Verfasst von: achterosten | 7. März 2019

Alles Opfer – Predigt zu Joel 2, 12-20

Predigt Joel 2, 12-20 (Aschermittwoch)

Liebe Gemeinde,
„wo man hinsieht, nur Opfer“ – egal ob mir die Nachrichten aus dem Radio entgegenschallen, ich die Zeitung aufschlage oder mich im Internet durch Kommentarspalten klicke – etwas was in den letzten Jahren erst als Ahnung gewachsen ist, als vorsichtige Beobachtung ist mittlerweile in aller Munde. Nicht nur das, es ist zum gesellschaftlichen Mainstream, zur Grundhaltung und zum politischen Instrument geworden: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Das scheint der gesellschaftliche Megatrend in Deutschland dieser Tage zu sein. Das Prinzip ist relativ einfach und simpel: Man wagt sich vor mit seiner Meinung, gerne auch mal provokativ formuliert. Schlägt einem dann Ablehnung entgegen oder wird diese Äußerung als das bezeichnet, was sie manchmal ja auch einfach ist, z.B. menschenverachtend geht das Geheule los – dann ist man das Opfer von der „Lügenpresse“, von „denen da oben“. Dann wird wieder geraunt vom „Schweigekartell“, dass man nicht mehr sagen dürfe „was man wirklich denkt“. Immer schon auch an Satzeinleitungen wie „aber das darf man ja nicht laut sagen“ oder „das muss aber mal sagen dürfen“ gut zu erkennen. „Politische Opferolympiade“ – so war der sehr passende Begriff dazu in einer Rezension des neusten Buches des Politologen Francis Fukuyama zu lesen.
Es hat eine Pervertierung stattgefunden, deren Gift langsam in unser Leben, in unser Zusammenleben in den letzten Jahren eingesickert ist: Beim Stichwort „Opfer“ geht es nicht mehr um Hilfe, um Gerechtigkeit für die wahren Opfer, sondern es ist zu einem gesellschaftlichen Kampfwort geworden. Es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung, um den Schutz von Minderheiten, all dies wird darunter begraben. Der Begriff „Opfer“, die Selbsterklärung, das man „Opfer“ sei, sie dient nur noch einem: der Abgrenzung gegenüber den anderen: „Wir sind die Opfer der anderen.“ Die Frage des Verhältnisses von Selbstverantwortung und Fremdverschulden – sie wird gar nicht gestellt. Und so klingt es immer mit wenn sie brüllen „Wir sind das Volk.“ – „Wir sind die Opfer.“ Die Pflanze die aus diesem Gift wächst ist der Hass. Der Hass auf die Anderen, der am Ende nur eine Konsequenz haben kann, die Vernichtung des Anderen.
Diese Selbstbezeichnung als „Opfer“ die nun so offensiv zu Tage tritt, wenn wir ehrlich sind, hat sie doch gerade hier bei uns in Deutschland einen fruchtbaren Boden mit einer guten Tradition vorgefunden. Schauen wir doch nur auf die kollektive Erzählung der Jahre 1933-45: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Die Diktatur, der Krieg, der Massenmord – eine Tat der Nazis. So eine Art außerirdische Rasse die 1933 plötzlich auftauchte, all die schrecklichen Taten planten, mit einer Art Hirnstrahl die Menschen für sich begeisterten, sie zwangen all diese unschönen Dinge zu tun und dann am 08.05.1945 einfach wieder verschwanden. Zurück blieben nur Opfer, jeder Deutsche, jede Deutsche alles Opfer der Nazis. In wieviel Familie wird das bis heute erzählt – wenn überhaupt klar ist, was die Vorfahren in dieser Zeit getan haben? Was für eine Lüge. Was für ein Schlag in das Gesicht all derjenigen, die mit Mühe und Not sich gerettet haben vor diesen Untaten, ebbend nicht der Nazis, sondern denen von deutschen Männern und deutschen Frauen. Das ist der Nährboden in unserem Land des Märchens das wir alle nur Opfer sind.

Aschermittwoch – das ist kein Tag der selbernannten „Opfer“, das ist der Tag der „Täter“. Das ist der Tag der schmerzhaften Unterscheidung zwischen Selbstverantwortung und Fremdverschulden – also dem Bewusstsein, wo ich selber Verantwortung zu tragen habe. Das ist der Weg all der Geschichten und der Worte der Bibel, so wie sie es gerade aus dem Buch Joel gehört haben. Das Volk Israel erklärt sich nicht zum Opfer um die anderen hassen zu können – auch wenn sie mehr als gute Gründe dafür gehabt hätten, nach der Zerstörung ihrer Heimat, der Verschleppung. Immer wieder wird die Frage nach der eigenen Verantwortung gestellt, der schmerzhafte Weg des ehrlichen Blickes auf sich selber. Das ist die Grundbewegung des Alten Testamentes, des Volkes Gottes, der Juden. Wo trage ich Verantwortung? Wo bin ich „schuldig“ geworden? Hinzu tritt eine zweite Bewegung: Diese Verantwortung, die habe ich immer dem Menschen neben mir gegenüber. Meine Verantwortung für sie, für ihn das ist meine Verantwortung vor Gott. Wo bin ich diesem Menschen zum „Täter“ geworden? Das ist die Frage des Aschermittwochs, die Frage der Bibel. Sie öffnet den Blick, sie ist das Antidot gegen das Gift dieser Tage: Das die „Täter“ sich zum Opfer erklären. Aschermittwoch ist so der erste Schritt dazu die Mauern und Grenzen zwischen den Menschen niederzureißen, den Hass zu besiegen, in der Freiheit zu leben, die Gott für uns will, die er schenken will.
So ist das Aschekreuz kein Zeichen was uns niederdrückt, sondern aufrichtet, den mit diesem Zeichen zeigen wir es: Wir sind bereit für unsere Verantwortung vor den Menschen und somit vor der Welt und Gott.

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Verfasst von: achterosten | 3. März 2019

Maria und mein Kalender – Predigt zu Lukas 10, 38-42

Predigt zu Lk 10, 38-42 (Estomihi 03.III.2019)

Liebe Gemeinde, dieses kleine Büchlein ist mein täglicher Begleiter. Egal wo ich hin gehe, es ist immer dabei. Daher ist es auch so klein, damit es notfalls auch in die Jackentasche passt. Ich muss Sie enttäuschen, es ist nicht die Bibel und auch nicht eine erbauliche Sammlung frommer Weisheiten. Könnte Frau oder Mann ja vielleicht vermuten, so bei einem Pfarrer und dann noch so im pastoralen Schwarz. Ich muss Sie da enttäuschen, es ist leider viel profaner, dafür aber überlebenswichtig – es ist mein Kalender. Ohne den geht es wie bei der Mehrheit der Menschen auch bei mir nicht. Ich bin da noch sehr altmodisch unterwegs und nutze dieses schwarze Büchlein und nicht mein Smartphone. Er ist gut gefüllt der Kalender, auch das wie bei vielen Menschen. Und es erstaunt mich immer wieder, was für eine Bandbreite der Arbeit da so durch die unterschiedlichen Termine deutlich wird. Das wechselt zwar auch immer mit den Jahreszeiten, mit Themen, die gerade oben auf liegen und mit äußeren Bedingungen. So im groben Überblick lassen sich aber schon zwei Dinge festhalten: es ist eine nicht geringe Zahl an Einträgen und die Mehrzahl steht eher über der Überschrift „Arbeit für die Menschen“ und weniger „Arbeit mit den Menschen“. Keine Sorge, ich will hier keine Leistungsschau veranstalten. Ich kenn genügend anderen Kalender, die genauso oder noch bedeutend mehr gefüllt sind. Ich will auch nicht in pastorales Klagen über all die Management- und Verwaltungsaufgaben einstimmen. Denn grundlegend ist immer festzuhalten, wenn wir zu den Menschen gesandt sind, also Kirche in der Welt sind, dann können wir das auch nur unter den Bedingungen der Welt. Und da gehört Management und Verwaltung im 21. Jahrhundert an vorderster Stelle dazu. Mal ganz davon abgesehen, dass die Menschen uns viel Geld anvertrauen und damit ein verdammtes Recht darauf haben, dass mit diesem Geld gewissenhaft und professionelle umgegangen wird. Und zum zweiten: die Gestalt, die heute die Kirchengemeinde hat, sprich mit all diesen Aufgaben, ist ja auch nicht vom Himmel gefallen oder Gotte gewollt, sondern immer nur so, wie die Gemeinde das in der Vergangenheit so für sich entschieden haben, wie sie sein sollen. Evangelische Kirche ist demokratisch, dass heißt jede und jeder kann Einfluss auf die Gestalt der Kirche nehmen. Das heißt aber auch, keine und keiner kann sich später über das Ergebnis beschweren, weil das angeblich jemand ganz allein von oben entschieden hat.
Nein, deswegen habe ich also heute nicht den Kalender mitgebracht. Sondern erstens, weil er in der Vielzahl seiner Termine genauso aussieht wie bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen, die ehren- und hauptamtlich in der Kirche arbeiten. Zweitens, weil es mir nicht darum geht, was sich hier in diesem und all den anderen Kalender findet, sondern um das, was fehlt. Und die Geschichte dieses Sonntags:
„Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Liebe Gemeinde, jetzt leg ich mal meinen Kalender neben diese Geschichte und dann wird es bitter. Ich denke es ist ohne große Worte offensichtlich: Das ist eigentlich nur Martha zu finden, von Maria kaum eine Spur. Sprich, da ist ganz viel Aktivität, ganz viel Alltag einer Kirchengemeinde, aber das Hinsetzten und Hören? Fehlanzeige. Ich bin mir sicher, in vielen der anderen Kalender sieht es ähnlich aus. Wir haben aber ja nicht nur einen „Marthakalender“, sondern wir haben ja auch schon ihre Denke übernommen: Es zählt das endlose Tun, das am Laufen halten all der Dinge und immer noch eine Sache da zu packen, weil das ja angeblich dafür sorgt, dass die Menschen uns nicht weiter verloren gehen oder wieder den Weg zu uns finden. Wir urteilen auch über die anderen wie Martha über ihre Schwester. Denken dabei auch noch wir sind im Recht. Weil ja die Anzahl, das Tun das entscheidende ist. Und seien wir doch ehrlich: natürlich beteiligen wir uns doch auch gerne am innerkirchlichen Wettbewerb. Bei uns kommen so und so viele zum Gemeindefest, dafür haben wir ganz viele Jugendliche etc.
Da ist aber die Antwort Jesu: Er verurteilt weder das eine, also Marthas Tun, noch das andere, Marias Nichtstun grundsätzlich. Er weist auf das entscheidende Kriterium hin: Nicht das Tun oder Nichtstun ist entscheidend, sondern zu erkennen wann was dran ist. Nicht umsonst wird folgt diese Geschichte genau nach dem Jesus vom barmherzigen Samariter erzählt hat, also davon wie wichtig das Tun ist. Maria hat erkannt, was dran ist. Bei mir, bei uns habe ich da leider so meine Zweifel.
Ich will ihnen ein Beispiel dazu erzählen: So gegen Ende der Konfirmandenzeit arbeiten wir zum Glaubensbekenntnis. An was Glauben Christinnen und Christen? Kann man das eigentlich überhaupt so generell sagen etc. Am Ende formulieren die Konfis dann ihr persönliches Glaubensbekenntnis mit dem sie bei der Konfirmation Ja sagen zu ihrer Taufe. In dieser Phase können die Konfis aber auch bei einem Fragen auf einen Zettel schreiben: „Was ich schon immer zum christlichen Glauben wissen wollte.“ In der nächsten Stunde lese ich die Fragen dann vor und versuche eine Antwort zu finden. Wissen sie was, mir geht bei dieser Stunde immer das Hinterteil aber mal ganz nahe aufs Grundeis. Warum? Weil die Fragen immer super sind, es sind immer die richtigen Fragen, die mitten hinein ins Zentrum des Glaubens treffen. Wie das sein kann mit dem angeblich liebenden Gott angesichts all des Elends und der Not? Welche Rolle die Bibel spielt oder wofür überhaupt der christliche Glaube gut sein soll? Um diese mal als Beispiel zu nennen. Fragen, die mich immer ins Mark treffen. Ich versuche immer nach bestem Wissen und Gewissen zusammen mit den Konfis im Gespräch darauf zu antworten. Bewege mich dabei aber oft auf sehr dünnem Eis. Denn eigentlich weiß ich, wenn ich die Fragen lese, jetzt wäre „Mariazeit“. Jetzt wäre es ganz dringen nötig, um im Bilde zu bleiben, sich zu den Füßen zu setzten und zu hören. Zeit um der Frage nachzugehen, zu hören, was der Glaube dazu zu sagen hat, wo er aber auch durch die Frage selber infrage gestellt wird. Und genau das fehlt! Diese „Mariazeit“. Warum klingt denn vieles bei uns teilweise wie im Lebensberatungsteil mancher Frauen- und Männerzeitschriften? Ein Allgemeinplatz jagt den nächste, alle drei Sätze klingelts im religiösen Phrasenschwein? Geben wir Antworten auf Fragen die keiner stellt. Warum? Doch nicht aus böser Absicht oder Faulheit, auch nicht aus mangelnder Menschenkenntnis oder so, sondern weil wir den ganzen lieben langen Tag damit beschäftigt sind, den Laden am Laufen zu halten. Weil wir nur noch Martha sind oder wie es ein Theologe angesichts dieser Geschichte schrieb: Es zählt Quantität und nicht Qualität.
Was aber wenn das vielleicht einer der Gründe ist, warum die Menschen uns nicht brauchen. Nicht weil wir so viel anbieten, sondern weil überall bei uns „Marthazeit“ herrscht. Keine Zeit zum Hören auf die Worte des Lebens, der Freiheit, des Glaubens. Keine Zeit für „Lebensqualität“ sondern nur für Quantität. Das Zentrale der Antwort Jesu ist uns fast verloren gegangen: Zu erkennen wann „Martha-„ und wann „Mariazeit“ ist. Und ich glaube, wir bräuchten in diesen Tagen eine große Portion „Mariazeit“.
Wie aber kann das gelingen? Die Geschichte von Maria und Martha macht das sehr geschickt. Sie erklärt nicht, gibt darauf auch keine Antwort, sondern geht sozusagen wieder zurück an den Anfang. Hätte sie eine einfache Antwort, dann würde es doch wieder nur damit enden, dass wir diese Anweisung in bester aktiven Marthamanier befolgen würden. Jesus gibt in der Geschichte darauf keine Antwort, sondern die Geschichte geht an ihren Anfang zurück. Zu Maria die sich niedersetzt und zuhört, auf die Worte die vom Leben sprechen. Das tut not! Die Geschichte erzählt uns nicht, wie Martha reagiert. Setzt sie sich hin, vielleicht sogar erst zähneknirschend? Zieht sie vielleicht sogar beleidigt ab, gefüllt mit Eifersucht auf ihre ja ach so tolle Schwester? Brummelt vor sich hin, der hat gut reden, der Jesus, aber zu essen wollen sie alle dann was? Das wird nicht erzählt.
Wie reagieren wir? Keine Ahnung was Sie so machen, ich jedenfalls habe mir das kleine schwarzes Büchlein vorgenommen. Jede Woche ist jetzt eine Stunde eingetragen. Eine Stunde „Mariazeit“ – ein Stunde lesen theologische Literatur – jede Woche. Das ist schon einmal ein Anfang.

Verfasst von: achterosten | 24. Februar 2019

Lydia und der Nassrasierer – Predigt zu Apostelgeschichte 16, 9-15

Predigt zu Apg 16, 9-15 (Sexagesimae, 24.II.2019)

Liebe Gemeinde,
ich habe Ihnen mal wieder etwas mitgebracht. Ein Gegenstand, völlig alltäglich, klein und unscheinbar und trotzdem gab er in den letzten Wochen Anlass zur Sorge. Denn es droht ungemeine Gefahr, größte Bedrohung geht von ihm aus. Wenn man mancher Stimme glauben darf, droht für knapp die Hälfte der Menschheit Schreckliches (Rasierer hochhalten). Es ist der Rasierer. Zugegeben, ich gehöre da zu der altmodischen Sorte. Erstens immer nass und dann mit Hobel, Pinsel und Rasierseife. Bisher sind sie vielleicht davon ausgegangen, die maximale Gefahr dieses Gerätes besteht darin, dass sein Benutzer einem alten Passionslied gleicht: „O Haupt voll Blut und Wunden“? Da haben Sie die Sprengkraft dieses Gerätes aber weit unterschätzt. Einer der beiden Weltmarktführer des Nassrasierers meinte wohl, es war mal wieder Zeit, sich in das Gedächtnis des Mannes zu bringen. Dieses Mal nicht mit der zehnten Klinge, die auch noch dem letzten Barthäarchen für Tage den Garaus macht. Nein, dieses Mal versuchte man sich in Gesellschaftskritik. Aber jetzt ging mal so was von die Post ab. Was war passiert? Die Gilettemanager ließen alle Welt an dem Ergebnis ihres letzten Selbstfindungsseminares teilhaben. Selbstkritisch stellte man sich die Frage, ob man nicht selber über Jahre vielleicht einen kleinen Beitrag zu einem gewissen Männerbild geleistet hatte. Die Erkenntnis: Ja, haben wir. Daher wurden nun pädagogisch und mit dem nötigen Pathos hinterlegt Dinge präsentiert, von denen ich immer dachte, sie seien selbstverständlich: sich Prügeln ist nicht die Verlängerung von Diskussionen mit schlagkräftigeren Argumenten, die Ausgrenzung von Menschen ist nicht eine naturgegebene und hinzunehmende Tatsache und Frauen sind nicht dazu da, von uns Männern beglückt zu werden. Weder von unserer Intelligenz, unserer Weisheit noch von unserer Potenz. Auch nicht dazu, dass wir ihnen gönnerhaft das Maß an Gleichberechtigung zugestehen, was wir ihnen als moderner Mann zugestehen. Oh man, da hab ich mich aber mal getäuscht. Hunderte Männer haben öffentlich Giletteprodukte verbrannt. Sich dabei gefilmt, wie sie ihren Rasierer samt Seife entsorgen und dergleichen mehr. Diejenigen, denen solches zu brachial ist, fingen auf einmal an, irgendetwas von historischen Höchstleistungen zu erzählen, die ohne „männliche Eigenschaften“ wir Ritterlichkeit etc. nicht möglich gewesen wären. Sogar das Idealbild des Gentlemans wurde in Anschlag gebracht. Egal aber ob es einer eher handfester mag oder hochgeistig, die Erregungskurve all dieser Männer stieg ins Unermessliche. Und das nur aus einem Grund: Sie haben diesen schlechtgemachten, im pädagogischen Pathos versinkenden Werbefilm als Angriff auf ihre Männlichkeit gesehen! Von einer Werbung für Nassrasierer! Schon fielen auch wieder die üblichen Kampfbegriffe, natürlich „Gender“ und ganz schnell war man natürlich auch bei solchen Dingen wie der Einführung von Unisextoiletten und ähnlichem. Ein Satz ist mir bei dem ganzen männlichen Befindlichkeitskrempel im Gedächtnis geblieben. Der Aufschrei „Jetzt ist doch auch mal genug mit der Gleichberechtigung.“ Meine böse Vermutung: Genau darin liegt der Kern der ganzen Aufregung. Genau, es reicht doch jetzt mal mit der Gleichberechtigung, denn schließlich ist es doch mittlerweile normal, dass die Frauen auch arbeiten gehen können / dürfen. Ist das etwa nichts? Die Realität dieser Gleichberechtigung sieht ja nach meinem subjektiven Empfinden so aus: Zu der üblichen Hausarbeit und Kinderbetreuung dürfen die Frauen jetzt noch jeden Tag einer Erwerbsarbeit nachgehen. Ein Traum! Lustig auch all die Begegnungen in bürgerlich-akademischen Kreisen wenn dann freundlich aber leicht irritiert beim Smalltalk nachgefragt wird: Ah, ihre Frau ist promoviert, worin haben sie ihren Doktor gemacht oder schreiben sie noch an ihrer Diss? Ich war auch mal so naiv, zu glauben, dass es für Männer keine Rolle spielt wenn Ihre Partnerin mehr verdient, auf der Karriereleiter ein paar Stufen höher steht. Auch da habe ich was lernen müssen. Es ist wie bei so vielen Sachen, die mit den Themen Liberalität, Freiheit, Gemeinsamkeit und Vielfalt zusammenhängen. Ich bin da dem Irrglauben erlegen, dass die Menschen schon weiter wären. Das war ein naiver Fehler und ich glaube mittlerweile wir haben noch nicht mal richtig angefangen. Was aber soll das Ganze hier am Sonntagmorgen? Kann man nicht einmal hier in Ruhe gelassen werden mit dem ganzen Krempel?
Was soll ich machen? Es geht nicht! Warum nicht? Allein schon deswegen: Der Umstand, dass wir hier heute Morgen Gottesdienst feiern, ein Kind taufen, den verdanken wir – einer Frau! Und das ist auch noch Gottes Wille. So wird es seit der frühsten Zeit erzählt, so wie alles seinen Anfang nahm. Mit einer Frau. Und wenn ich diese Geschichte höre dann ist spätestens einer dieser Punkte erreicht, wo ich nicht mehr wirklich verstehe, warum manche Themen unter Christinnen und Christen mit solcher Vehemenz diskutiert werden. Denn da ist diese Frau, ohne die wir alle heute nicht hier wären. Aber es wird ja noch besser. Da gibt es ja die, die gerne von sich behaupten sie sprechen für die schweigende Mehrheit. Wenn man denen glauben will, dann verkörpert sie wo alles, vielen anscheinend die Nackenhaaren hochgehen: Sie ist eine Frau, sie ist Ausländerin, sogar eigentlich noch schlimmer, sie ist Wirtschaftsflüchtling. Sie ist erfolgreich, eigenständig. Sie nimmt ihre Religionsfreiheit wie selbstverständlich in Anspruch, sucht den Kontakt zur jüdischen Gemeinde und hält die Juden nicht für das Unglück der Welt. Und zu guter Letzt, von einem Mann an ihrer Seite wird nie was erzählt. Gott bewahre, vielleicht war sie auch noch lesbisch. Und sie ist die erste Christin Europas. Mit dieser Frau beginnt alles das, was ja heute gerne von interessierten Kreisen als christliche Kultur des Abendlandes bezeichnet wird. Der Witz dabei ist, das wird noch nicht einmal als die Sensation erzählt, sondern eher lakonisch, als sei es das Normalste der Welt: „Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, daß uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen (…) nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluß, wo wir dachten, daß man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.“
Das ist Lydia, die erste Christin Europas, Gründerin der ersten christlichen Gemeinde auf unserem Kontinent, bei ihr nimmt alles seinen Anfang. Deswegen spreche ich heute Morgen über das Thema Gleichberechtigung und Männerbild. Weil es unser ureigenes christliches Thema als Töchter und Söhne dieser Frau ist. Und weil diese Geschichte ein sehr wichtiges Detail zentral in sich trägt. Lydia wird nicht Christin, weil sie, schön klassisch, Objekt männlicher Überzeugungskraft, Weisheit und Potenz ist. Es sind nicht die schönen Worte des Paulus, des Mannes, die sie überzeugen, in ihr den Glauben wecken. Sie ist kein Objekt männlichen Tuns. Ihre Entscheidung ist es, die Worte von dem einen Gott zu hören. Gott selber öffnet ihr das Herz für den Glauben. Und eigentlich geht das noch viel weiter: Paulus ist das Objekt in dieser Geschichte. Denn eigentlich wollte er ganz wo anders hin auf seiner Missionsreise. Dass ihn der Weg nach Europa führt – die Geschichte bringt da Gott ins Spiel. Und für Paulus bleibt es durch die ganze Geschichte so, selbst am Ende ist freundlicher Druck notwendig, damit er sich endlich einladen lässt in Lydias Haus. Und – verliert er dadurch seine Männlichkeit? Ist er das Opfer eines antiken Genderwahns, all seiner Freiheit beraubt? Hat man oder vielmehr Frau ihm alles genommen, was ihn als Mann ausmacht? Das wird uns nicht erzählt. Erzählt wird uns aber von ihr, von Lydia, der Gott das Herz öffnet für die Botschaft der Freiheit. Die Botschaft, die uns die Freiheit gibt unser Leben zu gestalten ohne Vorgaben, was angeblich weiblich oder männlich ist. Und vor allem: Uns Männern die Freiheit gibt, endlich ernst zu machen mit der Gleichberechtigung, nicht als Heulsusen, sondern als Männer.

