Verfasst von: achterosten | 15. Januar 2017

Der König und der Kohl – Predigt zum VIII. Gebot (Exodus 20, 15)

Predigt zu Ex 20, 15 (II. Sonntag nach Epiphanias, 15.I.2017)

Liebe Gemeinde, zu Beginn eine kleine Geschichte: Da war mal ein Herrscher. Nicht irgendeiner Weltmacht. Nein, wenn man ehrlich sein muss, eher so eine Art Lokalfürst am Rande des Weltgeschehens. Für das Land und die Menschen die dort lebten ist das allerdings mal zweitrangig. Für sie gilt, egal wie groß und bedeutend oder klein und unbedeutend auch ihr Land ist: Er ist ihr König und sie seine Untertanen. Und das lässt er sie auch spüren.

Einer dieser Untertanen ist ein recht reicher Mann. Ihm scheint es gut zu gehen. Jedenfalls hat er einen wunderbaren Weinberg. Fruchtbar, jedes Jahr tragen die Stöcke herrliche Reben. Der Boden ist gut, die Sonne ausreichend. Es ist das Land seiner Vorfahren. Keiner kann sich noch daran erinnern, wann der Erste aus seiner Familie hier seine Harke in die Erde grub, Weinstöcke pflanzte und die Traubenernte einbrachte. Der Weinberg verhalf der Familie zu einem gewissen Wohlstand. Sein jetziger Besitzer musste nicht mehr selber die harte Arbeit ausführen. Dafür hatte er seine Leute, aber es war jeden Tag zu entscheiden, was zu tun war. Fast jeden Tag sieht er bei seinem Gang durch den Weinberg auch den Herrscher des Landes, denn sein Weinstock grenzt direkt an dessen Besitz. Aus den Augenwinkel sieht er wir dieser an seinem Weinberg vorbeigeht oder fährt. Hin zu irgendwelchen wohl wichtigen Gesprächen oder einfach auch nur um zu flanieren. Er versucht dann immer möglichst nicht im Blickfeld des Königs zu sein. Von den Herrschern dieser Welt gesehen zu werden, da muss nicht immer Segen darauf ruhen, so ist wohl seine Überzeugung. Heute aber gelingt ihm das nicht. Denn der König schreitet nicht an seinem Weinberg vorbei. Er bleibt auch nicht kurz stehen, um ihn betrachten, wie er es manchmal in der Vergangenheit gemacht hat. Nein, heute lenkt der König seine Schritte mitten in den Weinberg hinein, direkt auf ihn zu. Da gibt es kein Ausweichen, wohl oder übel bleibt er stehen. Sieht wie der König auf ihn zukommt. Ehrerbietig, aber nicht unterwürfig begrüßt er seinen Herrscher. „Einen schönen Weinberg hast Du. Sehr fruchtbar wie mir scheint. Und direkt neben meinem Palast. Um es kurz zu machen: Ich tausche mit dir. Du bekommst von mir einen anderen, besseren Weinberg am Rande der Stadt. Ich bekomme dafür deinen Weinberg. Kohl werde ich hier anbauen lassen. Guten, wohlschmeckenden Kohl.“ „Nein, mein Herr, das geht nicht. Das ist das Land meiner Vorfahren. Ich kann es euch nicht geben, selbst wenn ich wollte. Ich habe es von meinen Eltern übernommen, ich werde es an meine Kinder weitergeben.