Verfasst von: achterosten | 28. Mai 2019

Religiöse Allergie – Predigt zu Johannes 16, 23b-33

Predigt zu Joh 16, 23b-33 (Rogate 26.V.2019)

Aus dem Johannesevangelium: „Und an jenem Tag werdet ihr mich nichts fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. Bis jetzt habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude völlig sei! (…)An jenem Tag werdet ihr bitten in meinem Namen, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde; denn der Vater selbst hat euch lieb, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, daß ich von Gott ausgegangen bin. (…) Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden.“

Welche Allergien haben Sie denn so? Ist es das Gluten, Lactose oder Pollen? Wie sind die Symptome: Magenschmerzen, tränende Augen, juckende Haut? Ich leide ja sehr stark an einer schweren Form der religiösen Allergie, so eine Art Frömmigkeitsunverträglichkeit. Die sorgt in leichten Fällen nur für eine Art vorübergehendes inneres Jucken, in schwereren Fällen für ziemlich große, schmerzende Pickel auf der Seele. Am liebsten möchte ich dann laut werden und mir einmal kräftig Luft machen: „Was soll dieser verdammte Mist? Für was soll das jetzt gut sein?“ Macht man natürlich nicht oder zumindest nicht in der Öffentlichkeit, soll ja friedlich zugehen bei uns. Auslöser für diese schwere Form religiöser Allergie? Texte wie den, den Sie gerade gehört haben. Ich meine, was soll das? So Sätze wie „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben. Bittet, und ihr werdet empfangen.“ Geht es bitte schön noch tausend Meilen entfernter an der Lebensrealität vorbei? Wie lang soll sie denn noch sein, die Schlange der Menschen, die das so ernst genommen haben? Ich will uns heute Morgen mal nicht komplett die Stimmung versauen und in die ganz großen Tiefen menschlicher Abgründe und menschlichen Leidens hinabsteigen. Denn es fängt doch schon harmloser an. Denn, das scheint doch auch klar, über was ist Gott am besten informiert? Natürlich über die schulische Karriere einer Unzahl von Menschen. Schlagartig steigt da vor jeder Mathe- oder Lateinarbeit die himmlische Sprechstundenfrequenz. „Lieber Gott, es muss ja nicht gleich die Eins sein, das wäre auch ungerecht, weil ich ja wirklich eine faule Socke bin, aber komm, eine vier wäre schon super.“ Und diejenigen die Gott nicht gleich für den Weihnachtsmann halten, versuchen es geschickter: „Lieber Gott, nein, ich bitte nicht um eine Note, sondern um die nötige Kraft und Konzentration für diese entscheidende Arbeit. Wäre es nicht gerecht, ich habe dieses Mal auch echt versucht zu lernen, aber du weiß ja, was alles dazwischen gekommen ist….“ Ich kann nicht abstreiten, dass in ganz verzweifelten Momenten meiner schulischen Karriere ich es auch nicht auf diese Art und Weise versucht hätte. Ergebnis: Mathe war und blieb für mich ein Tennismatch – keine Punkte. In Latein hat mir auch eher der Sachteil mit inhaltlichen Fragen den Hals und das Latinum gerettet. Göttliche Gebetserhörung, wie im heutigen Predigttext versprochen, – wohl eher nicht, wenn nicht eher sogar vielleicht überhaupt nicht. Und wie bereits gesagt, das ist die harmlose Variante der unzähligen, die zu Gott riefen und nichts empfingen außer, wenn es ganz mies lief – noch mehr Elend. Darum meine ausgeprägte allergische Reaktion auf Texte wie diesen, einen allergischen Schock kriege ich dann, wenn es dann noch die ganz speziellen Frommen gibt. Die dann anfangen, die Schuld dafür bei den Menschen selbst zu suchen, bei ihrem mangelnden Glauben oder ähnlichem. Selbst so erlebt. Ein großer Unglücksfall, ein junger Mensch schwer verletzt und es fallen Sätze wie „Wir haben nicht genug geglaubt.“, „Wir haben Gott / Jesus nicht genug geliebt.“ Ich will ja keiner und keinem zu nahe treten, aber das ist vor allem eines: Der Höhepunkt christlichen Zynismus und Menschenverachtung.
Diese meine religiöse Allergie hat über die Jahre zugenommen, je größer die Erfahrung, die Begegnung mit Menschen, gerade auch den Verzweifelten, war. Aber ehrlich gesagt, ich glaube diese religiöse Allergie ist ziemlich weit verbreitet und wahrscheinlich häufiger als Heuschnupfen. Und was schützt vor allergischen Reaktionen? Genau, die Vermeidung. Und so sind viele zu dem Schluss gekommen, das mit dem Beten und gleich mal auch mit Gott, dem Glauben lieber ganz sein zu lassen. Wer will es ihnen auch vorwerfen, die Erfahrungswerte, das Leben an sich spricht ja auch eher dafür.

