritt zurücktritt, auf sein Werk schaut und schließlich sagt: „Perfekt!“ Nichts davon, der ganze Laden, wirklich alles, ist maximal „sehr gut.“ Es handelt sich hier doch um die Schöpfung und Gott, da kann man doch erwarten, dass bei einem „gut“ noch einmal nachgebessert wird. Der Schöpfer dieser Welt ein paar Überstunden macht, bis es „perfekt“ ist. Oder notfalls alles nochmal ins Nichts zu schicken, um ganz von vorne anzufangen, solange bis es halt perfekt ist. Nichts davon!

Wir leben als Menschen, immerhin „sehr gut“, in der „guten“ Schöpfung Gottes, aber nicht in der perfekten. Und genau das macht sie so gefährlich, diese Geschichte und sollte vielleicht daher auch nicht Kindern erzählt werden. Denn was wäre, wenn ihnen das auffallen würde oder sie es sogar ernst nehmen würden? Wenn sie diese versteckte Botschaft in der Geschichte hören würden? Was wäre dann mit unserem allgemein anerkannten Ziel immer und über überall perfekt sein zu wollen? Mit diesem Grundpfeiler unseres Lebens? Der Grundpfeiler, der davon ausgeht, dass es immer noch besser wird, bis es schließlich perfekt ist. Was, wenn sie sehen, das Gott selber mit einem „gut bis sehr gut“ überaus zufrieden war und keine perfekte Welt geschaffen hat? Ja, dass er sich sogar an die von ihm selber gesetzten Grenzen hält: Er tut jeden Tag seinen Teil, „und es ward Abend und Morgen, der so und so vielte Tag.“ Und dann ist Feierabend, Schicht am Schacht. Gott macht keine Überstunden, um Perfektion zu erreichen. Und noch schlimmer, anstatt den siebten Tag, sozusagen kurz vor der Deadline, dem endgültigen Abgabetermin zu nutzen, macht er: gar nichts. Er ruht und lässt auch diese Chance zum perfekten Abschluss ungenutzt verstreichen. Was wenn die Kinder das nicht nur sehen sondern sogar ernst nehmen würden? Vielleicht würden sie sich dann nicht so zerreiben wie wir es tun, zwischen allen unterschiedlichen Ansprüchen, perfekt sein zu wollen. Perfekte Eltern von zwei perfekten Kindern, nach perfekter Hochzeitsfeier nun im perfekten Haus lebend trotz perfekter Berufskarriere immer noch Zeit habend für die perfekte Urlaubsreisen, genug perefekter Quality Time in der perfekten Work-Life-Balance, wie es so schön neudeutsch heißt. Vielleicht würden sie dann nicht so leiden oder gar daran zerbrechen, wie wir es tun, das halt gar nichts perfekt ist in unseren Leben, sondern halt „gut“ und manchmal vielleicht sogar „sehr gut“. Vielleicht wären sie gnädiger zu sich und anderen, wenn sie am Ende auf ihr Leben zurückschauen, das alles, bloß nicht perfekt war. Vielleicht könnten sie dann auch das größte Geschenk der Schöpfung annehmen: zu erkennen, dass es gut ist, zu ruhen, gar nichts zu tun und zu genießen. Denn was ist die Schöpfung wert, wenn es keinen gibt der sich daran freut?

Liebe Gemeinde, aber vor allem liebe Eltern, ja es stimmt und ich gebe es unumwunden zu: Es ist nicht gut, dass wir ihre Kinder in Kontakt mit der Schöpfungsgeschichte gebracht haben. Genau aus diesem Grund: Sie könnten unseren Wahn zur Perfektion ernsthaft in Frage stellen. Genau aus diesem Grund erzählen wir sie ihnen aber auch.

Verfasst von: achterosten | 24. Juli 2016

Von Söhnen und Vätern – Predigt zu Genesis 22, 1-19

Predigt Sommerkirche (Gen 22, 1-19)

 

Liebe Gemeinde, es ist wohl die berühmteste und geheimnisvollste, aber auch die grausamste und verstörendste Vater-Sohn Geschichte der Bibel:

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sieht. Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba, und Abraham blieb daselbst.

 

Es ist die Geschichte eines Vaters, der meint einen Befehl Gottes zu hören, der so grausam, so unvorstellbar ist. Das wird auch nicht dadurch besser, dass wir alle schon wissen, wie die Geschichte enden wird. Was scheint das für ein Gott zu sein, der eine solche Forderung stellt? Was ist das für ein Vater, der ohne zu zögern, dieser Forderung folgt? Den selbst die lange Reise von drei Tagen nicht zur Besinnung bringt? Der erst einen Engel, ein massives Eingreifen benötigt, damit diesem Wahnsinn ein Ende bereitet wird. Dem Wahnsinn das eigene Kind aus religiösen Gründen zu töten. Das erscheint uns wie Fundamentalismus der schlimmsten Art. Eine gute Geschichte, um zu belegen, welche Gefahr, welches Gewaltpotential in der Religion liegt. Eine guten Geschichte, in der die Bibel selber die Quelle ist, um diesen Glauben, diese Vorstellung eines Gottes abzulehnen. Wer ehrlich aus dieser Perspektive auf diese Geschichte schaut, der wird auch nur weniges bis gar nichts finden, was man dagegen stellen kann. Der kann auch nicht relativieren, der kann nur ehrlich auf den Schmerz verweisen, dass auch Geschichten wie diese von dem Glauben an den einen Gott erzählen wollen. Der sollte auch nicht der Versuchung erliegen, diesen Schmerz, das Entsetzen über diese Geschichte weg zu erklären. Man kann diese Geschichte nicht drehen und wenden, abschleifen, verharmlosen, relativieren. Es bleibt dabei: ein Vater ist bereit sein einziges Kind zu töten, allein, weil er der Überzeugung ist, dass Gott es ihm befohlen hat. Wenn man in dieser Perspektive bleibt. Genau das war auch meine Perspektive bis ich anfing über diese Predigt nachzudenken. Relativ unüberlegt und spontan habe ich mich für diese Geschichte entschieden, als das Thema der Sommerkirche 2016 feststand. Habe sie noch einmal gelesen und wieder weggelegt.

Nach und nach fielen mir aber ganz andere Geschichten ein. Und alle fanden im meinem engsten Umkreis statt, habe sie also fast hautnahe erlebt. Da beugte sich der stolze Großvater, seines Zeichens promovierter und erfolgreicher Naturwissenschaftler, über die Wiege des ersten Enkelkindes und seufzt: „Ach Kind, wenn du erst einmal Abitur machst.“ Die Antwort der Kindsmutter: „Vielleicht wird sie ja auch Frisörin.“ sorgte für akute Herzprobleme beim frisch gewordenen Großvater.

Da sind zwei frühere Freunde, beide waren begnadete Sportler. Der eine hätte es vielleicht weit bringen können als Fußballer. Der kleine Ruhrgebietsverein für den er damals spielte hat schon einige Bundesligaspieler hervorgebracht. Sein Stiefvater war bei jedem Training, bei jedem Spiel dabei, laut schallte seine Stimme über den Platz, immer nur scharfe Kritik, nie Lob. Als ich diesen Stiefsohn, das Fußballtalent das letzte Mal sah, hab ich sein Busticket bezahlt, wenigstens half ihm das Methadon.

Vom anderen damaligen Freund, auch er ein guter Sportler in seinem Fach, erzählte der Vater immer mit Stolz, zu jedem passenden und unpassenden Moment. Nicht ganz unberechtigt, wie der Blick auf die lange Reihe von Pokalen bewies, die schön auf dem Wohnzimmerschrank drapiert waren. Eine Verletzung des Sohnes beendete abrupt diese Pokalreihe und auch den Stolz des Vaters. Seinen Sohn erwähnte er nur noch selten.

Und am Schluss die grausamste von allen: Ich habe sehr früh mit dem Handballspielen angefangen, ich habe sehr gerne gespielt, aber war fürchterlich untalentiert. Als Foulkönig berüchtigt, die Mehrzahl unbeabsichtigt und aus purer Verzweiflung. Ich spielte immer rechts außen, auf der anderen Seite links außen spielte einer, der ähnliches Talent mitbrachte. Mein Vater, selber erfolgreicher Handballer in den 50er und 60er war bei jedem Spiel dabei, ertrug die fehlgeschlagene Vererbung seines Talentes auf mich mit Gleichmut. Der Vater des Anderen, dem auf links außen stürmte manchmal in der Halbzeitpause in die Kabine und wies seinen Sohn vor versammelter Mannschaft zurecht. Einige Jahre später tötete dieser Vater fast seine gesamte Familie, darunter auch mein Handballkumpel von damals, bevor er seinem Leben selbst ein Ende setzte.

Ein breites Spektrum, von der Realsatire eines standesbewussten Großvaters über die Zerstörung der Vater-Sohn Beziehung bis hin zur Zerstörung eines Menschenlebens selber. Und diese Geschichten verknüpften sich mit der Geschichte des Vaters Abrahams und seines Sohnes Isaaks auf dem Berg Morija. Geschichten von Vätern, die bereit sind, ihre Kinder zu opfern. Für die eigene Vorstellung, was ein gutes Leben ist. Auf dem Altar der eigenen Wünsche, der Vorstellungen von Erfolg und Ansehen. Auf dem Altar der eigenen Mittelmäßigkeit, an der man leidet, der eigenen Misserfolge. Nicht zu vergessen auf dem Altar bürgerlicher Moral und Geschlechterdefinitionen. Die eigene Vorstellung von gut und richtig, von schlecht und falsch, von wichtig und unwichtig wird zum entscheidenden Maßstab des Blicks auf die Kinder, auf die nachfolgenden Generationen, für die man Verantwortung trägt. Und die archaische Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn für seine religiöse Überzeugung opfern will, wir können sie nicht mehr von uns wegschieben, entweder in weit entfernte Zeiten oder zu unseren dunkelhaarigen Nachbarn mit Bärten, von denen wir in unser Unwissenheit ausgehen, dass das angeblich zu ihnen und ihrer Religion passt. Diese Altäre finden sich heute und jetzt inmitten unserer Familien, unserer Nachbarschaften.

Und nun?

 

Es ist die seit Jahrhunderten anhaltenden Diskussion der jüdischen Auslegerinnen und Ausleger dieses Textes die so etwas wie ein kleinen Lichtschein in dieser grausamen Geschichte von Abraham und Isaak wirft. In dieser Diskussion gibt es welche die sehen in Abraham nicht nur den Übervater dreier Weltreligionen, den mit einem Übermaß an Gottvertrauen ausgestatteten religiösen Superhelden, sondern auch einen Vater der vielleicht alles missverstanden hat. Alles missverstanden hat und dafür alle Zukunft aufs Spiel setzt. Denn „Gott“ ist es, der Abraham zu diesem Mord aufruft, im Hebräischen steht dort das Wort „Elohim“, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet als Gott. Das ist sehr allgemein, völlig unspezifisch zu verstehen. Fast gesichtslos ist „Elohim“. Mit viel Offenheit für menschliche Projektionen, wer oder was dieser „Elohim“ ist. Vielleicht sogar nicht mehr als eine menschliche Idee von Gut und Richtig, eine Idee, der alles unterzuordnen ist, die zum Herrscher über alles wird, mich bereit macht bis zum letzten, vielleicht sogar über Leichen zu gehen?

Die Rettung des Sohnes ist der HERR, so steht es im deutschen, im Hebräischen steht dort der unaussprechliche Name Gottes. Kein allgemeiner, unspezifischer Gott. Sondern der Gott, der sich den Menschen unverwechselbar zu erkennen gibt in seinem Namen. Der uns sein Gesicht

zeigt. Ein erkennbares Gegenüber, das sich uns zeigt. Der klar erkennbar ist. Und ist es übertrieben, die Idee zu haben, dass Gott selber über Abraham erschrocken ist? Erschrocken darüber, dass Abraham ein „Gottesbild“ hat, dass nicht sein Gesicht, das Gesicht des HERRN zeigt? Kein Gott, der fordert, dass Menschen für ihn geopfert werden, sondern der HERR, der das Gute für die Menschen will. Kein Gott, der Unterjochung bis zum letzten, bis zum Tod fordert, sondern der HERR, der den Mensch befreit von aller Unterjochung.

Es ist der HERR, von dem uns erzählt wird. Kann er dann nicht auch jedem Vater und dann natürlich auch jeder Mutter das Messer aus der Hand nehmen, der seine Kinder, die ihre Kinder auf welchem Altar auch immer opfert? Kann er sie dann nicht auch befreien von dem Wahn einer höheren Idee und wenn es sogar die ehrenvolle ist, das Allerbeste für sein Kind zu wollen ohne das Gute für das Kind zu sehen? Kann er sie dann nicht befreien, ihre Kinder zu begleiten auf dem Weg, den sie der HERR selber geführt hat: In die Freiheit, für die uns alle Gott bestimmt hat? In das Leben in der Liebe, in der uns Gott begegnet.

In allem Schrecken dieser grausamen Geschichte will ich den Hauch dieser Hoffnung sehen.

Verfasst von: achterosten | 2. Juli 2016

Ein Bischof im Gebet – Jes 40, 1-11

 

Aus dem Jesajabuch: Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.

Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hats geredet.

Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

 

Es ist einer dieser Texte die wie geschaffen sind, uns vor Augen zu führen, dass Kirche nie auf sich allein bezogen bleibt. Jedenfalls wenn sie sich unter dem Auftrag, unter den Geboten Gottes sieht. An allen Orten, wo sie Kirche ist, in den Ortsgemeinden genauso wie in den Klinken, Schulen, Gefängnissen und an diversen anderen Orten und Plätzen. Kirche ist dort Kirche wo sie sich nach außen orientiert, in Richtung der Menschen zu denen sie gesandt ist. Man mag das Stadtviertel, Quartier nennen, oder etwas soziologisch-politischer, und gerade wieder en vogue, auch gerne Gemeinwesen. Der biblische Auftrag verweist uns an die Gemeinschaft der Menschen unter denen wir Kirche sind. Dazu ist dieser Auftrag mit einem klaren Inhalt gefüllt. Wie hier in diesem Abschnitt aus dem Jesajabuch. Keine moralischen Hinweise und keine ethische Richtigkeiten finden wir hier. Auch keine Blaupause für die Anmaßung einer gesellschaftlich-politischen Rolle, für die wir von der Gesellschaft kein Mandat erhalten haben. „Trösten“ erhalten wir als Auftrag. „Trösten“ nicht als Mitleid, sondern als Ermutigung, als Befähigung der Menschen. In allem Realismus, wie uns der Hinweis auf die Endlichkeit allen menschlichen Tuns vor Augen führt. Wir sollen für die Menschen da sein, uns für sie einsetzen – für die Menschen die mit uns leben. Wir als Kirche sind nicht um unser selbst willen da. Um Gottes und der Menschen Willen sind wir da. Dazu gehört ein gelingendes Zusammenleben mit den Menschen um uns herum

So weit so gut, ich könnte das jetzt noch weiter ausführen und mit einem Appell schließen. Anstelle eines Appells, dem es ergehen würde wie allen Appellen: Vom Winde verweht ohne weitere Folgen. Ich nehme lieber den Weg, den auch viele biblische Autoren eingeschlagen haben: Ich erzähle ihnen lieber eine Geschichte.

 

Es ist Samstag im Mai. Für ihn ist es kein weiter Weg, es sind nur wenige Meter zu gehen. Draußen herrscht ein sonniger Frühlingstag. Er legt sein Gewand an, damit ist er für alle zu erkennen. Nötig ist es nicht, auch so ist sein Gesicht bekannt in dieser Stadt. Alle kennen ihn. Er tritt aus dem Haus, geht durch die Straßen. Mit ihm streben vielen Menschen zu seinem Ziel. Sie kommen aus der Stadt, aus den umliegenden Ortschaften. Desto näher er kommt, desto mehr Sicherheitskräfte stehen nervös an den Straßenecken. Die Menschenmenge wird dichter, aber sie machen ihm respektvoll Platz. Dann wird er auch schon freudig von den Würdenträgern begrüßt. Er ist einer der Ehrengäste. Vielleicht ist es Freude in seinem Herzen als er zu seinem Platz in der ersten Reihe geführt wird. Freude, dass seine Stadt wieder ihr altes Gesicht erhält. Das Gesicht, das von der Verheißung friedlichen Zusammenlebens erzählte. Dass es möglich ist, dass die Menschen in Frieden leben.

Er wird eine Rede halten, er wird von Brüdern und Schwestern sprechen, vom Frieden, von Freundschaft. So wie er es immer tut bei diesen Gelegenheiten, denn sie laden ihn oft dazu ein. Nicht immer an einen so bedeutenden Ort wie heute, aber er kommt.

Der Festakt erlebt eine Unterbrechung. Es ist Zeit, die Menschen streben in ihr Gotteshaus. Sie folgen dem Ruf zum Gebet. Er geht mit ihnen hinein. Und während sie ihre Knie beugen, steht er in der letzten Reihe, mit ihnen im Gebet versunken. Der dort steht – es ist Franjo Komarica, katholischer Bischof von Banja Luka. Er steht inmitten der Ferhat-pašina džamija, der wiederaufgebauten Ferhadija-Moschee. Es ist der 7. Mai 2016, auf den Tag genau vor 23 Jahren sprengten serbische Freischärler Teile dieser Moschee, die vielen als die schönste des ganzen Balkan galt. Die Republika Srpska machte später einen Parkplatz daraus.

Das Bild des betenden Franjo Komarica wurde viel geteilt in der islamischen Community, besonders auch in der bosnischen hier in Deutschland. Und oft schwingt dabei eine Frage mit einer gewissen Bitterkeit mit. Ich stelle sie hier auch in den Raum: Warum kennen wir kein solches Bild aus Deutschland aus unseren Moscheen, das Bild eines christlichen Würdenträgers im gemeinsamen Gebet mit Muslimen in einer Moschee? Werden sie nicht so öffentlich oder gibt es sie vielleicht gar nicht, diese Bilder.

So wie von Franjo Komarica, den katholischen Bischof von Banja Luka. In den Zeiten des Bosnienkrieges hat er gekämpft für den Frieden. Flammende Briefe an die Mächtigen der Welt geschrieben, vom Sterben seines Volkes. Sie blieben meist ohne Antwort. Er öffnete sein Haus für alle, egal ob katholische Kroaten, orthodoxe Serben oder muslimische Bosniaken. Er ließ sich nicht einschüchtern, auch nicht als sie sein Leben bedrohten, die Kriegsverbrecher. Sie stellten ihn unter Hausarrest, was ihn nur wenig beeindruckte. Ihn wie so viele der Priester und Nonnen in seiner Bistum zu töten, das trauten sie sich dann doch nicht.

Nach dem Krieg setze er sich für die Versöhnung ein und kämpft weiter wie ein Löwe für den Bestand und die Wiederherstellung seines Bistumes.

Und so wie er bei der Wiedereröffnung der Ferhadija-Moschee Ehrengast war, ist er es auch oft, wenn all die vielen kleinen zerstörten Dorfmoscheen um Banja Luka wieder eingeweiht werden. Bei einer dieser Eröffnungen brachte er nicht nur seine Freude zum Ausdruck, sondern ermahnte auch alle anwesenden Muslime: Sie hätten nun wieder ein Gotteshaus in ihrer Mitte und er hoffe sehr, dass es nicht nur zu diesem Tag der Wiederöffnung und zu den Feiertagen so gut besucht sei.

Und auch hier die Frage: Kennen wir so etwas aus Deutschland, ein kirchlicher Würdenträger der Andersgläubige daran erinnert, ihre Religion, ihre Frömmigkeit zu leben?

Jedes Mal wenn mich Bilder oder Berichte von Franjo Komarica erreichen, haben ich ihn im Ohr, diesen Ruf des Jesajabuches: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Und die Frage wird in mir laut, in mir, einem unbedrohten evangelischen Pfarrer, gut eingerichtet in aller normalen Mittelmäßigkeit des gut saturierten Lebens in Westeuropa: Wie schafft er das? Woher dieser Mut in der Zeit des Krieges, in der Bedrohung? Woher die Kraft, dem Aufruf des Jesaja zu folgen, Ermutigen zu können? In Menschen die Hoffnung auf Frieden zu wecken? Sie in im Leben ihrer Religion zu bestärken? Warum schafft er es Vorbehalte oder Bedenkenträgerei gegenüber dem Islam zu überwinden – oder warum hatte er sie vielleicht auch nie? Kurz und knapp: Warum lässt er sich nicht von der Angst überwinden, wie ich es bei mir, bei uns immer wieder erlebe?

Dabei taugt er wahrlich weder zum glänzenden Helden und auch nicht zum uneingeschränkten Vorbild. Es gibt nicht ganz unberechtigte kritische Stimmen zu mancher Aktion von ihm im Krieg. Sein Kampf für das Überleben der Kroaten in seinem Bistum, für den katholischen Glauben in der Republika Srbska lässt ihn oft über das Ziel hinausschießen. So gestaltet er in diesem Jahr den Gottesdienst bei der Gedenkveranstaltung in Bleiburg, die auch in diesem Jahr wieder zu einem Treffen nationalistischer und faschismusnaher Kroaten ausartete. Aber trotzdem: Warum lässt er sich nicht von der Angst überwinden? Dass es dafür nicht nur einen guten Grund geben wird, geschenkt. Aber das ist hier eine Predigt, kein psychologischer, historischer oder politischer Vortrag. Von diesen Dingen habe ich auch nicht genug Ahnung. Aber ich sehe sein Bischofswappen und den Wahlspruch: „Gospodin je moja snaga i moja pijesma.“ – Der HERR ist meine Stärke und mein Lied“. Ein Vers aus dem Lobgesang Moses und seiner Schar angesichts der wundersamen Errettung vor der Vernichtung durch Pharao und sein Heer. Ein Vers, der in sich die Verheißung und Hoffnung auf Freiheit trägt. Der in sich die Erfahrung trägt, das es stärkeres gibt als die Angst. Dass dieser Gott einem so entgegenkommt, dass man vom Vertrauen zu ihm überwältigt wird. Dass die Angst nicht siegt! Die Angst, die uns daran hindert, unserm Auftrag nach zu kommen. Die uns hindert Menschen zu trösten, zu ermutigen. Die all die kleinen Vorbehalte und Bedenken gebiert und manchmal auch die vorgeschobenen Hinderungsgründe.

Was wäre, wenn das wahr wäre? Was wäre, wenn das die Wahrheit wäre, die diese Krankheit zum Tode, die die Angst ist eindämmt? Uns befreien würde von den Symptome dieser Krankheit: die kleinlichen Vorbehalte und Bedenken? Was wäre, wenn das wahr wäre, und dies der Grund war für den Mann in der Ferhadija-Moschee im Gebet vertieft mit seinen muslimischen Freunden an jenem Samstag im Mai? Keine politische Richtigkeiten, sondern die Freiheit von der Angst. Genährt und gestärkt aus dem Glauben, dass der Herr die Stärke und das Lied ist. Genährt und gestärkt um dem Ruf zu folgen: „Tröstet, tröstet mein Volk!“

Verfasst von: achterosten | 5. Juni 2016

Auffe Maloche Predigt Epheser 2, 11-22

Predigt 05.VI.2016 (II.n.Tr., Epheser 2, 11-22

Es ist schon etwas, ja ich will es ruhig sagen, es ist schon etwas komisch, wenn man hier bei uns im Ruhrgebiet zum Thema „Arbeit“ etwas sagen will. Denn bei wem wenn nicht bei uns ist „Arbeit“ sozusagen mit den Genen verbunden, gehört irgendwie zu unserer natürlichen Anlage. Wer, wenn nicht wir, schwankt dazwischen ob er die Bezeichnung „Malocher“ für eine Klischee hält oder nicht doch als stolzen Adelstitel sich am liebsten tätowieren lassen würde.

