Verfasst von: achterosten | 30. Oktober 2016

Mehr Frage als Antwort – Predigt zu Exodus 20, 13

Predigt zu Ex 20, 13 (XXIII. So n Tr, 30.X.2016)

„Du sollst nicht töten.“ Liebe Gemeinde, mit diesem Gebot geht er weiter, der Reigen der Zehn Gebote. Vier Wörter, das wars. Kurz und bündig. Ein Gebot dem wir doch alle spontan zustimmen können. Eines der Gebote warum gerne von der Universalität der Zehn Gebote gesprochen wird. Dass sie so eine Art Minimalstandard des menschlichen Zusammenlebens bilden. Eine Art Katalog der guten Sitten und des guten gemeinsamen Lebens. Wobei das heutige Gebot sozusagen diesen Katalog eröffnet. Erstens weil die Grundvoraussetzungen des guten Zusammenlebens ja nun zwangsläufig sein muss, das man sich nicht gegenseitig nach dem Leben trachtet. Zweitens weil nun ab diesem Gebot auch der liebe Gott nicht mehr auftaucht, jedenfalls wird er nicht mehr explizit erwähnt. Womit diese Gebote auch an die vermittelbar und einsichtig sind, die es so nicht mit dem Gott haben, wie ihn uns die Bibel präsentiert. Die letzten Gebote als Fundament der vielleicht etwas kindlichen Hoffnung, dass wenn sich daran alle hielten, würde das schon im Großen und Kleinen gut klappen auf dieser Welt. Und dass das so wird, dafür müssen wir uns alle immer nur ordentlich anstrengen. Leider klappt es nicht so einfach mit so einer Art Eins zu Eins Übersetzung der Zehn Gebote in das Leben. Sie sind nun dann doch nicht ein für alle Zeiten gültiger Moralkatalog menschlichen Verhaltens, sondern vielleicht, um mal einen alten nicht ganz so intelligenten Werbespruch aufzunehmen, mehr eine Geschichte voller Missverständnisse.

Ich finde, gerade bei dem Gebot „Du sollst nicht töten.“ wird das mehr als deutlich, gerade auch bei einem Blick in die jüngere Alltagsgeschichte unserer Kirchengemeinden.

Einige werden sich vielleicht noch an die Zeit erinnern als Worte wie Nato-Doppelbeschluss, Pershing II und Bonner Hofgarten die Gemüter von Christinnen und Christen landauf, landab bewegten. Der Kalte Krieg war mal wieder kälter geworden Ende der 70er, Anfang der 80er und eine neue Welle der gegenseitigen Abschreckung war geplant – gegen den massiven Widerstand aus der Bevölkerung. Die Hochzeit der Friedensbewegung der 80er Jahre nahm ihren Anfang, eine der größten Demonstration in der Bundesrepublik Deutschland fand im Bonner Hofgarten statt. Armeestützpunkte wurden auf kreative Art und Weise blockiert. Neben vielen anderen Organisationen waren es besonders kirchliche Gruppen, die dort sehr aktiv waren. Aus vielen Gemeinden war die Arbeit für den Frieden nicht wegzudenken, der Jutebeutel mit der Friedenstaube immer an der Hand und den Magenkiller Nicaragua Kaffee in der Tasse. Eine ganze Generation von Christinnen und Christen, Pfarrerinnen und Pfarrern ist dadurch geprägt worden und das bis heute. Wie stark, ist mir mal vor kurzem deutlich geworden, als bei einem innerkirchlichen Konflikt eine Teilnehmerin aufsprang und in den Saal rief: „Aber wir haben doch im Hofgarten den Kalten Krieg zusammen beendet.“ Ich will das jetzt mal nicht historisch kommentieren, aber es hat ein wenig die Augen geöffnet über die Zeit in den 80ern und ihre Bedeutung für unsere Kirchengemeinden bis heute.

Heute aber prägen ganz andere Themen die Diskussion und im Hinblick auf den Magen ist das nicht mehr der eigentlich ungenießbare Kaffee aus Lateinamerika, sondern viel grundsätzlicher. „Was bist Du denn so?“ – ist da heute eher die Frage, „noch Vegetarier oder schon Veganerin?“ Das Bewusstsein, dass Schnitzel nicht auf Bäumen wachsen, sondern Lebewesen dafür sterben müssen und vorher oft ein nicht allzu artgerechtes Leben hatten, es ist zumindest in einigen Bevölkerungskreisen angekommen. Und auch in den Kirchengemeinden. Ich erinnere mich gerne noch an eine hitzige Diskussion in einer Kirchengemeinde, ob beim Gemeindefest für die Vegetarier ein zweiter Grill aufgestellt wird. Für manche kam diese Frage knapp vor oder nach dem Untergang des Abendlandes.

Zwei Themen, die trotz mancher Realsatire zwar ernsthafter Diskussion wert sind, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Eigentlich – denn eines verbindet sie dann doch: Der Bezug auf das Gebot „Du sollst nicht töten“. Damals zu Lesen auf manchem Plakat im Hofgarten oder vor den Toren der Raketenabschussrampen. „Du sollst nicht töten.“ – Heute zu hören bei mancher christlichen Vegetarierin, manchem christlichen Veganer. Beides erst einmal nicht nur nachvollziehbar, sondern fast eine Art ethischer Mainstream, auch wenn sich mancher Fleischesser noch wehrt. Irgendwann ist er dann aber da, der Augenblick wo ein bibelkundlich belesener Mensch aufsteht, der gerne vielleicht Fleisch isst oder anfangs der 80er in der Angst lebte, morgen steht der Russe vor der Tür. Dieser bibelkundlich belesner Mensch wir dann mit gewichtiger Miene kundtun: So könne man das leider nicht sehen, denn das sei eigentlich alles vor allem eins – ein Übersetzungsfehler. Eigentlich, ja eigentlich müsste das ja korrekt „Du sollst nicht morden“ heißen. Und das sei ja nun mal was völlig anderes als ein umfassender Begriff als Töten.“ Worauf dann die Diskussion einsetzt, ob nicht das Töten von Tieren dem Mord gleich zu setzen sei. Das will ich aber hier jetzt nicht weiterverfolgen. Ganz Unrecht hat unser bibelkundlicher Schlaumeier nicht. Das hebräische Original benutzt nicht das Wort, was unserem „Töten“ nahe kommt. Allerdings, und daher hat unser Schlaumeier auch nicht völlig recht: „Morden“ kommt dem Original schon näher, trifft es aber auch nicht zu hundert Prozent. Die größte Nähe zur Bedeutung hat man wohl, wenn man es, zugegeben etwas kompliziert, als „Form von nicht angeordneter bzw. nicht erlaubter Tötung“ versteht. Was jetzt wiederum auch nicht nur Mord umfasst. Außerdem kommt ja noch hinzu, dass „Mord“ in unserem Lande eine hochproblematische Vokabel ist. Immer noch gilt bei uns § 211 Strafgesetzbuch fast im gleichen Wortlaut von 1941, für die Roland Freisler, Vorsitzender des Volkgerichtshofes verantwortlich war. Ist schon irgendwie befremdlich wenn heute noch das Urteil „Mord“ gefällt wird nach Rechtstexten von Schreibtischmördern. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Am Schluss bleibt also die doch sehr ernüchternde Feststellung: Gegen die Atomwaffen und für den Vegetarismus mag ja manches gutes Argument sprechen, aber sich dabei auf das Gebot „Du sollst nicht töten“ zu berufen – das ist mal gelinde gesagt schwierig. Weil es nun mal kein universelles Gebot gegen das Töten ist, sondern gerade auf etwas spezifisches abzielt.

Dann schwant einem wohl auch, dass es mit der angeblichen universellen Gültigkeit der Zehn Gebote nicht allzu weit her ist. Sie wohl  nicht so als einfacher moralischer Grundlagenkatalog des menschlichen Lebens und Zusammenlebens gelten können. Sie vielleicht sogar mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Denn was eine „nicht erlaubte Tötung“ ist oder nicht, darüber lässt sich trefflich streiten und es muss auch darüber gestritten werden. Und nur so können doch auch die Zehn Gebote überhaupt Relevanz für unser Leben bekommen. Was sollte ich denn einer alten, sterbenskranken Frau sagen, die unsäglich litt und nur noch eins jeden Tag sagte: „Gebt mir doch eine Spritze.“ Sollte ich ihr einfach das Gebot vor die Füße schmeißen oder mich dahinter verstecken? Oder war nicht ein ganz anderer Weg notwendig, ein viel komplizierter, schmerzhafter, einer der mehr Fragen als Antworten hatte?

