Verfasst von: achterosten | 24. Januar 2010

Finsternis II.Kor 4, 6-10

Predigt zu II. Kor 4, 6-10

(Letzter Sontag.nach Epiphanias, 24.01.2010)

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im zweiten Brief an die Korinther im vierten Kapitel:

„Denn Gott, der gesagt hat: aus Finsternis wird Licht leuchten! er ist es, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit das Übermaß der Kraft von Gott sei und nicht aus uns. In allem sind wir bedrängt, aber nicht erdrückt; keinen Ausweg sehend, aber nicht ohne Ausweg; verfolgt, aber nicht verlassen; niedergeworfen, aber nicht vernichtet; allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragend, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.“

Liebe Gemeinde,

„Denn Gott, der gesagt hat: aus Finsternis wird Licht leuchten!“ Angesichts des Gedenktages am kommenden Mittwoch bin ich beim Lesen dieses Abschnittes nicht über diesen Satz hinausgekommen. Er kommt mir nur schwer über die Lippen beim Gedanken an den kommenden Mittwoch. Am 27. Januar.1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz in Polen. Einige hundert Häftlinge fanden sie dort noch vor, die meisten von ihnen starben auch noch nach der Befreiung an Entkräftung und Unterernährung. Zehntausende waren in den Tagen und Wochen vorher auf Todesmärschen Richtung Westen getrieben worden. Viele überlebten diese Märsche nicht oder starben in den letzten Monaten und Wochen des Krieges. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

„Denn Gott, der gesagt hat: aus Finsternis wird Licht leuchten!“ – Dieser Satz, und das muss in dieser Radikalität gesagt werden, kann angesichts der Finsternis von Auschwitz und all der ganzen anderen Orte der Vernichtung der Juden in Europa, an diesem Tag nicht herangezogen werden. Auschwitz ist kein Ort der theologisch zu fassen oder zu erklären ist. Der Versuch, die Verbrechen dort und anderswo mit der Frage nach Gott zu verbinden, scheitert letztlich. Er scheitert allein schon daran, dass er sich kaum dem Beigeschmack einer Rechtfertigung entziehen kann. Gerade wenn dieser Versuch von der Seite unternommen wird, die aufgrund ihrer Herkunft und Tradition den Tätern näher steht als den Opfern.

Gottes Handeln oder Nichtstun. Sein Abwenden oder sein ohnmächtiges Mitleiden mit den Opfern. Seine Existenz oder seine Nichtexistenz als liebender, allmächtiger Vater – dies als Sinndeutung für Auschwitz bedeutet für uns, die Nachgeborenen der Täter, vor allem eine Flucht vor der Verantwortung. Wir können Auschwitz nicht mit unserem Glauben erklären, die Dimension der Verbrechen lässt das nicht zu. Jeder Versuch würde immer der Gefahr der Verharmlosung erliegen. Dem sinnlosen Leiden der Opfer im Nachhinein einen Sinn, eine Funktion zusprechen. Aus unserem Glauben heraus kann angesichts von Auschwitz nur gelten: Gott ist der Ort unserer Klage. Unserer Klage angesichts des millionenfachen Leidens von Frauen, Kindern und Männern. Unserer Klage über ihr sinnloses Sterben. Unserer Klage angesichts der Schuld von tausenden von Frauen und Männern an diesem Verbrechen. Unsere Klage in der kleinen Hoffnung, dass Gott diese Finsternis letztendlich durchdringen wird.

Die Verbrechen von Auschwitz und all der anderen Orte der Vernichtung sagen mehr über uns Menschen aus, als über Gott. Und daher ist auch menschlich davon zu reden und sind wir als Menschen zur „sorgfältigen Verantwortung“ mit unserer Geschichte nicht nur aufgerufen, sondern verpflichtet.

Das hat auch heute Morgen hier zu geschehen. Was bedeutet aber so ein Begriff „sorgfältige Verantwortung“? Besonders wenn es mehr sein soll als ein hohler moralischer Appell angesichts eines anstehenden Gedenktages. Tausend Mal gehört, aber auf mehr als inneren Widerstand oder Langeweile stößt er dann doch nicht.

Verantwortung entsteht dort, wo nicht weggesehen wird. Wo sich bewusst gemacht wird, was passiert ist und was passiert.

Dazu gehört: Die Opfer und die Täter, sie waren nicht zwei Gruppen von Menschen, die nichts mit uns, unseren Orten zu tun hatten. Hannah Wertheim und ihre Kinder Ludwig, Sally, Ruth, Rolf, Heinz und Zilla kamen aus Naumburg und starben in den Jahren 1941/42 im Ghetto von Riga. Minna Rosenthal kam aus Niedenstein, keiner weiß wo, wann und wie sie umgekommen ist. Das waren Nachbarn in den umliegenden Ortschaften, wir können hingehen und sehen, wo sie gewohnt haben. Erinnert man sich dort noch an sie?

An ihn erinnert man sich: Josias Erbprinz zu Waldeck, Vater des heutigen Fürsten des Hauses Waldeck. Seit 1929 gehörte er der Schutzstaffel, der SS an und wurde schließlich in Kassel Höherer SS- und Polizeiführer im Wehrkreis Hessen-Thüringen. Naumburg und Niedenstein gehörten zu diesem Wehrkreis. Er wurde von der Bevölkerung und seiner Familie hoch geachtet 1967 beerdigt. Mehrere Anklagen gegen ihn wurden abgewiesen. Die Familie weigert sich bis heute, das Familiearchiv für Nachforschungen zu öffnen. Wir können hinfahren nach Arolsen und das Schloss sehen.