„Arbeit“ – wir können es drehen und wenden, wir hier haben eine ganz besondere Beziehung zu diesem Thema. Und Frank Goossens berühmter Ausspruch „Kär, wat ham wir früher malocht“ – ausgerufen angesichts all der Industriedenkmäler und noch der Ahnung davon, dass dort weniger Industrieromantik als vielmehr Knochenarbeit im Vordergrund stand – dieser Satz, er stimmt doch nicht nur für früher. Früher, als der Himmel über dem Ruhrgebiet noch grau oder manchmal auch bunt war, je nachdem neben welchem Abgasschlot man wohnte. Eigentlich, wenn wir ehrlich sind, gilt er auch noch heute, wo der Himmel wieder blau ist, man die Sonne sieht und wir uns zwar alle nicht mehr zum Schichtbeginn vorm Zechen- oder Werkstor, dafür aber jeden Morgen im Stau auf der A 40 treffen. Wir malochen meistens immer noch und können es auch irgendwie nicht lassen – zwar vielleicht nicht mehr so sehr auf der Arbeit, aber dann halt in der Freizeit. Oder kennen Sie eine Region in der Welt mit einer solchen Dichte an Baumärkten? Was wird hier nicht alles in der Freizeit gemörtelt, geschraubt, gepflanzt und renoviert. Ohne Witz, es soll bei uns Menschen geben, die fahren samstags in den Baumarkt, um zu gucken, was sie denn demnächst mal renovieren können. Da steht der Ruhrgebietsmensch an sich morgens im Bad, schaut sich um und denkt „Die Fliesen sind jetzt schon drei Jahre alt, eigentlich nichts dran, aber eigentlich…“ – und schon hat er den Zollstock in Hand und nächste Woche sind die neuen Fliesen an der Wand. Während anderswo die Angebertour bekanntermaßen in dem Dreiklang „Mein Auto, mein Haus, meine Yacht“ läuft, geht der bei uns „Mein Bad, meine Carport, mein Gartbenbeet – allet natürlich selber gemacht“ und oft sichtbar nach dem Motto „Wat nicht passt, wird passend gemacht.“ Und, so ist dann mein Verdacht, gar nicht mal so sehr um der Sache selber willen, sondern wegen unserer besonderen Beziehung zur „Arbeit“ wird geschraubt, gemörtelt und gepflanzt. Jetzt könnt ja man meinen, dass hängt damit zusammen, das hier alle früher so malochen mussten, in der Zeche, auf dem Stahlwerk, im Haushalt und im Schrebbergarten und sich das so in unsere natürlichen Anlagen eingefräst hat. Meine Vermutung ist eher, dass das historisch genau anders herum war: Hier kamen einfach alle hin, die schon immer eine besondere Beziehung zur Arbeit hatten! Und zwar aus allen Ecken der Welt. So gibt es ja die weitverbreitete Annahme, dass der sog. Südländer eher ein entspanntes Verhältnis zur Arbeit hat. Alles Vorurteil. Ich kennen Gärten hinter dessen Pflegezustand des Rasens sich jeder Kleingarten zwischen Wanne-Eickel und Engelsburg verstecken kann. Die Besitzer und Gärtner – alles Männer, die in den 70ern nach Bochum als sogenannte Gastarbeiter kamen. Und angeblich ist er ja auch auf Baustellen des Ruhrgebietes entstanden, jener zunächst abschätzig klingende Satz voll verstecktem Respekt „Nimmst du den Bagger, ich nehm den Jugo.“

Und inmitten all dieser Menschen mit all ihren unterschiedlichen Wurzeln, Glaubensvorstellungen und Traditionen und ihrer ganz besonderen Beziehung zur Arbeit gibt es eine nicht unerhebliche Zahl, die sich jeden Tag auf zur Schicht, auf den Weg zur Maloche macht – bei der Kirche. Und um das gleich fest zu halten, nur der geringste Anteil dieser Menschen sind Pfarrerinnen und Pfarrer. Es sind all die Menschen, die in Krankenhäusern als Pflegerin sich für die Gesundheit der Patienten einsetzen, aber auch die, die als grüne Dame und grüner Herr einfach mal ein Buch vorbei bringen, das ein wenig ablenkt. Es sind die Menschen, die in den Kitas Kinder begleiten und ermutigen, auf ihrem Weg in die Welt, aber auch die, die Menschen zu ihrem Geburtstag einen Gruß der Gemeinde vorbei bringen. Es sind die Menschen, die dafür sorgen, dass Gottesdienste in einem angemessenen Raum gefeiert werden können. Orte da sind, Türen geöffnet, das Menschen Gott und sich begegnen können, aber auch die, die ihren Drang zum Kärchern nicht nur an der heimischen Terrasse auslassen, sondern auch an Gulaschkanonen nach dem Gemeindefest.

Und für sie alle, die sich jeden Tag aufmachen, gilt dieser Satz aus dem heutigen Predigttext des Epheserbriefes: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinander gefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.“

Das gilt für all die Menschen, die Tag für Tag in den diakonischen Einrichtungen, in den Kitas, in der Verwaltung, in unseren Kirchen und Gemeindehäusern arbeiten – und gar nicht so selten artet das auch mal dann in Maloche aus. Die Worte des Epheserbriefes sind Zu- und Anspruch dieser Arbeit. Und heute an einem Tag, wo wir Menschen ehren wollen, die das schon seit Jahrzehnten tun, da darf man das auch mal so klar, ohne die sonst so üblichen Einschränkungen sagen: All diese Menschen, die erfüllen Gottes Auftrag und Gottes Willen für diese, für seine Welt. Denn er will für seine Schöpfung, für seine Menschen das Gute. Und dies geschieht durch all diese Menschen, durch Sie, die in Diakonie und Kirche mitarbeiten. Der ganze heutige Predigttext im Epheserbrief spricht davon. Da geht es darum, dass Gott, sein Volk, die Juden erwählt hat und ihnen bis heute die Treue hält. Unverbrüchlich damit verbunden ist der Auftrag, das Gute zu tun, Gotte Willen zu tun. Der Epheserbrief erweitert diesen Auftrag: So wie die Juden durch Gott berufen sind, so sind wir durch Jesus Christi berufen, Gottes Willen zu tun.

Und etwas noch entscheidendes kommt hinzu: Dieser Wille Gottes ist nicht gebunden an die persönlichen Überzeugung, den persönlichen Glauben der Menschen, die bei uns arbeiten. Das ist gar nicht entscheidend, sondern um es mal so zugespitzt zu sagen: Entscheidend ist was dabei raus kommt. Ob es dem Willen Gottes zum Guten entspricht, das ist das entscheidende. So gilt sie dann auch hier, jene Ruhrgebietesweisheit: Es kommt nicht darauf an, was du bist, sondern was du kannst. Das zentrale ist nicht, was eine, einer ist, sondern ob sie ihre Kraft, ihr Können diesem Auftrag Gottes zur Verfügung stellt. Daher, um das auch mal hier in aller Deutlichkeit zu sagen, ist die Frage, welcher Religion jemand angehört, dabei auch erst einmal zweitrangig. Viel wichtiger ist doch die Frage, will sich da jemand daran beteiligen Gottes Willen in die Tat umzusetzen.

Und auch Qualität und Geld sind dann keine Schimpfwörter mehr – denn wenn es wirklich wahr ist, dass diese Arbeit der Auftrag Gottes ist, dann kann doch nur das Beste gut genug sein. Und dann muss uns das auch etwas Wert sein. Der Kampf um gute Ausbildung und gute Arbeitsbedingungen, und dazu gehört auch der Lohn, ist damit dann auch selbstverständlich Bestandteil unser täglichen Arbeit.

 

Liebe Gemeinde, so hoffen und glauben wir, dass all diese Menschen den Auftrag Gottes erfüllen, nicht mehr oder weniger. Und wenn wir das hoffen und glauben, dann bewahrt uns das auch vor einer großen Gefahr. Einer großen Gefahr, der man schnell erliegen kann, wenn Arbeit so mit Bedeutung aufgeladen ist. Denn schnell wird dann die Arbeit über den Menschen gestellt. Und dann verkommt die Aussage über das Tun des Willen Gottes zur menschenverachtenden Ideologie. Wird der Mensch Mittel zum Zweck. Wer aber diese Arbeit unter der Überschrift des Auftrages Gottes sieht, der kann das nicht ohne zwei entscheidende Punkte. Der erste ist das große Geschenk des Ruhetages, des Schabbats. Der Ruhetag trägt in sich die Botschaft an uns alle: Du bist viel mehr als deine Arbeit, viel mehr als die Summe all dessen was du tust. Du bist viel mehr als nur Erzieherin, als nur Küster, als nur Mitarbeiterin beim Kindergottesdienst oder nur Pfarrer. Aus dieser Perspektive gilt sie dann nicht, die alte Ruhrgebietsweisheit von gerda. Denn aus dieser Perspektive geht es nicht um unser Können, um unsere Arbeit, sondern darum wer wir sind. Geliebte Kinder Gottes, die dazu aufgerufen sind, seine Schöpfung zu genießen.

Der zweite entscheidende Punkt: Erfolg und/oder Misserfolg liegen nicht allein in unserer Hand, sondern letztlich in Gottes Hand. Gott hat diese Welt nicht nur geschaffen hat, sondern bewahrt sie auch jeden Tag. Es kann nicht alles dem Erfolg untergeordnet werden und ein Misserfolg ist nicht das Ende der Welt. Und Gottes Auftrag liegt auch nicht vor wie eine To-Do-Liste, sondern er muss immer wieder neu hinterfragt, ausgelegt werden.

Das alles schenkt uns die nötige Demut und den nötigen realistischen Blick auf unsere Arbeit. Denn auch bei uns ist natürlich nicht alles Golden, auch bei uns menschelt es allzu häufig, aber wir können das auch unumwunden zugeben. Wir müssen uns nicht in eine elende Bigotterie flüchten, die alle Konflikte, alle Probleme mit einer dicken Soße aus dem Zucker der Harmonie zudeckt. Weil Streit und Konflikt angeblich nicht zum Auftrag Gottes passen. Tut mir leid, davon kann ich nichts in der Bibel finden. Ganz im Gegenteil, da streiten sogar Menschen mit Gott, verhandeln mit ihm, tragen ihre Konflikte mit ihm aus, legen ihm zu Füßen, wie sie seinen Auftrag verstehen. Und Gott lässt sich darauf ein, lässt sich umstimmen. Und dann soll die Auseinandersetzung um den richtigen Weg nicht in unserer täglichen Arbeit möglich sein?

Wenn mir das alles so vor Augen steht, was ich jetzt so aufgezählt habe, dann bleibt mir nur zu sagen: Gerade die Menschen im Ruhrgebiet bringen die besten Eigenschaften für die Arbeit unter der Überschrift des Willen Gottes, das Gute für die Menschen, mit: Wir haben eine besondere Beziehung zur „Arbeit“ und damit auch keine Angst vor Arbeit, auch wenn sie manchmal zur Maloche wird. Wir wissen aber auch zu feiern und die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Und auf den Mund gefallen sind wir auch nicht, wenn es darum geht, zu diskutieren, was denn jetzt richtig ist.

Es ist wunderbar, dass jeden Tag Menschen, das Sie jeden Tag hier bei uns diese schönen Eigenschaften in unsere Gemeinde bringen. So wird das Wort Gottes Tag für Tag zu einem Bild, das den Menschen vor Augen steht: Es zeigt ein zugewandtes Gesicht und eine ausgestreckte Hand.