Und da will ich dann doch das ganz große Fass aufmachen: Für mich ist das alles ein besonders starkes Beispiel für eines der größten Missverständnisse unseres Glaubens, unseres Umganges mit ihm und mit dem Wort Gottes: Dass er, der Glaube, die eine gültige und unumstößliche Antwort auf die drängenden Fragen unseres Lebens sei. Und am besten natürlich die, die am besten zu mir und meiner gefühlten Realität passt. Wäre das ein lebendiger Glaube, wäre dann das Wort Gottes nicht mehr als ein passender Zitateschatz? Ein Fundus letzter Begründungen für meine Meinungen, meiner Sicht auf die Dinge? Die dann ja auch, wie praktisch, weil sie ja angeblich Gottes Wort sind, nicht mehr in Frage gestellt werden können. Was aber, wenn der der Glaube und das Wort Gottes genau das Gegenteil wäre? Wenn er vielmehr Fragen aufwerfen als einfache Antworten geben würde? Wenn wir mehr durch ihn in Frage gestellt werden würden, als bestätigt? Mehr lebendige Provokation als langweiliges Schulterklopfen? Das wäre ein Glaube von dem ich mich als erwachsener Mensch ernst genommen fühlte. Das wäre Worte eines Gottes, der mich als Gegenüber sieht, so wie es von ihm gesagt wird, das er uns nur ein wenig kleiner gemacht als er selber ist. Das wäre ein Geschehen, eine Beziehung voller Leben. Und genau das ist es doch, was schon in der Bibel ihren Anfang nimmt. Denn sie ist doch keine Sammlung toter Buchstabe, sondern sie ist der Beginn dieser lebendigen Beziehung, dieses Gespräches voller Leben. Sie fragt immer wieder selber nach, bringt andere Aspekte ein, unterzieht manch theologisch steile These der Überprüfung durch das Leben. Eröffnet so neue Perspektiven. Lässt uns leben im Glauben indem sie ihn immer wieder neu anfragt, anstatt nur gleichgültig zu sagen „Ist schon in Ordnung so wie es ist.“ Lässt uns leben im Glauben indem er mehr Frage als Antwort ist. Dem sich zu öffnen, schenkt neues Leben, schenkt neues Selbstvertrauen im Glauben. Kann uns dann auch tragen in den vielen manchmal schwierigen Fragen unseres Lebens. Gibt uns die Weite und Freiheit dann auch alle Aspekte zu sehen, auch die schmerzhaften. Holt uns aus dem kindischen Verhalten einer postfaktischen Zeit in die reife Partnerschaft von Vernunft und Gefühl.

Lassen sie mich im Hinblick auf unser heutiges Gebot mit zwei Zitaten aus der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ schließen. 99 Thesen zu der Frage „Was ist christlich?“ sind dort zu lesen. Zwei will ich laut werden lassen. Erst Christopher Dieckmann, Reporter der „Zeit“: „Christlich ist die Friedensbotschaft Jesu und das oberste Gebot „Du sollst nicht töten“ – wider alle Ideologie vom gerechten Krieg. Christlich ist Luthers Mahnung „Man lasse die geyster auf eynander platzen vnd treffen. Aber die faust halte stille.“ Das andere von Evelyn Finger, Ressortleiterin der Zeit für die Rubrik „Glaube und Zweifel“: „Für besonders christlich halten sich Europas Radikalpazifisten. Sie predigen gegen Waffen, als gehörte dazu Mut. Mutig aber sind Christen im Irak, die sich mit Waffen gegen den „Islamischen Staat“ wehren. Junge Kämpfer tragen als Tätowierung ein Kreuz. Es ist das Symbol für das Ende aller Gewalt. Trotzdem sie wütet weiter. Dieses Dilemma zu leugnen und anderen vom sicheren Hochsitz der Moral Pazifismus zu empfehlen ist nicht christlich, sondern brutal.“

Es liegt an Ihnen zu entscheiden, wer einem lebendigen, reifen Glauben, der mehr Frage als Antwort ist, nahe kommt.


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