Verfasst von: achterosten | 18. August 2015

Immer schön gelassen – Predigt zu Kohelet (Prediger) 9, 7-10

Predigt Koh 9,7-10 (16.VIII.2015, XI. So.n.Tr)

 

Liebe Gemeinde, was sind die wichtigsten Gegenstände für eine Christin, für einen Christen? Das Kreuz vielleicht? Das würde den Schnelldenkern als erstes einfallen. Die Bibel? Das wäre schon ein bisschen tiefer gedacht. Und die ganz Schlauen würde vielleicht noch das Taufwasser nennen? Tut mir leid, bei all diesen Antworten ertönt leider ein quäkender Misston und kein gewinnverheißender Glöckchenton.

Die wichtigsten Gegenstände für Christinnen und Christen? Ich habe sie mitgebracht: Es ist das Brot, der Wein und die Sonnencreme. Und bei Brot und Wein, um gleich mal Missverständnissen vorzubeugen, geht es dieses Mal nicht um das Abendmahl. Brot, Wein und Sonnencremesind jetzt auch nicht symbolisch zu verstehen, sondern als das, was sie tatsächlich sind: Brot, Wein und Sonnencreme. Und das dann als die wichtigsten Dinge im Leben einer Christin, eines Christen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Jedenfalls wenn wir auf kleines Buch der Bibel hören, das leider ein Schattendasein führt. Maximal wird ein Gedicht über Zeit aus ihm zitiert, wobei dabei leider die Grenze zum christlichen Kitsch oft nicht nur gestreift, sondern mit Pauken und Trompeten überschritten wird. Dabei enthält es soviel mehr, wie ebbend auch der zentrale Hinweis auf Brot, Wein und Sonnencreme.

Denn im Buch Kohelet steht: „So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.

Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit deiner Frau, die du lieb hast, solange du das nichtige Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne.

Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.“

Liebe Gemeinde, Brot, Wein und Sonnencreme als zentrale Dinge meines Lebens als Christenmensch. Wobei die Sonnencreme heute vergleichbare Funktion hat, wie die Salbe des Koheletbuches. Ich liebe diesen Text, denn er enthält für mich den ganzen Reichtum unseres Glaubens und seiner Sicht auf die Welt. All die Schönheit unseres Glaubens, all die Freiheit, die mir der Glaube schenkt. Hinzu kommt, dass, wenn ich Kohelet lese, ich mich dort wieder finde, wie in kaum einem anderen Buch der gesamten Bibel. Scheint der „garstige Graben“ zwischen manch biblischem Text, biblischen Verfasser, biblischen Helden und unserer Zeit sehr groß zu sein. Spüre ich dort die Entfernung von tausenden von Jahren, so könnte Kohelet mit mir heute im Zug sitzen und wir würden uns sehr gut verstehen. Denn er stellt die eine große Frage unserer Zeit: Wie kann ich ein glückliches Leben führen? Oder anders formuliert: Was ist ein gutes Leben? Und er hat dabei einen messerscharfen Blick auf die Realitäten unseres Lebens, er sieht Licht und Schatten, schwarz und weiß, aber auch all die Grautöne dazwischen. Er lässt sich daher nicht abspeisen mit platten Sprüchen der Küchenpsychologie à la „Du musst nur an dich selber glauben“ oder etwas altbackener „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Er durchschaut ganz schnell fromme Phrasen, die schon immer ganz genau wissen, wie das mit Gott und der Welt so zu laufen hat. Er sieht, wie sie in der Realität zerplatzen wie Seifenblasen und von ihnen nichts übrig bleibt. Er lässt sich da, und da ist er dann halt so ein bisschen wie wir hier im Ruhrgebiet, nichts vormachen, ist es doch unserer kulturelles Erbe, das Wissen um die harte Realitäten des Lebens. Das Leben ist halt nicht so einfach, wie uns das vorgemacht werden soll. Es bleibt das Unverfügbare. Das, was wir nicht voraussehen können, das was uns einfach geschieht. Das Gute wie auch das Schlechte. Letztlich und schließlich gilt dann auch: Unser Leben auf dieser Erde währt nicht ewig. Das Ende ist für uns alle gleich und wir wissen nicht, wann es kommt. Und so ist Kohelet auch sehr kritisch gegenüber allen allzu angestrengten Versuchen, die Zukunft zu planen. Regeln aufzustellen, die sagen, wenn wir das und jenes tun, dann wird das und jenes passieren. Das ist ja oft nicht so. Und schon gar nicht ist es so, dass am Ende das Gute oder die Guten den Sieg davon tragen. Soweit die gnadenlose Analyse menschlicher Realität durch Kohelet, die Analyse menschlicher Möglichkeiten und menschlicher Grenzen.