Verfasst von: achterosten | 18. April 2016

Songs über das Unsichtbare – Predigt zu 2. Korinther, 4, 14-18

Predigt Jubilate, 17.IV.2016 (II. Kor 4, 14-18)

Liebe Gemeinde,

der Predigttext des heutigen Sonntags führt uns zu einem der Geheimnisse des christlichen Glaubens. Vielleicht gerade zu dem Kern, der zum einen den Glauben der Christinnen und Christen ausmacht, uns zum anderen immer auch seine Verletzlichkeit, seine Ambivalenz vor Augen führt. Im Zweiten Brief an die Korinther heißt es: „Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“ „Die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.“ – das scheint doch eine gute Zusammenfassung des Glaubens an den einen Gott. Was ja schon, und ich gebe zu, das klingt jetzt etwas kompliziert, ein Wiederspruch in sich ist. Denn wie will man auf etwas sehen, was gar nicht zu sehen ist? Um etwas sehen zu können, muss es für uns sichtbar sein. Unsichtbares lässt nicht sehen. Diese Bild des Korintherbriefes für den Glauben, gerade auch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi, der Osterglaube, führt uns mitten hinein in den Kern, aber auch in das grundlegende Problem des Glaubens: Etwas zu sehen, was gar nicht zu sehen ist. Das scheint jetzt vielleicht mancher und manchem zu simpel ausgedrückt zu sein, aber es ist doch so: Wir können Gott nicht sehen. Das gleiche gilt für Ostern: aus dem sichtbaren Jesus wird der unsichtbare Christus, der Auferstandene.

Jetzt gibt es in meinen Augen drei Wege mit diesem Kern, diesem Geheimnis des Glaubens umzugehen. Der erste Weg sieht genau darin den Grund den christlichen Glauben abzulehnen und das ist sogar ein verständlicher Grund. Der zweite, der liegt sozusagen am anderen Ende. Da wird dann der Glaube zu einer Art moralischem Hochleistungssport. Mann oder Frau sollen dann einfach glauben, auch wenn sie nicht sehen können. Sehen, was sie nicht sehen. Wer das nicht schafft, ist wohl nicht geeignet für den christlichen Glauben. Ich muss sagen, ein in meinen Augen gruseliger Weg. Bleibt noch der dritte, und sie werden es schon stark vermutet haben, es ist der, der für mich ein guter ist. Es ist der Weg der Bibel. Der Weg, der immer auf der Suche nach dem Unsichtbaren bleibt. Der dabei aber auch immer davon ausgeht, dass das Unsichtbare und das Sichtbare fest miteinander verbunden sind, sich aufeinander beziehen. Daher erzählt uns die Bibel vor allem Geschichten; in Geschichten. Geschichten als der Ort, wo diese Verbindung des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren vor Augen tritt und so „gesehen“ werden kann. Der Ort, wo erlebtes gedeutet wird und so die Geschichten wachsen. Hier ist man dem Unsichtbaren auf der Spur.

Vielleicht liegt hier einer der Gründe der Krisen des Christentums hier bei uns. Dass wir genau diesen Weg eher haben links liegen gelassen. Es gibt viele Anweisungen für mein moralisches Verhalten usw. usf. Aber Geschichten in diesem biblischen Sinne, ich höre sie in den Kirchen nicht mehr. Dafür aber an vielen anderen Orten: In Konzerthallen, im Kino, als ich in Kassel lebte und durch die Documenta ging.

Daher, genug der Vorrede. Ich will ihnen heute eine solche Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem berühmten Mann. „Aint no Grave“ – seine Stimme haben sie gerade schon mit diesem Lied gehört. Die Geschichte eines Mannes, der als Sohn armer Landpächter mitten in den USA geboren wird. Inmitten des verzweifelten Versuches, mit härtester Arbeit die bittere Armut hinter sich zu lassen. Inmitten des „American Dream“ der für viele nur Not und Elend blieb. Harte Arbeit auf den Feldern, die auch vor den Kindern, auch vor ihm nicht Halt machte. Elende Lebensbedingungen, die Kinder zwangen mit für die Familie Geld zu verdienen. Das alles oftmals verbunden mit einem tiefen, schlichten, manchmal sogar kindischen Glauben. So wuchs er auf, immer neben sich, seinen geliebten Bruder. Sein Vorbild im Alltag und im Glauben. Immer im Ohr die frommen Gesänge seiner Mutter, vor Augen die biblischen Verse, die sein Bruder ihm vorlas. Beide sprachen davon, das letztlich alles in Gottes Hand liegt. Er irgendwann aller Not, allem Elend ein Ende machen wird. Jetzt aber lag der sterbende Bruder vor ihm, entsetzlich entstellt von der Kreissäge, in die er bei der Arbeit gestürzt war. Der geliebte Bruder, der doch Prediger werden wollte. Das allem blieb tief in ihm und prägte ihn sein Leben lang.

Er ging in den Militärdienst und schrieb bereits hier eines der Lieder, das ihn berühmt machen sollte. Das Lied eines Mannes, der einen anderen erschoss, nur um zu sehen, wie ein Mensch stirbt. Nach dem Militär lebte er das Leben eines kleinen Vertreters, der vom Leben als Musiker träumte. Noch so ein „American Dream“. Bei ihm wurde er aber Wirklichkeit. Mit dem Erfolg kamen aber die Kehrseite, Tabletten und Alkohol. Sie gaben ihm die Kraft, die Kreativität, die nötige Betäubung für den Schmerz einer Ehe, die am Ende war und einer neuen Liebe, die zunächst keine Antwort fand. Er, der gerne von den harten Jungs in den Gefängnissen sang, sah nun zum ersten Mal auch eines von Innen. Man hatte ihn beim Schmuggeln von Tabletten erwischt. Es ging immer weiter bergab, seine Wutausbrüche kaum noch zu kontrollieren. Er war am Ende, er wollte nur noch sterben. Tagelang hatte er nicht gegessen, nicht geschlafen. Eine abgeschiedene Höhle am Ende der Welt. Er legte sich in eine der dunklen Kammern, um zu sterben. Aber – er starb nicht. Er selber beschrieb es später so, das ihm dort in dieser Höhle klar wurde, als der Tod ausblieb, das es wohl nicht in seiner Hand liegt, sein Sterben, sein Tod. Er verließ die Höhle, ging durch die Hölle des Entzuges. Und das ist keine dieser schönen Geschichten, die gerne in bestimmten christlichen Kreisen erzählt werden. Keine von diesen reinen, sauberen Geschichte eines Drogensüchtigen, der dann eine besondere Begegnung mit Gott hat und danach ein glückliches und vorbildliches Leben führt. Unser Mann wird sein Leben lang mit der Sucht kämpfen, wird einen Rückfall haben. Wird, als er mal berühmte Gäste zum Essen hatte, nach dem er das Tischgebet gesprochen hat, hochschauen und sagen: „Wisst ihr, ich vermisse sie ganz schön, die Drogen.“

Nach dem ersten Entzug geht seine Karriere steil bergauf, aber er bleibt unbequem, lässt sich nicht vereinnahmen, weder von der einen, noch der anderen politischen Seite. Er singt vor einem Milionenpublikum, er singt vor den Insassen der Gefängnisse, singt ihre Lieder. Wie überall beginnt er auch hier jeden Abend mit dem Satz „Hello, I´m Johnny Cash“.

So gehen die Jahre ins Land, gefüllt mit Erfolg. Als der nachlässt bleibt ihm der Ruhm, den er hat, jedenfalls bei der älteren Generation. Aber es wird still um ihn. Bis zu jenem Moment, der dazu führt, dass ich ihnen heute von diesem Mann erzähle. Der Moment, das Zusammentreffen, das für viele meiner Generation Johnny Cash so wichtig macht. In den 90ern meldet sich der Produzent Rick Rubin bei ihm. Rubin hat bis dahin mit Countrymusik so viel zu tun, wie ein Holzfäller mit Ballett. Er gibt Johnny Cash die Möglichkeit, die er immer wollte. Er durfte endgültig die Songs spielen die er spielen wollte und so wie er sie spielen wollte: Meist der nur mit der Gitarre begleitete Gesang von ihm. So entstanden vier Alben, die diesen alten Mann in das Bewusstsein meiner Generation hob. Er wurde zu unserm Star, die wir auf der verzweifelten Suche nach dem Echten waren. Die wir aber auch wussten, das alle Ideologie, alle Utopie an der Realität zerbricht. Die glauben, dass das Gute nicht rein und weiß ist, leuchtend, sondern vom Schmutz des Lebens bedeckt. So wie er jetzt die Songs sang. Alles Mögliche hat er gecovert. Banale Songs, Songs die von der Drogensucht sprechen. Alte Countryhits. Und immer wieder geistliche Lieder. Lieder die immer noch aus dem einfachen, manchmal fast kindisch erscheinenden Glauben aus den harten Jahren unter der Dustbowl, der Dunstschüssel stammen. Das war der Glaube des Johnny Cash. Aber bei ihm war es nie peinlich, nie ein Grund zum Fremdschämen. Ihm haben wir das geglaubt. Bei ihm haben wir zu hoffen gewagt, dass es vielleicht wahr sein könnte. In ihn haben wir hineingelesen unsere Hoffnung, das Gute dort zu finden, wo es vom Leben schmutzig ist. Bei ihm, der fast blind, vom Tod schon gezeichnet, mit brüchiger Stimme vom Unsichtbaren singt. Ihm, dessen Leben zu einer der Geschichten geworden ist, wir brauchen, um das Geschenk des Glaubens annehmen zu können. Brauchen, um ihn Leben zu können, den Widerspruch, auf das Unsichtbare zu sehen. Soll er doch nochmal davon singen.

 

 

 

Verfasst von: achterosten | 29. März 2016

Zwei Frauen und das Leben – Predigt zu 1. Samuel 2, 1-8a

Predigt I. Sam 2, 1-8a (Ostern, 27.III.2016)

Welch ein Freudentag. Nicht nur für Sie, liebe Familie und liebe Familie in ihrer Freude über die Taufe Ihrer Kinder. Es ist ein Tag der Freude für uns alle. Vorbei die Tage der Herrschaft des Todes. Vorbei die dunklen Tage des Leidens. Vorbei die stillen Tage seit Karfreitag. Die Herrschaft des Todes ist gebrochen. Das Licht bricht durch, erhellt und wärmt die Gesichter und Gemüter. Der Freudenlärm durchbricht das eisige Schweigen der Felsenhöhle. Es ist der Tag der Freude.

Wir hören sie heute, die unglaubliche Geschichte, dass Gott uns nicht dem Tod überlässt. Dass nicht der Tod die Überschrift über unser Leben ist, sondern – das Leben. Gott selber die Mauer des Todes durchbricht, den Stein vor dem Grab wegrollt. Welch eine Geschichte! Die völlige Verkehrung aller menschlicher Erfahrung, aller menschlicher „Todesangst“ und damit aller Angst. Aber auch die Verkehrung all dessen, was wir erwarten, annehmen, fürchten. Freiheit vom Tod, Freiheit von der Angst. Wie unglaublich klingt diese Geschichte des Ostermorgens. In diese Woche angesichts der Anschläge in Ankara, Istanbul und Brüssel, all der kleinen und großen Orte wo Menschen anderen den Tod bringen. Wie soll man auf diese Geschichte anders reagieren als mit Verwunderung, Unglaube. Wie tief würde uns das erschüttern, wenn es wahr wäre. So wie die Frauen am Grab erschüttert werden, von denen wir gerade hörten. Ja, was wäre, wenn es wirklich wahr wäre? Wenn wirklich der Tod besiegt wäre, das Leben als Überschrift über allem stehen würde? Das ist das Zentrum des christlichen Glaubens, das ist das Zentrum, wenn wir Menschenkinder taufen. Dann stellen wir sie unter diese Überschrift des Lebens.

Diese Überschrift, sie gilt schon jetzt. Keine Vertröstung auf ein irgendwelches Jenseits. Jetzt schon herrscht das Leben, das Gott schenkt. Jetzt schon ist es unter uns. Wir können es ahnen. Wir können schon jetzt schon die Zeichen der Herrschaft des Lebens sehen. Wir können schon jetzt selber Zeichen des Lebens werden.

 

Lassen sie mich Ihnen von dieser Herrschaft erzählen. Von zwei Frauen will ihnen erzählen.

