Verfasst von: achterosten | 19. Juli 2010

Mehr Mut – Predigt zu Mt 8, 23-27

Liebe Gemeinde, der Predigttext steht bei Matthäus im achten Kapitel: „Und Jesus stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm. Und siehe, da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See, sodass auch das Boot von Wellen zugedeckt wurde. Er aber schlief. Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir kommen um! Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da wurde es ganz stille.“

„Krachen und Heulen und berstende Nacht,

Dunkel und Flammen in rasender Jagd –

Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:

Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;

Gleich holt sich’s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast

Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;

Wir müssen ihn holen.“

Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!

Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,

Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;

Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,

Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!

Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:

„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:

Hohes, hartes Friesengewächs;

Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!

Nun muß es zerschmettern…! – Nein, es blieb ganz!… –

Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer

Die menschenfressenden Rosse daher;

Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!

Eins auf den Nacken des andern springt

Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!

Was da? – Ein Boot, das landwärts hält …

Sie sind es! Sie kommen! –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt…

Still – ruft da nicht einer! – Er schreits durch die Hand:

„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

(Nis Randers)

Liebe Gemeinde,

da steh ich nun im Bug des Bootes, hoch herrausragend, meine Hände umschließen fest den Tampen, um mir Halt zu geben. Der Blick konzentriert auf das Wasser und den Meeresboden vor mir gerichtet. Kaum Wellengang, der Bootsführer lässt das Boot mit geringer Geschwindigkeit fahren, ab und zu hör ich das Quäken des Funkgerätes. Am frühen Morgen hatte uns der unverwechselbare Ton des Melders aus dem Schlaf gerissen: „Einsatz für die DLRG Wache.“ Während wir schlaftrunken unsere Sachen anzogen, schauten wir uns ein wenig ratlos an. Melderalarm am frühen Morgen? So richtig konnte sich keiner daran erinnern, wann das das letzte Mal der Fall war. Eigentlich waren wir hier, um tagsüber den Strand zu bewachen, Schwimmern, Surfern und Seglern in Not zu helfen. Vor allem aber verteilten wir Pflaster  und führten Familien wieder zusammen. Aber ein Alarm am frühen Morgen? An der Hauptwache angekommen erhielten wir die nötigen Informationen: Ein junger Mann, nicht mehr so ganz nüchtern, war von einem Strandspaziergang in der Nacht nicht zurückkehrt. Am Strand hatte die Freundin seine Anziehsachen und ein Handtuch gefunden. Von ihrem Freund keine Spur; besorgt hatte sie die Polizei alarmiert. Der Einsatzleiter teilte die Gruppen ein, wir machten das Boot fertig und fahren nun Suchschleifen den gesamten Strandabschnitt entlang. Unsere Gespräche an Bord sind knapp, geschäftsmäßig, ab und zu eine Statusmeldung an die Hauptwache. Auch wenn es keiner ausspricht, kann es jeder im Gesicht des anderen ablesen: Sollte er wirklich schwimmen gegangen und nicht mehr aus dem Wasser gekommen sein, so sind die Chancen sehr gering, ihn noch lebend zu finden. Stunden sind vergangen. Trotzdem tun wir alles, was wir tun können und spulen unser oft geübtes Schema ab. Nun steh ich hier vorne im Bug und mir krampft sich der Magen zusammen. Nichts von hohem, hartem Friesengewächs, sondern Angst, die ich irgendwie kontrolliere, um zu funktionieren. Wir fahren die letzte Schleife – nichts, außer ein paar jungen Fischen, die wir zu dieser frühen Stunde aufgescheucht haben. Rückkehr zur Hauptwache. Mittlerweile sind zu den Polizeikräften auch der Vormann des nahen DGzRS Bootes und der Zugführer der Freiwiligen Feuerwehr hinzugestoßen. Es wird gerade das weitere Vorgehen besprochen, als die junge Frau mit einem erheblich geknickten und verkaterten Freund an der Hand auftaucht. Der Gute hatte nach seinem Bad am Strand nicht mehr seine Sachen wiedergefunden und beschlossen, da ihm der Heimweg zu weit war, in einem offenen Strandkorb ein Schläfchen zu halten. Unser Wachleiter zieht los, um für alles das Frühstück zu besorgen. Wir packen unsere Sachen, um die Wachtürme zu besetzen. Der Kollege schaut mich kurz an: „Mann, da ging aber der Arsch auf Grundeis.“ Ich nicke. Langsam schafft es die Sonne, in mir die Kälte zu vertreiben.

Liebe Gemeinde,

das vor allem den Älteren von Ihnen bekannte Gedicht von Nis Randers erzählt uns in altertümlichen Worten die Geschichte eines Helden. Mein Erlebnis auf der Ostsee eher davon, wie einem trotz aller Routine in solchen Situationen auch das Herz in der Hose hängt.

Egal ob Nis Randers auf der sturmgepeitschen Nordsee, ich auf Suchschleife nach einer vermissten Person oder die Bewohner ihres Dorfes an diesem 19. Juli vor 158 Jahren, die Frage ist die selbe: Woher den Mut nehmen, sich den Gewalten der Natur entgegenzustellen? Woher die Kraft nehmen, nicht dem ersten Reflex zu folgen, wegzulaufen. Sich nicht in eine gefährliche oder bedrohliche Lage zu begeben. Sich nicht dem Leid der Menschen aussetzen, schrecklichen Bildern. Woher den Mut nehmen? Ein Mut, der um die eigene Angst weiß, aber uns trotzdem die Kraft gibt, nicht wegzulaufen, sondern zu handeln, trotz allem, was uns davon abhalten will. Nicht einen falsch verstandenen Heldenmut, der noch immer mit einem bestimmten Männerbild verbunden wird. Ein Heldenmut, der blind zu sein scheint für die Gefahr, für die Folgen. Woher den Mut nehmen?

