Verfasst von: achterosten | 15. Oktober 2017

Ein schönes Gesamtbild – Predigt zu 5. Mose 30, 11-14

Predigt zu Dtn 30, 11-14 (XVIII. So. n. Tr., Jubiläumsgottesdienst 10 Jahre EBH, 15.X.2017)

Liebe Festgemeinde,
es gibt sie ja, diese Glücksmomente, wo wie durch Zufall manche Dinge zusammenkommen, sich verbinden zu einem Moment, einem Bild. Eine schöne Sache. Ich bin heute Morgen ein so beglückter Zeitgenosse. Es nicht nur wieder eine besondere Freude für mich, mal wieder bei der Diakonie zu sein. Vor allem da ich auf den Monat genau vor 24 Jahre in einem weißen Kasack zu ersten Mal durch die Stationstür eines Krankenhaus schritt und von da an die Diakonie mich nicht mehr losgelassen hat. Sondern, viel entscheidender, dass ich heute zu diesem wunderbaren Anlass hier sein darf. Wir heute dieses Geburtstagsfest zusammen als diakonische Einrichtung und Kirchengemeinde feiern dürfen. Sie wissen, der 10. Geburtstag ist immer einer der schönsten. Die Kinder sind dann schon alt genug für eine halbwegs stressfreie Geburtstagsfeier und noch weit genug weg von pubertären Merkwürdigkeiten. Es kommt noch etwas hinzu und fügt sich wie von selbst in dieses Bild. Der heutige Predigttext aus dem 5. Buch Mose: „Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wirs hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“
Nicht mehr und nicht weniger ist es, was seit zehn Jahren Tag für Tag in diesem Haus geschieht – dass das Wort, das Gebot Gottes, gelebte und erfahrbare Wirklichkeit wird. Gottes Wille für den Menschen, das Gute, getan wird. Und damit auch der christliche Glaube hier an diesem Ort zu seinem Ziel und zu seiner Vollendung kommt. Denn das ist doch im Gesamten die Diakonie: Das Tun des Wortes, des Gebotes Gottes und damit die Vollkommenheit des christlichen Glaubens. Hier im diakonischen Handeln wird sie gelebte Realität, diese unauflösbare Verbindung.
Ich gebe zu, eine steile These und sie mag auf den ersten Blick auch fern der diakonischen Praxis, der täglichen Realität der Diakonie zu sein. Dass sie das aber gerade nicht ist, dazu möchte ich ein paar Gedanken mit Ihnen teilen.

Liebe Festgemeinde, am Anfang ganz grundsätzlich gefragt: Was ist überhaupt das Wort, das Gebot Gottes? Ich will es kurz machen: Alles nur nicht eine Gängelung des Menschen durch Beschränkungen und einem Dschungel aus Ge- und Verboten. Nicht das gehässige moralische Programm eines sadistischen Gottes, der genau weiß, dass dies alles nicht von einem Menschen befolgt, erfüllt werden kann. Jede, jeder der dies so versucht ist zum Scheitern verurteilt.. Die Gebote sind auch nicht der Aufgabenkatalog eines ekeligen Patriarchaten, den man minutiös zu erfüllen hat, nur um dann, ja dann endlich das Ziel zu erreichen: geliebt zu werden. Die Verwechslung der Gebote Gottes mit Moral, dem erhobenen Zeigefinger, dem „das tut man so“ hat vielleicht vielen Psychotherapeutinnen ordentlich Arbeit beschert. Es hat aber sicher nicht dazu beigetragen, das Gute für die Menschen zu tun. Das Gebot Gottes bedeutet nicht Moral, sondern zu aller erst Freiheit. Sie wird den Geboten vorangestellt, ist für sie die unabdingbare Grundlage, ihr Fundament. Dem aus der Sklaverei befreiten Volk Israel werden die Gebote gegeben als Ausdruck und Bewahrung ihrer Freiheit. Die freie Frau, der freie Mann tritt Gott gegenüber und erhält seine Gebote. Dem befreiten Herz ist das Wort ganz nahe, dass es getan werden kann. Es bleibt aber ein menschliches Herz, dem es nahe ist, es bleibt eine menschliche Hand, die es tut.
Liebe Gemeinde, lassen sie mich den nächsten Gedankenschritt tun: Gott gibt das Gebot in die Hand des Menschen und stellt es damit in den Rahmen des Menschen. Es wird so gelebte Praxis und nicht starre lebensferne Moral. Damit wird das Wort Gottes, sein Wille zum Guten für die Menschen, gelebte und erfahrbare Wirklichkeit an diesem Ort, hier im Elsa-Brändström-Haus. Und das trotz all der Einschränkungen, die eine gute Pflege nur schwer möglich machen. Wie etwa durch den fehlenden gesellschaftlichen und politischen Willen für eine gute Pflege die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die fehlende monetäre und ideelle Anerkennung einer guten Pflege und das heißt an allererster Stelle all der Menschen, die sich ihr tagtäglich widmen. Und da nehme ich die Kirche explizit mit in die Verantwortung. Denn was hier in Eppendorf vor zehn Jahren geschehen ist, war ein großer Glücksfall, ist aber leider doch ein eher seltener: Die enge Kooperation zwischen einer diakonischen Einrichtung und der Gemeinde der evangelischen Christinnen und Christen vor Ort. Das hohe finanzielle und ideelle Engagement einer Kirchengemeinde bei der Errichtung und Ausstattung eines Alten- und Pflegeheimes bis auf den heutigen Tag. Wenn ich das richtig aus den Berichten verstanden habe, ja sogar die Initialzündung aus der Gemeinde selber kam. Das Ganze ist besonders mit zwei Menschen verbunden, denen wir leider heute nicht mehr dafür danken können. Menschen, die ihren Glauben wohl genau so verstanden haben, wie ihn die Worte aus dem 5. Buch Mose vor Augen stellen. Daher – und ich mache einen weiteren Gedankenschritt – ist doch bei aller Freude über das heutige Jubiläum, bei aller Feierlaune, der heutige Tag auch eine Anfrage an die Gemeinden selber, an die Gemeinschaft der Christinnen und Christen Aufruf zur kritischen Selbstreflexion. Zugespitzt ist es die Frage: „Wo ist heute der Ort, wo der Glaube an sein Ziel kommt, seine Vollendung findet? Sind das unsere Kirchengemeinden, so wie sie heute sind?“ Denn wenn wir die Worte aus dem Predigttext, das biblische Zeugnis, ernst nehmen, dann steht es vor Augen: Ziel des Glaubens ist nicht die eigene Selbstvergewisserung, nicht, ich nehme jetzt mal diesen alten Begriff, das eigene Seelenheil. Und schon gar nicht die Errichtung einer letzten Bastion bestimmter moralischer Werte oder überkommender Formen menschlicher Vergemeinschaftung. Nicht die Schaffung einer Insel weit weg vom Leben der Menschen, ihren Nöten, Sorgen, Freuden und Fragen. Nicht umsonst haben die Reformatoren vor 500 Jahren die Mauern dieser Bastionen, dieser christlichen Sonderwelten niedergerissen.
Ich will noch einen Schritt weiter gehen: Der Glaube kommt da zum Ziel, zu seiner wahren Gestalt wo er für den Menschen neben mir zur erlebbaren Wirklichkeit wird. Mein Glaube kommt da zu seiner Vollendung wo meine Hand die eines anderen ergreift, wo mein Mund ruft, für die, die keine Stimme hat. Nicht in der persönlichen Glaubensstärke, der eigenen Überzeugung gewinnt der von Gott geschenkte Glaube Gestalt, sondern dort, wo die ausgestreckte Hand gereicht wird. Und bis zum Ende gedacht – erlauben Sie mir diese Randbemerkung – wird dann auch klar, dass die Frage der Religionszugehörigkeit von Mitarbeitenden in der Diakonie unter ganz anderen Vorzeichen zu diskutieren ist, als das in oftmals geschieht. Dann kann die Öffnung für Menschen anderer Religion oder Religionslosigkeit nicht mehr als ein defizitärer Schritt aufgrund gesellschaftlicher und demografischer Bedingungen verstanden werden. Er wird dann ein theologisch begründeter und begleiteter Weg der Hoffnung und des Vertrauens, dass der Wille Gottes zum Guten für die Menschen durch alle Menschen guten Willens geschehen kann. Durch alle die den Willen zum Gute für den Menschen in ihrem Herzen und in ihrem Mund tragen – durch Menschen wie Sie, die diakonisches Handeln mit Leben füllen.

Zwei kurze Gedanken zum Schluss: Wenn dem aber allem so ist, dann ist mehr als hohe Zeit, dass wir in den Kirchengemeinden uns sehr kritisch fragen, wo und wie bei uns der Glaube so zu seiner Gestalt kommt. Nicht nur in irgendwelchen Sonderräumen am Rande, sondern in unserem Zentrum. Ist diese Frage die Leitlinie all unserer Überlegungen oder nur das ängstliche Starren auf den Rückgang von Mitgliedszahlen und zu erwartenden schwindenden finanziellen Mitteln? Sind Gemeinden, ja ist die Kirche um ihrer selbst oder um der Menschen da? Liegt nicht im diakonischen Tun und Denken der Aufbruch aus der schon viel zu lange dauernden depressiven Nabelschau? Liegt nicht vielleicht in der Diakonie die Zukunft des Glaubens, sind hier die heutigen Orte des Glaubens? Das Diakonische als Zentrum und nicht als Randort zur Beruhigung des notorisch schlechten Gewissens. Das gemeinsame Erbauen dieses Hauses, die enge Kooperation, der heutige Gottesdienst hier an diesem Ort – es wäre dann mehr als ein nettes, schönes Beiwerk, sondern erste Schritte auf einem Weg in die gemeinsame Zukunft der Kirche und ihrer Diakonie hier vor Ort.
Und ein letzter Gedanke: Es stimmt wohl, ein paar steile und kontroverse, die mir da durch den Kopf gehen beim Blick auf dieses wunderbare Gesamtbild aus Anlass und Bibeltext heute Morgen. Aber es sie sind keine hoch fliegender Gedanken am heimischen und heimeligen Schreibtisch, sondern mit beiden Füßen auf der guten Erde des Glückes jahrelang bis heute diakonisch tätig sein zu dürfen. Keine Theorie in der sterilen Sauberkeit kirchlicher Wohlanständigkeit, sondern erfahrene Wirklichkeit, bei der man sich auch dreckig gemacht hat. Verbunden mit dem ganz persönlichen Erleben, dass der angegriffene, angezweifelte, korrumpierte Glaube gerade dort Nahrung und Quelle gefunden hat, wo in aller Nüchternheit und Professionalität ich meine Hand zur Hilfe reichen, meine Stimme für die Stummen erheben durfte. Ich tat, was meinem Herzen und Mund nahe war. Nicht umsonst ist der heutige Predigttext dieser Vers mein Ordinationsspruch, die Überschrift, die ich für meinen Beruf gewählt habe.

Liebe Festgemeinde – ein wunderbarer Glücksmoment, das dies alles heute hier zusammen kommt, sich zusammenfügt zu einem wunderbaren Bild des Guten, was Gott für uns Menschen will und auf das es nur eine Antwort geben kann: Das wir es ordentlich feiern.

 

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Predigt zu Mk 4, 26-29 (Erntedank mit Kita, 08.X.2017)

– Mit Kinder Gemüse und Obst auf dem Altar betrachten
– Als letztes die Kartoffel
– Woher kommt sie?
– Wie wächst sie? Erzählen wie ich sie lege, sie verschwunden sind, dann zeigen sich zarte Pflanzen, ich häufle an mit dem Pflug, sie wachsen und sterben ab, nur noch dürre Halme, dann brauch ich die Grabgabel und plötzlich finde ich ganz viele. Stichwort: V E R B O R G E N
– Was kann man aus der Kartoffel machen? Sie kann uns komplett ernähren, mit ihr kann man nicht verhungern.

