Verfasst von: achterosten | 26. August 2018

Selbstmitleid – Predigt zum Jonabuch

Predigt zum Jonabuch (Sommerkirche 2018)

Es ist Sommer, Ferien, Freibad mit dem unvergesslichen Geruch der Mischung aus Chlor, Sonnencreme und Pommes mit Mayo. Und irgendwo dudelt ein Radio, ja was wohl, Schlager. Ich habe ihnen auch einen mitgebracht, stellen Sie sich beim Hören ruhig so eine Art imaginäres Musikvideo vor: Ein Mann sitzt in der prallen Sonnen, um ihn herum kahles, staubiges Land und man sieht ihn an – auf seinen Schultern ruht das Elend der ganzen Welt. Bitteschön, Christian Steiffen – Selbstmitleid.

Unser heutiger Held badet auch gerade aber mal so richtig schön in Selbstmitleid. Aber er hat es auch schwer und jetzt ist ihm auch noch das letzte bisschen Schatten in dieser wüsten Einöde genommen worden – durch einen Wurm. Das muss man sich mal vorstellen, durch einen Wurm. Alle Welt hat sich gegen ihn verschworen und ja, hat er es nicht vorausgesehen, dass es genauso enden wird? Aber mal so was von… Er ist ja nicht dumm. Deswegen hat er ja auch gleich versucht, sich geschmeidig vom Acker zu machen und dann gleich auch ans andere Ende der Welt. Möglichst großen Abstand schaffen zwischen sich und diesem Schwachsinnsauftrag. Auf keinen Fall in diese Riesenstadt. In diesen Moloch, wo er sich da hinstellen und den Leuten etwas über ihr unethisches Verhalten erzählen soll. Dazu dann auch noch in den schillerndsten Farben die grausamen Folgen ausmalen soll. Und was wenn es nicht dabei bleibt? Man weiß doch schließlich was die Kollegen noch so für Anweisungen bekamen um das Ganze in aller Drastik und Bildhaftigkeit vor Augen zu führen: Nackig und völlig verdreckt durch die Stadt laufen oder gleich noch eine Prostituierte heiraten. Und gut geendet ist es für viele auch nicht gerade. Klar, keine Frage, die miesen Typen in der betreffenden Stadt haben es nicht anders verdient. Weiß man doch schließlich was da so abgeht. Mal so ein ordentliches göttliches Gericht mit allem was dazu gehört: Feuer, viel Getöse und am Ende Tabula Rasa, eine schön aufgeräumt Ruinenstadt ohne eine Menschenseele. An diesem Gedanken kann man sich schon befriedigen. Aber nein er wusste schon, wie das enden wird, nämlich garantiert nicht so. Also ab in die genau andere Richtung. Dumm nur dass dieser Sturm dazwischen kam, und an diese völlig abgedrehte Geschichte mit dem großen Fisch will er mal gar nicht denken. Gut, die Sache mit dem Fisch hat zumindest dafür gesorgt, dass er verstanden hat, dass er um den Auftrag wohl doch nicht drum herum kommt. Also alles wieder auf Anfang, schließlich hat der Fisch ihn genau da wieder ans Land gesetzt. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja doch das wunderbare himmlische Spektakel, gut – dabei werden ein paar über die Klinge springen, aber was solls. Sind die ja schließlich selber schuld. Und wie ist das Ende vom Lied: Er braucht noch nicht einmal mehrere Auftritte, unser Held. Die Leute glaubten ihm! Sahen ihre Fehler ein, wollten das ändern! Und damit fiel auch das himmlische Säuberungsschauspiel aus, nichts mit Rache, Wut und Flammen. Selbst die politische Elite hört auf sein Wort. Einfach so. Ja, wo kommen wir denn da hin. Soll jetzt einfach alles vergessen sein, ist das gerecht? Er wusste, dass es so kommen würde. „Barmherzigkeit“ ist einer der Namen seines Auftraggebers. Völlig frustriert schleicht er sich aus der Stadt. Und jetzt noch das mit dem Strauch der ihm wenigstens Schatten gespendet hat. Dann kam der Wurm und auch der Strauch verließ ihn.. Oh ja, nur hinein mit ihm in den tiefen Tümpel des Selbstmitleides und kräftig drin herumsuhlen. Was tut das Gut! Dumm nur, dass sich jetzt wieder der Auftraggeber meldet, mitten hinein in dieses Bad: „Dir ist leid um den Strauch, mit dem du keine Mühe gehabt, und den du nicht groß gezogen, der als Kind einer Nacht entstanden und als Kind einer Nacht verschwunden ist. Und mir sollte nicht leid sein um Niniveh, die große Stadt, in welcher mehr all zwölf Myriaden Menschen sind, die nicht wissen zwischen der Rechten und Linken, dazu vieles Vieh?“ Und unser Held – der hält einfach die Klappe.

