Verfasst von: achterosten | 23. November 2017

An die eigene Nase packen – Predigt zu Ezechiel 22, 23-31

Predigt zu Ez 22,23-31 (Buß-und Bettag 2017)

„Des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, sprich zu ihnen: Du bist ein Land, das nicht beregnet ist, das nicht benetzt wurde zur Zeit des Zorns, dessen Fürsten in seiner Mitte sind wie brüllende Löwen, wenn sie rauben; sie fressen Menschen, reißen Gut und Geld an sich und machen viele zu Witwen im Lande. Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt. Die Oberen in seiner Mitte sind wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen und Menschen umzubringen um ihrer Habgier willen. Und seine Propheten streichen ihnen mit Tünche darüber, haben Truggesichte und wahrsagen ihnen Lügen; sie sagen: »So spricht Gott der HERR«, wo doch der HERR gar nicht geredet hat. Das
Volk des Landes übt Gewalt; sie rauben drauflos und bedrücken die Armen und Elenden und tun den Fremdlingen Gewalt an gegen alles Recht. Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ichs nicht vernichten müsste; aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie aus, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich ihnen ein Ende und ließ so ihr Treiben auf ihren Kopf kommen, spricht Gott der HERR.“

Liebe Gemeinde, das sind mal ordentliche, harte Worte. Vielleicht erwartet man so etwas ja auch am Buß- und Bettag. Und passen sie nicht wie gemacht für die heutigen Tage, für unsere Zeiten? Da stehen sie uns sofort vor Augen, Mächtige, Herrscher, wie sie im Text beschrieben und verdammt werden. Ich brauche gar keine Namen nennen, jede und jeder vor ihnen wird da ein, zwei, drei vor Augen haben, je nach persönlicher Überzeugung. Hach, was für ein schöner Text, da zuckt es im Finger auf der Tastatur, da springt das Herz. Jetzt auch mal endlich vom Leder ziehen dürfen gehen die da oben. Einstimmen zu dürfen in den neuen Volkssport in unserem Lande: Elitenbashing. Mal so richtig auf die einzuprügeln, die da oben sind. Immer in der tiefen Überzeugung, dass ich weiß, was gut und richtig ist. Wie es zu laufen hat. Ja, der Text lädt dazu mehr als ein. Ist er nicht sogar der unmissverständliche Aufruf, genau das zu tun? Auch wenn es doch so schwer fällt, ich will dieser Versuchung dennoch widerstehen. Gerade heute, denn wenn ich das richtig verstanden habe, soll es doch heute an diesem Tag um uns, um mich gehen und nicht um die da oben. Eine kritische, wenn auch schmerzhafte Schau auf mich, mein Herz, meinen Verstand, mein Tun. Und dann gilt für mich wohl doch erst einmal vor allem der folgende Satz: „Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt.“ Und wenn ich diesen Satz gut evangelisch lese, dann geht es da nicht um mich in meiner Rolle, in meiner Funktion als Pfarrer, sondern als Teil der Gemeinschaft des „Priestertum aller Gläubigen“. Als Teil der Gemeinschaft der Christinnen und Christen hier vor Ort, die das Priesteramt unseres Glaubens gemeinsam tragen.
Jetzt fällt es mir schon nicht mehr so leicht vom Leder zu ziehen, jetzt wird es unangenehm. Denn das sind dann mal ganz schöne harte Worte nicht gegen die da oben, sondern gegen mich, gegen uns. Jetzt gibt es nur noch zwei Wege. Da gibt es den bequemen: „Ich, wir sind ja gar nicht damit gemeint.“ Den findet man gerne bei bestimmten Gruppierungen und Gemeinden einer gewissen Frömmigkeit. Selbst schon erlebt, dass mir das von Vertreterinnen dieser Gruppe so gesagt wurde, wie Unheilig mein Leben sei und der Suda mehr. Und machen wir uns da nichts vor, diese Haltung gibt es in jeder Kirchengemeinde, mal mehr oder weniger. Die Frömmigkeitsblockwarte. Die, die Worte wie diese hören und dann gleich mal schauen, wer von den Mitpriestern und Mitpriesterinnen damit gemeint ist. Und wenn dann jemand gefunden ist, auf ihn mit Gebrüll. Da wird dann leider, wenn auch zum Glück selten, wortwörtlich durch Schlafzimmer, Vorgärten und Mülltonnen geschnüffelt und gestöbert. Wer sich das in abstoßender Weise anschauen will, dem seien die Kommentare auf evangelisch.de zu einem Artikel über das Leben von Ex-Frauen von Pfarrern empfohlen. Bei sich selber geschaut wird nicht, allenfalls in Ansätzen, in hömopatischer Dosis vielleicht. Wenn man sich ausnahmsweise bei einem kleinen bösen Gedanken erwischt. Die harten Worte, die wir im Predigttext gehört haben, nicht gegen uns zu richten, ja uns gar nicht gemeint sehen – das ist der bequeme Weg. Wie so etwas dann meistens endet kann man wunderbar in dem Film „Wie im Himmel“ anschauen – im Gesicht des sich als immer fromm, immer moralisch gebenden Pfarrers Stig Berggren. Ein interessanter Gesichtsausdruck, wenn ihm seine Frau seine Pornohefte vor die Füße wirft, dessen Versteck sie schon seit Jahren kennt.
Der andere Weg, wie sieht der aus? Der ist schmerzhafter, der tut weh. Da kann man sich auch nichts vormachen. Der schaut auf sich, auf uns selber, ungeschönt. Der fragt: „Was ist bei uns? Wo tun wir Gottes Geboten und damit ihm selber Gewalt an?“ Da merken wir schnell, hier geht es nicht um die doch meist kleinen, belanglosen Verfehlungen in unserem Leben. Hier geht es ans Eingemachte, an die umstürzende grundlegende Frage: Wie leben wir unseren Glauben, wie leben wir unser Leben als Christinnen und Christ? Was ist der Grundton unseres gemeinsamen Lebens als Priesterinnen und Priester Gottes? Was das sein kann?
Der Buß- und Bettag ist kein Tag der Antworten, sondern der Fragen. Der Fragen an sich selbst, aber auch der gemeinsamen Fragen. In Respekt und Achtung vor den anderen, vor sich selber, auch in aller Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber dem was ist. Beichte, Buße, die Bitte um Vergebung heißt nicht den Weg der schnellen Antwort zu gehen, sondern den Weg der Fragen bis zu seinem Ende. Das will ich heute auch tun: Die harten Worte des Predigttextes als Frage hören, als Frage stellen. An mich, an uns, die wir gemeinsam Gottes Priesterinnen und Priester in dieser Welt sind. Fragen, an deren Ende keine einfachen Antworten stehen werden, aber das wiedererwachte Bewusstsein, dass uns Flügel geschenkt sind. Und der Mut, der wunderbare Mut, endlich wieder zu fliegen, in die unbekannte, aber herrliche Freiheit, die uns Gott schenkt.
Der dänische Philosoph und Theologe Soren Kierkegaard erzählt zu dieser Frage eine Geschichte: „Ein Haufen schnatternder Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof. Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredteste Gänserich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank deren die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher, und ihr Leben bequem.“
Liebe Gemeinde, ich denke, es braucht keine erklärenden Worte, welchen realen Gänsehof Kierkegaard hier vor Augen hatte. Keine weiteren Worte, wie treffend er das Leben der Gemeinschaft der Priesterinnen und Priester beschreibt.
Heute ist der Tag der Fragen, nicht der Antworten, an uns.

 

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