Verfasst von: achterosten | 26. November 2017

Erinnerungen – Predigt zu Daniel 12, 1b-3

Predigt zu Dan 12, 1b-3 (Totensonntag, 26.XI.2017)

In einer nicht allzu fernen Zukunft: Die Erde ist gezeichnet von Umweltzerstörung, Megacities, der völligen Digitalisierung. Alles erscheint düster, überhitzt. Aber die Menschen haben einen großen Schritt getan: die Besiedlung fernen Planeten und die Befreiung von Arbeit. Die übernehmen jetzt Wesen, die wie Menschen aussehen, wie Menschen sprechen, wie Menschen arbeiten, wie Menschen bluten und atmen, aber keine Menschen sind. Künstlich geschaffen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, allein in der Gegenwart zu arbeiten und zu Sein ist der ihnen zugestandenen Sinn und Zweck. Dies funktioniert aber nur bedingt, denn sie sollen so menschenähnlich wie möglich sein, aber die Grenze zum Menschsein nicht überschreiten. Es gibt Schwierigkeiten mit diesen „Replikanten“. Ihr genialer „Schöpfer“ entwickelt sie aber immer weiter, bringt sie immer näher an diese Grenze, die auf einmal gar nicht mehr so klar zu sein scheint. Ein entscheidender Schritt wird vollzogen: Die „Replikanten“ erhalten eine Vergangenheit, ihnen werden Erinnerungen eingepflanzt. Erinnerungen an Dinge, die sie nie erlebt haben, aber Erinnerungen. Und mit diesen Erinnerungen erhalten sie noch etwas, was nicht beabsichtigt war: der Wunsch nach Zukunft.

Liebe Gemeinde, „Erinnerungen“ sind eines der zentralen Motive der beiden Filme „Blade Runner“ und „Blade Runner 2049“. Der erste kam 1982 in die Kinos, der andere 25 Jahre später in diesem Jahr. Zwei Filme, die in beeindruckenden Bildern, denen man sich kaum entziehen kann, um die zentrale Frage kreisen: „Was ist der Mensch? Was macht den Mensch zum Menschen?“. Eines der zentralen Motive dabei ist Erinnerung, wahre echte Erinnerung. So ist es der „Replikant“ Roy Batty der im finalen Showdown des ersten Filmes in poetische Worte fasst, wie Erinnerungen den Menschen zum Menschen machen Der Schauspieler Rutger Hauer hat sie selber seiner Figur in den Mund gelegt: „All diese Momente werden in der Zeit verlorengehen, wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.“ Es sind diese Momente, echte Erinnerungen, sie sind die Grenze zum Menschsein.
Liebe Gemeinde, Erinnerungen sind Zeichen unseres Menschseins. Deswegen sind wir heute Morgen hier, wegen diesem zentralen Punkt unseres Menschseins, der Erinnerung. Die Erinnerung an Menschen, die wir verloren haben. Die Erinnerungen an ihr Leben, unser Leben mit ihnen. Schöne Erinnerungen, traurige Erinnerungen, wütende Erinnerungen. Wir erinnern uns an sie. Wir sind dadurch das was wir sind: Menschen. Unsere Verstorbenen bleiben dadurch das, was sie waren: Menschen. Unverwechselbar, einmalig. Denn das bleibt der Mensch, der in Erinnerung bleibt. Das gilt für jeden Menschen. Das ist sozusagen ein großer Teil meiner täglichen Arbeit: Erinnerung. Ob es der Besuch bei einer Familie ist, die jemanden gerade verloren hat, ob es das ausführliche Seelsorgegespräch bei jemandem ist, der Angst hat, sich in seiner Trauer zu verlieren oder der kurze Geburtstagsbesuch zum 95. Bei all diesem stehen Erinnerungen im Mittelpunkt. Sie sind die ersten, zaghaften Schritte im Verstehen, dass dieser geliebte Menschen nun nicht mehr da ist, sie sind die Brücke in ein Leben ohne einen geliebten Menschen, sie bleiben als Halt und Orientierung. Was mir durch viele dieser Gespräche immer bewusster und immer klarer geworden ist: Erinnerungen brauchen dabei immer auch Orte. Orte, die Erinnerungen nicht nur auslösen, sondern sich auch fest mit ihnen verbinden. Bei „Blade Runner“ werden den Replikanten nicht nur falsche Erinnerungen eingepflanzt, sie erhalten auch gefälschte Bilder als Orte der Erinnerung. Ohne diese Orte irren Erinnerungen heimatlos umher, finden Erinnerungen keine Behausung, werden heimatlos. Können so zum quälenden Alb werden. Das ist mir im „Kleinen“ in Gesprächen begegnet, das haben wir im Großen letzten Sonntag gesehen. Am Tag, an dem wir an die Opfer aus Terror und Krieg denken. In jedem Sommer seit über zwanzig Jahren, wenn die Toten in den Massengräbern in Bosnien beigesetzt werden. Die Toten erhalten ihre Namen wieder, die Familien endlich einen Ort nicht nur für die Trauer, sondern auch einen Ort mit dem sich die Erinnerungen verbinden können, sie eine Behausung finden. Unsere Erinnerungen, wir brauchen diese Orte. Wie schwer ist es, wie quälend diese nicht zu haben. Gerade dort, wo Macht und Gewalt, die Entmenschlichung der Opfer durch die Täter dies verhindern. Umso schwieriger für mich zu verstehen, dass es hier bei uns geschieht, wo Gewalt und Terror nicht verhindert, solche Ort zu haben. Ich will da ganz konkret werden: Wir berauben uns in meinem Augen einer der wichtigen Orte der Erinnerung, wenn unser letzter Ort auf dieser Erde ein unbekannter ist. Ohne Name, ohne Zeichen. Ich finde es traurig, wenn anerzogene, durch einen bestimmten Zeitgeist bestimmte Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung Menschen dieser Ort der Erinnerung genommen wird. Wie oft höre ich es, das Argument: „Ich will doch niemandem mit meinem Grab zur Last liegen. Wer soll es denn pflegen? Dann lieber anonym auf die grüne Wiese.“ Da berauben Menschen sich aus pragmatischen Gründen diesen wichtigen Ort der Erinnerung. Wobei es völlig unnötig ist! Wenn wir uns auf der einen Seite verabschieden würden von bestimmten einengenden, beklemmenden Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit. Ein Friedhof ist doch kein deutscher Vorgarten, sondern Ort der Erinnerung, ein menschenfreundlicher Ort. Zum anderen gibt es doch mittlerweile unterschiedlichste Möglichkeiten auf den Friedhöfen, die dieses Argument entkräften. Egal ob auf der „grünen Wiese“ mit einem eigenen Stein, mit dem Namen auf der gemeinsamen Stele, wir haben sie doch, die Chance der Erinnerung einen Ort zu geben. Und sie erlauben mir, jetzt ganz konkret zu werden: Dass diese Orte angeblich teurer sind, als ein anonymes Grab, stimmt so auch nicht. Vieles was dafür spricht uns und den Menschen, die um uns trauern werden diesen einem, aber für viele doch so wichtigen Ort der Erinnerung zu geben. Dass ihre Erinnerungen an uns nicht heimatlos umherirren, wir uns nicht der Vergangenheit und Zukunft berauben.
Liebe Gemeinde, Erinnerungen machen uns Menschen aber nicht nur zu Menschen, sondern sie sind auch immer die Stimme des Lebens im Angesicht der Vergänglichkeit und damit des Todes. „All diese Momente werden in der Zeit verlorengehen, wie Tränen im Regen.“ – das benennt ja auch die andere schmerzhafte Wahrheit der Erinnerungen – sie verändern sich, verlieren ihre Konturen, werden unscharf, bis auch sie verschwinden. Sie unterliegen, wie wir selber auch der Vergänglichkeit, lösen sich auf. So bleiben sie das, was sie uns scheinen: Vergangenheit ohne Zukunft. Der Glaube stellt dieser bitteren Erkenntnis sein großes „Aber“ entgegen. Sein „Aber“, dass sich in der Erinnerung Vergangenheit mit der Zukunft, und damit mit dem Leben verbindet. Es ist sind unsere Lehrerinnen und Lehrer im Glauben, das Volk Gottes, die Juden, die uns dieses Bild des Trostes schenken. Sie stellen Erinnerung an einen zentralen Punkt. Nicht unsere, menschliche, bruchstückhafte und vergängliche Erinnerung bleibt, sondern die Erinnerung Gottes an uns. Gott vergisst uns nicht, sondern erinnert sich unser, in all unserer Einzigartigkeit, mit unserem ganz eigenen Namen, unserer ganz eigenen Geschichte, von Anfang bis zum Ende. Unverlierbar sind wir dort bei ihm aufgehoben, nicht dem Vergessen, dem Tod preisgegeben. Aus seiner Erinnerung ruft er uns neu ins Leben, so wird uns verheißen. Bei ihm ist Erinnerung nicht allein Vergangenheit, sondern er ruft sie in die Zukunft, in das Leben. Für diese Verheißung, dass Gott uns, die Menschen, die vor uns waren und nach uns sein werden, nicht ins Vergessen fallen lässt, für diese Verheißung gibt es in der jüdischen Theologie und dem gelebten Glauben das wunderbare Bild des Buch des Lebens. Seine Wurzeln hat dieses Bild gegen das Vergessen, dieses Bild des Lebens in Texten wie aus dem heutigen Predigttext im Danielbuch: „Es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“ Aus Wurzeln wie dieser wuchs das Bild vom Buch des Lebens. Mit diesem Bild vor Augen betet das Volk Gottes im Umfeld einer seiner höchsten Feiertage, Jom Kippur: „Gedenke unser zum Leben, Herr, der will, dass wir leben, und schreibe uns in das Buch des Lebens, um deinetwillen, G-tt, Ewiglebender!“
Im Buch des Lebens sind all unsere unverwechselbaren Namen niedergeschrieben, unverlierbar verbunden mit der Erinnerung, die unser Leben ist. Kein Buch der toten Buchstaben, sondern der Worte, die ins Leben rufen. Keine und keiner geht verloren. Alle sind unsere Verstorbenen und wir bewahrt vor dem Vergessen, das der Tod ist. Bewahrt in der Erinnerung, die das Leben ist.

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