Verfasst von: achterosten | 2. August 2011

Frag mal – Predigt zu Deuteronium 7, 6-12

Predigt zu Dtn 7, 6-12 (31.VII.2011, VI. Sonntag nach Trinitatis)

Liebe Gemeinde,

der heutige Bibeltext für die Predigt steht im Fünften Buch Mose: „Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,  und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“

 

Liebe Gemeinde,

ich denke, „Frag Dr. Sommer“ sagt ihnen allen etwas, wenn auch vielleicht nur schemenhaft. Jene Rubrik in der „Bravo“, die bei den meisten Jugendlichen der letzten knapp 40 Jahre für eine halbwegs vernünftige Aufklärung zu all den Fragen von „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“ gesorgt hat. Alle Fragen waren erlaubt und wie ging eine Erleichterung durch deutsche Jugendzimmer, als Dr. Sommer guten Gewissens die Frage, ob man durch Zungenkuss schwanger werden kann, verneinte.

Seit einigen Monaten findet man im Internet bei Spiegel-Online eine Rubrik unter dem Titel „Frag Frau Sibylle“. Lässt der Titel im ersten Moment an Dr. Sommer denken, merkt man schnell, dass es hier um Aufklärung geht, jedoch eher selten im Sinne von „Liebe, Sex und Zärtlichkeit“. Frau Sibylle, hinter der sich die Schriftstellerin Sibylle Berg versteckt, breitet in dieser Kolummne auf eine wunderbar arrogante Art ihre Gedanken zum Gang der Dinge und zu den Verhältnissen aus. Schonungslos und frei von aller Bedenkenträgerei, die schon wie ein wild gewordenes Männchen aufspringt und schreit, so könne man das nicht sagen und in so drastischen Worten schon mal gar nicht. Ich sage, doch das kann man und Frau Sibylle tut das zum Glück. So ist sie für mich zu einer ständigen Begleiterin in den letzten Monaten geworden. Auch als ich den Predigttext für heute las, viel sie mir sofort ein. Den Text von Frau Sibylle habe ich der Einfachheit halber gleich mitgebracht:

„Nächstes Jahr werden wir leben

 

Von Sibylle Berg“

Liebe Gemeinde, soweit Frau Sibylle. Was aber hat denn nun dieses von ihr mit dem Bibeltext zu tun? Warum ging er mir genau hierzu durch den Kopf? Und nicht doch viel eher die Frage, wie wir Christen eigentlich auf die gewagte These kommen, das wir irgendetwas mit dem ungebrochenen Bund Gottes mit seinem Volk, den Juden zu tun hätten? Weil mich ein Gedanke nicht mehr los lässt: Wenn das mit dem Bund wirklich wahr und wirklich ist; wenn Israel wirklich von Gott erwählt worden ist und Gott uns Christen seine Erwählung in der Taufe zuspricht, woran wird das denn an uns und für uns sichtbar, spürbar? Was Jüdinnen und Juden betrifft bin ich nicht der Fachmann und kann nur an die jüdischen Kolleginnen und Kollegen verweisen. Aber im Hinblick auf die Getauften, die Christinnen und Christen müssten wir doch eine Antwort geben können. Die Beobachtung von Frau Sibylle dürften doch auf uns nicht zutreffen, ihr Bild aus dem „Sklavenhaus Ägypten“. Für uns soll doch etwas ganz anderes gelten, nicht ein Leben in Verlogenheit, im Mief. Aber dem ist nicht so. Ich verwette meinen Talar und noch mein Beffchen darauf, dass für eine Vielzahl, ach was, für die Mehrheit von uns Getauften Frau Sybille voll ins Schwarz getroffen hat. Einige von uns mögen vielleicht noch das Glück haben, nicht nur einen persönlichen Chef zu haben, sondern auf diesen die Bezeichnung „Arschloch“ gar nicht zutrifft, sondern vielleicht sogar das Gegenteil. Der Grundtenor aber, der trifft doch zu, auch für uns Getaufte. Für uns, für die es doch gerade nicht gelten sollte, die doch angeblich herausgeführt wurden aus dem Sklavenhaus des alltäglichen Ausnahmezustandes, der alltäglichen Verkümmerung unserer selbst in dem ewige Hamsterrad. Selbst der Urlaub ist doch keine Unterbrechung, sondern dient nur der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Die Zeitschriften sind voll von Tipps und Tricks, wie man seinen Urlaub zu verbringen hat, damit man danach wieder „voller Schwung“ einsteigen kann – ins Hamsterrad. Und wir Getauften – mittendrin, statt nur dabei.