Liebe Gemeinde,
gerade jetzt im Herbst, an Erntedank steht es uns nochmal ganz besonders vor Augen, dieses unscheinbare Gemüse. Was aber doch so vielfältig ist und mit dem sich so wunderbare Sachen zaubern lassen wie Gratin, Backkartoffeln, Kartoffelklöße, aber auch Pommes und Chips. Sie ist Grundlage vieler wunderbarer Gerichte aus allen Herrenländern: Krumpir i blitva, kleine Kartoffelwürfel mit Mangold auf dem Balkan ist, Jota in Italien, Kartoffeln und Dicke Bohnen mit viel Speck, die jüdischen Reibeplätzchen Laktes oder Himmel und Erde, Apfel- und Kartoffelbrei Überall ist sie in prominenter Rolle dabei und erfreut den Gaumen. Sie sehen, ich gerate richtig ins Schwärmen. Wenn in meinem Gemüsegarten die Ernte ansteht, dann freue ich mich immer ganz besonders auf die Kartoffelernte. Denn bei ihr gibt es immer diesen wunderbaren Moment der Überraschung. Ob Kohl, ob Rote Beete oder Mangold, bei allem anderen kann man schon vorher sehen, wie die Ernte ausfallen wird – bei der Kartoffeln nicht. Ich bin immer ganz begeistert, wenn sie mir schon beim ersten Aufbrechen des Bodens in Fülle goldgelb entgegenleuchten, sich Reihe um Reihe der Korb füllt und am Ende ich, natürlich nicht ohne einen gewissen Stolz, auf 30kg Kartoffeln blicke. Vor allem, wenn ich mich dann erinnere, wie wenig Saatkartoffeln dafür nötig waren. Es ist etwas ganz besonderes sie zu ernten. Sie liegt in der Erde, im Verborgenen, wächst dort, bildet ihre Früchte, bleibt dort bewahrt, bis man sie ans Tageslicht holt. Ihr Reichtum liegt nicht vor Augen, sondern ist im Beet, in der Erde verborgen.
Sie hat mich viel gelehrt, die Kartoffel, nicht nur Geduld und dass Rückenschmerzen der Preis für eine reiche Ernte sind, sondern auch viel über den Glauben. Ich bin mir verdammt sicher: Wenn Jesus die Kartoffel gekannt hätte, viele seiner Geschichten, Gleichnisse, Bilder, sie würden uns heute anders erzählt werden, mit ihr an ganz herausragender Stelle. Denn sie ist vielleicht eines der Bilder, die dem Wesen des Glaubens am nächsten kommen. Das beginnt ja bereits damit, dass wir uns unseren Glauben nicht selber schaffen können, nicht verdienen können. Er wird in uns gelegt, so wie im Frühjahr die Saatkartoffel in die Erde gelegt wird. Das kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise geschehen, vielleicht durch die Geschichten des Glaubens, die wir als Kinder hören. So wie wir sie euch in der Kita erzählen. Dann zeigt sich das Grün, der Glaube wächst, zeigt sich an der Oberfläche. Und auch das kennen ja manche von uns, aus ihren jungen Jahren. Waren bei der Jungschar oder Messdienerin, sind zum Unterricht in die Moschee gegangen. Und der Glaube folgt der Kartoffel. Er wächst immer mehr, kräftig und grün stehen die Pflanzen, mitten im Saft. Es zeigen sich kleine Blüten, gefolgt von kleinen grünen Früchten. Wenn sie sich zeigen, diese scheinbaren Glaubensfrüchte, dann kann es passieren: Frau oder Mann ist der Überzeugung, der Glaube in einem sei stark, nicht zu bezwingen, mein Glaube ist das einzig wahre, mag manche, mag mancher in dieser Zeit denken. Aber es die gefährlichste Zeit des Glaubens. Die grünen Früchte, die so schön aussehen, niemals darf man sie essen. Sie sind giftig. Und auch wer in dieser Zeit seines, ihres Glaubens das was einem vor Augen steht, für die Frucht des Glaubens hält, wird schlimme Vergiftungen erleiden. Das Gift des Fanatismus, des Hasses, der Abscheu all den Menschen gegenüber die nicht das gleiche Glauben wird von Herz und Kopf Besitz ergreifen. Und wenn man den Boden aufgraben würde in dieser Zeit, wäre dort nichts zu finden, nur eine ungestalte, kaum zu erkennende Schale der alten Saatkartoffel. Hier kann noch nichts Nahrhaftes, Schmackhaftes geerntet werden. Es braucht noch Zeit, es braucht die schönen, aber auch die schweren Dinge des Lebens. Das grüne Kraut es welkt, verdorrt, übrig bleiben nur ein paar dürre, trostlose Halme. Wie es auch mit dem Glauben geht, wenn die Zeit des Lebens über ihn hinweg zieht. Mit all dem was wir erleben, was an ihm zehrt, ihn ausdörrt, was oft nicht mehr zurücklässt als ein verdorrtes, leeres Feld des Glaubens. Aber tief in der Erde, im Dunklen sind sie gewachsen, die wahren Früchte. Keine gleicht der anderen, so wie das Beet ist, so wie wir sind, sind sie gewachsen. Manche groß und kräftig, anderen verwinkelt, weil es galt um einen Stein herum zu wachsen. Und wer Kartoffeln schon mal geerntet hat, wird es wissen, mindestens eine in Herzform ist immer dabei. Das sind die wahren Früchte des Glaubens, die in uns schlummern, ruhen, warten, dass sie ans Licht geholt werden, um zu stärken, um uns zu erfreuen. Auch wenn wir meinen, das Beet wäre öd und leer, im Verborgenen ruhen sie. Auf die Suche müssen wir uns halt machen, das bleibt nicht aus. Wir müssen in dem Beet unseres Lebens graben, dort sind sie verborgen. Manchmal liegen sie auch tiefer, aber wenn sie dann vor uns liegen, in der aufgebrochenen Erde, goldgelb und verheißungsvoll, was gibt es Schöneres.
Ja, wenn die biblischen Autoren die Kartoffel schon gekannt hätten, sie hätten uns manches Lied, manche Geschichte von ihr hinterlassen als wunderbares Bild des Geheimnisses des Glaubens, dessen Früchte in uns ruhen. Die darauf warte unseren Hunger nach Leben, nach Hoffnung, nach Mut zu stillen.

Verfasst von: achterosten | 26. September 2017

Feste Feiern – Predigt zu Jesaja 25, 6-9 (Erntedank)

Predigt zu Jesaja 25, 6-9 (Erntedank 2017)

Liebe Gemeinde, es sind Symptome, die immer mal wieder auftauchen und im Ganzen betrachtet dann doch irgendwie stutzig machen. Schauen Sie sich mal das Bild an. Ich gebe zu, vielleicht nicht ganz jugendfrei, aber da sitzen sie in der Angestellenkaue. Irgendein Geburtstag, wahrscheinlich von dem jungen Mann in der Mitte mit dem beeindruckenden in weiß leuchtenden nackten Oberkörper und dem stolzen Blick. Der Ort, das Jahr, die Menschen auf dem Bild sind aber gar nicht das Interessante, sondern vielmehr, was die Jungs da so machen: Einige sind mit Schnaps und Bier ausgestattet, für Musik ist gesorgt, ein liebevolles Geburtstagsschild im Hintergrund ist auch da und sie schauen alle erwartungsfroh in die Kamera, wohl wissend: Jetzt wird gefeiert. Und das müssen sie wohl auch ganz ordentlich, wie weitere Fotos sehr eindrücklich belegen. Ein zufälliges Foto wie es doch wohl fast jeder irgendwo in seinem Fundus oder im Familienalbum hat ob in Schwarz-Weiß oder Farbe. Jubel, Trubel, Heiterkeit festgehalten im Foto. Ne, wat ham wir da gefeiert, schießt einem durch den Kopf wenn man drauf schaut. Aber irgendetwas hat sich in den letzten Jahren beim Feiern geändert.
Es begann alles damit, als ich meinen Kroatischlehrer zum Grillen einlud. Er druckst ein bisschen am Telefon herum, bis sie endlich kam, die für ihn entscheidende Frage: „Ist das eine deutsche Einladung oder eine vom Balkan?“ Auf meine erstaunte Rückfrage, wo denn da der Unterschied sei, kam zurück: „Bei der deutschen muss ich mein Fleisch selber mitbringen.“ Im Hintergrund stand die traumatische Erfahrung, beim Grillfest mit deutschen Kolleginnen und Kollegen der einzige gewesen zu sein, der nicht Würstchen, Salat etc. mitbrachte. Später kam es zu einer weiteren Beobachtung: Freunde feiern den Geburtstag nicht mehr. „Ist mir alles zu aufwendig und dann bist Du ja noch Tage lang mit Aufräumen beschäftigt und richtig fit für die Arbeit bist Du dann Montag auch nicht.“ Oder ich bekam Einladungskarten mit dem freundlichen Schlusssatz: „Wir beenden die Feier dann nach dem Kaffeetrinken.“ Ach, schau an, wenigsten muss ich meinen Kuchen nicht mitbringen und zur Sportschau bin ich auch pünktlich zu Hause. Dann las ich auf einmal von dem neusten Hype: Feiern bei denen es nur um die Gesundheit geht. Alles super gesund, am besten in flüssiger Form. Damit man nach der Feier noch gesünder, noch leistungsfähiger ist. Sehr beliebt, wenn man dem Artikel glauben darf, in gewissen studentischen Kreisen in hippen Großstädten. Dann schließlich war es nicht mehr zu übersehen: Einer hat sich dann doch mal endlich entschieden, ein wenig zu feiern, wir sitzen gerade beieinander, da fällt auch schon der erste fast vom Stuhl – vor lauter Müdigkeit. Und das nicht morgens um drei sondern um zehn Uhr abends! Und ehrlicherweise sagen dann fast alle, dass es ihnen gerade nicht anders geht. Betretendes Schweigen bis sie einer laut stellt, die entscheidende Frage: „Haben wir das Feiern verlernt? Wir haben das eigentlich unsere Eltern gemacht? Gefeiert bis tief in die Nacht und morgens um fünf wieder raus und auf die Frühschicht?“ „Und die hatten auch Kinder und haben gearbeitet,“ ergänzt noch eine von der Seite. „Wie haben die das geschafft?“ Keine Ahnung.
Geht das nur mir so – oder ist es wirklich so: Haben wir das Feiern verlernt? Ich meine, schauen Sie sich die Jungs auf dem Bild an, die haben es schon in der Kaue krachen lassen. Ich denke an Hochzeitsfeiern in der Nachbarschaft als ich Kind war, mit Kränzen, Polterabend und der eigentlich Hochzeitsfeier war man da gut eine Woche fröhlich zugange. Oder die Goldene Hochzeit meiner Ersatzgroßeltern: Die 30 Mann, Familie, samt Nachbarschaft in der kleinen Küche im Zechenhaus mit Akkordeon und Gesinge als ob es kein Morgen gibt. Und das war nicht vor 100 Jahren sondern vor 30. Auf der anderen Seite gibt es dann so Geschichten wie das Spring Break, das sich ja auch in Europa zunehmender Beliebtheit erfreut. Bevor man Mitglied im allgemeinen Hamsterrad aus Arbeit und Funktionieren wird, gibt man mit Sex, Drugs und Rock n Roll ein paar Tage alles. Dann aber auch so, dass es fürs ganze Leben reicht. Nicht, das man mich da jetzt falsch versteht, jeder und jedem der da dabei sein will, sei das gegönnt, aber die Frage bleibt am Ende für mich doch: „Haben wir das feiern verlernt. Und wenn dem wirklich so ist, warum ist dem so?“ Und es scheint ja nicht nur mir so zu gehen. Liegt es nur an den äußeren Umständen? An früheren Zwängen zu Festlichkeiten, die man zum Glück abgelegt hat? Für was könnte das ein Symptom sein? Ehrlicherweise ich weiß nicht wirklich.
Nehmen wir doch auch mal die Bibel. Da wird an allen Ecken und Enden gefeiert und manche dieser Feier endet am nächsten Morgen auch mit einem dicken Kater, direkt oder im übertragenden Sinne. Große Feiern mit allem was dazu gehört sind immer wieder auch ein Bild für die biblischen Verheißungen. Als die die großen Hoffnungsbilder. Keine fleischlosen, rein vergeistigen Ansagen, sondern da lässt man es so richtig krachen. Wie hier zum Beispiel im Jesajabuch: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.“ Das ist die Einladung zu einem Fest, was garantiert nicht nach dem Kaffeetrinken sein Ende findet und zu dem ich selber meinen Nudelsalat mit anschleppen muss. Viele solcher Texte sind in der Bibel zu finden. Wenn man sich die dann genauer anschaut, haben die biblischen Autorinnen und Autoren das was in der Tiefe des Feierns steckt wohl wirklich durchdrungen: Es macht uns Menschen zu Menschen und es ist das große Trotzdem! Wer feiert durchbricht jede Frage nach dem Funktionieren, der muss nicht mehr funktionieren, der darf einfach sein. Wer feiert schleudert ihr Trotzdem all den Dingen, die das Leben aus uns heraussaugen, entgegen. All diesem ganzen Mist, der uns Tag für Tag Angst macht, belastet, uns die Hoffnung raubt, uns verbiestern lässt. All den ganzen Anforderungen von allen möglichen Seiten, am meisten von uns selbst an uns. Wer feiert feiert das große Trotzdem: Dort wo wir zu funktionierenden Maschinen degradiert werden oder uns selber degradieren im braven gläubigen Gehorsam gegenüber all den Religionen unserer Tage: Beruf, Gesundheit, Work-Life-Balance, Essen und Trinken. Das große Trotzdem des Lebens feiern wir, spüren es. Egal zu welchem Anlass, auch heute zum Erntedankfest. Daher ist das Feiern nicht nur ein wunderbares Bild für den Glauben an diesen einen Gott. Wo wir einfach sein dürfen, wo das große Trotzdem als Festplakat über unsere Köpfe gespannt ist. Sondern dort wo gefeiert wird, wir Mensch sein dürfen, immer auch etwas zu spüren, zu schmecken ist, von dem was uns von diesem Gott verheißen ist.
Vielleicht wussten die Jungs auf dem Bild aus der Kaue das oder hat ein größeres Gespür dafür. Vielleicht einfach deswegen, weil sie Tag für Tag hautnah erlebten, wie der Mensch zur Maschine wird, Teil eines großen Räderwerkes. Aber auch wie schnell das Leben vorbei sein kann, wie gefährdet es ist. Vielleicht wussten sie daher umso mehr in ihren Herzen, wie groß und wichtig das Trotzdem ist, wie wir es brauchen, um zu leben.
So will ich auch mit einem hoffnungsvollen Blick schließen: Vor drei Wochen habe ich einen guten Freund besucht. Es war elf Uhr abends, wir wollten nur noch jeder sein Bier austrinken und dann ab ins Bett. Es klingelte der Nachbar, um noch kurz vorbei zu schauen. Um es kurz zu machen: Am Ende saßen sechs Menschen um den Tisch, es wurde gelacht, getrunken und gesungen. Als ich um halb vier auf die Luftmatratze sank da wusste ich, nein, so ganz haben wir das feiern nicht verlernt. Mehr im Herzen als im Verstand spürte ich wieder, warum uns von der Schönheit des Glaubens, von seiner Hoffnung als großem Fest erzählt wird.

