Verfasst von: achterosten | 26. Dezember 2016

Gute Werbung – Predigt zu Jesaja 11, 1-10

Predigt zu Jes 11,1-10 (Christvesper, 24.XII.2016)

Liebe Gemeinde, nun ist er endlich da der Heilig Abend und nur eine kurze Zeit trennt uns vom erwarteten oder bei manchem dann doch leider auch befürchteten Abend. Vorher haben Sie aber alle heute noch hier Ihren Weg in den Gottesdienst gelenkt, was mich sehr freut. Und ich kann Ihnen versichern es ist alles da wie erwartet: Krippe und Weihnachtsbaum im festlichen Glanz, die Geschichte einer besonderen Geburt aus dem Lukasevangelium und – ich verrate da jetzt kein Geheimnis – wir werden auch zum Schluss noch „O du fröhliche“ singen. Eigentlich ging der Einstieg in diese Predigt nun anders weiter.

Sie werden es ahnen, ich hatte sie vor dem Verbrechen mit einem LKW in Berlin geschrieben. Bevor Menschen, die einfach nur auf einem Weihnachtsmarkt waren, um dort zu arbeiten, um es sich dort gut gehen zu lassen, ihr Leben auf brutale Art verloren haben oder verletzt wurden. Bevor aus abstrakter Bedrohung blutiger Ernst wurde. Ich möchte das jetzt gar nicht in aller Breite hier ausführen. Wir alle haben die Bilder, die Töne, die Worte der letzten Tage im Kopf. Wer weiß schon, welche noch dazukommen werden.

Kann ich da noch die Predigt halten, die für heute vorgesehen habe? Das waren meine Gedanken in dieser Woche. Um es kurz zu machen, es ist eigentlich die gleiche Predigt geblieben. Zu dieser Überzeugung bin ich gekommen weil eine Predigt keine politische Rede, auch keine persönlichen Ausführungen des Pfarrers zur allgemeinen Weltlage mit allem was dazu gehört ist und schon gar keine pädagogische Belehrung, sondern sie ist immer im letzten der Versuch Gottes Wort jetzt und heute zu verstehen. Und heute hören wir Gottes Wort von seiner Geburt mitten unter uns. Das habe ich versucht zu verstehen und Berlin hat diesen Versuch mehr bekräftigt, als dagegen zu stehen.

 

Liebe Gemeinde, und so will ich mich am Beginn dazu bekennen: Ich bin ein großer Fan gut gemachter Werbefilme Zurzeit bin ich Fan der Werbung einer Versandfirma, die vielen, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, als Ausgeburt des neuen Internetkapitalismus gilt. Aber das spielt jetzt mal gar keine Rolle, sondern nur der Film an sich. Ein wunderbarer Weihnachtsfilm… [Werbung Amazon Prime Imam Pfarrer].

 

Liebe Gemeinde, für mich ist das der Weihnachtsfilm 2016. Am Rande sei noch erwähnt, dass es sich dabei nicht um zwei Schauspieler, sondern tatsächlich um einen Pfarrer und einen Imam aus England handelt. Wer will, kann die beiden im Interview bei YouTube erleben. Wie könnte man gerade in diesen Tagen der Angst und des Hasses besser die Bedeutung des Geheimnisses der Heiligen Nacht für uns hier und heute darstellen? Wenn die Worte der Engel der Hirten auf dem Felde vom Frieden nicht leere Worthülsen sein sollen? Mehr als bloße Appelle?  Wenn es wirklich etwas mit uns, unserer Angst, unserer Sorge, unserer Freude, unserer Liebe zu tun haben soll.

Liebe Gemeinde, der Film, mag es der ein oder dem anderen auch zu vordergründig sein, von mir aus zu kitischg, er spricht von der Botschaft dieser Nacht: Frieden. Das ist das Geschenk dieser Nacht, die vor uns liegt. Das Geschenk Gottes als Mensch mitten unter uns. Geschenk und Frieden, sie sind seit jener Nacht unauflöslich miteinander verbunden, verknüpft. Und nur da wo sie sich verbinden können, Menschen sie so erfahren können da kann Frieden werden. Daher ist die Geschichte von Weihnachten, der Menschwerdung Gottes etwas völlig anderes als müde Appelle, die vielleicht noch unseren Verstand irgendwie erreichen, aber nicht mehr unser Herz. Und die schon gar nichts verändern. Dort ist Veränderung, wo Geschenk und Frieden sich verbinden, in unseren Herzen und in unserem Verstand. Das kann man nicht verordnen, nicht anweisen, nicht vorschreiben, nicht lehren, nicht wohlmeinend durch Appelle erreichen, das kann man sich nur schenken lassen.

