Verfasst von: achterosten | 1. März 2015

Ortsbestimmung Predigt zu Markus 12, 1-12

Predigt zu Mk 12, 1-12 (Reminiscere, 01.III.2015)

 

Liebe Gemeinde,

lassen Sie uns eine kleine Reise durch die Zeit machen, so knapp 125 Jahre in die Vergangenheit, in die letzten Tage des Aprils des Jahres 1889. Örtlich müssen wir uns gar nicht so weit bewegen, nur ein paar Kilometer gen Norden, kurz hinter den Bochumer Verein. Dort war die Zeche Präsident, einer dieser Orte hier bei uns, die zu dieser Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Eines dieser Löcher, die unablässig die Menschen verschluckte, um sie nach 10 oder 12 Stunden wieder auszuspeien, zerschunden, todmüde. Einer dieser Orte, die immer wieder ihren Tribut an Menschenleben forderten. Wo Frauen und Kinder an den Toren standen, ängstlich auf die Hängebank starrend, wenn die Nachricht über ein Unglück sich verbreitet hatte. Auf der Zeche Präsident fuhren an diesem Apriltag die Schlepper nicht zur Schicht ein, sie traten in den Streik. Sie hatten die Schnauze voll, ihre Knochen, ihre Gesundheit tagtäglich zu opfern in schlechten Wettern, für einen Hungerlohn und dass sie schweißnass nach der Schicht vom Schacht über den kalten Zechenhof zur Kaue laufen mussten. Es war genug, sie traten in den Streik und wenige Tage später hatten es ihnen 90 Tausend Bergleute gleich getan. Die Staatsmacht reagierte mit Härte, 14 Menschen fanden den Tod. Staatstreu wie sie waren, wollten die Bergleute eine Delegation zu Kaiser Wilhelm II. senden. Sie sollten ihm direkt die Forderungen der Bergleute vorbringen. Überall im Revier wurde für die Reise Geld gesammelt und die Delegierten gewählt. Auch in der Kolonie der Zeche Siegfried…

(Filmausschnitt „Rote Erde“)

Liebe Gemeinde,

wenn sie mich fragen, der katholische Kollege hat genau recht und ich schließe mich gerne dem Urteil von Ralf Richter an: „Das haben sie sehr gut gesagt, Hochwürden.“ Recht hat er, der wackere Mann Gottes, das kann ich ganz ohne protestantischen Neid sagen. Wie ich dazu komme? Ich meine, Sie könnten das Ganze ja auch als viel zu politisch abtun, ja maximal vielleicht noch als Sozialromantik oder Sozialkitsch des Ruhrgebietes à la „Ne wat ham wir früher alle für die Arbeiterrechte gekämpft. Selbst die Popen haben bei uns die Sozis unterstützt.“ Ich aber bleib erst einmal dabei, im Grunde hat der Mann Recht. Ganz besonders wenn ich dieses grausame Gleichnis Jesu von den Weingbergpächtern höre, das uns N.N. gerade aus dem Markusevangelium vorgelesen hat. Die gierig immer grausamer werden und auch nicht vor Gewalt und Mord zurückschrecken, sich in einen wahrhaften Gewaltrausch begeben an dessen Ende der Tod des einzigen Sohnes des Weinbergsbesitzer steht. Alles nur um den Besitz endgültig an sich zu reißen.

Entspricht dieses Gleichnis nicht genau den unzähligen menschlichen Erfahrungen, dass es genau so oft läuft? Und zwar egal ob zur Zeit Jesu mit irgendwelchen Weinbergpächtern, 1889 zur Zeit der Grubenherren und Stahlbaronen oder heute. Ich werde mich hier mich nicht an einem allgemeinen Einschlagen auf Bänker und Wirtschaftler beteiligen, aber es ist doch eine Tatsache, die in dem Gleichnis beschrieben wird. Dass Menschen sich von der Gier überwältigen lassen und am Ende sogar über Leichen gehen. Mit allen Mitteln versuchen, das ihnen anvertraute Gut ganz an sich zu bringen. Wir können gerne nach Italien, Griechenland, Kroatien fahren und uns ansehen, zu was das geführt hat. Und es kommt noch ein ganz entscheidender Punkt hinzu: Es geht hier nicht um irgendwelche allgemeine Aussagen über den Menschen und seinen Hang zur Gier an sich. Das Gleichnis ist ganz klar an eine bestimmte Gruppe gerichtet: An die Mächtigen! Es geht nicht um den Menschen an sich, es geht auch nicht um das Volk Israel an sich, sondern Jesus sagt es den Mächtigen direkt ins Gesicht. Sie stehen Jesus in dieser Situation gegenüber, so wird es uns im Evangelium erzählt. Und sie verstehen ihn sofort: Sie sind die Weingärtner, sie, die von Roms Gnaden politisch Mächtigen, die Besitzenden. Sie, die gerade nicht ihren Pflichten als gute Weingärtner nachkommen, sondern versuchen alles an sich zu reißen und wehe dabei stellt sich ihnen einer in den Weg. Und sie werden genau so handeln, wie es ihnen im Gleichnis gesagt wird. Sie werden dafür sorgen, dass dieser Jesus, der droht, ihnen und ihrer Macht gefährlich zu werden, beseitigt wird. Sie, die Mächtigen, nicht das Volk Israel, werden ihn unter abstrusen Begründungen an die Römer überliefern, dass sie dann mit ihm dementsprechend verfahren. Sie werden tun, was viele Mächtige und Besitzende durch die Jahrhunderte hindurch getan haben. Auch da erzählt uns das Gleichnis nichts Neues, sondern findet nur ein Bild für die Erfahrungen der Armen, Unterdrückten, der Ohnmächtigen, die das Spiel der Mächtigen am eigenen Leibe spüren mussten und müssen. Und wehe sie schicken einen der ihren zu ihnen, um sie an ihre Pflicht zu erinnern, zu erinnern, dass ihnen gerade nicht alles gehört. Die kommen oft nicht wieder und wenn, dann zerschunden, gefoltert, zerbrochen. Da erzählt den Menschen das Gleichnis nichts Neues, aber etwas anderes ist Neu für sie: Jesus stellt sich ganz klar auf die Seite der Ohnmächtigen, auf die Seite derjenigen, die zu leiden haben unter denen, die ihre Macht missbrauchen. Und wenn wir den Weg weiter verfolgen, über den politischen Mord dort am Kreuz hin zu Ostern, dann bleibt am Ende nur zu sagen: Gott selber stellt sich auf die Seite der Ohnmächtigen, in dem er den ins Leben ruft, der am Kreuz das Opfer der Mächtigen geworden ist, sich zu ihm bekennt als seinen Sohn.