Bei mir ist es der etwas andere Weg gewesen, der bei Allergien ja auch hilfreich sein kann – die Desensibilisierung. Man setzt sich immer wieder gewissen Dosen des Stoffes aus und hofft so, das sich die Allergie wenn auch nicht verschwindet, so doch bessert. Ich muss sagen: Hat geklappt bei mir. Wodurch? Durch intensives theologisches Studium? Leider nicht ganz, sondern es kam noch etwas anderes hinzu –ein Witz, sie mögen es mir verzeihen. Der ist nicht neu und ein klassischer Erzählwitz:
Gott selber erscheint im Traum einem christlichen Geistlichem und einem jüdischen Rabbiner. Beiden teilt er mit, dass es mal wieder Zeit für eine Sintflut sei, die er, Gott, Ende nächster Woche über die Menschen schicken wird. Der Geistliche und der Rabbiner seien von Gott ausgesucht worden, das den Menschen zu verkünden. Das alles teilt Gott ihnen in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit. Der Geistliche kann es also schon am nächsten Morgen verkünden. Um mit einem verzweifelten Aufruf zu enden: „Betet um Errettung, vielleicht können wir so den Entschluss des Herrn noch ändern.“ Der Rabbiner hat eine Woche Zeit zum Nachdenken. Er stellt sich am Samstag in der Synagoge vor die Gemeinde: „Der Herr hat eine Sintflut angekündigt, betet und – “ Kurze Pause. – „lernt Schwimmen!“
Dieser Witz hilft mir jedenfalls sehr bei meiner Allergie, denn er lenkt den Blick um, weg von der einfach Gleichung Bitte an Gott = Erfüllung. Er lenkt den Blick auf mich, die Menschen um mich herum, auf unser Handeln. Verbindet beides: Gebet und Tun! Beten und Handeln. Stellt beides in eine unauflösliche Verbindung. Durch unser Handeln wird uns geholfen, es liegt in meiner Verantwortung, in meinem Tun, dass was aus mir wird. Klar, kenn ich doch, wird jetzt jemand von Ihnen sagen: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!“ Uralt, mindestens 2600 Jahre alt, aber genau das ist in meinen Augen nicht gemeint. Was wenn der Satz genau anders herum wahr ist, wenn es um das Beten und seine Konsequenzen geht? „Helft euch untereinander, so hilft euch Gott!“ Wie ich darauf komme? Weil Jesus im Zusammenhang des Betens von der Liebe spricht. Wie Gott diejenigen liebt, die ihn lieben. Und dass das der Schlüssel zum Gebet ist. Und das Kriterium für diese Liebe zu Gott? Fromme Sprüche, laute Bekenntnisse? Nein, sondern: „Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt.“ So sagt Jesus es seinen Jüngerinnen und Jüngern kurz vorher. Für mich ist es auch der einzig mögliche Schlüssel, jedenfalls der ohne allzu große allergische Reaktionen. Denn wo habe ich die Hilfe Gottes erfahren, im Gebet erschrien oder nur leise gehofft? In der Hand, die mir einer entgegenstreckte. Dort wo Gebete nicht Worte blieben, sondern Menschen zusammen es in die Hand genommen haben, für das einzutreten, für das sie beten. Wo sie auf das Gebet der anderen neben ihr gehört haben, sich haben anrühren lassen. Wo der Blick im Gebet nicht gen Himmel geht, der sich immer wieder als ziemlich leer erweist, sondern rechts und links neben sich, auf die, auf den neben mir mit ihrer Freude, mit seinem Leid. Wo es nicht bei Worten ohne Konsequenzen bleibt, sondern im Sprechen, im Schreien, im Flehen die Kraft wächst zu handeln. Die helfende Hand zu ergreifen, sie selber auszustrecken. Die Freude des anderen nicht zu stören, sondern als kostbaren Schatz zu schützen.
Dieser Gedanke „Helft euch untereinander, so hilft euch Gott“ – vielleicht ist es ja nicht nur ein Mittelchen gegen meine allergischen Symptome, sondern ein wirklich wahres, ein echtes Heilmittel.


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