Die Jünger im Boot jedenfalls haben jeden Mut verloren. Ihr Herz hängt angesichts der Gewalten des Wassers nicht nur in der Hose, sondern eher schon auf Höhe der Schuhsohle. Die Angst hat sie übermannt. Einer aber schläft, anscheinend völlig unbeeindruckt von dem was um ihn herum geschieht. Seine Antwort kein verständnisvolles „Ich weiß, dass ihr Angst habt und das ist auch völlig okay?“, sondern eher auf den ersten Blick eine barsche Zurechtweisung: „Ihr Kleingläubigen, warum fehlt euch denn der Mut?“

Diese Antwort soll mir helfen, Mut zu finden auf meinen Suchschleifen auf der Ostsee? Geht es mir doch wie den Jüngern, habe ich doch mehr als Verständnis für sie. Und die Antwort? Kein Kumpel Jesus, der sich neben mich stellt, mir die Hand auf die Schultern legt und in bester Persönlichkeitstrainermanier sagt: „Du schaffst das, ich weiß das. Du hast da ganz viel Kraft in dir.“, sondern mir eher eine genervte Antwort entgegenwirft: „Du Kleingläubiger, warum hast du keinen Mut.“, dann mit einer kurze Aktion die ganze Sache beendet, die den Jüngern Angst macht. Das gibt mir keinen Mut, sondern weckt  in mir eher Trotz.

Aber gerade weil diese Geschichte so schroff ist, sich nicht einfügt in all das meist allzu seichte und allgegenwärtige Selbstfindungsgerede, nimmt sie uns Menschen in unserer Angst viel ernster als mir beim ersten Hören der Geschichte erscheint. Da ist immer wieder die Rede davon, dass ich die Kraft und den Mut in mir entdecken soll. Das es nur auf mich ankommt, diese Kraft, diesen Mut hervorzuholen. Wenn da aber nichts ist? Wenn der Mut in mir nicht reicht?

Die schroffe Antwort Jesu und sein Handeln weist uns über unsere Angst hinaus. Will den Hörern der Geschichte in Erinnerung rufen, dass all das was uns Angst macht, nicht das letzte Wort hat in dieser Welt und in unserem Leben, sondern Gottes Verheißung, Gottes Wort. Die harte Antwort Jesu  sagt: Ihr habt doch die Geschichten, die euch von dieser Verheißung erzählen. Keine glatten Erfolgs- und Heldengeschichten. All die Mutmachgeschichten, die von Menschen erzählen, denen auch die Angst fast jeden Mut raubt, die am liebst auch weglaufen würden, die aber Gottes Dabeisein erfahren. Die erfahren, dass Gottes Verheißung über dem steht was uns Angst macht. Das nährt ihren Mut. Sie werden nicht zu todesmutigen Helden, aber sie haben das kleine bisschen mehr an Mut, was man braucht um nicht wegzulaufen. Sie finden ihren Mut in dem Satz „Mit uns ist Gott“. Die schroffe Antwort Jesu will die Jünger genau daran erinnern. Sie kennen doch diese Geschichten. Und noch viel mehr, sie haben doch selbst die Worte der Verheißung gehört und selbst erfahren, was es bedeutet „Mit uns ist Gott.“ Dass eben nicht das was uns Angst macht, das letzte Wort hat, sondern Gottes befreiendes Wort und sein Handeln an uns. Sie haben allen Grund zum Mut!

Liebe Gemeinde, ich weiß, auf einer trockenen Kanzel an einem sommerlichen Morgen lässt sich so etwas leicht sagen. Jetzt wo nicht die Wasserfluten hier im Dorf wüten und Menschen in den Tod reißen. Ich kann es ihnen nur sagen, weil es mir selbst so gegangen ist. In vielen Situationen, wie der auf der Suchstreife, aber auch während meiner Arbeit im Krankenhaus hatte ich dieses mehr an Mut, was mich zum Handeln befreite. Kein Heldenmut, aber Mut, der meine Angst in Schach hielt. Eine Quelle dieses Mutes war und ist bis heute die Erfahrung des „Mit uns ist Gott“. Das die Geschichten und die Verheißung Gottes, dass seine Liebe über den Dingen steht, die mir Angst machen, „wahr“ sind, mit meinem Leben zu tun haben. Hinzukommt, dass sich diese Erfahrungen, dieser Mut, sich als tragfähig erwiesen haben. Mir die nötige Kraft gegeben haben, die ich in solchen Situationen brauchte. Das es in Zukunft und angesichts aller Dinge so sein wird, darauf habe ich keine Garantie, aber die Hoffnung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Immer noch kein heldenhaftes hohes, hartes Friesengewächs angesichts der Gewalten des Wassers. Das Herz ist manchmal immer noch auf dem Weg in die Hose, aber es schlägt kräftig genug, zu handeln im Vertrauen auf Gott und sein Wort.

An einem Tag wie den heutigen sollen wir uns erzählen von diesen Hoffnungsgeschichten, die von den kleinen Mehr an Mut angesichts der Gewalten der Natur und des Menschen berichten.


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