Verfasst von: achterosten | 17. September 2017

Vom Traum zur Wirklichkeit – Predigt zu Genesis 28, 10-22

Predigt zu Gen 28, 10-22 (XIV. Sonntag nach Trinitatis, 17.IX.2017)

Liebe Gemeinde,
warum sind Sie heute Morgen hier? Die Witzbolde unter Ihnen würden vielleicht unter Abwandlung eines alten Fußballzitates antworten „Weil Sonntag ist.“. Und Ihr Konfis werdet sagen: „Weil ich muss. Gehört zur Zeit als Konfi dazu.“ Beides ist ja auch nicht so ganz falsch, aber es ist klar, mir geht es um die tieferen Gründe. Die werden ganz unterschiedlich aussehen bei jeder, bei jedem Einzelnen. So wie es zu dem eigenen Leben, zu Ihnen selbst passt. Da gibt es auch keine guten und keine schlechten Gründe. Eins aber vermute ich doch mal trifft auf die ein oder andere Art für uns alle hier heute Morgen zu: Irgendwie gehört der Glaube zu unserem Leben. In ganz unterschiedlichen Formen, wie auch unsere Leben ganz unterschiedlich sind. Ein Hoffen, ein Vertrauen, eine leise Ahnung, dass es wahr ist, was uns erzählt wird, was wir in unseren Herzen spüren: Dass es einen Gott gibt, der uns gegenüber steht, der mit uns ist, der uns nicht allein lässt. Mir jedenfalls geht es so. Und wie schön wäre es, wenn da mehr wäre als nur ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Vertrauen, eine leise Ahnung. Tiefer, fester Glaube – unerschütterlich, jeden Tag wie ein fester, unumstößlicher Grund. Aber dem ist ja nicht so, immer wieder nagt da auch der Zweifel. Kann das wirklich so sein? Kann es diesen Gott überhaupt geben? Oder ist es nicht doch alles ganz anders? Ist der „Thron“ dort im Himmel schon lange verwaist, vielleicht hat da ja nie jemand gesessen? Und wenn es Gott wirklich gibt, vielleicht ist er ja ganz wo anders zu finden? So oder ähnlich geht es mir durch den Kopf, immer wieder. Wie einfach wäre alles, wenn da etwas wäre, was mir diese letzte Gewissheit gibt. Wenn sich Gott doch einfach zeigen würde. So wie in all den Geschichten, die uns da in der Bibel erzählt werden. So wie die im heutigen Predigttext über Jakob. Das ist der, der seinen Bruder um seine Rechte als Erstgeborenen gebracht hat auf sagen wir mal zumindest nicht ganz legale Art und Weise. Erst für ein Linsengericht die Rechte gekauft und dann noch den blinden Vater betrogen, um an den väterlichen Segen zu kommen, der eigentlich dem Ältesten zustand. Der Sohn wird so als rechtmäßiger Nachfolger anerkannt und ist damit also demnächst „Herr im Hause“ mit allem was damals so dazu gehört. Das hat sich dieser Jakob mal gerade auf miese Art und Weise an Land gezogen. Klar, so etwas sorgt nicht gerade für gute Stimmung beim Bruder und da die Gefahr besteht, dass nicht nur bei einem blauen Auge für Jakob bleiben wird, macht der sich mal ganz schnell außer Landes bzw. ihm fällt ganz spontan ein, man könne ja auch mal den entfernten Onkel besuchen, der, welch ein Zufall sehr weit weg von Jakobs Bruder wohnt. Zwei unverheiratete Töchter hat der auch, wie praktisch. Auf dem Weg zum Onkel, von Müdigkeit übermannt, in der Einsamkeit der öden Landschaft legt er sich einfach nieder und so wird uns erzählt: „Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wußte es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goß Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“
Der Jakob hat es gut, mein Neid ist ihm gewiss. Wie ich hat er von Gott gehört, haben ihm die Älteren davon erzählt. Wie ich hat es vielleicht in ihm eine Ahnung geweckt, vielleicht sogar ein leises Vertrauen, der Beginn seines Glaubens. Ihm aber erscheint Gott gleich mal persönlich und das gleich auch noch mit einer eindrucksvollen Leiter. Und mit einer klare Zusage Gottes: Ich werde bei Dir sein, Du wirst nicht allein durch dein Leben stolpern, ich bin an deiner Seite. Super für Jakob, aber ich? Hatte ich schon mal einen solchen Traum oder ist mit diesem überhaupt zu rechnen? Wohl eher nicht. Mal ganz von der Ungerechtigkeit abgesehen, denn ich habe noch nie so jemanden über den Tisch gezogen, wie das Jakob mit seinem Vater und Bruder getan hat. Er aber bekommt hier das volle göttliche Programm, ich gehe leer aus. Also wieder mal so eine dieser Geschichten, die man vielleicht mal gehört haben sollte. Das wars dann aber auch. Für meinen Versuch zu glauben wohl eher nicht hilfreich, wie es ja anscheinend oft so ist mit diesen ganzen biblischen Geschichten. Fazit: Jakob wird bestimmt einen festen Glauben gehabt haben, unumstößlich, nie in Frage stellen, worauf er seine Hoffnung, sein Leben aufbaut. Nach dieser Nummer mit der Leiter, diesem Traum. Der weiß, wer und wo Gott ist. Stand ihm sozusagen direkt gegenüber. Ich bleibe dagegen ratlos zurück, wissend, dass ich wohl nicht wirklich je einen solchen Traum haben werde. Vielleicht erscheint mir mal im Traum die Meisterschaftsfeier des SC Freiburgs, das war’s dann aber auch.
Dass dem aber nicht so ist, dass ganz im Gegenteil das was uns von Jakob erzählt wird ganz viel mit meinem schwachen Glauben zu tun hat. Sogar Nahrung für ihn ist und mein Vertrauen nährt, das hat damit zu tun, dass uns die ganze Lebensgeschichte Jakobs erzählt wird. Da zeigt sich, dass es nicht weit her ist mit dem Vorurteil, nach diesem Traum wäre er so eine Art Superheld des Glaubens. Ganz im Gegenteil und das geht schon in dieser Geschichte des Traumes los. Denn mit seinem Vertrauen in Gott scheint es nicht allzu weit her zu sein und so ganz durchdrungen, mit wem er es da zu tun hat, auch das ist ihm nicht so ganz gelungen. Denn ist er blass vor Erstaunen? Ist er völlig verwirrt? Weiß er vor lauter Dankbarkeit und Freude ob dieses enormen Versprechens nicht wohin mit sich? Nichts davon! Jakob sieht das ganz wohl eher als so eine Art Handelsabschluss. Versucht Gott gleich an die Kandare zu nehmen. Nur wenn Gott sich auch daran hält, was er ihm zusagt, dann erhält er einen eins a Tempel. Bis dahin reicht erst einmal ein Stein. So als eine Art Anzahlung. Nichts anderes als der Versuch einen Deal mit Gott zu schließen ist doch sein Gelübde. Zeigt wie wenig er doch verstanden hat, welcher Natur sein Glaube ist. Kein bedingungsloses Vertrauen und letztlich wohl auch keine wirkliche Erkenntnis. Denn was passiert nach dieser Geschichte? Das ganz mal kurz zusammengefasst: Er kommt dann doch zur fernen Verwandtschaft, erlebt dort gleich mehrfach, wie es ist selber gnadenlos über den Tisch gezogen zu werden, kommt mit eher zweifelhaften Methoden zu Reichtum und muss sich dann doch wieder vom Acker machen, weil er es sich wieder mit der Familie verscherzt hat. Das alles spricht jetzt nicht von einem Glauben, wie ich ihn mir wünsche. Ja, wie ich ihn als Bedingung verstehen würde für uneingeschränktes Vertrauen, frei von Zweifel. Ganz im Gegenteil, auch Jakob stolpert weiter durch sein Leben, auch bei ihm läuft nicht alles nach Plan. Er bleibt das alte Schlitzohr, immer auf seinen Vorteil bedacht. Und Gott so richtig erkannt, das hat er wohl trotz seines Traumes immer noch nicht. Denn alles steuert auf den einen Höhepunkt zu. Der Höhepunkt der Geschichte Jakobs, der nur in wenigen Worten erzählt wird, aber doch ganz tief in die Geheimnisse des Glaubens führt. Die Erzählung, die einer der Hauptgründe dafür ist, dass ich heute hier stehe. Es ist die Geschichte von Jakobs Kampf mit Gott. Denn er begegnet ihm noch einmal, am Fluss Jabbok und trotz seines Traumes erkennt er ihn nicht, den Mann, der sich ihm dort in den Weg stellt. Er kämpft mit ihm eine ganze Nacht bis zum Morgen. Er kämpft mit Gott viele Stunden und erkennt ihn doch nicht. Erkennt in ihm nicht den, der ihm alles Gute zugesagt hat, sondern sieht in ihm den Feind. Erst als Gott ihn verwundet, auf die Hüfte schlägt, da erkennt Jakob, mit wem er gerungen hat. Da erst wird aus Traum Wirklichkeit, erst da versteht, erkennt Jakob. Nach stundenlangen Ringen und mit geschlagener Hüfte. Welch eine Geschichte über meinen, unseren Glauben. Welch eine Geschichte über unsere Beziehung zu Gott wird uns da in der ganzen Jakobsgeschichte erzählt. Eröffnet uns den Blick in das Geheimnis des Glaubens. Warum zu ihm immer auch der Zweifel gehört, das Ringen mit Gott, die Wunden, die wir dabei davon tragen. Zeigt den Weg von einem Traum, den wir vom Glauben haben zu der Wirklichkeit des Lebens, unseres Lebens. So, dass am Ende nicht die falsche und lebensfremde Hoffnung steht, der Glaube wäre etwas festes, unumstößliches, nie angezweifeltes, nichts Gefährdetes. Etwas was wir besitzen und uns nicht genommen werden kann. So ist unser Leben nicht. Sondern am Ende steht jener Satz Jakobs nach seinem Ringen mit Gott, seinem Ringen mit dem Leben: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Darum bin ich heute hier, um diesen einen Satz immer wieder in unterschiedlichster Gestalt in Wort und Gesang zu sagen: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Damit auch morgen er noch lebt, mein Glaube als Hoffnung, Vertrauen und Ahnung.

