Verfasst von: achterosten | 2. Juni 2019

Die „zweite Luft“ – Predigt zu Epheser 3, 14-21

 

Predigt Eph 3, 14-21 (Exaudi, 02.VI.2019)

Kennen Sie die schwäbische Alb? Bis vor zwei Wochen ich auch nicht so wirklich, jetzt allerdings schon sehr viel genauer. Landschaftlich, muss ich sagen, wirklich reizvoll. Herrliche Natur, gerade jetzt im Mai, die blühenden Hochwiesen, malerisch darin immer wieder ein kleines Dorf mit allem was dazu gehört: Kirche, Gaststätte und ein kleiner Dorfbach. Einfach herrlich, zumindest wenn man Besucher ist. Wohnen möchte ich da nicht wirklich. Allein schon wegen der sprachlichen Schwierigkeiten, aber auch weil ich wohl nie verstehen werde warum an der Kehrwoche das Seelenheil hängt. Aber davon abgesehen, eine herrliche Gegend, die ich vor zwei Wochen zu Fuß erkunden durfte. Zwei Harken hatte dies allerdings: die schwäbische Alb ist, wie der Name schon sagt, eher hügelig, um nicht zu sagen, für einen typischen Bewohner der norddeutschen Tiefebene, gebirgig. Es geht also fröhlich rauf und runter. Punkt zwei: Mein Kennenlernen der schwäbischen Alp war von der intensiven Art, nämlich kein netter Spaziergang sondern eine – da eher ich zur Zeit eher untrainiert bin – erschöpfende Wanderung von 30km!
So, jetzt ein radikaler Ortswechsel, behalten Sie aber das Bild eines erschöpften Wanderers in herrlicher Landschaft vor Augen. Jetzt geht es um einen Ort, den sie alle kennen. Für Außenstehende wohl eher nicht unter der Überschrift „landschaftliche Idylle“, für uns hier aber ein Traum. Die Erzbahntrasse zwischen Westparkt und Rhein-Herne-Kanal. Herrliche Landschaft mit Förderturm und Bude. Am Sonntagnachmittag kein Durchkommen vor lauter Radfahrern, morgens herrlich leer. Dort will ich am besagten schlechten Trainingszustand endlich was ändern und gehe laufen. Start und Endpunkt Erzbahnschwinge. Hinweg immer locker flockig, Rückweg erst laut atmend, dann keuchend mit Zunge auf der Schuhsohle. Das letzte Stück zwischen Brücke und Erzbahnschwinge ist dann immer die ganz große Herausforderung – und dann gebe ich manchmal auf und gehe das letzte Stück eher gemütlich spaziere als wirklich laufen. Aber es ist auch immer so verdammt anstrengend: Schon so viel gelaufen, da kann man auch schon mal früher aufhören.
Ein Schwenk wieder zurück auf die Schwäbische Alp, Kilometer 25, das Gejammer und Gefluche habe ich schon vor drei Kilometern eingestellt, dazu reicht die Kraft nicht mehr, jedes bisschen Sauerstoff wird in den Beinen benötigt. Und – mache ich das gleiche wie auf der Erzbahntrasse, einfach aufhören? Natürlich nicht, es geht weiter – auch die letzten 5 Kilometer wird tapfer weitermarschiert und am Ende reicht die Kraft sogar noch für ein zufriedenes etwas schiefes Siegerlächeln.
Warum hier und nicht auf der Erzbahntrasse? Weil ich auf der Schwäbischen Alp nicht allein war – ein guter Freund aus Stuttgart war dabei, der ist durchtrainiert, Marathonläufer. Dass er dabei war, das gemeinsame Wandern, das hat eigentlich schon gereicht für das, was Sportler gerne hoch trabend die „zweite Luft“ nennen. Kennen Sie die? Das ist der Moment wenn sie schon eigentlich total erschöpft sind und dann doch noch mal so einen richtigen Schub kriegen, noch mal alles geben können. Doch noch mal auch über die 90. Minute hinaus über den ganzen Platz dem Ball hinter her rennen, sich zum letzten Sprungwurf hochschrauben, den letzten Pass präzise werfen wie keinen vorher oder halt wie ich auch die letzten fünf Kilometer durchhalten und am Ende mit einem schiefen Grinsen am Ziel stehen: „Geschafft – und das gemeinsam.“ Eines der schönsten Gefühle, die es für uns gibt.
Vielleicht auch der Grund warum Sport in unterschiedlichsten Formen immer schon zum menschlichen Wesen dazu gehörte. Das Erleben der „zweiten Luft“, der Gemeinschaft. Das Spüren von Kraft – Kraft, die aus einem selber kommt, aber die man sich nicht selber gegeben hat, sondern von außen angestoßen wurde, sich dem verdankt, was außerhalb von einem selbst ist. Weil man in diesem Moment mit seinem ganzen Wesen, mit jeder Faser eines spürt: Du bist nicht allein! Diese wichtigen Worte in diesem Moment Wahrheit sind: Du bist nicht allein! Das kann nur von außen kommen, dafür ist ein Gegenüber nötig.

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“ Ein paar Sätze aus dem Epheserbrief, die eigentlich genau das meinen, der Impuls von außen, der uns mit allen Fasern spüren lässt: Du bist nicht allein!
Aber – dabei sind wird doch genau das, allein in unserem Glauben. Wo ist denn Gott, wo ist der Auferstandene? Weit weg, soweit weg, dass wir dafür den fernsten und unklarsten Ort nehmen: den Himmel. Irgendwo dort, vielleicht. Das ist doch die Tatsache dieser Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten – allein auf weiter Flur stehen wir da. Gott, Jesus Christus? Halt irgendwo dort, „im Himmel“. Verdammt weit weg! Viel zu weit für das Gefühl, nicht allein, von Gott verlassen zu sein. Zu weit weg auch um da irgendwelche Nähe konstruieren zu können, das Gefühl des Alleinseins weg argumentieren zu können. Aus unserer Kraft können wir sie nicht überwinden, diese endlose Entfernung. Aus uns selbst können wir es uns nicht sagen: „Du bist nicht allein!“. Es braucht etwas, was uns von außen gegeben wird, ebbend jene Kraft, von der im Epheserbrief die Rede ist. Jener Geist, der diese Kraft bewirkt. Der die „zweite Luft“ schenkt, der mit jeder Faser spürbar macht „Du bist nicht allein.“ Auf diese Kraft, diesen Geist warten wir. Nächste Woche wird uns erzählt, dass er da ist, dieser Geist, in uns. Bleibt sie nicht trotzdem, die Frage – diese Kraft, dieser Geist, wo soll er sein? Gottes Nähe? Ein wortwörtlich frommer Wunsch, oder etwa nicht? Wo soll ich was davon spüren?

Eine Frage, der ich ehrlicherweise gerne ausgewichen bin, erst langsam lerne ich, dass ich es schon gespürt habe, aber es so nie wahrgenommen habe, weil mein Blick in die falsche Richtung ging. Gestarrt in Richtung Himmel, diesen völlig offenen, undefinierten Ort. Von dort es erwartet habe und gar nicht gehört habe, die Worte der Männer zu den Jüngern als sie Jesus in den Himmel nachstarren: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und starrt gen Himmel?“ Dass dort nicht der Geist zu finden ist, sondern an ganz vielen anderen Orten, unter uns Menschen. Dass nicht von einem fernen Ort dieser Geist, nicht von oben, sondern von links und rechts neben mir. Auf unterschiedlichste Art und Weise, und wahrscheinlich niemals auf geraden, klaren Wegen, sondern krumm und verschlungen, so wie unser Leben ist. Mitten im Leben und doch so, dass das Leben über sich in diesem Moment hinauswächst, die „zweite Luft“ bekommt, spürt „Du bist nicht allein!“.
So will ich mit einem dieser „Orte“ schließen, der für viele jeden Samstag genau das ist. Es ist eine Schnulze. Eine Schnulze mit einer völlig verschlungenen und krummen Geschichte. Eigentlich ein Stück aus einem Musical, eine krumme Adaption von Liliome, ein Theaterstück, das heute auch nur noch Kennerinnen und Kennern etwas sagt. Ein Weg aus dem Budapest der K. und K. hin zur seichten Begleitmusik vor Spielbeginn in der Anfield Road in Liverpool. Von dort hin zu einem Lied das vielen Menschen genau diesen Geist, diese Kraft spüren lässt mit jeder Faser. Wohl auch, weil sie es gesungen haben angesichts von 96 toten Fans 1989 im Hillsborough Stadion und als sich im Westfalenstadion die Nachricht verbreitete, dass ein Fan während des Spieles einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hatte.

Wenn du durch einen Sturm gehst
Halte deinen Kopf oben und fürchte nicht die Dunkelheit
Ein goldener Himmel ist am Ende des Sturms
und das süße, silberhelle Lied einer Lerche

Gehe weiter durch den Wind
Gehe weiter durch den Regen
obwohl alle Deine Träume umgeworfen werden.

Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen

Geh weiter, geh weiter,
Mit Hoffnung in deinem Herzen
Und du wirst niemals alleine gehen
Du wirst niemals alleine gehen

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Verfasst von: achterosten | 28. Mai 2019

Religiöse Allergie – Predigt zu Johannes 16, 23b-33

Predigt zu Joh 16, 23b-33 (Rogate 26.V.2019)

Aus dem Johannesevangelium: „Und an jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. Bis jetzt habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude völlig sei! (…)An jenem Tag werdet ihr bitten in meinem Namen, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde; denn der Vater selbst hat euch lieb, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, daß ich von Gott ausgegangen bin. (…) Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden.“

