Verfasst von: achterosten | 2. Dezember 2009

Predigt Matthäus 5, 2-12 (01.11.2009)

„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.

Seid fröhlich und getrost; (…)“

Liebe Gemeinde, diese Worte am Beginn der Bergpredigt sind so atemberaubend, dass man kaum etwas zu ihnen sagen kann. Es verschlägt einem den Atem, die eigenen Worte kommen mir dürr und kraftlos vor im Angesicht dieser Worte aus dem Matthäusevangelium. Vielleicht finden sie es sogar übertrieben, ich aber habe beim Lesen dieser Sätze immer eine leichte Gänsehaut. So beeindrucken und bewegen mich diese Worte. Es ist als betrete man die Mitte des christlichen Glaubens und vor einem werden diese Worte ausgebreitet. Diese Worte, die in Schlichtheit, in Kargheit gegen unseren vielen Erfahrungen stehen und daher schnell wie billige Vertröstungen klingen.

„Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ – Ich sitze im Zug der gerade an einem Bahnsteig irgendwo in Deutschland hält. Freitag Nachmittagsstress auf den Bahnsteigen. In all dieser strömenden, hetzten Menschenmenge steht eine junge Frau und die Tränen laufen ihr nur so über das Gesicht. Und es findet sich nicht eine Hand, die zum Trost ausgestreckt wird – nicht eine. Keiner spricht sie an. Der Zug fährt an und ich verliere die junge Frau aus den Augen.

„Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ – Ein Mann findet beim Joggen im Wald einen gestürzten Radfahrer. Der Handyakku leer und so verfrachtet der Mann den Radfahrer kurzerhand in sein Auto und fährt ihn mit quietschenden Reifen in das nächste Krankenhaus. Folge: Der Jogger bekommt einen Bußgeldbescheid wegen zu Schnellem Fahren. Aller Hinweis auf die besondere Situation nützt nichts – er muss zahlen und seine Punkte in Flensburg kassieren.

Solche oder ähnliche Erfahrungen, ohne Mühe könnten wir sie schnell zusammentragen.

Und gegen diese Erfahrungen werden jetzt einfach diese Worte gestellt. Ohne Begründung, ohne besonderes Eingehen auf bestimmte Situationen, ohne Einschränkungen. Billige Vertröstung, Zynismus, Weltfremdheit – all das wird diesen Worten entgegen gestellt oder es wird sich abgewendet. Wir sind das Hören von hohlen Phrasen gewohnt, dass sind halt ein paar mehr.

Wem dem wirklich so wäre, warum haben dann diese Worte durch 2000 Jahre hindurch Menschen bis heute so tief bewegt? Gerade auch zur Zeit der Entstehung unserer evangelischen Kirche von knapp 450 Jahren? Menschen dazu gebracht, nicht nur diese Worte zu hören, sondern nach ihnen zu handeln? Zu Trösten, Barmherzigkeit zu üben, für Gerechtigkeit im Kleinen und im Großen zu kämpfen? Alles nur weltfremde Spinner, verschrobene Heilige. Leute, die sonst nichts Besseres zu tun haben oder halt Pfarrer und Pfarrerinnen, weil das bei denen sozusagen Berufskrankheit ist? Der ein oder andere mag darunter gewesen sein, auf den diese Beschreibung zutrifft, aber auf viele auch gerade nicht. Warum haben sie diese Worte nicht als Zynismus, als billige Vertröstung empfunden?

Gehen wir kurz in eine Situation, wie so wohl sich häufig in den letzten Monaten in Betrieben aller Art in Deutschland stattgefunden haben. Die Wirtschaftskrise hat den Betrieb voll erwischt, die Zahlen sind schlecht. Das Management entscheidet, es müssen Leute entlassen werden, betriebsbedingt gekündigt. Eine Betriebsversammlung wird einberufen, die Geschäftsführung tritt vor die versammelte Belegschaft: „Die Zeiten sind schlecht und so mussten wir uns schweren Herzens entscheiden, 1/3 von ihnen zu entlassen. Wir wissen, dass das hart für sie ist und seien sie versichert, wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber bitte bedenken sie auch, die Zeiten werden wieder besser und dann wird es auch für diejenigen von ihnen, die nun leider betroffen sind, wieder Stellen geben.“ Das klingt in den Ohren der Betroffenen wie Hohn und der Hinweis auf bessere Zeiten wie eine billige Vertröstung. Ausgesprochen von denen, die ja gar nicht davon betroffen sind. Die weiterhin ihren Arbeitsplatz haben, ihr ordentliches Gehalt kassieren. Zu denen da oben gehören, man selber aber zu denen unten.

