Verfasst von: achterosten | 15. März 2010

Wertediskussion – Epheser 5, 1-8

Predigt zu Eph 5, 1-8 (Okuli, 07.III.2010)

Liebe Gemeinde,

aus dem 5. Kapitel des Epheserbriefes: „So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.

Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts;“

Liebe Gemeinde,

wir sind momentan in einer nicht ganz so einfachen Phase was die Predigttexte der Sonntage betrifft. Keine Geschichten, denen nichts Menschliches fremd ist. Kein bilderreiches Gleichnis über die Liebe Gottes zu uns Menschen und keine flammende prophetische Rede gegen die Missstände einer Gesellschaft ohne Gott. Briefe, eher in einem belehrenden Ton mit Worten, die wir gefühlt seit dem Mittelalter nicht mehr gebrauchen. „Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit und Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für Heilige gehört.“ Da lodern doch schon bei uns im Hintergrund Bilder der Flammen für die Ketzer oder streng blickende Herren und Damen in schwarzer Tracht auf alten Bildern.

Also, alles nicht so einfach mit diesen Briefen im letzten Teil unserer Bibel und doch lohnt es sich, sie nicht links liegen zu lassen. Und wenn sie schon keine Geschichten erzählen, so will ich das tun: Vor kurzem erhielt ich von einem alten Studienfreund eine Email. Ich hatte ihn fast vergessen und nun lud er mich zur Einführung in seine erste Pfarrstelle irgendwo in den Weiten des Münsterlandes ein. Also, nichts wie hin am besagten Sonntag. Leider habe ich die Suche nach der kleinen Kirche unterschätzt oder einfach auch nur vergessen, wie lange so ein Münsterländer Bauer braucht, um einen den Weg zu beschreiben. Ich kann noch so gerade mit dem letzten Glockenschwinger in die kleine Kirche huschen. Die ist schon rappelvoll. So voll ist sie sonst nur an Weihnachten, aber es ist auch verständlich. Alle wollen den neuen Pfarrer sehen, war die Stelle doch seit Monaten nicht besetzt. Der Gottesdienst nimmt seinen üblichen Lauf, der Posaunenchor ist hörbar bemüht, die Orgel hat ihre beste Zeit auch schon hinter sich, aber die Organistin gibt ihr bestes und die Gemeinde ist vielleicht auch nach der Hektik der Woche froh, dass jedes Lied nur halb so schnell gespielt wird, wie gedacht. Entspricht ja auch eher dem westfälischen Charakter. Alles in allem ein schöner Einführungsgottesdienst. Direkt im Anschluss all die ganzen Grußworte, vom Kirchenvorstand, vom Frauenkreis, vom Bastelkreis, von der Evangelischen Skatrunde 1896. In mir kommt doch ein wenig die Frage auf, ob keiner der Gemeinde gesagt hat, dass sie nur einen Pfarrer bekommt und keine drei bei all den Wünschen, die da so geäußert werden. Aber nun gut, auch das ist ein guter evangelischer Ritus bei einer Amtseinführungen. Den Höhepunkt nach der Freiwilligen Feuerwehr, der Schützenverein sagt nichts, da der Vorsitzende gut katholisch ist, bildet natürlich die Begrüßung des Bürgermeisters. Jetzt wird es spannend: Da ist auf einmal viel von Werten die Rede. Der Pfarrer als Garant einer werteorientierten Gemeinschaft im Dorf. Gerade in der Gesellschaft, in der, laut des Bürgermeisters, Werte immer weniger eine Rolle spielen. Es folgen diverse Beispiele von Bankenkrisen bis hin zu beschmierten Bushaltestellen. Da sei es doch schön, dass nun wieder ein Pfarrer da sei, der ebbend gerade Werte garantieren würde und ja auch den Kindern und Jugendlichen dies vermitteln könne. Das war’s, allgemeiner und auch erleichterter Applaus, konnte man doch endlich zum gemütlichen Teil übergehen. Die Ansprache des Bürgermeisters aber ging mir auf der Rückfahrt noch lange durch den Kopf. Vielleicht weil seine Worte immer wieder zu hören sind, wenn Menschen aus Gesellschaft und Politik über die Kirche sprechen. Etwas flapsig könnte man das unter dem Begriff Kirche als „Bundesamt für Werte“ zusammenfassen. Verübeln kann man es ihnen nicht, stellen wir uns doch oft selber als Kirche so da und werden dann auch so wahrgenommen. Werte und hoher moralischer Anspruch, davon war ja auch im Umfeld des Rücktritts von Frau Käsmann viel die Rede. Fragt man Eltern, warum sie ihre Kinder zum Konfirmandenunterricht schickten, bekommt man häufig die Antwort: Damit sie Werte vermitteln bekommen. Aber ist das Christentum zu allererst ein „Bundesamt für Werte“? Natürlich gehören Werte zu einer Gestaltung des Lebens, dass sich am Christentum orientiert, aber ist das alles? Ist das die Grundlage eines christlichen Lebens? Lässt sich unser Glaube zusammenfassen in Werten wie Ehrlichkeit, Fleiß und Pünktlichkeit? Oder darin, dass man nicht betrunken Auto fährt? Ist der Glaube letztlich das tagtägliche Abmühen, diesen Maßstäben zu genügen?

Das ist ein häufiges Bild vom christlichen Glauben und solche Brieftexte, wie der vorhin gehörte scheinen das ja auch nur zu bestätigen: „Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an.“ Gut, wir würden nicht mehr diese Worte benutzen, aber dem Sinn nach ist es doch dasselbe: Christlicher Glaube, das sind unumstößliche Werte, und wer sich an diese hält, verhält sich nur Gott gegenüber angemessen, sondern wird auch ein glückliches Leben führen.