Welche Allergien haben Sie denn so? Ist es das Gluten, Lactose oder Pollen? Wie sind die Symptome: Magenschmerzen, tränende Augen, juckende Haut? Ich leide ja sehr stark an einer schweren Form der religiösen Allergie, so eine Art Frömmigkeitsunverträglichkeit. Die sorgt in leichten Fällen nur für eine Art vorübergehendes inneres Jucken, in schwereren Fällen für ziemlich große, schmerzende Pickel auf der Seele. Am liebsten möchte ich dann laut werden und mir einmal kräftig Luft machen: „Was soll dieser verdammte Mist? Für was soll das jetzt gut sein?“ Macht man natürlich nicht oder zumindest nicht in der Öffentlichkeit, soll ja friedlich zugehen bei uns. Auslöser für diese schwere Form religiöser Allergie? Texte wie den, den Sie gerade gehört haben. Ich meine, was soll das? So Sätze wie „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. Bittet, und ihr werdet empfangen.“ Geht es bitte schön noch tausend Meilen entfernter an der Lebensrealität vorbei? Wie lang soll sie denn noch sein, die Schlange der Menschen, die das so ernst genommen haben? Ich will uns heute Morgen mal nicht komplett die Stimmung versauen und in die ganz großen Tiefen menschlicher Abgründe und menschlichen Leidens hinabsteigen. Denn es fängt doch schon harmloser an. Denn, das scheint doch auch klar, über was ist Gott am besten informiert? Natürlich über die schulische Karriere einer Unzahl von Menschen. Schlagartig steigt da vor jeder Mathe- oder Lateinarbeit die himmlische Sprechstundenfrequenz. „Lieber Gott, es muss ja nicht gleich die Eins sein, das wäre auch ungerecht, weil ich ja wirklich eine faule Socke bin, aber komm, eine vier wäre schon super.“ Und diejenigen die Gott nicht gleich für den Weihnachtsmann halten, versuchen es geschickter: „Lieber Gott, nein, ich bitte nicht um eine Note, sondern um die nötige Kraft und Konzentration für diese entscheidende Arbeit. Wäre es nicht gerecht, ich habe dieses Mal auch echt versucht zu lernen, aber du weiß ja, was alles dazwischen gekommen ist….“ Ich kann nicht abstreiten, dass in ganz verzweifelten Momenten meiner schulischen Karriere ich es auch nicht auf diese Art und Weise versucht hätte. Ergebnis: Mathe war und blieb für mich ein Tennismatch – keine Punkte. In Latein hat mir auch eher der Sachteil mit inhaltlichen Fragen den Hals und das Latinum gerettet. Göttliche Gebetserhörung, wie im heutigen Predigttext versprochen, – wohl eher nicht, wenn nicht eher sogar vielleicht überhaupt nicht. Und wie bereits gesagt, das ist die harmlose Variante der unzähligen, die zu Gott riefen und nichts empfingen außer, wenn es ganz mies lief – noch mehr Elend. Darum meine ausgeprägte allergische Reaktion auf Texte wie diesen, einen allergischen Schock kriege ich dann, wenn es dann noch die ganz speziellen Frommen gibt. Die dann anfangen, die Schuld dafür bei den Menschen selbst zu suchen, bei ihrem mangelnden Glauben oder ähnlichem. Selbst so erlebt. Ein großer Unglücksfall, ein junger Mensch schwer verletzt und es fallen Sätze wie „Wir haben nicht genug geglaubt.“, „Wir haben Gott / Jesus nicht genug geliebt.“ Ich will ja keiner und keinem zu nahe treten, aber das ist vor allem eines: Der Höhepunkt christlichen Zynismus und Menschenverachtung.
Diese meine religiöse Allergie hat über die Jahre zugenommen, je größer die Erfahrung, die Begegnung mit Menschen, gerade auch den Verzweifelten, war. Aber ehrlich gesagt, ich glaube diese religiöse Allergie ist ziemlich weit verbreitet und wahrscheinlich häufiger als Heuschnupfen. Und was schützt vor allergischen Reaktionen? Genau, die Vermeidung. Und so sind viele zu dem Schluss gekommen, das mit dem Beten und gleich mal auch mit Gott, dem Glauben lieber ganz sein zu lassen. Wer will es ihnen auch vorwerfen, die Erfahrungswerte, das Leben an sich spricht ja auch eher dafür.

Bei mir ist es der etwas andere Weg gewesen, der bei Allergien ja auch hilfreich sein kann – die Desensibilisierung. Man setzt sich immer wieder gewissen Dosen des Stoffes aus und hofft so, das sich die Allergie wenn auch nicht verschwindet, so doch bessert. Ich muss sagen: Hat geklappt bei mir. Wodurch? Durch intensives theologisches Studium? Leider nicht ganz, sondern es kam noch etwas anderes hinzu –ein Witz, sie mögen es mir verzeihen. Der ist nicht neu und ein klassischer Erzählwitz:
Gott selber erscheint im Traum einem christlichen Geistlichem und einem jüdischen Rabbiner. Beiden teilt er mit, dass es mal wieder Zeit für eine Sintflut sei, die er, Gott, Ende nächster Woche über die Menschen schicken wird. Der Geistliche und der Rabbiner seien von Gott ausgesucht worden, das den Menschen zu verkünden. Das alles teilt Gott ihnen in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit. Der Geistliche kann es also schon am nächsten Morgen verkünden. Um mit einem verzweifelten Aufruf zu enden: „Betet um Errettung, vielleicht können wir so den Entschluss des Herrn noch ändern.“ Der Rabbiner hat eine Woche Zeit zum Nachdenken. Er stellt sich am Samstag in der Synagoge vor die Gemeinde: „Der Herr hat eine Sintflut angekündigt, betet und – “ Kurze Pause. – „lernt Schwimmen!“
Dieser Witz hilft mir jedenfalls sehr bei meiner Allergie, denn er lenkt den Blick um, weg von der einfach Gleichung Bitte an Gott = Erfüllung. Er lenkt den Blick auf mich, die Menschen um mich herum, auf unser Handeln. Verbindet beides: Gebet und Tun! Beten und Handeln. Stellt beides in eine unauflösliche Verbindung. Durch unser Handeln wird uns geholfen, es liegt in meiner Verantwortung, in meinem Tun, dass was aus mir wird. Klar, kenn ich doch, wird jetzt jemand von Ihnen sagen: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“ Uralt, mindestens 2600 Jahre alt, aber genau das ist in meinen Augen nicht gemeint. Was wenn der Satz genau anders herum wahr ist, wenn es um das Beten und seine Konsequenzen geht? „Helft euch untereinander, so hilft euch Gott!“ Wie ich darauf komme? Weil Jesus im Zusammenhang des Betens von der Liebe spricht. Wie Gott diejenigen liebt, die ihn lieben. Und dass das der Schlüssel zum Gebet ist. Und das Kriterium für diese Liebe zu Gott? Fromme Sprüche, laute Bekenntnisse? Nein, sondern: „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ So sagt Jesus es seinen Jüngerinnen und Jüngern kurz vorher. Für mich ist es auch der einzig mögliche Schlüssel, jedenfalls der ohne allzu große allergische Reaktionen. Denn wo habe ich die Hilfe Gottes erfahren, im Gebet erschrien oder nur leise gehofft? In der Hand, die mir einer entgegenstreckte. Dort wo Gebete nicht Worte blieben, sondern Menschen zusammen es in die Hand genommen haben, für das einzutreten, für das sie beten. Wo sie auf das Gebet der anderen neben ihr gehört haben, sich haben anrühren lassen. Wo der Blick im Gebet nicht gen Himmel geht, der sich immer wieder als ziemlich leer erweist, sondern rechts und links neben sich, auf die, auf den neben mir mit ihrer Freude, mit seinem Leid. Wo es nicht bei Worten ohne Konsequenzen bleibt, sondern im Sprechen, im Schreien, im Flehen die Kraft wächst zu handeln. Die helfende Hand zu ergreifen, sie selber auszustrecken. Die Freude des anderen nicht zu stören, sondern als kostbaren Schatz zu schützen.
Dieser Gedanke „Helft euch untereinander, so hilft euch Gott“ – vielleicht ist es ja nicht nur ein Mittelchen gegen meine allergischen Symptome, sondern ein wirklich wahres, ein echtes Heilmittel.

Verfasst von: achterosten | 12. Mai 2019

Heldinnen des Lebens – Predigt zur Konfirmation

Predigt Konfirmation 2019 (Jubilate, 12.V.2019)

Liebe Konfis,
Ihr kennt das Spiel aus Gahlen. Ihr bildet zwei Gruppen, die eine auf der linken, die andere auf der rechten Seite, ich spiele eine Musik an und wer als erste Sagen kann, woher diese Musik stammt hat gewonnen.

Genau, Avengers, diese Filmreihe aus dem Marveluniversum. Der letzte Teil „Endgame“ bricht gerade alle Rekorde an den Kinokassen. Egal, ob Captain America, Iron Man, Hulk, Spiderman oder all die anderen – es geht um alles, wie immer, die Zukunft der Welt. Da braucht es ganz klar Superhelden. Ich selber bin ja eher DC-Anhänger und vor allem Fan von Batman. Aber auch da ist Rettung nur durch Superhelden möglich.
Ein Held zu sein? Eine, die für das Gute kämpft? Vielleicht ja doch der heimliche Traum von mancher von Euch, von manchem von uns. Vielleicht ja gerade kein Superheld, aber ein Held des Alltags. Eine, die im richtigen Moment das richtige tut, mutig, entschlossen. Vielleicht wie Abdul Aziz, der Mann, der sich dem rechtsradikalen Terroristen von Christchurch im März in den Weg stellte und so wohl noch weitere Tote verhinderte. Oder die Feuerwehrfrauen und -männer von Paris, die sich für den gefährlicheren, aber schonenderen Weg der Brandbekämpfung von Innen entschieden. Und zum Glück nicht auf den Twitterkönig aus den USA gehört haben und so Notre-Dame gerettet haben.
So ein Held zu sein, so im echten Leben vielleicht? Das wärs doch. Wie aber wird man so eine Heldin, so ein Held? Nun ja, Superheld wird man relativ leicht – es empfiehlt sich da die Aufnahme unbekannter chemischer Substanzen, das Verschlucken von radioaktiven Tierchen oder einfach bei der nächsten MRT Untersuchung den Radiologen bitten, mal das Gerät stundenlang auf volle Pulle laufen zu lassen. Heldin, Held des Alltags, des Lebens zu werden – das scheint nicht ganz so einfach, oder etwa doch?
Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat in einer der letzten Ausgabe dem Thema eine ganze Doppelseite gewidmet und wer „Die Zeit“ kennt weiß, das ist viel Text. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen schon länger der Frage nach, was unterscheidet die Heldinnen, die Helden des Alltages von denen, die nur dabei stehen, starr vor Schrecken oder mit abartiger Sensationslust? Was mich erstaunte, die Antwort ist anscheinend erst einmal relativ einfach: Es sind zwei Dinge, mehr nicht.
Das erste, es ist wenig erstaunlich: Es braucht Eltern oder andere Vorbilder die einer, einem Mitgefühl, Fairness und Verantwortung mitgegeben haben. Und – nicht unwichtig, das Gefühl durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Also ein Leben als Kind, als Jugendlicher das geprägt war durch Worte wie Toleranz, Eigenständigkeit und Selbstvertrauen. Ich denke, das sind doch auch Dinge die heute Morgen hier die Mehrheit von Ihnen unterschreiben würde. Als Fundament eines gelingenden Start ins Leben, als Fundament des Umganges mit Kindern, der Erziehung. Alles Gut bei diesem Punkt.
Nummer zwei dagegen, da wird es kniffliger. Denn noch etwas scheint viele der Heldinnen und Helden des Lebens, des Alltages auszumachen: Die frühe Erfahrung von Leid, von eigenem oder fremdem. Eigene Krankheit, Verlust eines lieben Menschen oder anderes was ihnen eines vor Augen führte: Das Leben ist zerbrechlich, gefährdet und wir brauchen in diesen Zeiten die anderen, die Menschen, die uns beistehen. Das ist jetzt mal nicht mehr so schön. Das lässt sich ja vielleicht auch noch verstandesmäßig nachvollziehen, vielleicht auch noch aufgrund eigener Erfahrungen im Leben. Spätestens bei der Konsequenz wird einem dann doch aber ein wenig flau im Magen. Denn heißt das nicht im Umkehrschluss – solche Erfahrungen sind notwendig? Es ist vielleicht sogar gut, dass Kinder, Jugendliche diese Erfahrungen machen? Nicht alles dafür zu tun sie davor zu bewahren, alles abzuwehren, sie zu beschützen? Klar damit ist jetzt nicht gemeint, junge Menschen bewusst dem Leid auszusetzen, es geht hier nicht um „Was uns nicht tötet, macht uns härter.“ Denn es geht nicht um Härte, ganz im Gegenteil, diese Heldinnen, Helden des Lebens, waren alles, nur nicht hart. Sondern sie ließen sich anrühren vom Leid, Elend, der Gefahr der anderen.
Aber wie reagieren Sie, wenn Ihr Kind eines Tages zu Ihnen kommt und sagt: „Du, ich mache mein Schulpraktikum im Altenheim, im Krankenhaus, in der Schlafstelle für Obdachlose. Ich mache mit bei der Freiwilligen Feuerwehr.“ Und Sie haben dabei eines vor Augen: Dort wird sie, er auf das Leid des Lebens unweigerlich treffen, in seiner ganzen Härte. Wie reagieren Sie?
Ich weiß es nicht, aber eines weiß ich: Der heutige Tag, die Konfirmation, Euer Ja zu Eurer Taufe, Euer Ja zum christlichen Glaube kann in sich das Vertrauen tragen. Das Vertrauen, sich nicht vor dem Leid der anderen zu verschließen, aber auch das Vertrauen, es mittragen zu können, damit umgehen zu können, daran nicht zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen. Das Vertrauen, dass Ihr Konfis in Euch tragt, aber auch das Vertrauen von Ihnen, liebe Eltern, Familienmitgliedern, Freunden: Das Kind hat etwas, was sie, ihn tragen wird in diesen Erfahrungen, ihr, ihm das nötige Maß an Mut und Kraft gibt.
Eure Bekenntnisse, Eure Konfisprüche, die Ihr selber geschrieben, Euch selber aus der Bibel gewählt habt, die sprechen genau davon: Von der Hoffnung, von dem Vertrauen, dass ihr Mut und Kraft im Glauben findet, ihr getragen werdet von dem einen Gott, zu dem Ihr Euch heute bekennt.
Noch etwas zum Schluss: All die, die Heldinnen und Helden des Alltages sind und alle, die sie erleben durften, haben, glaube ich, noch etwas anderes gelernt. Wie wichtig Tage wie heute sind, Tage des Feierns, des sich Gutgehen-Lassens. Weil sie erfahren haben, wie wertvoll das ist: Stunden, ein Tag, ein Augenblick des Lebens, der Freundschaft. Wie schön es ist, dass es Glauben, Gott gibt, das was uns trägt. Wie schön es ist, dass es wahr ist, was Abdul Aziz später in Christchurch sagte: „Ich bin kein Held. Es gehört zu unserer Menschlichkeit, dass wir anderen Menschen in Not helfen.“