Verfasst von: achterosten | 2. Januar 2019

Torte der Freiheit – Predigt zu Jesaja 51, 4-6

Predigt zu Jes 51, 4-6 (Sylvester 2018)

Liebe Gemeinde, Sylvester, Jahreswechsel. Ist Ihnen da mal was aufgefallen? Jahreswechsel, das wird immer mehr wie die Adventszeit. Die beginnt ja bekanntlich auch immer früher, von wegen Spekulatius im September. Mit dem Jahreswechsel ist es ähnlich. Ich bin in diesem Jahr von meiner Zeitung schon Anfang Dezember mit dem Jahresrückblick auf 2018 beglückt worden. Seis drum, Sylvester, die Tage „zwischen den Jahren“ das ist die Zeit des Rückblickes und auch die Zeit um Bilanz zu ziehen. Die Politik macht das, die Betriebe machen das und manche und mancher auch für das eigene Leben in den letzten zwölf Monaten. Da gibt es ja auch ganz unterschiedliche Wege. Man kann das sehr emotional machen: all die schönen und traurigen Momente des Jahres sich noch einmal vor Augen führen. Das frühe Aus der Deutschen bei der WM zum Beispiel. Sie können jetzt selber wählen zu welcher Kategorie das für Sie gehört. Man kann das aber auch sehr nüchtern tun und das soll auch dieses Mal mein Weg sein. Ganz nüchtern die nackten Zahlen betrachten. Da hätten wir für das Jahr 2018 in der Ev. Kirchengemeinde Eppendorf-Goldhamme: 27 Konfirmationen, 6 kirchliche Trauungen, weiter hatten wir 3 Aufnahmen, 33 Taufen und 71 Beerdigungen. Zwar liegen die Zahlen noch nicht vor, aber ich gehe davon aus, dass wir wie in jedem Jahr so ca. 30-40 Austritte und eine gewisse Zahl von Menschen aus unserer Gemeinde haben, die zwar gestorben, aber nicht kirchlich bestattet worden sind. Schnell zusammengerechnet wird wohl auch in 2018 unsere Gemeinde um ca. 2,5 Prozent geschrumpft sein.
Soweit, ganz nüchtern, die nackten Zahlen. Jetzt ist das ja mit Zahlen und Statistiken so eine Sache. Da gibt es die nackten Zahlen, die schwarz auf weiß und dann die Gefühlten. Die, die man vermutet. Was nun die Realität wirklich abbildet? Das ist manchmal schwer zu entscheiden. Aber auch die Gefühlten gehören zum Bilanzziehen, zum Rückblick. Es gibt in der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine wunderbare Rubrik dazu: „Torten der Wahrheit.“ Die Journalistin Katja Berlin versucht auf humoristische, provokante Weise „diese gefühlten Zahlen“ in Form von Diagrammen darzustellen. Entweder als Balken- oder aber, genau, als Torten-Diagramm. Oft habe ich den Eindruck, dass Ihre „Zahlen“ der Realität sehr nahe kommen. Kleines Beispiel von ihr: „Was „gleich“ für Frauen in der Wirtschaft bedeutet“: Für 8 Prozent „gleiche Chancen“, für 17 Prozent „gleiche Bezahlung“, für 75 Prozent „Können Sie – gleich – mal das Protokoll schreiben“.
Ich bin bestimmt nicht so gut wie Katja Berlin, aber ich will mich da auch mal versuchen mit so einem provozierenden Rückblick auf 2018. Wie wäre es mit „Welche Nachricht hat die Deutschen 2018 am meisten erschüttert?“: Das Tausende von Menschen im Jemen vom Hungertod bedroht sind – 2, 5 Prozent, Hinweise auf rechtsextreme Netzwerke in staatlichen Organisationen mit Gewaltmonopol – 12,5 Prozent, die Trennung von Helene Fischer und Florian Silbereisen – 85 Prozent. Ich sehe, sie verstehen das Prinzip dahinter. Dann will ich es auch mal für unsere Gemeinde wagen: „Was war das 2018 am stärksten diskutierte Thema?“ Was soll das mit dem Tod Jesu am Kreuz? – 2,3 Prozent, die Verkleinerung der Gemeinde in sechs Jahren um fast 1000 Menschen – 5,1 Prozent, Umsetzung des Datenschutzgesetzes – 22,6 Prozent, Das die Krippenfiguren nicht so standen wie sonst die Jahre – 70 Prozent. So jedenfalls die gefühlte Bilanz, die gefühlte Wahrheit nach dem Blick auf die nackten Zahlen, aber auch nach unzähligen Gesprächen, Telefonaten, E-Mails in den letzten zwölf Monaten.
Das ist ihnen zu hart, zu provozierend formuliert? Ihre Bilanz sähe ganz anders aus? Unbestritten, aber bei dieser, meinen „Torte der Wahrheit 2018“ gesellte sich, neben den nackten Zahlen, dem subjektiven Erleben, noch etwas Drittes hinzu, der heutige Predigttext. Aus dem Jesajabuch: „Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“
Nicht gerade ein Text, der dazu bewegt, schonend, mit Nachsicht einen Blick auf die Realität zu werfen, auch auf die in unserer Gemeinde. Und bei beidem, dem Bilanzziehen für 2018 und dem Lesen des Textes blinkte in meinem Kopf ein Wort auf – „Priorität“. Etwas klarer und ausführlicher gesagt die eine Frage: „Was ist wirklich wichtig? Ist das was wir als Priorität ansehen, wichtig, wirklich das worauf es ankommt?“ Und das ist keine akademische Frage, ich will das noch mal anders sagen. Was ist das wichtigste, kostbarste heute in unserem Leben im Sinne von sehr selten, rar? Grundsätzlich gilt doch erst einmal: Wir haben etwas zu Essen, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben es warm und trocken und vieles darüber hinaus. Das ist es nicht, es ist – Zeit! Dieses rare, begrenzte Gut, das uns so durch die Finger rinnt. Und angesichts dessen wird die Frage noch mal drängender „Nutze ich dieses Kostbare, Wertvolle wirklich für die wichtigen Dinge oder verschleudere ich es sinnlos?“ Denn 2018 war ja auch das Jahr wo wir dank Professors David Graebers um einen Begriff reicher wurden: „Bullshitjobs“. Kurz zusammengefasst, viele Menschen verschwenden diese kostbare Gut, ihre Zeit, in Berufen und mit Aufgaben, die so viel Sinn haben, wie ja, nun mal „Kuhscheiße“, so David Graeber. Und zumindest die Verkaufszahlen seines Buches legen die Vermutung nahe, dass er das Gefühl vieler wohl getroffen hat.
Angesichts dieser Kostbarkeit unserer Zeit also eine ernsthafte Frage:Was hat Priorität? Das ist eine verdammt unangenehme Frage, denn wenn etwas Priorität hat, dann stehen anderen Dinge leider nur an Platz zwei, drei oder ganz am Ende. Auch wenn das so sauber im wahren Leben ja gar nicht läuft, da teilen sich manche Dinge auch schon mal den Platz in der Rangliste. Was hat Priorität? Der Text aus dem Jesajabuch ist da radikal: „mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“ Das ist das einzige was bleibt, was Bestand hat, was wichtig ist. Alles andere, wirklich alles andere, ist völlig nachgeordnet. Das nenn ich mal Prioritäten setzen, das nenn ich mal eine „Torte der Wahrheit“: Was ist das wichtigste?: „Heil, Gerechtigkeit“ – 100 Prozent, alles andere – 0. Zwischen unseren „Torten der Wahrheit“ und dieser liegen Welten. Daher könnte man zu ihr das sagen, was vielleicht die ein oder der andere zu meiner „Torte“ vorhin gedacht hat: „Eine Frechheit, die reine Provokation, so geht das nicht.“ Ja, genau das war sie und das ist auch diese „Torte“ aus dem Jesajabuch. Und in der geht es auch um was. Kurzer Blick mal auf das zentrale Wort „mein Heil“. Was verbirgt sich dahinter? In einer jüdischen Übersetzung des Textes ins Deutsche steht für Heil die wunderbare Verheißung „meine Befreiung“. Ja, wenn das mal nicht den Anspruch auf Priorität hat, dann weiß ich auch nicht mehr. „Befreiung“ – auch in 2018 oft gesucht, oft verfehlt, in manchen glücklichen Momenten geschenkt bekommen. Und auch für 2019 ganz oben auf der Liste. Viel zu wichtig, als dass ich mich von dieser „Torte der Wahrheit“ Gottes nicht provozieren lasse. Von dieser Radikalität, aber auch von der Hoffnung, der Verheißung, die darin steckt. Nicht ich, wir müssen immer und immer wieder entscheiden, was im Letzen an erster Stelle steht, das ist gesetzt. Das trägt den wunderbaren Titel „Befreiung“. Wenn die wichtigste Frage aber bereits geklärt ist, was Priorität hat, an erster Stelle steht, dann sortiert sich alles danach vielleicht viel einfacher. Auch wenn da immer noch Dinge sich den ein oder anderen Platz teilen müssen, weil das Leben nun mal so ist. Auch wenn diese Liste immer wieder neu sortiert werden muss, denn auch das ist das Leben. Das kann man lernen, glauben sie mir. Sprechen Sie mit z.B. Ärzten, Pflegerinnen, Polizisten, Feuerwehrmänner etc. Die müssen das jeden Tag, innerhalb von Minuten und manchmal auch nur Augenblicken: Prioritäten neu sortieren.
Das aber, das Platz Eins schon lange belegt ist, das ist eine Provokation. Was aber wenn wir uns mal für 2019 provozieren lassen? Mal unsere „Torten der Wahrheit“ auf den Tisch legen, mal die Frage nach den Anteilen und Prioritäten stellen. Ohne das wir schon wieder mit der moralischen Brille darauf gucken, voller Angst vor den möglichen Folgen oder mit hohlen Phrasen. Was wird dann passieren? Ich weiß es nicht, ich kann es echt nicht sagen. Das ist ein Abenteuer, ein Risiko, das ist Leben. Was wenn aber am Ende ganz andere „Torten der Wahrheit“ stehen, „Torten der Freiheit“? Wie zum Beispiel diese hier an einem Sylvester in den nächsten Jahren „Was sind bei uns heute in der Gemeinde die wichtigsten Themen?“ – Der neue Verbund aus Diakonie und Gemeinde, weil wir so für die Menschen da sind – 5 Prozent, Das Heilig Abend die steile These „Gott ist Mensch geworden“ zu verstehen war – 10 Prozent, Sylvester feiern, weil das Leben feiern die Antwort auf unsere Befreiung durch Gott ist – 85 Prozent.“

Verfasst von: achterosten | 25. Dezember 2018

Lichte bei der Nacht – Predigt zu Jesaja 9, 1-6

Predigt Jes 9, 1-6 (Christvesper 2019)

[Sicherungen aus, Kirche dunkel, Benzinlampe I Sakristei Benzinlampe II Kanzel) Finsternis, völlige Dunkelheit um ihn herum. Eine Finsternis wie er sie bis jetzt nie kannte. Eine dumpfe, warme, feuchte Finsternis, die ihn umschließt. Nichts ist zu sehen, umso mehr jedes noch so kleine Geräusch zu hören: der Wetterstrom, das Knarzen des Holzes, das Knistern des Berges. Immer lauter wird alles, sein Atem geht immer schneller. Er spürt zwar das harten Gestein auf dem er kniet, wo aber ist links und rechts, wo oben, wo unten? Nur raus, nur weg. Aufspringen, loslaufen, aber wie? Die dumpfe, warme, feuchte Finsternis dringt ihm durch das dünne, schweißnasse Hemd, greift nach seinem Herzen. Er ist allein in der Finsternis, ohne Ausweg. Da spürt er eine Hand auf seinem Bein, fest, bestimmt und eine Stimme dringt durch die Finsternis, es dauert einen Moment, bis die Worte aus dem Dunkel zu ihm durchdringen, den harten Griff um sein Herz lösen. „Mach die Lampe wieder an! [Benzinlampen II an, Benzinlampe I an auf den Altar]. Verstehst du es jetzt?“ Ja, er begriff, er verstand.
Es kam ihm zwar wie eine Ewigkeit vor, dabei war es gerade mal eine Viertelstunde her. Sofort steht es ihm wieder vor Augen: Wie er nur kurz ein paar Stempelhölzer von unten holen will, sie würden sie brauchen. Weit war es nicht bis unten auf die Strecke. Schon läßt er sich dorthin rutschen, packt das Holz, das dort liegt, da erschrickt ihn der Ruf: „Halt! Was machst Du hier.“ Er blickte in die zusammengezogenen Augen des Steigers. „Ich soll Stempelholz holen, der Rutschenbär hat mich geschickt.“ „Das ist nicht das Thema“, die Augen vom Steiger werden enger, „wo ist deine Lampe? Du hast es doch gelernt: Die Lampe immer am Mann!“ Stimmt, er hatte sie oben hängen lassen, der Streb war hell genug, die Lampen der andern Kumpels, das Licht unten von der Strecke sorgten dafür. „Ach, Steiger, für die paar Meter, ist doch alles hell!“ „Du wartest hier.“ Der Steiger lässt ihn einfach stehen, klettert anstatt seiner hoch in den Streb. Kurze Zeit später kommt er wieder auf die Strecke, die ganze Mannschaft im Schlepptau. „Ihr könnt buttern. Du“, er zeigt auf ihn, „rein mit Dir in den Streb, bis da wo Deine Lampe ist.“ Er klettert hoch, der Steiger folgt ihm. Als er bei der Lampe angekommen ist, wieder dieser Befehlston: „Lampe mitnehmen, weiter hoch, bis zum letzten Knapp.“ „Mensch, was hat der Alte mit mir vor?“, geht es ihm durch den Kopf. Am Kohlestoß angekommen, schaut er auf den Steiger, der sich gegen einen Stempel hockt. Er selber kniet auf dem Stein. Vom Licht der Strecke ist nichts mehr zu sehen, nur seine Lampe und der Blitzer an der Brust des Steigers geben Licht. Den aber löscht der Steiger jetzt. Wieder der Befehlston: „Lampe aus!“ Er löscht auch seine Lampe. Dann kommt sie, die völlige Finsternis, dumpf, feucht und warm. Dunkelheit, wie er sie nie kannte. Dunkelheit, die alles erstickt. Bis sie ihn erreichen, die Hand und die Worte aus der Finsternis: „Verstehst du es jetzt?“ Ja, er versteht: Die Lampe immer am Mann! „Mach sie wieder an.“. Er blickt in das schwarze Gesicht des Steigers, in dem sich die weiße Zahnreihe eines Grinsens zeigt. „So, genug Scherze für heute. Ab an die Wand, Kohlen müssen kommen.“
Er vergaß es von jenem an Tag nie. Nicht als die alten Bezinlampen ersetzt wurden durch die elektrischen [Akkulampe an], als noch der letzte Winkel in Strecke und Streb erleuchtet war [Streblampe an], er hat es nie vergessen: „Die Lampe immer am Mann!“
Selbst lange Zeit später, als sein Tag vor allem darin bestand, schweigend aus dem Fenster zu schauen, konnte es sein, dass er auf einmal alle anblickte, klar und deutlich sagte: „Ihr dürft das nie vergessen: Die Lampe immer am Mann!“

[Helmlampe an, an die Kanzel] „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das ist das Wort der Bibel für heute, Heilig Abend 2018. Wenige Tage nach dem offiziellen Ende des Bergbaues hier bei uns. Wenige Tage nach dem zum letzten Mal Bilder von einer Zeche bei der Tagesschau zu sehen waren. Da war neben aller Abschiedsmelancholie auch viel Verklärung, viel Sozialromantik. Denn wenn früher ein Förderturm hinter dem Sprecher der Tagesschau zu sehen war, bedeutete das nichts Gutes: Es gab die Angst um die Zukunft, die Angst vor Arbeitslosigkeit, die Angst vor dem Bergfreien. Und immer wieder hieß das: Es gab Verletze, es gab Tote. Leider bis zum Schluss. Die traurige Nachricht kam heute vor einer Woche aus Ibbenbüren: Ein 29jähriger Bergmann kehrte von seiner Schicht nicht mehr zurück. Was für ein Elend, so kurz bevor für alle Zeiten Schicht am Schacht ist. Nacht und Dunkelheit – das wird heute in seiner Familie herrschen, bei seinen Freunden, wie bei unzähligen Familien und Freunden vor ihnen.
Nacht und Dunkelheit herrscht auch in den verlassen Grubenbauten zu unseren Füßen. Hier oben, am Tage, auch hier beschleicht mich das Gefühl das die Dunkelheit sich ausbreitet. Es stimmt ja zwar zum Beispiel, keiner von den Bergmännern ist ins Bergfreie, in die Arbeitslosigkeit gefallen. Wenn ich hier aber so durch manche Straßen, machen Stadtviertel fahre, kommt es mir vor, als wenn die jetzt ins „Bergfreie“ fallen. Perspektivlosigkeit macht sich breit, ganze Stadtviertel werden abgeschrieben. „Strukturwandel“ ist eher ein Mythos, und nur sehr begrenzt Realität.
„Die Lampe immer am Mann!“ – „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ [Stern anschalten] Beides verbindet sich an diesem besonderen Abend: Wenn die Lampe immer an der Frau, an dem Mann ist dann kann die Finsternis noch so groß sein, das eigene Licht gibt seinen Schein. Zeigt den Weg. Die Lampe hing für den Bergmann in der Lampenstube bereit. Für jeden seie persönliche, seine eigene, immer mit der eigenen Markennummer. Die Krippe dort, die Worte, die Lieder der heutigen Nacht sind vielleicht auch so etwas wie diese Lampenstube. Der Ort wo wir, ich, diese, meine „Lampe“ bekomme. Die, die leuchtet in der Dunkelheit, in der draußen und in der im Herzen. Die für mich dort bereit steht. So jedenfalls wird uns erzählt.
Das ist meine Hoffnung jedes Jahr an Weihnachten. Dass ich sie hier finde, die Lampe, das Licht, was mir leuchtet, die Dunkelheit durchbricht. Was mir zeigt: „Du bist im letzten nicht allein. Es ist gut, du musst es nicht alles tragen, sondern es trägt der, den man Gott nennt. Den du dort findest, wo du ihn nie vermutest. Sowie er zu den Menschen gekommen ist, im Dunkel eines Stalles, ohne das es außer ein paar Hirten und drei Gelehrten irgendjemand zur Kenntnis nahm. Der nichts von dir fordert, dir aber alles schenkt, was du brauchst: Liebe, Freiheit.“ Denn so einfach ist die Botschaft dieses Abends: „Du bist nicht allein. Du bist Geliebt. Du bist frei.“ Mehr braucht es nicht als dieses Licht.
Ich brauche dieses Licht. Das ist die Sehnsucht dieses Abend: Dieses Licht zu finden, das so für mich, für uns leuchtet. Ohne es bleibt das alles heute Abend nur ein Gemisch aus Sentimentalitäten und alten, leeren Worten ohne weitere Bedeutung. Ich brauche dieses Licht, deswegen bin ich doch hier. Sonst könnte ich doch auch schon bei Muttern am Tisch sitzen oder mit Freunden am Weihnachtsbaum. Ich brauche aber dieses Licht, mein Licht, das für mich bereit ist. Das ich immer „am Mann habe“, immer bei mir. Eine ganze lange Schicht lang, sprich eine lange Zeit des Alltages, jenseits der Festtage. Wie soll ich das denn sonst schaffen, da draußen? Wo es oft so hell durch all die anderen Lichter ist, das ich meine Lampe fasst vergesse. Wo es oft so dunkel ist, das ich mich ohne diese Lampe im Dunkel verliere. Die Lampe ist das Entscheidende an diesem Abend! Sie steht an erster Stelle.
Dass ist die große Hoffnung dieses Abends für mich. Sie verbindet sich mit einer anderen: Das nicht nur ich heute, hier dieses Licht finde, sondern Sie, viele andere mit mir, mit uns. Jetzt, hier, an all den anderen Orten. Jede und jeder ihr, sein Licht, was für sie, ihn leuchtet. Über diese Nacht hinaus. Eine ganze lange Schicht lang. [Kerzen auf dem Altar, Osterkerze entzünden].
Das unser Lichter zusammen leuchten in der Dunkelheit da draußen. Das wir es nicht zulassen, dass Menschen Straßen, Stadtviertel ins „Bergfreie“ fallen. Das es uns gelingt: dem Vergangenen nicht nachzutrauern, aber das Gute zu bewahren, weil wir es brauchen: Der vielbeschworene Zusammenhalt, weil ohne den Kumpel an meiner Seite geht es nicht. Das wertvolle Motto: „Es zählt nicht was du bist oder hast, sondern was du kannst.“ Wo es egal ist, wie eine aussieht, wie sie zu ihrem Gott betet, sondern das entscheidende Kriterium ist, ob man sich auf sie verlassen kann. Weil nun mal gilt „unter Tage sind alle schwatt im Gesicht.“
Das ist mein „Erbe“ unserer Väter und Großväter im Berg das ich mir bewahren will: Nie ohne eigenes Licht zu gehen, egal wie kurz der Weg, wie hell um mich herum alle scheint. Nicht zu vergessen das eigene Licht. Immer zu hoffen, das ich, wir dieses Licht immer für uns bereitet finden, das Licht der Liebe, der Freiheit. Dass es uns leuchtet die ganze lange Schicht des Alltages. Dass es Wahrheit bleibt und wird, was uns erzählt wird: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
[Weihnachtsbaum an]

