Verfasst von: achterosten | 1. August 2010

Zuhause – Predigt zu I. Korinther 12, 12-13

(01.VIII.2010, IX. Sonntag nach Trinitatis)

Liebe Gemeinde, der Text für die heutige Predigt aus dem 12. Kapitel des Ersten Briefes an die Korinther: „Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.“

Brennend heißer Wüstensand (So schön, schön war die Zeit)

fern, so fern das Heimatland (So schön, schön war die Zeit)

kein Gruß, kein Herz, kein Kuß, kein Scherz.

Alles liegt so weit, so weit. (So schön, schön war die Zeit. So schön, schön war die

Zeit).

Dort wo die Blumen blühn, – dort wo die Täler grün,

dort war ich einmal zu Hause.

Wo ich die Liebste fand, – dort ist mein Heimatland,

wie lang bin ich noch al-lein? (So schön, schön war die Zeit. So schön, schön war die Zeit.)

[Brennend heißer Wüstensand, Freddy Quinn]

Liebe Gemeinde,

der eine von ihnen mag leicht mit dem Fuß den Takt mitgewippt haben. Die andere schon mal einen Fluchtweg aus der Kirche gesucht haben aus Angst, aus Versehen in eine Liveveranstaltung von HR 4 geraten zu sein. Das Thema des Liedes aber ist nicht schwer zu erkennen. In unzähligen Liedern, Filmen, Texten immer wieder von allen Seiten betrachtet. Mal seicht und verklärend, mal kritisch und aufklärerisch: Heimat.

Selbst in einer mobilen Welt, wo Menschen heute hier und morgen am ganz anderen Ende der Welt leben, spielt sie eine große Rolle. Viele Menschen definieren sich über ihre „Heimat“. Als Beispiel sei hier nur genannt: Die für Auswärtige befremdliche Aufteilung in Kasseler, Kasselaner und Kasseläner, getreu dem Motto „Wenn eine Katze im Fischgeschäft Junge bekommt sind das noch lange keine Heringe.“ Oder: Selbst nach knapp fünf Jahren in Nordhessen bekomme ich bei Feierlichkeiten immer noch feuchte Augen und singe begeistert mit, wenn endlich Grönemeyers „Bochum“ aufgelegt wird, am besten noch gleich mit dem Steigerlied vorweg. Weniger humoristisch, wenn mir bewusst wird, Nachfahre eines Volkes zu sein, das letztlich selber den Verlust jeglicher geographischer, kultureller und sprachlicher Heimat gewählt hat. Nirgendwo in Deutschland war die Zustimmung für die Nazis höher als in Masuren.

Was ist das also – Heimat? Für einige von Ihnen ist es hier Merxhausen/Sand. Mancher kann über Generationen nachweisen, dass seine Vorfahren hier aus dem Dorf oder der umliegenden Gegend stammen. Sie können mit tiefer Überzeugung sagen: Meine Heimat ist Merxhausen/Sand. Für viele aber ist es gar nicht so einfach zu sagen, wo ihre Heimat liegt. Der Ort der Kindheit, den man verlassen hat, freiwillig oder weil es an ihm keine Lebensperspektive gab? Oder von dem man vertrieben wurde? Ist die Heimat das Neue, der neue Wohnort, das neue Land in dem ich lebe? Ist meine alte Sprache meine Heimat oder die neue, die alle Menschen um mich herum sprechen?

Meine Heimat ist das Ruhrgebiet, würde ich als erstes sagen. Wenn ich in meiner Heimatstadt auf dem Kanaldeich stehe und hinunter blicke in Richtung Bochum, Gelsenkirchen, Herne – dann ist das meine Heimat. Aber das stimmt eigentlich gar nicht. Denn meine Heimat ist eigentlich der Blick meiner Kindheit von diesem Ort: die rauchenden Schlote, die Kühltürme, die den Horizont füllten, die beiden Zechen in meinem Rücken, das Summen des Luftschachtes. Heimat, das waren die Männer an der Straßenecke, wenn wir aus der Schule kamen, die auf den Bus zur Mittagsschicht auf der Zeche warteten. Die Mutigen von uns wagten im Sommer immer wieder den gleichen Spruch „Die Sonne brennt, die Sonne sticht – der Blöde geht zur Mittagsschicht.“ Meistens mit einem Lachen der Männer quittiert. All das gibt es nicht mehr. Meine Heimat – kein Ort, der zu finden ist, sondern oftmals Melancholie und Sehnsucht. Ort von Anekdoten, bei denen man sich, wenn man sie erzählt, selber schon uralt vorkommt. Meine Heimat – kein Ort, sondern Menschen, ihre Sprache, ihre Kultur.

