Verfasst von: achterosten | 25. August 2011

Vom Tun – Predigt zu Matthäus 7, 24-27

Predigt Mt 7, 24-27  Hospiztagung 21.VIII.2011 (IX.So.nTr.)

Liebe Tagungsgemeinde,

„Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.

Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ So der heutige Predigttext aus Matthäus 7.

 

Liebe Gemeinde,

„alles eine Frage der Dosis“, sagte der Fuchs und öffnete die Wodkaflasche. Zugegeben ein etwas zynischer Kommentar zu dem ersten Teil des Gleichnisses. Nicht aber erst seit den schrecklichen Bildern aus Japan wissen wir, dass ab einer gewissen Stärke des Windes es egal ist, ob auf Sand oder Feld gebaut wurde. Aus eigener Anschauung kann ich ihnen auch nur sagen: So toll ist ein Haus auf Fels auch nicht. Erst mit Mühe und viel Sprengstoff die Fundamentplatte aus dem Fels geholt, und später haben sie dank der Steine schön fließend Wasser – die Wände runter. Da bekommen sie gleich aber mal eine solche Sehnsucht nach einer Baugrube in schöner weicher, sandiger Erde.

Und doch spricht uns dieses Bild so an: Auf sicherem Fels gebaut – das wär es doch. Sicherheit, Verlässlichkeit. Etwas was verlässlich und sicher trägt, im Leben und gerade auch im Sterben. Gerade im Sterben, in der Trauer – irgendetwas, was trägt wenn alles nicht mehr hält. „Ich will, dass Du bei mir bist“, „Stürme des Lebens“, „Was wir brauchen, um mit dem Tod leben zu können!“ – so die Titel einiger Workshops gestern. Solche Sehnsucht nach einem Fels. Die Sehnsucht des Menschen.

Eine junge Frau in der Werbung guckt mich herausfordernd mit großem Schmollmund an und verlangt: „Versichere mich nicht nur, nein kümmere dich um mich.“ Welcher Versicherungsvertreter schmilzt da nicht hin und fängt sofort bei der ERGO-Versicherungsgruppe an? „Sei mein Fels“, so klingt die Botschaft der Dame. Ganz zu schweigen vom guten, alten Fels in der Brandung einer weiteren Versicherung.

Wir Menschen suchen nach diesem Fels, das was uns trägt. Manchmal hat diese Suche etwas Verzweifeltes. Es muss doch irgendetwas geben, was uns trägt, uns und die Gesellschaft. Werte, rufen die einen und viele aus der Kirche gleich vornweg. Wir brauchen wieder Werte! Oh ja, Werte. Da hätten wir den völligen Gewaltverzicht in der Politik, ein guter Wert. Fahren sie mal mit dem nach Sarajevo, nach Srebenica.

Dann halt die Familie – ganz stark wieder im Kommen, gerade unter Jugendlichen. Ich verweise nur auf diverse Filme zwischen Tragikömodie und reinem Psychothriller.

Man könnte diese Beispielkette endlos weiterführen und muss stark aufpassen, dass man nicht von Ironie in Zynismus umschlägt. Am Ende steht vor allem eines: Es gibt eine unendliche Zahl von Dingen, von denen wir inständig hoffen, dass sie der Fels sind. Mich tragen, mir Sicherheit geben. Und einige dieser Dinge tun dies unbestritten. Meist im Kleinen, Intimen. Aber ob sie allen Stürmen gewachsen sind, wirklich letzte Sicherheit geben? Nein, das können sie nicht, trotz all meiner Sehnsucht danach.

Ist das nicht im letzten eine bittere Erkenntnis? Da will man sich doch gleich dem Fuchs von oben anschließen und um die Flasche bitten. Aber halt, welch ein Glück, es fällt mir noch etwas ein: der Glaube. Ja, warum bin ich denn nicht gleich darauf gekommen. Und schon tönt in meinen Ohren das Gleichnis vom Haus auf dem Fels. Dem Fels auf dem mein Lebenshaus endlich sicher und fest für alle Zeiten stehen kann! Der Glaube, soll er nicht der Fels sein, tragen im Leben und im Sterben? Der Untergrund für mein Lebenshaus, der trägt in allen Lebensstürmen? Wurde mir das nicht gerade angesichts dieses Gleichnisses immer wieder erzählt, meist mit einem mehr oder weniger appellativen Unterton?

Der Glaube als Felsen auf dem das Haus sicher in allen Stürmen steht – ein Satz der Hoffnung, aber kein Aussagesatz. Denn ob der Glaube wirklich auch allen Stürmen standhält, auch das kann nicht mehr als Hoffnung sein.

Und nun – Vorhang zu und alles offen? Wir suchen weiter, mal mehr oder weniger verzweifelt nach dem Fels oder deklarieren irgendetwas dazu, auch wenn es uns längst wie Sand durch die Finger rinnt?

 

Die Worte des Gleichnisses – und für mich war das eine echte Entdeckung in all der Ratlosigkeit angesichts dessen, dass unser Leben eher eine sandige Angelegenheit, denn tief unterkellert ist – diese Worte weisen in eine ganz andere Richtung. Denn weder ist hier ein Lebenshaus im Blick, noch ein dauerhaftes Fundament, was das Haus durch all die Lebensstürme trägt.