Warum dann aber die Taufe? Warum dann die Überzeugung, „erwählt zu sein“, auch für sich das für Israel geltende in Anspruch zu nehmen? Herausgeführt zu sein aus dem Sklavenhaus, wenn man täglich noch mitten drin hockt und es vielleicht noch nicht einmal merkt? Was hat dann die Taufe mit uns selber zu tun? Lässt sich das, was mit ihr verbunden ist, nur bei völliger Abwendung von der Welt leben? Oder bei einem mystischen Wochenende bei all den Einkehr- und Pilgertagen, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Wo man, und das in der Reihenfolge, erst einmal sich selber, dann der Natur und dann vielleicht noch dem lieben Gott, was auch immer der dann ist, begegnen will? Und am Montag danach gleich wieder, jetzt aber meditativ gestärkt, ins Hamsterrad – und schon hat der Tag nichts mehr mit der Taufe, mit Erwähltsein zu tun.

Warum dann aber Taufe, warum die Zugehörigkeit zu Gott, wenn sie nichts austrägt?

 

Liebe Gemeinde, wer getauft ist, ist immer noch Teil dieser Welt, immer noch Teil des Sklavenhauses, aber in der Taufe werden uns drei Dinge eingeschrieben: Wir können das Sklavenhaus erkennen und unsere Verstrickungen, schonungslos und ohne Beschönigung. Und wir sind dazu in der Lage, den Schmerz darüber zu spüren und ihn nicht zu betäuben. Ja, auch den Zorn, die Wut darüber.

Zweitens: Wir hören die Geschichten, die von der Befreiung aus diesem Sklavenhaus erzählen. Wir hören diese Geschichten auch nicht nur als mehr oder weniger interessante Erzählungen aus längst vergangenen Tagen, sondern wir erkennen ihren Kern: Die Kraft der Freiheit des durch Gott geschenkten Glauben! Das ist das, was ich aus meiner Taufe schöpfe: Diese Freiheit, die mir jeden Tag sagen will, du brauchst im letzten keine Angst zu haben.

Und zum Dritten: Die Zusage dieser Freiheit für uns, sie wird zu einer, zwar fragilen, aber doch, ja ich möchte es so nennen, zähen Verheißung, die uns stärkt und bestärkt Gottes Gebot zu folgen. Im letzten bedeutet das, die Sklavenhäusern unseres Lebens, unserer Welt mit Rissen zu versehen. Nicht ein neuer Mose zu sein, der aus dem Sklavenhaus führt, aber Risse in die Mauern zu schlagen, dass das Licht der Freiheit hineindringt.

Und diese Risse sind manchmal auf den ersten Blick so banal, aber doch stellen sie genau das dar, das uns in der Taufe eingeschriebene. Das kann z.B. einfach die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft sein, wenn ich in einem Betrieb arbeite, wo die Geschäftsführung sich mit allen Mitteln gegen die Gründung eines Betriebsrates wehrt. Ein kleiner Riss. Das kann darin bestehen, in einem Chef nicht einen Halbgott zu sehen, der einen mit Gnade oder Rache beschenkt, sondern manchmal leider in ihm oder ihr zu sehen, was er ist und in seinem Verhalten auch zu genüge zeigt: Einer, auf den der unfeine Titel „Arschloch“ dann doch irgendwie paßt.

Diese Risse können vergrößert werden, was hält uns davon ab? Unsere Angst jedenfalls nicht mehr! Auch nicht der Mief, die Verlogenheit eines Lebens im Hamsterrad! Denn dafür sind wir getauft, gilt für uns unabänderlich und für alle Zeiten die Verheißung Gottes.


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