Verfasst von: achterosten | 22. Juli 2018

Einfach Brot – Predigt zu Matthäus 6, 11 (IV. Bitte Vater Unser)

(Mit Kinder klären was man zum Backen benötigt – Mehl, Hefe, Wasser neben die Kanzel stellen)
Wir haben es gerade gehört, für ein Brot brauch es nicht viel. Eigentlich nur Mehl, Wasser, Salz und Hefe. Und eine ganz wichtige Zutat, vielleicht die wertvollste: Zeit! Erst einmal alle Zutaten vermengen, ordentlich und lange kneten, gehen lassen, wieder kneten, wieder gehen lassen. Das Backen ist fast der Teil, der am wenigsten Zeit benötigt. Ich backe sehr gerne Brot, wobei ich gleich gestehen muss, das sind immer ganz einfache Brote. Der ganze Schnick-Schnack drum herum interessiert mich herzlich wenig. Wie bereits gesagt, ich backe einfach Brot.
Brot und „einfach“ sind ein sehr gutes Paar. Das legt schon die Spur für die heutige Bitte in unserer Vater Unser Reihe „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Auch eigentlich eine „einfache“ Bitte, die jede und jeder sofort verstehen, nachvollziehen kann. Die Bitte um das tägliche Brot. Eigentlich ist diese Bitte aber viel geheimnisvoller, gerade nicht so schnell zu verstehen. Das liegt mal wieder am Originaltext, denn präziser übersetzt, heißt es: „Unser Brot für morgen gib uns heute.“ Da stutzt man schon. Was soll das heißen? Auf jeden Fall öffnet die Bitte so einen viel breiteren Raum. Denn ehrlich, die Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute.“, was soll die für uns für eine Bedeutung haben? Wir haben unser tägliches Brot und mehr als das – das ist nun mal eine Tatsache des Lebens hier an diesem Ort, heute. Eine Bitte, die sich leicht dahin sagen lässt, denn der Kühlschrank ist gut gefüllt. Maximal lässt sich die Bitte sich noch als moralischen Appell missbrauchen, sich gefälligst daran zu erinnern, dass es damals nach dem Krieg auch nichts gab oder für einen Großteil der Menschen diese Bitte immer noch von elementarer Bedeutung ist. Wobei wir alle wissen, dass solche Appelle nur sehr wenig bis gar nichts an dieser erbärmlichen Situation verändert. Außerdem gibt das da einen gravierenden Punkt: Das Vater Unser ist ein Gebet und keine Sammlung von ethisch-moralischen Richtigkeiten. Gebet, das heißt es geht um etwas, was uns elementar betrifft, von elementarer, grundstürzender Bedeutung ist. Die Bitte um das tägliche Brot in diesem, wörtlichen, Sinn ist das hier und heute nicht. Der Urtext, jenes etwas geheimnisvolle „Unser Brot für morgen gib uns heute“ führt uns auf eine andere Spur.
Da ist die Perspektive auf die Zukunft, die nicht Zukunft bleiben soll. Das was uns für morgen versprochen ist, es soll schon heute spürbare Wirklichkeit sein. Diese Bitte ist der Protest gegen alle Vertröstung auf ein Morgen das nie kommt. Das ist aber auch der Ruf gegen die eigene „Aufschieberitits“. Morgen, ja morgen beginnt das wahre, das echte Leben. Nach dem Abitur, nach der Berufsausbildung, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, in der Rente – was weiß ich wann. Und auch dieser Morgen kommt nie.
Der Ruf des Gebetes will dieses Morgen schon Heute – und das mit gutem Recht. Es benennt sehr genau, sehr präzise was das ein soll, das Erhoffte, das Erflehte, was nicht unerreichbare Zukunft bleiben soll: das Brot, einfach Brot. Das Brot als Paar mit dem schlichten Wort „einfach“. Und „einfach“ das scheint mir die größte Sehnsucht in diesen Tagen zu sein. In einer Welt, die von Komplexität bestimmt ist wird der Ruf nach „Einfachheit“ täglich lauter und leider auch der wuterfüllte Schrei nach „einfachen“ Lösungen. Das Leben soll, wenn das im gesellschaftlichen, politischen Raum nicht möglich ist, wenigstens sonst „einfacher“ werden. Ganze Regalmeter lassen sich mit passenden Ratgebern füllen, jede Zeitschrift, die was im Bereich Lifestyle auf sich hält, widmet sich dem Thema. Ganz vorne mit dabei, im Trend, das „Minimalisieren“. Sie werden das kennen, das ist im Endeffekt etwas holzschnittartig gesagt, der Versuch sein Leben „einfacher“ zu machen. Im Mittelpunkt: Sich von trenne, die man eigentlich nicht nur nicht benötigt, sondern die einen vor allem zunehmend belasten. Oder die man vielleicht eigentlich nie gebraucht hat. Denn ganz viele dieser Dinge sind meistens für das „Morgen“ gekauft, „morgen“, wenn ich endlich mit Sport anfange, „morgen“ wo ich mir endlich Zeit zum Bier selber brauen nehme. Alles unerfüllte Versprechen, die vom Traum zur Last werden. Der Trend geht also zum „Entrümpeln“ – sich trennen von all diesen Dingen, die Last endlich loswerden. Und die Leerstellen dann auch nicht mit neuem Krempel zuzustellen. Und auch dazu gibt es wiederrum Regalmeter mit Büchern mit den unterschiedlichsten Methoden. Ich glaube auch wirklich, dass die Analyse stimmt, dass wir uns das Leben mit all diesem ganzen unnützen Scheiß verbauen, es für viele Menschen mehr Last den Lust ist. Und es scheint ja wirklich Fakt zu sein, dass es viele, natürlich aus bestimmten Milieus, so empfinden, dass sie unter dieser Last keuchen, wenn man so will nach dem einfachen, dem Brot rufen. Ist dann dieser Ruf nichts anderes als ein Gebet, die Bitte des Vater Unsers? Der elementare, der grundstürzende Ruf nach Veränderung? Das macht das Gebet zum Gebet. Da ist nur noch ein gewichtiger Punkt: das Gebet ist kein Selbstaufruf, kein Appell an den inneren Schweinehund. Es weiß um das grundlegende Problem, dass auch den Versuch des „einfachen“ Lebens so schwierig macht – die Kluft zwischen Theorie und Praxis, zwischen Erkenntnis und Tat. Sich wirklich von Dingen zu trennen bedeutet doch auch oft das Eingestehen von gescheiterten Versuchen, Träumen. Das ist in der Praxis verdammt schwer, wenn nicht oft unmöglich. Und so geht das „einfache“ Leben den gleichen Weg wie viele andere – es erhält seinen Platz im Morgen.
Der Ruf des Vater Unser weiß darum, ist grundehrlich mit sich selber, mit Menschen und weiß, dass sie und er es nicht alleine schaffen; dass ich es nicht alleine schaffe. Dass ich etwas brauche was mir geschenkt wird, das mir die Freiheit gibt. Für Christinnen und Christen ist dies der Glaube. Der Ruf im Vater Unser nach dem Brot von Morgen was mir heute schon geschenkt wird, ist der Ruf nach diesem Glauben. Ihn habe ich nötig wie das tägliche Brot. Er trägt in sich die Freiheit, die mich „einfach“ leben lässt, trägt mich im Morgen heute schon.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: