Verfasst von: achterosten | 13. November 2016

Mal kurz was zum Thema Sex – Predigt zu Exodus 20, 14

Predigt zu Exodus 20, 14 (Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, 13.XI.2016)

Liebe Gemeinde, ein Dorf irgendwo in Deutschland in den Tagen vor dem Ersten Weltkrieg. In den Tagen als das lange 19. Jahrhundert mit seiner bürgerlichen Moral noch nichts von dem nahen Ende ahnte. Ein Dorf wie es an unzähligen Stellen in Deutschland in jenen Tagen hätte sein können. Alle gut evangelisch, Anstand und Moral bilden die Fassade. Dahinter in der Welt der Erwachsenen herrscht der Abgrund aus sexueller Ausbeutung, Missbrauch, brutaler Gewalt, Lieblosigkeit und Opportunismus. Die Kinder bestrafen die Erwachsenen auf grausame und brutale Weise für diesen Widerspruch zwischen sprichwörtlich gepredigter Moral und gelebter Lebenspraxis. Mittendrin der Pfarrer, Bewahrer der göttlichen Ordnung in dieser Welt. Er hält sich selber für einen strengen, aber gerechten Mann Gottes. In seiner Gemeinde und in seiner Familie. Das ist sein Verständnis der gottgewollten Liebe unter den Menschen. Umso mehr schmerzen ihn die offensichtlichen Veränderungen seines ältesten Sohnes. Immer blasser, kränklicher ist er geworden. Ein böser Verdacht wird im Pfarrherrn und Vater wach und so kommt es zum Gespräch im Amtszimmer oder sollte man besser Verhör sagen? Er erzählt ihm die Geschichte eines Jungen aus dem Nachbardorf, der wie der Sohn immer blasser und stiller wurde. Überall mit Pusteln überseht war und am Ende starb. Die Ursache steht für den Pfarrer unumstößlich fest: Der Junge ist der Sünde des Fleisches verfallen. Wobei er das noch umständlicher ausdrückt. Wir nennen das heute schlicht und einfach Selbstbefriedigung. Unter Tränen nickt der Sohn bei der Frage, ob er auch Zitat „diese Handlung“ an sich vorgenommen habe.

Liebe Gemeinde, um seinen Jungen vor dieser Sünde des Fleisches zu bewahren, wird der Pfarrherr seinem Sohn nach diesem Gespräch Abend für Abend die Hände fesseln lassen. Seien sie versichert, Wort und Tat des Pfarrer wie sie Michael Haneke in seinem großartigen Schwarz-Weißfilm „Das weiße Band“ zeigt sind damals absolut übliche Praxis. Selbst im „Evangelischen Erzieher“, einem Standartwerk der 50er Jahre, finden sich noch dezidierte Hinweise auf dieses Thema. Die Idee war die Gleiche, nur die Methoden weniger brutal, pädagogisch verfeinert. Spiegelbild einer völlig verqueren, körperfeindlichen und brutalen protestantischer Sexualmoral. Die sich vergangen hat an Körper und Seele von Kindern und Jugendlichen, sie gedemütigt hat, Narben geschlagen, die nie wieder wirklich verheilten. Unzählig sind die Belege dafür. Wer mag, darf gerne noch einmal zu Tilmann Mosers „Gottesvergiftung“ aus den 70er Jahren greifen. Alles Schöne, alles Lebendige, alle Liebe wurde der Sexualität ausgetrieben, bis nur noch eine freud- und lieblose Technik zur Triebabfuhr, Herrschergewalt des Mannes und Zeugung von Kindern übrig geblieben ist.

„Du sollst nicht ehebrechen“ – lautet das Gebot. Und es ist fast zum Verzweifeln, aber es ist so und ich stehe fassungslos davor, auch in diesem Fall ist das heutige der Zehn Gebote Teil einer fatalen Wirkungsgeschichte. Teil der christlichen Schuldgeschichte an den Menschen. Vermeintliches Fundament eines Hanges zur dauernden Thematisierung des Sexuellen bei gleichzeitiger Verdunklung des Themas. Hat man es irgendwie wenigsten schon mal akzeptiert, dass es Sex nicht nur während, sondern auch vor und nach der Ehe gibt, kann es immer noch ein Spießrutenlauf in einer Kirchengemeinde sein, z.B. als schwuler Christ, als lesbische Christin zu leben. Das Thema ist immer noch leider virulent in unseren Kirchengemeinden. Irgendwie kriegen wir es nicht so wirklich hin, das Thema einfach mal dort zu lassen, wo es hingehört: Hinter Schlafzimmer- oder auch hinter anderen Türen, also in der unverletzlichen Privatspähre unser Mitmenschen. Dabei ist es doch irgendwie kaum zu verstehen, warum dieses einfache Gebot ein solch fatale Wirkung erzeugen kann: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Das wars und dieses Mal gibt es noch nicht mal Übersetzungsprobleme. „Ehebrechen“ heißt „Ehebrechen“ – Schicht am Schacht. Auch nicht weiter verwunderlich, dieses Gebot in einer Zeit, damals wo fast allein die Familie der Garant von gesellschaftlichem Zusammenleben war. In einer Zeit in der es sonst kaum politische und gesellschaftliche Institutionen gab, die der Welt eine Ordnung geben konnten. Es ist nicht weiter schwer zu verstehen, das Ehebruch dann immer auch eine Gefahr für diese Ordnung darstellte. Es ist also vielleicht nicht allzu kühn zu behaupten, dass es hier weniger um die Fragen der Sexualmoral, sondern um den Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung geht. Wahrscheinlich auch, so kann ich mir vorstellen, weniger um die emotionalen Auswirkungen eines wie auch immer gearteten Ehebruchs..

Was das Thema Ehebruch angeht scheint also die Bibel relativ klar und eindeutig zu sein. Was das Thema Sexualmoral angeht aber gerade und das muss mal zur großen Enttäuschung aller ach so frommen christlichen Moralapostelinnen und Moralaposteln gesagt werden, fehlt es sonst an einer eindeutigen Position zum Thema Sexualität. Obwohl sich da explizite Aussagen an manchen Stellen finden. Machen wir doch mal einen kurzen, schnellen Ritt durch die biblischen Geschichten: Da hätten wird das Gebot versus Ehebruch in einer Zeit gelebter Polygamie, sprich ein Ehemann, mehrere Ehefrauen. Gleichzeitig finden wir die rechtlichen Regelungen für eine Scheidung. Da finden wir eine Prostituierte, die zur Heldin wird und den Israeliten die Eroberung Jerichos ermöglicht. Ohne das da auch nur irgendwie ein Halbsatz der moralischen Verurteilung zu finden ist, darüber wie diese Frau ihren Lebensunterhalt verdient. Da ist der größte König der biblischen Geschichte mit dem miesesten Ehebruch der Literaturgeschichte: Am Ende gibt es zwei Tote, den betrogenen Ehemann und das Kind aus der Nacht zwischen dem König und der Ehefrau. Dazu dann noch einen völlig verzweifelten, ziemlich selbstmitleidigen König. Und dann? – Ja dann wird aus dieser Beziehung der König geboren, der als der weiseste der Bibel gilt. Da haben wir wie in einem James Bond Film eine Frau, die Sex nur benutzt um den größten Feind des israelischen Volkes einen Kopf kürzer zu machen. Da sind Aussagen, die einen Ehebrecher für den absolut Vollidioten erklären. Da sind klare Sätze gegen jede Form der sexuellen Ausbeutung. Schließlich ein Jesus, der die Frau am Brunnen an all ihre gescheiterten Beziehungen erinnert, aber dessen einziger öffentlicher Kommentar auf die frisch ertappte Ehebrecherin ein fast gelangweiltes „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ ist. Fast schon lustig wie sich daraufhin Ratz, Fatz alle Männer, die gerade noch diese Frau steinigen wollten, in die Büsche schlagen. Und – zu guter Letzt – Texte die so voller expliziter Erotik sind, das sie eigentlich mindestens unter Jugendschutz FSK 16 laufen. Troztdem fanden sie Eingang in die biblische Sammlung, weil Menschen sie als Bild der begehrende Liebe Gottes zu seinem Volk, zu den Menschen verstanden. Und das waren jetzt nur sehr wenige Beispiele. Von einer eindeutigen Sexualmoral also weit und breit nicht wirklich was. Noch nicht einmal zum immer noch gerne heiß diskutierten Thema Bi- und/oder Homosexualität lässt sich was Eindeutiges finden.

