Verfasst von: achterosten | 12. August 2012

Aufklärung (Predigt zum 111. Psalm)

Predigt zu Ps 111 (X. So.nTr. – Israelsonntag, 12.08.2012)

 

Liebe Gemeinde, Israelsonntag heute – eine gute Tugend protestantischen Glaubens sich vor Augen zu führen ist heute angesagt: Die Bereitschaft des offenen Nachdenkens über den eigenen Glauben. Seinen Kopf zu gebrauchen, um zu verstehen. Altes, wohlvertrautes zu prüfen, in Frage zu stellen angesichts heutiger Lebensbedingungen, gelebter Geschichte und dem Wort Gottes. Am Ende können dann neue Wege stehen, die wir gehen. Auf ein Wort gebracht: Aufklärung ist heute das Stichwort. Nicht Belehrung, nicht hohle Phrasen, sondern Aufklärung als neues Verstehen, als Verlassen des einfach nur Übernommenen, ohne darüber nachzudenken. Gerade auch im Verhältnis von Juden und Christen, der Bedeutung der Juden, des Alten Testamentes für unseren Glauben. Dass diese Aufklärung mehr als Not tut, haben mir zumindest mal wieder die letzten Wochen drastisch vor Augen geführt. Und dazu kommen noch drei Dinge, die mich darin bestärken: Erstens –  man sollte nicht über Dinge reden, von denen man keine Ahnung hat. Zweitens – das Heranziehen von YouTube Videos oder Blogs zeugt nicht davon, dass man Recht hat. Sie sind auch nicht an sich ein Argument und schon gar kein Beweis. Und drittens –  Die Bereitschaft zum Nachdenken und nicht nur zum Herausposaunen von Meinungen, die gerne als Tatsachen dargestellt werden, sinkt in der öffentlichen Meinungsbildung in den Promillebereich.

Aufklärung tut not und ich will Sie heute an diesem Israelsonntag zur Aufklärung anregen.

„Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde. Groß sind die Werke des HERRN; wer sie erforscht, der hat Freude daran. Was er tut, das ist herrlich und prächtig, und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich. Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR. Er gibt Speise denen, die ihn fürchten; er gedenkt ewig an seinen Bund. Er lässt verkündigen seine gewaltigen Taten seinem Volk, dass er ihnen gebe das Erbe der Heiden. Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht; alle seine Ordnungen sind beständig. Sie stehen fest für immer und ewig; sie sind recht und verlässlich. Er sendet eine Erlösung seinem Volk;
er verheißt, dass sein Bund ewig bleiben soll. Heilig und hehr ist sein Name.  Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang. Klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.“

Liebe Gemeinde, so der Predigttext für den heutigen Israelsonntag, der 111. Psalm. Wer sind die Juden heute für uns? Wo stehen wir, wenn wir die Botschaft der Bibel hören? Um es gleich vorweg zu nehmen, das was im 111. Psalm über das Volk Gottes gesagt wird, gilt gestern, heute und auch morgen. Die Juden sind das Volk Gottes, sie haben diese Erwählung nicht verloren. Ihre Erwählung ist ihnen auch nicht weggenommen worden und auf die Christen übertragen worden. Auf diese theologische Schnapsidee sind die Christen zwar irgendwann mal gekommen.  Sie hält sich zäh bis heute, aber es wäre besser gewesen, die Bibel in ihrem Kontext zu lesen, anstatt ideologisch gefärbten theologischen Gedanken nachzujagen. Denn die Bibel spricht in allen ihren Teilen von einem treuen Gott, einem Gott der sich an seine Zusagen, seine Verheißungen hält. Wenn dem nicht so wäre, wie könnten wir dann von einem liebenden Gott reden, einem Gott der die Liebe ist. Ein Gott, der heute erwählt und morgen einfach verstößt, das ist ein Gott, der durch Angst und Furcht sich die Menschen unterwerfen will. Muss man doch jederzeit fürchten, einfach hinausgestoßen zu werden. Der Gott, der die Liebe ist, der Gott der Bibel ist das nicht. Und schon allein aus dem Grund ist es nicht möglich den Juden abzusprechen, dass sie das von Gott erwählte Volk sind und bleiben.