Verfasst von: achterosten | 22. April 2019

Mahlzeit! – Predigt zu Jesaja 25, 6-9

Predigt Jes 25, 6-9 (Ostmontag 22.IV.2019)

Da gibt es dieses kleine Dorf. Umgeben von Festungen der Besatzungsmacht. Was die liebenswerten Bewohner des kleinen Dorfes nicht weiter stört. Ganz im Gegenteil, sind diese doch gerne auch mal Ziel gepflegter Ausflüge an die frische Luft und zur allgemeinen körperlichen Ertüchtigung. Was die Soldaten dieser Festung aber leider nicht ganz so positiv sehen, denn für sie bedeuten diese Ausflüge vor allem eines: tagelang Schmerzen. Ein idyllisches Dort, direkt am Meer, vom Wald umschlossen. Der auch gleich das Lieblingsessen der Dorfbewohner liefert, vor allem von einem. Dem sieht man es dann aber auch an. Von diesem Dorf starten er und sein kleiner, schnautzbärtiger Freund in alle Himmelsrichtungen der damals bekannten Welt.
Sie werden es erkannt haben, das kleine Dorf und seine beiden Helden – genau Asterix und Obelix und all die anderen Bewohner jenes kleinen namenlosen Dorfes am Rande von Gallien. Bestimmt kennen Sie da die ein oder andere Geschichte der beiden. Aber egal ob Rom, Ägypten oder gar das ferne Indien – das letzte Bild ist immer das Gleiche: Alle sitzen in einer großen Runde zusammen, es gibt Wildschwein ohne Ende. Man freut sich über die glückliche Rückkehr, genießt das Leben, die Freundschaft, das Zusammensein. Gut, das gilt nicht für alle – der Barde des Dorfes schafft es fast nie dabei zu sein. Warum bloß nur? Egal, denn wir haben heute Morgen genau das und nichts anderes als Asterix und all die anderen gemacht, auch wenn es kein Wildschwein gab.
Der Predigttext passt da auch wunderbar: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, daß er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; laßt uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.«
Da lässt es Gott aber mal richtig krachen. Nichts mit Streuselkuchen und Tasse Kaffee. Hier wird richtig aufgefahren und nur vom Besten und hoch die Tassen. Das ist so einer der Texte wo ich das mit der protestantischen Leibfeindlichkeit endgültig nicht mehr verstehen kann. Denn was ist denn hier das Hoffnungsbild? Dass wir alle auf Wolken in ewiger Anbetung vor uns hin schweben? Nein, ein ordentliches Festmahl wir uns vor Augen gestellt. Ein Ort des Endes allen Elends, aller Trauer. Ein Ort, wo wir es uns gut gehen lassen.
Das ist doch einmal ein verheißungsvolles Bild einer Zukunft, das mir bedeutend näher ist als irgendwelche vergeistigten Bilder. Das ist doch mal was Handfestes. Und damit sind wir dann leider beim heutigen Tag. Ich sage ganz bewusst leider. Denn das ist doch das große Problem, was wir mit Ostern haben. Für die Jüngerinnen, für die Jünger war das ja anscheinend ganz „handfest“ mit der Begegnung mit dem Auferstandenen. Manchem vielleicht sogar zu „handfest“. Denn sie ist schon irgendwie ekelig die Vorstellung, dass der ungläubige Thomas da so mit seinen Fingern in der Seitenwunde herumprockeln darf. So „handfest“ hätte es vielleicht auch nicht sein müssen. Aber egal wie – diese Menschen haben eine so „handfeste“ Begegnung, dass es in ihre Herzen, in ihren Verstand gepflanzt ist: der Glaube, dass der, der ihnen gegenübersteht wirklich der ist, der so grausam hingerichtet wurde. Mit dem nicht nur ein geliebter Mensch, ein Freund, ein Lehrer starb, sondern auch alle Hoffnung. Auch aller Glaube, dass es wahr sein könnte, dass es kein ferner Gott ist, sondern ein naher, einer bei den Menschen, um es auch hier zu sagen: ein „handfester“ Gott. Keiner den man sich durch drei Mal um die Ecke denken selber konstruieren muss. All das hang dort mit am Kreuz und starb einen grausamen Tod.
Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist die Begegnung mit dieser Hoffnung, diesem Glauben und setzt sie ins Recht. „Es ist wahr was ihr in diesem Jesus gesehen habt. Das Gott nicht fern ist, sondern bei den Menschen. Das nicht all das Graue, das Tote, das ewig weiter so die Wahrheit über das Leben ist, sondern die Freiheit, das Leben selber.“ Das ist das was sie sehen, was sich in ihr Herz und Gedächtnis bei diesen Begegnungen an Ostern und in den Tagen danach brennt.

Da sag ich doch mal ganz flapsig: „Schön für sie, die Jungs und Mädels damals. Aber ich?“ Ich meine, da sind wir uns doch alle einig, solche „handfesten“ Begegnungen mit dem Auferstandenen, da sieht es doch seit knapp zweitausend Jahren eher mau aus. Jedenfalls wenn man es mit dem vergleicht, was uns da in den Ostergeschichten erzählt wird. Das ist doch, um es mal weniger flapsig zu sagen, nicht gleich das Elend, aber doch das Problem des christlichen Glaubens: Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass es bei uns nicht so „handfest“ wird, dass wir nicht eine so „handfeste“ Begegnung mit dem Auferstandenen haben. Wir müssen uns wieder mit drei Mal um die Ecke gedacht irgendwie Gott, den Glauben zurecht konstruieren?
Ich glaube wir müssen das gar nicht! Ich nehme den Predigttext mal ganz wortwörtlich: Ich glaube, wir brauchen nicht nach hinten schauen und die Jüngerinnen und Jünger an Ostern beneiden, wir brauchen auch nicht in die Zukunft schauen, wenn er dann wiederkommt, der Auferstandene. Wir brauchen nur ins Jetzt gucken! Dort wo es ganz „handfest“ zugeht, dort wo uns Gutes widerfährt. So wie ein gemeinsames Essen,, so wie wir es gerade hatten. Was ist angesichts des Predigttext so verwegen an dem Gedanken, dass wir das was uns dort verheißen wird schon heute genau in dem Beschriebenen erfahren können? Mir jedenfalls ging und geht es immer wieder so. Wie oft habe ich bei diversen Feiern für einen Augenblick genau das gespürt, genau das geglaubt. An ganz hochbedeutenden Punkten, wie bei unserer Hochzeit. Mal ganz abgesehen von all dem Schönen was sich mit diesem Tag verbindet, gab es da auch diesen Moment. Ich sah all die Menschen, die zusammengekommen waren, um uns, meiner Frau und mir alles Gute zu wünschen, die Hoffnung auf ein Leben in Liebe zu feiern. Da war der Jude, der Moslem, der Christ, die Serbin, die Kroatin, ganz nahe lag ihr Geburtsort oder tausende von Kilometern weg, aber sie waren alle da. Da war es für mich wahr: Der Friede, der uns im Auferstandenen verheißen ist.
Oder auch zum Beispiel die Minikirche im letzten Oktober. Am Ende der Minikirche war ein lange Tafel in der Kirche aufgebaut, alle hatten einen Platz gefunden, die Kinder, die Eltern, Großeltern. Die Tafel war gedeckt, die Kerzen brannten und durch die Reihen ging der Teller mit Brot, der Kelch mit den Weintrauben. Danach blieben wir sitzen, es gab zu Essen. Es war eine ganz besondere Atmosphäre. Da war es für mich wahr: Die Gemeinschaft, die der Auferstandene schenkt.
Dort ist er zu suchen, nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft, der Auferstandene. Im „handfesten“ unseres Lebens. Und dann sind wir gar nicht mehr von den Jüngern entfernt, wie wir vorhin in der Lesung gehört haben. Auch sie erkennen den Auferstandenen erst dann als es „handfest“ zur Sache, sprich zum Essen ging.
So höre ich die Ostergeschichten: Ohne sie könnte ich nicht verstehen, was vor sich geht, in diesen Momenten, wenn es gut ist. Wenn er da ist, der gute und Hoffnung schenkende Moment, wenn die Hülle, die alles verdeckt weggenommen ist: Es ist der Auferstandene, dem ich begegne und damit aller Hoffnung, allem Glauben.
In diesem Sinne: „Guten Appetit“ oder von mir aus auch „Mahlzeit“. Denn beim Essen treffen wir nicht nur liebe Menschen, lassen es uns gut gehen, sondern haben auch gemeinsam Ostern.

