Verfasst von: achterosten | 12. September 2010

Wisse, vor wem du stehst – Predigt zu 1.Petrus 5,5b-11

Liebe Gemeinde, der Text für die heutige Predigt steht im 5. Kapitel des 1. Petrusbriefes:

„Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.  Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.  Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

„In Demut leben – Das Tagebuch der Zofe Paula-Mein Leben als Sklave“ – Darunter eine Inhaltsbeschreibung, die an schwülstiger Wortwahl kaum zu überbieten ist und vermuten lässt, dass hinter dem Buch eher pornographische Phantasien bestimmter Männer stehen, denn das wirkliche Tagebuch einer „Zofe Paula“. Der nächste Treffer geht in die ähnliche Richtung: Eine Dame in einem Kostüm, das so eng ist, das bei jeder Bewegung aktuter Sauerstoffmangel droht, da es keinen Platz zum Atmen lässt. So liegt sie da, die computeranimierte junge Damen und schaut geheimnisvoll zur Seite. Darunter prangt in schöner Handschrift „Stolz und Demut – Sinnliche Veranstaltung für Wohlerzogene und solche die es werden wollen.“ Und schließlich für den, der es immer noch nicht ahnt die Warnung „Vorsicht! Diese Seite enthält erotische Bilder und Texte!“. Ein weiterer Treffer: Willy Brandts Kniefall vor dem Warschauer Ghetto.

Liebe Gemeinde, dies sind einige der Bilder, die Google auf den Bildschirm bei dem Suchbegriff „Demut“ liefert und zwar nicht ganz weit hinten, sondern auf der ersten Trefferseite. Zur kurzen Information für diejenigen unter Ihnen, die im Bereich Internet noch nicht so ganz firm sind: Google ist die führende Suchmaschine im Internet. Man gibt einen bestimmten Begriff ein und erhält in sekundenschnelle alle Texte und Bilder im Internet, die den gesuchten Begriff enthalten. Das geht schnell in die Tausenden. Beim Begriff „Demut“ zum Beispiel wurden die oben genannten aufgelistet. Und manchmal ergeben sich ganz neue Einblicke. Demut hat also laut Google anscheinend viel mit bestimmten sexuellen Vorlieben zu tun und weniger vielleicht mit Dingen, die sie erwartet haben. Man kann nun in ein Lamento über die Sexualisierung unserer Gesellschaft ausbrechen. Das ganze mit einer ordentlichen Prise „Rede über den allgemeinen Sittenverfall“ würzen oder man kann sich fragen, was sich in diesem Ergebnis von Google spiegelt.

Für mich zeigt sich hier das Problem mit dem Wort „Demut“. Demut und sich demütigen oder gedemütigt werden, sind für uns oftmals eins oder es schwingt zumindest dieser Gleichklang immer mit. Demut, da höre ich doch gleich die Forderung sich klein zu machen, sich selber nicht so wichtig zu nehmen, sich unterzuordnen, wem oder was auch immer. Dankbar auch noch den größten Mist im Leben und in der Welt hinzunehmen ohne die Stimme zu erheben. Sollte ich ein Bild malen, wäre es ein vom Bücken schon ganz runder Rücken eines Torsos ohne Gesicht.

Demut – eine weitere von gestrengem Zeigefinger eingeforderte Disziplin im moralischen und religiösen Leistungskampf. Und dabei ist es auch eher zweitrangig wem gegenüber man sich bückt, sich klein macht: der Natur gegenüber, dem Schicksal, Menschen, Gott oder gleich am besten einfach dem Gang der Dinge. Am Ende läuft das auf den gleichen runden Rücken hinaus. Man müht sich in seinem Leben und seinem Alltag still und verbeißt sich den Schrei, der einem die Kehle hochwächst. Viele Menschen wollen so nicht demütig sein und das zu recht. Daher winken sie ab, wenn von Demut die Rede ist. Schalten auf Durchzug wenn sie Bibeltexte wie den heutigen hören und gleich noch christliche Spruchsammlungen oben drauf gelegt werden, die zur Teilnahme an der religiös-moralischen Leistungsolympiade im dringenden Ton aufrufen. Oder sie setzen sich dem gar nicht mehr aus. Für mich ist das nicht weiter verwunderlich. Das ist die Quittung, dafür dass wir unseren Glauben und Moral gleichgesetzt haben. Unseren christlichen Glauben von der Botschaft der Freiheit zu einer religiösen Leistungsolympiade haben verkommen lassen. „Ein guter Christ tut das nicht“ – wer solche Sätze sagt oder sie gutheißt, der darf sich nicht wundern, dass unsere Botschaft nicht mehr bei den Menschen ankommt, deren Moral längst schon von anderen Begriffen geprägt ist. Demut als moralischer Begriff hat hier ausgedient. Demut hat, siehe Google, längst eine andere Bedeutung bekommen. Damit ist aber „Demut“ nicht zu entsorgen, sondern ganz im Gegenteil: Das gibt uns die Chance, befreit von all dem moralischen Leistungsdruck, zu schauen, was mit Demut gemeint sein kann.

