Verfasst von: achterosten | 30. Juni 2019

Familienfeier mit Gästen – Predigt zu Jesaja 55, 1-5

Predigt Jes 55, 1-5 (II. Sonntag nach Trinitatis, 30.VI.2019)

Versetzen Sie sich doch einmal in folgende Situation: Sie sind eingeladen zu einem großen Essen. Das lässt jedenfalls die Einladung vermuten, die sie erhalten haben: „Auf, ihr Durstigen, alle, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft und eßt! Ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch! Warum wiegt ihr Geld ab für das, was kein Brot ist, und euren Verdienst für das, was nicht sättigt ? Hört doch auf mich, und eßt das Gute, und eure Seele labe sich am Fetten! Neigt euer Ohr und kommt zu mir! Hört, und eure Seele wird leben!“ Das lässt doch hoffen, dass es ordentlich was auf die Gabel gibt und natürlich nur das Beste. Eingeladen haben ihre Eltern, die lassen sich nicht lumpen, das wissen sie. Ist manchmal mit ihnen nicht ganz so einfach, aber was solche Feste angeht – immer bestens! Sie gehen also von einer schönen Familienfeier im kleinen, gemütlichen Kreis aus. Als Sie allerdings den Festraum betreten, sind sie doch leicht irritiert. Am Tisch sitzen nicht nur all ihre Familienmitglieder, sondern auch Menschen, die Sie nicht wirklich kennen, die sich aber schon irgendwie ganz schön breit gemacht haben. Sie hatten sich auch schon über all die Autos draußen direkt vor der Einfahrt gewundert. Sie mussten drei Häuser weiter parken und durch den strömenden Regen laufen. Außerdem sollte das Fest erst in einer halben Stunde losgehen. Diese „Gäste“ aber waren nicht nur schon da, sondern hatten sich anscheinend schon reichlich am Buffet und der Bar bedient. Außerdem tragen sie teilweise Sachen, die eigentlich nur Familienmitglieder tragen. Sie können sich aber nicht daran erinnern, dass diese Menschen irgendwie zur Familie gehören. Da kommt auch schon Ihr Vater auf sie zu, leicht irritiert lassen Sie sich herzlich begrüßen: „Du, Vater, all diese Menschen…“ Ihr Vater strahlt über das ganze Gesicht, „Du weißt, wir haben mehr als genug, es soll für alle reichen, da habe ich einen von deinen Brüdern losgeschickt. Er hat sie in meinem Namen dazu eingeladen. Wirklich nette Leute…“
In diesem Moment haut Ihnen jemanden von hinten auf die Schulter, sie schauen in ein breit lächelndes Gesicht, dessen dicke Backen vermuten lassen, dass da gerade noch einiges vom Buffet verarbeitet wird. „Super, dass wir hier sind. Ganz toll, hätte eigentlich schon lange so sein sollen. Übrigens, ganz üble Geschichte mit ihren Großeltern, erzählen sie doch mal…“ Sie können nicht so ganz adäquat auf diese Form der Begrüßung reagieren, denn aus dem Augenwinkel sehen Sie, dass sich eine andere, Ihnen völlig unbekannte Person, direkt auf Ihren Stammplatz neben Ihrer Mutter gesetzt hat. Sie setzen sich also in Bewegung, bei aller Gastfreundschaft, das ist Ihr Platz und Sie haben sich schon lange darauf gefreut, mal wieder neben ihrer Mutter zu sitzen. Man sieht sich ja so selten. Am Stuhl angekommen sprechen Sie die Dame an, die dort Platz genommen hat und pausenlos auf ihre Mutter einredet. „Tschuldigung, ich bin der Sohn und das ist eigentlich mein Platz. Sie verstehen schon, Familie und so…“ Die Frau springt auf, schenkt Ihnen das breiteste Lächeln das möglich ist und nimmt Sie in den Arm. „Ich freue mich so. Das ist ihr Platz, das weiß ich doch, da habe ich höchsten Respekt vor, aber wissen sie, ich muss da ihrer Mutter einiges erzählen. Da hinten bei meiner Begleiterin ist auch noch ein Stuhl frei, die freut sich auch schon sehr mit ihnen zu sprechen. Übrigens, ganz schlimme Geschichte mit ihren Großeltern, ich erzähl ihrer Mutter gerade einiges dazu.“ Sie wollen etwas erwidern, was vielleicht nicht mehr ganz so höflich ist, da sehen Sie, wie Ihre Schwester Sie hektisch zu sich winkt. Kaum sind Sie bei ihr eingetroffen, hält sie Ihnen auch schon ihr Smartphone unter die Nase. Ein Bild ist zu sehen. Einige der fremden Gäste vor einem alten, beindruckenden Gebäude. So wie sie davor stehen scheint es ihr Zuhause zu sein, beeindruckend auf jeden Fall. Ihre Schwester vergrößert das Bild und was sie jetzt sehen, haut Sie um: An der Fassade des Hauses, kaum zu sehen, die Skulptur eines Schweines, genauer einer Sau. Darunter und dahinter drei Menschen, zwei saugen an den Zitzen der Sau und einer hebt ihren Schwanz und schaut ihr in den Enddarm. Der Hammer: Die drei Menschen, das sind eindeutig Mitglieder ihrer Familie! Am Haus der Gäste dieses Festes. Sie krallen sich den Erstbesten von diesen halten ihm wortlos das Bild unter die Nase. Der wird rot und windet sich: „Oh ja, ganz dumme Geschichte. Hängt da schon seit Urzeiten, haben unsere Vorfahren angebracht. Aber sehen sie“, und schon lächelt er wieder, „wir haben vor unserem Haus ein Schild angebracht, dass wir uns auf das Schärfste von diesem Bild distanzieren. Übrigens, das mit ihren Großeltern tut mir sehr leid. Mögen Sie erzählen?“ Bevor Sie irgendwas sagen können übertönt sie der Koch, der verkündet, dass leider schon das Buffet alle ist und an der Bar gibt es auch nur noch Wasser…