An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig es ist, genau in die Bibel zu schauen, sie zu uns reden lassen. Vor all der Warnung von Unzucht usw. steht da etwas davon, dass wir geliebte Kinder sind. Und weil das so ist und die Adressaten das so erfahren haben, daher sollen sie sich an Werten orientieren. Nicht aber einfach an Werten, weil diese nun mal da sind, sondern weil sie entstehen aus einem Leben in Liebe.

Das ist christlicher Glaube: Das Geschenk der Erfahrung der Liebe Gottes, die Hoffnung auf diese Liebe. Das erst einmal und sonst nichts! Das ist das große Geschenk Gottes an uns Menschen. Denn wie unbarmherzig ein Leben allein an Werten orientiert ist, die Erfahrung haben viele gemacht. Nicht unsere Werte machen uns zu geliebten Menschen, sondern die Erfahrung der Liebe befreit uns, Werte, Orientierungspunkte für unser Leben zu entwickeln.

Diese Erfahrung der Liebe Gottes, über die kann man nur wenig sagen, man kann sie auch nicht herbeireden, herbei predigen, man kann nur von ihr erzählen. Erzählen von der Hoffnung dieser Liebe und wie aus dieser Liebe heraus das Verlangen danach entsteht, auf diese Liebe zu antworten. Den Geboten Gottes folgen zu wollen. In all meiner Unzulänglichkeit, in all meinem Mittelmaß. Es ist, in all seiner Gebrochenheit, wie wenn ich erfahre, dass mich ein Mensch liebt und diese Liebe bei mir auf fruchtbaren Boden fällt. Dann wächst dieses Verlangen, auf diese Liebe zu antworten, Gutes zu tun. Nicht um damit etwas zu erreichen, sondern einfach als Antwort an das geliebte Gegenüber. Und die Liebe des anderen versetzt mich auch in die Lage, das zu tun. Natürlich ist das nicht immer einfach, es geschieht in unterschiedlichsten Schattierungen zwischen uns Menschen, aber es geschieht. Das ist mein Bild für die Erfahrung der Liebe Gottes und das Verlangen, darauf zu antworten.

An erster Stelle steht die Liebe Gottes. Wie diese Antwort aussieht, zu welchen Werten sie führt, das muss ich, müssen wir gemeinsam immer wieder neu bestimmen. Das Leben in der Liebe führt nicht immer und zu allen Zeiten zu den gleichen Antworten, zu ewig feststehenden Werten. Auch wenn viele von uns das wünschen.

Es gibt die böse Bemerkung von Oskar Lafontaine mit den Tugenden Fleiß und Pünktlichkeit könne man auch ein KZ leiten. In seinem Ziel, mit dieser Äußerung Helmut Schmidt zu treffen völlig falsch, steckt in dieser Behauptung auch eine Wahrheit. Nicht irgendwelche ach so hohe Werte entscheiden darüber ob unser Handeln gut ist, sondern der Weg, der zu diesem Handeln führt.

Es gibt keine ewigen Werte, wir müssen sie immer wieder neu entwickeln. Immer wieder die Frage stellen: Was ist ein gutes Leben? Was sind die Werte, die Orientierung geben sollen für ein Leben „in der Liebe“? Diesen Weg können wir gehen, weil wir die Liebe Gottes erfahren haben und auf sie hoffen. Sie befreit uns und versetzt uns die Lage. So können wir Dinge immer wieder neu „be-werten“. Werte entwickeln, die aus und in der Liebe leben und dazu beitragen Menschen zu befreien.

Am Ende soll daher als Beispiel für solch einen Weg ein kleines Geburtstagwort stehen: Ich gratuliere zum fünfzigsten Geburtstag der Antibabypille. Welch einen Aufschrei gab es auch gerade in der Kirche, als sie 1960 zum ersten Mal auf den Markt kam. Wieder einmal ging das Abendland unter, Sodom und Gomorah in allen Schlafzimmern, die endgültige sittliche Verrohung der Jugend war nur noch eine Frage weniger Wochen. Aber: Wie viele Frauen hat sie davor bewahrt, heimlich in die Niederlande fahren zu müssen oder zur „Engelmacherin“ zu gehen, weil sie ungewollt schwanger geworden sind? Wie viele unglückliche Ehen hat sie verhindert, die nur geschlossen wurden, um nicht geächtet ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen? Wie viel hat sie zu einem steigenden Selbstbewusstsein der Frauen beigetragen? Wie viel hat sie beigetragen, dass junge Menschen ohne Angst sich mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen können? Die Pille ist heute normale Realität. Und? Ist die Jugend verroht, herrscht Sodom und Gomorrah? Die Einzelfälle, die durch die Zeitungen geistern sugerrieren etwas anderes. Ich aber erlebe zumeist etwas anderes in vielen Gesprächen mit Jugendlichen. Einen offenen, aber verantwortlichen Umgang mit der eigenen Sexualität. Einen Umgang der eng verbunden ist mit der Frage der Liebe. Angesichts dieser Erfahrungen muss man sie, die Pille,  neu „be-werten“, gelten die alten Aussagen über sie so nicht mehr.

Da ist unsere tägliche Aufgabe als Christen, als Gemeinde in der Welt: Dazu beitragen, dass Dinge neu im Lichte der Gebote Gottes „be-wertet“ werden, damit Menschen in Freiheit leben können und nicht um Werte und Normen zu erfüllen. Wir können das, weil uns die Liebe Gottes geschenkt ist.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: