Verfasst von: achterosten | 22. April 2018

Blick in den Spiegel – Predigt zu Johannes 15, 1-8

Predigt zu Joh 15, 1-8 (Jubilate, Konfirmation 22.IV.2018)

Liebe Konfis,
jetzt ist es fast geschafft, noch ein paar Minuten und dann könnt ihr sie endlich beantworten, die eine Frage: Ob ihr ja sagt dazu dass ihr getauft seid. Ihr habt euch die letzten 15 Monate darauf eingelassen zu überlegen, wie ihr diese Frage beantwortet. Habt etwas von dem geschenkt, was in unseren Tagen das kostbarste ist: Zeit. Zuletzt sogar eine ganze Woche in Euren Ferien. Wir haben uns in dieser Zeit viel unterhalten. Wir haben versucht für euch Zeit und Raum zu schaffen, damit ihr den christlichen Glauben erfahren könnt, so wie er hier in dieser Gemeinde gelebt wird. Ich habe dabei auch etwas von euch gelernt, gerade auch vor zwei Wochen als wir zusammen in Gahlen waren: Von euch wird ganz schön viel erwartet! Ob Schule, ob Freizeit, ob von euren Eltern, Familien, Freunden oder von Euch selbst. Und ihr habt eure eigene Art und Weise mit all diesen vielen Erwartungen umzugehen. Auch heute die Konfirmation war und ist mit Erwartungen an euch verbunden. Ich muss sagen, ich bin bis heute davon extrem beindruckt, zum Teil erschreckt es mich auch. Von euch wird verdammt viel erwartet, was ihr Tun und Lassen sollt, wie Ihr euren Weg gehen sollt. Vielen von euch zum Beispiel hat man ein ganzes Jahr genommen. Ihr seid die Generation, die nie etwas anderes als G8 kannte. Zwölf Monate Zeit, das ist in Eurem Alter fast eine Ewigkeit. Zwölf Monate weniger um Erwartungen zu erfüllen, das ist verdammt viel.
Und noch eins wurde mir klar: Uns Ältere unterscheidet sehr viel von euch, eines aber verbindet uns mit euch. Wir alle stehen unter diesem Druck der Erwartungen, der Ansprüche an uns, von uns selber und von anderen. Egal wie alt wir sind! Und gefühlt nimmt der Druck Tag für Tag zu.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum uns der christliche Glaube so fremd ist, so wenig einleuchtend erscheint, so wenig Raum in unserem Leben einnimmt. Denn das ist der Witz bei der Sache: Der Glaube hat keine Erwartungen an uns, der verlangt nichts von uns, gar nichts! Das ist ihm völlig fremd! Es gibt keine bessere Christin, keinen schlechteren Christen! Es gibt keine Liste zum Abhaken, kein Leistungsnachweis, keine Flammen auf dem Account. Der Glaube ist einfach nur da – ohne Erwartungen. Er will auch einfach nur da sein, das ist sein innerster Kern. Er ist das wahre Geschenk und verlangt noch nicht einmal ein Dankeschön. Das ist sein Geheimnis und die Freiheit, die in ihm wohnt. Freiheit, weil der Glaube erkennen lässt: im letzten, im ganz letzten bin ich gewollt und geliebt ohne Erwartungen. Ich erklär das mal mit dem Beginn eines Nirvanasongs. „Come as you are“ – so lässt es sich beschreiben, das ist das Geheimnis des Glaubens, zu dem sagen heute die Jugendlichen „Ja“. Nicht zu sogenannten christlichen Werten, zu irgendeiner Moral, sondern dazu, dass Gott nichts von Ihnen, von Euch erwartet, Euch, uns aber alles schenkt
.
Aber was heißt das weiter? Kann das Konsequenzen haben? Ändert das was? Der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium fragt genau das: „Was sind die Früchte des Glaubens?“ Ich glaube darauf gibt es keine pauschale, allgemein gültige Antwort. Da kann jede, jeder nur von sich sprechen, erzählen. Ich mache da mal den Anfang und das hat viel mit den Erwartungen, all den Fragen und dem ganzem Kram zu tun, der jeden Tag auf mich ohne Ende einströmt. Der Glaube, dieses lebendige Etwas, was mir geschenkt wurde, ist für mich mein Grund warum ich mir von Dubioza Kollektiv in Musik, Text und Bildern den Spiegel vorhalten lassen kann. Frei zu sein, gelassen zu sein, den Humor zu haben zu erkennen: Du bist einer von denen. Das ist dein Lied.

Liebe Gemeinde, ganz in der Tradition in Eppendorf Musikvideos im Konfirmationsgottesdienst erklingen zu lassen heute nun Dubioza Kollektiv – Himna Generacije. Den deutschen Text gibt es auf dem Einleger in den Liedblättern.

Für mich ist der Glaube die Freiheit, wie diese Jungs auf mein Leben zu schauen. Nicht von einer überhöhten moralischen Position aus auf die anderen, von denen ich mich angeblich so unterscheide. Sondern, dass ich weiß, dass das auch für mich gilt. Ich auf der einen Seite genauso an dem ganzen Kram leide, von dem gesungen wird, auf der anderen Seite aber je nach dem um was es geht, einer von denen in der Meute auf dem Weg zum Einkaufszentrum bin.
Das ist für mich eine der kostbaren Früchte des Glaubens: In diesen Spiegel schauen zu können. Das aushalten zu können, nicht alles als Gefasel unverbesserlicher Idealisten abzutun, nach der nächsten Ausrede zu suchen oder gleich das ganze als sehr gute Analyse der heutigen Gesellschaft zu erklären, die aber mit mir nichts zu tun hat. Sich so den Spiegel zeigen zu lassen, das ist nicht einfach, aber es geht und das ist doch schon mal eine ganze Menge, finde ich. Eine kostbare Frucht meines Glaubens, vor allem weil ich dank ihm auch mit der nötigen Portion Humor in diesen Spiegel schauen kann. Weil in meinem Herzen etwas gepflanzt ist, was mir sagt: Du bist so, aber es ist nicht das letzte Urteil über dich, Du bist geliebt und nicht allein. Wie schwach auch diese Stimme des Glaubens sein mag, wie überdeckt gerade auch von all den Dingen, von denen Dubioza gerade gesungen haben. Dies ist in meinem Herzen geblieben bis heute und hoffentlich für alle Tage.
Vielleicht habt Ihr, haben Sie in dem Lied ein Gefühl, einen Gedanken entdeckt, der Ihnen und Euch ja auch nicht fremd ist. Vielleicht wirklich ein Blick in den Spiegel, eine Momentaufnahme.
Wenn ihr gleich „Ja“ sagt, sagt Ihr „Ja“ zu einem Fundamt um entspannt in diesen Spiegel zu schauen. Sagt „Ja“ zu einem Fundament um entspannt mit all den Erwartungen umzugehen, die so an euch gestellt werden. Denn das ist die Verheißung des heutigen Tages: Das Geschenk des Glaubens gibt euch die Freiheit, den Humor und die Kraft dazu, aber auch dazu, die Frage zu stellen: Muss es so bleiben wie es ist?
Amen.

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Predigt zu „Christ ist erstanden“  (Ostern, 01.IV.2018)

 

Es wird kälter, er spürt es. Die Kraft der Sonnenstrahlen lässt nach. Sie mühen sich schon, den morgendlichen Dunst zu durchbrechen, der sie bald ganz verschlucken wird. Eine erste feuchte Kälte steigt vom Boden auf unter seine Arbeitsjacke. Feucht und nass ist auch das Gras, schnell spürt er, wie die Nässe an den Knien die Hose durchzieht. Immer kniet er in diesen Momenten, betrachtet oft die Welt auf den Knien, tief unten, taucht unter das Geschehen der Zeit, das über seinem Kopf in diesen Stunden hinweggeht, ihn nicht berührt. Er blickt um sich. Ist der Platz gut gewählt? Gedankenverloren streicht seine Hand durch das nasse Gras. Er wischt danach die Hand an der Hose ab, ein Streifen mehr neben all den andern die von den Monaten erzählen, die hinter ihm liegen. Es ist das letzte was zu tun ist, danach ist es wieder getan, ein weiteres Jahr ist zu Ende. Kurz schaut er noch mal, ja es ist ein guter Ort, hier kann es sein. Er zögert die Arbeit hinaus, geht umständlich sorgfältig vor, so als könne er damit die Zeit zwingen, das Ende hinauszögern. Dann aber ist es soweit, den richtigen Zeitpunkt abgewartet, den richtigen Ort gewählt. Mit Kraft aber doch sanft bohrt er das gezahnte Metall in den Boden, verwundet in einem perfekten Kreis die geschlossene Grasfläche, immer langsamer werdend. Nicht zu flach, nicht zu tief darf es sein. Vorsichtig zieht er das Metall aus dem Boden, drückt mit dem Daumen den Pfropfen aus Erde und Gras hinaus. Legt ihn neben sich. Ist zufrieden. Er greift in die Tasche und holt ihn heraus, ein schrumpeliges, kleines hässliches Etwas. Fast wie ein kleiner, unförmiger dunkler Klumpen Lehm sieht er aus. In seiner Hosentasche sind noch mehr davon, wie um sie zu wärmen, ihnen einen Moment von dunkler Wärme zu schenken, bevor es in die feuchte Finsternis der Erdhöhle geht. Mitten hinein legt er den Klumpen, verschließt die Höhle fest mit dem Erdpfropfen. Kaum zu sehen ist noch etwas, nur für das wissende Auge nicht verschwunden die Narbe auf der Erde. Ruhig und präzise arbeitet er weiter, unzählige der kleinen Klumpen wandern aus der fusseligen Wärme der Hosentasche in ihre Erdhöhle. Die Zeit verstreicht, die Sonnenstrahlen waren heute Morgen doch noch stärker als der Dunst, noch. So spürt er ihre ersterbende Kraft durch Jacke, Pulli und Hemd. Er greift in die Tasche, sie ist leer. Es ist getan. Er blickt auf, löst den Blick von der Erde. Nicht weit sitzt ein Rotkehlchen, neugierige Beobachterin seines Tuns, Begleiterin der letzten Monate. Sein Kopf durchstößt wieder die unsichtbare Grenze zum Alltag als er sich aufrichtet. Das wars. Ohne sich umzublicken geht er ins Haus, in der Hand den Eimer mit den Geräten. Seine Hoffnung sie liegt in den kleinen, feuchten Erdgräbern. Er zwingt sich, nicht an sie zu denken. Ein dummer Trick um der Enttäuschung vorzubeugen. Nach ein paar Stunden schon hat er sie vergessen. Von nun an übernimmt feuchte Kälte, kalte Nässe und graue Dunkelheit das Regime, breiten ihr dunstiges Leichentuch aus. Es gelingt, in die Tiefen seiner Erinnerung hat er die kleinen Erdhöhlen verschlossen in dieser Zeit. Vergisst sie, ihren Ort, begraben unter dem toten Laub.