Die Heilige Nacht ist der Ort dieses Geschenkes an uns Christinnen und Christen. Hier nimmt es seinen Ausgangspunkt zu unseren Herzen, zu unserem Verstand. Gott selber ist Mensch geworden, der Retter ist da – nicht mehr die Angst hat Macht über uns. Wir sind nicht allein, wir müssen im letzten keine Angst haben, sondern sind umschlossen, aufgehoben in dem Geheimnis dieser Geburt, dass in sich die Liebe trägt. Und Liebe ist nun mal das Beste aller Mittel gegen Angst vor was auch immer. Erreicht unsere Herzen dieses Geschenk, dann ist so etwas, was der Film uns zeigt nicht ein Wunschtraum des gelebten, alltäglichen Friedens, sondern Realität an jedem Tag. Frieden zwischen uns den Menschen, die wir hier zusammen leben, Frieden aus dem manchmal dann sogar mehr, Freundschaft werden kann. Wenn wir als Christinnen und Christen das Geschenk der Weihnacht, der Liebe in uns tragen, dann ist uns das auch möglich. Weil uns keine Angst lähmt, keine Angst unsere Sinne vernebelt, nicht Misstrauen und Hass nährt.

Daher können sich  und die Zeiten erfordern es, das auch so klar sagen zu müssen, daher können sich selbsternannten Retter des Abend- und Deutschlandes auch von mir aus auf alles Mögliche berufen: auf die angebliche Naivität der von ihnen so titulierten Gutmenschen, gerade jetzt auch nach dem Verbrechen von Berlin. Sie können sich auf die angebliche Weltverschwörung von wem auch immer, von mir aus auch auf irgendwelche krude Ideen vom deutschen Volk, deutscher Kultur oder was sie dafür halten berufen. Und mag es auch genug Menschen in diesem Lande und in Europa geben, die sie wählen. Aber auf eines können sie sich nicht, keinen Millimeter berufen: den christlichen Glauben. Den Glauben an das Geheimnis dieser Nacht. Mögen sie von sich glauben, sie würden für irgendwelche schweigenden, verängstigten Mehrheiten sprechen, mögen sie glauben sie sprechen für das Volk, was auch immer das sein soll. Eines tun sie bestimmt nicht: Im Namen dessen zu sprechen, der dort als Mensch unter uns geboren ist, Gott der Herr selber. Sie können auf ihre Fahnen schreiben was sie wollen, aber nie wieder werden wir es zulassen dass sie auf ihre Koppelschlösser „Gott mit uns“ schreiben. Denn das ist der Name des Kindes, das in dieser Nacht geboren ist: Immanuel, das sind die  hebräischen Worte für Gott mit uns, Friedefürst. Diese selbsterklärten Volkstribune aber leben von der Angst der Menschen und nähren diese Angst, aus der Misstrauen und Hass wachsen. Die Geburt des Immanuel in dieser Nacht aber verheißt uns das Ende aller Angst.

Gut, können Sie jetzt sagen, das gehört wohl alles  irgendwie zu einer Weihnachtspredigt. Der eine findet das jetzt vielleicht auch ein wenig provokativ oder weltfremd, angesichts, all der Toten, Verletzten, angesichts all der Bedrohungen, all der Unsicherheiten. Es wäre weltfremd, zu glauben, dass die Geburt in dieser Nacht Frieden in sich trägt. In sich die Botschaft trägt, die sich gegen alle Angst stellt. Es wäre dann weltfremd wenn nicht zwei Dinge in meinen Leben passiert wären: Das Geschenk der Liebe Gottes mit Herz und Verstand immer wieder erfahren zu haben, trotz allem Zweifel. Und das gerade mitten in der Welt, mitten in meinem Leben und oftmals gerade nicht in irgendeiner Kirche, sondern z.B. bei der Arbeit im Krankenhaus. Weil es sich verbindet mit der  Erkenntnis, die in dieser Nacht beginnt: Gott war als Mensch unter uns, schwach, schutzbedürftig. Ausgeliefert dem Hass, der Gewalt der Menschen und schließlich ihnen auch zum Opfer fiel. Sein Großes Trotzdem des Sieges des Lebens über den Tod aber dagegen setzt. Das ist alles anderes als weltfremd, sondern mitten in unsere Welt ist Gott gekommen. Mitten in ihre Brutalität, ihre Unerlöstheit, aber halt auch mitten in ihre Freude, ihre Lebendigkeit, ihren Spaß. Mitten hinein, ohne Wenn und Aber. Daher ist das Geschenk des Glaubens doch auch nur mitten in dieser Welt zu finden, inmitten unseres Lebens, mitten unter uns.

Und das andere, eng damit verbunden: Wenn ich gleich nach dem Gottesdienst nach Hause komme, werde ich wohl zwei Nachrichten auf meinen Smartphone haben. In beiden wird man uns ein schönes Weihnachtsfest wünschen. Ich werde mich freuen, diese Nachricht von zwei guten Freunden bekommen zu haben. Menschen, die mir sehr wichtig sind. Menschen von denen ich viel gelernt habe. Menschen, mit denen ich auch mal richtig vom Leder ziehen kann. Menschen, von denen ich große Gastfreundschaft erfahren durfte. Ach ja, antworten werde ich ihnen unterschiedlich: Dem einen werde ich schöne freie Tage beim Familientreffen wünschen, denn dafür nutzt diese muslimische Familie immer die Tage von Weihnachten. Dem anderen werde ich ein schönes Chanukkafest wünschen, das die Juden ab heute feiern. Dann werde ich meinem Herzen Gott danken: Für das Geschenk dieser Freundschaft und das Geschenk seiner Geburt. Und dann ist Weihnachten. Trotz allem.


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