Verfasst von: achterosten | 21. Dezember 2016

O Tannebaum – Predigt zu Ezechiel 17, 22-24

Predigt IV. Advent 2016 (Ez 17,22-24)

Liebe Gemeinde, ich will mal in die heute Predigt mit einem kleinen medizinischen Check einsteigen. Suchen sie doch mal ihren Puls, am besten direkt am Handgelenk. So, wenn ihn alle haben auf Los jeden Herzschlag mitzählen, ich stoppe die Zeit… Und, Stopp! 15 Sekunden sind um, jetzt nehmen sie die gezählten Schläge mal vier und schon haben sie ihren Pulsschlag. Und wie ist er? Vielleicht bei der ein oder dem anderen doch ein wenig erhöht? Das kann zwei Gründe haben: Erstens heute Morgen vergessen die Tabletten zu nehmen oder zweitens da kündigt sie sich schon langsam, sozusagen noch im Verborgenen an:  die Weihnachtsaufregung. Es ist keine ganze Woche mehr, dann ist er da der Heilige Abend, damit steigt die Weihnachtsaufregung und mit ihr langsam auch der Puls. Ich kann ihn ja noch ein wenig beschleunigen, denn was gibt es bis dahin nicht noch alles zu tun: Weihnachtskarten und –pakete sollten spätestens, aber wirklich aller spätestens am Mittwoch auf der Post sein. Hauptsache man hat immer noch ein paar in Reserve, irgendeiner den man nicht auf der Liste hatte schickt immer eine Karte und dann sieht man sich ja gezwungen, auch noch schnell eine zu schreiben. Dann sind hoffentlich schon alle Geschenke da, die gilt es noch einzupacken. Der Essensplan für die Feiertage ist zu klären, die Einkaufsliste aufzustellen und abzuarbeiten. Abhängig von der engen oder etwas weiteren Beziehung zum gutbürgerlichen Sauberkeitsideal könnte da auch noch eine vorweihnachtliche Grundreinigung des Hauses vom Keller bis zum Dach, samt Fenster und Vorgarten anstehen.

Ich sag es jetzt mal so: Das könnte eng werden bis Heilig Abend. Es ist zumindest ein sportliches Vorhaben. So kann aus der Weihnachtsaufregung dann doch Weihnachsstreß werden. Vor allem wenn man dann noch an die Feiertage selber denkt. Was kann da nicht alles schief gehen und die ganze Besinnlichkeit stören. Wenn man erst einmal an das alljährliche Zusammentreffen von Familienmitgliedern denkt. Das kann, ohne Frage schöne sein, das kann einen aber auch jetzt schon einigen Schweißperlen auf die Stirn treiben. Hoffentlich geht das gut. Ja, der Puls beschleunigt sich, der Blutdruck steigt.

Da ist es doch gut wenn man dann Momente hat, die einen wieder herausholen aus dem Weihnachtsstreß und –wahnsinn. Momente die die Dinge wieder gerade rücken, den Puls verlangsamen, den Blutdruck senken. Am besten gelingt mir das durch jahrelang eingeübte Rituale. Dazu gehören bei mir am 23.12. abends immer zwei Filme, jedes Jahr. Das sind jetzt keine cineastischen Meisterwerke, nein, nun wirklich nicht, aber für mich sind sie eine super Vorbereitung auf die Feiertage. Das eine ist die wunderbare Weihnachtsfolge der alten Fernsehserie „Familie Heinz Becker“  von 94. Das andere der Film „Schöne Bescherung“ von 89. Ohne jetzt in die Tiefe gehen zu wollen, beide Filme zeigen auf ihr Art und Weise, wie Weihnachten am Ende in einer mittelschweren Katastrophe mit zerstörtem Hausinventar und gestörtem Familienidyll endet. Auslöser auf jeden Fall ein viel zu hohes Maß an Weihnachtsaufregung. Beide Filme bewahren mich immer mit ihrem vordergründingen Humor dieser Gefahr zu erliegen.