Eines Morgens aber ist sie da, diese Unruhe. Er erwischt sich immer wieder dabei, wie er aus dem Fenster in das Graue starrt. Sich davon abhält  nicht hinauszugehen, vorsichtig wie beiläufig um nichts zu zwingen, ein wenig das Laub beiseite zu schieben. In einem Moment der Schwäche aber schaut er nach. Er hätte es nicht tun sollen. Nichts ist zu sehen, nur das Einheitsgrün der Rasenhalme. Die kleine Höhle sie ist zum Grab geworden, so scheint es. War es sein Fehler? Falscher Ort, falsche Zeit, zu tief, zu flach? Er wendet sich ab, enttäuscht, mit einem Stich im Herzen. Drei Mal geht das Licht der Sonne über das Land, um wieder in der grauen Dunkelheit zu verschwinden. Die Narben auf dem Rasen sind darüber verschwunden, Gras ist über das Ganze gewachsen. Nichts mehr zu sehen von der kleinen Hoffnung, die er dort begraben hat. Beiläufig geht er an dem Mantel des toten Laubes vorbei, da trifft es ihn wie ein Schlag. Kaum zu sehen eine kleine gelbe Krone, halb verborgen. Zwingt seine Füße stehen zu bleiben, er geht auf die Knie, ungläubig, aber es ist so. Eine kleine gelbe Krone hat mit unwiderstehlicher Kraft das Totenkleid des Laubes durchdrungen. Und es ist nicht nur die eine, jetzt auf den Knien erst sieht er es, überall schieben sich die kleinen Siegerinnen dem Himmel entgegen. Erstrahlendes lebendiges Gelb. Eine  Bewegung daneben, ein pelziger kleiner Körper schiebt sich hindurch, verweilt einen Moment in Schwachheit, wendet sich dann aber den gelben Kronen zu. Eine erste Hummel, die bei ihnen Kraft und Leben finden wird und ihren Namen Lügen strafen wird, den Namen dessen, der nun besiegt ist: Winterlinge.

 

Meditation über „Christ ist erstanden“ (Orgel, Klavier)

 

Liebe Gemeinde,

es ist Ostern. Ein Tag der Freude, des Lebens, ungetrübt. Dieser Tag ist nicht zu erklären, in die Sprache der Theorie zu fassen. Wie soll das auch gelingen? Dass der Tod besiegt ist, das Leben am Ende steht von allem? Der Anfang ist und nicht das Ende? Das können diese Worte nicht umgreifen, nicht erklären. Durch die Zeiten hindurch erheben Menschen in diesen Tagen ihre Stimme und singen es „Christ ist erstanden“, das wahrscheinlich älteste Kirchenlied in unserer Sprache. Auch dies versucht nicht zu erklären, sondern stellt die Botschaft von der Auferstehung nur in größter Verwunderung und Freude fest. In Wort und Melodie. Sprache der Musik, der Bilder, der Poesie, das sind die Sprachen dieses Tages. Die Botschaft des Lebens sie wird in diesen Sprachen laut. Die Botschaft des Lebens braucht Erfahrungen unseres Lebens, mit denen sie sich verbindet, eine Brücke bildet, über die wir gerufen werden, hinzugehen, dort wo das Leben blüht. Und daher muss ich es einfach mal so sagen: Gott ist ein großer Fan des Ruhrgebietes, gerade zu Ostern. Und das nicht gerade deswegen, weil man uns nachsagt, dass wir das Leben zu feiern wissen, sondern wegen der Schrebergärten, der weitläufigen Gärten hinter den Häusern der alten Zechensiedlungen. Fahren sie mal mit dem Zug durch das Ruhrgebiet oder zum Beispiel Stuttgart – in der Zeit, in der sie da an grauen Straßen vorbei  bis zum Milliardengrab Stuttgart Hbf gelangt sind, haben sie schon bei uns in mindestens drei bis vier grünen Einsprengseln den Möhren beim Wachsen und den stolzen Gartenbesitzern beim Grillen zugucken können. Sie halten das für unangemessen zu sagen, dass deswegen Gott ein Fan des Ruhrgebietes ist? Das ist vielleicht ein bisschen flapsig, aber wie wird uns denn Gott ganz am Anfang in der Bibel vorgestellt – als Gärtner. Als Gärtner für den es nichts Schöneres gibt als am Abend durch das zu wandeln, was er geschaffen hat. Der verlorene Ort, wo Gott und Mensch sich Aug in Aug begegnet sind – ein Garten. Die Verheißung Gottes am heutigen Tag, die Botschaft vom Leben, für die wir kaum Worte finden, die allem entgegenstehen, was uns Erfahrung und Klugheit lehrt? Dafür ist er der beste Ort, um dies zu erkennen – der Garten. Denn hier wächst aus dem toten Samenkorn das Leben, aus dem kleinen unscheinbaren toten Klumpen die wunderbaren Winterlinge. Sie lehren zum Beispiel die Gärtnerin den Rhythmus von Karfreitag und Ostern – denn meistens brauchen sie etwa drei Jahre bis zur ersten Blüte. Und ist es wirklich nur Zufall, dass uns erzählt wird, wie Maria den Auferweckten am Ostermorgen für den Gärtner hielt? Die Gärtnerin, der Gärtner tragen sie in sich die Erfahrungen durch die die unsagbare Botschaft von Ostern Worte, Bilder findet. Eine Sache ist da aber noch zur Präzisierung nötig: Gärtnerin, Gärtner, das ist weit gemeint. Jede, jeder die schon einmal einen Samenkorn in die Erde gelegt hat, sei es in einem riesen Gemüsebeet oder einem kleinen Topf. Ungeduldig gewartet und dann dem Leben beim Wachsen und Gedeihen zugesehen hat. Sie wissen um das Geheimnis vom Leben, tragen in sich die Erfahrung für den heutigen Tag. Wissen aber auch darum, dass die Erfahrung des Gartens nicht die Botschaft des Ostermorgens in sich aufnimmt, sondern sich mit ihr zu der Brücke verbindet hinüber und hinein in alle kettensprengende Siegesbotschaft dieses Tages. Die weit über alles hinausgeht. Die Erfahrung der Gärtnerin, des Gärtners weiß um den Kreislauf von Leben und Tod, weiß, das alles verblüht, vergeht. Jesus Nacht der tiefsten Verzweiflung, des Verrates, der Verhaftung – ein Garten ist der Ort dafür. Ostern aber ist nicht ein Wiederauferblühen von Totgeglaubtem, es ist das völlig Neue, das nicht mehr verblühen, vergehen wird. Verborgen und doch offen vor unseren Augen und Herzen. Das völlig Neue von Ostern ist die Brücke in den alten Ort wo Gott und Mensch sich begegnen, das Paradies, ein Garten. Leben und Freiheit wachsen dort ohne Ende, ohne Vergehen, denn er ist erstanden.

 

Predigt zu Joh 17, 12-19 (Palmarum, 25.III.2018)