„Wisse, vor wem du stehst!“ – In vielen Synagogen steht dieser Text in Aufnahme eines Talmudzitates an prominenter Stelle, oft direkt über dem Schrein vor Kopf, in dem sich die Torarollen befinden.

„Wisse, vor wem du stehst!“ – das ist „Demut“ als Begriff des Glaubens. „Wisse, vor wem du stehst!“ – dass ist der Satz, den die Demut im Glauben spricht. Das ist die Anerkennung der eigenen Position und der Position Gottes. Nicht der Satz, den der Untergebene gegenüber seinem Chef sagt, nicht der Befehlston des Kasernenhofes, nicht der Satz der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht. Nicht als Antwort auf erlebten Druck „von oben“. Als Antwort der Angst vor denen da „oben“. „Oben“ und „unten“ sind keine Worte, die unsere Position vor Gott beschreiben.

Hier gibt es keinen runden Rücken. Hier habe ich ein anderes Bild vor Augen, dass Google auch auf den Bildschirm warf: Ein Mensch, die Knie gebeugt, den Oberkörper aufrecht, den Blick leicht gesenkt: Willy Brandt vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Die Anerkennung unserer Stellung gegenüber Gott, nicht Unterwerfung unter eine bedrängende Macht zeigt sich in dieser Geste. Und sie gebührt nur Gott. Nicht vor der menschlichen, auch nicht vor der kirchlichen Macht knien wir nieder, sondern allein vor Gott. Damit nie die Gefahr besteht, dass eine durch das andere zu ersetzen, haben sich viele protestantische Gemeinden entschieden, auf das Niederknien im Gottesdienst weitgehend zu verzichten.

Demut als Begriff unseres Glaubens bedeutet, dass unsere Demut allein Gott gilt, dass wir allein vor ihm Niederknien. Genau mit dieser Aussage hat man Willy Brandt einen perfiden Vorwurf gemacht. Die eigene rückwärts gewandte Haltung wurde an prominenter Stelle in der Zeitung mit den vier großen Buchstaben mit dem Missbrauch dieses Argumentes verhüllt. Willy Brandts Reaktion im kleinen Kreis darauf: „Woher wissen die Schweine denn, vor wem ich gekniet habe?“

„Wisse, vor wem du stehst!“ – Demut vor Gott, die aus einem Herzen spricht, dass weiß um die vollständige Abhängigkeit von Gott. Weiß, dass es sein Leben nicht sich selbst zu verdanken und schon gar nicht verdient hat. Demut vor Gott, die aus einem Herzen spricht, dass weiß um die Liebe Gottes zu ihm. Das weiß, dass es sich die diese Liebe nicht in einer religiös-moralischen Olympiade verdient hat, wie sehr es sich auch anstrengt. Das weiß, das es den Wert seines Lebens durch sein Tun weder gewinnen, noch verlieren kann, denn dieser Wert ist ihm unverlierbar mitgegeben. Das um das Geschenk Gottes an uns weiß. Das weiß, dass von ihm nicht erwartet wird, den runden Rücken wieder zu bücken unter all der Macht, die sich auf den Menschen legt.

So als Begriff unseres Glaubens verstanden befreit Demut uns zu jener Nüchternheit, zu der uns der Predigttext aufruft. Glaubend, wer unserem Leben seinen unverlierbaren Wert als Geschenk gibt, können wir lernen zu unterscheiden zwischen dem Wichtigen und Unwichtigem. Die Prioritäten neu setzen. Ich kann einen Gang runterschalten, die Geschwindigkeit rausnehmen, wohl wissend, das der Wert meines Lebens nicht im Erreichen aller Ziel, am Erledigen möglichst vieler Aufgaben, am planmäßigen Befolgen der gleichen Reihenfolge Karriere, Ehe, Haus Kinder, Enkel, Friedhof begründet liegt. Diese Demut lehrt mich, dass der Wert meines Lebens nicht im adretten Vorgarten, im staubfreien Wohnzimmer oder dem blankpolierten Wagen liegt.

„Wisse, vor wem du stehst!“ – Diese Demut lässt uns nicht gedemütigt durch die Welt kriechen. Uns unterwerfen unter all die Sachzwänge sondern befreit davon mit erhobenen Haupte niederknien vor dem, dem dies allein gebührt: Gott, dem Herrn, der sich in Liebe uns zuwendet, uns „aufrichtet, stärkt, kräftigt und gründet.“


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