 

Die erste lebte vor langer Zeit. Es ist üblich, dass ein Mann in jenen Tagen mehr als eine Frau hat. Eine völlig andere Zeit als die unsrige, ein völlig anderes Bild vom Leben als Familie. In dieser Zeit lebt unsere Heldin. Sie ist die erste, die er geheiratet hat, sie hat er lieb, so sagt er ihr. Aber da ist noch die andere, die Zweite. Ihr sagt er wohl nicht, dass er sie lieb hat. Sie aber hat die Familie wachsen lassen, mit ihr hat er Kinder. Sie die erste, sie aber wird nicht schwanger. Nicht, dass die beiden, ihr Mann und sie nicht alles probierten. Es gelingt aber nicht. Als die andere das erste Kind gebar, da machte ihr das nichts aus. Beim zweiten aber spürte sie nicht nur den traurigen Blick ihres Mannes auf sich, sondern auch den Stich im Herzen. Es ist ihr größter Wunsch, endlich auch ein Kind zur Welt zu bringen. Immer mehr wird der unerfüllte Wunsch zum Mittelpunkt ihres Lebens. Immer mehr wird der Schmerz in ihrem Herzen größer. Für viele von uns heute vielleicht eher einen kritischen Blick wert, dass sie allein darin das Zentrum ihres Lebens sieht. Aber das Verständnis für den Schmerz dieser Frau kennt dann doch keine moralischen Kategorien. Und wie groß ist ihr Schmerz. Aus dem höhnischen Blick, der anderen, der Zweiten ist viel mehr geworden. Ganz offen ergießen sich ihre miesen Witze, die ewigen Anspielungen über sie. Wie ein schleichendes Gift hat es sich auch schon in die Herzen der Menschen um sie her ausgewirkt. Sie hört sie tuscheln hinter ihrem Rücken. Sie spürt ihre abschätzigen Blicke wie heiße Nadeln. Sie spürt es täglich wie ihre Würde ihre genommen wird. Tag für Tag, Stück für Stück. Immer wieder diese Demütigungen. Und auch die Liebe ihres Mannes schmeckt ihr bitter, hat sich doch Mitleid mit hineingemischt. Mitleid und Resignation. Es ist das Schreckliche geschehen: Sie selber, die Menschen um sie her stellen ihr Leben über die vernichtende Überschrift des Todes. Hart und unbarmherzig. Wie soll es auch anders sein, bei ihr, die ja anscheinend kein Leben schenken kann.

In ihrer Verzweiflung weiß sie nur noch eins: Sie will einen Handel eingehen. Mit dem, von dem sie doch jedes Jahr dort im Tempel hört, dass er den Menschen hilft. Von dem sie singen, dass er der ist, der dem Gedemütigten Recht verschafft. Soll der doch helfen. Wenn nicht ist da wenigstens ein Ort wo sie ihren Schmerz lassen kann. Aber selbst dort erfährt sie nur Demütigung. Ihr Weinen, ihr stummer Schrei – für das Gelallele einer Besoffenen wird es gehalten. Rauswerfen will der Priester sie. Soll sie draußen ihren Wein auskotzen. Ob es diese Demütigung zu viel ist, die endlich in ihr etwas löst, befreit? Sie lässt sich nicht mehr rumschubsen. Zuviel hat sie schon über sich gehört. Sie protestiert. Das letzte bisschen Würde, das lässt sie sie nicht auch noch nehmen. Nein, kein Wein, aber sie kotzt sich trotzdem aus. All ihren Schmerz, all ihr Leid, ihr Leben unter der Überschrift des Todes. Sie wirft es dem Priester vor die Füße. Und sie geht. Geht mit der Verheißung des Priesters, dass ihr Schrei erhört wird. Es geht ihr schon ein wenig besser, spürt einen Hauch des Lebens. Schließlich wächst es in ihr das Leben ihres Sohnes. Mit ihm wächst in ihr die Erkenntnis: Sie ist Hanna. Hanna, dessen Leben nicht unter der Überschrift des Todes steht, sondern unter der Überschrift des Lebens. Hanna, die ihren Sohn Samuel das Leben schenkt. Hanna die voller Würde, voller Leben spricht: „Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.  Laßt euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, daß er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.“

Sie ist Hanna – sie hat sie gesehen, die Zeichen der Herrschaft des Lebens.

 

Die Andere auf dem Bild vor Ihnen. Betrachten Sie sie. Welch eine schöne Frau. Welch eine Eleganz. Welch ein Stolz. Ein Filmstar? Ein Model für Dolce & Gabana? Sie ist einfach nur eine Frau von vielen in dieser Stadt. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit, wie jeden Morgen. Nein, nicht wie jeden Morgen. Heute ist er anders. In aller Frühe hat sie ihr langes Haar abgeschnitten. Das Wasser wurde immer knapper, auch Shampoo hatte sie kaum noch. Und so schnitt sie es ab. Strähne um Strähne fielen sie zu Boden. Strähne um Strähne wickelte sie aber ihr kurze Haar dann auch ein. Es einfach platt runterhängen zu lassen – niemals würde sie das tun. Das war anders an diesem Morgen. Sonst war alles wie immer. Sie sah aus wie jeden Morgen wenn sie vor die Tür trat. Wie jeden Morgen geht sie diesen Weg. Kurz hält sie inne, als in der Nähe eine Detonation zu hören ist. Dann weiter, im gemessen Schritt. Den Fotografen sieht sie nicht. Auch nicht den Soldaten. Es ist wie immer. Wie jeden Morgen seit über drei Jahren in dieser Stadt. In diesem Tal des Todes wo die Hauptstraße jetzt nicht mehr

„Zmaja od Bosne“ sondern „Snajperska aleja“, „Allee der Scharfschützen“ heißt. Sie, diese Frau, weiß, das dort oben in den Bergen seit drei Jahren tausende von Soldaten hocken, die nur eins wollen: Ihr Leben und das aller Menschen in diesem Tal unter die Überschrift des Todes zu zwingen. Das weiß sie. Sie weiß noch nicht, dass sie am Ende in der Stadt lebt, die am längsten im 20. Jahrhundert belagert wird. 1425 Tage wird mit unvorstellbarem Schmerz und Leid alles versucht um diese Stadt endgültig und bis zum letzten unter die Überschrift des Todes zu zwingen. Jede Demütigung wird dieser Stadt angetan. Von ihren Feinden, von denen die eigentlich als Helfer erwartet wurden. Helfer, die sie den Feinden überließ und noch an die Wände schrieben: „„No teeth …? A moustache …? Smel like shit …?“ Bosnian girl!“ Aber 1425 Tage geht diese Frau durch die Straßen. Elegant, schön, mit geradem Rücken, offenem Gesicht. Als unzerstörbares Bild des Lebens. Sie weiß, sie ist  Meliha Varešanović. Sie spricht voller Leben: „Ich lief immer langsam die Strasse entlang und rannte nie, denn ich wollte den Scharfschützen signalisieren, dass ich keine Angst vor ihnen habe. Ich habe mich im Krieg immer besonders schick angezogen. Wahrscheinlich mehr, wie sonst. Ich wollte mir vom Feind nicht aufzwingen lassen, Turnschuhe zu tragen. Das war meine Art zu zeigen, dass ich mich nicht unterwerfen lasse. Das war aber auch ein Zeichen an die Aussenwelt und vor allem an die ausländischen Medien, welche die Bürger auch erniedrigten. Sie nahmen nur arme Frauen mit Kopftüchern auf, die natürlich litten und Schreckliches erlebten. Es war furchtbar. Aber keiner berichtete darüber, dass Frauen in den Städten alles gaben, um ihre Würde in dieser schrecklichen Zeit zu bewahren.

Sie ist Meliha Varešanović – sie ist ein Zeichen der Herrschaft des Lebens für viele.

 

Zwei Frauen im Licht des Ostermorgens, zwei Frauen und die Zeichen der Herrschaft des Lebens. Welch ein Freudentag. Gott, der Herr über Tod und Leben, stellt uns unter diese Herrschaft.

 

Verfasst von: achterosten | 13. März 2016

Blut, Schweiß und Tränen? Predigt zu Hebräer 13, 12-14

Predigt Gottesdienst 13.III.2016 Judika (Hebr 13, 12-14)

 

Liebe Gemeinde,

liebe Presbyterinnen und Presbyter,

 

in Momenten wie diesen wünschte ich mir, dass ich so mindestens 30 Kilo mehr auf den Rippen hätte. Dazu noch 20 Jahre älter wäre und über die nötige sonore Stimme verfügen würde. Dann hätte ich die nötige körperliche Ausstattung um die Wirkung meiner Worte so zu unterstreichen, wie jener Mann, der am 13. Mai 1940 vor das Unterhaus in London trat. In einer ganz kurzen Rede schwört er das britische Volk auf den Kampf gegen den Unrechtsstaat Deutschland ein. Nicht, dass die historische Situation damals nur annähernd mit der Einführung eines neuen Presbyteriums zu vergleichen wäre, trotzdem fielen sie hier, die berühmten Worte, die diese Rede unsterblich machte: „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat. – Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühe, Tränen und Schweiß.“ Eine schonungslose Analyse der Gegenwart und dem was sie den Menschen abverlangen wird. Keinerlei Beschönigung, kein Zuckerguss.. Da ist es vorbei mit Behaglichkeit, mit der Gediegenheit eines Fünf-Uhr-Tees und Spitzendeckchen. Da wird ganz klar der Horizont aufgemalt, was das Ergebnis wäre, wenn man die Tür zur Realität weiterhin mit aller Gewalt zu verschließen sucht.

Wie bereits gesagt, große Worte aus einem Moment, als es um alles ging, viel zu groß der historische Moment, viel zu groß die Worte, um sie mit unserem Gottesdienst heute Morgen vergleichen zu können. Ein kleines Körnchen aber, eine kleine Prise davon – doch die passt hier und heute.

„Blut, Schweiß und Tränen“ – das ist zwar zum Glück nicht alles was ich Ihnen als Presbyterium in den nächsten vier Jahren zu bieten habe. Aber sie treten ihr Amt in einer Zeit an, die viel von uns verlangt und verlangen wird. Denn, und daher erzähle ich ihnen überhaupt von dieser Rede Churchills, es gilt nicht nur in der evangelischen Kirche allgemein, sondern auch in Goldhamme und Eppendorf die Tür zur Realität, zum Leben der Menschen ganz weit zu öffnen. Wirklich und ohne Scheuklappen wahr zu nehmen, wie die Menschen um uns herum mit uns leben. Was ihre Fragen, ihre Sorgen sind, welche Rolle wir als Gemeinde hier vor Ort überhaupt spielen. Und da gibt es zwei Möglichkeiten, diese Realität zu sehen: In Panik und Angst, dass wir immer weniger werden. Die Zahl der Beerdigungen seit Jahren die Zahl der Taufen und Eintritte bei weitem übertrifft. Die Mehrzahl unserer Gruppen und Kreise an Überalterung leiden. Unsere Kirchen und Gemeindehäuser uns immer mehr zu groß erscheinen. Das einzige was zu steigen scheint, ist die Zahl der Gemeindemitglieder für die eine Pfarrerin, ein Pfarrer zuständig ist. Von dem auf uns zukommenden massiven Rückgang der Kirchensteuermittel ganz zu schweigen. Das ist die eine Realität. Und es führt in meinen Augen auch kein Weg daran vorbei, sie so klar zu benennen, ganz gemäß dem Motto jeder guten Demokratie: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Diese Realität wird von Ihnen als Presbyterium manche schwerwiegende und bedeutende Entscheidung fordern. Hier wird der Schweiß perlen und so manche Träne wird auch vielleicht fließen. Denn es wird um Abschied gehen, um Abschied von manch Alt-Vertrauten. So etwas tut weh, keine Frage. Es werden Entscheidungen zu fällen sein, die alle Beteiligten schmerzen werden, auch nach langem und reifem Überlegen, auch nach vielen Gesprächen.