Verfasst von: achterosten | 27. August 2017

Freiheit – Predigt zu Johannes 8, 31-36

Predigt zu Joh 8, 31-36 (Sommerkirche 2017)

Liebe Gemeinde,
endlich frei – unter diesem Motto steht nicht nur das Jahr des Reformationsgedenken in der westfälischen Kirche sondern auch die Sommerkirche in diesem Jahr. Endlich frei – das war und ist garantiert aber auch der innere Ruf vieler in diesen Tagen wenn endlich Schicht ist und vor einem die heiß ersehnten Tage des Urlaubes liegen – diese überall gesuchte, kaum erlebte, viel besungene Freiheit. Wer seinen Weg in die Urlaubsfreiheit mal nach Kroatien gelenkt hat, wird vielleicht eines dieser Freiheitslieder gehört haben. Eindrucksvoll zur Eröffnung der alljährlichen Theaterfestspiele in Dubrovnik klingt es durch die nächtliche Altstadt. Kurzer Hinweis für die, die noch nicht in Dubrovnik waren aber Serienjunkies sind: Denken sie einfach an „Königsmund“ aus Game of Thrones“, denn Dubrovnik ist hier die Kulisse. Durch diese Straßen klingt sie, die „Hymne der Freiheit“ von Ivan Gundulić aus dem 17. Jahrhundert: (MUSIK Himna Slobodo)
„O schöne, o liebliche, o süße Freiheit,
alle Schätze hat uns Gott gegeben in dir,
wahrer Grund all unserer Ehre,
einziger Schmuck des Dubrave;
alles Silber, alles Gold, alles menschliche Leben
kann nicht Lohn sein für deine rein Schönheit.“

Sie gehen schon zu Herzen, Musik und Text. Beide tragen in sich den nötigen Pathos für das große Thema Freiheit, für unsere Sehnsucht nach ihr. Und auch wer es nicht so dramatisch mag, kann doch dem Sinn hinter den Worten zustimmen. Und der Frage des Lebens, die dahinter steht: Wo ist sie zu finden, die Freiheit, die länger dauert als ein Urlaub? Wie sieht sie aus, diese Freiheit, die uns endlich die Ketten zerschlägt des Gefühls nicht Herr unser selbst zu sein, nicht das wahre Leben leben zu können. Endlich frei – wie soll das nur aussehen? Ob wir es hier finden, im Gottesdienst, im Wort Gottes, in den Geschichten, Gedichten und Erzählungen? Vielleicht in dieser aus dem Johannesevangelium: „Jesus sprach nun zu den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Sie antworteten ihm: Wir sind Abrahams Nachkommenschaft und sind nie jemandes Sklaven gewesen. Wie sagst du: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave. Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; der Sohn bleibt für immer. Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.“

Wirklich frei – da steht es doch! Sollte das der Weg sein in die wahre Freiheit? Ist das nicht sogar der alleinige Grund, dass wir so selbstbewusst als Kirche „Endlich frei“ als Motto in die Welt rufen? Da steht es doch, was die wahre Freiheit ist. Dort ist sie beschrieben, die wahre Freiheit, da ist sie zu finden. In dem Sohn, der die alleinige Wahrheit bringt die wirklich frei macht. Hier ganz alleine, das ist der wahre Weg. Wir müssen ihm nur folgen und dann ist sie da, Freiheit. Wahre Freiheit, die länger dauert als ein Augenblick, länger dauert als ein Sommerurlaub. Wahre Freiheit, wie sie aus dem Lied aus Dubrovnik spricht. Hier in diesen Worten ist sie zu finden. Wie wunderbar, wie herrlich wäre das, wenn das wirklich wahr wäre! Wenn wir hier die einzige, wahre Freiheit finden würden!
Liebe Gemeinde – bitte tun sie das nicht! Es schmerzt das sagen zu müssen, aber bitte tun sie es nicht. Die Freiheit, die uns in diesen Worten des Johannesevangelium so verheißen und Jesus in den Mund gelegt wird, sie ist eine vergiftete Freiheit. Das Gift, das wir oft finden, wenn es um die Freiheit geht – ob in diesen Worten, ob in der „Hymne der Freiheit“ aus Dubrovnik, ob in unseren kleinen und großen Freiheiten. Vielleicht ist es sogar das lähmende Gift, das wahre Freiheit verhindert. Ein starkes Gift, so stark, dass es sogar bis in die Verheißungen des christlichen Glaubens vordringen kann. Ihre Wahrheit mit einem grauen Schleier bedeckt. Die Wahrheit, dass Freiheit nicht in Macht und Herrschaft zu finden sind, sondern in der Ohnmacht dessen der sich ans Kreuz schlagen lässt. Über diese Wahrheit legt sich in den Worten des Johannesevangeliums der Schleier. Hier dringt das Gift vor: Das Gift, das uns von Freiheit so sprechen denken, fühlen lässt, dass es anderen immer diese Freiheit abspricht. Das Gift, das mit der eigenen Freiheit die Unfreiheit des anderen verbindet. So steht es im Hintergrund der „Hymne der Freiheit“, die Freiheit Dubrovniks im Gegenüber zu Venedig und den Osmanen. Und leider, ich muss es so sagen, enthalten die Worte des Johannesevangelium auch genau dieses Gift. Auch hier gibt es Freiheit nur in der Gegenüberstellung der Unfreiheit der anderen. Frei sind eindeutig die, die sich zu dem bekennen der dort spricht, der Sohn Gottes wie ihn uns das Johannesevangelium zeigt. Und wer unfrei ist, auch das ist hier relativ klar und wenn man sich die gesamte Erzählung anschaut, wird es noch klarer: Es sind nicht nur diejenigen Menschen, die sich nicht zu diesem Jesus Christus bekennen, sondern auch: die Juden. Sie werden als Sklaven diffamiert, als die Unfreien, werden mit der Sünde identifiziert. Da ist es, das Gift, das einen selbst für frei und die anderen für Unfrei erklärt. Das die eigene Freiheit nur als helles Gegenüber zur Unfreiheit der anderen sehen kann. Das Freiheit, diese Ursehnsucht des Menschen, zu einem Besitz erklärt. Zu einem Besitz, den ich habe und der andere nicht, den wir haben und die anderen nicht. Den wir Deutschen, Europäer, Menschen aus dem sog. christlich-jüdischen Abendland haben und die Frau mit Kopftuch, der Araber, die Menschen im Osten und Süden nicht. Eine Position, die die Unfreiheit des anderen nur in der eigenen Freiheit sehen kann. An dessen Ende schließlich der Hochmut des selbsterklärten Freien gegenüber dem fremderklärten Unfreien steht; samt der ganzen Wirkungsgeschichten an deren Ende immer Elend und Tod stehen. So wie die Geschichte der Christen mit dem erwählten Volk Gottes, den Juden.
Es ist doch zum Verzweifeln. Warum müssen wir das so aus dem Johannesevangelium hören? War das wirklich nötig? Warum konnte der Verfasser, die Verfasserin es nicht einfach bei der freimachenden Botschaft der Evangelien belassen: Wie Gott selber als Mensch in Tod und Auferstehung Christinnen und Christen Freiheit schenkt. Warum? Ich weiß es nicht, auch wenn ich weiß, dass es sich hier wahrscheinlich um Texte handelt, die in einer Zeit verfasst wurden, als Christinnen und Christen genau das passierte: Dass sie als Unfreie galten, bedrängt, verfolgt, ausgestoßen wurden. Mit dieser Vermutung kann ich es vielleicht nachvollziehen, aber verstehen? Nicht wirklich.
Und nun? Ist das alles? Ist also diesem Gift der Raum zu überlassen? Ist es vielleicht sogar geboten, notwendig, es so zu sehen? Ist es vielleicht gar kein Gift, sondern sogar der wahre, richtige Weg, damit Menschen Freiheit finden? Ich glaube nicht, denn die angeblichen Unfreien, die sind es hier, die vielleicht den entscheidenden Hinweis geben. Denn was antworten die „Unfreien“ auf die Diffamierung? Sie antworten: „Wir sind Abrahams Nachkommenschaft und sind nie jemandes Sklaven gewesen.“ Was für eine wunderbare Antwort. Welch ein Plädoyer für eine Freiheit, die eben nicht darauf gründet, den Menschen an meiner Seite zu einem Unfreien zu erklären. Sie diffamieren nicht, sondern sie berufen sich auf Abraham als Urvater. Abraham, denjenigen, den alle – Juden, Muslime und Christen – als ihren „Urvater“ ansehen und sich das, wenn man ehrlich ist, auch eigentlich nie gegenseitig abgesprochen haben. Abraham – von dem aus viele Ströme in ganz unterschiedliche Menschengruppen gehen. Abraham – der eher eine universale Gestalt ist. Eine Gestalt, die Öffnung in sich trägt und nicht Abgrenzung. Auf diesen berufen sich die Juden im Gespräch mit Jesus als Grund ihrer Freiheit. Und sie tun das als seine Nachkommen. Nachkommen von jemanden zu sein, dafür kann ich nichts aktiv tun, es wird mir geschenkt. Diese Freiheit ist geschenkte Freiheit. Ich kann sie mir nicht verdienen und ich kann sie auch nicht durch besonderes moralisches Verhalten erzwingen. Sie wird mir unverdient geschenkt.
Der Gedanke ist kühn und klingt auch zunächst widersinnig: Es sind die zu Unfreien erklärten, die Juden, die in diesen Worten des Johannesevangelium auf die wahre Freiheit hinweisen. Sie weisen Jesus selber darauf hin, in dessen Leben, Sterben und Auferstehung Freiheit für uns Christinnen und Christen Wirklichkeit wird. Freiheit ohne Abgrenzung, ohne Diffamierung, geschenkte Freiheit. Und damit unverlierbare Freiheit, Freiheit die bleibt. Freiheit, für die die Worte aus Dubrovnik dann stimmen: „Alle Schätze hat uns Gott gegeben in dir.“

 

Verfasst von: achterosten | 30. April 2017

Vom Hirten und Schafen – Predigt zu Johannes 10, 11-16.27-30

Predigt zu Johannes 10, 11-16.27-30 (Quasimodigeniti, 30.IV.2017)

Liebe Gemeinde, den Predigttext für den heutigen Sonntag, wir haben ihn gerade in der Lesung gehört. Es schade ja aber nichts, wenn wir ihn noch einmal hören – vor allem da noch zwei, drei nicht ganz unwichtige Sätze dazu kommen:

„Jesus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -,  denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.“

Liebe Gemeinde, die Gruppe von Euch Konfis, die diesen Gottesdienst vorbereitet hat, hat sich diesen Text mal sehr genau angeschaut. Erstaunlich, was, das so zu Tage trat. Erstaunlich auch deswegen, weil ihr mir eine ganz neue Perspektive auf den Text eröffnet habt.

Als erstes ist da doch die Frage, was sich hinter dem Bild des Hirten überhaupt verbirgt. Wir alle leben nicht mehr in einer durch kleinteilige Landwirtschaft geprägten Welt. Auch wenn dank des Heimatsvereines eine nicht unerhebliche Schar von Schafen mit uns in unserem Stadtteil lebt. Was also verbirgt sich hinter dem Bild des Hirten? Ich habe da mal ein Beispiel aus Eurer Kindheit mitgebracht. Zwei „Hirten“ im Einsatz: Shaun das Schaf , Der Roboterhund.

Liebe Gemeinde, es mag für sie jetzt etwas ungewöhnlich sein, aber der Hirtenhund 1.0 Bitzer und seine technische Verbesserung, sozusagen 2.0 führen uns mitten hinein in die Frage, was wir verstehen, wenn wir die Worte Jesus hören. Hören, wie er das Bild eines Hirten von sich malt. Wen haben wir denn da eher vor Augen. Den Roboterhund oder Bitzer? Wenn wir gute Landwirtinnen und Landwirte wären, fernab aller Verklärung a la „Landlust“, dann müssten wir an den Roboterhund denken. Vorbildlich, bis zu der kleinen technischen Fehlfunktion, die wir mal gerade vernachlässigen. Er beendet das Chaos, hält die Herde ordentlich in Reih und Glied und die Schafe erfüllen endlich ihre Aufgabe: Gras fressen! Damit sie ihren Zweck erfüllen: Milch, Wolle, Fleisch zu liefern und als natürliche Rasenmäher uralte Kulturlandschaften zu erhalten. Der Hofhund Bizer ist mit dieser Aufgabe heillos überfordert, der technische Schäfer 2.0 erfüllt sie vorbildlich. Erinnert diese Vorstellung an die Rede Jesu vom Hirten und seinen Schafen? Wir als die Herde, die in Reih und Glied zu halten ist, brav unser Gras fressend und still unsere Pflicht erfüllend? Vielen unserer Schwestern und Brüdern im Glauben lag und liegt vielleicht diese Vorstellung nicht allzu fern. Und weil es so praktisch war, nahm mancher christliche Würdenträger diese Vorstellung auch gleich für sich in Anspruch. Nicht umsonst kommt die Amtsbezeichnung „Pastor“ vom lateinischen Wort für den Hirten. Aber wollen wir das vor Augen haben, wenn sich Jesus selber als Hirte bezeichnet? Passt das? Gut, als Bizter, den überforderten Hofhund wollen wir uns ihn vielleicht auch nicht vorstellen. Wenn auch der Aspekt der Freundschaft zwischen den Schafen und ihrem „Hirten“ etwas für sich hat. Schäfer und Schaf – sie begegnen sich hier auf Augenhöhe und lösen dann oft gemeinsam so manches Problem auf dem kleinen Hof irgendwo in England.

