Verfasst von: achterosten | 13. Dezember 2009

Zwei gegen Pharao… Ex 1, 8-22

Predigt Ex 1, 8-22, III. Advent (13.12.2009)

Liebe Gemeinde,

manche Geschichte in der Bibel würden sich wunderbar für einen Kinofilm eignen. Nicht so in der Art der Sandalenfilme, für die Älteren: Ben Hur, für die Jüngeren: Gladiator. Und schon gar nicht in der Art der Jesusverfilmungen der 60er, 70er, die uns einen Jesus zeichnen, der vor lauter süßlichem zum Himmel aufblicken fast über die Kranken und Armen zu seinen Füßen stolpert. Nicht ganz so pompös, nicht  der Massenauftritt. Manchmal ist es nur ein kleines Kammerspiel, drei Menschen und doch geht es um alles. Eine solche Geschichte will ich ihnen und euch heute erzählen, in all dem vermeintlichen oder tatsächlichen Adventsstress nehmen wir uns die Zeit:

(hier folgt eine freie Nacherzählung der Geschichte von Schifra und Pua)

Es wird uns nicht erzählt, was die beiden dachten, fühlten – aber ihre Namen werden bis heute genannt: Schifra und Pua, „Schönheit“ und „Glanz“.

Liebe Gemeinde, eine etwas ungewöhnliche Geschichte so mitten in der Adventszeit. Weit und breit keine Reise nach Bethlehem, keine Verheißungen über ein Kind, das in einem Stall geboren wird. Besinnung kommt auch nicht auf in dieser Geschichte. Aber sie erzählt uns was passiert, wenn wir glauben, dass der, der da in dem Stall geboren werden soll, wirklich Gott in unserer Welt ist. Wenn wir glauben, dass es nicht eine ferne, unbestimmbare Macht ist, sondern ein Gott ist, der sich der Welt und uns Menschen zuwendet. Ein Gott, der erkennbar ist, der die Liebe ist. Dieser Glaube bleibt nicht ohne Konsequenzen. Er stellt mich wie Schifra und Pua vor die Frage, vor die Entscheidung: Unterwerfe ich mich dem, was mächtig zu sein scheint, schließ ich mich ihm an? Oder widersetze ich mich weil es gegen Gottes Willen ist? Gottes Willen,  dass ein jeder Mensch leben soll in Recht und Würde? Es gibt Situationen in unserem Leben, da stellt sich diese Frage gar nicht so radikal. Ich finde zum Beispiel in der Bibel keine Stelle, die der Frage, ob Sex vor der Ehe erlaubt sei oder nicht überhaupt einen so hohen Stellenwert einräumt, wie es in manchen christlichen Gruppierungen getan wird. Aber ich finde genau diese Radikalität der Entscheidung wenn es um den Schutz, die Würde des menschlichen Lebens geht. Hier geht es um Leben oder Tod. Hier gibt es keinen Kompromiss. Hier gibt es nur die eine Entscheidung: Pharao oder Schifra und Pua.

Und wir stehen vor dieser Entscheidung, auch wenn sie viele gar nicht wahrnehmen, vielleicht die Augen verschließen. Ein Blick in die Zeitung, über den Gartenzaun genügt. Es geschieht nur wenige Kilometer von hier entfernt. Wir kennen die Namen der Orte wo es passiert. Wir wissen, wer die Opfer sind. Und wir kennen auch die Namen des Pharaos. Sie lauten Nationaldemokratische Partei Deutschlands, NPD, Freie Kräfte Schwalm-Eder. Spätestens seit dem brutalen nächtlichen Überfall auf ein Jugendzeltlager im Sommer letzten Jahres kann wohl keiner mehr die Augen verschließen. Und der verharmlosende Hinweis darauf, dass dies ein Zeltlager von linken Jugendlichen war, so nach dem Motto, ein bisschen sind sie dann schon selbst schuld, ist einem Christenmenschen nicht würdig.