Liebe Gemeinde, das ist die Geschichte dieses Sonntages. Jesu Einzug in Jerusalem wenige Tage bevor er den gewaltsamen Tod am Kreuz findet. Stärker könnte der Kontrast nicht sein: Hier der triumphale Einzug eines Königs und wenige Stunden später Verhaftung, Gewalt, Folter, Tod. Wie in einem Brennglas bündelt sich hier alles. Heute beginnt es. Ein König, ein Sieger zieht ein, so wird uns erzählt. So wie durch die Zeiten der Jahrhunderte Könige und Sieger einziehen, wie sie „eingeholt“ werden mit Jubel an den Straßen, schon vor den Toren der Stadt. Etwas, was bis heute geblieben ist, denken wir nur an die Bilder der Rückkehr der erfolgreichen deutschen Mannschaft der Winterolympiade. So zieht Jesus ein und doch ist alles angeblich ja anders und das liegt allein an diesem Tier – dem Esel. Und dann noch so ein besonders kleiner, „Eselchen“ wird er verniedlicht im Griechischen genannt. Dieser Esel zeigt, hier kommt ein anderer König, ein anderer Sieger. Keiner der mit Macht und Kraft herrscht und siegt, sondern ganz anders. Gehört habe ich das oft, verstanden nicht wirklich – bis vor knapp zwei Jahren. Da hat sich mal wieder die alte Weisheit bestätigt, das Reisen nicht nur ungemein entspannend und eine der besten Errungenschaften der Menschheit ist, sondern halt auch bildet. Da stand ich in der Wärme eines istrischen Sommertages der langsam zu Ende ging an einer langen Gasse in dem Städtchen Vodjan. Ein etwas verschlafenes Städtchen nördlich von Pula, das außer einer der größten Reliquiensammlungen Europas nicht wirklich hervorsticht. Rein familiäre Gründe haben mich hierhin geführt, es gilt die Tanzkünste der Großcousine zu bewundern. Denn es ist Samstag, es ist Festtag in Vodnjan. Dieser Festtag steuert gerade auf seinen Höhepunkt zu. Eifrig müssen die jungen Männer und Frauen für diesen Tag geübt haben, jedenfalls machen viele diesen Eindruck. Es ist auch nichts Leichtes, das nun vor ihnen liegt. Das ganze Geschick und Können sind für die wenigen Meter nötig, die entscheiden ob man Sieger ist oder sich völlig blamiert hat. Alle nehmen die Startposition ein, die Spannung steigt, der Pfiff ertönt und mit lauten Rufen beginnt die wilde Hast durch die Gasse hin zum Ziel. In diesem Moment habe ich sie erst wirklich verstanden, die Geschichte vom Einzug Jesu nach Jerusalem, der so anders ist. Denn all diese Frauen und Männer sitzen wie er auf einem Esel. Es ist auch das ein oder andere „Eselchen“ an diesem Abend in Vodnjan dabei. In diesem Moment erkenne ich: der Esel lässt es nicht zu, dass seine Reiterin, sein Reiter nur im Geringsten etwas Königliches an sich hat. Die Beine hängen herunter, schleifen fast über den Boden, der Gang und Lauf des Esels ist kein majestätischer und schon gar keiner geradeaus. Der Esel zwingt seine Reiterin zur Demut, nie wird es gelingen auf diesem Tier dem landläufige Bild eines Siegers, eines Königs zu entsprechen. Der Esel ist ein egalitäres Reittier, er erhöht den Menschen nicht, er bleibt dann, was er auf dem Esel ist: Einer von uns. Da auf dieser kleinen Gasse habe ich sie zum ersten Mal verstanden, die Geschichte vom Einzug in Jerusalem. So ist mir aber auch etwas anderes klar geworden: Das es ja gar nicht stimmt, was uns oft vorgegaukelt wurde: Dass genau die Menschen, die hier Jesus zujubeln, wenige Tage später dafür sorgen, dass er am Kreuz endet. Eine dieser Auslegungen, die in sich das Gift des Antijudaimus tragen, das so lange unseren Glauben pervertiert hat. Der Autor des Johannesevangelium dagegen differenziert hier sehr genau. Da sind die, die jetzt jubeln. Die, die all ihre Hoffnung auf den setzten, der da kommt, von dem sich die Menschen erzählen, dass der Tod vor ihm weichen muss. In dessen Wort und Tat sich das zeigt, was das Elend des Alltages durchbricht. Dass Liebe stark ist und nicht vor den Verhältnissen kapituliert. Das sind die, die jubeln. Dann sind da die anderen, die mit Skrupel durchsetzt sind, die Alternativlosen, die sich selber eine höhere Erkenntnis zuschreiben, einen größeren Überblick. Sie werden es sein, die ihn denunzieren werden bei den Besatzern. Nicht aus Bösartigkeit, noch nicht einmal so sehr aus dem Willen zum Machterhalt und religiösen Fanatismus, sondern vor allem aus Angst, dieser Krankheit des Herzens. Und wo bleiben, die die jubeln? Vielleicht standen sie unter dem Kreuz, am Wegesrand hin zur Schädelstätte und sahen erneut, wie ihre Hoffnung zerrann, zerstört wurde von den anderen. Und wieder heißt es, sich aufraffen, um einen kleinen Funken Hoffnung trotzdem zu bewahren.
An dieser Stelle der Geschichte steh ich dort auf der Gasse Jerusalems. So wird die Geschichte wird zu einer gefährlichen Geschichte. Geschichten und Erfahrungen meines Lebens verknüpfen sich mit ihr, Geschichten und Erfahrungen aus den letzten 25 Jahren, seit ich als Konfirmand bewusst ein Teil der Gemeinde, der Kirche wurde. Geschichten aus der Zeit des Studiums, dem Vikariat, der Arbeit in Diakonie und Gemeinde. Erfahrungen als einer aus der Mehrheit der Menschen in unserer Kirche, unseren Gemeinden. Mit einem gewissen christlichen Traditionshintergrund, gründlich war in der konfessionellen Kita dafür gesorgt worden. Religiöse Praxis bestand in Konfirmation und den Gottesdiensten an den Wendepunkten des Lebens. Wie bereits gesagt einer von der Mehrheit unsere evangelischen Volkskirche, wie sie bis heute ist. Und das ist ja auch gut so, dass das so ist. Vor diesem Hintergrund immer wieder Erfahrungen, Erlebnisse, die sich mit dieser Geschichte heute am Palmsonntag verweben. Lebhaft vor Augen, wie dieses: Da ist ein Treffen mit dem Presbyterium und uns engagierten Jugendlichen meiner damaligen Heimatgemeinde. Ich weiß überhaupt nicht mehr um was es konkret ging, jedenfalls hatte es lange Planung und noch vieles mehr in Anspruch genommen. Es war vor allem von einem geprägt: Ernst machen mit der Botschaft von Freiheit, Ernst machen mit der Hoffnung, dass es das gibt, das ganz Andere. Das Ende vom Lied: Alles wurde abgelehnt, am Ende hatte man auch noch die Chupze uns vorzuwerfen, wie mies denn die Jugendarbeit durch uns geworden sei und der liebe Herr Jesus käme ja auch viel zu kurz bei uns. Da hatte ich das erste Mal das Gefühl wie vielleicht all diejenigen, die in der Geschichte heute an den Straßen standen und ihm zujubelten, dem der da kam, der Freiheit versprach, mit dem sich große Hoffnung verband. So groß, dass sie überschäumte, in einem brannte. Was für ein Hochgefühl, aber nur kurz durfte diese Flamme brennen. Wir schlichen damals davon, enttäuscht von der Schar der Etablierten und mit dem Versuch, die Hoffnung nicht ganz zu verlieren. Das gelang nicht vielen. Viele weitere Geschichten folgten bis zum heutigen Tag, an denen ich und andere uns fühlten wie einer von denen, die heute jubelnd am Palmsonntag am Straßenrand stehen. Kurz Zeit später müssen sie alle Kraft dafür aufwenden, das trotzige „Trotzdem“ als Hoffnung im Herzen nicht zu verlieren. Wie vielen war das nicht möglich? Wahrscheinlich, und das ist das Schmerzhafteste, den meisten. Wir haben sie verloren. Ihnen hat es ein, zwei Mal gereicht zu sehen wie das mit dem sich ihre tiefe freudige Hoffnung verband, ausgeliefert und geopfert wurde, von denen die „dazu gehörten“, den Etablierten. Die ihre Macht aus dem gefühlten Grad des Glaubens, aus der Höhe ihres Engagements, ihrer Professionalität ableiten. Wie bei den Pharisäern geschah dies Preisgeben bei der Mehrheit nicht aus Machterhalt und religiösen Fanatismus, sondern aus Angst. Aus Angst vor was, ja vor was will man fragen? So richtig habe ich keine Antwort. Keine brutale Besatzungsmacht bedroht sie, niemand will ihnen an die Wäsche – was ist es dann? Ich weiß es nicht.
Jetzt könnte man einwenden, das was ich da beschreibe, für das der Einzug Jesu in Jerusalem ein Bild ist, hat eher mit normalen Lebenserfahrungen zu tun, als mit der Situation in der Kirche. Ich soll mal nicht so rumjammern. Ja, das stimmt, aber behaupten nicht gerade jene, die Etablierten, dass es hier ganz anders sein soll? Und bin ich nicht über die Jahre ja auch zu einem dieser Etablierten geworden? Stehe manchmal selber dort am Rande, sehe wie die anderen jubeln ob dem was da kommt, was in ihnen die Flamme der Hoffnung entzündet? Steh dort und denke mir, hoffentlich können wir das abwenden, das hat hier nichts verloren. Es gab manchmal gute Gründe, aber oft war es auch einfach nur die Angst und der Hochmut des Etablierten, dessen der dazugehört, der es angeblich besser weiß. Immer wieder stehe ich aber auch noch bei den Jubelenden, denen die hoffen. Warum stehe ich aber dort noch, hat die Erfahrung mich noch nicht klüger gemacht? Was soll das Ganze dann noch, sollte man dann nicht alles einfach seinen Gang gehen lassen?
Gute Fragen – am Ende steht aber eines und da kommt wieder der Esel ins Spiel: So sehr sich die Geschichte vom Einzug in Jerusalem mit meinen Erfahrungen verwoben hat, es gibt es da einen gewichtigen Unterschied: Der der dort einzieht ist vielmehr als eine gute Idee, etwas Neues, etwas was ein wenig anders ist – er ist der Andere. Und seine Geschichte endet nicht wie die mancher Idee, die wir haben sterben sehen. Hier triumphieren am Ende nicht die Macht und auch nicht die Angst. Hier behalten nicht die Etablierten das letzte Wort, sondern der wird ins Recht gesetzt, der alles, aber nicht königlich aussah auf seinem „Eselchen“. Heute in einer Woche endet erst die Geschichte und dann werden wir nicht mit gesenktem Haupt und gebrochenem Herzen davonschleichen, sondern mit geradem Rücken, freiem Herzen und freiem Geist. Und weil diese Geschichte so ganz anders endet als viele der unsrigen, werde ich dort am Straßenrand zu finden sein, wenn es gilt, dem zuzujubeln, was die Wahrheit der Geschichte Gottes zu uns bringt. Die in mir hoffentlich auch die Angst besiegt, wenn ich dort am Rande stehe und jubeln will.

Predigt zu Mt 6, 9c (I. Bitte Vater Unser) (Lätare, 11.III.2018)

Liebe Gemeinde, ich gehe mal davon aus, dass die Mehrheit von Ihnen heute Morgen weiß wer ich bin. Sie kennen meinen Namen, haben ihn gehört, gelesen, ich habe mich persönlich so vorgestellt. Wenn sie meinen Namen hören steht vor Ihrem inneren Auge vielleicht ein Bild. Zusammengesetzt aus dem was sie von mir wissen. Sie kennen mich, denn sie kennen meinen vollständigen und richtigen Namen. Fast eine Banalität aus dem alltäglichen Leben – der Name macht einen Menschen erkennbar, hebt ihn heraus, ist Träger und Bild seiner Einmaligkeit. Wir können die Frau, den Mann neben uns damit schon einmal zuordnen, sie im wahrsten Sinne er-kennen. In den Tagen wie diesen gilt das umso mehr – über den Namen findet man jede und jeden, ob über Facebook, Twitter, Snapchat etc. Ohne viel Aufwand findet man den Menschen, wo er wohnt, was er beruflich so macht und manchmal auch Dinge, die man eigentlich nicht sehen will, z.B. die Badebuxenbilder aus dem letzten Urlaub. Aber auch: Den Namen zu wissen, der erste, entscheidende Schritt aufeinander zu aus dem dann auch mehr werden kann – Vertrauen, Zuneigung, Liebe. Wer seinen Namen nennt, gibt etwas sehr wichtiges von sich preis, macht sich erkennbar und begibt sich mehr oder weniger freiwillig in die Hand des anderen. Unser Name macht uns unverwechselbar, erkennbar, aber auch greifbar, verantwortlich und haftbar. Nicht umsonst ist er auch der erste, entscheidende Schritt in der Taufe. Dieser einmalige Mensch mit seinem Namen wird ein Kind Gottes.
Nicht anders ist es bei Gott. Er hat seinen Namen Menschen genannt, seinen wahren Namen. Gott wird damit erkennbar , tritt aus dem Nebel heraus, gewinnt Gestalt. Kein Name, den man wirklich aussprechen kann. Kein Name der in einem Wort liegt, sondern eher auf die Geschichte Gottes mit den Menschen verweist. Von Treue, von Liebe spricht dieser Name. Mit ihm legt sich Gott selber fest, zeigt, dass er mit den Menschen zu tun haben will, für sie ansprechbar sein will. Mit seinem Namen hat er sich selber aber auch haftbar gemacht, hat sich selber greifbar gemacht. Von seinem Namen erzählen uns all die Geschichten, Gedichte, Lieder, Texte, von Liebe, von Treue, von Zorn, von Vergebung, von Friede und Gerechtigkeit. Mit seinem Namen ist Gott für uns erkennbar. Wäre er nicht auf die Menschen zugegangen, hätte er ihnen nicht seinen Namen genannt, nichts würden wir von ihm wissen, kein Glaube wäre möglich. So aber, da sein Name bekannt ist, kann Glaube, Vertrauen entstehen.
Unter diesen Namen Gottes stellen wir jeden Menschen, den wir taufen. Es ist dieser Name, der die erste Bitte des Vater Unsers bildet „Dein Name werde geheiligt“. Die erste Bitte ist heute der nächste Schritt, den ich mit ihnen gehen möchte bei unserem Spaziergang durch die Worte des Vater Unsers. „Dein Name werde geheiligt.“ Es ist der Name, den Gott den Menschen selber genannt hat, mit dem er erkennbar ist, in dem er den Glauben schenkt, der über dieser Bitte aufgespannt ist.
Wie lautet aber dieser Name? Von wem wissen wir davon? Wie sollen wir ihn überhaupt heiligen? Die Antwort? Sie liegt für mich in zwei Liedern, die ich mitgebracht habe. Ich gebe zu, vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Weg, aber bitten folgen Sie mir dabei – erst am Ende ergibt sich alles
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Joseph Schmidt – Ein Lied geht um die Welt…

Liebe Gemeinde, die Älteren werden es erkannt haben, vielleicht leise auch ein wenig mitgesummt haben. Vielleicht wurden in den paar Minuten auch Erinnerungen geweckt, Erinnerungen an gute, unbeschwerte, schöne Stunden. Ein echter Gassenhauer, Titelmelodie des gleichnamigen Filmes „Ein Lied geht um die Welt.“ Die Jüngeren werden vielleicht etwas überrascht oder auch entsetzt gewesen sein – oh Mann, was spielt er da jetzt für alte Dinger. Heute Morgen steht aber für nicht so sehr das Lied im Mittelpunkt sondern sein Sänger. Jener kleine Mann mit gerade mal 154cm Körpergröße, aber einer großen Stimme. Einer der großen Tenöre seiner Zeit und fester Bestandteil jeder Operetten- und Schlagersammlung. Er hat sie alle gesungen, ob „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“, „La Paloma“ oder „Dein ist mein ganzes Herz“. Es rauscht und knackt im Lautsprecher und dann kommt diese Stimme. Sein Name? Ein Allerweltsname, Joseph Schmidt, vor einer Woche hätte er Geburtstag gehabt, seinen 118ten. Was er mit „Dein Name werde geheiligt“ zu tun hat? Als Tenor im Radio, auf der Bühne, im Kino kannten ihn alle, wenige aber nur dies:

Joseph Schmidt – Adonaj hu ha Elohim

Liebe Gemeinde, „Adonaj hu ha Elohim – Der HERR ist Gott“. Joseph Schmidt war nicht nur umjubelter Musikstar jener Tage, er war auch Chasan, Kantor der jüdischen Gemeinde in Berlin. Und natürlich wurde auch ihm das leider zum Verhängnis. Auf einem Sofa in einer Schweizer Gaststätte starb er, gerade mal 38 Jahre alt. Völlig entkräftet von seiner Flucht quer durch Europa, Flucht vor dem sicheren Tod, dem Gang ins Gas, dem Gang an die Wand. Als „Illegaler“ ohne Papier wurde ihm die Behandlung seiner Herzkrankheit verweigert.
Dieser Mann, er besang nicht nur die Hochs und Tiefs des Liebesleben, dramatische Verstrickungen, melancholische Erinnerungen, sondern ließ schon seit seiner Kindheit für eines seine Stimme erklingen: zum Lob, zur Heiligung Gottes, der seinen Namen seinem Volk, dem Volk Joseph Schmidts genannt hatte – den Juden.
Ihnen hat er seinen Namen genannt und nur ihnen. Kein Mensch würde den Namen Gottes kennen, er wäre für uns der große Unbekannte ohne sein Volk, den Menschen denen er sich gezeigt, denen er seinen Namen genannt hat, den Jüdinnen und Juden. Alle drei Fragen: Wie lautet aber dieser Name? Von wem wissen wir davon? Wie sollen wir ihn überhaupt heiligen? Diese Fragen finden hier ihre Antwort. Wie sein Name lautet, dass hat Gott seinem Volk, den Jüdinnen und Juden, gesagt und gezeigt. Damals als sie in Sklaverei lebten, unterdrückt, von der Auslöschung bedroht. Er hat ihnen seinen Namen genannt indem er sie in die Freiheit geführt hat, ihnen seine Gebote gegeben hat. Die Gebote, die die Freiheit des Menschen bewahren, indem sie ihnen ein festes Fundament geben: Die Liebe von Gott und Mensch. So kennen und wissen wir von dem Namen Gottes durch sein Volk und nur durch sein Volk. Das ist keine theologische Randnotiz, sondern elementare, unverzichtbare Grundlage unseres Glaubens: Ohne Gottes Volk, ohne die Juden würde es unseren Glauben nicht nur nicht in dieser Gestalt geben, sondern es würde unseren Glauben überhaupt nicht geben. Gar nichts wüssten wir von diesem Gott! Wir wissen auch nicht mehr als die Jüdinnen und Juden über ihn und sein besseres Volk sind wir mal schon mal gar nicht. Wir haben kein christliches Sonderwissen über Gott! Das ist der Weg Gottes zu uns Christinnen und Christen – über dieses, sein Volk, aus der Mitte seines Volkes wählt Gott seinen Weg zu uns Christinnen und Christen. Erst durch sie kennen wir seinen Namen, durch sie können wir ihn heiligen. Aber wie? Für mich liegt das klar auf der Hand: Indem wir sein Volk, die Jüdinnen und Juden ehren. Indem wir ihnen niemals streitig machen, dass sie Gottes Volk waren, sind und bleiben. Uns niemals über sie erheben, uns anmaßen, wir wären das wahre Volk Gottes. Sondern die Entscheidung Gottes annehmen, in unser Herz lassen, das dies sein Weg ist zu uns Christinnen und Christen, den er gewählt hat. Das heißt es, die Erste Bitte des Vater Unser mit dem Herzen und dem Verstand zu beten, den Namen Gottes zu heiligen.
Das heißt – und das zum Schluss – dem Volk Gottes, den Jüdinnen und Juden diese Rolle voll zuzugestehen. Das heißt aber auch die Distanz zwischen ihnen und uns zu akzeptieren. Sie selber sind für ihren Glauben, ihre Theologie, ihre Kultur zuständig und brauchen nicht unsere wohlgemeinten Ratschläge. Die Jüdinnen und Juden sind auch nicht sozusagen qua Geburt für das elende Problem des Antisemitismus zuständig. Das ist unsere Aufgabe und gerade unsere Aufgabe als Christinnen und Christen in aller Welt. Jeder Angriff auf das Volk Gottes ist ein Angriff auf unseren Glauben. Ohne das Volk Gottes kann unser Glaube nicht leben, nicht bestehen, kann die erste Bitte des Vater Unsers nicht mehr über unsere Lippen kommen.
Genau so wenig ist keine Jüdin, kein Juden verpflichtet sich unsere schlauen und weniger schlauen Beiträge zur Lösung des Nahostkonfliktes anzuhören. Und auf keinen Fall ist es ihre Aufgabe und Pflicht uns von der Schuld, dem Versagen unserer Vorfahren sozusagen loszusprechen. Mann, so viele Keller hat es im ganzen Deutschen Reich gar nicht gegeben, wie angeblich dort Juden versteckt worden sind.
Und wer meint, er könne das Volk Gottes vor seinen Karren des Kampfes gegen den Islam spannen, der wird schnell feststellen, dass er in diesem Wagen viel brauen Mist hat, aber nirgends das strahlende Blau des Magen Davids, des Sterns Davids finden wird.
„Geheiligt werde dein Name.“ – jedes Mal, wenn wir es sprechen, wird unser Blick auf die Menschen gerichtet, denen wir verdanken, dass auch wir den Namen Gottes kennen. Auf die Menschen die schon lange vor uns beteten und es bis heute tun: „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde- sein Reich soll in eurem Leben in den eurigen Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in nächster Zeit erstehen.“

Verfasst von: achterosten | 28. Januar 2018

Was sind wir gut – Predigt zu Jeremia 9, 22-23

Predigt zu Jer 9, 22f (Septuagesimae, 28.01.2018)

Liebe Gemeinde,
„Eigenlob stinkt“ – das ist doch einer dieser kurzen prägnante Sätze hinter denen sich ein ganzes Gebäude versteckt, was man so für gut und richtig hält. Wie das so im Leben zu laufen hat. Sich selber loben, von sich selber gut zu reden. Das tut man nicht und wer es doch wagt, der darf sich hier bei uns schnell mit einem echten Titel schmücken – „Graf Koks von der Gasanstalt“. Bescheidenheit im Hinblick auf sich selbst, das eigene Licht nicht nur unter den Scheffel, sondern gleich in den Keller stellen, das sind Werte, Haltungen, die wir alle gelernt haben. Aktuelles Beispiel? Die eigentlich völlig widersinnige Antwort: „Dafür nicht“ wenn sich jemand für etwas bedankt. Hat sich so in den Sprachgebrauch eingeschlichen, hört man mindestens einmal am Tag. Ein Freund von mir kann sich über diese Antwort sehr schön aufregen und nach ein bisschen Nachdenken muss ich ihm Recht geben. Denn für was soll man dann noch Danken, wenn die Antwort immer ist „Dafür nicht“? Ab und zu ertappe ich mich selber dabei. Eine Antwort hinter der sich aber genau die genannte Haltung verbirgt: „Ich? Ich habe doch gar nichts gemacht für was es sich zu danken lohnt.“ Ich sage es ja – Licht nicht nur unterm Scheffel sondern im Keller. Allerdings ist die Frage, ob es mit dieser demonstrativen Bescheidenheit wirklich so weit her ist. Auch dafür gibt es einen wunderbaren Begriff: „Fishing for Compliments.“ So lange und lautstark oder leise, aber sehr gezielt sich in Bescheidenheit ob der eigenen Fähigkeiten üben, bis sich dann endlich jemand erbarmt, einem auf die Schulter haut und sagt „Haste gut gemacht“. Sprich endlich das gewünschte Lob am mehr oder weniger geschickt ausgeworfenen Harken hängt. Das mit der Bescheidenheit ist also so eine Sache. Aber, das werden Sie jetzt vielleicht einwenden, ist uns das nicht auch immer in der Kirche erzählt worden – sich selber ja nicht zu hoch einschätzen, immer bescheiden sein, von sich selber nicht allzu viel halten? Haben wir das nicht gerade von unsern Eltern gesagt bekommen, in der Schule gelernt und von der Kanzel gehört? Ich jedenfalls kann mich an solche Worte erinnern. Wenn es richtig zur Sache ging, dann hatte ich auch eher das Gefühl ich solle mein Licht nicht nur in den Keller stellen, sondern gleich auf die siebte Sohle. Dorthin wo es dann endgültig keiner mehr sieht. Das Ganze wurde dann auch mit bedrohlich klingenden Worten aus der Bibel untermalt. Hier mal so eine Kostprobe aus dem Jeremiabuch: „So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ Ja, da haben wir es doch, die Bestätigung des Gesagten. Man soll sich nicht rühmen. Allerdings, das entscheidende kommt noch, denn es geht im Text weiter: „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“ Das ändert das Ganze jetzt aber erheblich. Wer mag soll sich ruhig rühmen, sprich sein Licht ruhig auf den Scheffel stellen, damit es alle sehen können. Dass Selbstlob stinkt, in der Bibel jedenfalls finden wir so wohl keine pauschale Zustimmung dafür. Selbstlob ist grundsätzlich anscheinend gar nicht mal schädlich. Da gilt, um einen anderen gern benutzen Satz zu nehmen, „Tue Gutes und rede drüber.“ Die entscheidende Frage ist also nicht, dass man sich lobt sondern – für was? Für was also kann man sich loben? Das wird zur entscheidenden Frage.

Liebe Gemeinde, wir werden uns gleich im Anschluss an den Gottesdienst darüber unterhalten, wie sie denn aussehen kann, die Zukunft der Kirchengemeinde in Goldhamme und Eppendorf. Wie soll es aussehen, das gemeinschaftliche Leben der Christinnen und Christen hier vor Ort? Das heißt wir müssen auch darüber sprechen, was wir tun, aber auch was wir lassen. Das ist nicht einfach, das ist uns allen klar. Vieles hat sich ja auch schon in der Vergangenheit geändert, es galt Abschied zu nehmen von altem Vertrauten, es ist aber auch viel Neues entstanden. So zum Beispiel gerade hier im Jochen-Klepper-Haus die besondere Atmosphäre der Gemeinschaft, der Umbau der Kita in der Cheruskerstraße zur U3 Kita und vieles mehr. Wie aber soll es weitergehen? Sind nicht neue Strukturen notwendig, neue Formen nötig? Wichtige Fragen, denen wir nicht aus dem Weg gehen, die wir nicht ignorieren können. Denn das ist klar und eine Tatsache, alles zu lassen wie es war und ist, das war nie so und wird auch nie so sein. Woran aber sollen wir uns dabei orientieren? Was soll sozusagen unsere Leitplanke dabei sein, zu entscheiden, wie es weitergehen soll, was wir in Zukunft tun und lassen? Ich will sie bei diesen entscheidenden Fragen ernstnehmen – die Zeugnisse des Glaubens. Vielleicht ist das in der Vergangenheit auch viel zu selten geschehen. Der Text aus dem Jeremiabuch könnte doch dann ein wichtiger Teil der Leitplanke unserer Entscheidungen sein.
Fangen wir doch mal vorne an: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit.“ Mit Weisheit ist jetzt hier nicht reines theoretisches Wissen gemeint, sondern eher etwas was man lebenspraktische Klugheit nennen kann. Und das können wir doch wohl in Kirche und Gemeinde. Nehmen wir nur all die Feste, Gruppen und Kreise, die zu organisieren sind. Dafür braucht man eine ordentliche Portion lebenspraktischer Klugheit und es klappt doch gut bei uns wenn sowas ansteht. Aber das ist wohl nicht entscheidend.
„Ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke.“ Bei der ganzen Sorge im Blick auf die Zukunft vergessen wir viel zu oft, wie stark wir eigentlich sind. Welche Organisation in Deutschland hat so viele Mitglieder? Welche Organisation bestimmt so sehr die Feiertagskultur? Jeden Sonntag sind zusammen mehr Menschen in Deutschland im Gottesdienst als am gleichen Spieltag in den Stadien der Bundesliga. Ich hab sie immer noch im Ohr, die neidischen Sprüche von Menschen aus anderen Wohlfahrtsorganisationen angesichts dessen, dass es noch im letzten Dorf Anschluss an eine Kirchengemeinde gibt. Auf dem Gebiet unserer Gemeinde wohnen so ca. 20 Tausend Menschen, davon sind ungefähr 5300 Mitglieder der Kirchengemeinde, das ist immer noch ein Viertel der Menschen in den beiden Stadtvierteln. Aber auch das ist wohl nicht entscheidend…
„Ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ Ich denke dazu muss ich nicht allzu viel sagen. Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, so reich wie Kirchengemeinden hier in Deutschland sind, sind sie nirgendwo. In diesem Jahr beträgt allein der Haushalt der Kirchengemeinde 950 Tausend Euro, ohne Kitas und ohne Friedhof. All das Geld geben wir auch verantwortungsvoll aus, aber dass wir arm wären – spätestens wer sich mit der Situation vieler Gemeinden in der Welt kurz befasst, wird das nicht sagen können. Geld ist also da, mehr als je zuvor. Wir wissen zwar, dass die Einnahmen sehr stark zurückgehen werden. Aber dass wir arm wären, nein nun wirklich nicht. Aber auch das ist wohl nicht entscheidend…
„Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne.“ – das ist wohl das Entscheidende, die Leitplanke für unser Nachdenken, unser Tun und Lassen. Das was an erster Stelle steht – der gelebte Glaube. Denn das ist hier mit klug sein und kennen gemeint. Nicht allein das Wissen ob irgendwelcher christlicher Inhalte, Dogmen usw. Nein, „kennen“ meint hier vielmehr. Es geht auch um Wissen, aber es ist vor allem das Wort für die intimste Art und Weise der Beziehung, die man zueinander haben kann. „Vertraut sein“, tiefste Nähe von Herz und Verstand, das sind Worte, die den Horizont des „klug sein und Gott kennen“ abstecken. Darum soll es gehen, dessen dürfen wir uns rühmen. Das ist der entscheidende Punkt. Aber das kann man nicht einfordern. Diese innige Nähe zwischen Gott und Mensch, sie ist wie alles Intime weder etwas was man verordnen kann noch für was man allgemein gültige Maßstäbe schaffen kann oder sollte. Es ist etwas zwischen mir und Gott. Und wie alle intime Nähe auch etwas was mir geschenkt wird. Eine Nähe zwischen Gott und mir. Das steht im Zentrum, auch der Gemeinde, aber nicht als Prüfsiegel, nicht als Zwang, denn wie groß diese Nähe ist, auch das ist Sache zwischen Gott und jeder Einzelnen, jedem Einzelnen. Aber es muss aller nötige Raum da sein, dass diese Nähe gelebt und genährt wird. Denn auch wenn diese Nähe etwas Intimes ist, braucht sie die Gemeinschaft, damit sie wachsen, gedeihen, leben kann. Das muss immer und alle Zeit in unserer Gemeinde möglich sein! Ohne dass wir es überprüfen, feststellen können. Wir können den Raum, die Orte dafür bieten, mehr nicht, aber das ist schon sehr viel. Das heißt zum Beispiel wir müssen immer die Möglichkeit, die Ressourcen haben, Menschen an den Punkten im Leben zu begleiten, wo sie nach dieser Nähe rufen, sie vermissen, sie besonders spüren, sprich Taufen, Trauungen, Beerdigungen. Da müssen wir für die Menschen mit all unserer Kraft und Zeit zur Verfügung stehen. Schenken können wir die Nähe nicht, das liegt nicht in unserer Hand, aber wir können den Raum dafür schaffen. Es gibt aber Maßstäbe, wie diese Nähe für die Menschen um uns herum spürbar wird, wie sie gelebte Wirklichkeit wird: „Daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“ Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit – das sind die Maßstäbe, die Leitplanke für unsere Entscheidungen was wir tun und was wir lassen. Das sind die drei Prüfsteine: Wird durch uns Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit in Eppendorf und Goldhamme Wirklichkeit? Füllen wir diese drei Begriffe mit Leben? Kreist unser Fragen darum oder darum dass die Kirche immer gut geheizt und der Rasen davor immer geschnitten ist?
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit ist unser Auftrag – das mögen ja sehr große Begriffe sein, so groß dass man sagt, das ist sogar eine Nummer zu groß für uns! Nein, das ist es nicht sondern es passt ganz gut zu uns. Nicht weil wir so weise sind, so stark oder so reich, sondern weil die Nähe, zwischen Gott und uns im Zentrum steht. Dass wir nach ihr fragen, nach ihr suchen, sie von Gott einfordern. Nähe, die Kraft, Mut und Gelassenheit schenkt zu fragen: „Was tun wir, und was lassen wir, damit Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit Wirklichkeit werden?“
Liebe Gemeinde, darunter machen wir es nicht und dafür dürfen wir uns dann auch mal selber loben!