Auf jeden Fall kaum Grundlagen für diese elende, bigotte und leibfeindliche christliche Sexualmoral, die bis heute wirkt. Woher sie dann aber kommt? Wir haben den seltenen Glücksfall der Kirchengeschichte vor uns, dass wir einen der Hauptübeltäter relativ klar benennen können: Augustinus, jenen Kirchenvater am relativen Beginn der Geschichte des christlichen Glaubens. Der hat nämlich praktischer Weise uns seine Autobiographie hinterlassen. Dauernd wurde der arme Mann vom schlechten Gewissen angesichts seines früheren Lebens geplagt. Zu diesem früheren Leben gehörte halt auch eine, ich will sie mal so nennen, lebendige Sexualität. Zur Eigentherapie dieser Gewissensbisse hat er den ersten Schritt auf diesem fatalen Weg des Christentum getan: Er verband theologisch den Gedanken der Sünde, unter der der Mensch und die Welt leidet, mit dem sexuellen Akt. Er war für ihn nicht nur Ort der gelebten Sünde, sondern sie wurde gleich auch im sündigen Akt der Zeugung an die nächste Generation weitervererbt. Schon dumm, wie manche Sachen auch bei uns in der Kirchen- und Theologiegeschichte gelaufen sind. Vor dort führt der Weg in das Amtszimmer des Pfarrherrn dieses deutschen Dorfes aus dem Film und von dort weiter zum heutigen Volkstrauertag. Denn der Macher des Filmes, Michael Haneke, versucht mit diesem Film eine Antwort auf die Frage nach den Gründen von Krieg und Diktatur in Deutschland zu finden. Die Generation der Kinder der Zeit des Filmes wird sie später stellen, die Generation, aus deren Mitte Tod und Verderben über ganz Europa kommen wird. Kinder, die nie lernen konnten, eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper, ihrer Sexualität aufbauen konnten. Die den Körper nur unter zwei Gesichtspunkten kannten: Schmerz erfahren und Schmerz zufügen.

 

Was am Ende bleibt ist die Frage: Wie kann sie dann aber aussehen, eine christliche Sexualethik, frei von Bigotterie, Unterdrückung, Ausbeutung und klebrigem Voyeurismus? Eine Sexualethik, die das Geschenk der Erotik, des Begehrens, des lustvollen Verschmelzen schützt und leben lässt? Vielleicht hilft es uns weiter, wenn wir dazu nicht nach expliziten Stellen in der Bibel suchen, sondern wahrnehmen zu was uns das Wort Gottes immer wieder aufruft: Liebe, Verantwortung, Ehrfurcht – die bestimmenden Größen der Beziehung, die Gott den Menschen zu ihm eröffnet, die bestimmende Größen der Beziehung, die Gott unter den Menschen eröffnet.

Wenn diese drei im Zentrum unseres Nachdenkens stehen, dann hört vielleicht auch endlich der komische Eiertanz der Unterscheidung zwischen Segnung und Trauung auf. Ja, dann tritt die Frage der sexuellen Orientierung in den Hintergrund und auch fast alles zu diesem Thema dahin wo es hingehört, hinter die Schlafzimmer- oder was auch immer für Türen. Wir könnten dann endlich entspannen und uns unserem eigentlichen Auftrag widmen: Nicht dem Blick durch das Schlüsselloch anderer Leute, sondern dieses drei – Liebe, Verantwortung, Ehrfurcht – jeden Tag mit Leben zu füllen. Damit Szenen wie die im Amtszimmer des Pfarrherrn endlich das bleiben was sie sind: Schwarz-Weiß und damit Vergangenheit.


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