Aber, und das ist euch Konfis ja aufgefallen in Gahlen – auch Jesus malt von sich nicht das Bild eines Hirten im Sinne landwirtschaftlicher Fachbücher. Er sprengt sozusagen den üblichen Rahmen dieses Bildes um einen neuen Blick und damit neues Leben zu schenken.. Denn ein guter Hirte würde vieles für seine Herde tun, würde sie auch nicht in der Gefahr allein lassen. Wenn es die eigene Herde ist, dann bleibt der Hirte bei ihr, schützt sie vor den Gefahren. Aber sein Leben geben für die Schafe? Da wart ihr euch einig – das geht dann auch für einen guten Hirten zu weit. Und was noch erschwerend hinzukommt: Auch der beste Hirte hat nur das eine Ziel: Schafe, die ihre Funktion erfüllen – Wolle, Milch und Fleisch. Jesus nimmt in seinen Worten aber das Bild des Hirten als Ausgangspunkt, um viel weiter zu gehen, Neues zu eröffnen. Aber was? Das war die Frage, die in unserer Vorbereitungsgruppe dann im Raum stand. Und Euch kam ein Gedanke, eine Idee, die so wichtig, so wertvoll ist, das sie es mehr als verdient hat, heute hier noch einmal laut zu werden, damit wir sie alle mitnehmen können. Uns von Euch einen neuen Blickwinkel auf diesen Text, aber auch auf einen der wichtigsten, wenn auch schwierigsten Grundpfeiler unseres Glaubens öffnen lassen. Ihr habt euch folgendes gefragt: Was ist, wenn Jesus von sich hier so als einem Hirten sprechen kann, der viel mehr für seine Schafe gibt, als jeder anderer Hirte, weil in ihm ja Gott selber auch Schaf, also Mensch war. Wenn also Gott als der dreieinige Gott alles drei in einem ist: Als Gott der Vater der Hirte, als Jesus ein Schaf und damit, sprich ein Mensch, und als Heiliger Geist so eine Art Hütehund für die Herde? Dann könnte es doch stimmen, was Jesus sagt:, Durch ihn selber, Jesus, kennt Gott die Menschen, weil er in Jesus selber einer ist, unter den Menschen ist. Und damit selbst ein Teil der Herde. Mit uns Menschen auf Augenhöhe. Mit uns verbunden. Wie wir Freude und Schmerz erleben, wie wir erleben wie schön das Leben auf der grünen Wiese sein kann. Was es aber auch manchmal ein Elend ist, tagtäglich in der Herde mittrotten zu müssen. In Angst um die Gefahren leben, die uns bedrohen. Wehr- und schutzlos ausgeliefert zu sein, aber im Herzen die tiefe Hoffnung, es möge doch einen geben, einen guten Hirten, der uns schützen möge bis zum letzten. Der mehr in uns sieht als nur die Lieferanten für sein Überleben oder seinen Wohlstand. In Jesus ist Gott selber Teil dieser Herde, selber ein Schaf von vielen. Und weil so der Hirte selber Teil der Herde ist, und das ist das wunderbare Geheimnis unseres Glaubens, ist er so viel mehr als ein Hirte. Dann wird er bis zum letzten gehen, damit die Herde, damit wir leben können.

Und noch etwas anderes: Weil Gott ein Teil von uns und unter uns war, ist Gott für uns Menschen ganz nahe. Weil er einer von uns war sind wir mit ihm auf Augenhöhe. Dann ist der Hirte auch kein fernes Wesen, was irgendwie alles lenkt, aber uns nicht wirklich versteht und wir ihn auch nicht. Dann kennen wir ihn und er uns – so wie es Jesus sagt. Ja, dann ist es doch ein wenig wie bei Shaun und Bitzer, Gott und Mensch begegnen sich in Jesus Christus auf Augenhöhe, es ist so etwas wie Freundschaft möglich, wie Vertrauen, Gemeinschaft und sogar, welch ein spannender Gedanke, das gemeinsame Tun in dieser Welt.

Was habt Ihr da für eine wunderbare Idee gehabt, wie tief seid ihr eingedrungen in das Geheimnis unseres Glaubens.

Liebe Gemeinde, nehmen Sie ihn mit, diesen Gedanken, diese Frage von den Konfis, die mit ihnen zusammen hier in Eppendorf-Goldhamme versuchen den Glauben zu verstehen, prüfen, ob er uns im Leben tragen kann. Ob man ihr vertrauen kann –  der Zusage, der Verheißung Gottes, der gute Hirte zu sein. Der uns nicht fremd ist, weil er einer von uns war, dessen Herde wir sind, weil er uns in Liebe als seine Herde gewählt hat, der uns leiten und bewahren will, indem er als Hütehund uns als seine Gemeinde zusammen hält.

Dieser Gedanke, der uns auch vor Augen führt, als Christinnen und Christen sind wir eigentlich keine Schafherde in Reih und Glied unter der Bewachung eines perfekten Hirten, der uns nur dumm unser Gras fressen lässt. Sondern ein bunter Haufen, behütet von dem liebenden Hirten, er alles für uns gibt.

 

Verfasst von: achterosten | 14. April 2017

Entscheidungen – Predigt zum Karfreitag

Predigt zu Jesaja 52,13-15; 53,1-12 (Karfreitag, 14.IV.2017)

Liebe Gemeinde, wissen sie was ich immer wieder schön finde an meinem Beruf: Dass ich die Chance habe, Geschichten und Glaubensüberzeugungen, die wir irgendwie wie selbstverständlich mit uns herumtragen und erzählen, genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann gibt es sie immer wieder, diese kleineren oder größeren Aha-Effekte, wenn ich dann erstaunt feststelle, dass man manches auch anders verstehen kann, angebliche Nebensächlichkeiten plötzlich viel gewichtiger werden. Die oft gehörten Geschichten eine andere Richtung nehmen, die toten Buchstaben lebendig werden und neue Blickwinkel eröffnen. Texte, Geschichten und Aussagen,  die mir nie wirklich etwas zu sagen hatten, nahe rücken und was selbstverständlich ist, fremd wird, in die Ferne rückt. Das Starre, Tote lebendig wird. Eine wunderbare Erfahrung.

In diesem Jahr war das auch so im Blick auf diesen Tag, mit dem wir vielleicht auch nicht so richtig wissen, was wir mit ihm eigentlich anfangen sollen. Angeblich der wichtigste evangelische Feiertag, so haben wir es vielleicht noch im Hinterkopf. Aber wenn uns einer fragen würde, ob er das für uns auch ist? Ich weiß nicht, was sie so antworten würden. Alles nicht so einfach heute, diese blutige, grausame Geschichte, die heute auch ohne Happy End bleibt. Am Ende regieren Tod und Schmerz. Das soll dann der wichtigste Tag des Glaubens sein? Na ja, so ganz weiß ich ja nicht…

Wenn mich aber eine nach der Geschichte fragt, die heute erzählt wird, an die wir uns heute erinnern, dann ist es schon einfacher. Denn eigentlich ist das ganz wunderbar, die Rollen sind gut verteilt. Gut und Böse – alles klar zu erkennen. Hier die bösen religiösen Funktionäre und ein zynischer korrupter Politiker hübsch vereint in dem einen Ziel: dieser komische Typ muss weg, so wie viele vor ihm und dann auch nach ihm, die den Eliten irgendwie in die Quere kamen. Dort das Gute in seiner reinsten Form, der, der alles erduldet. Der Opfer wird der brutalen politischen Machtgier. Der Gute unterliegt, das Böse triumphiert. Täter und Opfer – klar benannt. So hören wir diese Geschichte immer wieder an diesem Tag. Für mich ist sie – so erzählt – allerdings eine starre Geschichte geworden. Eine, die mich vielleicht noch darin bestätigt hat, dass denen da oben nicht zu trauen ist – egal ob religiöse oder politische Elite, am Ende gehen sie doch alle über Leichen. Aber etwas, wo ich mich in dieser Geschichte wiederfinde? Schwierig, oder vielleicht doch nicht? Die Frage, warum das Ganze? Dieser ganze grausame Tod, der doch eine so hohe Bedeutung für uns haben soll, ja an dem ja sogar das Heil der Welt hängen soll?

Ach, wissen sie was: Ich nehme sie einfach mal mit beim Blick durch die Lupe auf diese Geschichte. Vielleicht hilft uns das ja weiter. Da nehmen wir doch mal die religiösen Funktionäre und am besten gleich mal das Oberhaupt, den Herrn Kaiphas. Er ist doch der, der alles letztlich ins Rollen gebracht hat, die Ergreifung Jesu. Der ihn befragt und schließlich an die Römer übergibt. Alles aus reiner Machtgier, weil Jesus die Macht der Tempelfunktionäre in Gefahr bringt? Oder aus reinem religiösen Fanatismus, weil er sich angeblich eine Rolle anmaßt, die nur Gott allein zusteht? So die gängigen Lesarten. Da find ich mich nicht wieder. Ich bin kein hoher religiöser Funktionär und religiöser Fanatiker beim Besten willen auch nicht. So wie Sie alle hier heute Morgen das ja wahrscheinlich von sich sagen würden. Dieser Kaiphas, er scheint aber beides zu sein und damit nicht wie ich – wirklich? Da gibt es diesen entscheidenden Satz von ihm, in aller Dramatik der Erzählung überhören wir ihn fast. Mir wird dieser Satz immer wichtiger, denn mit ihm erscheint dieser Kaiphas in einem ganz anderen Licht – nicht mehr als machtgieriger, fanatischer Funktionär. „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe.“ So wird der Satz im Johannesevangelium überliefert. Wenn das nun der wahre Grund für die Auslieferung an die Römer wäre? Dann wäre der Kaiphas so ein Mensch wie ich – unter Zwängen lebend, Entscheidungen treffend, die „alternativlos“ erscheinen, wohl wissend oder eher ahnend, was ihr Preis ist. Im Beruf, im Privatleben. So wie wir alle, Tag ein, Tag aus. Bei den wenigsten in der Dramatik wie bei Kaiphas, aber bei manchen manchmal auch. Da sitzen wir in unseren Büros, stehen in den Werkstätten und sind gezwungen Entscheidungen zu treffen, bei denen wir oft Menschen enttäuschen, sie verletzen, sie in unseren Überlegungen von eigenständigen Subjekten zu Objekten wie Schachfiguren werden. Und das betrifft alle Berufszweige, alle Karrierestufen. Da sitzen Sie bei Aldi an der Kasse und sehen ihre Nachbarin vor sich, sie wissen wie schlecht es ihr geht, wie leer der Kühlschrank ist, sie sehen, dass die Beule unter ihrem Mantel eher auf eine Packung Müsli, als auf einen dicken Pulli hindeutet. Sie müssen entscheiden, die Frau weiter ins Elend stürzen oder den Job riskieren? Und sie müssen sich entscheiden. Sie sitzen am Bett des Sterbenden, keiner ist mehr da, der bei ihm sitzen könnte. Er umfasst ihre Hand und im Zimmer nebenan wartet noch Frau Schmidt, die immer noch nicht gewaschen ist und es ist schon wieder halb neun und die Kollegin hat sich auch wieder krank gemeldet. Eine Frau in einer vollen Windel noch länger liegen oder einen Sterbenden allein lassen? Sie müssen entscheiden. Der Firma geht es schlecht, ihr Plan würde sie retten und zukunftsfähig machen, dafür müssten die älteren Mitarbeitenden gehen, gerade fragt sie ihre Sekretärin ob sie einen Kaffee wollen. Sie trinkt nur Tee, seit dem sie mit 53 einen Herzinfarkt hatte. Sie müssen entscheiden. Und in Ihrem Kopf werden Worte laut, wie „Sachzwang“, „alternativlos“, „es geht nicht anders“ und sie nehmen immer mehr Raum ein. So wie ich das sehe war Kaiphas genau in einer solchen Situation, stand genau vor einer solchen Entscheidung. Entweder er lässt diesen Jesus weiter gewähren, lässt weiter zu, dass er die Praxis im Tempel kritisiert, dort randaliert und damit maximal die Gefahr erhöhte, dass es unruhig wurde in der Bevölkerung. Und dann noch jetzt, wo die Stadt überlaufen ist von jüdischen Pilgern. Er weiß um die höchste Maxime römischer Besatzungspolitik: Jede Form von Unruhe wird effektiv, schnell und gewalttätig im Keim erstickt. Notfalls mit der völligen Vernichtung der örtlichen Kultur. Die Römer waren tolerant, so lange es ruhig blieb! Kaiphas wusste genau, wie sein Glaube in der Vergangenheit an einer Besatzungsmacht fast zugrunde gegangen war. Nicht nur das der Glaube unterdrückt wurde, nein es sogar zu einem blutigen Bürgerkrieg kam. Auf der anderen Seite dieser Jesus, ein einzelner Mann, keine große Anhängerschaft. Vielleicht gefiel Kaiphas sogar, was der zu sage hatte. Zu anderen Zeiten hätte sie vielleicht in Ruhe reden können, feststellen können, dass sie vieles auf ähnliche Weise in der Tora lasen. Aber es sind keine anderen Zeiten. Es muss schnell überlegt werden: Das Risiko eingehen und damit im schlimmsten Fall den Tod vieler Menschen, Vertreibung und Zerstörung in Kauf nehmen oder einen über die Klinge springen lassen? Ihn an die Römer ausliefern und damit sich dort auch in eine gute Verhandlungsposition bringen? Diese dann auch für den Schutz der eigenen Religion nutzen zu können? Es ist eine Entscheidung zu treffen und Kaiphas fällt eine. So wie die Kassiererin beim Aldi, der Pfleger am Sterbebett, die Abteilungsleiterin in der Firma.