Verfasst von: achterosten | 19. April 2019

Jesus in den „Honka-Stuben“? Predigt zu Johannes 19, 16-30

Predigt zu Joh 19, 16-30 (Karfreitag, 19.IV.2019)

Man kann es sich kaum vorstellen, wenn man ihn da so sitzen sieht. Ein Häufchen Mensch, für den um ihn herum alles irgendwie eine Nummer zu groß wirkt, für dieses Männchen. Schmalbrüstig, nicht mal 1,70 groß, ein Gesicht das einem irgendwie entgleitet, zur Seite verrutscht. Selbst das Schnurbärtchen, dieser schmale Strich über der Oberlippe bestärkt diesen Eindruck. Das soll er sein? Dass er hier sitzt, ist ein Zufall, so wie alles in diesem Leben Zufall gewesen zu sein scheint, nur niemals ein guter. Ein Brand in seinem Mietshaus, ein Brand wie er immer mal passieren kann. Nichts was gut ist, aber auch keine Katastrophe, kein Mensch kommt zu Schaden, es gibt keinen Totalverlust eines Hauses. Unerfreulich und gefährlich, aber Alltag für die Hamburger Feuerwehr. Ein Zufall und dann noch in der Zeit in der er noch nicht zurückkehrt ist von seinem Job als Nachtwächter. Alltag für die Feuerwehrleute – wenn da nur nicht dieser durchdringende Gestank wäre. Tod und Verwesung liegen in der Luft. Sie suchen nach Brandnestern, decken dafür das Dach ab, finden auch ein, zwei, aber vor allem finden sie die Ursache für den Gestank. In Säcken verstaute menschliche Körper. Es wird eine Zeit brauchen, bis man weiß, dass es drei Menschen waren, drei Frauen. Drei Menschen, die keiner vermisst hat. So wie wohl auch keiner ihren Mörder vermisst hätte – dieses Männchen, dass da in dieser Fantasieuniform eines Nachtwächters vor den Polizisten steht. Dieser Fritz Honka, der jetzt zum Segen aller Boulevardzeitungen inmitten des schlimmsten Sommerlochs wird. Jetzt haben sie die Schlagzeilen – das unscheinbare Männchen mit seinen „ungestalten, viel zu großen Mörderhänden, Monsterhänden“. Bis in die Tagesschau schafft er es. Fritz Honka, am Ende gesteht er, vier Frauen umgebracht zu haben. Er wird verurteilt, erhält nach dem Gefängnis eine neue Identität, lebt unerkannt in einem Altenheim – unauffällig. Am Ende geistig verwirrt holt er ihn wieder ein, dieses Mal allerdings nur in seinem Kopf, der alles durchdringende Geruch von Verwesung mit dem er jahrelang lebte, damals da in Hamburg.
Den zentralen Ort dieser Jahre, den „Lebensort“ von ihm und seinen Opfern, den gibt es bis heute: „Der goldene Handschuh“. Eine Kneipe mitten in Hamburg, wie eine Bucht, eine besondere Stelle an einem Strand an dem sich das menschliche Treibgut sammelt. Fritz Honka, seine Opfer, sie waren, sie sind die andere Seite der westdeutschen Aufstiegsgesellschaft. Die, die keiner damals sehen wollte. Die, an die sich heute keiner mehr erinnern will. Geboren in den 30ern und frühen 40ern des letzten Jahrhunderts, so wie ja nicht wenige heute Morgen hier. Hineingeboren in Unterdrückung und Gewalt. Kinder der Täter oder wie Fritz Honka, der Opfer. Sein Vater saß wohl als Alkoholkranker und Kommunist im KZ. Die Menschen im „Goldenen Handschuh“ sind aber die, die es nicht schafften. Die, die es nicht schafften, einfach zu vergessen, sich mit den richtigen Sachen zu betäuben, irgendwie es auf die Reihe zu kriegen. Von diesen Menschen erzählt Heinz Strunk in seinem Buch „Der goldenen Handschuh“ – nicht vom Frauenmörder Fritz Honka, sondern von diesen Menschen. Vor zwei Jahren ist dieses Buch erschienen. Ich habe es vor einigen Wochen gelesen. Keine leichte Kost, Strunk geht bis an die Schmerzgrenze und locker darüber hinaus. Ein Buch das mich seit dem nicht mehr los lässt. Gerade wenn in an den heutigen Tag denke – an Karfreitag.
Wissen Sie was mich am meisten an diesem Buch erschreckt oder besser verstört hat? Das waren nicht die Mordszenen, da gibt es brutalere in jedem zweiten Krimi. Auch noch nicht mal der bodenlose Abgrund aus Elend, Zerfall, der Kontrollverlust über Seele und Körper – das war immer wieder auch Alltag im Krankenhaus und manchmal auch an der Tür des Pfarrhauses. Nein, so schlimm, so grausam, das ist, nein, es war die Erkenntnis, dass diese Hölle der Dachgeschosswohnung Fritz Honkas auf dem gleichen Fundament steht wie die vermeintlichen Gewinnerseite der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Das Lieblingslied von Fritz Honka? Der Schlager „Es geht eine Träne auf Reisen“. Das Sofa von Fritz Honka? Über und über bedeckt mit den üblichen Stofffiguren und –püppchen wie sie alle in dieser Zeit waren. Die Frauen, die mit ihm mitgingen, um gegen Sex und Unterwürfigkeit eine oder mehrere Nächte im Trockenen und Warmen zu haben? Sie trugen die üblichen Kittelschürzen. Fritz Honkas oberste Maxime? Sauberkeit und Ordnung. Selbst die Sprache, die Bilder, sie waren mir beim Lesen nur allzu vertraut und versetzen mich in meine Kindheit, in die letzten Tage dieser westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Förderten damit auch wieder die Erinnerung zutage: Hatten wir sie nicht alle in unsere Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie? Die, die es nicht geschafft haben, das menschliche Treibgut? Über die nur mehr oder weniger verschämt hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde und wird? Natürlich nicht immer in der Drastik der Menschen im „Goldenen Handschuh“, aber die Grenze war dünner, als es viele sich einreden. Der „Goldene Handschuh“ ist weniger eine reißerische Erzählung über den Frauenmörder Fritz Honka als ein Spiegel westdeutscher Nachkriegsgesellschaft mit ihren Wirkungen bis heute. Wissen Sie womit sich Fritz Honka jahrelang herausreden konnte, wenn sich Menschen im Haus über den bestialischen Gestank beschwert haben? Mit dem Hinweis auf die griechischen Gastarbeiter im Erdgeschoss und dem, was sie angeblich so kochen.
Die Welt der Menschen im „Goldenen Handschuh“ ist keine Sonderwelt derjenigen, die man landläufig „als Bodensatz der Gesellschaft“ bezeichnet. Es ist das Elend jener Jahre, das sich nur im „Goldenen Handschuh“ soweit dreht, bis am Ende, denn so endet auch das Buch, der Wahnsinn steht. Und es gibt viele Drehungen, bis es soweit ist und vier Menschen tot sind. Oder waren sie es schon vorher? Inge, eine von ihnen hat darauf ein klare Antwort, die ich hier mal zitieren will: „Der einzige Unterschied zwischen uns und Leudn auf´m Friedhof is, dass wir im Sitzen vergammeln. Was ist das eigentlich für ein Gott, der so was zulässt. Grunzend wie ´ne Sau. Eine Sau mit goldenen Flügeln. Nur ´n Windstoß hoch in der Luft, so schwebt unser Herrgott über uns und guckt runter auf die Schweinerei, die er da angerichtet hat.“, so stellt sie fest, als die verhasste Offizierin der Heilsarmee ihr gegenüber sitzt.

Eine der Buchstellen, die mich immer wieder an diesen Tag heute erinnerten, was mich seit dem umtreibt: Was hat der Tod Jesu überhaupt für eine Bedeutung, wenn er nichts mit dieser Feststellung von Inge, mit den Menschen aus dem „Goldenen Handschuh“ zu tun haben soll? Wenn wir sie versuchen auszuklammern, wegzuschieben? Wenn der Gekreuzigte über der püppchenverzierten Couch des anständigen Hauses hängt, aber nicht über der von Fritz Honka. Und zwar weil wir ihn da nicht sehen wollen, uns es nicht vorstellen wollen. Aber was ist dann noch dieser Tod am Kreuz, dieses Leiden wert? Was ist dann das „Für uns“ mehr als eine hohle Phrase? Was will man dann noch gegen Inges Feststellung sagen? Wenn die grausame Geschichte vom Tod Jesu am Kreuz keine Bedeutung, keine Rolle im „Goldenen Handschuh“, in dem Wahnsinnsort der Wohnung Fritz Honkas spielt wie kann sie dann überhaupt eine Rolle für uns, die Menschen spielen? Die Geschichte des Karfreitags lässt keine Sonderräume zu in denen sie Hoffnung, Trost schenkt. Sie muss es im „Goldenen Handschuh“, in der Wohnung Fritz Honkas tun oder sie tut es gar nicht. Denn sie erzählt doch, dass Gott selber in Jesus in dem Elend seiner Zeit lebt, bis sich auch dieses Elend zum Wahnsinn des Todes am Kreuz gedreht hat.
Ich habe keine fertige Antwort auf diese Frage nur diese Unruhe in mir, denn es geht um alles bei der Frage ob er dort zu finden ist, im „Goldenen Handschuh“, der Gekreuzigte. Allerdings gab es da beim Lesen so etwas wie ganz leichte Ahnung, eine ganz leichte Spur. Da ist nämlich der tiefe Humanismus den Menschen im „Goldenen Handschuh“ gegenüber. Gerade auch weil es nicht versucht, etwas zu beschönigen, etwas zu verheimlichen und damit zu verschleiern. Gerade in dieser Direktheit aber niemals all diesen Menschen ihr Menschsein abspricht, ihnen zu entreißen versucht. Sich ihnen in aller Drastik mit Achtung zuwendet, ohne die Abgründe zu beschönigen, zu verschleiern. So wie es der Karfreitag auch nicht tut. So Linderung schenkt, auf völlig unerwartete Weise. So wie es auch Herbert tut, der Chef des Goldenen Handschuhs: „Magda und Willi sind schon seit ungefähr Tausenden von Jahren miteinander verheiratet, wie lange wissen sie selber nicht. Ihre letzte Erinnerung ist die Silberhochzeit Neunzehnhundertschießmichtot. Sie haben den richtigen Zeitpunkt verpasst, sich zu trennen, und nun ist es zu spät. Todschwer und kettenrauchend hocken sie in ihrer Stammecke. (…) Magda bildet sich ein, von radioaktiven Strahlen verseucht zu sein. Alle paar Wochen ist es so weit, sie bekommt es wegen der drohenden Strahlenvergiftung mit der Angst zu tun. Einmal ist die kleine, alte, schwache Frau in ihrer Not auf zwei norwegische Matrosen losgegangen. Die haben nur gelacht, der eine hat sie am ausgestreckten Arm hochgehoben und so lange zappeln lassen, bis Herbert das unwürdige Schauspiel beendete. Herbert kümmert sich manchmal nämlich ganz rührend um seine Stammgäste, vor allem um die Alten, Kranken, Verwirrten und Behinderten. In diesem Fall nahm er Magda behutsam an die Hand und führte sie mit nach hinten ins Büro. Dort steht auch eine uralte Infrarotlampe. Er schaltete die Lampe an, setzte Magda davor, ließ sie alleine, und eine halbe Stunde später war sie tatsächlich davon überzeugt, dass das rote Licht die Strahlen aus ihrem Körper gezogen oder neutralisiert oder unschädlich gemacht hat. Oder so ähnlich. Gute Idee, macht er seit dem immer so, Hauptsache es funktioniert. Ist ja bei allem so. Woran die Menschen glauben, ist völlig egal. Hauptsache, der Glaube tut ihnen gut, und sie richten in seinem Namen kein Unheil an. Herbert hilft gerne, und das ist einer der Gründe, weshalb die Menschen ihn in ihr Herz geschlossen haben. In welcher Kneipe gibt´s sonst noch Chefarztbehandlung?“

Verfasst von: achterosten | 7. März 2019

Alles Opfer – Predigt zu Joel 2, 12-20

Predigt Joel 2, 12-20 (Aschermittwoch)