„Er verheißt, dass sein Bund ewig bleiben soll“, so heißt es im Psalm. Wie können wir, wenn wir uns auf die Bibel berufen wollen, dem widersprechen? Wenn aber der Bund zwischen Gott und seinem Volk nicht zerschnitten, nicht unterbrochen ist, dann gilt das auch für den Ausdruck dieses Bundes: Den Geboten, die Gott seinem Volk gegeben hat, die Tora. Das was wir bei uns unter den Fünf Büchern Moses zu Beginn der Bibel finden. Auch für sie gilt dann: Sie sind nicht aufgehoben, abgelöst, überholt. Sie können auch von uns Christen nicht einfach abgetan werden. Die Bergpredigt Jesu zum Beispiel schafft die Gebote nicht ab oder verbessert sie sozusagen in einem christlichen Sinne. Vielmehr findet hier eine Interpretation der Gebote angesichts der Lebensumstände und religiös-theologischen Fehlentwicklungen statt. Sie gipfelt in dem Spitzensatz: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“

Die Gebote unseres Alten Testamentes, der Tora, gehören also nicht auf den Schrottplatz unseres Glaubens, sondern haben auch für uns Relevanz. „Die Werke seiner Hände sind Wahrheit und Recht; alle seine Ordnungen sind beständig. Sie stehen fest für immer und ewig; sie sind recht und verlässlich.“, auch dieser Satz des 111. Psalmes ist daher für mich eine Grundaussage meines Glaubens. Der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von uns Christen zu den Juden, dem Volk Gottes. Und ich kann das um so überzeugter sagen, weil mir in der Auseinandersetzung mit dieser Frage deutlich geworden ist, dass das was wir als Christen so landläufig unter den Geboten Gottes verstehen, auch nur maximal der halben Wahrheit entspricht. Gerade für uns Protestanten rührt dies an einer unserer Fundamente: Die Bibel, das Alte Testament schildern die Gebote Gottes nicht als unerfüllbare Last, die Gott den Menschen auferlegt, damit er erkennt, dass er nie vor Gottes Anspruch bestehen kann. Die Gebote Gottes sind keine Kette, unter der die Menschen ächzen sollen, kein trockener, langweiliger Pflichtenkatalog, der den Menschen alles untersagt. Die Gebote Gottes wurden den Juden gegeben in einer Zeit der Befreiung. Nicht als neue Kette nach den Jahren der Unterdrückung und Sklaverei, sondern als Schutz dieser neuen Freiheit. Schutz vor neuer Unterdrückung durch Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Als Offenbarung des Willen Gottes für diese Welt, das Zusammenleben der Menschen, das Zusammenleben mit ihm. Nicht Ausdruck eines unmenschlichen Anspruches, sondern der Liebe Gottes zu den Menschen, seinen Willen, dass Gutes für die Menschen geschieht. Wer die Gebote Gottes tut, unterwirft sich nicht einem unmenschlichen harten Gesetz Gottes, sondern er antwortet auf die erfahrene Befreiung, auf die erfahrene Liebe Gottes zu den Menschen. Es gibt da einen Begriff, der das zusammenfasst: Lob Gottes. Wer die Gebote Gottes tut, lobt Gott. Wenn Juden die Gebote Gottes als Leitlinie für ihr Leben machen, loben sie Gott. Und zwar nicht irgendeinen Gott, sondern den Gott, der sich uns Menschen aus den Völkern, den Nichtjuden in seinem Sohn Jesus Christus zugewandt hat.

So steht am Ende dieses Gedankenganges, dass für uns Christen die Juden nicht nur weiterhin das Volk Gottes sind und bleiben, die Gebote Gottes für die Juden auch weiterhin ihre unverlierbare Gültigkeit haben, sondern dass wir als Christen, das Tun der Gebote Gottes durch die Juden zu unterstützen und wo notwendig, zu schützen zu haben. Denn wer als Christ will sich dem Lob Gottes entgegenstellen?

Liebe Gemeinde, das alles macht vielleicht eher den Anschein, theologische Gedankenzüge zu sein, die aus dem theologischen Elfenbeinturm stammen. Bemüht um theologische Richtigkeiten, mehr aber auch nicht. Wie schnell aber all diese Gedankengänge ihre gesellschaftliche Relevanz erhalten, wird spätestens angesichts des Urteiles über die Beschneidung deutlich. Das Urteil, dass die Beschneidung von Jungs zur einfachen Körperverletzung erklärte, führte dazu, dass die Skandalisierungs- und Erregungsindustrie mal wieder auf Hochtouren lief. Liebe Gemeinde, ich bin kein Jurist und meine Kenntnisse insbesondere im Staatskirchenrecht sind eher gering. Daher werde ich jetzt hier nicht den Fehler machen, und mich in eine Diskussion verstricken, inwieweit das ganze juristisch zu betrachten ist. Auch bin ich kein Mediziner, um die angebliche Schädlichkeit der Beschneidung zu beurteilen. Ich kann hier nur soviel anmerken, dass mir von kompetenter und vertrauenserweckender Seite plausibel die medizinische Unbedenklichkeit geschildert wurde. Als evangelischer Christ aber kann ich eine klare Position einnehmen. Und das mir das möglich ist, dafür brauche ich den gerade ausgeführten Gedankengang.