Leider wird hier schon eine der Folgen der Schoah, der Katastrophe der Juden und aller Opfer der Zeit der NS-Herrschaft deutlich: Wir wissen oftmals vielmehr über die Täter, als über die Opfer. Sie sind ihrer Menschlichkeit beraubt worden, ihrem Namen, ihrer Biographie. Ihnen dies, soweit es möglich ist, wieder zu geben, gelingt nur langsam und gehört doch zu unserer Verantwortung.

Zu dem genauen Hinsehen, zur „sorgfältigen Verantwortung“ gehören aber auch zwei Dinge, die nebeneinander stehen und miteinander verbunden sind. Die Trauer um die Opfer und das maßlose Erschrecken angesichts der Verbrechen ist der eine Teil. Die unglaubliche Grausamkeit lässt einem jedes Wort im Halse stecken bleiben. Es droht allerdings schnell die Gefahr des Pathos, der emotionalen Vereinahmung. Und vieles, was gut gemeint ist aus der emotionalen Betroffenheit, wird für die Nachkommen der Opfer zur weiteren Belastung, ja Belästigung. Wir, die wir den Tätern von unserer Herkunft, unserer Glaubenstradition her nun mal näher sind als den Opfern, wir sollten uns hüten, von Worten wie Vergebung und Versöhnung zu sprechen. Das kann nicht von unserer Seite ausgehen. Viele Juden, die ich kenne, wollen nicht bereits im zweiten Satz im betroffenen Tonfall auf die Geschichte ihrer Familie angesprochen werden. Manche wollen es sogar gar nicht. Sie wollen nicht auf ewig auf die Rolle der Opfer und ihrer Nachkommen festgelegt bleiben. Viel zu oft kann man aber genau dies in Veranstaltungen beobachten, an denen Juden teilnehmen und die eigentlich gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Zum Teil hat das grotesk-peinliche Züge.

So schwer uns das fällt, es muss ein zweites hinzutreten und das ist für mich bereits Bestandteil des Wortes „sorgfältig“: Die persönliche geschichtliche Auseinandersetzung mit dem, was in Auschwitz und an all den anderen Orten geschah. In den letzten Jahren wird viel von Bildung gesprochen in unserem Land. Unaufgebbar gehört dazu das Wissen über die Vernichtung der Juden in Europa und der Weg, der dahin führte. So schwer die Dimension der Verbrechen zu greifen ist, so wichtig ist das präzise Wissen darüber. Nur wenn dies gelingt, wird die Dimension des Verbrechen und ihre Unvergleichbarkeit deutlich: Eine zum Großteil verwaltungsmäßig geplante und industriell durchgeführte millionenfache Vernichtung von Menschen. Möglich nicht nur durch die direkten Täter, sondern auch durch die wissentliche Beteiligung vieler tausender Menschen. Das reicht von den Lagermannschaften der SS, über Soldaten der Wehrmacht, Verwaltungen bis hin zu denen bei der Reichsbahn, die die Zugpläne nach Auschwitz geschrieben haben. Nur wenn dieses Wissen vorhanden ist, werden auch die Traditionen und Wege deutlich, die dahin geführt haben. Gerade auch Traditionen und Wege, die sich aus dem christlichen Glauben gespeist haben und bis heute ihr Gift verströmen.

Dieses Wissen ist bereits vorhanden und das auch in einer allgemein verständlichen Form. Saul Friedländers Buch „Das dritte Reich und die Juden“ ist eine solche Form. Ohne großes geschichtliches Vorwissen zu lesen und für fast umsonst bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu erhalten. Hier kann man nicht nur zu diesem Wissen gelangen, sondern auch lesen, wie Friedländer das gelingt, was ich vorhin angesprochen habe: Den Opfern wird Name, Gesicht und Biographie gegeben.

Liebe Gemeinde, das was ich heute Morgen sage kann nur sehr skizzenhaft bleiben. Nicht mehr als ein paar Gedanken und es fiel mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Lassen sie mich aber am Ende noch zwei Dinge sagen: Ich habe nicht über Schuld gesprochen, sondern von Verantwortung. Keiner von uns trägt hier heute Morgen Schuld an den deutschen Verbrechen in Europa. Selbst die ältesten unter uns waren damals Kinder oder Jugendliche. Aber wir haben wegen dieser Verbrechen, die von der Generation unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verübt wurden, die Pflicht zur Verantwortung. Ich nenne es ganz bewusst Pflicht der Verantwortung, denn wenn wir uns dieser Verantwortung entziehen, wenn wir zulassen, dass Antisemitismus und Rassismus nicht geächtet werden, wenn die Opfer weiter geschmäht werden, und sei es dadurch, dass sie in Vergessenheit geraten, dann ist von Schuld zu reden. Dann machen wir uns schuldig. Unsere Vorfahren haben durch ihr verbrecherisches Handeln, ihr Wegsehen, ihre Verzagtheit uns diese Verantwortung aufgeladen. Wir müssen uns ihr stellen, das sind wir den Opfern, ihren Nachkommen, uns und unserem Glauben schuldig. Alles andere wäre feige und mutlos. Woher soll aber der Mut kommen? So ist am Ende der Predigt wieder an den Anfang zu gehen: Von dem Gott, vor dem wir klagen über die Opfer. Von seiner Verheißung lebt unser Mut, dass ist unsere einzige Hoffnung.

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