Verfasst von: achterosten | 28. Oktober 2018

Rentons Wahrheit – Predigt zu 1. Johannes 2, 15-17

Predigt zu I. Joh 2, 15-17 (28.X.2018, XXII. So.n.Tr.)

Liebe Gemeinde,
es ist schon etwas Besonderes sozusagen zu seiner eigenen Jubelkonfirmation zu predigen. 25 Jahre, so lange ist auch meine Konfirmation her, so wie bei mancher und manchem heute Morgen hier. In solchen Tagen nimmt man ja auch mal gerne alte Fotos, alte Bilder in die Hand, egal ob die Konfirmation jetzt 1992 oder 1968 war. Man, was haben wir damals für Klamotten angehabt und erst einmal die Haare. Wahnsinn! Und schon auf diesen Bilder können wir erkennen: Jede Generation hat ihren Stil, ihren Ausdruck, ihre Musik, ihren Film. Etwas, was wie eine Ikone für diese Zeit steht, wir mit dieser Zeit verbinden, das Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, bis heute fortwirkt. Etwas, was die Mehrheit vielleicht gar nicht so erlebt hat, nicht mitgemacht hat, vielleicht nicht einmal wirklich gut fand. Nur eine Minderheit ist gegen den Vietnamkrieg auf die Straße gegangen, hat mit LSD experimentiert oder Velvet Underground gehört und trotzdem wirkte dies auf eine ganze Generation, bildete den Boden, auch gerade bei stilbildenden Filmen. Für Sie, die vor 50 Jahren hier in Eppendorf und in der Martinskirche ihre Konfirmation feierten ist das vielleicht „Easy Rider“. Wenn es auch nur „Born to be wild“ von Steppenwolf war, das damals auf ihrem Schallplattenspieler lief. Natürlich gibt es für meine Generation auch so einen Film. Kontrovers, streckenweise übellaunig feiert er die Ästhetik der Drogensucht und der ungezügelten Ichbezogenheit der 90er Jahre. Ist ungeschönt ehrlich, gab meinem Lebensgefühl und vieler meiner Generation die Bilder, die Geschichte und die Musik, die wir damals nicht fanden. Und er ist einer der Gründe für diese besondere Situation, dass ich heute hier zu meiner eigenen Jubelkonfirmation predige:

Transpotting (0:00 – 1:40)

„Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ So der heutige Predigttext aus dem Ersten Johannesbrief. Sagt er nicht das Gleiche wie Renton zu Beginn des Filmes Trainspotting? Nur halt in anderen Worten? Worten, die dafür sorgen, dass uns es nicht so auf die Pelle rückt, wie Rentons die schonungslose Analyse? Worte, so antiquiert klingen, dass wir sie ganz entspannt wegschieben können. Die auch nicht so anstößig klingen, ohne S- und F-Wörter auskommen, so dass sie einem nicht wehtun. Mir geht es so: Immer wenn ich Texte aus der Bibel höre, wie diesen hier, dann habe ich sie auch im Ohr, die ehrliche Analyse Rentons. Worte, die damals aus meinem Herzen sprachen, die unseren Blick damals auf das Leben laut werden ließ. Als er drei, vier Jahre nach meiner Konfirmation in den Kinos lief, da war er für mich wie eine Offenbarung. So war damals meiner, von vielen von uns der Blick auf die Welt, auf das Leben. Weil sie so verdammt ehrlich waren, schonungslos, aber einen auch nicht gleich zumüllte mit irgendwelchem moralischen-ideologischen Krempel, wie „Du musst aufbegehren, du musst für den Frieden sein, du musst dich für die Umwelt einsetzen“. Was diese hohlen Appelle brachten haben wir gesehen: Das Aufbegehren der Elterngeneration hat ihr Ende darin gefunden, dass unsere sie in Eigenheimen hockten und sich darüber beschwerten, dass Kollege XY ja viel schneller Karriere machte. Die Friedensideologie ließ Tag für Tag den Tod in Sarajevo, Vukovar und Kozarac seine Ernte einfahren. Energie zu sparen war auch ein schlechter Witz angesichts unserer Väter, die mit 50 in den Ruhestand gingen, weil deutsche Kohle zu teuer war. Strom aus deutschen Kraftwerken wurde aber mit billiger Blutkohle aus Südamerika produziert. Hinzu kommt: Kompromisse grundsätzlich als verdächtig anzusehen, das ist das vornehmste Recht der Jugend. Das war 1967/68, 1992/93 und heute so. Renton hatte Worte für die Welt, wie wir, wie ich sie sah. Und auch seine Schlussfolgerung, das Nein zum Jasagen, auch das war meine, unsere. Wir brauchten keine Gründe, wir brauchten gar nichts oder um es mit einem anderen wunderbaren Filmzitat zu sagen: „Eh Alter, is das geil, wir haben keine Termine und wir brauchen auch keine. Wir sind die Könige vom Westpark.“ Nur den letzten Schritt, den Renton ging, den in die Drogen, den habe ich und die meisten dann nicht gemacht. Aber sind wir doch ehrlich, so wie es einer bei YouTube in der Kommentarspalte schreibt: Weniger wohl aus tiefer moralischer Überzeugung, sondern einfach aus Angst. Angst vor den Konsequenzen, gesundheitliche und juristische, bei manchem war es auch allein die Angst vor Spritzen. Da hatten dann doch Horrorbilder a la Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ ihre Spuren hinter lassen. Außerdem mussten wir dann doch relativ schnell mitkriegen, wie Kumpels sich im Alkohol und den Drogen verloren. Als Trainspotting in die Kinos kam, war einer dieser Kumpels schon im Methadonprogramm, ein anderer nachts betrunken erfroren. Egal, zum Ja-Sagen Nein sagen, das hatte ich mir fest vorgenommen. S wie es im Johannesbrief steht.
Das ist jetzt über 20 Jahre her. Ich bin erwachsen geworden, habe die wichtigste Lektion gelernt: Kompromisse sind nicht grundsätzlich von übel, sondern sie bewahren den Frieden und das Leben. Was sich nicht verändert hat für mich: Die Wahrheit der Worte von Renton, vielleicht noch ergänzt um Facebook-Account und 100 WhatsApp Nachrichten pro Tag. Eine Wahrheit, die auch schon in „Easy Rider“ zur Sprache kam. Es ist aber in den Jahren etwas gewachsen, etwas was ich damals nie geahnte hätte. In den Tagen als ich völlig ohne innere Teilnahme Ja sagte. Ja, als man mich fragte, ob ich mich zu meiner Taufe bekenne, als Christ leben will. Was da aber seinen Anfang nahm. Das Verstehen, die Erkenntnis, dass der Glaube das ist was beides in sich trägt: der schonungslose Blick auf die Welt, und auch das Nein-Sagen. Beides aber mit einem Grund versieht. Ein Grund der trägt, auch um es auszuhalten. Nicht zu flüchten und wenn es nur in miese Kompromisse ist. Ein Grund, der aber nicht nur es aushalten lässt, sondern an den guten Tagen weit darüber hinausgeht. Und das ist so bei mir aufgrund einer Tatsache: Weil er, der Glaube, die Beziehung zu Gott, nicht versucht mir die Worte Rentons auszureden. Sondern weil er ihnen zustimmt. Lesen Sie doch einmal ein paar Sätze der Menschen aus der Bibel, die unter der Überschrift Propheten zusammengefasst sind. Dagegen sind Rentons Worte wohlgesetzte, fein ausformulierte Nadelstiche. Da wird nichts schöngeredet, da geht’s zur Sache. Da werde ich aufgefordert zum Ja-Sagen Nein zu sagen. Es kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Gott, der Glaube müllt mich aber auch nicht gleich wieder mit irgendwelchem ideologischen oder moralischem Kram zu. „Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“ – so endet der Abschnitt aus dem Johannesbrief. Der Wille Gottes ist viel und eigentlich ist er alles, aber eines nicht: Moral und Ideologie.
Der Wille Gottes ist der gute Grund von dem ich sprach: Der schonungslose, ehrliche Blick eines Rentons, die unendliche Sehnsucht meines Herzens nach dem wahren, dem guten Leben und die Erkenntnis, dass ich das nur als Geschenk erhalte. Das ist der Wille Gottes! Das ist das, was mir in der Taufe zugesagt wird, das, zu dem ich vor 25 Jahren Ja gesagt habe, auch wenn es mir da nicht klar war. Ja, gesagt habe zum Größten, zum Wertvollsten: Zur Freiheit Nein zu sagen zum Ja-Sagen. Nicht jeden Mist mit machen zu müssen, nicht die Augen zu verschließen vor dem Leben, nicht flüchten zu müssen – jedenfalls nicht jeden Tag. Das ist die Freiheit des Glaubens, die Freiheit des Willen Gottes. Das ist der Grund.
In „Trainspotting“ gibt es ein Lied für das was dieser Grund in meinem Herzen tut: „Einfach ein perfekter Tag. Du hast es vollbracht, dass ich mich selbst vergaß. Dachte, ich war jemand anderes, jemand Gutes.“ Vielleicht nicht zufällig endet dieser Song von Lou Reed mit einem biblischen Vers: „You’re going to reap just what you sow – Du wirst ernten was du säst.“ Egal ob vor 25 Jahren, vor 50 oder wann auch immer wir Ja gesagt haben zu unserer Taufe- er ist jedenfalls gesät, der Same dieser Freiheit, der Same des Glaubens.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: