Verfasst von: achterosten | 12. November 2017

Was würde Bud Spencer dazu sagen? – Predigt zu Lukas 6, 27-38

Predigt zu Lukas 6, 27-38 (Drittletzer Sonntag, 12.XI.2017)

Liebe Gemeinde,
es ist schon erstaunlich, wie manche Personen zu Ikonen werden. Nehmen wir heute mal ihn: Viele bekommen leuchtende Augen wenn sein Name fällt. Ich meine seinen Künstlername, denn sein Geburtsname Carlo Pedersoli sagt nur den wenigsten etwas. Für viele ist er ein Held, nicht nur der Kindheitstage, sondern bis heute – sie bewundern seinen gekonnten Einsatz körperlicher und verbaler Argumente im richtigen Zeitpunkt und in der Dosis, die jeden Gegner schlagkräftig überzeugt. Selbst ein Schwimmbad haben sie nach ihm benannt. Ich muss gestehen, auch ich verdanke ihm die Rettung vieler langweiliger Sonntagnachmittage meiner Kindheit und frühen Jugend. Besonders in den Wilden Westen bin ich ihm gerne gefolgt. Die Fachfrauen und –männer unter ihnen werden ihn vielleicht erkannt haben, den großen, breischultrigen, um kein Argument verlegenen Mann mit Bart aus Italien: Bud Spencer. Einer dieser filmischen Meisterwerke mit ihm trägt den wunderbar verheißungsvollen Titel „Die linke und die rechte Hand des Teufels“. Die Geschichte ist schnell erzählt: „Der Kleine“ – Bud Spencer – gibt in einer namenlosen Stadt den Sherriff. Eigentlich ist er aber genau das Gegenteil und will die Position nutzen für einen großen Raubzug. Alle ist schon geplant, da taucht überraschend sein Bruder auf. Und wer sollte ihn anders spielen als Terence Hill. Dann gibt es da noch den habgierigen und skrupellosen Major. Der hat gerade ein kleines Problem: Tief fromme Siedler baut genau auf dem Stück Land ihr Dorf, welches ein wunderbares Weideland für des Majors teure Zuchtpferde wäre. Die Lösung ist klar, die Siedler müssen weg. Das Ganze mit Hilfe des vertrottelten, aber nicht minder zu Gewalt bereiten mexikanischen Bandenführers Meczal. Es sind wirklich fromme Siedler, die nun zu Opfern der Drangsalierungen werden. Ihr Prediger und Anführer zitiert in solchen und anderen Gelegenheiten gerne aus der Bibel, um deutlich zu machen, dass Gewalt nicht ihr Weg ist, selbst wenn es manche Ohrfeige setzt. So hätte er auch den heutigen Predigttext zum Besten geben können. Denn da heißt es im Lukasevangelium: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen. Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. Und wie ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!
Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun dasselbe auch. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen. Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen.“
Die frommen Siedler übertragen diese Wort eins zu eins, die Konsequenz ist klar – Drangsalierung und Prügel für die Siedler. Doch Hilfe naht in Form des Kleinen und seines Bruders. Sie überzeugen erst die Siedler von den Vorzügen der körperlich ausgerichteten Diskussion. Dann bekommen, in einer finalen Demonstration dieser Art der Argumentation, der Major und seine Truppe aus Gaunern übelst ein auf die Mütze. Die Siedler können bleiben und weiter ihren Glauben in diesem idyllischen Tal zum Lob Gottes leben. Den falschen Sherriff und seinen Bruder von den Vorzügen dieser Art des Lebens zu überzeugen gelingt aber auch den hübschen Töchtern des Predigers nicht und so ziehen sie am Ende ihres Weges um nach dieser Heldentat sich wieder den weniger vorbildlichen Taten der Gaunerei zu widmen. Finis – ein wunderbarer, harmloser Filmspass geht zu Ende.

Liebe Gemeinde,
sie werden diese Aufnahme der Worte aus dem Lukasevangelium vielleicht etwas befremdlich finden, aber wenn wir doch ehrlich sind, zeigen sie doch auf verspielte Weise was wohl vielen, mich eingeschlossen, durch den Kopf geht, wenn wir diese Worte hören. Nett, aber für das reale Leben wohl nicht zu gebrauchen. Und beim längeren Nachdenken kommt man vielleicht zu dem Schluss, es kann sogar gefährlich werden, dem im wahren Leben folgen zu wollen. Die Feinde zu lieben – da droht einem am Ende das Elend der frommen Siedler auf den saftigen Weiden oder noch Schlimmeres. Gerade in diesen Tagen scheint dies ja mehr als treffend zu sein. Heute, wo wir uns, je nach politischer Couleur, ja an allen Enden und Ecken von Feinden bestimmter Art bedroht sehen. Und es wird ja auch schon zur Jagd geblasen. „Liebe deine Feinde“ – nie schien es falscher als heute! Dumm nur, das dass dieser Satz einer der zentralsten des Glaubens ist. Lässt man ihn fallen, fällt damit auch das, was den Glauben besonders macht. Mein Gefühl dabei, vielleicht liegt hier ein so etwas wie ein Missverständnis vor: Es scheint als gehe manche und mancher davon aus, dass die biblischen Texte den Anspruch haben so eine Art göttliche Gebrauchsanweisung für das Leben zu sein. Ich lese da etwas anderes. Nichts von dem Anspruch wortwörtlich zu allen Zeiten und an allen Orten verstanden zu werden. Nichts von einer moralischen Erziehung der Menschheit. Für diesen Blick gibt es einen guten Prüfstein. Denn immer wenn die Worte der Bibel so gelesen wurden, ging und geht es furchtbar schief. Dann wurde und wird der Glaube, der Freiheit verheißt, zur lebensfeindlichen Ideologie. Nein, ich lese da etwas anderes: Die Bibel als Buch des Glaubens, kein Ratgeber für alle privaten und gesellschaftlichen Lebenslagen. Das ist ein verdammt wichtiges Detail bei dem Ganzen. Um nicht zu sagen, der entscheidende Perspektivwechsel, wenn der Glaube eine Rolle und Bedeutung für uns und die Welt haben soll. Das gilt umso mehr für solche steilen Text wie dem heutigen aus dem Lukasevangelium. Denn er erzählt mehr über das Geheimnis des Glaubens, als moralische Belehrung zu sein. In seinem Zentrum steht nicht etwa die tiefe philosophische Überlegung, ohne die ein Zusammenleben der Menschen nicht möglich wäre. Die uns die wunderbare Erkenntnis aus der Antike bis heute zuruft und die wir als Goldene Regel kennen: „Tu was du willst, das dir getan wird“. Das ist eine tiefe Wahrheit über das Leben des Menschen zu der es keinen Gott und keinen Glauben braucht.
Gott und der Glaube, beides ist aber das Zentrum der Worte, die wir gehört haben. Gott und der Glaube bilden ihre Mitte. „Liebe deine Feinde“ – das ist kein moralischer Appell sondern es ist der Ausruf des Glaubens, der selber diese Erfahrung gemacht hat. Der selber überwältigt wurde davon, dass ein Feind ihm mit Liebe und nur mit Liebe begegnet. Denn das ist der Glaube – der Mensch sieht in Gott den Feind, interpretiert ihn so, hat so Angst vor ihm, versucht vor ihm zu flüchten oder ihn unterwürfig zu bestechen. Unzählig die Geschichten, die davon berichten. In der Bibel, durch die Zeiten hindurch bis heute. Immer dort zum Beispiel wo der Mensch dem Menschen Feind wird, wird er auch Gott zum Feind. Deshalb hängt doch auch hier das Kreuz an der Wand, als Ort dieser Feindschaft. Wo der Mensch zum Feind Gottes geworden ist und ihn selbst dort hingerichtet, ihn dem Tod überlassen hat. Was ist die Antwort des Feindes, Gottes? Nicht Ausübung von Gewalt, von Macht, sondern überwältigende Liebe, eine grenzenlose Liebe. Auch davon erzählen unzählige Geschichten des Glaubens bis heute. Das ist die umstürzende, alles in ein anderes Licht setztende Erfahrung des Glaubens von der Lukas spricht. Ohne sie wird „Liebe deine Feinde“ zu einer lebens- und weltfremden religiösen Sondermoral. Aus der Perspektive der erfahrenen Überwindung der Feindschaft von Mensch und Gott wird es Fundament eines Glaubens, der dann wirklich tragen kann in dieser Welt. Fundament von dem wir aus unseren Beitrag leisten können, Antworten zu finden, was zu tun ist in einer Welt, wo der Mensch oft dem Menschen ein Feind ist. Wo die Überwindung von Feindschaft ein so kostbares, so seltenes, so beglückendes Gut ist. Diesem Fundament liegt nichts ferner als der überstiegene moralische Anspruch die Welt mit der Bibel in der Hand und fromm-betroffenen Sinnsprüchen auf den Lippen zu verbessern, sondern in der Welt und ihren Verwerfungen gelassen und befreit zu tun, was jeweils nötig ist. Vielleicht hat das auch der Prediger der kleinen Siedlergemeinschaft erkannt und stimmt am Ende der Hilfe des Kleinen und seines Bruder zu, sie vor der Gewalt des Majors zu schützen. Aber vielleicht ist das auch ein wenig zu viel der Interpretation für einen schönen Film für langweilige Sonntagnachmittage mit einem großen, dicken Mann aus Italien.

 

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