Im Mittelpunkt in beiden Filmen steht, wo wie es bei der absoluten Mehrzahl der Haushalte auch ist: der Weihnachtsbaum. Eine harmlose Tanne im grünen Kleid, die zum Ort aller Hoffnung, aller seligen Erinnerungen, aber auch mancher etwas aus der Bahn geratenen Heiligen Nacht wird. Sie gehört einfach dazu zu Weihnachten und gehört unbedingt auch noch auf die Liste der Dinge, die ab morgen noch zu erledigen sind: Kaufen, Kugeln suchen, feststellen, dass die Lichter nicht gehen, im Baumarkt nur noch leere Regale mit Ersatzbirnen vorzufinden, auf LED umsteigen, feststellen dass die Batterien brauchen, hoffentlich gibt es die noch im Baumarkt… Sie sehen auch der Baum kann die Geschwindigkeit des Pulses durchaus anheben. Dabei sieht er so harmlos aus und später erst, wenn er so schön erstrahlt. Trotz allem Streß, der Baum gehört dazu. Ich darf da kurz aus der Homepage der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zitieren: Jedes Jahr werden zwischen 24 und 25 Millionen Weihnachtsbäume in Deutschland aufgestellt. Da kann doch mit Fug und Recht behaupten: Es mag ja viele Formen geben, Weihnachten zu feiern, der Baum gehört dazu! An erster Stelle natürlich die Nordmanntanne, der Baum für die Sensiblen unter uns, die das Stechen einer echten Blaufichte fürchten, dafür dann aber auch auf den Tannenduft verzichten müssen. Aber egal welcher Art, er gehört einfach dazu, zu Weihnachten, der Tannenbaum. Ein echter Exportschlage des Deutschlands des 19. Jahrhunderts. Der deutsche Prinzgemahl der englischen Königin brachte ihn in das Empire, ein deutscher Industrieller in den USA machte ihn dort wortwörtlich salonfähig. Und wir können uns jetzt auch einmal kurz auf die Schulter klopfen und das gerade im Jahr des Reformationsjubiläums: Wenn nicht alles täuscht, ist der Weihnachtsbaum ein echtes protestantisches Erfolgsprodukt. Denn die ersten historisch belegten Weihnachtsbäume tauchen im 16. Jahrhundert vor allem in tief protestantischen Gegenden auf. Die Katholiken hatten es mehr mit der Krippe. Sein Siegeszug war jedenfalls nicht aufzuhalten, selbst mit höchsten literarischen Weihen versehen; findet er doch sogar bei Gothes „Die Leiden des jungen Werther“ eine Erwähnung. Selbst ein altes viel gesungenes Liebeslied musste dran glauben, wurde vor über 150 Jahren seines alten Textes entledigt und schallt nun aus vielen Boxen und Kehlen als „O Tannebaum, o Tannebaum“. Ein Ende ist bei dieser Erfolgsgeschichte noch nicht abzusehen, er wird auch in absehbarer Zeit fester Bestandteil der Weihnachtszeit sein und damit Klammer auf – auch möglicher Auslöser mancher Weihnachtsaufregung oder sogar Weihnachtsstreß – Klammer zu. Und das gilt auch für unsere Kirchen, auch dort gehört er zum festlichen Inventar der Weihnachtsgottesdienste. Nicht auszudenken, wenn er dort nicht stünde!

Da ist es doch mal mehr als an der Zeit, ihn genauer in den Blick zu nehmen. Ich meine, wenn er doch so zentral ist und sogar in der Kirche an so prominenten Platz zum Stehen kommt. Ist das überhaupt angebracht? In der Bibel, wen wird es wundern, finden wir nichts zum Thema Weihnachtsbaum. Ist halt die falsche Region für das eher im Norden zu findende Tannengehölz. Auch die im Mittelalter zu findenden Bäume in Kirchen um den 24.12. herum passen nicht so ganz bei dem Versuch seinen prominenten Platz zu rechtfertigen: Die standen da, weil der 24.12. auch sozusagen der „Namenstag“ von Adam und Eva ist und der Baum an den Sündenfall erinnern soll. Sie wissen schon, die Geschichte mit dem Apfel. Der Apfel allerdings, der hat es dann doch an den Weihnachtsbaum geschafft. Ich muss also ein wenig weiter denken und komme dabei auf drei Punkte. Alle drei kommen zu dem Schluss, er steht gut dort, wo er an Weihnachten steht.