Das Gleichnis spricht nur von einem Sturm. Ein einmaliges Ereignis, dass das Fundament auf seine Tragfähigkeit prüft. Es sind nicht all die Lebensstürme, sondern das Gericht Gottes, das zutage treten lässt, ob es Fels oder Sand war. Im Kontext der Frage nach dem Gericht Gottes stellt das Matthäusevangelium das Gleichnis. Gar nicht auf die Frage, was trägt hier unser Leben, sondern ganz auf die Zukunft ausgerichtet antwortet das Gleichnis. Was dort tragender Fels oder trügerischer Sand sein wird.

Und eine zweite Entdeckung: Was Sand oder Fels ist, wird genau definiert. Nicht der Glaube, nicht die Frömmigkeit, noch nicht einmal das Vertrauen in Gott, sondern: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann,…“ Man ist angesichts dessen versucht zu sagen: Das Tun, nicht das Sein ist die Ausrichtung, der Fokus. Das elektrisiert, denn es öffnet einen ganz neuen Horizont. Nicht die mehr oder weniger verzweifelte Suche ist entscheidend, sondern das Hören und Tun der Rede Jesu, unser Handeln. Was ist wenn das wirklich stimmt: Unser Tun bestimmt unser Sein? Würde uns das nicht Aufatmen lassen in der so anstrengenden Suche nach dem verdammten Fels unseres Lebens?

 

Mit diesem Gleichnis Jesu wird uns der ganze Schatz der Bibel aufgerissen und wir werden mitten in sie hineingeführt. Vorbei an den gewaltigen Worten der Bergpredigt, den verzweifelten Rufen der Propheten, den Taten und Untaten der Könige und Herrscher, mitten hinein in das Herz: Das Gebot Gottes, dass er seinem Volk Israel gab, die Tora. Sie will uns vor Augen führen, nicht das Sein, sondern das Tun und Lassen ist es, was entscheidend ist. Das trägt. Nicht zum guten Sein sind wir aufgerufen, sondern zum guten Tun. Dieser Weg ist es, der uns im Gleichnis vor Augen gestellt wird. Ein Weg, den das Volk Israel, Jüdinnen und Juden, seit den Tagen der Tora versuchen zu gehen. Ein Weg, auf den uns Jesus verweist, uns auf ihn ruft. Ein spannenender Weg, was wäre wenn das wirklich und wahr wäre? Was würde das für uns, unsere Arbeit, unser Leben in der Welt wirklich bedeuten? Wäre das das Ende unserer verzweifelten Suche nach dem was uns trägt? Diese Fragen lassen sich garantiert nicht hier und heute Morgen klären.

 

Eins aber lässt sich doch sagen: Das Gleichnis vom Hausbau öffnet vor uns den ganzen weiten Horizont der Bibel und führt zu so wunderbaren biblischen Büchern wie Kohelet. Auch er beteiligt sich an der Suche nach dem was trägt im Leben, etwas was dauerhaft Halt gibt. Alles probiert er: Moral, Religion, Wein, Weib und Gesang, Besitz. Am Ende kommt er zu der Erkenntnis: „Nichtig und flüchtig, nichtig und flüchtig, das alles ist nichtig.“ Aber er bleibt nicht stehen, sondern auch ihm drängt sich die Frage auf, was ist wenn das Tun das Sein bestimmt? Und er findet eine der schönsten Antworten der Bibel: „Geh hin, iß dein Brot mit Freude und trink deinen Wein mit gutem Herzen, denn längst hat Gott Wohlgefallen an deinem Tun. Zu jeder Zeit seien deine Kleider weiß und laß es nicht fehlen an Öl auf deinem Haupt. Genieße das Leben mit der Frau die du liebst, alle Tage deines nichtigen Lebens, das er dir gegeben hat unter der Sonne, alle deine nichtigen Tage.
Alles was in deine Hand gelangt zu tun, das tue in deiner Kraft.“

 

Gehen wir ein paar Schritte auf diesem Weg und lassen uns überraschen was er uns bietet, gerade auch in der Arbeit mit Menschen, für die jedes Tun verklingt.

Vielleicht verstehen wir dann den Sinn eines wunderbaren Witzes: Ein katholischer Priester, eine evangelische Pfarrerin und ein Rabbiner erfahren durch göttlichen Wink von einer neuen Sinnflut noachidischen Ausmaßes. Der Priester ruft am nächsten Sonntag die Gemeinde auf, die guten Dinge der Schöpfung bis dahin noch zu genießen, aber auf keinen Fall die Beichte zu vergessen, bevor sich die Wassermassen ergießen. Die evangelische Pfarrerin ermahnt die Gemeinde zur Prüfung des Gewissen und dazu, sich trotz der drohenden Katastrophe im Glauben nicht erschüttern zu lassen. Am Shabbat erhebt sich der Rabbiner in der Synagoge, schaut einen Moment schweigend in die Gemeinde und sagt: „Lernt Schwimmen!“

Amen.

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Responses

  1. Wer ist Achter Osten ? Wo findet man „Home“ auf dieser Seite ?
    Wo ein Impressum, eine kurze Selbstvorstellung ? ? ?
    Sind diese Infos überhaupt auf der Seite vorhanden ?
    Wenn ja: Warum so versteckt ?


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