Wie soll da noch ein glückliches Leben möglich sein, ein gutes Leben? Die Antwort: Mit Brot, Wein, Sonnencreme und, am wichtigsten, einem Menschen an unserer Seite. Zu platt die Antwort? Auf den ersten Blick scheint mir diese Antwort auch zu seicht, die ist so auch in diversen Magazinen von der Bude zu finden. Aber Kohelet hat diese Antwort dem harten Realitätschek und gerade auch seinem Nachdenken über Gott unterzogen und kommt so zu diesem Schluss: Ein gutes, ein glückliches Leben ist der Genuss der Dinge, die uns Gott geschenkt hat! Und das ist doch auch kein überbordender Luxus, der da eingefordert wird: Brot, Wein, Sonnencreme, alles zusammen für knapp 10 Euro zu haben, der Mensch an meiner Seite, den ich liebe, dem meine Treue gilt, der ist natürlich unbezahlbar. Es ist der Aufruf zum Genuss der alltäglichen Dinge. Darin besteht ein gutes Leben und auch ein Leben, wie es Gott von uns Menschen gefällt. Und bei diesem Genuss das tun, was die Gegenwart, das gegenwärtige Leben von uns fordert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Weil uns doch gesagt ist, dass es alles letztlich in Gottes Hand liegt. Bei ihm, der diese Welt erschaffen hat und erhält.

Liebe Gemeinde, welche Radikalität liegt in diesem Aufruf, welcher Widerspruch gegen die Zeit des Burn-Outs, der beruflichen und privaten Überforderung, der Ökonomisierung des ganzen Lebens, der ständigen Angst vor der Zukunft, der Todesangst. Welche Freiheit wird uns hier vor Augen geführt! Wenn wir erkennen, dass letztlich alles in Gottes Hand liegt, es für uns unverfügbar ist. Wenn wir den Glauben geschenkt bekommen, der das erkennt und zulässt, zu akzeptieren, dass Gott nicht nur, sondern an erster Stelle der ferne Gott ist, der sich verhüllt und nicht zu durchschauen ist. Ja, der uns fremd ist, nicht der nette Typ neben uns, während er doch alles und uns in seiner Hand hält. Dieser Glaube ist die Freiheit des Kohelet und seines Aufrufes zu Brot, Wein, Sonnencreme und dem Anpacken der gegenwärtigen Dinge.

So sind für mich diese drei nicht nur die wichtigsten für jede Christin, jeden Christen sondern auch für die Kirchengemeinden. Und das in zweifacher Hinsicht: Denn der Aufruf des Kohelet ist nicht ein Aufruf zu einer individualistischen Flucht aus der Welt in die trauten vier Wände, sondern er beschreibt auch eine Aufgabe: Dass allen Menschen dieser Genuss, ein Leben in dieser Freiheit möglich ist. Das ist die Aufgabe der ganzen Kirche: Zum einen Menschen in ihren individuellen Situationen durch Wort und Tat zu begleiten, ein Stück mit ihnen des Weges zu gehen, ihre Situation und Fragen so ernst zu nehmen, dass ihnen dieser Genuss möglich ist. Und zwar nicht nur in dem Raum der Gemeinde, sondern, und das ist viel wichtiger, draußen in der Welt. In ihren Familien, bei ihren Freunden, an ihren Arbeitsstätten, in ihren Vereinen, dort wo sie leben.

