Verfasst von: achterosten | 22. Mai 2011

Ein Lied – Predigt zu Exodus 15, 1-20

Predigt Ex 15, 1-20 (Kantate 22.V.2011)

 

Liebe Gemeinde,

das Wunder am Schilfmeer, sagt ihnen das etwas? Wenn nicht, will ich ihnen kurz davon erzählen: Relativ am Anfang der Bibel wird uns erzählt von der Zeit der Sklaverei des Volkes Israel im antiken Ägypten. Grausam ausgebeutet und unterdrückt müssen die Frauen, Männer und Kinder des Volkes Israel leben. Bis ein Mann zu ihnen kommt, der von seiner Herkunft her einer von ihnen ist, aber mit einer ganz anderen Lebensgeschichte: Aufgewachsen am Hofe des Pharaos, ein Mörder, der im Affekt einen Mann erschlug. Ein Flüchtling, der lange in einem fremden Land lebte und nun Israel Freiheit verspricht. Der von dem Gott ihrer Mütter und Väter spricht, der sie als sein Volk berufen und erwählt hat. Sein Name: Moses. Mutig tritt er vor den Pharao, verlangt Freiheit für sein Volk. Sie wird ihnen verweigert. Erst nach einer Vielzahl von Plagen, die das Land treffen, lässt Pharao das Volk ziehen um es sich dann doch anders zu überlegen. Mit schnellen Streitwagen, an der Spitze der Truppe Pharao selbst, jagen sie dem Volk Israel hinter her. Die sehen die Staubwolke am Horizont und erkennen ihre ausweglose Lage: Vor ihnen die unüberwindlichen Fluten des Meeres, hinter ihnen die Truppen des Pharaos. Vor ihnen der sichere Tod, hinter ihnen das Ende des kurzen Traumes von Freiheit. Verzweiflung übermannt sie. Da geschieht es, auf wunderbare Weise werden sie gerettet, auf grausame Weise sterben Pharao und seine Truppen. Das Meer hat sich vor Israel geteilt. Trockenen Fußes gelangen alle auf die andere Seite. Als Pharao ihnen durch die Wasserwände hinterherjagt, brechen diese über ihm und seinen Leuten zusammen und sie ertrinken jämmerlich. Israel ist gerettet, noch ungläubig stehen sie am Ufer.

Was sich dort wirklich an jenem Ufer zutrug, verschwindet im Dunkel der Geschichte. Aber die Botschaft strahlt weiter: Eine Gruppe von Menschen hat in einer verzweifelten, ausweglosen Situation Rettung erfahren. Vor ihnen tat sich einer neuer Weg auf und diesen Weg brachten sie in Verbindung mit dem Gott, von denen ihnen erzählt wurde. Er war es, der sie gerettet hat an irgendeinem Ufer. Und uns wird folgendes von diesem Ufer erzählt:

„ Damals sangen Mose und die Israeliten dies Lied dem HERRN und sprachen:

Ich will dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.

Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben.

Der HERR ist der rechte Kriegsmann,HERR ist sein Name.

Des Pharao Wagen und seine Macht warf er ins Meer, seine auserwählten Streiter versanken im Schilfmeer.

Die Tiefe hat sie bedeckt,sie sanken auf den Grund wie die Steine.

HERR, deine rechte Hand tut große Wunder; HERR, deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen.

Und mit deiner großen Herrlichkeit hast du deine Widersacher gestürzt; denn als du deinen Grimm ausließest, verzehrte er sie wie Stoppeln.

Durch dein Schnauben türmten die Wasser sich auf, die Fluten standen wie ein Wall; die Tiefen erstarrten mitten im Meer.

Der Feind gedachte: Ich will nachjagen und ergreifen und den Raub austeilen und meinen Mut an ihnen kühlen.

Ich will mein Schwert ausziehen, und meine Hand soll sie verderben.

Da ließest du deinen Wind blasen, und das Meer bedeckte sie, und sie sanken unter wie Blei im mächtigen Wasser.

HERR, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig ist?

Als du deine rechte Hand ausrecktest,verschlang sie die Erde.

Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk, das du erlöst hast, und hast sie geführt durch deine Stärke zu deiner heiligen Wohnung.

Als das die Völker hörten, erbebten sie; Angst kam die Philister an.

Da erschraken die Fürsten Edoms, Zittern kam die Gewaltigen Moabs an, alle Bewohner Kanaans wurden feig.

Es fiel auf sie Erschrecken und Furcht; vor deinem mächtigen Arm erstarrten sie wie die Steine, bis dein Volk, HERR, hindurchzog, bis das Volk hindurchzog, das du erworben hast.

Du brachtest sie hinein und pflanztest sie ein auf dem Berge deines Erbteils,

den du, HERR, dir zur Wohnung gemacht hast, zu deinem Heiligtum, Herr, das deine Hand bereitet hat.

Der HERR wird König sein immer und ewig.

Denn der Pharao zog hinein ins Meer mit Rossen und Wagen und Männern. Und der HERR ließ das Meer wieder über sie kommen. Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer.

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.“

Liebe Gemeinde – ein Loblied Gottes und leider geht in der Übersetzung die Poesie des hebräischen Originals fast vollständig verloren. Der Rhythmus der Worte, die kunstvolle Abfolge des gesprochenen Wortes. Ein Loblied für Gott, der Rettung brachte in der Situation der Ausweglosigkeit. Neue Hoffnung, dass der Traum von Freiheit nicht ein kurzer ist. Ein Lied für Gott als Dank und Lob. Ein Lied für die Menschen, als Erinnerung an diese Rettung, an den Traum von Freiheit.

Und so ist dieses Lied von der Rettung am Schilfmeer eine wunderbare Grundierung für die Überschrift dieses Sonntages: „Kantate – Singt“ – Die Musik.

Was ist ihr Lieblingslied? Was macht  ein Lied, ein Musikstück zu einem guten Lied? Was ist gute Musik? Das Lied vom Schilfmeer, die Bibel und die alten Komponisten geben uns aus ihrer Sicht eine Antwort. „Soli deo gloria“ – steht auf ihren Notenblättern oder an den Orgeln. Allein Gott zur Ehre. Das Qualitätssiegel für Musik, die sie zur guten Musik macht. Entscheidend also die Frage: Ist diese Musik ein Loblied Gottes, Gott zu Ehren? Da haben wir es: Gute Musik ist Kirchenmusik, geistliches Liedgut, alles andere ist Geschrammel, Gejohle und von Bösem. Klare Antwort, lassen sie uns das Gesangbuch aufschlagen und singen Lied Nummer…

Stopp, so schnell geht’s dann doch nicht. Legen sie die Gesangbücher noch einmal kurz beiseite. Geistliche Musik gute Musik – „weltliche“ Musik schlechte Musik? Das kann nicht wirklich als ernsthafte Aussage stehen bleiben und wird allem nicht gerecht: Weder dem was man gemeinhin weltliche Musik nennt, noch der Bibel und auch nicht dem Gesangbuch. So gibt es im Gesangbuch Lieder, bei denen mir sowohl von der Melodie, als auch von Text her sich nicht nur akustisches, sondern auch körperliches Unbehagen einstellt. Schön ist was anderes.

Oder darf man einfach so die Meinung der jungen und jüngeren Menschen abtun, das für sie gute Musik ganz vieles ist, aber bestimmt nicht fünfhundert Jahre alte Kirchenlieder? Muss mindestens in einem Lied dreimal der liebe Gott und mindestens einmal ein Bibelzitat auftauchen, damit es gute Musik ist? Muss eine Band auf ihrem T-Shirt ein Soli Deo Gloria tragen und mindestens einer der Mitglieder sich als wiedergeborener Christ verstehen, damit es gute Musik ist? Was versteckt sich hinter dem  Qualitätssiegel für gute Musik „Soli Deo Gloria“, wenn es wirklich ein Qualitätssiegel für uns sein soll?

Die Antwort dafür liegt für mich nicht in irgendwelchen himmlischen Sphären, sondern ganz irdisch hier bei uns. Sie liegt nicht im Text allein, sondern auch in der Melodie, den Tönen, dem Rhythmus. Gute Musik singt in Text und Ton vom ganzen Leben. Es wird die ganze Bandbreite der Töne, des Rhythmus genutzt. Es gibt Platz für Zwischentöne, für einen Gang bis an die Grenzen der Musik. Es gibt das archaische, das streng nach den Regeln verfasste und das, was beides verbindet.

Und ebenso liegt die Antwort im Text eines Liedes. Womit nicht gesagt ist, dass Musik immer einen Text braucht, um „gute Musik“ zu sein. Findet sich hier das ganze Leben wieder? Mit seiner Doppeldeutigkeit, seinen Brüchen? Oder wird hier eine heile Welt verabreicht, die so gar nichts mit unserem Leben zu tun hat? Leider ist uns die Melodie des Liedes vom Ufer des Schilfmeeres nicht überliefert, aber im Text wird es uns vor Augen geführt: Das Siegeslied  Israels ist das Trauerlied Ägyptens. Es nimmt die ganze Bandbreite der Ereignisse auf.

Das Lob Gottes kann nur dann Lob sein, wenn es unser ganzes Leben umfasst, so wie es ist. In Freude und Schmerz und nicht in einer heilen, bonbonfarbenen Welt.

„Soli Deo Gloria“ als Qualitätssigel für gute Musik heißt, dass ein Lied, ein Stück offen ist für Gott, egal ob gesungen von Knaben im weißen Gewändern oder gepfiffen auf dem Heimweg von der Kneipe. Offen ist für die Hoffnung auf Rettung und Freiheit außerhalb unserer Kraft, unserem Vermögen. Offen ist für mehr als das Vorfindliche, das was wir schon immer erwartet haben. Über uns hinausweist und in sich die Botschaft trägt: „Es gibt mehr.“ Und das kann in unterschiedlichster Art und Weise geschehen: In der konkreten Erinnerung und unter Nennung Gottes wie im Lied vom Schilfmeer oder still, verborgen als ungestillte Sehnsucht, dass sich einer zu uns stellt und sagt: „Ja, es gibt mehr!“.

Das ist gute Musik die Herz und Sinne anspricht. Man kann sie überall finden –  im R’nB, im Jazz, bei Amy Winhouse, in einer Bachkantate, im Gesangbuch und bei YouFM.

Am Ende sei der Ehrlichkeit halber gesagt, dass dieses Qualitätssigel nicht von mir stammt. Es  hat  schon einige Jahre auf dem Buckel und ist von Johann Sebastian Bach: „… damit dieses eine wohlklingende Harmonie gebe zur Ehre Gottes und zulässiger Ergötzung des Gemüths und soll wie aller Music, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths seyn. Wo dies nicht in Acht genommen wird, da ists keine eigentliche Musik sondern ein Teuflisches Geplerr und Geleyer.“ Da das aber auch nicht so einfach zu verstehen ist, habe ich es in meinen Worten versucht zu sagen.

Und nun lassen sie uns endlichen die Gesangbücher nehmen und den loben, der uns das wunderbarste geschenkt hat: Die Musik.


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