Warum erzähle ich das aber alles so ausführlich? Um Kaiphas zu rehabilitieren, ihn in Schutz zu nehmen? Wohl kaum, auch wenn es gut ist, wenn er damit aus der Ecke als Vertreter des Bösen herauskommt und damit wieder mal klar wird, es gibt viele Gründe für den Tod Jesu, aber garantiert keine die irgendetwas mit der angeblichen Verbohrtheit  oder angeblichen Blutgier des Volkes Gottes, der Juden, zu tun hatte. Am Karfreitag war ja immer Hochamt all dieser abscheulichen Lügen in unseren Kirchen. Nein, das steht nicht im Zentrum, sondern wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Wenn es wirklich stimmt, dass dort wirklich Gott selber in diesem Jesus Christus am Kreuz hang, dass Gott selber Schmerz, Gewalt und schließlich den Tod erlitt und dies etwas mit unserer Schuld, unserem Schuldig werden zu tun haben soll, dann ist doch zu fragen: Was ist der Grund für diesen Tod? Warum dieser Tod? Was ist diese Schuld? Es ist die Entscheidung des Kaiphas, die er treffen musste. Es sind unsere Entscheidungen, die wir täglich treffen müssen. Es ist Kaiphas Tun und Lassen. Es ist unser Tun und Lassen. All die Entscheidungen, die wir treffen und dabei nicht frei sind. An denen wir dann auch leiden, an manchen den Bruchteil einer Sekunde und an manchen ein ganzes Leben. Und wenn sie manchmal auch bei aller objektiven Betrachtung die richtige Entscheidung war, der Schmerz darüber, so entschieden zu haben, er kann da sein und bleiben. Genau wie die Freude, sich so entschieden zu haben. Vielleicht war Kaiphas auch nach diesem Freitag zufrieden mit seiner Entscheidung: Er hatte für die Sicherheit und Unversehrtheit all der Einheimischen und Pilger in diesen Tagen in Jerusalem gesorgt. Aber vielleicht war da auch der Schmerz in ihm über den grausamen Tod, den er mit zu verantworten hatte. Dass dem so ist hat auch nichts mit moralischem Versagen zu tun, sondern ich kann es nur so klar sagen: Das ist das Drama unseres Lebens! Dem wir auch nicht ausweichen können.

Liebe Gemeinde, wenn es hier um moralisches Versagen gehen würde, um schwache Geister oder sogar um das schiere Böse, dann wäre Jesus nicht am Kreuz gestorben, dann wäre es nicht soweit gekommen. Gott wäre nicht den Weg ans Kreuz gegangen wegen der vermeidlichen moralischen Schwächer mancher Handelnder. Und ein Kampf Böse gegen Gut, das ist Star Wars, aber nicht die Geschichte vom Schöpfer aller Dinge. Dem hätte er sich nicht unterworfen, in diese absolute Machtlosigkeit begeben. Er hat sich aber dem Drama unseres Lebens vollständig ausgeliefert, bis zum Äußersten, bis zum Letzten! Er hat sich dem völlig unterworfen, dem „Sachzwang“, der „Alternativlosigkeit“ – er, der es nie hätte tun müssen. Und er ändert es auch nicht sozusagen durch einen magischen Moment, durch einen Zauber, einen göttlichen Akt. Das Drama unserer Entscheidungen es bleibt. Wir sehen es vor uns am Kreuz. Gott geht es bis zum bitteren Ende, bis zum letzten Akt. Erleidet die schlimmste Konsequenz, die unsere Entscheidungen haben können, dass ein anderer Mensch stirbt. Und er unterbricht es auch nicht, beendet es auch nicht. Am Ende bleibt heute nur der Tod, der Schmerz und die Verzweiflung. Es wird nichts rückgängig gemacht, die Uhr wird nicht zurück gedreht, die Entscheidungen wurden getroffen und es bleibt dabei.

Wir wären verloren, wenn es hier enden würde. Wenn unsere schmerzhaften Entscheidungen und ihre schmerzhaften Konsequenzen stehen bleiben würden – für alle Tage, für alle Zeiten. Das wäre der endgültige Sieg der „Alternativlosigkeit“, des „Sachzwanges“, der Unfreiheit. Wo soll dann noch Hoffnung sein, wo soll sich dann noch Leben regen? Für heute endet es hier, aber wir sehen uns wieder am Morgen der Hoffnung, des Lebens in zwei Tagen. Denn den wichtigsten Tag des Glaubens den gibt es nicht, nur sie alle zusammen verheißen uns Leben in Freiheit und Hoffnung.

Predigt zu Hebr 11,1-2.39b-40; 12,1-3 (Palmarum, 09.IV.2017)

Liebe Gemeinde,

ich muss zugeben ich habe mich lange zurück gehalten und das ganz bewusst. Ich meine, wir haben jetzt schon fast die Hälfte geschafft und ich habe es mir bis jetzt verkniffen oder, ehrlicherweise, ich habe mich in angestrengtem Ignorieren versucht. Aber das ist wie mit Zahnschmerzen: Da gibt es ja auch den verzweifelten Versuch am Anfang einfach so zu tun, als wenn da gar nichts wäre. „Wir wissen alle, wie das endet. Am Ende sitzt Mann oder Frau auf dem Stuhl, hört die Zahnärztin hinter dem Mundschutz „Mein lieber Mann“ murmeln. Ja, ich sehe, da werden bei Ihnen selige Erinnerungen wach.

Das mit dem Ignorieren klappt also nicht wirklich. Ich habe es trotzdem tapfer die letzten Monate versucht. Ich habe versucht, das sogenannte Reformationsjubiläum einfach zu ignorieren. Habe hinweg gesehen über all die Lutherbonbons, Lutherkaffeetassen, über all die tausend Veranstaltungen, die irgendwas, was auch immer mit diesem gemütlich lächelnden Mann im schwarzen Umhang und lustiger Kappe zu tun haben. Fast täglich werde ich mit Post beglückt, wo der Herr Luther für irgendwelche Werbung herhalten muss. Die Altpapiertonne freut es. Und was es da nicht alles gibt.

Also, ich habe das alles ignoriert, aber wie bereits gesagt, das klappt halt nicht. Vor einigen Tagen war dann doch Schluss, um im Bilde zu bleiben: Das Pochen im Zahn war nicht mehr beiseite zu schieben. Zum einen gab es da diese etwas merkwürdige Art der Lutherwerbung in Düsseldorf. Da es ja schon alles für Luther oberhalb des Bauchnabels gibt – von Luthermützen bis zum Reformationsshirt – ging die dortige Jugendkirche einfach eine Etage tiefer. Es mussten die Reformationskondome her. Mit Sprüchen von vordergründigem Humor wie „Für Huren und Heilige“ und „Hier steh ich – ich kann nicht anders.“ Man weiß jetzt auch nicht was schlimmer war, dieser Versuch irgendwie das Thema bei der Hauptopfergruppe kirchlicher Missionsbeglückung, jungen Menschen, an die Frau oder hier ja vor allem an den Mann zu bringen. Oder aber die völlig überzogene Reaktion der rheinischen Kirche, die hektisch das Ganz beendete, alle Kondome gleich wieder einsammeln und ohne Sprüche über die HIV Arbeit verteilen ließ. Und damit dann auch endlich für die nötige Öffentlichkeit in allen Medien der Republik und bei mancher Protestantin, manchem Protestanten mal wieder für eine ordentliche Portion Fremdschämen gesorgt hat.

Zum anderen, zwar von der Öffentlichkeit, selbst in den Kirchengemeinden, weniger wahrgenommen, aber in meinen Augen gravierender sind da schrille Töne, die durch den ganzen Reformationslärm aus Hannover in das Land des Protestantismus entsandt werden. Da ist dann von „grummeliger Meckerstimmung“ und Miesepetrigkeit die Rede, von mangelnder Unterstützung etc. Thies Gundlach, Vizepräsident, und damit der zweite Mann neben Bedford-Strohm bei der EKD sah sich wohl zu diesen Aussagen in der Märzausgabe des evangelischen Magazins „Zeitzeichen“ genötigt. Grund dafür: Es gibt halt ein paar Theologinnen und Theologen an den Universitäten, die wollen nicht so  einstimmen in den ganzen Jubel- und Freudentaumel gerade der Vertreter der EKD über all die tollen Sachen des Herrn Luther anno 1517 und der angeblichen ökumenischen Liebe in 2017. Darüber ist Herr Gundlach anscheinend mehr als erbost und sah sich zu diesem mahnenden Artikel genötigt. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, die Aufgabe der Theologie würde darin bestehen, den christlichen Glauben verstehen zu wollen. Mit wissenschaftlichen Methoden und im Gespräch mit heutigen Erkenntnissen der Forschungen unterschiedlichster Fakultäten. Und das frei von Vorgaben, wie das nun mal in ein einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft ist. Allerdings lag ich da wohl falsch, für Herrn Gundlach scheint ihre Aufgabe die „Zuarbeit für große Glaubensentfaltung, die Gottesbewusstsein und Weltrationalität auch im 21. Jahrhundert zusammenbindet.“ Mal weniger akademisch und zugespitzt gesagt: Die Theologie liefert das akademische Mäntelchen, für das was die Leitung der EKD sich so ausdenkt. Und sie soll also bitteschön nicht kritisch sein  gegenüber was in Hannover ex cathedra verkündet wird.

Und spätesten als ich das so alles las, war es dann vorbei. Der Zahn pocht nun so stark, ignorieren hilft da nichts mehr. Um es kurz zu machen, mein Eindruck bei diesem ganzen Luthergedenkfeierzahn, so wie er mir schmerzt ist leider: Ich muss ihn mir ziehen lassen oder vielmehr mir selber ziehen. Denn so ist das nun mal bei uns Evangelischen, im Letzten sind wir allein für unseren Glauben, unsere Theologie zuständig und verantwortlich. Dieser Zahn, seine Wurzeln sind schon abgestorben, er ist locker und eigentlich wäre er sowieso wahrscheinlich in nächster Zeit von alleine herausgefallen. Denn, so will ich das in aller Deutlichkeit sagen und damit dann auch das Bild vom hohlen, lockeren, toten Zahn zu verlassen, dieses Wurzel ist deswegen abgestorben, weil mir dieser Martin Luther heute nichts zu sagen hat! Reformationsjubiläum hin oder her, theologische Revolution hin oder her, Gründungsgestalt der evangelischen Kirche hin oder her. Das alles kann ein halbes Jahrtausend, das zwischen ihm und mir liegt nicht einfach überbrücken. Er bleibt eine fremde Gestalt, der mir heute in meinem Glauben, in meiner Lebenssituation nichts sagen kann. Es bleibt der unüberwindbare Graben von 500 Jahren. Da helfen auch keine Lutherbonbons oder große Kirchentage. Martin Luthers Glaube, sein Zweifel, seine Überzeugungen können nicht meine sein. Die Vorstellung eines zornigen Gottes, der mich im Gericht nur verdammen kann, macht mir keine schlaflosen Nächte, treibt mich nicht in die Verzweiflung wie ihn. Mir rauben die Sorgen um die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens den Schlaf, dass der Mensch, ich anscheinend nur noch an dem gemessen werde, was ich leiste. Die unglaubliche Beschleunigung, das alles so kompliziert ist, dieser ganze Perfektionswahn. Das macht mein Herz unruhig. Mal ganz von der großen Frage, die über allem steht, ob es diesen Gott überhaupt gibt. Ob mein Glaube ein wirkliches Gegenüber hat oder doch nur in der Leere des Himmels herumgeistert. Damit bin ich kein besserer oder schlechterer Mensch als Martin Luther, aber halt ein ganz anderer Mensch. In mir fließen Traditionen, Erfahrungen, Erkenntnisse von weiteren 500 Jahren. Die zentrale Frage, die Grundlage seines Glaubens, seiner damals umstürzenden Erkenntnis, sie ist nun mal nicht meine. Ich kann mich doch auch nicht dazu zwingen, dass sie das wird. Er hat mir nun mal heute nicht wirklich etwas zu sagen – und damit gilt nun mal für ihn, was für alle Menschen der Vergangenheit gilt. Sie sind Kinder und Menschen ihrer Zeit. Ihr Leben, das was sie uns hinterlassen haben, es soll uns helfen, heute die Welt zu verstehen, zu verstehen, wie sie geworden ist. Zu verstehen, wie heute unser Leben so ist wie es ist und wie wir es verantwortlich für morgen gestalten können. Dass sie uns aber heute unsere Fragen direkt beantworten können, nein. Wer das versucht, der will nur zwanghaft Vergangenes am Leben erhalten, aber die Menschen nimmt er nicht ernst. Weder die, die vor uns lebten, noch die gegenwärtigen. Die aus der Vergangenheit können sich nicht dagegen wehren, selbst ein Martin Luther nicht. Die Menschen heute aber gehen, weil sie mit ihren Fragen allein bleiben. Wenn ihnen auf ihre Fragen Antworten von vor über 500 Jahren präsentiert werden. Und in meinen Augen ist das Reformationsjubiläum an vielen Stellen genau das geworden. Unter Zuhilfenahme zeitgemäßer Werbe- und Eventindustrie werden Antworten den Menschen präsentiert, deren Verfallsdatum schon vor 200 Jahren mehr oder weniger abgelaufen war.

Martin Luther hat, ich bleibe dabei, mir für meinen Glauben an Gott, für meinen Zweifel an Gott heute nichts mehr zu sagen und das ist auch in manchen Teilen doch auch gut so. Denn seine Hetze gegen die Juden oder seine tiefste Überzeugung, dass wir nicht Herr unserer selbst sind, also nicht frei entscheiden können, keinen freien Willen haben – soll das eine Rolle für unseren Glauben heute spielen? Wollen wir 500 Jahre Kampf um die innere und äußere Freiheit der Menschen einfach beiseiteschieben?