Bei den Worten der Bergpredigt ist das genau anders. Der sie spricht, er erlebt selber, wie es Menschen ergehen kann, die barmherzig sind, die sich für Gerechtigkeit einsetzten. Er wird zum Tode verurteilt und in seinem Sterben ist er völlig alleine. Da findet sich keine Hand, die ihn Tröstet, nicht eine. Nur Hohn und Spott. Er, in dem Gott selbst in die Welt gekommen ist. In dem Gott selbst all das erfährt, was wir Menschen erleben: Hohn und Spott, Verachtung, Gewalt und Trostlosigkeit. Gott spricht nicht ein paar tröstende Worte zu uns, geht dann wieder in sein gut beheiztes Vorstandsvorsitzendenbüro zurück und sagt der Sekretärin, dass er die nächsten knappen tausenden von Jahren nicht zu sprechen ist. Gott kommt zu uns runter und geht unseren Weg bis zu seinem bitteren Ende.

Es bleibt nicht bei diesem Ende, sondern es geht darüber hinaus. Nicht der Tod, nicht Hohn, Spott, Umbarmherzigkeit und Unrecht behalten das letzte Wort, sondern das große Dennoch Gottes. Jenes Dennoch in der Auferweckung Jesu Christi, dem Sieg über den Tod. Nicht was wir alles in der Welt erfahren, dass den Worten der Bergpredigt entgegensteht gilt für immer und alle Zeiten, sondern das Dennoch Gottes.

Das heißt nicht, dass unsere Erfahrungen einfach vom Tisch gewischt werden, aber sie sind nicht alles. Nicht das letzte Wort. Es gibt ein Mehr, dass in der Auferweckung Jesu Christi Gott uns zusagt und verheißt. Wir machen Erfahrungen der Ungerechtigkeit, des fehlenden Trostes, dennoch gilt: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ Das gilt für immer und wirkt sich schon jetzt aus. Diese Worte gelten schon jetzt! Sie haben die Kraft unseren Blickwinkel zu verändern, auf uns selber und die Welt um uns herum. Sie haben die Macht, unser Handeln, unser Tun zu verändern. Sie verändern schon jetzt die Welt. Diese Macht, diese Kraft, die können nicht herbei geredet werden, die kann man nur erfahren. Diese Macht und Kraft, die können entstehen wenn man die Worte wirken lässt. Wenn man sich auf das Dennoch einlässt, denn es gilt doch schon jetzt und es blitzt auf in mancher Erfahrung: Unser Jogger von vorhin: Ein paar Jahre später kam er in den Niederlanden in eine ähnliche Situation. Er fand eine verletzte Person und brachte sie wieder unter Verletzung mehrer Verkehrsregeln ins Krankenhaus. Folge: Ein Empfang beim Bürgermeister der niederländischen Stadt mit Überreichung einer Dankesurkunde.

Oder dies: Eine 86jährige Französin hat 166 Menschen insgesamt 200.000 Euro hinterlassen. Sie hat in den letzten Jahren Buch geführt über all die Menschen, die auf irgendeine Art und Weise nett zu ihr waren: Die Dame an der Fleischtheke, der Busfahrer und viele mehr. Jeder hat nun 1.200 Euro aus dem Erbe erhalten.

Das sind keine weltbewegenden Nachrichten, aber zwei kleine Erfahrungen über denen das Dennoch steht. Das Dennoch Gottes der uns sagt: „Seid fröhlich und getrost“ – denn dieser Beginn der Bergpredigt, es sind keine leeren Worte, keine Vertröstung auf irgendwann:

„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.

Seid fröhlich und getrost; (…)“


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