Verfasst von: achterosten | 15. Februar 2015

Vom Gehorsam zur Tradition – Predigt zu Exodus 20, 12

Predigt zu Ex 20, 12 (Estomihi, 15.II.2015)

 

Liebe Gemeinde,

heute ein etwas drastischer, ein brutaler Einstieg:

„P a u l i n c h e n war allein zu Haus,

Die Eltern waren beide aus.

Als sie nun durch das Zimmer sprang

Mit leichtem Mut und Sing und Sang,

Da sah sie plötzlich vor sich stehn

Ein Feuerzeug, nett anzusehn.

„Ei,“ sprach sie, „ei, wie schön und fein !

Das muß ein trefflich Spielzeug sein.

Ich zünde mir ein Hölzlein an,

wie’s oft die Mutter hat getan.“

Und M i n z und M a u n z , die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten :

„Der Vater hat’s verboten !“

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Laß stehn ! Sonst brennst Du lichterloh !

Paulinchen hört die Katzen nicht!

Das Hölzchen brennt gar lustig hell und licht,

Das flackert lustig, knistert laut,

Grad wie ihr’s auf dem Bilde schaut.

Paulinchen aber freut sich sehr

Und sprang im Zimmer hin und her.

Doch Minz und Maunz, die Katzen,

Erheben ihre Tatzen.

Sie drohen mit den Pfoten:

„Die Mutter hat’s verboten !

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Wirf’s weg ! Sonst brennst Du lichterloh!

Doch weh ! Die Flamme faßt das Kleid,

Die Schürze brennt; es leuchtet weit.

Es brennt die Hand, es brennt das Haar,

Es brennt das ganze Kind sogar.

Und Minz und Maunz, die schreien

Gar jämmerlich zu zweien :

„Herbei ! Herbei ! Wer hilft geschwind ?

Im Feuer steht das ganze Kind !

Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Zu Hilf‘ ! Das Kind brennt lichterloh !“

Verbrannt ist alles ganz und gar,

Das arme Kind mit Haut und Haar;

Ein Häuflein Asche bleibt allein

Und beide Schuh‘, so hübsch und fein.

Und Minz und Maunz, die kleinen,

die sitzen da und weinen :

„Miau ! Mio ! Miau ! Mio !

Wo sind die armen Eltern ? Wo ?“

Und ihre Tränen fließen

Wie’s Bächlein auf den Wiesen.

Liebe Gemeinde,

und die Moral von der Geschichte aus dem Struweelpeter? Sei ein braves Kind und gehorche immer deinen Eltern. Woher das kommt, diese Haltung die uns heute zumindest befremdlich anmutet wenn wir sie nicht gleich unter das Stichwort „Schwarze Pädagogik“ fassen wollen? Eine Quelle ganz bestimmt das Sechste Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“

Ungezählt ist die Heerschar der christlichen Kinder, die mit diesem Satz auf den Lippen zu unbedingtem Gehorsam gegenüber ihren Eltern ermahnt wurden und, weil es so praktisch war, auch noch gleich zu unbedingten und unhinterfragten Gehorsam gegenüber all den anderen „Autoritäten“: Pfarrer, Lehrerin, Chef, Kaiser, König, Führer.

Selbst in meinem Konfirmandenunterricht vor etwas über 20 Jahren wurde uns, in etwas abgemilderter Form zwar, genau diese Botschaft anhand des Sechsten Gebotes vermittelt: Du hast Deinen Eltern zu gehorchen. Praktisch sah das dann so aus, dass ich zähneknirschend dem Willen meiner Eltern gefolgt und zur Konfirmation gegangen bin. Denn eigentlich hatte ich kein Bock gehabt auf diesen ganzen kirchlichen und bürgerlichen Kram. Wie es so laufen kann im Leben…

Kein Wunder also, das angesichts der Veränderungen in der Erziehung der Kinder, auch dieses Gebot in die Rumpelkammer überlebter Traditionen und Vorstellungen entsorgt wurde. Schade drum, denn nicht das Gebot gehört in diese Rumpelkammer, sondern das mit ihm verbundene Missverständnis, das Gebot beinhalte den Befehl zu unbedingtem Gehorsam und dazu, die Eltern nicht hinterfragen zu dürfen, sie als unangreifbare Autoritäten zu verstehen. Denn haben sie in dem Gebot irgendetwas von Gehorsam, von bedingungsloser Unterwerfung gehört oder gelesen? „Du soll deinen Vater und deine Mutter ehren“ – heißt es da. Kein Wort von Gehorsam, Unterwerfung, sondern von „ehren“ – und das muss ja nicht zwangsläufig Gehorsam bedeuten.

Wir haben mit diesem Gebot leider mal wieder eines der Beispiele wie biblische Texte nicht nach ihrem Sinn gefragt werden, noch nicht einmal richtig gelesen und wahrgenommen werden, sondern wie eigene Vorstellungen ihnen übergestülpt werden, in den Dienst für die eigene Sache genommen werden. Wie vielen Kindern und Jugendlichen wurde dieser Satz vor die Füße geworfen, die von ihren Eltern geschlagen wurden? Wie viele Kinder und Jugendliche wagten sich nicht wegen des Missbrauches dieses Textes gegen die Grausamkeiten ihrer Eltern zu wehren oder sich wenigstens Hilfe zu suchen? Erschüttert und zutiefst angewidert muss ich damit leben, dass in der Vergangenheit ein Pfarrer einem solchen Kind unter Hinweis auf dieses Gebot jede Hilfe verweigerte!

Kann das gewollt sein, ist das das Ziel des Gebotes? Wer könnte dann noch heute den Glauben an einen liebenden Gott, einen uns zugewandten Gott versuchen zu bewahren oder von ihm berichten?

Was will dann aber das Gebot? Eine Zielrichtung finden wir in der Bibel selber ganz klar benannt, da wo Jesus Christus dieses Gebot auslegt. Da wird deutlich, es geht nicht um blinden Gehorsam, sondern um etwas völlig anderes: Die Eltern nicht ohne soziale Unterstützung zu lassen. Wer es etwas drastischer mag: Nicht tatenlos zuzusehen, wie die Eltern im Alter in die Armut versinken, weil sie halt nicht mehr für sich selber sorgen können. Sich nicht aus der sozialen Verantwortung für die Eltern schleichen Und da wird auch deutlich, dass das Gebot uns gar nicht als einzelne Kinder anspricht, sondern die gesellschaftliche Gruppe der Kinder, also der Jüngeren in der Gesellschaft. Zugespitzt stellt das Gebot an uns die Frage: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit unseren Alten um? Wie gehen wir um mit denen, die zu alt, zu schwach geworden sind für unsere Arbeitswelt? Keine Frage, die sich mit ein paar gut gemeinten, aber wenig durchdachten ethischen Anweisungen von einer Kirchenkanzel beantworten lässt. Ich kann hier nur sagen: Wer diesem Gebot folgen möchte, wem es wichtig ist, der kann dieser Frage nicht ausweichen. Das ist die eine Richtung des Gebotes, die Frage nach der Verantwortung der Jüngeren in der Gesellschaft gegenüber den Alten.

Es gibt noch eine zweite Richtung, die lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Geschichte! Die Eltern zu ehren, heißt der Frage nachzugehen: Woher komme ich? Woher kommen all die Dinge, die heute mein, unser Leben bestimmen, zum Guten, wie zum Schlechten? Oder noch elementarer: Woher kommen denn all die Dinge, die mir wichtig sind? Sie reichen aus der Vergangenheit, aus der Zeit meiner Eltern und noch viel weiter zurück in meine Gegenwart. Das wahr zu nehmen, dass heißt die Eltern zu ehren. Nicht geschichtsvergessen zu leben, sondern um die vor uns zu wissen, ihre Lebensumstände und das was sie uns überliefert haben. Wir nennen es Tradition. Und ich kann es nicht deutlich genug sagen: Auch hier gilt: Tradition, zum Guten, wie zum Schlechten. Die Elterngeneration, die vor uns, zu ehren, heißt nicht, die Tradition ungefragt einfach zu übernehmen, denn das wäre ja wieder blinder Gehorsam. Sie aber wahrzunehmen und zu würdigen, sie zu prüfen und zu bewerten, dass ist die Richtung des Gebotes. Aber halt auch nicht sie einfach beiseite zu schieben, sich ihrer zu entledigen. Denn das hieße die eigenen Wurzeln zu kappen. Und wer kann so wachsen, ohne Wurzeln?

Und so führt auch diese Richtung des Gebotes weg von unseren persönlichen Beziehungen zu unseren Eltern und weitet den Horizont hin zu der ganz brisanten Frage: Welche Traditionen dürfen in unserer Gesellschaft gelebt werden?

Auch hier kann es keine einfachen Antworten von einer Kirchenkanzel geben, wir sollten uns vor einfachen Antworten hüten. Aber es kann eine Frage laut werden, die uns vielleicht hilft: Wenn wir das Gebot so verstehen, dass wir aufgerufen sind unsere Traditionen im oben skizzierte Sinne zu „ehren“, wenn wir das Gebot so verstehen, haben wir dann das Recht, anderen Menschen dies abzusprechen? All den Menschen mit Migrationshintergrund oder was für schwachsinnige Begriffe mehr wir für diese Menschen erfunden haben? All den Menschen, die unter uns leben und auf ihre Art und Weise versuchen, in ihrem Sinne dem Gebot zu folgen: Ihre Eltern, ihre Tradition zu ehren. Und ich sage es noch einmal, dass heißt nicht blinder Gehorsam, sondern das Prüfen und Bewerten dieser Traditionen.

In diesen beiden Richtungen verstanden, ist für mich nicht mehr der „Struwelpeter“ die Auslegung des Gebotes, die Eltern zu ehren, sondern das wunderschöne Gedicht des jüdischen Dichter Richard Beer-Hoffmann:

Schlaflied für Mirjam

Schlaf mein Kind – schlaf, es ist spät!

Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht,

Hinter den Bergen stirbt sie im Rot.

Du – du weißt nicht von Sonne und Tod,

Wendest die Augen vom Licht und zum Schein –

Schlaf, es sind soviel Sonnen noch dein,

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind – der Abendwind weht.

Weiß man, woher er kommt, wohin er geht?

Dunkel, verborgen die Wege hier sind,

Dir, und auch mir, und uns allen, mein Kind!

Blinde – so gehn wir und gehen allein,

Keiner kann Keinem Gefährte hier sein –

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schlaf mein Kind und horche nicht auf mich!

Sinn hats für mich nur, und Schall ists für dich.

Schall nur, wie Windeswehn, Wassergerinn,

Worte – vielleicht eines Lebens Gewinn!

Was ich gewonnen gräbt man ein,

Keiner kann Keinem hier ein Erbe sein –

Schlaf mein Kind – mein Kind, schlaf ein!

Schläfst du, Mirjam? – Mirjam, mein Kind,

Ufer nur sind wir, und tief in uns rinnt

Blut von Gewesenen – zu Kommenden rollts,

Blut unser Väter, voll Unruh und Stolz.

In uns Alle. Wer fühlt sich allein?

Du bist ihr Leben – ihr Leben ist dein – –

Mirjam, mein Leben, mein Kind – schlaf ein!


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