Ja, es hilft alles nichts: Martin Luther hat mir heute nicht wirklich was zu sagen hat, weil seine Fragen nicht meine Fragen sind, weil seine Antworten nicht die Antworten sind, die ich  für mein Leben heute brauche wie das tägliche Brot. Wenn ich das sage,  dann stürze ich ihn auch nicht von einem Denkmal,  dann begehen ich keinen Affront, sondern dann bin ich schlicht und einfach ehrlich! Ich will auch gar nicht gegen die Reformationsfeiern wettern, ich bin immer dafür, wenn Menschen zusammenkommen und es sich gut gehen lassen, gemeinsam genießen, was uns Gott schenkt. Darum geht es mir nicht. Aber es ist doch irgendwie bezeichnend, wenn Herr Gundlach im besagten Artikel, keine theologischen Gründe für seine Kritik an den Theologinnen und Theologen vorbringt, sondern von der großen Unterstützung von Staat, Politik und Gesellschaft für das Jubiläum spricht. Das ist ja schön, aber wir als Kirchengemeinden, wir sind doch kein Luthergedächtnisverein. Wir sollen die Menschen heute mit ihren Fragen ernst nehmen, heute das Wort Gottes in Wort und Tat unter die Menschen bringen. Und dabei stellt sich für mich mittlerweile die Frage, ob das Reformationsjubiläum so wie es seit nun neun Jahren begangen wird und in diesem Jahr auf seinen Höhepunkt zusteuert diesem Ziel dient oder es nicht sogar noch behindert. Mit dem krampfhaften Versuch diesen Mann aus Wittenberg irgendwie so hin zu biegen, das er dann doch wirklich heute was zu sagen hat, das kostet viel Kraft und Mühe, und ich frage mich: Was wird von all dem am 01.11.2017 bleiben?

Der Zahn ist also raus, jedenfalls bei mir. Es wäre gelogen, wenn ich jetzt sagen würde, dass das so ganz schmerzfrei abging, aber es war eigentlich einfacher als gedacht. Der heutige Predigttext war die wohltuende Linderung und sorgte für schnelle Heilung. Was ich da lese, ist kein Schmerzmittel, was den Schmerz betäubt, sondern seine Ursache verschwinden lässt. Denn es ist heilsam zu lesen, wer Grund meines Glauben, Horizont meiner Hoffnung ist, das Leben gut zu leben – und das ist nicht Martin Luther: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Durch diesen Glauben haben die Vorfahren Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht erlangt, was verheißen war, weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat; denn sie sollten nicht ohne uns vollendet werden. Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.“

So aus dem Hebräerbrief. Ich laufe nicht den Lauf Martin Luthers, ich kämpfe nicht seinen Kampf, ich laufe jetzt, hier und heute. Heute, in meinen Tagen versuche ich aufzusehen zu Jesus Christus. Versuche heute zu erkennen, wo meine Fragen, meine Ängste in seinem Sterben am Kreuz, seiner Auferstehung eine Antwort finden. Nicht im Leben und in den Worten eines Mannes vor 500 Jahren in Wittenberg. Denn wenn mein Glaube, der christliche Glaube Antworten auf Fragen, Hoffnungen für die Verzweiflung, Trost für den Schmerz verheißt, dann müssen sie dort zu finden sein, am Kreuz und am Ostermorgen.

Vor uns liegt die Karwoche und das Osterfest, welch eine wunderbare Zeit um genau das zu tun, zum Beispiel in der Predigt am Karfreitag. Denn wenn für Herrn Luther mit allen möglichen Mitteln Werbung gemacht wird, darf ich das doch auch mal für Gottesdienst und Predigt am Karfreitag und Ostern.

Verfasst von: achterosten | 19. März 2017

Herz und Hand sind getrennt – Predigt zu Exodus 20, 17

 

Predigt zu Ex 20,17 (Okuli, 19.III.2017)

 

 

„In Müssenberg bei Arnsberg herrschte einst ein riesiger Berggeist, dessen stilles Walten von den Menschen nicht unbemerkt blieb. Den Bösen zeigte er sich als rächender Alter, den Guten als freundlicher, helfender Geist. Keiner sah ihm jemals in das von langwallendem Bart bekränzte Gesicht; nur schattenhaft blickte er  bisweilen über die Felsen und Höhen, während sein wehender Mantel wie ein Schleier die bewaldeten Abhänge bedeckte.

 

Im Tale, am Fuße des Müssenberges, lebten einmal zwei Brüder, jeder auf seinem Bauernhof. Den älteren, unverheirateten, hatte die Gier so sehr gepackt, dass er sich um jeden Preis auf Kosten seines jüngeren Bruders bereichern wollte. Bei Nacht und Nebel vergiftet er diesem das Vieh, zerstörte ihm die Felder, stahl im sein Geld und zündete ihm gar Haus und Scheune an. Dann trat er, Mitleid heuchelnd, vor den ahnungslosen jüngeren Bruder und bot ihm gegen hohe Zinsen Geld zum Wiederaufbau seines Hofes an. Auf diese Art bekam er den Jüngeren ganz in seine Gewalt.

 

Dieser war nun so arm geworden, dass er beschloss, den Hof einige Zeit allein zu bewirtschaften. Seine Frau und seine Kinder brachte er bei Verwandten unter, die versprachen, gut für sie zu sorgen. Auf dem Rückweg von seinen Verwandten sah er am späten Abend den Müssenberg in seltsamen Licht erglänzen. Ein weiter Spalt zeigte eine erleuchtete, tiefe Höhle, und der Berggeist winkte dem Wanderer, dass er hineinkomme. Zögernd trat er ein und wurde in eine von Kostbarkeiten glänzende Grotte geführt. Dort stand auf einem Tisch zwei Kästchen, das eine aus Eisen, das andere aus Gold.

 

„Nimm das eiserne Kästchen und bring es deiner Familie“, sprach der Geist. „Und sage deinem Bruder, er soll sich das andere holen.“

 

Folgsam nahm der so Angesprochene das eiserne Kästchen, ließ noch einmal seinen Blick über die umliegenden Reichtümer schweifen und verließ dann die Höhle.

 

Zuhause angekommen, öffnete er das mitgebrachte Behältnis – und heraus fielen viele Goldstücke, mehr als er brauchte, um seine Schulden zu tilgen.

 

Am folgenden Tag erzählte er seinem Bruder das Ereignis und zeigte ihm zum Beweis der Wahrheit einige Goldmünzen aus seinem Kästchen. Da erwachte in dem bösen Menschen erneut die Gier, so dass er kaum den Abend abwarten konnte. Und als er zum Müssenberg kam, sah er auch wirklich die erleuchtete Höhle. Rasch trat er ein; stauend stand er wie sein Bruder vor den herrlichen Schätzen, doch Angst kroch in ihm hoch, als ihn die Stimme des Berggeistes aufforderte, das goldene Kästchen zu nehmen. Er fühlte das Unheil, doch gleichwohl ergriff er das Kästchen und eilte hastig hinaus. Dröhnend schloß sich die Höhle hinter ihm und erleichtert atmete er auf, glaubte er doch, der vermeintlichen Gefahr glücklich entronnen zu sein.

 

Auf seinem Hof öffnete er gierig das Kästchen. Aber anstelle der erwarteten Goldstücke züngelte ihm eine Flamme entgegen, die an dem Balken emporkroch und Haus und Hof verzehrte. Doch da trat sein jüngerer Bruder an ihn heran und bot ihm sein Gold an, damit das Anwesen wieder aufgebaut werden könne.

 

Als nun die Gebäude stolzer und schöner als vorher dastanden, erwachte im älteren Bruder erneut der böse Geist. Als er einmal einsam an seinem Tisch saß und überlegte, wie er die Rückzahlung des Goldes wohl vermeiden könne, da stand plötzlich das unheimliche Kästchen wieder vor Augen. Nun fasste er einen schrecklichen Gedanken: Er wollte das Kästchen in seines Bruders Haus tragen, damit dieses verbrenne. Doch kaum hatte er es ergriffen, um es fortzutragen, stolperte er auch schon, das Kästchen öffnete sich – und heraus kam die Flamme. Sofort ergriff sie ihn und er verbrannte.

 

Sein Bruder aber erbte den Hof und lebte noch viele Jahre mit seiner Familie glücklich und zufrieden. Nie vergaß er, den Armen von seinem Reichtum zu geben. Und wenn der Berggeist von Zeit zu Zeit über die Gipfel der Berge schaute, dann blickten seine Augen freundlich auf das stille Glück im Tal.

 

 

 

(nach Anton Steinbach, aus: Schulze, Wolfgang: Die schönsten Bergbausagen aus dem Ruhrgebiet, Essen 1981)

 

Liebe Gemeinde, „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“ Das ist das zehnte und letzte Gebot. Unzählig sind die Märchen, Sagen, Geschichten, Theaterstücke, Kinofilme die diesem Gebot nachgehen. Ich hatte ihnen heute die Geschichte vom „Geist vom Müssenberg“ mitgebracht. Eine alte Sage aus dem Raum von Arnsberg, von dem Lehrer und Volksdichter Anton Steinbach pädagogische zu einer lehrreichen, wenn auch ein wenig brutalen Geschichte weiter bearbeitet. Auch sie ein eingängiger Versuch dem Inhalt des Zehnten Gebotes nachzugehen, es zu befragen. Und, wie ich finde, kommt sie dem Gebot dabei sehr nahe. Wenn mal das allzu vordergründige pädagogische abklopft und den Kern in den Blick nimmt. Dafür müssen wir aber auch einmal das Gebot selber ein wenig unter die Lupe nehmen. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin zutiefst dankbar, das wir zwei Punkte aus dem Gebot heute herausstreichen können. Ich bin jetzt einfach mal so frei: die Frau und den Knecht. Sie gehören, der Herr sei gelobt dafür, heute nicht mehr zu den Dingen, von denen ausgegangen wird das sie zum Besitzstand gehören. Also zu  den Dingen, die ein freier Mensch zum Überleben und zur sozialen Sicherung seiner Existenz benötigt. Okay, ich muss zugestehen, natürlich erlebe ich auch immer wieder mal Ehemänner, bei denen das in Hinblick auf das eigenen Überleben und die Ehefrau doch noch sehr eng verwoben zu sein scheint. Gemäß dem Motto „Du Schatz, tut mir leid, dass ich dich schon wieder in der Kur anrufen muss, aber irgendwie hat das mit der Suppendose nicht funktioniert. Da stand was vom im Wasserbad erhitzen, von vorher öffnen stand da nichts. Hast Du gerade mal die Nummer von unserem Anstreicher.“ Ich denke, diese Spezie von Männern können wir heute mal ein wenig vernachlässigen und fest halten: Es geht bei dem Gebot um die Dinge, die einem Menschen ein Leben, ein Überleben in sozialer Sicherheit, in Freiheit ermöglichen. Die die elementare Grundlage für dieses Leben, was Gott für die Menschen will, bilden. Daher können und müssen wir sie auch heute mit anderen Begriffen füllen. Begriffe wie Arbeitsplatz, Wohnraum etc. Begriffe, die vielleicht nicht mehr ganz so handfest sind wie ein Esel, die wir aber heute dringend benötigen für ein Leben in Freiheit.

 

Und was soll das mit dem „Begehren“. Viele Köpfe habe schon darüber geraucht und ich muss ihnen sagen, auch ich habe heute darauf keine eindeutige Antwort. Es gibt da sozusagen ja zwei mögliche Wege. Der erste das ist der der moralischen Goldmedaille: „Begehren“ meint wirklich etwa in Sinne eines inneren Vorganges. So eine Art starker Wunsch in uns, das wir gerne hätten, was der andere hat. So ein Begriff wie „Neid“ geht vielleicht schon in diese Richtung. Dass das nicht gut ist, ist bekannt. Aber jetzt mal ehrlich, wer kennt, und wenn auch nur ganz kurz, nicht diese Momente in seinem Leben, wo der Neid sich in ihm meldet. Wer wird da aus seinem Herzen eine Mördergrube machen. Weg Nummer Eins würde sagen: Allein dieser Wunsch, den Neid zuzulassen ist der falsche Weg, stellt sich gegen das Gebot. Dabei hat dieses Verständnis von „Begehren“ gewichtige Fürsprecher, z.B. den Mann aus Nazareth, Jesus.

 

Weg Nummer Zwei, um das Gebot zu verstehen, ist eher der der Geschichte von den beiden Brüdern, die ich ihnen gerade erzählt. Verurteilt wird ja hier nicht in einer Art Seelenschau die innere Haltung des ledigen Bruders. Verurteilt wird, dass er wirklich so handelt. Dass er alles tut, um seinem Bruder die Lebensgrundlagen zu zerstören, zu entziehen und damit sein Leben im Letzten zerstören will. Er also den Schritt vom inneren Wunsch zur Tat geht. Er es wirklich tut, die Handlung vollzieht.