Verfasst von: achterosten | 14. Januar 2018

Unser Mann im Himmel? Predigt zu Mt 6,9b (I. Bitte Vater Unser)

 

Predigt zur I. Bitte Vater Unser (Mt 6, 9b) (II. Sonntag nach Epiphanias, 14. I.2018)

 

 

 

Liebe Gemeinde, es ist schon erstaunlich, aber es ist ein wohlvertrautes Bild: Egal ob am Horizont sich die Indianerhorden zeigen, das Schiff dem sicheren Untergang geweiht ist oder andere Katastrophen ihren unheilvollen Verlauf nehmen. Irgendwann kommt  er der Moment des Mützenabnehmens, des Köpfe Senkens, Hände Faltens und wer es ganz dramatisch mag des Hinkniens. Des lauten Rufens, schnellen Sprechens, des stummen Bewegens der Lippen – und wir wissen alle – jetzt steuert es auf den Höhepunkt zu. Jetzt gibt es nur noch den Untergang und das Ende – siehe Titanic oder die finale Rettung, siehe diverse Wild-West-Filme. So kündigt es sich in Filmen an, wenn wir sie hören, die so wohlvertrauten Worte: „Vater Unser, der du bist im Himmel.“ Ist das Kreuz das sichtbare Zeichen der Christinnen und Christen, so ist das „Vater Unser“ das hörbare Zeichen. In all den unterschiedlichen Arten und Weisen den christlichen Glauben zu leben, in all den Konfessionen, Gruppen, Gemeinschaften – es ist für alle das gleiche hörbare Zeichen. Ob Andacht, Gottesdienst, Unterricht – es geht nicht ohne. Ob als leiser Ruf der verzweifelten Bitte, ob als Freudenschrei des dankbaren Herzens, ob fröhlich laut nach der Trauung von zwei Menschen, ob verzweifelt gemurmelt und halb verschluckt am Grab – es ist dabei.

 

Das sind doch Gründe genug um diesem zentralen Hör-Zeichen des Glaubens mal ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, zu schauen, was sich hinter den Worten verbergen könnte. Genau das will ich mal in diesem Jahr tun, immer mal wieder eine der Bitten des Vater Unsers betrachten, es wie einen unbekannten Gegenstand in den Händen hin- und herbewegen, schauen, wohin die Worte führen können.

 

 

 

Zu Beginn die Fakten, damit wir die alle mal gehört haben und vielleicht hilft es ja beim nächsten Termin bei Günter Jauch auf dem Stuhl. Wie viele zentrale Texte gibt es auch das Vater Unser gleich zwei Mal im neuen Testament, einmal im Lukas- und einmal im Matthäusevangelium. Und es ist wie bei vielen anderen Texten: Beide Versionen unterscheiden sich. Was denn nun älter und ursprünglicher ist, darüber gibt es genügend Fachliteratur. Konsens ist: Im Vater Unser kommen wir dem Menschen Jesus, seinem Glauben so nahe wie in nur wenigen Worten und Geschichten der Bibel. Das merkt man zum Beispiel daran, dass diese Worte aus der Sprache Jesu stammen, die welche war? Antwort a) Hebräisch, Antwort B: Sächsisch, Antwort C: Aramäisch oder Antwort D: Latein? Genau, Antwort C: Aramäisch. Das war die Sprache Jesu und der Menschen, unter denen er lebte. Erzählt wird uns, dass das „Vater Unser“ die  Antwort Jesu auf die Frage war „Wie soll man denn nun Beten?“ Schon immer war daher den Christinnen und Christen dieses Gebet so wichtig, durch die Zeiten hindurch ist es gewandert, bis heute, in zig Sprachen übersetzt. Und noch zwei Informationen mit denen man dann richtig angeben kann. Erstens: Das wir es als „Vater Unser“ sprechen ist leider ein Fehler, die korrekte Übersetzung ist „Unser Vater“, was übrigens auch schon Martin Luther wusste, aber irgendwie ist da was falsch gelaufen und wir sprechen es heute hier bei  uns als Vater Unser. Und zweitens: Es ist ein sehr altes Gebet, aber die Vorstellung, dass es schon immer mit tiefster Inbrunst von der gesamten Gemeinde gebetet wurde, auch das ist leider falsch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgehend von den Gottesdiensten der Bekennenden Kirche in den 30er und 40er Jahren, verbreitete sich die Praxis, es gemeinsam zu beten.  Vorher hat das der Pfarrer gemacht und die Gemeinde hat brav mit Amen geantwortet.

 

Nun aber genug der nackten Fakten, wir starten und – sind nach zwei Worten schon wieder am Ende: „Vater Unser“ oder besser, gerade gelernt, „Unser Vater“. Zwei Worte und sie umreißen schon eine Vorstellungswelt, die so gewaltig ist, dass wir sie kaum fassen können. Das reicht von Bildern eines bärtigen Mannes fortgeschrittenen Alters auf einer Wolke bis hin zu den lustigen Bildern des Comic Zeichners „Flix“. Eines aber ist ihnen garantiert gemeinsam – es sind immer Männer zu sehen! Und das ist jetzt kein vernachlässigbares Detail. Gott als Vater, Gott als Mann – das zieht sich durch, ist Mainstream und auch Menschen, die mit Glauben oder Gott nichts am Hut haben – würde man sie danach fragen, welches Bild sie mit Gott verbinden würden, ich verwette mein Fahrrad darauf – es wäre ein Mann! Es mag nun ja die eine oder der andere jetzt gequält innerlich aufstöhnen: „Jetzt ist er auch noch unter die Feministinnen gegangen und erklärt mir gleich, dass „Mutter Unser“ und „Göttin“ viel besser und korrekter wäre.“ Keine Angst, das werde ich nicht tun. Aber  die Betonung auf das Männliche ist nun mal eine Tatsache, die wir auch nicht einfach beiseiteschieben können. Diese Worte „Vater Unser“ führen uns mitten in ein Thema, welches aktuell meist sehr hitzig diskutier wird – das Geschlecht.  Wie das so alles mit dem Geschlecht ist, ist nun mal Thema in der Welt, in der wir leben. Ich weiß, für viele ist es hart, dass auch an dieser Bastion gerüttelt wird. Früher war es ja angeblich immer besser und auch klarer: Da gab es Mann und Frau, Mann liebte Frau, Frau liebte Mann – über das andere schwieg man beschämt, aber egal auch da galt es, es gab klar Mann und ganz klar Frau, dazwischen nichts. Alles andere war abnorm und galt zu isolieren und zu operieren. Auch an dieser Bastion wird nun kräftig gerüttelt und nun stehen sie auf, all die, die sich in dieser Sortierung nicht aus körperlichen und seelischen Gründen nicht wiederfinden. Sie treten nun aus dem Dunkel, fordern Aufmerksamkeit und Rechte. Suchen selber für sich nach neuen Wegen, neue Namen für sich, fordern die Gesellschaft heraus und treffen oft auf Formen des Widerstandes die manchmal eher an Panikreaktionen erinnern als an etwas anderes. Und schon werden sie wieder errichtet, rote Linien, Feindbilder. Für die einen wird der Kampf gegen diese Menschen fester Bestandteil des Kampfes für ein Abendland des Stolzes und der Nation, für die anderen wird das Verstehenwollen und kritische Nachfragen schon zum Ausdruck von Unterdrückung, Sexismus und Menschenhass. Und viele stehen wie immer daneben, schütteln den Kopf und fragen sich: „Wer soll das noch verstehen?“ Und wenden sich notfalls und wenn es dumm läuft der Seite zu, die die einfachsten Antworten verspricht. Und viele wollen einfach nur, dass alles bleibt wie es ist: Es gibt Männer und Frauen – und fertig. Und greifen dann auch noch mal zur Beruhigung auf das Überlieferte zurück: Spricht nicht schon die Bibel ganz am Anfang von Mann und Frau? Fangen wir nicht mit den Worten „Vater Unser“ an?

 

Was tun wir dann aber mit all denen, die das nicht für sich annehmen? Verständnis für das Leid haben aus Nächstenliebe, aber dennoch therapieren und operieren für eine klare Zuordnung Mann oder Frau für das ganze Leben? So einfach will ich es mir nicht machen, schon deswegen nicht, weil ich aus der nahen Distanz die Lebens- und Leidensgeschichte eines Kindes und einer Familie kennen. Ein Aufwachsen, ein Start ins Leben bestimmt von Therapieren und Operieren in unzähliger Zahl mit der fortlaufenden Frage „Wofür das alles?“ Wofür endlose Entzündungen, Innkontinenz, Nebenwirkungen der Hormone? Für das unverbrüchliche Bild von  Mann und Frau und nichts dazwischen?

 

„Vater Unser“ beten wir und haben dieses Lebensrahmen von Augen, den von Mann und Frau und davon dass Gott wohl zu den ersteren gehört, dass auch Gott sich in diese Zweiteilung einordnen lässt oder sagen wir – von uns einsortieren lassen muss. Aber – glauben wir an biologistische Dogmen, an einen Gott der biologischen Geschlechterfestlegung oder an einen lebendigen, liebenden Gott der zu uns redet, uns hört, in Beziehung zu uns tritt, unter uns Mensch geworden ist? „Unser Vater“ – muss es Ausdruck einer Festlegung auf zwei Geschlechter sein? Kann es nicht besser ein Bild für den unaussprechlichen Gott, seiner Nähe zu uns sein? Ausdruck der Festlegung des Menschen auf Liebe, gemeinsames Leben und Beziehung, ein Ausdruck für das Aufeinanderangewiesensein und Aufeinanderverlassen sein?.