Liebe Gemeinde,
„wo man hinsieht, nur Opfer“ – egal ob mir die Nachrichten aus dem Radio entgegenschallen, ich die Zeitung aufschlage oder mich im Internet durch Kommentarspalten klicke – etwas was in den letzten Jahren erst als Ahnung gewachsen ist, als vorsichtige Beobachtung ist mittlerweile in aller Munde. Nicht nur das, es ist zum gesellschaftlichen Mainstream, zur Grundhaltung und zum politischen Instrument geworden: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Das scheint der gesellschaftliche Megatrend in Deutschland dieser Tage zu sein. Das Prinzip ist relativ einfach und simpel: Man wagt sich vor mit seiner Meinung, gerne auch mal provokativ formuliert. Schlägt einem dann Ablehnung entgegen oder wird diese Äußerung als das bezeichnet, was sie manchmal ja auch einfach ist, z.B. menschenverachtend geht das Geheule los – dann ist man das Opfer von der „Lügenpresse“, von „denen da oben“. Dann wird wieder geraunt vom „Schweigekartell“, dass man nicht mehr sagen dürfe „was man wirklich denkt“. Immer schon auch an Satzeinleitungen wie „aber das darf man ja nicht laut sagen“ oder „das muss aber mal sagen dürfen“ gut zu erkennen. „Politische Opferolympiade“ – so war der sehr passende Begriff dazu in einer Rezension des neusten Buches des Politologen Francis Fukuyama zu lesen.
Es hat eine Pervertierung stattgefunden, deren Gift langsam in unser Leben, in unser Zusammenleben in den letzten Jahren eingesickert ist: Beim Stichwort „Opfer“ geht es nicht mehr um Hilfe, um Gerechtigkeit für die wahren Opfer, sondern es ist zu einem gesellschaftlichen Kampfwort geworden. Es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung, um den Schutz von Minderheiten, all dies wird darunter begraben. Der Begriff „Opfer“, die Selbsterklärung, das man „Opfer“ sei, sie dient nur noch einem: der Abgrenzung gegenüber den anderen: „Wir sind die Opfer der anderen.“ Die Frage des Verhältnisses von Selbstverantwortung und Fremdverschulden – sie wird gar nicht gestellt. Und so klingt es immer mit wenn sie brüllen „Wir sind das Volk.“ – „Wir sind die Opfer.“ Die Pflanze die aus diesem Gift wächst ist der Hass. Der Hass auf die Anderen, der am Ende nur eine Konsequenz haben kann, die Vernichtung des Anderen.
Diese Selbstbezeichnung als „Opfer“ die nun so offensiv zu Tage tritt, wenn wir ehrlich sind, hat sie doch gerade hier bei uns in Deutschland einen fruchtbaren Boden mit einer guten Tradition vorgefunden. Schauen wir doch nur auf die kollektive Erzählung der Jahre 1933-45: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Die Diktatur, der Krieg, der Massenmord – eine Tat der Nazis. So eine Art außerirdische Rasse die 1933 plötzlich auftauchte, all die schrecklichen Taten planten, mit einer Art Hirnstrahl die Menschen für sich begeisterten, sie zwangen all diese unschönen Dinge zu tun und dann am 08.05.1945 einfach wieder verschwanden. Zurück blieben nur Opfer, jeder Deutsche, jede Deutsche alles Opfer der Nazis. In wieviel Familie wird das bis heute erzählt – wenn überhaupt klar ist, was die Vorfahren in dieser Zeit getan haben? Was für eine Lüge. Was für ein Schlag in das Gesicht all derjenigen, die mit Mühe und Not sich gerettet haben vor diesen Untaten, ebbend nicht der Nazis, sondern denen von deutschen Männern und deutschen Frauen. Das ist der Nährboden in unserem Land des Märchens das wir alle nur Opfer sind.

Aschermittwoch – das ist kein Tag der selbernannten „Opfer“, das ist der Tag der „Täter“. Das ist der Tag der schmerzhaften Unterscheidung zwischen Selbstverantwortung und Fremdverschulden – also dem Bewusstsein, wo ich selber Verantwortung zu tragen habe. Das ist der Weg all der Geschichten und der Worte der Bibel, so wie sie es gerade aus dem Buch Joel gehört haben. Das Volk Israel erklärt sich nicht zum Opfer um die anderen hassen zu können – auch wenn sie mehr als gute Gründe dafür gehabt hätten, nach der Zerstörung ihrer Heimat, der Verschleppung. Immer wieder wird die Frage nach der eigenen Verantwortung gestellt, der schmerzhafte Weg des ehrlichen Blickes auf sich selber. Das ist die Grundbewegung des Alten Testamentes, des Volkes Gottes, der Juden. Wo trage ich Verantwortung? Wo bin ich „schuldig“ geworden? Hinzu tritt eine zweite Bewegung: Diese Verantwortung, die habe ich immer dem Menschen neben mir gegenüber. Meine Verantwortung für sie, für ihn das ist meine Verantwortung vor Gott. Wo bin ich diesem Menschen zum „Täter“ geworden? Das ist die Frage des Aschermittwochs, die Frage der Bibel. Sie öffnet den Blick, sie ist das Antidot gegen das Gift dieser Tage: Das die „Täter“ sich zum Opfer erklären. Aschermittwoch ist so der erste Schritt dazu die Mauern und Grenzen zwischen den Menschen niederzureißen, den Hass zu besiegen, in der Freiheit zu leben, die Gott für uns will, die er schenken will.
So ist das Aschekreuz kein Zeichen was uns niederdrückt, sondern aufrichtet, den mit diesem Zeichen zeigen wir es: Wir sind bereit für unsere Verantwortung vor den Menschen und somit vor der Welt und Gott.

Verfasst von: achterosten | 3. März 2019

Maria und mein Kalender – Predigt zu Lukas 10, 38-42

Predigt zu Lk 10, 38-42 (Estomihi 03.III.2019)

Liebe Gemeinde, dieses kleine Büchlein ist mein täglicher Begleiter. Egal wo ich hin gehe, es ist immer dabei. Daher ist es auch so klein, damit es notfalls auch in die Jackentasche passt. Ich muss Sie enttäuschen, es ist nicht die Bibel und auch nicht eine erbauliche Sammlung frommer Weisheiten. Könnte Frau oder Mann ja vielleicht vermuten, so bei einem Pfarrer und dann noch so im pastoralen Schwarz. Ich muss Sie da enttäuschen, es ist leider viel profaner, dafür aber überlebenswichtig – es ist mein Kalender. Ohne den geht es wie bei der Mehrheit der Menschen auch bei mir nicht. Ich bin da noch sehr altmodisch unterwegs und nutze dieses schwarze Büchlein und nicht mein Smartphone. Er ist gut gefüllt der Kalender, auch das wie bei vielen Menschen. Und es erstaunt mich immer wieder, was für eine Bandbreite der Arbeit da so durch die unterschiedlichen Termine deutlich wird. Das wechselt zwar auch immer mit den Jahreszeiten, mit Themen, die gerade oben auf liegen und mit äußeren Bedingungen. So im groben Überblick lassen sich aber schon zwei Dinge festhalten: es ist eine nicht geringe Zahl an Einträgen und die Mehrzahl steht eher über der Überschrift „Arbeit für die Menschen“ und weniger „Arbeit mit den Menschen“. Keine Sorge, ich will hier keine Leistungsschau veranstalten. Ich kenn genügend anderen Kalender, die genauso oder noch bedeutend mehr gefüllt sind. Ich will auch nicht in pastorales Klagen über all die Management- und Verwaltungsaufgaben einstimmen. Denn grundlegend ist immer festzuhalten, wenn wir zu den Menschen gesandt sind, also Kirche in der Welt sind, dann können wir das auch nur unter den Bedingungen der Welt. Und da gehört Management und Verwaltung im 21. Jahrhundert an vorderster Stelle dazu. Mal ganz davon abgesehen, dass die Menschen uns viel Geld anvertrauen und damit ein verdammtes Recht darauf haben, dass mit diesem Geld gewissenhaft und professionelle umgegangen wird. Und zum zweiten: die Gestalt, die heute die Kirchengemeinde hat, sprich mit all diesen Aufgaben, ist ja auch nicht vom Himmel gefallen oder Gotte gewollt, sondern immer nur so, wie die Gemeinde das in der Vergangenheit so für sich entschieden haben, wie sie sein sollen. Evangelische Kirche ist demokratisch, dass heißt jede und jeder kann Einfluss auf die Gestalt der Kirche nehmen. Das heißt aber auch, keine und keiner kann sich später über das Ergebnis beschweren, weil das angeblich jemand ganz allein von oben entschieden hat.
Nein, deswegen habe ich also heute nicht den Kalender mitgebracht. Sondern erstens, weil er in der Vielzahl seiner Termine genauso aussieht wie bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen, die ehren- und hauptamtlich in der Kirche arbeiten. Zweitens, weil es mir nicht darum geht, was sich hier in diesem und all den anderen Kalender findet, sondern um das, was fehlt. Und die Geschichte dieses Sonntags:
„Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Liebe Gemeinde, jetzt leg ich mal meinen Kalender neben diese Geschichte und dann wird es bitter. Ich denke es ist ohne große Worte offensichtlich: Das ist eigentlich nur Martha zu finden, von Maria kaum eine Spur. Sprich, da ist ganz viel Aktivität, ganz viel Alltag einer Kirchengemeinde, aber das Hinsetzten und Hören? Fehlanzeige. Ich bin mir sicher, in vielen der anderen Kalender sieht es ähnlich aus. Wir haben aber ja nicht nur einen „Marthakalender“, sondern wir haben ja auch schon ihre Denke übernommen: Es zählt das endlose Tun, das am Laufen halten all der Dinge und immer noch eine Sache da zu packen, weil das ja angeblich dafür sorgt, dass die Menschen uns nicht weiter verloren gehen oder wieder den Weg zu uns finden. Wir urteilen auch über die anderen wie Martha über ihre Schwester. Denken dabei auch noch wir sind im Recht. Weil ja die Anzahl, das Tun das entscheidende ist. Und seien wir doch ehrlich: natürlich beteiligen wir uns doch auch gerne am innerkirchlichen Wettbewerb. Bei uns kommen so und so viele zum Gemeindefest, dafür haben wir ganz viele Jugendliche etc.
Da ist aber die Antwort Jesu: Er verurteilt weder das eine, also Marthas Tun, noch das andere, Marias Nichtstun grundsätzlich. Er weist auf das entscheidende Kriterium hin: Nicht das Tun oder Nichtstun ist entscheidend, sondern zu erkennen wann was dran ist. Nicht umsonst wird folgt diese Geschichte genau nach dem Jesus vom barmherzigen Samariter erzählt hat, also davon wie wichtig das Tun ist. Maria hat erkannt, was dran ist. Bei mir, bei uns habe ich da leider so meine Zweifel.
Ich will ihnen ein Beispiel dazu erzählen: So gegen Ende der Konfirmandenzeit arbeiten wir zum Glaubensbekenntnis. An was Glauben Christinnen und Christen? Kann man das eigentlich überhaupt so generell sagen etc. Am Ende formulieren die Konfis dann ihr persönliches Glaubensbekenntnis mit dem sie bei der Konfirmation Ja sagen zu ihrer Taufe. In dieser Phase können die Konfis aber auch bei einem Fragen auf einen Zettel schreiben: „Was ich schon immer zum christlichen Glauben wissen wollte.“ In der nächsten Stunde lese ich die Fragen dann vor und versuche eine Antwort zu finden. Wissen sie was, mir geht bei dieser Stunde immer das Hinterteil aber mal ganz nahe aufs Grundeis. Warum? Weil die Fragen immer super sind, es sind immer die richtigen Fragen, die mitten hinein ins Zentrum des Glaubens treffen. Wie das sein kann mit dem angeblich liebenden Gott angesichts all des Elends und der Not? Welche Rolle die Bibel spielt oder wofür überhaupt der christliche Glaube gut sein soll? Um diese mal als Beispiel zu nennen. Fragen, die mich immer ins Mark treffen. Ich versuche immer nach bestem Wissen und Gewissen zusammen mit den Konfis im Gespräch darauf zu antworten. Bewege mich dabei aber oft auf sehr dünnem Eis. Denn eigentlich weiß ich, wenn ich die Fragen lese, jetzt wäre „Mariazeit“. Jetzt wäre es ganz dringen nötig, um im Bilde zu bleiben, sich zu den Füßen zu setzten und zu hören. Zeit um der Frage nachzugehen, zu hören, was der Glaube dazu zu sagen hat, wo er aber auch durch die Frage selber infrage gestellt wird. Und genau das fehlt! Diese „Mariazeit“. Warum klingt denn vieles bei uns teilweise wie im Lebensberatungsteil mancher Frauen- und Männerzeitschriften? Ein Allgemeinplatz jagt den nächste, alle drei Sätze klingelts im religiösen Phrasenschwein? Geben wir Antworten auf Fragen die keiner stellt. Warum? Doch nicht aus böser Absicht oder Faulheit, auch nicht aus mangelnder Menschenkenntnis oder so, sondern weil wir den ganzen lieben langen Tag damit beschäftigt sind, den Laden am Laufen zu halten. Weil wir nur noch Martha sind oder wie es ein Theologe angesichts dieser Geschichte schrieb: Es zählt Quantität und nicht Qualität.
Was aber wenn das vielleicht einer der Gründe ist, warum die Menschen uns nicht brauchen. Nicht weil wir so viel anbieten, sondern weil überall bei uns „Marthazeit“ herrscht. Keine Zeit zum Hören auf die Worte des Lebens, der Freiheit, des Glaubens. Keine Zeit für „Lebensqualität“ sondern nur für Quantität. Das Zentrale der Antwort Jesu ist uns fast verloren gegangen: Zu erkennen wann „Martha-„ und wann „Mariazeit“ ist. Und ich glaube, wir bräuchten in diesen Tagen eine große Portion „Mariazeit“.
Wie aber kann das gelingen? Die Geschichte von Maria und Martha macht das sehr geschickt. Sie erklärt nicht, gibt darauf auch keine Antwort, sondern geht sozusagen wieder zurück an den Anfang. Hätte sie eine einfache Antwort, dann würde es doch wieder nur damit enden, dass wir diese Anweisung in bester aktiven Marthamanier befolgen würden. Jesus gibt in der Geschichte darauf keine Antwort, sondern die Geschichte geht an ihren Anfang zurück. Zu Maria die sich niedersetzt und zuhört, auf die Worte die vom Leben sprechen. Das tut not! Die Geschichte erzählt uns nicht, wie Martha reagiert. Setzt sie sich hin, vielleicht sogar erst zähneknirschend? Zieht sie vielleicht sogar beleidigt ab, gefüllt mit Eifersucht auf ihre ja ach so tolle Schwester? Brummelt vor sich hin, der hat gut reden, der Jesus, aber zu essen wollen sie alle dann was? Das wird nicht erzählt.
Wie reagieren wir? Keine Ahnung was Sie so machen, ich jedenfalls habe mir das kleine schwarzes Büchlein vorgenommen. Jede Woche ist jetzt eine Stunde eingetragen. Eine Stunde „Mariazeit“ – ein Stunde lesen theologische Literatur – jede Woche. Das ist schon einmal ein Anfang.