 

Der Unterschied zwischen diesen beiden Wegen ist mehr als ein theoretischer, mehr als ein akademischer. Denn hier im letzten Gebot steht sie noch einmal in aller Macht vor uns die Frage: Wie lebensnahe sind denn diese Gebote? Sind sie ein Katalog für moralische Olympiasieger, für Superhelden des Glaubens? Ein Katalog der Überforderung? Oder sollen sie Grundlage einer gelebten Ethik sein, dessen Ziel es ist, dem Willen Gottes möglichst nahe zu kommen? Dem Willen, dass eine Jede und ein Jeder in Freiheit und Gerechtigkeit sein Leben führen kann. Diesem Willem mit den Zehn Geboten nachzugehen, in all unserer Gebrochenheit, in unseren Halbheiten. Denn wieviel wäre doch schon gewonnen, wenn die Menschen sich dem geschilderten zweiten Weg des Verstehens des Zehnten Gebotes anschließen würden. Dann darauf verzichten würden, den brennenden Wunsch in ihrem Herzen die Taten folgen zu lassen und dem Nächsten seine Lebensgrundlage zu zerstören. Ihn in ein Leben in Unfreiheit und Ungerechtigkeit zwingen. Wie menschenfreundlicher wäre dann schon das Gesicht dieser Erde. Wie näher wäre wir dann schon an dem Geschenk Gottes in den Zehn Geboten: Ein Leben in der Freiheit,  für die er uns bestimmt hat.

 

Verfasst von: achterosten | 15. Januar 2017

Der König und der Kohl – Predigt zum VIII. Gebot (Exodus 20, 15)

Predigt zu Ex 20, 15 (II. Sonntag nach Epiphanias, 15.I.2017)

Liebe Gemeinde, zu Beginn eine kleine Geschichte: Da war mal ein Herrscher. Nicht irgendeiner Weltmacht. Nein, wenn man ehrlich sein muss, eher so eine Art Lokalfürst am Rande des Weltgeschehens. Für das Land und die Menschen die dort lebten ist das allerdings mal zweitrangig. Für sie gilt, egal wie groß und bedeutend oder klein und unbedeutend auch ihr Land ist: Er ist ihr König und sie seine Untertanen. Und das lässt er sie auch spüren.

Einer dieser Untertanen ist ein recht reicher Mann. Ihm scheint es gut zu gehen. Jedenfalls hat er einen wunderbaren Weinberg. Fruchtbar, jedes Jahr tragen die Stöcke herrliche Reben. Der Boden ist gut, die Sonne ausreichend. Es ist das Land seiner Vorfahren. Keiner kann sich noch daran erinnern, wann der Erste aus seiner Familie hier seine Harke in die Erde grub, Weinstöcke pflanzte und die Traubenernte einbrachte. Der Weinberg verhalf der Familie zu einem gewissen Wohlstand. Sein jetziger Besitzer musste nicht mehr selber die harte Arbeit ausführen. Dafür hatte er seine Leute, aber es war jeden Tag zu entscheiden, was zu tun war. Fast jeden Tag sieht er bei seinem Gang durch den Weinberg auch den Herrscher des Landes, denn sein Weinstock grenzt direkt an dessen Besitz. Aus den Augenwinkel sieht er wir dieser an seinem Weinberg vorbeigeht oder fährt. Hin zu irgendwelchen wohl wichtigen Gesprächen oder einfach auch nur um zu flanieren. Er versucht dann immer möglichst nicht im Blickfeld des Königs zu sein. Von den Herrschern dieser Welt gesehen zu werden, da muss nicht immer Segen darauf ruhen, so ist wohl seine Überzeugung. Heute aber gelingt ihm das nicht. Denn der König schreitet nicht an seinem Weinberg vorbei. Er bleibt auch nicht kurz stehen, um ihn betrachten, wie er es manchmal in der Vergangenheit gemacht hat. Nein, heute lenkt der König seine Schritte mitten in den Weinberg hinein, direkt auf ihn zu. Da gibt es kein Ausweichen, wohl oder übel bleibt er stehen. Sieht wie der König auf ihn zukommt. Ehrerbietig, aber nicht unterwürfig begrüßt er seinen Herrscher. „Einen schönen Weinberg hast Du. Sehr fruchtbar wie mir scheint. Und direkt neben meinem Palast. Um es kurz zu machen: Ich tausche mit dir. Du bekommst von mir einen anderen, besseren Weinberg am Rande der Stadt. Ich bekomme dafür deinen Weinberg. Kohl werde ich hier anbauen lassen. Guten, wohlschmeckenden Kohl.“ „Nein, mein Herr, das geht nicht. Das ist das Land meiner Vorfahren. Ich kann es euch nicht geben, selbst wenn ich wollte. Ich habe es von meinen Eltern übernommen, ich werde es an meine Kinder weitergeben.“ Erstaunt blickt ihn der König an, ein Moment des Schweigens legt sich über den Weinberg. Selbst die Grillen mit ihrem allgegenwärtigen Zirpen scheinen für einen Moment angesichts dieser Antwort zu verstummen. Wortlos dreht der König sich um, wie betäubt verlässt er den Weinberg, eilt in den Palast, wirft sich auf sein Bett. Als am Abend das Essen aufgetragen wird, liegt er immer noch so dort. Keinen Bissen bekommt er herunter. Immer wieder dröhnt diese Antwort in seinem Kopf. Aber er ist doch der König und er will diesen Weinberg. Er ist der König, der Herrscher! Er will diesen Weinberg! Kaum bemerkt er, dass seine Frau das Zimmer betreten hat. Er nimmt sie erst wahr, als sie ihn besorgt fragt, warum er nichts isst. Mit stammelnden Worten erzählt er ihr von dem Vorfall, von der unverschämten Antwort dieses elenden Weinbergbesitzers. „Aber ich bin doch der König und ich will diesen Weinberg für meinen Kohl!“ mit diesem Aufruf beendet er seinen Bericht. „Ja, du bist der König. Du wirst den Weinberg bekommen. Lass mich nur machen.“ Oh ja, seine Frau die wusste wie ein Herrscher zu regieren hatte, die beherrschte das Geschäft!. Sie schreibt einen Brief. An die obersten religiösen Führer. Es soll ein landesweites öffentliches Fasten geben und der Weinbergbesitzer, dieser geachtet Mann sollte dabei den Ehrenplatz erhalten. Nun aber das Entscheidende: Es gilt zwei Männer zu finden, die zu allem bereit sind. Auch dazu als falsche Zeugen aufzutreten. Die sollen aufstehen und den Besitzer des Weinberges beschuldigen. Er habe Gott und den König gelästert. Daraufhin soll er der einzig möglichen Strafe zugeführt werden: Der Todesstrafe. Sie versieht den Brief mit dem Namen ihres Mannes, des Königs, des Herrschers. Es kommt wie zu erwarten. Die religiösen Führer wissen, wie sie mit dem Willen ihres Königs umzugehen haben. Es wird ein landesweites Fasten ausgerufen. Der Besitzer des Weinberges erhält den Ehrenplatz. Zwei Männer stehen auf und beschuldigen ihn vor allem Volk der Lästerung Gottes und des Königs. Er wird schuldig gesprochen, vor die Stadt geführt und gesteinigt. Den Besitz des Toten, er steht offen für den Anspruch des Königs. Schon am nächsten Tag lässt er die Weinstöcke roden, den Boden bereiten für ein Feld voller Kohlköpfe. Ist er nun glücklich? Glücklich über diesen gelungenen Schachzug, eines uneingeschränkten Herrschers würdig? Vielleicht weiß er es selber nicht. Bis sein schärfster Kritiker sich angekündigt. Wieder so einer, wo es im Kopf des Herrschers dröhnt: „Aber ich bin doch König! Ich bin doch Herrscher!“ Diesen aber wird er nicht so leicht los. Freundlich begrüßt er ihn. Dann ergießt sie sich über ihn, trifft ihn wie harte Schläge. Die Kritik dieses Mannes Gottes, die Worte des Niederganges angesichts der Mordtat, angesichts dessen, dass der König und seine Frau sich zu Schreibtischtätern gemacht haben. Und alles für einen Kohlgarten. Für den Anspruch auf Land, das ihnen nicht gehörte. Brutal sind die Worte, die auf ihn niederprasseln. Die Frau, ihre Leiche werden die Hunde auf der Straße fressen. Alle männlichen Mitglieder der Familie werden den Tod finden. Der König windet sich unter diesen Worten, wird von ihnen, von seiner Schuld zu Boden gedrückt. Er will bereuen, er will zu seiner Schuld stehen. Aber wie, aber wie, der Besitzer des Weinbergs ist tot, er ist der König? Wie soll das gehen?

Wie die Geschichte endet? Der König wird überleben, aber alle nach ihm sterben. Sein Familie wird ausgelöscht. Das brutale Ende seiner Frau im Ende im Straßengraben hallt durch die Jahrtausende.

 

Liebe Gemeinde, es ist immer wieder faszinierend wie lebendig die Bibel ist. Dass sie kein Geschichtsbuch, keine bloße Sammlung von theologischen Richtigkeiten, sondern das Zeugnis unzähliger Gespräche untereinander. Genau das macht sie doch so lebendig, so kann sie Quelle des Glaubens sein für uns. Die Geschichte die ich ihnen gerade erzählt habe, sie ist genau das. Sie erzählt davon, welche Konsequenzen es hat, wenn das achte Gebot, bei dem wir heute sind, einfach beiseitegeschoben wird: „Du sollst nicht stehlen“. Und spart dabei nicht mit einer ordentlichen Portion bitterer Ironie: Ein Mord, ein verwüstetes Königreich, ein brutales Ende einer ganzen Herrscherdynastie wegen ein paar Kohlköpfen neben der Palastmauer. Sie erzählt uns aber auch von den Ursachen, die dazu führten. Und, was für mich das Zentrale dieses Gespräches zwischen dem Gebot und der Geschichte ist, sie erzählt davon, dass ein solches Gebot viel mehr ist, als eine einfache, billige Ermahnung für kleine Kinder und Konfirmanden. Das Gebot führt uns mitten hinein in unser aller Leben mit seinen dunklen Ecken, unseren Verstrickungen. „Du sollst nicht stehlen“ – das ist doch vielmehr als die billige Ermahnung, dass man im Supermarkt nichts mitgehen lässt oder nicht schwarz mit der Straßenbahn fährt. Es geht weit über diese oberflächlichen Appellen hinaus. Es bleibt nicht stecken in dem verzweifelten Versuch, dann doch die Welt irgendwie in schwarz und weiß, in Gut und Böse zu unterteilen. Dann müsste es vielleicht heißen „Du sollst nicht Klauen“. „Stehlen“ das führt tiefer, das umfasst das ganze menschliche Elend. Jenseits von Schwarz und Weiß. Dazu gehört die ganze Bandbreite, wie in der Geschichte des König Ahabs, die ich ihnen gerade erzählt habe. Das ist auch mehr als Diebstahl, das umfasst halt auch den Betrug. Und so führt es mitten hinein in die Abgründe des menschlichen Lebens, unseren Verstrickungen. Als ich mich hinsetze, um diese Predigt zu schreiben, ließ sich ein Präsident eines nicht ganz unbekannten deutschen Fußballvereines zum Thema „deutsche Sprache in der Kabine“ in den Medien aus. Man muss immer vorsichtig mit Vergleichen sein, aber auch sein juristisch bestätigtes Verbrechen stellt das vor Augen. Auch wenn es „nur“ um Steuerbetrug und nicht um einen Wirtschaftsmord ging. Auch dieser Fußballpräsident führte uns in seinen hellen, in seinen klugen Momenten in Interviews und Äußerungen in die Verstrickungen und Abgründe, die ihn dazu brachten, dass achte Gebot mit Füßen zu treten. In die Abgründe von Realitätsverlust und Sucht. In eine Geschichte, die es am Ende nicht mehr möglich macht zu einem einfachen Schluss a la schwarz-weiß zu kommen.

Diese Tiefe des Lebens umfasst das Gebot, in die Tiefen meiner, unserer Verstrickungen. Eröffnet den ganzen Horizont des menschlichen Lebens und zeigt, dass die Gebote vielmehr sind als ein einfacher Moralkatalog, sondern der Weg zu einem anderen Blick auf uns Menschen. Der Blick auf all die Schattierungen unseres Lebens, der weiß wie schwer Schuld und Unschuld oft zu trennen sind, der weiß um meine Abgründe, meine Verstrickungen und den Schmerz darüber. So der Weg zur Heilung ist.

Unsere Mütter und Väter im Glauben, die sich wie wir fragten: Haben die Gebote für uns überhaupt eine Bedeutung, kamen zu einem wunderbaren Schluss. Die Gebote sind für Christinnen und Christen eine Richtschnur. Eine Leitplanke bei der Frage was das gute und richtige Handeln ist. Sie sind aber auch und genau so der Weg zur Heilung. Denn dies ist der eine der drei Wege der Gebote, von denen unsere Mütter und Väter im Glauben sprachen: In uns das Verlangen, die brennende Frage zu entzünden: Was kann mich befreien aus meinen Verstrickungen? Aus all meinen Halbwahrheiten? Sie sollen uns nicht quälen, uns niederhalten, uns klein halten, sondern so uns führen auf den Weg hinaus aus all dem. So sind sie das Geschenk des liebenden Gottes, der um all unsere Abgründe, all unsere Halbheiten weiß. Der uns aus ihnen befreien will und kann.

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