Verfasst von: achterosten | 25. November 2018

Mitten im Leben – Predigt zu Johannes 5, 24-29 (Totensonntag)

 

„Was passiert eigentlich wenn eine stirbt?“ – „Wann ist man eigentlich so richtig tot?“ Liebe Gemeinde, wenn wir ein paar Mutige dabei haben, dann kommen sie relativ schnell, diese Fragen. So auch wieder Freitag vor einer Woche. „Tod und Sterben“ – so ist der Freitagnachmittag für die Konfis im November überschrieben. Nach einer Erkundung des Friedhofes gehört dazu auch immer das Gespräch mit einer Bestatterin, einem Bestatter. Menschen, die täglich mit dem Tod zu tun haben. Oft bestätigt sich dabei etwas, was ich immer wieder beobachte: Kinder und Jugendliche sind zum weit überwiegenden Teil unbefangen, wenn es um das Thema Tod geht. Schnell werden Fragen laut, wie ich sie gerade zu Beginn zitiert habe. Fragen, die erst einmal, ja ein bisschen medizinisch, vielleicht sogar biologisch klingen. Bei denen man denkt, eine schnelle Antwort ist möglich. Schon allein, weil das Thema einem ja doch mehr als unangenehm ist. Kurze Erklärung, kurze Antwort, nächste Frage. Dabei führen genau diese beiden Fragen uns viel tiefer, als eine kurze Antwort. Sehr viel tiefer in das Geheimnis von Tod und Leben. Denn wann ist jemand tot, wann ist das Leben an sein Ende gekommen? Landläufig haben viele ja so die Vorstellung eines festen Punktes, einer festen Grenze im Kopf, oder eines fest bestimmbaren Ort. Gut, der feste Punkt hat sich verschoben, in dem Maße, in dem medizinische und biologische Erkenntnisse in das Allgemeinwissen vorgedrungen sind. Früher war das Aussetzen des Atmens ein sicheres Zeichen, dann der fehlende Herzschlag, heute wird viel vom Hirntod gesprochen. Durch bestimmte Anzeichen kann dann davon ausgegangen werden, dass das Gehirn endgültig nicht mehr seinen Dienst versieht. Wenn auch bedingt durch die technischen Möglichkeiten über einen wahrscheinlich längeren Zeitraum alle anderen körperlichen Funktionen aufrecht erhalten werden können. Ein fester Punkt, eine feste Grenze – das ist der Tod. Ende, Aus. Vielleicht hat diese weitverbreitete Meinung, diese Überzeugung etwas damit zu tun, dass Tod und Sterben weitgehend aus unserem Erfahrungsraum, aus unserem Leben verschwunden ist. Denn eines kann ich sagen: Ich habe Menschen sterben sehen, ferne und nahe. Menschen, denen als Patienten und Gästen meine Fürsorge und Menschen aus der Familie, denen meine Liebe galt. Ich habe gesehen, gehört und erfahren, dass so, wie das Leben in aller Vielfalt, in aller Einzigartigkeit ist, so auch das Sterben einzigartig ist. Dass also der Tod der große Gleichmacher ist, im Tod alle gleich – das habe ich nicht erkennen können. Jeder und jedem stand auch im Tod sein Leben ins Gesicht geschrieben, sie oder er blieb unverwechselbar, einzigartig. Eine Grenze, einen festen Zeitpunkt? Auch den habe ich nicht wirklich erkennen können. Kein glatter Schnitt, keine klare Kante, sondern ein Prozess. Selbst bei Menschen, die auf den ersten Augenschein „einfach umfielen“, „sich mal kurz nur hingelegt haben“. Spätestens in der Rückschau zeigen sich kleine Punkte dieses Prozesses. „Plötzlich“ habe ich den Tod nicht erlebt.

Der Tod – keine klare Grenze, keine Abbruchkante. Der Tod ragt weit schon ins Leben hinein, die Zeichen des Lebens ragen in den Tod. Endgültig klar wurde mir das am Bett eines Patienten, als das Wort „Hirntod“ gefallen war. Äußerlich, erfahrbar waren alle Zeichen des Lebens zu sehen, zu spüren. Nach und nach stellten wir die Geräte ab. Der Tod nicht als klare Kante, als klare Grenze, sondern als etwas, was viel mit dem Leben zu tun hat, im Leben schon beginnt, das habe ich gelernt. Das hat Augen geöffnet, den Blick geschärft, wie weit schon der Tod in das Leben ragen kann. Wie viele schon Zeichen des Todes tragen, lange vor dem letzten Atemzug. Wie weit er schon in mein Leben ragt. Das Leben zur Seite drängt im grauem, stumpfen Alltag. Wie viele Dinge ohne Sinn und Verstand ich jeden Tag tue. Wie viele Worte nur leeres, totes Gerede sind. Das Zusammenkommen mit Menschen weniger lebendige Begegnung als Austausch toter Gesten ist. Wie vieles was einmal wichtig, lebendig war, verdorrt, vertrocknet ist. Der Tod kein ferner Ort, keine ferne Grenze ist, sondern seine Kälte schon heute mein Leben, das Leben so vieler erstarren lässt.
So ist es mir deutlich geworden, dass die vermeintlich so simple Frage der Konfis „ Wann ist jemand tot?“ keine einfache Antwort hat. Sie nicht nur hineinführt in das Geheimnis von Leben und Tod, sondern auch in die zentrale Verheißung des christlichen Glaubens, dem sogenannten „ewigen Leben“. So diese Frage der Konfis den Weg zeigt, dass er lebendiger Grund der Hoffnung und des Trostes ist und bleiben kann. Denn das kann er nicht sein, wenn seine Verheißungen alle nur immer erst jenseits der Grenze „Tod“ angeblich Wirklichkeit werden. Dort an jenem Ort jenseits der Grenze, dort im ewigen Leben, da, ja da, angeblich, wird dann alles Wirklichkeit. Das wird zurecht als billige Vertröstung kritisiert, zu Recht von Franz-Josef Degenhardt mit dem spöttischen Bild der „ewigen Blumenwiese“ belegt. Was soll das für mich bedeuten? Das Leben nur als längerer oder kürzerer Wartesaal auf das wahre Leben? Nein, danke, kein Interesse. Das ist zu wenig. Das ist eigentlich auch, wenn man es mal zu Ende denkt, eine Verhöhnung des Lebens, ein Billigmachen. Dann stimmt alle Kritik am christlichen Glauben, denn dann bewahrheitet er sich ja erst hinter der Grenze, die angeblich der Tod ist. Wenn das der christliche Glaube ist, dann versteht er nicht das Leben, aber auch nicht seine eigenen Grundlagen. Denn was sind dann Worte wie die des heutigen Predigttextes anderes als abstruses, leeres Gerede:
„Jesus sprach:. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.“
Wenn ich vom Tod als Grenze ausgehe, dann klingt das maximal ein wenig gruselig, aber mehr auch nicht. Wenn ich aber erfahren habe, dass der Tod nun doch keine Grenze ist, sondern weit in das Leben hineinragt, ich selber mich manchmal an den grauen Tagen wie tot fühle, dann, ja dann. Ja, was dann? Dann gilt die Verheißung heute, jetzt wo ich mich wie tot fühle, fern des Lebens. Keine Vertröstung auf morgen oder, was ja noch schlimmer ist, auf ein übermorgen, das vielleicht nie kommen wird. Irgendetwas hinter irgendeiner Grenze. „Schon jetzt“ heißt es. „Schon jetzt“ wird mir das Leben geschenkt, das Leben, das stärker ist als der Tod. „Schon jetzt werden die leben, die hören werden.“ Nicht morgen, nicht übermorgen schenkt uns Gott das Leben – er schenkt es heute! Ich muss es also nicht einfach ertragen, all die Kälte, all die abgestorbenen Wurzeln und Äste meines Lebens, all diese ganzen sinnlosen Mist, die ganzen Räume, in denen sich schon der Tod breit gemacht und von innen die Tür verriegelt hat. Alles nur ertragen, weil mir ja da irgendetwas, irgendwo im „Jenseits“ versprochen ist. Ich werde leben – schon jetzt ist es mir gesagt, die Türen reißt das Leben wieder auf, nimmt dort wieder Raum, dort wo es hingehört. Bei mir, bei all den anderen die morgens manchmal im Spiegel nur eine tote, graue Gestalt sehen. Leben, lebendige Hoffnung, lebendiger Trost heute, jetzt schon Wirklichkeit. Das ist der Glaube, davon spricht die Bibel.
Aber wissen Sie was? Hier im Kopf, da habe ich es, da habe ich es vielleicht auch ein wenig verstanden. Aber, hier im Herzen, da kommt es nicht immer an, denn gerade dort sitzt er manchmal ganz schön hartnäckig, der Tod des Alltags. Dann hol ich sie raus, die alte schon leicht angestoßene CD von den Missfits. Und im vertrauten, schönen schnodrrigen Dialekt und Denken hier bei uns lassen sie sie in meinem toten Herzen ankommen. Die Stimme, die vom Leben spricht, dass er, Gott, mir schenkt. Schon heute.