Liebe Gemeinde, ein wunderbare märchenhafte Geschichte die da in der Bibel von Jona erzählt wird. In schönster Ironie werden sie alle vorgeführt: die religiösen Fanatiker, die moralisch Überheblichen, die theologischen Besserwisser. Zusammengefasst all die, die eine klare Grenze ziehen zwischen dem Kreis der Auserwählten und der tumben Masse, die sowieso falsch und schlecht ist. Der Haufen, der die Wahrheit nicht erkennen will. Auch die bestechenste Eigenschaft dieser selbsternannten Auserwählten wird mit schwarzem Humor vor Augen gestellt: der unnachgiebige Hang zum Selbstmitleid. Denn alle Welt versteht sie janicht, ist schlecht zu ihnen und sowieso… Bei Jona kommt es ja am Ende noch schlimmer: Selbst Gott stellt sich gegen ihn und folgt nicht seinen Argumenten oder seinem Gefühl was richtig und falsch ist. Selbst Gott ist gar nicht wie er sein sollte, hart, gewaltig gegen das Unrecht und strafend, sondern in Barmherzigkeit gerecht. Was für ein Elend…
Eine Satire, eine Karikatur diese Geschichte von Jona, Satire, Karikatur des Zustandes unserer Kirche, unserer Gemeinden. Ja, alles verändert sich um uns herum. Die Menschen brauchen die Kirchen, die Gemeinden nicht mehr um ein gutes, ein selbständiges Leben zu führen. Sie vermissen uns vielleicht nicht einmal wirklich. Warum sollten sie das auch? Und wir? Trauen wir uns, diese Frage laut zu stellen? Warum uns die Menschen, warum sie die Orte des christlichen Glaubens vermissen sollten? Oder baden wir nicht viel lieber in Selbstmitleid, das Ganze noch garniert mit dem tiefen Bewusstsein, dass wir ja die Besseren, vielleicht sogar die Auserwählten sind. Die besseren Christinnen und Christen und damit auch die besseren Menschen. Weil uns Tradition, Glaube etc. noch etwas bedeuten. Weil wir, wie Jona, genau wissen, wie der Hase zu laufen hat. Aber man hört ja nicht auf uns. Und so setzen wir uns schwer geprüft in die wohltunenden Schatten unserer leeren Gemeindehäuser, so wie Jona unter den Strauch. Und wie ihm wird uns dies noch genommen, wegen des Geldes, das ist noch schlimmer als der Wurm. Und ich will die Parallelen zwischen uns und Jona noch weiter ziehen. Genau wie er haben wir doch auch unsere ganz persönlichen Geschichten vom „großen Fisch“. Denn das ist ja nicht irgendein Fisch der rein aus dramatischen Gründen Höhepunkt der Geschichte wird, es ist ein besonderer Fisch, ein weiblicher Fisch. Keine grammatikalische Kleinigkeit, sondern vielleicht nicht ganz unwichtig, wie die jüdische Auslegung betont: Kein Gefängnis, sondern ein geschützter Raum in dem Jona mit allem versorgt ist wie ein Kind im Mutterleib. Solange bis er versteht was sein Auftrag ist. Wir haben sie doch, unsere Geschichten, die von diesem fürsorglichen Beschütztsein erzählen, dem beschützten Raum des Glaubens. Tragen sie uns oder sind sie nur Episode wie bei Jona? Und haben wir nicht Erfolg, sowie Jona in Ninive? Gerade im letzten Jahr zum Reformationsjubiläum haben wir es doch landauf, landab betont, am 31.10. gefeiert: Dass der Kern des Protestantismus die Erkenntnis der persönlichen Beziehung zwischen Gott und der Einzelnen, dem Einzelnen ist. Ohne eine menschliche Autorität dazwischen. Da haben wir ihn doch gerne betont, den historischen Beitrag der Evangelischen zur Freiheit des Individuums nicht nur in Glaubensdingen. Und wir haben damit Erfolg gehabt. Die Menschen leben diese Freiheit! Sie nehmen als ihr ureigenes Recht wahr, für sich zu schauen, woran sie ihr „Herz hängen.“ Und wir? Freuen wir uns, bleiben wir bei diesen Menschen oder folgen wir Jona in sein Selbstmitleid? Und vielleicht werden wir ja sogar schon mit diesem Selbstmitleid gleichgesetzt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass im Mittelpunkt des Musikvideos von Christian Steiffen zum gerade gehörten Lied ganz klare Bezüge zur Kreuzigung und zum Kreuz stehen. Ein schaler Marketinggag oder versteckte Botschaft an uns? Das mag jede und jeder selber entscheiden.
Genug davon, vor allem vom Selbstmitleid, denn am Ende bleibt der befreiende Humor der Jonageschichte, das Größte, das was all unsere Vorstellung übersteigt: die Barmherzigkeit Gottes. Die schon lange da draußen bei den Menschen war und ist. Die schon lange unser beschränktes Denken überstiegen hat. Die nicht aufteilt in die und wir. Die immer ganz anders ist als wir uns das denken und vielleicht auch wünschen. Die einfach überwältigt. Wo es nur eine Reaktion gibt: Klappe halten, kein aber mehr, nur verstummen. Ob Jona aufstand, nach Ninive hineinging und sich freuen konnte an seinem Erfolg und der Barmherzigkeit Gottes mit den Menschen? Ob wir aufstehen und hinaus gehen zu den Menschen, uns freuen an unserem Erfolg und der Barmherzigkeit Gottes? Ein riskanter Sprung ins kalte Wasser, sicher, aber ein erfrischender.

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