Diese Realität kommt ja auch nicht plötzlich und unerwartet, seit Jahrzehnten ist sie Thema. Menschen meiner Generation oder jünger kennen gemeindliche oder kirchliche Diskussionen gar nicht mehr anders, als unter diesen Vorzeichen. Und trotzdem kann man sich nicht ganz dem Eindruck erwehren, dass man sich manchmal mehr damit beschäftigt hat, die Tür zu dieser Realität zu zu halten, die eigene innerkirchliche Behaglichkeit zu schützen. Was ja auch zutiefst menschlich und verständlich ist.

Das alles so zu sagen ist auch kein besserwisserischer Sadismus, keine Schwarzmalerei, sondern die eine Seite der Realität. Die Aufgabe der wir uns als Gemeinde, Sie als Presbyterium zu stellen haben.

Aber, und das ist kein vertröstendes auch kein abmilderndes, „aber“, das ist zunächst die eine Realität, der es gilt sich zu stellen. Aber da ist noch die andere Realität, die, die vielmehr in sich trägt als Blut, Schweiß und Tränen. Jene Realität des heutige Predigttextes aus dem Hebräerbrief: „Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So laßt uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ganz ehrlich, ich bin kein Freund des Hebräerbriefes. Ist er doch in Vielem das Startsignal zu jenem unsäglichen Antijudaismus des christlichen Glaubens, der bis heute sein Gift verströmt. Dieser eine Satz aber ist von immenser Kraft und Bedeutung. Gerade an Tagen wie diesem, wo wir den Blick richten auf unser Leben als Kirchengemeinde, auf die Aufgaben, die vor ihrer Leitung liegen: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Das ist sie, die andere Seite der Realität. Manchmal habe ich leider nur den Eindruck, dass wir angesichts all der Veränderungen, so wie ich sie vorhin skizziert habe, diese Seite unserer Realität als Gemeinde vergessen oder verdrängen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ – das ist die Erkenntnis, dass unser Glaube nicht auf Bewahrung oder sogar Stillstand ausgelegt ist. Er ist ein Glaube der Bewegung, der stetigen Veränderung. Er ist ein lebendiger Glaube, voller Kraft. Er kommt aus der Vergangenheit, aber er bleibt nicht in ihr stehen. Er sagt nicht „Es geht alles den Bach runter…“, sondern er sagt „Morgen werden die Quellen an anderer Stelle sprudeln.“

Damit sind in erster Linie auch nicht die Strukturen und Formen unserer Gemeinde im Blick. Es geht vielmehr an erster Stelle um die Inhalte unseres Glaubens. Die sind doch gerade lebendig, suchen die Antwort auf die Fragen, Freuden und Nöte der Menschen – jetzt. Verändern sich daher. Bleiben nicht bei alten Fragen, alten Überzeugungen  stehen. Der christliche Glaube liefert nicht schon fertige Meinungen, Überzeugungen, sondern trägt in sich auch den Zweifel, das Suchen.

Damit dies hier nicht nur eine schöne Sonntagsrede bleibt, will ich das auch an einem Beispiel mal ganz konkret machen: Wir sind gerade mitten in der Passionszeit. Nicht gerade eine Zeit, die von Fröhlichkeit geprägt ist. Das Leiden Jesu, seine Qualen, sein Sterben stehen bis zum Ostermorgen im Mittelpunkt. Was bedeutet uns dieser Tod? Können wir noch etwas anfangen mit den Worten, die vom Tod für unsere Schuld sprechen, Erlösung von unserer Schuld? Ist das meine Frage, die Frage der Menschen? Oder sind es nicht eher Worte, die von einer unserer größten Ängste, dem Versagen, sprechen? Ist denn nicht das Kreuz ein Zeichen des Versagens? Versagt Gott nicht selber, erreicht gar nichts, außer den eigenen Tod? Und ist dieses Versagen dann wirkliches Versagen im Geheimnis von Karfreitag und Ostern? Das nur beispielhaft zu der Frage, wie sieht er heute aus der christliche Glaube?

Das ist die eine Seite, auf die mich der Predigttext gestoßen hat. Die Andere: Diese Frage, die Auseinandersetzung mit dem Inhalt heißt nicht, dass die Formen und Strukturen unwichtig sind. Sie können nicht einfach beiseitegeschoben werden. Sie sind die Gefäße des Inhaltes. Ihre Aufgabe ist aber nicht ihn zu konservieren, ihn zu verschließen. Um mal ein sehr banales Bild aus dem alltäglichen Küchengeschehen heranzuziehen: Unsere Strukturen und Formen für unseren lebendigen Glauben dürfen nicht Tuppersdosen sein. In denen man alles so schön luftdicht und hermetisch abdichten und aufbewahren kann, am besten im dunklen und kalten Kühlschrank. Keine Tupperdosen für unseren Glauben, sondern wir brauchen große Krüge, aus denen die Menschen trinken können. Große Platten, auf denen wir in aller Gastfreundschaft die Köstlichkeiten unseres Glaubens anrichten. Das es nur so ein Genuss für alle Sinne ist. Das sind unsere Formen und Strukturen für unseren lebendigen Inhalt, den Glauben, den Gott schenkt.

Auch hier will ich beispielhaft konkret werden: Die Kirchengemeinden ähneln in vielem immer noch Vereinen. Daher gerne das Wort von der „Vereinskirche“ verwendet wird. Eine Form und eine Struktur, die in den letzten zweihundert Jahren viel Gutes für die Menschen, für die Kirchengemeinden bewirkt hat. Die sich aber vielleicht zunehmend zu einer Tupperdose gewandelt hat. Bei mir rufen z.B. immer mal wieder Frauen und Männer an, die eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizmitarbeiterin, zum Sterbebegleiter machen. Diese Menschen tun einen unglaublich wichtigen und im besten Sinne diakonischen Dienst. Ebenso die vielen Ehrenamtlichen, die im Elsa-Brandström-Haus arbeiten. Oder die sich für die Flüchtlinge engagieren. Müssten wir ihnen nicht eine Gemeinde sein, in der sie sich für diesen Dienst, diese Arbeit stärken, ausruhen können. Um dann gestärkt und getröstet wieder in die Welt der Menschen zu gehen?

Liebe Gemeinde, liebes Presbyterium, so ist es dann doch nicht nötig, dass ich ein paar Kilo mehr wiege, älter bin und meine sonore Stimme hier durch die Kirche hallt. Denn ich, wir haben dann doch mehr anzubieten als Blut, Schweiß, Tränen. Sie sind die eine Seite der Realität, die andere ist aber der lebendige Glaube, der uns stärkt in allen schwierigen Entscheidungen. Der die nötige Gelassenheit gibt. Der die nötige Kraft gibt, gegen Widerstände zu stehen. Der Ihnen, liebe Gemeinde, Hoffnung und Vertrauen schenkt für das Morgen, auf das wir zugehen. Der ihnen, liebe Presbyterinnen und Presbyter, Kraft und Mut schenkt, die Gemeinde auf den Schritten in dieses Morgen für vier Jahre zu leiten.

 

Verfasst von: achterosten | 1. Januar 2016

Stolz und Demut (Predigt zu Numeri 6, 22-27)

Predigt zu Num 6, 22-27 (Sylvester, 31.XII.2015)

„Willen braucht man. Und Zigaretten.“ „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ „Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich; Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.“

Liebe Gemeinde, das Jahr erlebt seine letzten Stunden. Zeit des Rückblickes auf ein bewegtes Jahr. Große Veränderungen haben ihren Anfang genommen. Menschen haben ihr Recht auf ein Leben in Wohlstand und Frieden selbst in die Hand genommen. Sie haben sich dorthin aufgemacht, wo beides existiert, oft genug auf ihre Kosten. Europa steht am Scheideweg und dabei geht es um mehr als nur ein paar wirtschaftliche Vorteile. Die Staatengemeinschaft hat aber auch das Unerwarte geschafft: Der Klimavertrag von Paris könnte die Grundlage sein, die Klimaveränderung abzumildern. Und es galt Abschied zu nehmen von Menschen, die wir alle kannten. Für mich waren es vor allem zwei alte Männer, deren Zitate sie gerade gehört und vielleicht auch schon erkannt haben: Egon Bahr und natürlich Helmut Schmidt.

„Wer soll uns jetzt die Welt erklären?“ – so titelte zugegeben etwas pathetisch Die Zeit nach Helmut Schmidts Tod. Für Egon Bahr gilt dies in meinen Augen nicht minder. An beiden knüpft sich ein Phänomen an, das erst einmal erstaunlich ist. Es ist aber auch der Grund, warum ich die beiden und vor allem ihr Wesen, ihre Wirken etwas genauer unter die Lupe nehmen will. Denn beim Tod Helmut Schmidts zeigte es sich endgültig: Dieser alte, zigarettenrauchende, manchmal etwas schroffe Mann faszinierte vor allem Menschen, die ihn als aktiven Politiker gar nicht mehr oder nicht bewusst erlebet haben. Gerade für viele Menschen der Generation unter vierzig war er eine Figur, die Orientierung bot, die geachtet wurde. Für Egon Bahr galt das vielleicht nicht ganz so prominent, aber auch wenn man ihn im Gespräch mit Menschen der jüngeren Generationen erlebte, war das zu spüren. Es gibt sogar Menschen aus diesen Generationen, die sich sämtliche Zitate Schmidts erst einmal auf ihr Smartphone gezogen haben. Was ist der Grund dafür, dass zwei alte Männer diese Rolle erhalten haben und nun genau deswegen anscheinend so fehlen? Meine Vermutung ist, dass sie ein Bedürfnis angesprochen haben, dass in Menschen meiner und der jüngeren Generation dann doch verankert ist: Das es ältere Menschen gibt, die uns an ihrer Lebenserfahrung, an dem was sie geleistet haben, was sie für Fehler gemacht haben teilhaben lassen. Das aber so, dass es für uns jüngere möglich ist, darin Orientierung zu finden für die Entscheidungen, die wir treffen müssen, die Wege, die wir einschlagen müssen. Und genau hier liegt der Grund, warum ich diese beiden alten Männer in der Predigt an diesem letzten Tag des Jahres in den Blick nehme. Denn an Sylvester stehen wir ja genau zwischen gestern, 2015 und morgen, 2016. Nicht umsonst heißen die Tage „zwischen den Jahren“. Zeit nicht nur des Rückblickes, sondern auch für den Blick nach vorne. Was wird kommen? Was wird richtig, was wird falsch sein? Für mich, für unser Zusammenleben?

Ich kann gar nicht anders, als diese Fragen immer auch zu verstehen, als die Frage nach dem was ein Segen für mich, für uns ist. Gerade auch angesichts des heutigen Predigttextes: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.“

 

Der Segen Gottes – wo haben wir ihn im vergangen Jahr erfahren? Oder, verbunden mit dem Wort Gottes an uns „Ihr sollt ein Segen sein“ noch viel spannender gefragt: Wo waren Menschen für uns ein Segen, wo waren wir Segen? Und: Wo können wir morgen, 2016 ein Segen sein?

Helmut Schmidt hätte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, aber in seiner Art kam er wohl dem sehr nahe, gerade auch in den letzten Jahren für Menschen, die viel jünger waren und sind als er: ein Segen, ohne dass ihn das zum unangreifbaren Heiligen macht. Wie bereits gesagt, er hätte das abgestritten, aber aus christlicher Sicht kann man das in meinen Augen genau so sagen: Wenn ein alter Mensch wie Helmut Schmidt ein Punkt der Orientierung ist, der einem selber hilft Entscheidungen zu treffen, Meinungen zu bilden, dann ist er ein Segen. Und so war ein Mensch wie Helmut Schmidt ein Segen in den letzten Jahren und soll stehen für all die weniger oder gar nicht bekannten Männer und Frauen der älteren Generation, die für uns Jüngere genau das waren und sind. Weil sie diese ganz besondere Mischung haben, die sie für uns Jüngeren zum Segen machen. Helmut Schmidt war dafür ein wunderbares Beispiel. Die Mischung aus Zutaten wie: Uns teilhaben lassen an der eigenen Lebenserfahrung, dem eigenen Tun; an dem Stolz über das Geleistete, aber auch an der Demut gegenüber der eigenen Schuld. Helmut Schmidt hat mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Terror der RAF den entscheidenden Schlag verpasst. Hat aber dafür auch das Leben von Hans Martin Schleyer geopfert. Eine Schuld, die er zeitlebens trug und über die er glaubwürdig sprach. Das gilt auch für das Leben mit seiner Frau.