Missfits – Mäuschen

Verfasst von: achterosten | 11. November 2018

Sommerhit – Predigt 1.Thessalonier 5, 4-11

Predigt zu I. Thessalonier 5, 4-11 (Drittletzter Sonntag, 11.XI.2018)

Liebe Gemeinde, nun ist er aber auch wirklich endgültig vorbei, der lange Sommer 2018. Zum Sommer gehören ja nicht nur die ganzen schönen Dinge, die auch mit S anfangen, wie Strand, Sonne, Schwimmen usw. Sondern auch seit vielen Jahren immer der sogenannte Sommerhit. Und was durften wir da schon für musikalische Leckerbissen erleben. Das Rezept ist immer gleich: Man nehme ein paar fette Beats, einen möglichst sinnfreien Text, knapp bekleidete Damen und mische das ganze zu einem wunderbaren leichten Gute-Laune-Hit. Aber in diesem Jahr? Als der aufgeregte Moderator im Radio den Sommerhit 2018 ankündigte, machte mich das nicht wirklich wach, was dann aber kam, da fiel mir doch fast die Kaffetasse aus der Hand:

Bella Ciao

Das alte Partisanenlied aus Italien als Sommerhit 2018. Weil es noch früh am Morgen ist habe ich mal jetzt den Ursprung des Hits aus der Netflix-Serie „Haus des Geldes“ genommen. Das alte Partisanenlied mit Technobeats als Lied auf Sommerpartys, als Dancehit! Ich steh bis heute völlig faziniert davor und schwanke zwischen Begeisterung und Befremden. Ich meine, der Song, also die tanzbare Version, stand in Deutschland in den Charts auf Platz 2! Das ist befremdlich. Deutsche feiern, tanzen, singen mit bei einem Lied, das einen Zweck hatte: Mut zu geben beim gerechten Kampf gegen unsere Väter, Groß- und Urgroßväter, die Tod und Elend brachten. Egal, wo ich in Europa war: Niederlande, Belgien, Dänemark, Italien, Frankreich, Estland, Kroatien, Bosnien – überall stehen sie, die Steine, die mir sagten: Opa war schon vor dir da.
Europäer, Nachfahren der Opfer und der Täter, feiern, tanzen, singen gemeinsam bei einem Lied, das ein Ziel hatte: Die Freiheit von Unterdrückung und Barbarei. Das begeistert mich.
Ob es noch weitere Gründe gab, dass genau dieses Lied in diesen Tagen, in diesem Sommer so ein Hit wurde? In Tagen wo Schatten sich ausbreiten? War es mehr als nur die eingängige Melodie?
Ich hatte das Lied gleich im Ohr als ich den Predigttext für heute las: „Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

„Kinder des Lichtes“ – der schönste Name für Christinnen und Christen, für die, die wir getauft sind. Strahlend und schön macht uns der Glaube. Wir sind nicht allein, wir sind nicht schutzlos ausgeliefert. Eine wundersame Rüstung ist uns geschenkt. Nicht schwer, niederdrückend, keine, die uns kaum bewegen lässt. Nein, leicht und doch stark, so wie die Liebe, so wie der Glaube. Kein geschlossener Helm mit engem Visier, der Blick und Gedanken einengt, sondern einer mit breiter Krempe, offenem Gesicht, weitem Blick, so wie die Hoffnung. So sind wir die Kinder des Lichtes, so sind wir bestens gerüstet für unseren Auftrag: Nüchtern sein, wachsam sein. Das ist jetzt nicht als Partykiller gemeint, von wegen immer nur klar Wasser, sondern eher so im Sinne von: Ihr habt es nicht nötig euch die Welt, das Leben schön zu saufen. Egal ob mit ner Kiste Bier oder anderem was da so genommen wird: Volk, Nation, Rasse. In dieser Nüchternheit wachsam sein, die Zeichen sehen, erkennen und nüchtern deuten, jene des Lichtes, aber halt auch jene der Finsternis. Sie aber nicht nur sehen, denn wer eine Rüstung trägt, der kann auch kämpfen. Nicht für den Kampf des Zorns haben wir sie. Diese Rüstung von Glaube, Liebe, Hoffnung, jeder und jedem ist sie in der Taufe geschenkt. Wir haben sie Ida und Udo Paul angelegt. Wir haben ihnen damit versprochen: Wir sind die Kinder des Lichtes und wir werden unseren Auftrag annehmen. Wir werden den Kampf kämpfen, dass ihr nicht in Finsternis leben werdet. In der Finsternis, die sich in den Tagen eurer Geburt, eurer Taufe wie eine elende Seuche in Europa, in der Welt ausbreitet. Die die Sinne vernebelt, Haß und Verachtung sät und Gewalt und Tod ernten wird. Wenn sich keine, keiner dagegen stellt. Die Finsternis von Unterdrückung und Barbarei. Die Finsternis, die sich ausbreitet in einem Sommer in dem aus dem Radio ein altes Lied schallt, das von diesem Kampf erzählt. Von den tapferen Frauen und Männern im Unterholz in Frankreich, in den Mooren Rußlands, im Ghetto von Warschau, in den Bergen Jugoslawiens. Davon erzählt, dass zu wenige wach und nüchtern waren als sich die Finsternis über das Land legte, so dass am Ende nur eines blieb: Gewalt gegen Gewalt, Waffe gegen Waffe.
Geschichte wiederholt sich nicht. Heute ist nicht 1932, auch nicht 1923, wir leben nicht in der Weimarer Republik. Vor allem aber gilt heute: Wir haben noch die Chance, noch nicht zu diesen letzten Mitteln greifen zu müssen um das höchste zu verteidigen, was wir haben: die Freiheit. Um unseren Auftrag als „Kinder des Lichts“ zu erfüllen. Unseren Auftrag in der Welt. Wir haben noch die Chance, nicht das tun zu müssen, was diese Frauen und Männer tun mussten: Als „Kinder des Lichtes“ in der Finsternis der Nacht, mit den Mitteln der Nacht zu handeln, zu kämpfen. Wir haben die Chance. Wir haben es alle gerade Ida und Udo Paul vor der Taufe versprochen.
So will ich mit einem anderen Lied schließen, was nicht vom Kampf der Partisanen erzählt. Nüchterner, weniger pathetisch. Der ein oder andere wird es kennen, gerne auch mal verwendet zur Untermalung romantischer Atmosphäre: The Partisan von Leonard Cohen. Egal wie groß die Finsternis auch sein wird, als „Kinder des Lichts“ ist er in unser Herz geschrieben, der letzte Satz des Liedes:

Partisan – Leonard Cohen

Verfasst von: achterosten | 28. Oktober 2018

Rentons Wahrheit – Predigt zu 1. Johannes 2, 15-17

Predigt zu I. Joh 2, 15-17 (28.X.2018, XXII. So.n.Tr.)

Liebe Gemeinde,
es ist schon etwas Besonderes sozusagen zu seiner eigenen Jubelkonfirmation zu predigen. 25 Jahre, so lange ist auch meine Konfirmation her, so wie bei mancher und manchem heute Morgen hier. In solchen Tagen nimmt man ja auch mal gerne alte Fotos, alte Bilder in die Hand, egal ob die Konfirmation jetzt 1992 oder 1968 war. Man, was haben wir damals für Klamotten angehabt und erst einmal die Haare. Wahnsinn! Und schon auf diesen Bilder können wir erkennen: Jede Generation hat ihren Stil, ihren Ausdruck, ihre Musik, ihren Film. Etwas, was wie eine Ikone für diese Zeit steht, wir mit dieser Zeit verbinden, das Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, bis heute fortwirkt. Etwas, was die Mehrheit vielleicht gar nicht so erlebt hat, nicht mitgemacht hat, vielleicht nicht einmal wirklich gut fand. Nur eine Minderheit ist gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen, hat mit LSD experimentiert oder Velvet Underground gehört und trotzdem wirkte dies auf eine ganze Generation, bildete den Boden, auch gerade bei stilbildenden Filmen. Für Sie, die vor 50 Jahren hier in Eppendorf und in der Martinskirche ihre Konfirmation feierten ist das vielleicht „Easy Rider“. Wenn es auch nur „Born to be wild“ von Steppenwolf war, das damals auf ihrem Schallplattenspieler lief. Natürlich gibt es für meine Generation auch so einen Film. Kontrovers, streckenweise übellaunig feiert er die Ästhetik der Drogensucht und der ungezügelten Ichbezogenheit der 90er Jahre. Ist ungeschönt ehrlich, gab meinem Lebensgefühl und vieler meiner Generation die Bilder, die Geschichte und die Musik, die wir damals nicht fanden. Und er ist einer der Gründe für diese besondere Situation, dass ich heute hier zu meiner eigenen Jubelkonfirmation predige:

Transpotting (0:00 – 1:40)

„Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ So der heutige Predigttext aus dem Ersten Johannesbrief. Sagt er nicht das Gleiche wie Renton zu Beginn des Filmes Trainspotting? Nur halt in anderen Worten? Worten, die dafür sorgen, dass uns es nicht so auf die Pelle rückt, wie Rentons die schonungslose Analyse? Worte, so antiquiert klingen, dass wir sie ganz entspannt wegschieben können. Die auch nicht so anstößig klingen, ohne S- und F-Wörter auskommen, so dass sie einem nicht wehtun. Mir geht es so: Immer wenn ich Texte aus der Bibel höre, wie diesen hier, dann habe ich sie auch im Ohr, die ehrliche Analyse Rentons. Worte, die damals aus meinem Herzen sprachen, die unseren Blick damals auf das Leben laut werden ließ. Als er drei, vier Jahre nach meiner Konfirmation in den Kinos lief, da war er für mich wie eine Offenbarung. So war damals meiner, von vielen von uns der Blick auf die Welt, auf das Leben. Weil sie so verdammt ehrlich waren, schonungslos, aber einen auch nicht gleich zumüllte mit irgendwelchem moralischen-ideologischen Krempel, wie „Du musst aufbegehren, du musst für den Frieden sein, du musst dich für die Umwelt einsetzen“. Was diese hohlen Appelle brachten haben wir gesehen: Das Aufbegehren der Elterngeneration hat ihr Ende darin gefunden, dass unsere sie in Eigenheimen hockten und sich darüber beschwerten, dass Kollege XY ja viel schneller Karriere machte. Die Friedensideologie ließ Tag für Tag den Tod in Sarajevo, Vukovar und Kozarac seine Ernte einfahren. Energie zu sparen war auch ein schlechter Witz angesichts unserer Väter, die mit 50 in den Ruhestand gingen, weil deutsche Kohle zu teuer war. Strom aus deutschen Kraftwerken wurde aber mit billiger Blutkohle aus Südamerika produziert. Hinzu kommt: Kompromisse grundsätzlich als verdächtig anzusehen, das ist das vornehmste Recht der Jugend. Das war 1967/68, 1992/93 und heute so. Renton hatte Worte für die Welt, wie wir, wie ich sie sah. Und auch seine Schlussfolgerung, das Nein zum Jasagen, auch das war meine, unsere. Wir brauchten keine Gründe, wir brauchten gar nichts oder um es mit einem anderen wunderbaren Filmzitat zu sagen: „Eh Alter, is das geil, wir haben keine Termine und wir brauchen auch keine. Wir sind die Könige vom Westpark.“ Nur den letzten Schritt, den Renton ging, den in die Drogen, den habe ich und die meisten dann nicht gemacht. Aber sind wir doch ehrlich, so wie es einer bei YouTube in der Kommentarspalte schreibt: Weniger wohl aus tiefer moralischer Überzeugung, sondern einfach aus Angst. Angst vor den Konsequenzen, gesundheitliche und juristische, bei manchem war es auch allein die Angst vor Spritzen. Da hatten dann doch Horrorbilder a la Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ihre Spuren hinter lassen. Außerdem mussten wir dann doch relativ schnell mitkriegen, wie Kumpels sich im Alkohol und den Drogen verloren. Als Trainspotting in die Kinos kam, war einer dieser Kumpels schon im Methadonprogramm, ein anderer nachts betrunken erfroren. Egal, zum Ja-Sagen Nein sagen, das hatte ich mir fest vorgenommen. S wie es im Johannesbrief steht.
Das ist jetzt über 20 Jahre her. Ich bin erwachsen geworden, habe die wichtigste Lektion gelernt: Kompromisse sind nicht grundsätzlich von übel, sondern sie bewahren den Frieden und das Leben. Was sich nicht verändert hat für mich: Die Wahrheit der Worte von Renton, vielleicht noch ergänzt um Facebook-Account und 100 WhatsApp Nachrichten pro Tag. Eine Wahrheit, die auch schon in „Easy Rider“ zur Sprache kam. Es ist aber in den Jahren etwas gewachsen, etwas was ich damals nie geahnte hätte. In den Tagen als ich völlig ohne innere Teilnahme Ja sagte. Ja, als man mich fragte, ob ich mich zu meiner Taufe bekenne, als Christ leben will. Was da aber seinen Anfang nahm. Das Verstehen, die Erkenntnis, dass der Glaube das ist was beides in sich trägt: der schonungslose Blick auf die Welt, und auch das Nein-Sagen. Beides aber mit einem Grund versieht. Ein Grund der trägt, auch um es auszuhalten. Nicht zu flüchten und wenn es nur in miese Kompromisse ist. Ein Grund, der aber nicht nur es aushalten lässt, sondern an den guten Tagen weit darüber hinausgeht. Und das ist so bei mir aufgrund einer Tatsache: Weil er, der Glaube, die Beziehung zu Gott, nicht versucht mir die Worte Rentons auszureden. Sondern weil er ihnen zustimmt. Lesen Sie doch einmal ein paar Sätze der Menschen aus der Bibel, die unter der Überschrift Propheten zusammengefasst sind. Dagegen sind Rentons Worte wohlgesetzte, fein ausformulierte Nadelstiche. Da wird nichts schöngeredet, da geht’s zur Sache. Da werde ich aufgefordert zum Ja-Sagen Nein zu sagen. Es kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Gott, der Glaube müllt mich aber auch nicht gleich wieder mit irgendwelchem ideologischen oder moralischem Kram zu. „Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ – so endet der Abschnitt aus dem Johannesbrief. Der Wille Gottes ist viel und eigentlich ist er alles, aber eines nicht: Moral und Ideologie.
Der Wille Gottes ist der gute Grund von dem ich sprach: Der schonungslose, ehrliche Blick eines Rentons, die unendliche Sehnsucht meines Herzens nach dem wahren, dem guten Leben und die Erkenntnis, dass ich das nur als Geschenk erhalte. Das ist der Wille Gottes! Das ist das, was mir in der Taufe zugesagt wird, das, zu dem ich vor 25 Jahren Ja gesagt habe, auch wenn es mir da nicht klar war. Ja, gesagt habe zum Größten, zum Wertvollsten: Zur Freiheit Nein zu sagen zum Ja-Sagen. Nicht jeden Mist mit machen zu müssen, nicht die Augen zu verschließen vor dem Leben, nicht flüchten zu müssen – jedenfalls nicht jeden Tag. Das ist die Freiheit des Glaubens, die Freiheit des Willen Gottes. Das ist der Grund.
In „Trainspotting“ gibt es ein Lied für das was dieser Grund in meinem Herzen tut: „Einfach ein perfekter Tag. Du hast es vollbracht, dass ich mich selbst vergaß. Dachte, ich war jemand anderes, jemand Gutes.“ Vielleicht nicht zufällig endet dieser Song von Lou Reed mit einem biblischen Vers: „You’re going to reap just what you sow – Du wirst ernten was du säst.“ Egal ob vor 25 Jahren, vor 50 oder wann auch immer wir Ja gesagt haben zu unserer Taufe- er ist jedenfalls gesät, der Same dieser Freiheit, der Same des Glaubens.

Verfasst von: achterosten | 26. August 2018

Selbstmitleid – Predigt zum Jonabuch

Predigt zum Jonabuch (Sommerkirche 2018)

Es ist Sommer, Ferien, Freibad mit dem unvergesslichen Geruch der Mischung aus Chlor, Sonnencreme und Pommes mit Mayo. Und irgendwo dudelt ein Radio, ja was wohl, Schlager. Ich habe ihnen auch einen mitgebracht, stellen Sie sich beim Hören ruhig so eine Art imaginäres Musikvideo vor: Ein Mann sitzt in der prallen Sonnen, um ihn herum kahles, staubiges Land und man sieht ihn an – auf seinen Schultern ruht das Elend der ganzen Welt. Bitteschön, Christian Steiffen – Selbstmitleid.

Unser heutiger Held badet auch gerade aber mal so richtig schön in Selbstmitleid. Aber er hat es auch schwer und jetzt ist ihm auch noch das letzte bisschen Schatten in dieser wüsten Einöde genommen worden – durch einen Wurm. Das muss man sich mal vorstellen, durch einen Wurm. Alle Welt hat sich gegen ihn verschworen und ja, hat er es nicht vorausgesehen, dass es genauso enden wird? Aber mal so was von… Er ist ja nicht dumm. Deswegen hat er ja auch gleich versucht, sich geschmeidig vom Acker zu machen und dann gleich auch ans andere Ende der Welt. Möglichst großen Abstand schaffen zwischen sich und diesem Schwachsinnsauftrag. Auf keinen Fall in diese Riesenstadt. In diesen Moloch, wo er sich da hinstellen und den Leuten etwas über ihr unethisches Verhalten erzählen soll. Dazu dann auch noch in den schillerndsten Farben die grausamen Folgen ausmalen soll. Und was wenn es nicht dabei bleibt? Man weiß doch schließlich was die Kollegen noch so für Anweisungen bekamen um das Ganze in aller Drastik und Bildhaftigkeit vor Augen zu führen: Nackig und völlig verdreckt durch die Stadt laufen oder gleich noch eine Prostituierte heiraten. Und gut geendet ist es für viele auch nicht gerade. Klar, keine Frage, die miesen Typen in der betreffenden Stadt haben es nicht anders verdient. Weiß man doch schließlich was da so abgeht. Mal so ein ordentliches göttliches Gericht mit allem was dazu gehört: Feuer, viel Getöse und am Ende Tabula Rasa, eine schön aufgeräumt Ruinenstadt ohne eine Menschenseele. An diesem Gedanken kann man sich schon befriedigen. Aber nein er wusste schon, wie das enden wird, nämlich garantiert nicht so. Also ab in die genau andere Richtung. Dumm nur dass dieser Sturm dazwischen kam, und an diese völlig abgedrehte Geschichte mit dem großen Fisch will er mal gar nicht denken. Gut, die Sache mit dem Fisch hat zumindest dafür gesorgt, dass er verstanden hat, dass er um den Auftrag wohl doch nicht drum herum kommt. Also alles wieder auf Anfang, schließlich hat der Fisch ihn genau da wieder ans Land gesetzt. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja doch das wunderbare himmlische Spektakel, gut – dabei werden ein paar über die Klinge springen, aber was solls. Sind die ja schließlich selber schuld. Und wie ist das Ende vom Lied: Er braucht noch nicht einmal mehrere Auftritte, unser Held. Die Leute glaubten ihm! Sahen ihre Fehler ein, wollten das ändern! Und damit fiel auch das himmlische Säuberungsschauspiel aus, nichts mit Rache, Wut und Flammen. Selbst die politische Elite hört auf sein Wort. Einfach so. Ja, wo kommen wir denn da hin. Soll jetzt einfach alles vergessen sein, ist das gerecht? Er wusste, dass es so kommen würde. „Barmherzigkeit“ ist einer der Namen seines Auftraggebers. Völlig frustriert schleicht er sich aus der Stadt. Und jetzt noch das mit dem Strauch der ihm wenigstens Schatten gespendet hat. Dann kam der Wurm und auch der Strauch verließ ihn.. Oh ja, nur hinein mit ihm in den tiefen Tümpel des Selbstmitleides und kräftig drin herumsuhlen. Was tut das Gut! Dumm nur, dass sich jetzt wieder der Auftraggeber meldet, mitten hinein in dieses Bad: „Dir ist leid um den Strauch, mit dem du keine Mühe gehabt, und den du nicht groß gezogen, der als Kind einer Nacht entstanden und als Kind einer Nacht verschwunden ist. Und mir sollte nicht leid sein um Niniveh, die große Stadt, in welcher mehr all zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht wissen zwischen der Rechten und Linken, dazu vieles Vieh?“ Und unser Held – der hält einfach die Klappe.