Zum anderen ist es die Aufgabe, gegen Strukturen in unserer Gesellschaft anzugehen, die diesen Genuss verhindern. In Goldhamme, Dahlhausen und  Eppendorf an erster Stelle, aber auch überall dort, wohin unsere Kraft reicht. Anzugehen gegen das Unrecht in der Welt, denn auch dies ist eine Erkenntnis des Kohelet: Das Unrecht, die Ungerechtigkeit sind ein weltlich Ding und von Menschen gemacht. Und diese Aufgabe können wir nicht alleine stemmen, sondern nur mit allen Menschen guten Willens, die mit uns in Eppendorf, Goldhamme und Dahlhausen leben, egal welcher Konfession, welcher Religion, welchem kulturellen Hintergrund.

Und noch, und das dann zum Abschluss, und noch aus einem weiteren Punkt sind diese drei auch für die Gemeinden und die Kirche so wichtig: Sie erinnern uns nicht nur an die geschenkte Freiheit unseres Glaubens, an unsere Aufgaben als Gemeinde gegenüber den Menschen, sondern an eine wunderbare Eigenschaft, die uns oft in den letzten Jahren verloren gegangen ist, manchmal sogar völlig verschüttet zu sein scheint: Die Gelassenheit und die Zeit zum Genuss, zu der uns Kohelet aufruft. Gerade auch angesichts all der Veränderungen, denen sich die Gemeinden und die Kirche gegenüber sehen. Wir hetzten von einer Reform zu der nächsten, von einem Best-Practice-Beispiel zum nächsten, ohne zu sehen, was die Dinge sind, die wir jetzt mit unseren Händen zu tun haben. Wie atemlos und ja sogar depressiv das Ganze geworden ist. Im letzten gilt doch auch für die Zukunft der Gemeinden die Erkenntnis des Kohelet: Es liegt nicht in unserer Hand, was aus ihnen wird. Und natürlich ist das kein Aufruf zum Realitätsverlust und lustig einfach weiter so. Natürlich nicht! Aber es ist die Bitte an alle, den Aufruf Kohelets auch für unsere gemeinsame Arbeit in den Gemeinden und der Kirche ernst zu nehmen. Nicht das wir am Ende uns eingestehen müssen, dass wir weder Zeit, noch Kraft noch Muße hatten, die wunderbaren Dinge, die Gott uns geschenkt hat zu genießen. Unsere Kleider zerrissen sind und auch kein Mensch mehr an unserer Seite ist, weil wir die schon verloren und es noch nicht einmal gemerkt haben. Und damit meine ich insbesondere die Menschen, die nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen sondern maximal an hohen Feiertagen, die an Wendepunkte ihres Lebens die Nähe zur Kirche suchen, unsere diakonischen Dienste in Anspruch nehmen.

Was sagt es über die Gemeinden und die Kirche aus, wenn an diesem Ort der Freiheit des Glaubens, etwas Einzug hält, das neudeutsch so schön mit Burn-Out betitelt wird? Wenn Ehrenamtliche und Hauptamtliche nur noch erschöpft sind? Wenn wir mutiert sind zu einer geschlossenen Anstalt der Moral und nicht offene Vollzugsanstalten des Lebens sind? Gönnen wir uns und gestehen wir uns selber gegenseitig zu, unter der Überschrift Kohelets unser privates Leben und unser gemeinsames Arbeiten und Leben in unseren Kirchengemeinden zu gestalten. Was wäre das für ein Zeichen des Lebens und der Freiheit des Glaubens, der uns von Gott geschenkt ist. Dem Gott, dem es anscheinend gefällt, wenn Brot, Wein, Sonnencreme, die Menschen, die wir lieben und unser tägliches Tun Mittelpunkt unseres Lebens sind.


Responses

  1. Größter Lob, um Gott Dankbarkeit zu zeigen ist für mich Freude am Leben. Das gelingt mir nicht immer, doch oft. Gott dafür zu danken, dass ich Brot und Wein für mich ist das Symbol für das, was mir Lebenskraft schenkt, habe. Es gibt mehr Möglichkeiten Freude wahrzunehmen und dann zu danken. Man kann sich darin üben. Mit Gottes Hilfe gelingt das. Margrit Korge


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