Verfasst von: achterosten | 24. Februar 2019

Lydia und der Nassrasierer – Predigt zu Apostelgeschichte 16, 9-15

Predigt zu Apg 16, 9-15 (Sexagesimae, 24.II.2019)

Liebe Gemeinde,
ich habe Ihnen mal wieder etwas mitgebracht. Ein Gegenstand, völlig alltäglich, klein und unscheinbar und trotzdem gab er in den letzten Wochen Anlass zur Sorge. Denn es droht ungemeine Gefahr, größte Bedrohung geht von ihm aus. Wenn man mancher Stimme glauben darf, droht für knapp die Hälfte der Menschheit Schreckliches (Rasierer hochhalten). Es ist der Rasierer. Zugegeben, ich gehöre da zu der altmodischen Sorte. Erstens immer nass und dann mit Hobel, Pinsel und Rasierseife. Bisher sind sie vielleicht davon ausgegangen, die maximale Gefahr dieses Gerätes besteht darin, dass sein Benutzer einem alten Passionslied gleicht: „O Haupt voll Blut und Wunden“? Da haben Sie die Sprengkraft dieses Gerätes aber weit unterschätzt. Einer der beiden Weltmarktführer des Nassrasierers meinte wohl, es war mal wieder Zeit, sich in das Gedächtnis des Mannes zu bringen. Dieses Mal nicht mit der zehnten Klinge, die auch noch dem letzten Barthäarchen für Tage den Garaus macht. Nein, dieses Mal versuchte man sich in Gesellschaftskritik. Aber jetzt ging mal so was von die Post ab. Was war passiert? Die Gilettemanager ließen alle Welt an dem Ergebnis ihres letzten Selbstfindungsseminares teilhaben. Selbstkritisch stellte man sich die Frage, ob man nicht selber über Jahre vielleicht einen kleinen Beitrag zu einem gewissen Männerbild geleistet hatte. Die Erkenntnis: Ja, haben wir. Daher wurden nun pädagogisch und mit dem nötigen Pathos hinterlegt Dinge präsentiert, von denen ich immer dachte, sie seien selbstverständlich: sich Prügeln ist nicht die Verlängerung von Diskussionen mit schlagkräftigeren Argumenten, die Ausgrenzung von Menschen ist nicht eine naturgegebene und hinzunehmende Tatsache und Frauen sind nicht dazu da, von uns Männern beglückt zu werden. Weder von unserer Intelligenz, unserer Weisheit noch von unserer Potenz. Auch nicht dazu, dass wir ihnen gönnerhaft das Maß an Gleichberechtigung zugestehen, was wir ihnen als moderner Mann zugestehen. Oh man, da hab ich mich aber mal getäuscht. Hunderte Männer haben öffentlich Giletteprodukte verbrannt. Sich dabei gefilmt, wie sie ihren Rasierer samt Seife entsorgen und dergleichen mehr. Diejenigen, denen solches zu brachial ist, fingen auf einmal an, irgendetwas von historischen Höchstleistungen zu erzählen, die ohne „männliche Eigenschaften“ wir Ritterlichkeit etc. nicht möglich gewesen wären. Sogar das Idealbild des Gentlemans wurde in Anschlag gebracht. Egal aber ob es einer eher handfester mag oder hochgeistig, die Erregungskurve all dieser Männer stieg ins Unermessliche. Und das nur aus einem Grund: Sie haben diesen schlechtgemachten, im pädagogischen Pathos versinkenden Werbefilm als Angriff auf ihre Männlichkeit gesehen! Von einer Werbung für Nassrasierer! Schon fielen auch wieder die üblichen Kampfbegriffe, natürlich „Gender“ und ganz schnell war man natürlich auch bei solchen Dingen wie der Einführung von Unisextoiletten und ähnlichem. Ein Satz ist mir bei dem ganzen männlichen Befindlichkeitskrempel im Gedächtnis geblieben. Der Aufschrei „Jetzt ist doch auch mal genug mit der Gleichberechtigung.“ Meine böse Vermutung: Genau darin liegt der Kern der ganzen Aufregung. Genau, es reicht doch jetzt mal mit der Gleichberechtigung, denn schließlich ist es doch mittlerweile normal, dass die Frauen auch arbeiten gehen können / dürfen. Ist das etwa nichts? Die Realität dieser Gleichberechtigung sieht ja nach meinem subjektiven Empfinden so aus: Zu der üblichen Hausarbeit und Kinderbetreuung dürfen die Frauen jetzt noch jeden Tag einer Erwerbsarbeit nachgehen. Ein Traum! Lustig auch all die Begegnungen in bürgerlich-akademischen Kreisen wenn dann freundlich aber leicht irritiert beim Smalltalk nachgefragt wird: Ah, ihre Frau ist promoviert, worin haben sie ihren Doktor gemacht oder schreiben sie noch an ihrer Diss? Ich war auch mal so naiv, zu glauben, dass es für Männer keine Rolle spielt wenn Ihre Partnerin mehr verdient, auf der Karriereleiter ein paar Stufen höher steht. Auch da habe ich was lernen müssen. Es ist wie bei so vielen Sachen, die mit den Themen Liberalität, Freiheit, Gemeinsamkeit und Vielfalt zusammenhängen. Ich bin da dem Irrglauben erlegen, dass die Menschen schon weiter wären. Das war ein naiver Fehler und ich glaube mittlerweile wir haben noch nicht mal richtig angefangen. Was aber soll das Ganze hier am Sonntagmorgen? Kann man nicht einmal hier in Ruhe gelassen werden mit dem ganzen Krempel?
Was soll ich machen? Es geht nicht! Warum nicht? Allein schon deswegen: Der Umstand, dass wir hier heute Morgen Gottesdienst feiern, ein Kind taufen, den verdanken wir – einer Frau! Und das ist auch noch Gottes Wille. So wird es seit der frühsten Zeit erzählt, so wie alles seinen Anfang nahm. Mit einer Frau. Und wenn ich diese Geschichte höre dann ist spätestens einer dieser Punkte erreicht, wo ich nicht mehr wirklich verstehe, warum manche Themen unter Christinnen und Christen mit solcher Vehemenz diskutiert werden. Denn da ist diese Frau, ohne die wir alle heute nicht hier wären. Aber es wird ja noch besser. Da gibt es ja die, die gerne von sich behaupten sie sprechen für die schweigende Mehrheit. Wenn man denen glauben will, dann verkörpert sie wo alles, vielen anscheinend die Nackenhaaren hochgehen: Sie ist eine Frau, sie ist Ausländerin, sogar eigentlich noch schlimmer, sie ist Wirtschaftsflüchtling. Sie ist erfolgreich, eigenständig. Sie nimmt ihre Religionsfreiheit wie selbstverständlich in Anspruch, sucht den Kontakt zur jüdischen Gemeinde und hält die Juden nicht für das Unglück der Welt. Und zu guter Letzt, von einem Mann an ihrer Seite wird nie was erzählt. Gott bewahre, vielleicht war sie auch noch lesbisch. Und sie ist die erste Christin Europas. Mit dieser Frau beginnt alles das, was ja heute gerne von interessierten Kreisen als christliche Kultur des Abendlandes bezeichnet wird. Der Witz dabei ist, das wird noch nicht einmal als die Sensation erzählt, sondern eher lakonisch, als sei es das Normalste der Welt: „Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, daß uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen (…) nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluß, wo wir dachten, daß man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.“
Das ist Lydia, die erste Christin Europas, Gründerin der ersten christlichen Gemeinde auf unserem Kontinent, bei ihr nimmt alles seinen Anfang. Deswegen spreche ich heute Morgen über das Thema Gleichberechtigung und Männerbild. Weil es unser ureigenes christliches Thema als Töchter und Söhne dieser Frau ist. Und weil diese Geschichte ein sehr wichtiges Detail zentral in sich trägt. Lydia wird nicht Christin, weil sie, schön klassisch, Objekt männlicher Überzeugungskraft, Weisheit und Potenz ist. Es sind nicht die schönen Worte des Paulus, des Mannes, die sie überzeugen, in ihr den Glauben wecken. Sie ist kein Objekt männlichen Tuns. Ihre Entscheidung ist es, die Worte von dem einen Gott zu hören. Gott selber öffnet ihr das Herz für den Glauben. Und eigentlich geht das noch viel weiter: Paulus ist das Objekt in dieser Geschichte. Denn eigentlich wollte er ganz wo anders hin auf seiner Missionsreise. Dass ihn der Weg nach Europa führt – die Geschichte bringt da Gott ins Spiel. Und für Paulus bleibt es durch die ganze Geschichte so, selbst am Ende ist freundlicher Druck notwendig, damit er sich endlich einladen lässt in Lydias Haus. Und – verliert er dadurch seine Männlichkeit? Ist er das Opfer eines antiken Genderwahns, all seiner Freiheit beraubt? Hat man oder vielmehr Frau ihm alles genommen, was ihn als Mann ausmacht? Das wird uns nicht erzählt. Erzählt wird uns aber von ihr, von Lydia, der Gott das Herz öffnet für die Botschaft der Freiheit. Die Botschaft, die uns die Freiheit gibt unser Leben zu gestalten ohne Vorgaben, was angeblich weiblich oder männlich ist. Und vor allem: Uns Männern die Freiheit gibt, endlich ernst zu machen mit der Gleichberechtigung, nicht als Heulsusen, sondern als Männer.

Verfasst von: achterosten | 2. Januar 2019

Torte der Freiheit – Predigt zu Jesaja 51, 4-6

Predigt zu Jes 51, 4-6 (Sylvester 2018)

Liebe Gemeinde, Sylvester, Jahreswechsel. Ist Ihnen da mal was aufgefallen? Jahreswechsel, das wird immer mehr wie die Adventszeit. Die beginnt ja bekanntlich auch immer früher, von wegen Spekulatius im September. Mit dem Jahreswechsel ist es ähnlich. Ich bin in diesem Jahr von meiner Zeitung schon Anfang Dezember mit dem Jahresrückblick auf 2018 beglückt worden. Seis drum, Sylvester, die Tage „zwischen den Jahren“ das ist die Zeit des Rückblickes und auch die Zeit um Bilanz zu ziehen. Die Politik macht das, die Betriebe machen das und manche und mancher auch für das eigene Leben in den letzten zwölf Monaten. Da gibt es ja auch ganz unterschiedliche Wege. Man kann das sehr emotional machen: all die schönen und traurigen Momente des Jahres sich noch einmal vor Augen führen. Das frühe Aus der Deutschen bei der WM zum Beispiel. Sie können jetzt selber wählen zu welcher Kategorie das für Sie gehört. Man kann das aber auch sehr nüchtern tun und das soll auch dieses Mal mein Weg sein. Ganz nüchtern die nackten Zahlen betrachten. Da hätten wir für das Jahr 2018 in der Ev. Kirchengemeinde Eppendorf-Goldhamme: 27 Konfirmationen, 6 kirchliche Trauungen, weiter hatten wir 3 Aufnahmen, 33 Taufen und 71 Beerdigungen. Zwar liegen die Zahlen noch nicht vor, aber ich gehe davon aus, dass wir wie in jedem Jahr so ca. 30-40 Austritte und eine gewisse Zahl von Menschen aus unserer Gemeinde haben, die zwar gestorben, aber nicht kirchlich bestattet worden sind. Schnell zusammengerechnet wird wohl auch in 2018 unsere Gemeinde um ca. 2,5 Prozent geschrumpft sein.
Soweit, ganz nüchtern, die nackten Zahlen. Jetzt ist das ja mit Zahlen und Statistiken so eine Sache. Da gibt es die nackten Zahlen, die schwarz auf weiß und dann die Gefühlten. Die, die man vermutet. Was nun die Realität wirklich abbildet? Das ist manchmal schwer zu entscheiden. Aber auch die Gefühlten gehören zum Bilanzziehen, zum Rückblick. Es gibt in der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine wunderbare Rubrik dazu: „Torten der Wahrheit.“ Die Journalistin Katja Berlin versucht auf humoristische, provokante Weise „diese gefühlten Zahlen“ in Form von Diagrammen darzustellen. Entweder als Balken- oder aber, genau, als Torten-Diagramm. Oft habe ich den Eindruck, dass Ihre „Zahlen“ der Realität sehr nahe kommen. Kleines Beispiel von ihr: „Was „gleich“ für Frauen in der Wirtschaft bedeutet“: Für 8 Prozent „gleiche Chancen“, für 17 Prozent „gleiche Bezahlung“, für 75 Prozent „Können Sie – gleich – mal das Protokoll schreiben“.
Ich bin bestimmt nicht so gut wie Katja Berlin, aber ich will mich da auch mal versuchen mit so einem provozierenden Rückblick auf 2018. Wie wäre es mit „Welche Nachricht hat die Deutschen 2018 am meisten erschüttert?“: Das Tausende von Menschen im Jemen vom Hungertod bedroht sind – 2, 5 Prozent, Hinweise auf rechtsextreme Netzwerke in staatlichen Organisationen mit Gewaltmonopol – 12,5 Prozent, die Trennung von Helene Fischer und Florian Silbereisen – 85 Prozent. Ich sehe, sie verstehen das Prinzip dahinter. Dann will ich es auch mal für unsere Gemeinde wagen: „Was war das 2018 am stärksten diskutierte Thema?“ Was soll das mit dem Tod Jesu am Kreuz? – 2,3 Prozent, die Verkleinerung der Gemeinde in sechs Jahren um fast 1000 Menschen – 5,1 Prozent, Umsetzung des Datenschutzgesetzes – 22,6 Prozent, Das die Krippenfiguren nicht so standen wie sonst die Jahre – 70 Prozent. So jedenfalls die gefühlte Bilanz, die gefühlte Wahrheit nach dem Blick auf die nackten Zahlen, aber auch nach unzähligen Gesprächen, Telefonaten, E-Mails in den letzten zwölf Monaten.
Das ist ihnen zu hart, zu provozierend formuliert? Ihre Bilanz sähe ganz anders aus? Unbestritten, aber bei dieser, meinen „Torte der Wahrheit 2018“ gesellte sich, neben den nackten Zahlen, dem subjektiven Erleben, noch etwas Drittes hinzu, der heutige Predigttext. Aus dem Jesajabuch: „Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“
Nicht gerade ein Text, der dazu bewegt, schonend, mit Nachsicht einen Blick auf die Realität zu werfen, auch auf die in unserer Gemeinde. Und bei beidem, dem Bilanzziehen für 2018 und dem Lesen des Textes blinkte in meinem Kopf ein Wort auf – „Priorität“. Etwas klarer und ausführlicher gesagt die eine Frage: „Was ist wirklich wichtig? Ist das was wir als Priorität ansehen, wichtig, wirklich das worauf es ankommt?“ Und das ist keine akademische Frage, ich will das noch mal anders sagen. Was ist das wichtigste, kostbarste heute in unserem Leben im Sinne von sehr selten, rar? Grundsätzlich gilt doch erst einmal: Wir haben etwas zu Essen, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben es warm und trocken und vieles darüber hinaus. Das ist es nicht, es ist – Zeit! Dieses rare, begrenzte Gut, das uns so durch die Finger rinnt. Und angesichts dessen wird die Frage noch mal drängender „Nutze ich dieses Kostbare, Wertvolle wirklich für die wichtigen Dinge oder verschleudere ich es sinnlos?“ Denn 2018 war ja auch das Jahr wo wir dank Professors David Graebers um einen Begriff reicher wurden: „Bullshitjobs“. Kurz zusammengefasst, viele Menschen verschwenden diese kostbare Gut, ihre Zeit, in Berufen und mit Aufgaben, die so viel Sinn haben, wie ja, nun mal „Kuhscheiße“, so David Graeber. Und zumindest die Verkaufszahlen seines Buches legen die Vermutung nahe, dass er das Gefühl vieler wohl getroffen hat.
Angesichts dieser Kostbarkeit unserer Zeit also eine ernsthafte Frage:Was hat Priorität? Das ist eine verdammt unangenehme Frage, denn wenn etwas Priorität hat, dann stehen anderen Dinge leider nur an Platz zwei, drei oder ganz am Ende. Auch wenn das so sauber im wahren Leben ja gar nicht läuft, da teilen sich manche Dinge auch schon mal den Platz in der Rangliste. Was hat Priorität? Der Text aus dem Jesajabuch ist da radikal: „mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“ Das ist das einzige was bleibt, was Bestand hat, was wichtig ist. Alles andere, wirklich alles andere, ist völlig nachgeordnet. Das nenn ich mal Prioritäten setzen, das nenn ich mal eine „Torte der Wahrheit“: Was ist das wichtigste?: „Heil, Gerechtigkeit“ – 100 Prozent, alles andere – 0. Zwischen unseren „Torten der Wahrheit“ und dieser liegen Welten. Daher könnte man zu ihr das sagen, was vielleicht die ein oder der andere zu meiner „Torte“ vorhin gedacht hat: „Eine Frechheit, die reine Provokation, so geht das nicht.“ Ja, genau das war sie und das ist auch diese „Torte“ aus dem Jesajabuch. Und in der geht es auch um was. Kurzer Blick mal auf das zentrale Wort „mein Heil“. Was verbirgt sich dahinter? In einer jüdischen Übersetzung des Textes ins Deutsche steht für Heil die wunderbare Verheißung „meine Befreiung“. Ja, wenn das mal nicht den Anspruch auf Priorität hat, dann weiß ich auch nicht mehr. „Befreiung“ – auch in 2018 oft gesucht, oft verfehlt, in manchen glücklichen Momenten geschenkt bekommen. Und auch für 2019 ganz oben auf der Liste. Viel zu wichtig, als dass ich mich von dieser „Torte der Wahrheit“ Gottes nicht provozieren lasse. Von dieser Radikalität, aber auch von der Hoffnung, der Verheißung, die darin steckt. Nicht ich, wir müssen immer und immer wieder entscheiden, was im Letzen an erster Stelle steht, das ist gesetzt. Das trägt den wunderbaren Titel „Befreiung“. Wenn die wichtigste Frage aber bereits geklärt ist, was Priorität hat, an erster Stelle steht, dann sortiert sich alles danach vielleicht viel einfacher. Auch wenn da immer noch Dinge sich den ein oder anderen Platz teilen müssen, weil das Leben nun mal so ist. Auch wenn diese Liste immer wieder neu sortiert werden muss, denn auch das ist das Leben. Das kann man lernen, glauben sie mir. Sprechen Sie mit z.B. Ärzten, Pflegerinnen, Polizisten, Feuerwehrmänner etc. Die müssen das jeden Tag, innerhalb von Minuten und manchmal auch nur Augenblicken: Prioritäten neu sortieren.
Das aber, das Platz Eins schon lange belegt ist, das ist eine Provokation. Was aber wenn wir uns mal für 2019 provozieren lassen? Mal unsere „Torten der Wahrheit“ auf den Tisch legen, mal die Frage nach den Anteilen und Prioritäten stellen. Ohne das wir schon wieder mit der moralischen Brille darauf gucken, voller Angst vor den möglichen Folgen oder mit hohlen Phrasen. Was wird dann passieren? Ich weiß es nicht, ich kann es echt nicht sagen. Das ist ein Abenteuer, ein Risiko, das ist Leben. Was wenn aber am Ende ganz andere „Torten der Wahrheit“ stehen, „Torten der Freiheit“? Wie zum Beispiel diese hier an einem Sylvester in den nächsten Jahren „Was sind bei uns heute in der Gemeinde die wichtigsten Themen?“ – Der neue Verbund aus Diakonie und Gemeinde, weil wir so für die Menschen da sind – 5 Prozent, Das Heilig Abend die steile These „Gott ist Mensch geworden“ zu verstehen war – 10 Prozent, Sylvester feiern, weil das Leben feiern die Antwort auf unsere Befreiung durch Gott ist – 85 Prozent.“

Verfasst von: achterosten | 25. Dezember 2018

Lichte bei der Nacht – Predigt zu Jesaja 9, 1-6

Predigt Jes 9, 1-6 (Christvesper 2019)

[Sicherungen aus, Kirche dunkel, Benzinlampe I Sakristei Benzinlampe II Kanzel) Finsternis, völlige Dunkelheit um ihn herum. Eine Finsternis wie er sie bis jetzt nie kannte. Eine dumpfe, warme, feuchte Finsternis, die ihn umschließt. Nichts ist zu sehen, umso mehr jedes noch so kleine Geräusch zu hören: der Wetterstrom, das Knarzen des Holzes, das Knistern des Berges. Immer lauter wird alles, sein Atem geht immer schneller. Er spürt zwar das harten Gestein auf dem er kniet, wo aber ist links und rechts, wo oben, wo unten? Nur raus, nur weg. Aufspringen, loslaufen, aber wie? Die dumpfe, warme, feuchte Finsternis dringt ihm durch das dünne, schweißnasse Hemd, greift nach seinem Herzen. Er ist allein in der Finsternis, ohne Ausweg. Da spürt er eine Hand auf seinem Bein, fest, bestimmt und eine Stimme dringt durch die Finsternis, es dauert einen Moment, bis die Worte aus dem Dunkel zu ihm durchdringen, den harten Griff um sein Herz lösen. „Mach die Lampe wieder an! [Benzinlampen II an, Benzinlampe I an auf den Altar]. Verstehst du es jetzt?“ Ja, er begriff, er verstand.
Es kam ihm zwar wie eine Ewigkeit vor, dabei war es gerade mal eine Viertelstunde her. Sofort steht es ihm wieder vor Augen: Wie er nur kurz ein paar Stempelhölzer von unten holen will, sie würden sie brauchen. Weit war es nicht bis unten auf die Strecke. Schon läßt er sich dorthin rutschen, packt das Holz, das dort liegt, da erschrickt ihn der Ruf: „Halt! Was machst Du hier.“ Er blickte in die zusammengezogenen Augen des Steigers. „Ich soll Stempelholz holen, der Rutschenbär hat mich geschickt.“ „Das ist nicht das Thema“, die Augen vom Steiger werden enger, „wo ist deine Lampe? Du hast es doch gelernt: Die Lampe immer am Mann!“ Stimmt, er hatte sie oben hängen lassen, der Streb war hell genug, die Lampen der andern Kumpels, das Licht unten von der Strecke sorgten dafür. „Ach, Steiger, für die paar Meter, ist doch alles hell!“ „Du wartest hier.“ Der Steiger lässt ihn einfach stehen, klettert anstatt seiner hoch in den Streb. Kurze Zeit später kommt er wieder auf die Strecke, die ganze Mannschaft im Schlepptau. „Ihr könnt buttern. Du“, er zeigt auf ihn, „rein mit Dir in den Streb, bis da wo Deine Lampe ist.“ Er klettert hoch, der Steiger folgt ihm. Als er bei der Lampe angekommen ist, wieder dieser Befehlston: „Lampe mitnehmen, weiter hoch, bis zum letzten Knapp.“ „Mensch, was hat der Alte mit mir vor?“, geht es ihm durch den Kopf. Am Kohlestoß angekommen, schaut er auf den Steiger, der sich gegen einen Stempel hockt. Er selber kniet auf dem Stein. Vom Licht der Strecke ist nichts mehr zu sehen, nur seine Lampe und der Blitzer an der Brust des Steigers geben Licht. Den aber löscht der Steiger jetzt. Wieder der Befehlston: „Lampe aus!“ Er löscht auch seine Lampe. Dann kommt sie, die völlige Finsternis, dumpf, feucht und warm. Dunkelheit, wie er sie nie kannte. Dunkelheit, die alles erstickt. Bis sie ihn erreichen, die Hand und die Worte aus der Finsternis: „Verstehst du es jetzt?“ Ja, er versteht: Die Lampe immer am Mann! „Mach sie wieder an.“. Er blickt in das schwarze Gesicht des Steigers, in dem sich die weiße Zahnreihe eines Grinsens zeigt. „So, genug Scherze für heute. Ab an die Wand, Kohlen müssen kommen.“
Er vergaß es von jenem an Tag nie. Nicht als die alten Bezinlampen ersetzt wurden durch die elektrischen [Akkulampe an], als noch der letzte Winkel in Strecke und Streb erleuchtet war [Streblampe an], er hat es nie vergessen: „Die Lampe immer am Mann!“
Selbst lange Zeit später, als sein Tag vor allem darin bestand, schweigend aus dem Fenster zu schauen, konnte es sein, dass er auf einmal alle anblickte, klar und deutlich sagte: „Ihr dürft das nie vergessen: Die Lampe immer am Mann!“

[Helmlampe an, an die Kanzel] „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das ist das Wort der Bibel für heute, Heilig Abend 2018. Wenige Tage nach dem offiziellen Ende des Bergbaues hier bei uns. Wenige Tage nach dem zum letzten Mal Bilder von einer Zeche bei der Tagesschau zu sehen waren. Da war neben aller Abschiedsmelancholie auch viel Verklärung, viel Sozialromantik. Denn wenn früher ein Förderturm hinter dem Sprecher der Tagesschau zu sehen war, bedeutete das nichts Gutes: Es gab die Angst um die Zukunft, die Angst vor Arbeitslosigkeit, die Angst vor dem Bergfreien. Und immer wieder hieß das: Es gab Verletze, es gab Tote. Leider bis zum Schluss. Die traurige Nachricht kam heute vor einer Woche aus Ibbenbüren: Ein 29jähriger Bergmann kehrte von seiner Schicht nicht mehr zurück. Was für ein Elend, so kurz bevor für alle Zeiten Schicht am Schacht ist. Nacht und Dunkelheit – das wird heute in seiner Familie herrschen, bei seinen Freunden, wie bei unzähligen Familien und Freunden vor ihnen.
Nacht und Dunkelheit herrscht auch in den verlassen Grubenbauten zu unseren Füßen. Hier oben, am Tage, auch hier beschleicht mich das Gefühl das die Dunkelheit sich ausbreitet. Es stimmt ja zwar zum Beispiel, keiner von den Bergmännern ist ins Bergfreie, in die Arbeitslosigkeit gefallen. Wenn ich hier aber so durch manche Straßen, machen Stadtviertel fahre, kommt es mir vor, als wenn die jetzt ins „Bergfreie“ fallen. Perspektivlosigkeit macht sich breit, ganze Stadtviertel werden abgeschrieben. „Strukturwandel“ ist eher ein Mythos, und nur sehr begrenzt Realität.
„Die Lampe immer am Mann!“ – „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ [Stern anschalten] Beides verbindet sich an diesem besonderen Abend: Wenn die Lampe immer an der Frau, an dem Mann ist dann kann die Finsternis noch so groß sein, das eigene Licht gibt seinen Schein. Zeigt den Weg. Die Lampe hing für den Bergmann in der Lampenstube bereit. Für jeden seie persönliche, seine eigene, immer mit der eigenen Markennummer. Die Krippe dort, die Worte, die Lieder der heutigen Nacht sind vielleicht auch so etwas wie diese Lampenstube. Der Ort wo wir, ich, diese, meine „Lampe“ bekomme. Die, die leuchtet in der Dunkelheit, in der draußen und in der im Herzen. Die für mich dort bereit steht. So jedenfalls wird uns erzählt.
Das ist meine Hoffnung jedes Jahr an Weihnachten. Dass ich sie hier finde, die Lampe, das Licht, was mir leuchtet, die Dunkelheit durchbricht. Was mir zeigt: „Du bist im letzten nicht allein. Es ist gut, du musst es nicht alles tragen, sondern es trägt der, den man Gott nennt. Den du dort findest, wo du ihn nie vermutest. Sowie er zu den Menschen gekommen ist, im Dunkel eines Stalles, ohne das es außer ein paar Hirten und drei Gelehrten irgendjemand zur Kenntnis nahm. Der nichts von dir fordert, dir aber alles schenkt, was du brauchst: Liebe, Freiheit.“ Denn so einfach ist die Botschaft dieses Abends: „Du bist nicht allein. Du bist Geliebt. Du bist frei.“ Mehr braucht es nicht als dieses Licht.
Ich brauche dieses Licht. Das ist die Sehnsucht dieses Abend: Dieses Licht zu finden, das so für mich, für uns leuchtet. Ohne es bleibt das alles heute Abend nur ein Gemisch aus Sentimentalitäten und alten, leeren Worten ohne weitere Bedeutung. Ich brauche dieses Licht, deswegen bin ich doch hier. Sonst könnte ich doch auch schon bei Muttern am Tisch sitzen oder mit Freunden am Weihnachtsbaum. Ich brauche aber dieses Licht, mein Licht, das für mich bereit ist. Das ich immer „am Mann habe“, immer bei mir. Eine ganze lange Schicht lang, sprich eine lange Zeit des Alltages, jenseits der Festtage. Wie soll ich das denn sonst schaffen, da draußen? Wo es oft so hell durch all die anderen Lichter ist, das ich meine Lampe fasst vergesse. Wo es oft so dunkel ist, das ich mich ohne diese Lampe im Dunkel verliere. Die Lampe ist das Entscheidende an diesem Abend! Sie steht an erster Stelle.
Dass ist die große Hoffnung dieses Abends für mich. Sie verbindet sich mit einer anderen: Das nicht nur ich heute, hier dieses Licht finde, sondern Sie, viele andere mit mir, mit uns. Jetzt, hier, an all den anderen Orten. Jede und jeder ihr, sein Licht, was für sie, ihn leuchtet. Über diese Nacht hinaus. Eine ganze lange Schicht lang. [Kerzen auf dem Altar, Osterkerze entzünden].
Das unser Lichter zusammen leuchten in der Dunkelheit da draußen. Das wir es nicht zulassen, dass Menschen Straßen, Stadtviertel ins „Bergfreie“ fallen. Das es uns gelingt: dem Vergangenen nicht nachzutrauern, aber das Gute zu bewahren, weil wir es brauchen: Der vielbeschworene Zusammenhalt, weil ohne den Kumpel an meiner Seite geht es nicht. Das wertvolle Motto: „Es zählt nicht was du bist oder hast, sondern was du kannst.“ Wo es egal ist, wie eine aussieht, wie sie zu ihrem Gott betet, sondern das entscheidende Kriterium ist, ob man sich auf sie verlassen kann. Weil nun mal gilt „unter Tage sind alle schwatt im Gesicht.“
Das ist mein „Erbe“ unserer Väter und Großväter im Berg das ich mir bewahren will: Nie ohne eigenes Licht zu gehen, egal wie kurz der Weg, wie hell um mich herum alle scheint. Nicht zu vergessen das eigene Licht. Immer zu hoffen, das ich, wir dieses Licht immer für uns bereitet finden, das Licht der Liebe, der Freiheit. Dass es uns leuchtet die ganze lange Schicht des Alltages. Dass es Wahrheit bleibt und wird, was uns erzählt wird: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
[Weihnachtsbaum an]

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