In den letzten Monaten verging kaum ein Wochenende, in dem es nicht zu einem Zwischenfall kam, in dem der harte Kern oder irgendwelche Mitläufer verwickelt waren. Diese Situation ist eine wie in der Geschichte. Hier geht es nicht mehr um Kompromisse, um einen Mittelweg. Wer auf Menschen mit Spaten einschlägt, wer Polizisten so angreift, dass sie schwer verletzt werden, der nimmt den Tod dieser Menschen in Kauf. Das sind keine dummen Jungenstreiche, kein pubertäres Aufbegehren und schon gar nicht ist dies unter der Überschrift „Kirmesschlägerrein gab es schon immer“ zu den Akten zu legen. Hier gibt es die Frage: Schifra und Pua oder Pharao? Und es muss auch in aller Klarheit gesagt werden, wer sich hier für Pharao entscheidet für den gilt: Ein Nazi kann kein Christ sein!

Es sind aber nicht nur die offenen Gewaltausbrüche, die Bedrohung Menschen anderer Herkunft, anderer Religion, anderer Überzeugung, sondern es gibt auch ein Klima, in dem solches gut gedeihen kann. Das ist der alltägliche Rassismus, der Ausschluss von Menschen die anders sind, die fremd sind. Das sind die dummen Sprüche, wie „das hätte es unter Adolf nicht gegeben“. Der Ruf „Du Jude!“ auf dem Fußballplatz in Richtung des Schiris. Es ist aber auch ein Klima, wo Jugendliche und Kinder nur als störend wahrgenommen werden, wo sie anscheinend nur noch bei den Rechten etwas finden, was ihnen Halt gibt.

Dieses Klima nicht ändern zu wollen, auch das gehört schon zum ersten Schritt der Entscheidung Pharao oder Schifra und Pua. Denn es gibt sie auch im Schwalm Eder Kreis, die Schifras und Puas und auch ihre Namen kennen wir. Menschen, Kirchengemeinden, Ortsvorsteher, Freiwillige Feuerwehren, Vereine, Pfarrer und Pfarrerinnen, Jugendliche die sich in aller Öffentlichkeit gegen die Nazis stellen, die das Klima ändern wollen, dem brauen Sumpf das Wasser abgraben. Die mutig sind – denn Mut gehört dazu.

Unter diesen Mutigen sind einige, weil sie sich als Christen verstehen. Die als Christen diesen Anspruch an sich und ihren Glauben haben. Die in ihrem Glauben aber auch diesen Mut finden. Ihnen können wir uns anschließen, uns an ihre Seite stellen. Wir können dafür sorgen, dass ihr Jugendliche in unseren Gemeinden nicht als störend empfunden werdet, sondern als willkommen. Das ihr nicht bei den rechten Rattenfängern nach etwas suchen müsst, was euch Halt und Sicherheit verspricht, sondern hier bei uns. Etwas was euch den Rückhalt, den Mut gibt, sich gegen dieses Klima zu stellen, nicht still zu bleiben, aber auch zu wissen, wie man sich verhält in bestimmten Situationen.

Schifra und Pua sagen dem Pharao nicht die Wahrheit, sie lügen ihn an, denn die Wahrheit hätte unweigerlich ihren Tod bedeutet. Diese kluge Lüge schmälert, so wird uns erzählt, in keinster Weise das Gute ihres Tuns. So ist es manchmal besser die Flucht zu ergreifen, wie ich aus leidvoller Erfahrung berichten kann. Ich habe als Jugendlicher diesen Weg gewählt, als drei Rechte mit Messer und Ketten bewaffnet vor mir standen. Ich danke meinem Fahrrad bis heute, dass es mir die schnelle Flucht ermöglicht hat.

Wählen wir als Christen Schifra und Pua, damit für jeden Menschen Glanz und Schönheit im Advent und zu Weihnachten strahlen kann. Gerade für die potentiellen Opfer, die Schwachen, die Fremden, die Menschen mit Behinderung, weil sie wissen, es gibt Menschen, die sich an meine Seite und sich schützend vor mich stellen, weil es ihnen ihr Herr geboten hat.


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