Liebe Gemeinde,

eine klare Ortsbestimmung, die uns da zugerufen wird und ganz bestimmt keine einfache und vor allem garantiert keine gemütliche, bequeme, aber eine elementare. Sie bestimmt darüber, ob wir Gemeinden Jesu Christi sind oder nur religiöse Traditions- und Brauchtumsvereine. Denn wenn wir uns als Christen, als Gemeinde genau dieses Gottes verstehen, dann ist auch unser Ort für alle Zeiten festgelegt: Wir stehen auf der Seite der Ohnmächtigen, derjenigen, die unter den bösen Weingärtner zu leiden zu haben!

Und genau deshalb hat der katholische Kollege dort in der Kolonie der Zeche Siegfried Recht. Er stellt sich in dieses Licht, das von Jesu Gleichnis, durch das Kreuz über Ostern in unsere Zeit, in unsere Kirchengemeinden strahlt. Unser Ort, unser Platz in der Welt ist der bei den Ohnmächtigen, denn dort steht Jesus Christus, dort ist er zu finden.

Aber wir sind auch nicht, und dieser Punkt ist mir zu Abschluss sehr wichtig, die Bundesanstalt für politische Moral. Es handelt sich hierbei um eine Ortsbestimmung unserer Gemeinden in der Welt, da wo wir stehen. Nicht da wo wir uns erst hin zu bewegen haben, wir stehen da bereits, christliche Gemeinde ist nur an diesem Ort zu finden. Es geht um eine Ortsbestimmung. Das heißt noch lange nicht, dass wir die bessere Politik machen, dass wir den anderen gesellschaftlichen Gruppen gegenüber moralisch überlegen sind. Es heißt insbesondere noch lange nicht, dass wir das Recht haben, den Menschen vorzuschreiben, was sie politisch zu denken haben. Und wir müssen auch nicht die Welt retten. Befreien wir uns doch von dieser moralischen Überforderung. Wir können und müssen als Gemeinden doch gar nicht allein entscheiden, was politisch und ethisch gut und richtig ist. Ich allein weiß nicht, ob es gut und richtig ist, Griechenland aus dem Euro zu entlassen. Ob es gut und richtig ist, wie wir mit Menschen umgehen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen, auf eine bessere Zukunft hoffen. Ich weiß es als Christ nicht besser, bin genauso hin und her gerissen, bewege mich da genauso zwischen allen Grautönen und den Entscheidungen, die alles andere als einfach sind. Ich bin genauso angewiesen auf das Gespräch, auf den Austausch mit den Menschen, die mit mir leben. Aber ich habe einen festen Ort, von dem ich aus diese Gespräche führe, mir meine Gedanken mache, meine Entscheidungen treffe. Den Ort, den mir der Gott gewiesen hat, der sich selber auf die Seite der Ohnmächtigen gestellt hat und der mir durch Kreuz und Ostern verheißt, dass er es ist, der letztlich die bösen Weingärtner, die gierigen Mächtigen zur Rechenschaft zieht. Der in mir die Hoffnung gepflanzt hat, dass er ihre Todesmacht schon lange besiegt hat. Die Hoffnung, die mir dann, wenn es darauf ankommt, hoffentlich den Mut gibt, auch auf eine Kiste zu steigen, um den Ohnmächtigen zu sagen, auf welcher Seite unser Gott steht.


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