Wenn man sich dessen bewusst ist, dann erkennt man auch schnell die Gefahr, die in der „Heimat“ steckt: Die Verklärung und noch viel gefährlicher, der vergebliche Kampf zu meinem man müsse diese Heimat verteidigen gegen das Fremde, gegen Veränderung. Heimat, sie ist kein Besitz, sondern Ort der Hoffnung, der Sehnsucht. Wer sie als Besitz versteht und festhalten will, gerade dem wird sie wie Sand in den Fingern zerrinnen. Unsere Mütter und Väter im Glauben haben ein schönes Bild dafür gehabt, leider zu oft als Weltflucht, als Abwertung unseres Lebens in der Welt verstanden: Wenn ein Mensch starb, sprachen sie davon, er oder sie ist „heimgegangen“. Für mich enthält dieses Wort nicht die Flucht aus der Welt, die Vertröstung auf ein ewiges Leben, sondern das Bewusstsein, dass „Heimat“ nichts ist, was wir haben, sondern auf das wir unsere Sehnsüchte, unsere Hoffnung richten. Ein Ort, an dem „alles gut ist.“ Unsere Väter und Mütter im Glauben legten diese Hoffnung, diese Sehnsucht auf Gott, bei ihm „Heimat“ zu finden. Sie folgten damit der Verheißung, die Gott ihnen und uns gegeben hat, dass wir bei ihm Heimat finden. All unsere Sehnsucht bei ihm gestillt wird. Seinem Volk Israel hat er diese Verheißung gegeben und uns durch seinen Sohn. Davon erzählen nicht nur die Geschichten der Bibel, sondern wir haben heute diesen Ort der Verheißung erlebt: die Taufe. Wenn wir Menschen taufen im Namen Gottes, dann sagen wir ihnen: „Diese Verheißung, sie gilt unverbrüchlich für dich. Gott hat dir eine Heimat verheißen.“

Wenn wir Menschen taufen, dann geben wir ihnen nicht nur sichtbar, hör- und spürbar diese Verheißung auf eine Heimat mit, sondern wir versprechen ihnen auch etwas, etwas sehr konkretes: ein Zuhause. Zuhause – das ist im Gegensatz zur Heimat kein Ort der Sehnsucht, sondern der konkrete Ort an dem ich lebe, und vor allem, an dem ich mich wohlfühle, wo ich auf Hilfe zählen kann.

Wenn ich sie, liebe Gemeinde, vorhin vor der Taufe gefragt habe, dann war das keine nur ideelle Aussage, die nur hier im Gottesdienst ihren Ort hat, sondern dann war das ein Versprechen, N.N. und ihrer Familie ein Zuhause sein zu wollen. Ganz konkret und völlig unabhängig davon, ob sie sich später konfirmieren lässt, ob sie eine treue Kirchgängerin wird oder sich in sehr schweren Zeiten an ihre Taufe erinnert. Wenn wir Menschen taufen, dann geben wir ihnen dieses Versprechen: Wir sind für dich da, egal ob deine Geburtsurkunde kyrillische Buchstaben trägt oder deine Familie seit dem Durchzug der Römer in Nordhessen lebt. Die Taufe fragt nicht danach, wo hast du deine Heimat. Hier gibt es keinen anschließenden Einbürgerungstest und kein Absingen der Nationalhymne. Zwischen den Getauften gibt es keinen Unterschied mehr, durch die Taufe sind wir alle gleich in Jesus Christus. Es wird kein Unterschied gemacht, wie lange man getauft ist, wie oft man im Gottesdienst ist oder beim Gemeindefest. Das schreibt Paulus in seinem Brief an die Korinther: „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.“

Und so ist die Taufe unser Versprechen an jeden Getauften: Wir sind für dich und deine Familie ganz konkret da und das ist uns auch was wert. Daher haben wir Kindergärten, Beratungsstellen, Krankenhäuser und vieles mehr. Wir nennen das Diakonie. Sie ist nicht nur Ausdruck der Nächstenliebe allen Menschen gegenüber, sondern auch Ausdruck, dass wir unser Versprechen, das wir als Gemeinde geben, wenn wir Menschen taufen, ernstnehmen. Denn gerade auch in der konkreten Hilfe wird für Menschen die Verheißung Gottes, die ihnen mit der Taufe zugesagt wird, spürbar. Eine Gemeinde, die ihren diakonischen Auftrag nicht ernstnimmt, nimmt ihre Taufverantwortung nicht ernst.

Liebe Mutter und Paten von N.N., mit ihrem Taufversprechen haben sie zugesagt, dass sie N.N. nicht nur von der Verheißung Gottes erzählen, sondern auch von ihrem „Zuhause“: der Gemeinde derjenigen, die wie sie getauft sind. Ihr erzählen, wie die Gemeinde der Getauften für sie da sein will.

Liebe N.N., auch wenn du meine Worte nicht verstehen kannst, will ich sie dir trotzdem sagen: Egal, was du mal als deine Heimat ansiehst: Willkommen Zuhause!


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