“ Erstaunt blickt ihn der König an, ein Moment des Schweigens legt sich über den Weinberg. Selbst die Grillen mit ihrem allgegenwärtigen Zirpen scheinen für einen Moment angesichts dieser Antwort zu verstummen. Wortlos dreht der König sich um, wie betäubt verlässt er den Weinberg, eilt in den Palast, wirft sich auf sein Bett. Als am Abend das Essen aufgetragen wird, liegt er immer noch so dort. Keinen Bissen bekommt er herunter. Immer wieder dröhnt diese Antwort in seinem Kopf. Aber er ist doch der König und er will diesen Weinberg. Er ist der König, der Herrscher! Er will diesen Weinberg! Kaum bemerkt er, dass seine Frau das Zimmer betreten hat. Er nimmt sie erst wahr, als sie ihn besorgt fragt, warum er nichts isst. Mit stammelnden Worten erzählt er ihr von dem Vorfall, von der unverschämten Antwort dieses elenden Weinbergbesitzers. „Aber ich bin doch der König und ich will diesen Weinberg für meinen Kohl!“ mit diesem Aufruf beendet er seinen Bericht. „Ja, du bist der König. Du wirst den Weinberg bekommen. Lass mich nur machen.“ Oh ja, seine Frau die wusste wie ein Herrscher zu regieren hatte, die beherrschte das Geschäft!. Sie schreibt einen Brief. An die obersten religiösen Führer. Es soll ein landesweites öffentliches Fasten geben und der Weinbergbesitzer, dieser geachtet Mann sollte dabei den Ehrenplatz erhalten. Nun aber das Entscheidende: Es gilt zwei Männer zu finden, die zu allem bereit sind. Auch dazu als falsche Zeugen aufzutreten. Die sollen aufstehen und den Besitzer des Weinberges beschuldigen. Er habe Gott und den König gelästert. Daraufhin soll er der einzig möglichen Strafe zugeführt werden: Der Todesstrafe. Sie versieht den Brief mit dem Namen ihres Mannes, des Königs, des Herrschers. Es kommt wie zu erwarten. Die religiösen Führer wissen, wie sie mit dem Willen ihres Königs umzugehen haben. Es wird ein landesweites Fasten ausgerufen. Der Besitzer des Weinberges erhält den Ehrenplatz. Zwei Männer stehen auf und beschuldigen ihn vor allem Volk der Lästerung Gottes und des Königs. Er wird schuldig gesprochen, vor die Stadt geführt und gesteinigt. Den Besitz des Toten, er steht offen für den Anspruch des Königs. Schon am nächsten Tag lässt er die Weinstöcke roden, den Boden bereiten für ein Feld voller Kohlköpfe. Ist er nun glücklich? Glücklich über diesen gelungenen Schachzug, eines uneingeschränkten Herrschers würdig? Vielleicht weiß er es selber nicht. Bis sein schärfster Kritiker sich angekündigt. Wieder so einer, wo es im Kopf des Herrschers dröhnt: „Aber ich bin doch König! Ich bin doch Herrscher!“ Diesen aber wird er nicht so leicht los. Freundlich begrüßt er ihn. Dann ergießt sie sich über ihn, trifft ihn wie harte Schläge. Die Kritik dieses Mannes Gottes, die Worte des Niederganges angesichts der Mordtat, angesichts dessen, dass der König und seine Frau sich zu Schreibtischtätern gemacht haben. Und alles für einen Kohlgarten. Für den Anspruch auf Land, das ihnen nicht gehörte. Brutal sind die Worte, die auf ihn niederprasseln. Die Frau, ihre Leiche werden die Hunde auf der Straße fressen. Alle männlichen Mitglieder der Familie werden den Tod finden. Der König windet sich unter diesen Worten, wird von ihnen, von seiner Schuld zu Boden gedrückt. Er will bereuen, er will zu seiner Schuld stehen. Aber wie, aber wie, der Besitzer des Weinbergs ist tot, er ist der König? Wie soll das gehen?

Wie die Geschichte endet? Der König wird überleben, aber alle nach ihm sterben. Sein Familie wird ausgelöscht. Das brutale Ende seiner Frau im Ende im Straßengraben hallt durch die Jahrtausende.

 

Liebe Gemeinde, es ist immer wieder faszinierend wie lebendig die Bibel ist. Dass sie kein Geschichtsbuch, keine bloße Sammlung von theologischen Richtigkeiten, sondern das Zeugnis unzähliger Gespräche untereinander. Genau das macht sie doch so lebendig, so kann sie Quelle des Glaubens sein für uns. Die Geschichte die ich ihnen gerade erzählt habe, sie ist genau das. Sie erzählt davon, welche Konsequenzen es hat, wenn das achte Gebot, bei dem wir heute sind, einfach beiseitegeschoben wird: „Du sollst nicht stehlen“. Und spart dabei nicht mit einer ordentlichen Portion bitterer Ironie: Ein Mord, ein verwüstetes Königreich, ein brutales Ende einer ganzen Herrscherdynastie wegen ein paar Kohlköpfen neben der Palastmauer. Sie erzählt uns aber auch von den Ursachen, die dazu führten. Und, was für mich das Zentrale dieses Gespräches zwischen dem Gebot und der Geschichte ist, sie erzählt davon, dass ein solches Gebot viel mehr ist, als eine einfache, billige Ermahnung für kleine Kinder und Konfirmanden. Das Gebot führt uns mitten hinein in unser aller Leben mit seinen dunklen Ecken, unseren Verstrickungen. „Du sollst nicht stehlen“ – das ist doch vielmehr als die billige Ermahnung, dass man im Supermarkt nichts mitgehen lässt oder nicht schwarz mit der Straßenbahn fährt. Es geht weit über diese oberflächlichen Appellen hinaus. Es bleibt nicht stecken in dem verzweifelten Versuch, dann doch die Welt irgendwie in schwarz und weiß, in Gut und Böse zu unterteilen. Dann müsste es vielleicht heißen „Du sollst nicht Klauen“. „Stehlen“ das führt tiefer, das umfasst das ganze menschliche Elend. Jenseits von Schwarz und Weiß. Dazu gehört die ganze Bandbreite, wie in der Geschichte des König Ahabs, die ich ihnen gerade erzählt habe. Das ist auch mehr als Diebstahl, das umfasst halt auch den Betrug. Und so führt es mitten hinein in die Abgründe des menschlichen Lebens, unseren Verstrickungen. Als ich mich hinsetze, um diese Predigt zu schreiben, ließ sich ein Präsident eines nicht ganz unbekannten deutschen Fußballvereines zum Thema „deutsche Sprache in der Kabine“ in den Medien aus. Man muss immer vorsichtig mit Vergleichen sein, aber auch sein juristisch bestätigtes Verbrechen stellt das vor Augen. Auch wenn es „nur“ um Steuerbetrug und nicht um einen Wirtschaftsmord ging. Auch dieser Fußballpräsident führte uns in seinen hellen, in seinen klugen Momenten in Interviews und Äußerungen in die Verstrickungen und Abgründe, die ihn dazu brachten, dass achte Gebot mit Füßen zu treten. In die Abgründe von Realitätsverlust und Sucht. In eine Geschichte, die es am Ende nicht mehr möglich macht zu einem einfachen Schluss a la schwarz-weiß zu kommen.

Diese Tiefe des Lebens umfasst das Gebot, in die Tiefen meiner, unserer Verstrickungen. Eröffnet den ganzen Horizont des menschlichen Lebens und zeigt, dass die Gebote vielmehr sind als ein einfacher Moralkatalog, sondern der Weg zu einem anderen Blick auf uns Menschen. Der Blick auf all die Schattierungen unseres Lebens, der weiß wie schwer Schuld und Unschuld oft zu trennen sind, der weiß um meine Abgründe, meine Verstrickungen und den Schmerz darüber. So der Weg zur Heilung ist.

Unsere Mütter und Väter im Glauben, die sich wie wir fragten: Haben die Gebote für uns überhaupt eine Bedeutung, kamen zu einem wunderbaren Schluss. Die Gebote sind für Christinnen und Christen eine Richtschnur. Eine Leitplanke bei der Frage was das gute und richtige Handeln ist. Sie sind aber auch und genau so der Weg zur Heilung. Denn dies ist der eine der drei Wege der Gebote, von denen unsere Mütter und Väter im Glauben sprachen: In uns das Verlangen, die brennende Frage zu entzünden: Was kann mich befreien aus meinen Verstrickungen? Aus all meinen Halbwahrheiten? Sie sollen uns nicht quälen, uns niederhalten, uns klein halten, sondern so uns führen auf den Weg hinaus aus all dem. So sind sie das Geschenk des liebenden Gottes, der um all unsere Abgründe, all unsere Halbheiten weiß. Der uns aus ihnen befreien will und kann.


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