Stolz auf die eigenen Ideen und Überzeugungen, wie man Probleme gelöst hat, Demut, dass diese Ideen und Überzeugungen solche der Vergangenheit sind; sie immer wieder in Frage gestellt werden müssen und auch dürfen.

Stolz auf die eigenen Eigenheiten, Demut, das sie nicht für alle gelten können. Ich konnte kein Zitat finden, wo Helmut Schmidt behauptet hätte, das Rauchen gesund sei.

Stolz auf die eigenen Entscheidungen, die damals die richtigen erschienen und wo man die Macht auch hatte, sie zu fällen und durchzusetzen. Dass man die Situation richtig erkannt, richtig eingeschätzt hat. Demut, dass nun die Jüngeren diese Entscheidungen fällen und umsetzen müssen. Ihnen zuzugestehen, ihre eigenen Fehler zu machen. Gerade auch im Bewusstsein, dass es immer die Aufgabe der Nachfolgenden ist, die Fehler der Vergangenheit zu erkennen, zu benennen und aus ihnen zu lernen. „Sie haben einem uralten Mann zugehört. Sie müssen ihn nicht unbedingt ernst nehmen.“, so Helmut Schmidt

Das sind wohl einige der Zutaten, die Menschen wie Helmut Schmidt zu etwas werden lassen, was Gott für seine Welt, uns Menschen will: Dass wir zu einem Segen werden. Und dafür ist sie nötig, diese Mischung aus Stolz und Demut. Stolz, denn Segen bedeutet Kraft. Kraft, für andere da zu sein. Kraft, die sich auf andere überträgt. Demut, denn der Segen hängt letztlich nicht an mir, an meinen Leistungen, es ist ein Geschenk.

Diese Mischung, das ist aber letztlich das Entscheidende, sie darf nicht mit dem schleichenden Gift der Verbitterung durchsetzt sein. Das verdirbt alles. Verbitterung, darüber, dass sich die Dinge weiter entwickelt haben, die Welt sich jeden Tag verändert. Nichts für die Dauer ist. Denn diese Verbitterung macht hart, verschließt das Herz. Sucht nach Schuldigen für die Veränderungen und findet sie oftmals in den Jüngeren. Vertieft so noch den Spalt zwischen den Generationen, der ja genauso oft von uns Jüngeren aufgerissen wird. Die Verbitterung, sie verdunkelt nicht nur das Herz der Älteren, sondern auch unser. Wie sollen wir denn den Mut finden, die Dinge anzupacken, wenn uns keine konstruktive Kritik entgegenbracht wird, sondern nur der Vorwurf, es nicht richtig zu machen? Wie sollen wir den Verheißungen, dem Segen Gottes trauen können, wenn wir erleben müssen, dass Verbitterung sie so zugedeckt haben? Wie sollen wir hoffen können auf die Kraft des Lebens, wenn wir erleben wie Verbitterung alles Leben in Starrsinn erstarren lässt? Wie sollen wir glauben dürfen, dass Gott uns frei macht, wenn Verbitterung wie schwere Ketten alles lähmt? An den Älteren können die Jüngeren lernen, wie Glaube und Hoffnung in die Freiheit führt, das Leben wachsen lässt, so dass aus den Enttäuschungen und Wunden des Lebens nicht das Gift der Verbitterung wird.

So können Menschen der älteren Generationen zum Segen für uns jüngere werden. So waren sie es 2015 und werden es auch in 2016 sein, als Hilfe und Orientierung bei unseren Entscheidungen, bei unseren Ideen. So können sie zu gemeinsamen Entscheidungen und Ideen werden. Möge uns so der Segen Gottes tragen in der Zeit vor uns, in aller Welt, aber gerade auch in unserer Kirchengemeinde Eppendorf-Goldhamme.

Segen für einander sind wir aber auch, wenn wir die schönen Momente des Lebens feiern, so wie in der  Silvesternacht. Wenn wir das neue Jahr, das unbekannte Land vor uns fröhlich begrüßen, in der Hoffnung und dem Vertrauen, dass uns im nächsten Jahr der Segen Gottes begegnen wird. Vielleicht in einem Menschen der irgendwo auch den Raketen am Nachthimmel hinterherschaut.

Predigt zu 1Joh 1,1-4 (Hl. Abend 2015

Nun stand er vor mir auf dem Teller, die Haut leicht labberig umrahmt von Salzkartoffeln. Oh ja, es war wieder Weihnachten und vor mir stand er, der übliche Gast zum Mittagessen am Heiligen Abend. Von Muttern persönlich vor einigen Tagen zubereitet, noch zwei Tage später war es zu riechen und nun wartet er auf mich, nur ich nicht auf ihn: Der traditionelle Heilig Abend Brathering zum Mittagessen. So auch in diesem Jahr. Ich war so in der Lebensphase zwischen sehnsüchtigem Warten und kaum zu stillender Ungeduld auf die Bescherung und pubertärer Totalverweigerung des Weihnachtsfestes. Und nun also der Brathering. Aber in diesem Jahr gab es Rettung. Gerade als wir uns ihm widmen wollten, schellte das Telefon. Wir schauten uns überrascht an. Mein Vater erhob sich schließlich und ging ans Telefon. Aufgrund des sofort ansetzenden Schreiens meines Vaters, wussten meine Mutter und ich es genau: Es war die Arbeit, die Zeche, genauer gesagt direkt von Untertage. Es gab nämlich nicht die Möglichkeit das Telefon von Untertage direkt mit dem Festnetz zu verbinden, so wurden in der Grubenwarte einfach die beiden Hörer zusammen gehalten. Verständigung war daher nur durch so lautes Geschrei möglich, dass die gesamte Straße wusste: Bei Pernaks ruft der Pütt an. Und so auch jetzt mitten in der Vorbereitung auf den Heiligen Abend. Es war nicht zu überhören: „Ja, was Schrauben am Flansch abgerissen, keine neuen vor Ort. Muss noch vor dem Ausfahren der halben Schicht zu Weihnachten gemacht werden. Ja, Scheiße, ich komm. Auf.“ Alles klar, mein Vater musste also zur Zeche und zwar jetzt und sofort. Mir kam sofort die rettende Idee für meine missliche Lage: Zur Zeche war es zu Fuß über die Felder ungefähr 45 Minuten für eine Strecke. Das würde reichen für die Schrauben. Was aber viel wichtiger war, wir wären erst so zurück, dass es angesichts des Weihnachtskuchen und der Bescherung zu spät für den Brathering wäre. Und noch ehe mein Vater sagen konnte, dass er nochmals zum Pütt musste schoss es aus mir heraus: Nimm mich doch mit und lass uns zu Fuß gehen. Und mein Glück war vollständig, mein Vater hielt das auch für eine wunderbare Idee. Und los ging es zu einer Wanderung, die ich nie vergessen werde.

Schnell hatten wir uns angezogen und waren losgezogen, es war merklich kälter geworden. Gleich direkt in das kleine Wäldchen hinter unserer Straße. Kein Mensch war mehr unterwegs. Als wir aus dem Wald auf das freie Feld traten, scheuchten wir ein paar Rehe auf. Von nun an wies uns der schwebende Weihnachtsbaum den Weg. Der Platzwart auf dem Zechenhof hatte ihn schon angestellt, jenen Weihnachtsbaum ganz oben auf dem Schachtgerüst. Und jetzt fing es auch leicht an zu schneien, ganz leicht, ein feiner, weißer Teppich legte sich über die Felder. Schweigend gingen wir den Feldweg entlang bis zum Kanal, bogen links zur Brücke ab, und gleich hinter ihr an der Zechenmauer entlang bis zum Tor. Auch der Zechenplatz war schon mit Schnee überzogen, zwei, drei Kumpels kamen uns entgegen, eine kurzes „Auf“ und „Schöne Weihnachten“ wurde gewechselt. Wir stiegen in den Lagerkeller unter dem Hauptgebäude und standen vor dem Schrank mit jenen ominösen Schrauben für irgendeinen Flansch. Mein Vater suchte zunehmend hektisch in den Taschen – Schlüssel für das Schrankschloss vergessen. Wieder nach Hause und zurück – das würde zu lange dauern. Dann lernte ich den berühmten Zechenpragmatismus kennen: Hoch in die Steigerkaue, Bolzenschneider und ein anderes Schloss geholt, Schloss geknackt. Danach wurde der Schrank wieder verschlossen, das geknackte Schloss in die Kiste für die Schlosserei geworfen, versehen mit dem Zettel: „Einmal Schweißen.“ Dann noch zur Hängebank, der Korb war schon da. Schrauben drauf, Tor zu, der Anschläger gibt das Signal, wir sehen, wie der Korb in die Tiefe fällt. Kurze Verabschiedung und wir machen uns auf Weg nach Hause. Mein Vater und ich, zwei Gestalten auf dem Feld im Fallen der Schneeflocken und der beginnenden Dämmerung. Im Rücken den Weihnachtsbaum hoch oben auf dem Schacht, vor uns die Aussicht auf Kuchen. Wenn mal einer ne idyllische Szene für nen Weihnachtsfilm aus dem Ruhrgebiet sucht, soll er sich bei mir melden.

Ab jenem Heilig Abend gab es eine neue Tradition, ohne dass groß darüber gesprochen wurde, denn wir gingen beide jedes Jahr den gleichen Weg wieder zum Schacht hin und  zurück. Nach einigen Jahren war da kein Weihnachtsbaum mehr, sondern nur noch ein einsames Rohr in der Landschaft. Dann wuchs ein Industriegebiet um das Rohr herum, aber wir gingen jedes Jahr den gleichen Weg. Eine Zeitlang mit dem ersten Enkel, dann mit dem zweiten, dann waren wir wieder zu zweit – geschneit hat es nie mehr. Heute gehe ich den Weg allein zu Weihnachten – einmal zum Schacht und zurück.

Und ich habe dabei über die Jahre etwas sehr wichtiges über Weihnachten gelernt, und daher habe ich ihnen auch  meine Weihnachtsgeschichte erzählt: Weihnachten, der Heilig Abend wird durch das Leben hindurch immer mehr zu einem Ort der Vergangenheit, der Erinnerung. Die Erinnerung wie man diese besonderen Tage als Kind erlebt hat. Die Erinnerung an das Schöne, was sich mit diesem Tag verbindet. Über die Jahre stellt sich auch ein wenig Verklärung ein. So bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, aber es könnte sein, dass meine Mutter stinksauer war über meine Flucht vor dem Brathering.

So ist diese besondere Nacht eine, in der das Vergangene ganz besonders deutlich wird, lebendig wird. Die meine Gegenwart diese Weihnacht 2015 bestimmt. In dankbarer Erinnerung oder in wehmütiger Melancholie. Und das vielleicht noch stärker in diesem Jahr, wo immer mehr uns vor Augen steht, dass große Veränderungen geschehen.

Und dieser Blick zurück, er passt ja auch zu diesem Abend, an dem immer wieder eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählt wird. Die Geschichte von dieser nächtlichen Geburt in einem namenlosen Stall irgendwo bei Bethlehem. Durch die Jahrtausende ist sie gewandert, diese Geschichte. Bilder, Erwartungen, Hoffnungen haben sich dabei an ihr gesammelt. Und so trifft diese Geschichte aus der Zeit, aus der Vergangenheit an diesem Tag auf unseren Blick zurück in unsere Zeit, in unsere Vergangenheit. Und unsere Erinnerungen stellen sich zu der Geschichte von der Krippe in Bethlehem.