Wie würden Sie an der Stelle des Sohnes reagieren? Die Gäste gleich an die frische Luft setzen? Irgendwie das alles halbwegs höflich über die Bühne bringen, danach aber mit Ihren Eltern ein ernstes Wort reden, was das jetzt sollte? Eines werden Sie aber wohl nicht tun: Diese Menschen, bei aller Gastfreundschaft, wieder einladen. Davon gehe ich jetzt mal aus. Das verwunderliche, genau das geschieht aber immer wieder. Wer aber ist diese Familie, wer sind die Gäste? Das verrät der Text, der auf der Rückseite der Einladung stand: „Und ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu den unverbrüchlichen Gnadenerweisen an David. – Siehe, ich habe ihn zu einem Zeugen für Völkerschaften gesetzt, zum Fürsten und Gebieter von Völkerschaften. Siehe, du wirst eine Nation herbeirufen, die du nicht kennst; und eine Nation, die dich nicht kannte, wird zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und wegen des Heiligen Israels. Denn er hat dich herrlich gemacht.“
Damit ist es klar: Die Familie – das sind die Juden, die Gäste – das sind wir Christinnen und Christen. Das war so und ist so. Dieser ewige Bund, von dem die Rede ist, ist der zwischen Gott und seinem Volk, den Jüdinnen und Juden. Wir sind die Gäste, unverdient, allein aus Liebe eingeladen, dabei zu sein, teilzuhaben an dem großen Fest zu dem eingeladen wird, dem Fest Gottes.
Und wie verhalten wir uns so als Gäste? Die Geschichte trifft es leider allzu häufig auf den Punkt und ich habe noch nicht einmal übertrieben. Ich habe es zum Teil selbst so erlebt, und so wird es mir auch immer wieder von Jüdinnen und Juden erzählt. Da werden in Kirchengemeinden Sabbatfeiern gemacht, mit allem was dazu gehört: Tallit, Kippa, Israelflaggen und auf dem Tisch liegt noch ein Stein aus dem Krematorium von Ausschwitz, um mal nur ein Beispiel zu nennen. Da meiden Jüdinnen und Juden den Synagogenbesuch wenn Besuchsgruppen angekündigt sind weil sie sich, leider zu recht, vorkommen wie im Zoo. Wissen Sie was meine Vermutung dabei ist? Bei uns ist bis heute nicht angekommen, was es für unseren Glauben bedeutet zu sagen, dass Gottes Bund mit den Juden unverbrüchlich besteht, dass Gott durch einen aus diesem Volk uns zu sich ruft, allein aus Liebe. Das ist kein theologisches Lehrwissen, nichts für mehr oder weniger theoretische Diskussionen – damit steht oder fällt der christliche Glaube. Es kann einen Glauben, dass Gott die Liebe ist, dass er sich unverbrüchlich den Menschen zuwendet nur geben, wenn er auf dieser Erkenntnis wächst, sich aus ihr speist. Wie könnten wir sonst guten Gewissens taufen, Menschen unter Gottes Segen stellen, wenn dies für uns nicht Grundlage unseres Glaubens ist? Wie dürften wir auf das alles hoffen, wenn wir nicht davon ausgehen würden, dass Gott treu ist, zu seinen Zusagen steht, die er seinem Volk gegenüber gegeben hat? Der Kernsatz unseres Glaubens, er wäre dann falsch.
Was aber bedeutet das für uns? Ich glaube, wir stehen bei dieser Frage noch ganz am Anfang. Zwei Konsequenzen aber lassen sich schon jetzt festhalten: Zu akzeptieren, dass wir Gäste sind und nicht zur Familie gehören. Das steht einer guten, gemeinsamen Feier nicht im Wege, ganz im Gegenteil. Das steht auch in keinster Weise dem entgegen, was uns in der Einladung aus dem Jesajabuch geschrieben wird, die ich vorhin vorgelesen habe. Das weiß aber um den Unterschied und respektiert ihn. Dann unterlässt man alles, was nur irgendwie nach „freundlicher Übernahme“, nach Gleichmacherei etc. riecht. Um es auf mal in einem Schlagwort zusammen zu fassen: Respekt! Zum zweiten und zum letzten: Der Kampf gegen den Antisemitismus ist dann keine unliebsame Aufgabe, der Frau, der Mann mit schlechtem Gewissen nachgeht, wegen der Taten unserer Vorfahren. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist unser Kampf, weil es dort wo er herrscht keinen christlichen Glauben geben kann. Der Antisemitismus zerstört die Grundlage unseres Glaubens! Wo gegen Juden gehetzt wird kann Gott nicht gelobt werden. Wo „Jude“ ein Schimpfwort ist, da kann kein Kind getauft werden, in der Hoffnung, dass es wirklich wahr ist, dass Gott uns trägt. Wo all die Klischees über Jüdinnen und Juden gepflegt werden bis hin zu irgendwelchen obskuren Verschwörungstheorien, also dieser ganze Alltagsantisemitismus, da kann das Wort Gottes nicht Wahrheit sein. Der Antisemitismus schneidet uns ab von dem lebendigen Wasser, dass uns Gott in seiner Einladung verspricht. Es ist aber auch dieses lebendige Wasser, das Wasser mit dem wir getauft sind, das Wasser des Glaubens das uns für diesen Kampf Mut, Entschlossenheit und Aufrichtigkeit schenkt. Dass es uns lehrt gute Gäste zu sein.


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