Liebe Gemeinde, ein wunderbare märchenhafte Geschichte die da in der Bibel von Jona erzählt wird. In schönster Ironie werden sie alle vorgeführt: die religiösen Fanatiker, die moralisch Überheblichen, die theologischen Besserwisser. Zusammengefasst all die, die eine klare Grenze ziehen zwischen dem Kreis der Auserwählten und der tumben Masse, die sowieso falsch und schlecht ist. Der Haufen, der die Wahrheit nicht erkennen will. Auch die bestechenste Eigenschaft dieser selbsternannten Auserwählten wird mit schwarzem Humor vor Augen gestellt: der unnachgiebige Hang zum Selbstmitleid. Denn alle Welt versteht sie janicht, ist schlecht zu ihnen und sowieso… Bei Jona kommt es ja am Ende noch schlimmer: Selbst Gott stellt sich gegen ihn und folgt nicht seinen Argumenten oder seinem Gefühl was richtig und falsch ist. Selbst Gott ist gar nicht wie er sein sollte, hart, gewaltig gegen das Unrecht und strafend, sondern in Barmherzigkeit gerecht. Was für ein Elend…
Eine Satire, eine Karikatur diese Geschichte von Jona, Satire, Karikatur des Zustandes unserer Kirche, unserer Gemeinden. Ja, alles verändert sich um uns herum. Die Menschen brauchen die Kirchen, die Gemeinden nicht mehr um ein gutes, ein selbständiges Leben zu führen. Sie vermissen uns vielleicht nicht einmal wirklich. Warum sollten sie das auch? Und wir? Trauen wir uns, diese Frage laut zu stellen? Warum uns die Menschen, warum sie die Orte des christlichen Glaubens vermissen sollten? Oder baden wir nicht viel lieber in Selbstmitleid, das Ganze noch garniert mit dem tiefen Bewusstsein, dass wir ja die Besseren, vielleicht sogar die Auserwählten sind. Die besseren Christinnen und Christen und damit auch die besseren Menschen. Weil uns Tradition, Glaube etc. noch etwas bedeuten. Weil wir, wie Jona, genau wissen, wie der Hase zu laufen hat. Aber man hört ja nicht auf uns. Und so setzen wir uns schwer geprüft in die wohltunenden Schatten unserer leeren Gemeindehäuser, so wie Jona unter den Strauch. Und wie ihm wird uns dies noch genommen, wegen des Geldes, das ist noch schlimmer als der Wurm. Und ich will die Parallelen zwischen uns und Jona noch weiter ziehen. Genau wie er haben wir doch auch unsere ganz persönlichen Geschichten vom „großen Fisch“. Denn das ist ja nicht irgendein Fisch der rein aus dramatischen Gründen Höhepunkt der Geschichte wird, es ist ein besonderer Fisch, ein weiblicher Fisch. Keine grammatikalische Kleinigkeit, sondern vielleicht nicht ganz unwichtig, wie die jüdische Auslegung betont: Kein Gefängnis, sondern ein geschützter Raum in dem Jona mit allem versorgt ist wie ein Kind im Mutterleib. Solange bis er versteht was sein Auftrag ist. Wir haben sie doch, unsere Geschichten, die von diesem fürsorglichen Beschütztsein erzählen, dem beschützten Raum des Glaubens. Tragen sie uns oder sind sie nur Episode wie bei Jona? Und haben wir nicht Erfolg, sowie Jona in Ninive? Gerade im letzten Jahr zum Reformationsjubiläum haben wir es doch landauf, landab betont, am 31.10. gefeiert: Dass der Kern des Protestantismus die Erkenntnis der persönlichen Beziehung zwischen Gott und der Einzelnen, dem Einzelnen ist. Ohne eine menschliche Autorität dazwischen. Da haben wir ihn doch gerne betont, den historischen Beitrag der Evangelischen zur Freiheit des Individuums nicht nur in Glaubensdingen. Und wir haben damit Erfolg gehabt. Die Menschen leben diese Freiheit! Sie nehmen als ihr ureigenes Recht wahr, für sich zu schauen, woran sie ihr „Herz hängen.“ Und wir? Freuen wir uns, bleiben wir bei diesen Menschen oder folgen wir Jona in sein Selbstmitleid? Und vielleicht werden wir ja sogar schon mit diesem Selbstmitleid gleichgesetzt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass im Mittelpunkt des Musikvideos von Christian Steiffen zum gerade gehörten Lied ganz klare Bezüge zur Kreuzigung und zum Kreuz stehen. Ein schaler Marketinggag oder versteckte Botschaft an uns? Das mag jede und jeder selber entscheiden.
Genug davon, vor allem vom Selbstmitleid, denn am Ende bleibt der befreiende Humor der Jonageschichte, das Größte, das was all unsere Vorstellung übersteigt: die Barmherzigkeit Gottes. Die schon lange da draußen bei den Menschen war und ist. Die schon lange unser beschränktes Denken überstiegen hat. Die nicht aufteilt in die und wir. Die immer ganz anders ist als wir uns das denken und vielleicht auch wünschen. Die einfach überwältigt. Wo es nur eine Reaktion gibt: Klappe halten, kein aber mehr, nur verstummen. Ob Jona aufstand, nach Ninive hineinging und sich freuen konnte an seinem Erfolg und der Barmherzigkeit Gottes mit den Menschen? Ob wir aufstehen und hinaus gehen zu den Menschen, uns freuen an unserem Erfolg und der Barmherzigkeit Gottes? Ein riskanter Sprung ins kalte Wasser, sicher, aber ein erfrischender.

(Mit Kinder klären was man zum Backen benötigt – Mehl, Hefe, Wasser neben die Kanzel stellen)
Wir haben es gerade gehört, für ein Brot brauch es nicht viel. Eigentlich nur Mehl, Wasser, Salz und Hefe. Und eine ganz wichtige Zutat, vielleicht die wertvollste: Zeit! Erst einmal alle Zutaten vermengen, ordentlich und lange kneten, gehen lassen, wieder kneten, wieder gehen lassen. Das Backen ist fast der Teil, der am wenigsten Zeit benötigt. Ich backe sehr gerne Brot, wobei ich gleich gestehen muss, das sind immer ganz einfache Brote. Der ganze Schnick-Schnack drum herum interessiert mich herzlich wenig. Wie bereits gesagt, ich backe einfach Brot.
Brot und „einfach“ sind ein sehr gutes Paar. Das legt schon die Spur für die heutige Bitte in unserer Vater Unser Reihe „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Auch eigentlich eine „einfache“ Bitte, die jede und jeder sofort verstehen, nachvollziehen kann. Die Bitte um das tägliche Brot. Eigentlich ist diese Bitte aber viel geheimnisvoller, gerade nicht so schnell zu verstehen. Das liegt mal wieder am Originaltext, denn präziser übersetzt, heißt es: „Unser Brot für morgen gib uns heute.“ Da stutzt man schon. Was soll das heißen? Auf jeden Fall öffnet die Bitte so einen viel breiteren Raum. Denn ehrlich, die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute.“, was soll die für uns für eine Bedeutung haben? Wir haben unser tägliches Brot und mehr als das – das ist nun mal eine Tatsache des Lebens hier an diesem Ort, heute. Eine Bitte, die sich leicht dahin sagen lässt, denn der Kühlschrank ist gut gefüllt. Maximal lässt sich die Bitte sich noch als moralischen Appell missbrauchen, sich gefälligst daran zu erinnern, dass es damals nach dem Krieg auch nichts gab oder für einen Großteil der Menschen diese Bitte immer noch von elementarer Bedeutung ist. Wobei wir alle wissen, dass solche Appelle nur sehr wenig bis gar nichts an dieser erbärmlichen Situation verändert. Außerdem gibt das da einen gravierenden Punkt: Das Vater Unser ist ein Gebet und keine Sammlung von ethisch-moralischen Richtigkeiten. Gebet, das heißt es geht um etwas, was uns elementar betrifft, von elementarer, grundstürzender Bedeutung ist. Die Bitte um das tägliche Brot in diesem, wörtlichen, Sinn ist das hier und heute nicht. Der Urtext, jenes etwas geheimnisvolle „Unser Brot für morgen gib uns heute“ führt uns auf eine andere Spur.
Da ist die Perspektive auf die Zukunft, die nicht Zukunft bleiben soll. Das was uns für morgen versprochen ist, es soll schon heute spürbare Wirklichkeit sein. Diese Bitte ist der Protest gegen alle Vertröstung auf ein Morgen das nie kommt. Das ist aber auch der Ruf gegen die eigene „Aufschieberitits“. Morgen, ja morgen beginnt das wahre, das echte Leben. Nach dem Abitur, nach der Berufsausbildung, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, in der Rente – was weiß ich wann. Und auch dieser Morgen kommt nie.
Der Ruf des Gebetes will dieses Morgen schon Heute – und das mit gutem Recht. Es benennt sehr genau, sehr präzise was das ein soll, das Erhoffte, das Erflehte, was nicht unerreichbare Zukunft bleiben soll: das Brot, einfach Brot. Das Brot als Paar mit dem schlichten Wort „einfach“. Und „einfach“ das scheint mir die größte Sehnsucht in diesen Tagen zu sein. In einer Welt, die von Komplexität bestimmt ist wird der Ruf nach „Einfachheit“ täglich lauter und leider auch der wuterfüllte Schrei nach „einfachen“ Lösungen. Das Leben soll, wenn das im gesellschaftlichen, politischen Raum nicht möglich ist, wenigstens sonst „einfacher“ werden. Ganze Regalmeter lassen sich mit passenden Ratgebern füllen, jede Zeitschrift, die was im Bereich Lifestyle auf sich hält, widmet sich dem Thema. Ganz vorne mit dabei, im Trend, das „Minimalisieren“. Sie werden das kennen, das ist im Endeffekt etwas holzschnittartig gesagt, der Versuch sein Leben „einfacher“ zu machen. Im Mittelpunkt: Sich von trenne, die man eigentlich nicht nur nicht benötigt, sondern die einen vor allem zunehmend belasten. Oder die man vielleicht eigentlich nie gebraucht hat. Denn ganz viele dieser Dinge sind meistens für das „Morgen“ gekauft, „morgen“, wenn ich endlich mit Sport anfange, „morgen“ wo ich mir endlich Zeit zum Bier selber brauen nehme. Alles unerfüllte Versprechen, die vom Traum zur Last werden. Der Trend geht also zum „Entrümpeln“ – sich trennen von all diesen Dingen, die Last endlich loswerden. Und die Leerstellen dann auch nicht mit neuem Krempel zuzustellen. Und auch dazu gibt es wiederrum Regalmeter mit Büchern mit den unterschiedlichsten Methoden. Ich glaube auch wirklich, dass die Analyse stimmt, dass wir uns das Leben mit all diesem ganzen unnützen Scheiß verbauen, es für viele Menschen mehr Last den Lust ist. Und es scheint ja wirklich Fakt zu sein, dass es viele, natürlich aus bestimmten Milieus, so empfinden, dass sie unter dieser Last keuchen, wenn man so will nach dem einfachen, dem Brot rufen. Ist dann dieser Ruf nichts anderes als ein Gebet, die Bitte des Vater Unsers? Der elementare, der grundstürzende Ruf nach Veränderung? Das macht das Gebet zum Gebet. Da ist nur noch ein gewichtiger Punkt: das Gebet ist kein Selbstaufruf, kein Appell an den inneren Schweinehund. Es weiß um das grundlegende Problem, dass auch den Versuch des „einfachen“ Lebens so schwierig macht – die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Erkenntnis und Tat. Sich wirklich von Dingen zu trennen bedeutet doch auch oft das Eingestehen von gescheiterten Versuchen, Träumen. Das ist in der Praxis verdammt schwer, wenn nicht oft unmöglich. Und so geht das „einfache“ Leben den gleichen Weg wie viele andere – es erhält seinen Platz im Morgen.
Der Ruf des Vater Unser weiß darum, ist grundehrlich mit sich selber, mit Menschen und weiß, dass sie und er es nicht alleine schaffen; dass ich es nicht alleine schaffe. Dass ich etwas brauche was mir geschenkt wird, das mir die Freiheit gibt. Für Christinnen und Christen ist dies der Glaube. Der Ruf im Vater Unser nach dem Brot von Morgen was mir heute schon geschenkt wird, ist der Ruf nach diesem Glauben. Ihn habe ich nötig wie das tägliche Brot. Er trägt in sich die Freiheit, die mich „einfach“ leben lässt, trägt mich im Morgen heute schon.

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