Die Brit Mila, die Beschneidung der männlichen Säuglinge am achten Tag ihres Lebens, ist ein Gebot Gottes für sein Volk. Es ist das Zeichen am Körper der jüdischen Männer für die Erwählung Israels durch Gott. Durch alle Zeiten hindurch, Zeiten der Unterdrückung, Zeiten der Vernichtung, sind Juden diesem Gebot Gottes gefolgt. Es handelt sich dabei auch nicht um irgendein Gebot, sondern um eines der zentralen. Wenn jüdische Eltern ihre Jungen beschneiden lassen, folgen sie diesem Gebot, loben sie Gott. Können wir Christen uns anmaßen, Juden dies abzusprechen? Sie daran hindern zu wollen, diesem Gebot Gottes zu folgen? Oder noch schlimmer, ihnen erklären zu wollen, wie sie Gott zu loben, seine Gebote zu befolgen haben? Haben wir uns nicht vielmehr mit aller unserer gesellschaftlichen Kraft an ihre Seite zu stellen?

Bei diesen Fragen will ich es belassen, denn in die Tiefen der elenden Diskussion nach dem Urteil aus Köln kann und will ich an diesem Ort nicht einsteigen. Nur eine kleine Bemerkung noch: Wem die theologische Begründung meiner Position zu dünn ist, dem sei noch ein kleiner Blick in die Geschichte empfohlen: Beginnend bei der Diskussion um die Beschneidung zur Zeit der ersten Christen hin zur christlich antijüdischen Polemik gegen die Beschneidung durch die Jahrhunderte. Hinzukommt die kritische bis ablehnende Haltung gegenüber dem Islam, die sich in den letzten zehn Jahren zu einer Islamhysterie gesteigert hat.  Aus dieser Perspektive sei die Frage erlaubt, ob bei dem Kölner Urteil wirklich das Kindeswohl im Mittelpunkt stand oder sich nicht eher eine tief in das europäische kulturelle Gedächtnis geprägte Polemik gegen die Beschneidung ihre Bahn bricht?

So bleibt nur noch zu sagen: Es ist Israelsonntag – es ist mal wieder Zeit, in der Aufklärung not tut, damit Juden und Christen den Geboten ihres Herren auf ihre Weise folgen können, denn „Klug sind alle, die danach tun. Sein Lob bleibet ewiglich.“

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Responses

  1. […] 15. August 2012 – 27 Av 5772 von Chajm | Keine Kommentare Es handelt sich dabei auch nicht um irgendein Gebot, sondern um eines der zentralen. Wenn jüdische Eltern ihre Jungen beschneiden lassen, folgen sie diesem Gebot, loben sie G-tt. Können wir Christen uns anmaßen, Juden dies abzusprechen? Sie daran hindern zu wollen, diesem Gebot G-ttes zu folgen? Oder noch schlimmer, ihnen erklären zu wollen, wie sie G-tt zu loben, seine Gebote zu befolgen haben? Haben wir uns nicht vielmehr mit aller unserer gesellschaftlichen Kraft an ihre Seite zu stellen? Aus einer evangelischen Predigt zum Israelsonntag […]

  2. Tja, da bleibt nur zu hoffen, dass diese ‘Gesellschaftliche Kraft’ in Deutschland verblassen wird. Was sie im übrigen tut, wie man an den zahllosen Kirchenaustritten erkennen kann.

    Deutschland ist auf dem Weg zu einer säkularen Gesellschaft. ‘Gott Sei Dank’ 😉

    P.S: Bin übrigens auch aus der (katholischen) Kirche ausgetreten. Schon vor Jahren. Hab‘ es nicht bereut.

    • Stell Dir vor es ist Kirchengottesdienst und keiner geht hin….

  3. Zum jetzigen Zeitpunkt noch so einen Unsinn von sich zu geben…
    Ich habe mich jetzt intensiver mit dem Thema beschäftigt, dank dem Überreichen Angebot im Web. Nicht auf die medizinischen, psychologischen und menschenrechtlichen Gründe gegen Beschneidung einzugehen ist einfach ignorant, was sie ja den Bloggern und YouTubern vorwerfen. Judentum und Islam werden es wahrscheinlich ohne Beschneidung aushalten, auch wenn es dann weniger frauenfeindliche Steine werfende 12 jährige geben wird(wegen besserer Onanier Fähigkeit= weniger sexuelle Frustration).

  4. Sie sollten sich einmal damit beschäftigen, welche potentiellen Folgen eine Beschneidung haben kann.
    Nicht umsonst zeigt sich der Verband der Kinder- und Jugendärzte “ entsetzt“ über den Gesetzesentwurf(Übrigens hat auch der „Bund der katholischen Ärzte „die Petition gezeichnet, die sich gegen die Legalisierung aussprach).
    Es handelt sich nicht um eine Diskussion gegen Religion oder Glauben, es ist ein Eintreten für Kinderrechte.
    Und jeder Einzelne, der sich dafür ausspricht, das Ritual in heutiger Form beizubehalten, wird künftig eine Mitschuld tragen, wenn Jungen Schaden durch Beschneidung nehmen. Einer ist einer zuviel. Gott will unsere Herzen, nicht unsere Körper.


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