Der erste verbindet ihn mit so vielem anderen in der Advents- und Weihnachtszeit: das Licht! Kein Weihnachtsbaum ohne Licht. Kein Nachdenken über das Geheimnis der Geburt Jesu ohne das Nachdenken ob und wie diese Geburt Licht in der Finsternis ist. Licht, das von diesem Ereignis ausgeht, strahlt in die Dunkelheit. Das ist doch der tiefe Grund, warum uns von der Geburt und ihrer Verkündigung bei Nacht erzählt wird, warum uns von dem Stern, der den Weg zur Krippe hinweist, erzählt wird: Ein Licht in der Nacht, das die Dunkelheit durchbricht. Herausführt aus der Dunkelheit. Dort wo Licht ist, dort ist Sicherheit, Geborgenheit, Freude. Wie es, wenn es gut läuft, der Weihnachtsbaum ausstrahlt, so wie er dann vor uns steht oder in unserer Erinnerung an gute Weihnachtstagen. Licht, das warm strahlt, die Dunkelheit durchbricht.

Zum zweiten: Leben mitten im Tod. Der Winter hat alle Bäume ihres Laubes beraubt, keine Blüte weit und breit, kein Leben in den Gärten, in Wald und Flur. Trostlos und grau wirkt alles, leblose Äste strecken die Bäume in den grauen Himmel. Wie froh sind wir, wenn der Schnee all diese Trostlosigkeit, diese tote Landschaft mit einem gnädigen weißen Leichentuch bedeckt. Gibt es da überhaupt noch Leben, noch Hoffnung in dieser Trostlosigkeit? Wie gut tut da ein Zeichen des Lebens, ja jedes Zeichen des Lebens, so wie es eine grüne Tanne inmitten kahler Landschaft sein kann. Ihre grünen Zweige der Hoffnung ausbreitet. Es wäre jetzt allerdings zu simpel, so jetzt auch eine direkte Linie zum Geheimnis der Weihnacht zu ziehen. Der Tannenbaum sozusagen als Symbol des Lebens. Dass wäre zu einfach und würde weder zu unserem Leben noch dem Geheimnis der Weihnacht passen. Das Geheimnis der Geburt Gottes unter uns, dass in sich Verheißung des Lebens trägt. Aber es endet ja nicht mit dieser Geburt, sondern geht noch weiter. Weil auch unser Leben nicht einfach ist. Es ist viel komplizierter, viel verschlungener, viel schwerer zu verstehen. Warum der Weihnachtsbaum dann doch ein gutes Symbol ist und seinen Platz verdient hat? Weil man in ihn zwei Teile zersägen kann. In meiner Vikariatsgemeinde wurde der Weihnachtsbaum am 6. Januar aus der Kirche getragen und hinter das Gemeindehaus gelegt. Bis zum Palmsonntag. Dann wurden die Äste entfernt und der Stamm in zwei Teile zersägt, einen längeren, einen kürzeren. So trug man ihn wieder in Kirche – als Kreuz an Karfreitag. So war es allen vor Augen das Geheimnis unseres Glaubens, dass in Geburt und im Tod Gottes sich für uns alle das Leben findet.

Der Dritte Grund, der für den Weihnachtsbaum spricht: Da muss ich sagen, da ist die Nordmanntanne raus. Das geht nur mit der guten alten Blaufichte oder einer Kiefer. Denn die picksen auch ein wenig, so schön und harmlos sie auch von weitem aussehen, kommt man ihnen ganz nahe, dann gibt es den ein oder anderen Stich. Dann merkt man es dann doch, dass es nicht so einfach ist mit der weihnachtlichen Baumidylle. Und genau deswegen gehört der Baum an Weihnachten in jedes Haus und in jede Kirche. Denn der ehrliche Blicke, das Einlassen auf diese unglaubliche Geschichte der Krippe, der sehr jungen Frau und ihrem viel älteren Mann, ihrem Kind, Lohnarbeitern und Gelehrten, die einem Stern folgen, das alles sticht und pickst, ist auch alles ein wenig sperrig. Wehrt sich gegen allzu viel Idylle, aber auch gegen allzu einfache Erklärungen und Vereinnahmungen. Fordert heraus, stachelt uns, wenn es gut geht, im wortwörtlichen Sinne an. Und ist so vielleicht ein gutes Mittel, das bewahrt das die Weihnachtsaufregung in Weihnachsstreß ausartet. So wie es Heinz Becker so schön sagt, wenn er am Ende unter dem umgestürzten Weihnachtsbaum herauskrappelt, mit Nadeln übersät: „Echte Akkupunktur gegen Weihnachtsstress.“

Wunderbar, wenn der Baum so auch nun bei ihnen in den nächsten Tagen sie erinnert an das wundersame Ereignis Gottes, auf das wir zugehen. Die Freude, dass er Mensch unter uns wurde den Puls mehr steigen lässt als die Frage ob Gans oder Karpfen.


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