Verfasst von: achterosten | 20. November 2016

Die Klugheit und der Tod-Predigt zu Psalm 90, 1-17

Predigt zu Psalm 90, 1-17 (Totensonntag, 20.XI.2016)

„Harry Potter“ – das wird Ihnen heute Morgen sicherlich etwas sagen. Zumindest schon einmal davon gehört. Die Geschichte des kleinen Jungen Harry Potter, der ohne Eltern aufwächst und schließlich lernen muss dass er selber ein ganz besonderer Junge ist. Nicht nur ein Zauberer, sondern auch die entscheidende Person im Kampf gegen das Böse. Hier personifiziert durch den Magier Lord Valdemort. Die Bücher und natürlich auch die Filme begleiten ihn durch die Jahre hindurch bei diesem Kampf. Und halt auch dabei wie Harry Potter die magische Welt Stück für Stück entdeckt, ganz besonders in der Schule für Zauberei. Dazu gehören auch manch merkwürdige Wesen. So gibt es dort in dieser Schule Kutschen die anscheinend von alleine fahren. Kein Pferd ist zu sehen, aber trotzdem fahren sie. Plötzlich, als Harry nach den Ferien an die Schule zurückkehrt, sieht er, dass sie doch von einem Lebewesen gezogen werden. Kein anderer aber scheint dieses Lebewesen zu sehen. Aber er sieht sie. Erst nach ein paar Tagen lüftet sich das Geheimnis: Thestrale heißen diese merkwürdigen Wesen und sehen kann nur der sie, der den Tod gesehen hat. Sprich, gesehen hat, wie jemand stirbt. Harry musste diese Erfahrung machen und kann nun diese Wesen sehen. Man kann ja halten von den Geschichten um Harry Potter halten was man will, aber ich finde hier hat die Autorin Joanne K. Rowling ein passendes, ja anrührendes Bild gefunden, für die Veränderung, wenn wir einen Menschen haben sterben sehen. Dass wir etwas sehen, was zwar immer schon da war, wie diese Wesen, die die Kutschen ziehen, wir aber erst jetzt, nach dieser Erfahrung sehen können. So wie sie auch Harry nun erst sehen kann. Ich halte das für eine der tiefsten Wahrheiten unseres Lebens. Eine Wahrheit, wie sie auch die Beterin, der Beter des heutigen Psalms in Worte kleidet: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“

Viele Menschen habe ich sterben sehen. Menschen, von denen ich gerade mal den Name kannte, die ich nur in den letzten Stunden ihres Lebens kennengelernt habe. Menschen, die ich immer wieder über Monate in Krankheit und Sterben pflegend begleitet habe. Menschen, die nach und nach, bis zum letzten Atemzug immer weniger wurden. Menschen, die wie ein großer, kräftiger Baum einfach umgefallen sind. Menschen, die den Tod begrüßten. Menschen, denen man selbst im Tod noch ihren Kampf ansah. Menschen, die tot waren, aber Maschinen den Schein des Lebens noch aufrecht hielt, bis der Arzt mir zunicke und ich den Strom abschaltete. Menschen, deren Gesicht ich immer noch vor Augen aber auch viele, die ich längst vergessen habe. Und alle starben sie einen eigenen Tod, so wie sie ihr eigenes Leben hatten. Und mancher Tod entbehrte nicht einer verrückten, grausamen Skurrilität. Wie man es ebbend erlebt, wenn man so wie ich, zehn Jahre nebenbei in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Und natürlich erinnere ich mich noch an den ersten Toten.

„Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ Liebe Gemeinde, nur diese Erfahrungen haben mich diese tiefe Wahrheit dieses Satzes erkennen lassen. Die Begegnung mit der Endlichkeit unseres Lebens. Manchem mag das vielleicht zu banal sein, aber meine Generation ist mit diesem Wissen, dieser Wahrheit nicht mehr wirklich aufgewachsen. Sterben, das Ende unseres Lebens ist fast völlig aus unserem Gesichtskreis verschwunden gewesen. „Plötzlich und unerwartet“ – das sind Worte, die wir mit dem Tod verbinden. Aber nicht das Bewusstsein, dass wir jeden Tag auf ihn zugehen. Mit der Arbeit im Krankenhaus wurde diese Scheuklappe von meinen Augen gerissen. „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ – Es mag vielleicht makaber, vielleicht sogar pietätslos in ihren Ohren klingen, aber ich empfinde so etwas wie Dankbarkeit, dass ich das erfahren durfte. Denn oft, wenn ich, nachdem wir die Verstorbene, den Verstorbenen umgelagert hatten, die Tür des Kühlraumes schloss, wuchs es. Wuchs das Wissen, das eines Tages so sich auch hinter mir, aber schlimmer, die Tür hinter Menschen schließen wird, denen meine ganze Liebe gilt. Das hat mich für einen kurzen Moment traurig gemacht, aber es hat vor allem meine Sinne geschärft, für die Zeit, die uns noch gemeinsam verbleiben wird. Wie kostbar diese Tage sind, die Momente, die wir noch haben werden. Wohl wissend, dass einer von uns als erster gehen wird. Und als der Tag kam und ich auch diese Menschen habe sterben sehen, die ich liebte da war in aller Trauer, in allem Schmerz noch viel Raum für die Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit. Das Trauer und Schmerz diese Dankbarkeit nicht verdunkeln konnten, ich bin mir für mich sicher, lag an dieser Erkenntnis der bemessenen, endlichen gemeinsamen Zeit. Die viel länger war, als ich vorher zu hoffen gewagt hätte.

„Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“ Noch etwas anderes, etwas entscheidendes hat sich auch geändert und auch das verbindet sich tief mit den Worten des Psalms. Klugheit beinhaltet Entscheidungen treffen zu können. Das menschliche Leben besteht aus der Fähigkeit Entscheidungen treffen zu können und zu müssen. Dinge zu tun und zu lassen. Um das zu können, müssen wir wissen, was wichtig ist. Also was wir tun. Entscheidend und davon nicht zu trennen, müssen wir wissen, was unwichtig ist, was wir lassen. Das zu gut zu können, dazu ist Klugheit grundlegend notwendig. Bitte jetzt Klugheit nicht mit Wissen, Intellekt oder Bildungsabschluss verwechseln und schon gar nicht mit Lebensalter. Man glaubt manchmal ja gar nicht, wie viele kluge Kinder und dumme Alte es gibt. Klugheit umfasst vielmehr, zu Wissen geronnen Erfahrung, die Verbindung aus Gefühl und Verstand. Das ist die Klugheit, die uns Entscheidungen treffen lässt, die uns unterscheiden lässt zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen. Für mich ist das Wissen um die Endlichkeit unseres Lebens eine der entscheidenden Grundlagen für diese Klugheit. „Was ist wichtiger: Zeit mit den Menschen die ich liebe oder Aufopferung für den Beruf.“, um mal eine der Fragen zu nennen. Und es tritt noch etwas hinzu: Wer um die Endlichkeit unseres Lebens, um die Begrenzung unseres Lebens weiß, der weiß auch darum, dass halt nicht alles möglich ist. Mir jedenfalls geht es so: Bei vielen Entscheidungen war das Wissen um diese Begrenzung ein wichtiger Moment und bei vielen Entscheidungen, hatte ich es leider nicht im Blick, was ich bedauere.

Zum letzten, zum Entscheidenden aber: Wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle um unser Ende. Es schlummert in uns und ist für vieles ja auch der Antrieb. Gerade auch zu Taten der Angst. Denn der Gedanke an das Sterben ist mit der Angst verbunden. Mal mehr oder weniger, aber sie gehören in gewisser Art und Weise zusammen. Vielleicht sogar noch mehr, wenn das Wissen um die Sterblichkeit verdrängt und überdeckt wird. Es macht uns Angst. Es macht mir Angst, zu wissen, dass ich noch an manchem Grab von geliebten Menschen stehen muss. Es macht mir Angst, zu wissen, das auch mir eines Tages jeder Atemzug ein Anstrengung ist, die über meine Kräfte gehen wird. Vielmehr noch, einfach um gefällt zu werden ohne Abschied nehmen zu können, ohne manche Schuld eingestanden, ohne manches Wort des Vergebens gesprochen zu haben. Angst führt in die Verzweiflung und in die Taten der Angst. Viel sind die Beispiel dafür in diesen Tagen in aller Welt, viele werden wohl die Beispiele in den Tagen vor uns sein, wenn sich nichts ändert. Die Psalmbeterin, der Psalmbeter wusste darum. So ließ er ihn auch mit der wichtigsten Aussage beginnen: „Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.“ – So beginnt der Psalm, der ja selber eine Hin- und Herbewegung zwischen Verzweiflung, Angst und Hoffnung, Zutrauen ist. Unter dieser Überschrift steht alles wenn ich dem Tod, dem eignen, dem der Anderen, des Anderen gegenüber stehe, ins Angesicht sehe. Ohne diese Worte wäre da vielleicht vor allem Resignation, Zynismus in mir. Der geschenkte Glaube, dass im Letzten Gott alles umschließt, „für und für“ sind die Worte des Psalms dafür, Leben und Tod, bewahren mich davor. In der Bewegung wie die Beterin, der Beter des Psalms zwischen Verzweiflung, Angst und Hoffnung, Zutrauen. Bewahren mich hoffentlich auch vor den Taten der Angst. Öffnen mein Herz und meinen Verstand für die wunderbaren Worte der Klugheit von Rose Ausländer:

 

Noch bist du da

 

Wirf deine Angst

in die Luft

 

Bald

ist deine Zeit um

bald

wächst der Himmel

unter dem Gras

fallen deine Träume

ins Nirgends

 

Noch

duftet die Nelke

singt die Drossel

noch darfst du lieben

Worte verschenken

noch bist du da

 

Sei was du bist

Gib was du hast


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