Vergangenheit und Gegenwart, nie sind sie enger miteinander verbunden als in dieser Nacht. Das ist das Geheimnis, das kaum zu ergründen ist, diese Geschichte aus einer fernen Vergangenheit, die heute in  unsere Gegenwart ankommt. Angereichert mit all den Geschichten, die wir mit dieser Nacht verbinden, so liegt sie vor uns, wie jedes Jahr.

Wie jedes Jahr können wir sie hören diese Geschichte der Jahrtausende. Ihr Geheimnis, dass es Gott selber sein soll, der in dieser Krippe geboren ist. Dass es wahr sein soll, dass der Schöpfer der Welt kein fernes Wesen, keine gestaltlose Macht ist, sondern mitten unter uns ist. Dass es wahr sein soll, dass in dieser Geschichte das Ende aller menschlichen Verstrickungen, all unserer inneren Verknotungen erzählt wird. Dass nicht ich dafür sorgen muss, diese Geschichte zu glauben, sondern mir dieser Glaube geschenkt wird. Wie jenen Hirten, von denen uns erzählt wird. Der Glaube, der mich den einen Grundton dieser Geschichte hören lässt: Liebe. Die Liebe, die Gott selbst ist. Der Glaube, der den tiefen Trost schenkt, dass all meine Melancholie, aller Schmerz, dass ich nun Weihnachten alleine den gewohnten Weg gehen muss. Das es auch keinen Weihnachtsbaum auf dem Schacht gibt der mir den Weg weist. Dass das alles in dieser Liebe aufgenommen ist. Dass es zwar vergangen ist, aber nie vergessen.

Und dann, ja dann können wir auch sehen, wohin diese Geschichte gerichtet ist und wir verstehen: Dies ist kein Geschichte aus der Vergangenheit, die in unserer Gegenwart für diesen Abend, diese Stunde erklingt und dann wieder in die Dunkelheit der Jahrtausende verschwindet. Sie ist nach vorne gerichtet, in die Zukunft, in unser Leben, in das Leben der ganzen Welt. Sie will uns tragen in die Zukunft, in das was vor uns liegt, worauf wir uns freuen, was uns Angst macht. Bis an jenes große Ziel aller Welt.

Es ist das Geheimnis dieser Nacht, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ganz nahe zusammentreten und sich miteinander verbinden. Es ist das Geheimnis dieser Nacht, dass die Vergangenheit uns jetzt sagt: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude.“ Das trägt uns in die Zukunft, gestärkt und getröstet durch diese geheimnisvolle Nacht.

Verfasst von: achterosten | 18. November 2015

Raus aus dem Horror (Predigt zu Matthäus 7, 12-20)

 

Liebe Gemeinde, aus dem Matthäusevangelium:

„Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen. Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden! Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.  Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“

 

Texas Chain Saw Massacre, Poltergeist, Armee der Finsterin, Tanz der Teufel, Freitag der 13., Braindead – sagt ihnen das was? Alles Horror und Splatterfilme. Auch wenn die ihnen jetzt konkret nichts sagen, sie kennen aber bestimmt die Zutaten solcher Filme: Jugendliche, gerne in der Mischung smarte Jungs und Mädchen, die aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen immer leicht bekleidet durchs Bild laufen, ein großer Wald / Wildnis, in der sie sich verlieren, kommen zu einem Haus mit merkwürdigen Bewohnern und dann beginnt der Wahnsinn: die Kettensäge singt, das Messer ist gewetzt und unter der Verwendung von Kubikmetern von Theaterblut haucht einer nach dem andern der smarten Jugendlichen nach aufregender Hetzjagd sein bzw. ihr Leben aus. Am Ende gelingt immer einem der jungen Mädchen die Flucht, entweder nach vorheriger ebenso grausamer Erledigung sämtlicher Horrorgestalten oder man verzichtet auf diese. Vielleicht weil das Kunstblut ausgegangen ist. Das ist das Genre der Horror- und Splatterfilme – eine Erfindung der Gehirne komischer Filmemacher der letzten dreißig, vierzig Jahren? Weit gefehlt. Wer mal seinen Gang in Kunstmuseen lenkt, aufmerksam durch mittelalterliche Kirchen läuft oder ein Bildband zur Geschichte der Malerei in die Hand nimmt der wird dort ähnliches finden: Menschen, die dem wahren Horror ausgesetzt sind. Da wird geröstet, aufgeschlitzt, aufgefressen und zerteilt was die Farbe nur so hergibt. Und das alles wird mit einem konkreten Ort verbunden: der Hölle. Dem Ort des Horror und des Splatters unser Vorfahrinnen und Vorfahren. Zeichen der Wirkungsgeschichte unseres Glaubens. Ausgehend auch von Texten wie dem heutigen Predigttext. Sein Bild vom breiten Tor und engem Pfad. Nur im Gegensatz zu unserem genußvollem Gruseln auf der heimischen Couch verbunden mit der realen Angst, diesem Horror ausgesetzt zu sein. Und so krochen sie alle an Tagen wie diesem in die Kirchen, unsere Vorfahren im Glauben, auf ihren Knien, mit gebeugtem Haupte, voll mit Angst in diese Hölle zu müssen. Voller Angst vor dem der dies entscheiden wird, Gott, der Richter. Jede einzelne, jeder einzelne wird vor ihm stehen und wer soll schon in diesem Gericht mit Freispruch rechnen? Schwer wiegen all die kleinen und großen moralischen Vergehen. Voller Angst kamen sie in die Kirchen und wie gut ließen sie sich mit dieser Angst lenken, von der Kirche und den Mächtigen. Und um ihnen dieses auch noch mal klar zu machen, wurden Tage wie der heutige gefeiert: Büßen und Beten soll das Volk, damit sie brave Untertanen, brave Schafe ihrer Kirche sind.

 

Wie fern scheinen uns heute solche Vorstellungen, wie abstrus. Jahrhunderte der Aufklärung, des Sieges über diese Angst vor der Hölle liegen dazwischen. Hölle – das hat seinen Horror verloren, keiner von uns geht davon aus, einmal an einem Ort zu landen, wo er gebraten, zerteilt oder sonst was wird. Hölle – das sind für uns eher Orte des Diesseits. Hölle – das sind reale Orte der Vergangenheit oder Gegenwart. Hölle – kein Ort der uns nach dem Tod erwartet. Das Thema ist abgeschlossen, höchstens noch von Interesse für Historiker und Kulturwissenschaftler.

Und so sind uns auch Texte wie der gerade gehörte eher fremd. Ist er doch so eng durch die Zeit hindurch verwoben mit der Vorstellung einer Hölle.

Aber wir haben nicht nur das Stichwort „Hölle“ ad acta gelegt, sondern gleich noch etwas anderes: die Idee des Gerichtes Gottes. Die Vorstellung, dass wir alle nach unserm Tod vor den Richter müssen und unser Leben „beurteilt“ wird. Ein zentraler Punkt des christlichen Glaubens, der christlichen Tradition. Uns genauso fremd, wie die „Hölle“ und daher, ab ins Archiv damit.

Es wäre Schade drum, wenn diese zentrale Bestandteil christlicher Glaubensvorstellung dort bleiben würde. Wir berauben  uns und andere um einen großen Trost unseres Glaubens. Dass nämlich nicht Opfer immer Opfer, Täter immer Täter bleibt. Dass nicht unser eigenes Urteil über unser Leben, das Urteil anderer Menschen über uns für immer und alle Zeiten stehen bleibt. Dass nicht all die schlimmen und miesen Dinge, die im Dunkeln, hinter verschlossenen Türen geschehen dort im Dunkeln, im Verborgenen bleiben sondern an das Licht geholt werden. Das ist der Trost bei dem Bild des göttlichen Gerichtes. Nicht die kleinliche Beurteilung all der kleinen und größeren moralischen Fehltritte jeder und jedes von uns. Da geht es doch nicht um die Frage, ob sie mal bei Rot über die Ampel gefahren sind. Da geht es nicht darum, irgendwelche dreckige Wäsche zu waschen. Hier geht es nicht darum, ein Strafmaß festzulegen für irgendwelche Taten, hier geht es um vielmehr: Taten endgültig und vollumfassend zu benennen und Tat und Täter, Tat und Opfer zu trennen.

Dies ist kein menschliches Gericht und hat gar nichts mit juristischen Vorstellungen zu tun. Hier gehen Recht und Gerechtigkeit, Gnade und Urteil eine unauflösliche Verbindung ein.

Hier bleiben all die Opfer nicht Opfer, hier wird der Täter klar benannt. Oder man muss es besser sagen: Hier wird für jede und jeden klar benannt wo er Opfer und wo er Täter war. Denn das gehört doch auch zu uns als Menschen, dass viele beides sind: Opfer und Täter. Menschen in beides verstrickt sind. Das gehört zu unserem Sein als Menschen. In diesem Gericht wird beides endlich entwirrt, die Verknüpfungen gelöst. Es wird uns jeder Faden klar vor Augen gestellt. Es bleibt nichts im Verborgenen, kann nicht mehr im Dunkel vor sich hinmodern und sein Gift verströmen.

Das ist sozusagen das Verfahren, unauflöslich damit verbunden aber ist das Urteil, das allerletzte was über uns gesprochen wird, nachdem alle Fäden unseres Seins, unseres Tuns und Lassen entwirrt wurden. Und das ist das Entscheidende, die große Verheißung: Dieses Urteil wird eines voller Gnade, voller Liebe sein. Und Gnade nicht im Sinne von falscher Nachsicht, falschem Verständnis, Mitleid, sondern echte Gnade. Ein Urteil, dass uns endlich frei spricht von all den falschen Urteilen, die über uns gefällt werden oder die wir selber fällen. Ein Urteil frei von all der unmenschlichen Härte der menschlichen Urteile über uns.

Denn das ist meine Beobachtung: Wir haben das gnädige Gericht Gottes über uns Mensch nicht nur zu den Akten gelegt, sondern durch ein menschliches Gericht ersetzt. Meiner Wahrnehmung nach ist eine unserer größten Ängste, dass am Ende unseres Lebens über unserem Leben das Urteil steht, dass wir unser Leben vertan haben, den Ansprüchen nicht genügt haben. Und um wieviel härter ist dieses Urteil, wenn wir es selber über uns fällen. Wenn wir die gesteckten Ziele nicht erreicht haben, sie verfehlt haben. Wie auch immer diese Ziele ausgesehen haben. Man einsehen muss, die Prioritäten doch falsch gesetzt zu haben. Und dann? Bleibt dann dieses Urteil stehen? Ist es dann die Überschrift über mein ganzes Leben? Wie hoffnungslos, wie ungnädig wäre das, wie sehr wäre alle Angst vor diesem Urteil berechtigt. Erheben wir uns daher nicht so sehr über unsere Vorfahren: Was ihre Angst vor dem jenseitigen Gericht und der Gang in die Hölle war, ist unsere Angst vor dem diesseitigen Urteilen über uns und unser Leben. Befreiung von der Angst, die gab es nicht. Natürlich muss klar sein, solche Aussagen gelten weder für damals noch für heute pauschal: Die Angst war und ist von Mensch zu Mensch und in bestimmten Lebensphasen weniger präsent. Aber sie war und ist real, hinterließ und hinterlässt Spuren ihres lähmenden Giftes.

Wie befreiend dann der Glaube an ein Gericht, dass nicht dem Prinzip unserer Gerichten über unser Leben folgt, sondern dem Prinzip der Gnade, der Liebe.

Vielleicht sollten wir doch nochmal ins Archiv steigen, die alte Akte hervorholen, lesen von dem Bild des harten Gerichtes und einem gnädigen Richter. Und das ganz ohne Angst vor einem Horrorort im Jenseits. Auf jeden Fall eine schönere Beschäftigung als die unser Vorfahren, die an diesem Tag voller Angst in die Kirche und zum Herrscher gekrochen kamen. Auf jeden Fall mit schöneren Früchten für die Welt und uns.

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