 

„Unser Vater“ als Beschreibung der Nähe, der Beziehung Jesu zu Gott. So eng, so unauflöslich wie wir es nur fassen können in dem geheimnisvollen Bild von Gott, der einer in dreien ist. Weil es bei Gott um Liebe geht – und die kann nicht allein bleiben. „Unser Vater“ – eben nicht der Ausdruck eines auf Geschlechtsmerkmale festgelegtes Bildes von Gott, sondern Antwort auf die Liebe Gottes, Schrei nach der Liebe Gottes, Freudenruf des Vertrauens auf Gott, stummes Gestammel des Angewiesenseins.  „Unser Vater“ das ist der Raum der besonderen, engsten Nähe zwischen Gott und Jesus in den er uns mit hineinnimmt.

 

 

 

Könnte dann nicht dieses hörbare Zeichens des Glaubens auch ein Schlüssel sein für das Verstehen der aktuellen Debatten ums MeToo, Transsexualität, Gender, Queer etc.? Der Beginn eines Verständnis aus dem Glauben heraus? Erste Schritte auf einem Weg hin zu einem anderen Bild des Menschen im Angesicht Gottes, der Bestimmung des Menschen? Der Versuch zu verstehen, was sie bedeuten können, die Worte von Mann und Frau in der Bibel, die Rede von Gott als Vater und Mutter? Dass es nicht um Schwarz und Weiß, eine klare Zuordnung geht – hier Mann, dort Frau und nichts dazwischen oder daneben. Sondern dass diese Worte von einer anderen primären Bestimmung des Menschen sprechen: Nicht allein zu sein, ein Gegenüber zu haben, das gleich und doch anders ist. Das frei ist wie ich und doch Nähe, Liebe zum Leben braucht wie ich. Wir nicht gemacht sind für uns allein, zum Alleinleben, dass unser Bauchnabel, egal welcher Form, nicht der Nabel der Welt ist. „Vater Unser“ – nicht der Ruf von dem Mann und der  Frau, sondern des Menschen ist über den Gott selber sagt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Und der darum weiß. Mann und Frau, Mutter und Vater, Schwester und Bruder nicht Ausdruck einer Festlegung auf äußere und innere Merkmale sondern als Bild für die Nähe, die Liebe Gottes zu uns. Bild unser aller Bestimmung, die Angewiesenheit auf Liebe und Nähe, auf ein Gegenüber.

 

Wenn wir „Vater Unser“ – als Ruf der erfahrenen, der begehrten Nähe zwischen Mensch und Gott verstehen, dann haben wir hierin vielleicht auch den Hinweis was unsere Aufgabe in der Welt ist: Nicht alte oder neue Merkmale der Trennung zu verteidigen oder zu errichten, sondern unseren Teil zu tun, dass Menschen ihrer Bestimmung folgen und all das erfahren können: Beziehung, Liebe und Nähe. Das, was wir uns wünschen, dass es Gott schenkt – jedes Mal wenn wir es sprechen, das „Vater Unser“.

 

 

 

 

 

Verfasst von: achterosten | 1. Januar 2018

Das Lob des deutschen Rentners – Predigt zu Römer 8, 31b-39

Predigt zu Römer 8, 31b-39 (Sylvester 2017)

Aus dem Römerbrief: „Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Wenn ich Menschen treffe, die nicht in Deutschland leben, irgendwann kommt sie dann ganz bestimmt, die eine Frage: „Was ist denn so typisch Deutsch. Wer ist so der typische Deutsche?“. Und es ist klar: Es geht weniger um Zahlen aus der letzten Volkszählung, als um das subjektive Erleben. Meine Antwort kommt schnell: „Der deutsche Rentner.“ Und ich bitte hier um Nachsicht, aber das ist nun mal der größte subjektive Unterschied. Den wird jeder nachvollziehen können, der mal mit offenen Augen durch in den Straßen von Goldhamme und Eppendorf oder vieler anderer deutscher Städte und Dörfer geht. Welche andere Antwort soll man auch geben, wenn man in einem Land lebt, in dem die Rentnerinnen und Rentner mal ganz entspannt ein Viertel der Bevölkerung stellen? Klar ich weiß, dass mit den Verallgemeinerungen immer so eine Sache ist, aber wie bereits gesagt, es geht um subjektives Empfinden. Allerdings geht das das ja auch nicht ganz an der faktischen Wirklichkeit vorbei wenn man sich so die Zahlen anschaut.
Jetzt kann man der deutschen Rentnerin, dem deutschen Rentner vieles nachsagen, zwei Dinge auf jeden Fall nicht: Dass er unordentlich sei und dass er keine Meinung hätte, was garantiert auch für den Rückblick auf das Jahr 2017 gilt. Und was war da nicht wieder alles los… Letzteres führt zu folgender Geschichte und natürlich spielt sie an einem der Lieblingsorte des deutschen Rentners, jedenfalls nach meinem subjektiven Erleben: Der Aldi-Markt am frühen Montag- oder Donnerstagmorgen so um halb neun herum. Sie wissen, da gibt es die neuesten Angebote und da der deutsche Rentner zur kaufkräftigsten Bevölkerungsgruppe mit der nötigen Zeit gehört, ist er dort zu finden. Und da auch natürlich in der Schlange an der Kasse. Vorne geht für Minuten gar nichts, jemand hat versucht mit Karte zu zahlen und leider hat die Technik einen längeren Aussetzer, nichts geht mehr. Hinter mir drei würdige Vertreter der Gattung „aktiver, rüstiger Rentner“. Es dauert nicht lange, schon ist der erste mitten im Geschehen, es ist der mittlere: „Hömma, warum geht das nicht weiter?“ Der Vordere: „Da will einer mit Karte zahlen, klappt natürlich nicht. Ich weiß gar nicht wat der neumodische Scheiß soll. Zu faul genug Geld mitzunehmen.“ Vom Mittleren zustimmendes Geknurre. Jetzt wieder der Vordere: „Ist doch auch wieder so ‘n Mist, zahlen mit Karte. Aber wat willste machen, ist halt alles nicht mehr so wie früher.“ Wieder zustimmendes Geknurre vom Mittleren. Das animiert den Vorderen zu seinem ganz persönlichen Rückblick auf das Jahr 2017. Und was war das für ein mieses Jahr für ihn. Vom vermehrten Mit-Karte-Zahlen, über den Ärger mit seinem VW SUV Diesel, die Schmerzen im Knie ging es über das ja überall die Adventsfeiern nicht mehr stattfinden wegen der Moslems, dass s ja alles nicht mehr klappt, „wat ja mal wieder so richtig deutlich geworden ist im letzten Jahr“. Und dergleichen mehr, jetzt ist er richtig in Fahrt, der hinter ihm hat sich aufs zustimmende Nicken beschränkt, so ungefähr alle 20 Sekunden zuckt kurz der Kopf nach unten. Vor meinem inneren Auge, so kurz vor Sylvester, verwandelt sich der Vordere immer mehr zu Alfred Teztlaff und hat er da nicht wirklich gerade gesagt: „Dat is vielleicht ein beschissener Jahreswechsel und das nächste Jahr wird noch beschissener.“ Der Wortschwall nimmt kein Ende, meine Gedanken schweifen ab.

Hat er nicht recht, war das nicht ein mieses Jahr? Muss ich nicht auch zustimmen: Es wird alles schlimmer? Es klappt einfach nicht mehr, zum Beispiel die Idee eines guten Neben- und Miteinanderlebens. Und mir fallen da gleich eine Reihe von Schlagzeilen ein, ob aus der weiten Welt oder auch Essen, Bochum, Gelsenkirchen. Es läuft nicht. Wird wohl doch ein mieser Jahreswechsel und das nächste Jahr erst… Aber dann schieben sich andere Bilder nach vorne: Die Wiedereinweihung der Kita nach dem U3 Umbau. Der Imam, der dabei von seinen drei Töchtern erzählt. Alle drei waren in einer evangelischen Kita und er fand das super. Oder der andere Imam im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen der Kitas. Auch er erzählt von seinen Kindern, die alle in einer evangelischen Kita waren. Wie er beim ersten Kind noch ein bisschen skeptisch und vorsichtig war, sich das aber schnell gelegt hat. Wie er sagt: „Wichtig ist, dass wir da voneinander wissen.“ Der syrische Vater, der neben mir steht und sich von mir erklären lässt, was das mit der Minikirche auf sich hat. Vor zwei Jahren ist er nach Deutschland gekommen, er möchte dass sein Kind auch das Leben der Christen hier kennen lernt. Da steh ich an einem kalten, usseligen Herbstmorgen auf dem Friedhof auf der Pestallozzistraße. Ich warte auf die Männer aus der Lehrwerkstatt der Zeche Prosper-Haniel. Bevor dort für immer die Lichter ausgehen hat die RAG noch versprochen, das alte Spurlattenkreuz auf dem Friedhof zu ersetzten. Heute soll alles vermessen werden. Die Männer kommen, der älteste so um die 50 gibt mir die Hand. „Ich bin Murrat und das sind meine Jungs. Wir bauen ihnen das Kreuz. Ist ja nicht das erste, was ich mache. Bei uns auf der Halde, dat is auch von mir. Wir machen ihnen das hier aber dicker als geplant, soll ja nach was aussehen.“
Vorne an der Kasse geht’s immer noch nicht weiter, der Vordere der drei Rentner hat immer noch kein Ende gefunden. Endlos seine Litanei, ich glaube er ist jetzt gerade bei der örtlichen Baustelle angekommen und der Haltung, das würde alles an den Bauarbeiten liegen. Er hätte sich das mal genau angeguckt… Bei mir geht glücklicherweise das Kopfkino weiter. Immer mehr Bilder laufen da ab, bis sie schließlich wieder vor mir stehen, die schönsten, die klügsten Sätze, die ich in diesem Jahr gelesen habe. In einem noch nicht veröffentlichten Interview mit einem alten Bergmann, einer von denen, die als Gastarbeiter hier malocht hat. Sein Weg führte von Bosnien ins Ruhrgebiet. Irgendwann ist er in dem Gespräch beim Thema Religion angekommen, wie es für ihn so ist als Moslem in Deutschland, da ist manches Bittere zu hören, aber am Ende dieses: „Wenn Gott gewollt hätte, hätte er nur eine Religion gegeben. Nein, er wollte, dass es mehrere Religionen gibt, damit die Menschen sich untereinander besser kennenlernen. Bei einer Religion, das ist ja wie im Kommunismus. Jeder muss die gleiche Jacke anziehen, jeder muss die gleiche Mütze tragen und so weiter. Oder beim Faschismus auch, jeder muss so und so sein und einer bestimmt. Nein, Gott hat gesagt, mehrere Religionen, also jüdische, katholische, orthodoxe, Buddhismus und Islam. Die Menschen sollen das zum Kennenlernen nutzen.“
Warum gehen mir aber gerade diese schönen Bilder durch den Kopf und gerade nicht das Miese, das Traurige der letzten Monate. Sollte es vielleicht daran liegen, dass ich sie gerade noch gelesen habe, diese wunderbare Zusage des Paulus: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ Sollten diese Worte wirklich ihren Weg in mein Herz gefunden haben? Diese Worte die nichts mehr erklären, die es einfach nur herausrufen, überwältigt vom Glauben selber. In die man sich am liebsten hineinwerfen möchte, nur noch glauben möchte, dass es wirklich wahr ist. Dass nichts passieren kann, was mich im letzten zerstören kann. Ich trotz des ganzen Mist nicht in einer grausamen, unerbittlichen Kälte zurück bleibe, sondern immer dieser Liebe verbunden, von ihr umschlossen bin. Die ich mir nicht verdient habe, nicht verdienen kann, nicht verdienen muss. Dass es wirklich gilt, dass ich mich darauf verlassen, im Tiefsten vertrauen kann. Dass es wirklich im Letzten etwas gibt, was stärker als alles ist. Dieses starke, endgültige aber gerade nicht der kleine, der alltägliche oder große, der endgültige Tod ist. Sollten es wirklich jene Worte sein, die es geschafft haben, das Gute vor Augen zu haben ohne das Miese zu betäuben? Sollte ich es jenen Worten verdanken dass ich da im Aldi an der Kasse beim kurzen Jahresrückblick kurz vor Sylvester diese Ereignisse, Bilder vor Augen habe?
Das Band ruckt an, es geht weiter und plötzlich ertönt die Stimme des Hinteren der drei: „Komm halt endlich die Klappe, hast uns genug die Welt erklärt. Pack die Sachen aufs Band, ich will nach Hause, die Omma wartet.“ Manchmal sind sie unbezahlbar, die deutschen Rentner.

Verfasst von: achterosten | 25. Dezember 2017

„Fürchtet Euch nicht!“- Predigt zu Micha 5, 1-4a

Predigt Micha 5, 1-4a (Christvesper 2017)

Liebe Gemeinde, „Fürchtet euch nicht!“ So ruft der Engel den Hirten zu. So wird uns jedes Jahr erzählt in der Weihnachtsgeschichte. Das wird vorangestellt, bevor die Hirten erfahren, um was es überhaupt geht. Mich springt dieser Satz schon seit Wochen immer wieder an. „Fürchtet euch nicht!“ – wie nötig ist dieser Satz in diesen Tagen. Am liebsten würde ich Plakate mit ihm drucken und die ganze Stadt damit zupflastern. Am liebsten würde ich damit jedes Gespräch, jede E-Mail, jeden Besuch beginnen. Nicht mehr „Guten Morgen“, sondern „Fürchtet euch nicht!“. Furcht, Angst, in fast jedem Gespräch begegnen sie mir. Ob mit Eltern in der Kita, die verunsichert sind, was denn nun gut und richtig ist für ihr Kind. Ob mit älteren Menschen, die nicht wissen, wie es werden soll, wenn die Knochen nicht mehr so mitmachen. Ob mit der Frau, die dieses Jahr keinen Weihnachtsmarkt besucht hat, aus Angst vor einem Anschlag. Ob mit einem Menschen von der Engelsburgerstraße, der die ganzen AfD Plakate in seiner Straße sah und sich fragte, ob er als Nichtbiodeutscher hier je eine neue Heimat haben würde. Furcht, Angst hat sich in vielen Herzen breit gemacht. Nicht mehr nur Sorge. Sorge, die ist oft ja berechtigt, hat einen konkreten Anlass, aber sie lähmt nicht, sondern sie lenkt unsere Gedanken auf eine bestimmte Sache, um die wir uns kümmern sollten und auch können. Nicht umsonst verbindet sich Sorge mit dem positiven „sich um jemanden, etwas sorgen“ im Sinne von Kümmern, Achten. Und – Sorgen verbindet sich dabei aber mit einem gewissen Grundvertrauen. Klar mach ich mir Sorgen, ob das alles so mit Weihnachten klappt. Es keinen Streit in der Familie gibt, die Geschenke auf Freude beim Beschenkten stoßen, es so wird, wie sich das alle so wünschen. Aber bei dieser Sorge ist da auch immer so eine Art Grundvertrauen. Wird schon klappen, irgendetwas geht schief, aber im Großen und Ganzen wird es wohl gut gehen. Tante Else hat sich total über das Geschenk gefreut und Onkel Jupp hat mal endlich seine Witze zu Hause gelassen, über die schon vor 20 Jahren keiner lachen konnte. Alles in allem hat es doch halbwegs geklappt mit dem ganzen Weihnachtstrubel. Die Sorgen im Vorfeld waren nicht unberechtigt, manche hat sich auch bestätigt, aber das Vertrauen, das es schon gut gehen wird ebbend auch.
Wie anders ist die Angst, die Furcht. Sie hat einen Anlass in der Realität, aber relativ schnell wird sie größer als die Wirklichkeit. Sorge, das ist die richtige Dosis, aber Angst, Furcht ist die Überdosis, die giftige Menge. Sie vergiftet immer mehr das Vertrauen in mir, zerstört es, zersetzt es in einen ekeligen, stinkenden Brei, der sich überall ausbreitet. Im meinem Herzen, in meinem Verstand, mich lähmt. Man kann sich versuchen dagegen zu wehren. In guten Momenten gelingt das, in schlechten nicht. Und zumindest gefühlt nehmen die letzten immer mehr zu. Wenn ich am Wahlabend die Ergebnisse sehe, Kommentare im Internet lese, ich verzweifelt merke, dass das Vertrauen, dass es uns wirklich gelingt neben- und miteinander in einer friedliche, offene Gesellschaft zu leben sich immer mehr als ein Fantasiegebilde herausstellt. Das sind die Tage, an denen ich zu meiner Frau sage, dass Ihre Heimat in Ex-Jugoslawien vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft leider kein Ferienort mehr, sondern Fluchtpunkt sein könnte. Wo ich Freunde am liebsten anrufen und sagen möchte: „Lasst die Koffer gepackt! Macht nicht die gleichen Fehler wie eure Vorfahren.“ Oder schlimmeres geht mir durch Kopf und Herz. Wut und Hass, auch sie wachsen gut auf von Angst und Furcht zerfressenem Vertrauen. Dann brauche ich einen, der das „Fürchtet euch nicht!“ wieder in mir zum Leben erweckt. Das in mir das Vertrauen schützt vor Angst und Furcht, die Lähmung überwunden wird, aus Angst wieder Sorge wird, ich den Kopf frei habe, zu überlegen, was zu tun ist. Da reicht es nicht mehr, dass mir das von irgendwo gesagt wird – ob von Kanzeln, Pulten der Bundespressekonferenz oder anderen Orten. Zu sehr ist in den letzten Jahren das Gift der Angst hineingetröpfelt, so lange schon, dass ich gar nicht mehr weiß, wann das anfing. Was ich weiß, ist, dass die Dosis sich von Jahr zu Jahr erhöht hat. Worte allein dringen nicht mehr vor, zu sehr hat die Angst schon den Weg vom Ohr zum Verstand und Herz blockiert. Es muss etwas anderes sein, das andere Wege kennt und geht um zu heilen vom Gift der Angst und Furcht.
Hier und heute soll dies zu finden sein, hier und heute soll der Ort sein, soll der Satz der Engel bis in unser Herz und Verstand vordringen, alles überstrahlen. So wird es uns erzählt. Die schwangere Frau, die Geburt in einem Stall, irgendwo am äußersten Rand des römischen Reiches und dann noch in einer der kleinsten Orte dieser unbedeutenden Gegend. Nur so kann uns die Geschichte erzählt werden, nur so kann den Hirten und uns das „Fürchtet euch nicht!“ zugerufen werden. Nur so kann diese Geschichte zum „Trost der ganzen Welt“ werden. Nur so kann sie sich verbinden mit den Hoffnungsgeschichten des Volkes Gottes und damit mit Gott selber. Nicht als ihre Erfüllung, sondern als Tor für uns, damit wir hineingehen können, in die Hoffnung, in den Trost, von dem dort erzählt wird. Wo es sich verbindet mit dieser kleinen Stadt, von der es heißt: „Du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.“

Dort soll es also zu finden sein, das was uns hilft gegen Angst und Furcht? Das ist die große Weihnachtsfrage. Bei den Hirten scheint es ja gelungen sein. Irgendetwas muss mit ihnen passiert sein. Sie machen sich auf den Weg, finden alles vor: Mutter, Vater, Kind in der Krippe. Sie kehren verändert zurück, sie haben es wohl dort gefunden, was es für sie hat wahr werden lassen, was ihnen die Engel befehlen: „Fürchtet euch nicht!“ Was wirklich mit ihnen geschehen ist, darüber wird uns nichts erzählt, es bleibt die Leerstelle. Was es war, was sie getroffen hat in Herz und Verstand, was in ihnen das Gift besiegt hat? Drüber schweigt die Geschichte und es ist gut, dass sie das tut. Denn was wäre gewonnen, wenn sie es erzählen würde? Es hätte nichts mit uns zu tun, könnte nichts mit uns zu tun haben. Denn wir sind nicht die Hirten, waren es nie und werden es nie sein. Ihre Angst und Furcht war nicht die unsere und unsere wird nie die ihre sein. Dank dieser Leerstellen können die zwei Dinge in den Vordergrund treten, die entscheidend sind und eigentlich erst einmal ganz einfach sind: Jemand, der mir, der uns sagt „Fürchte dich nicht!“ damit wir uns dann auf den Weg machen und zu sehen, ob es wahr ist, was erzählt wird. „Fürchte dich nicht!“ – wenn man mir das sagt, wieviel mehr Kraft hat das, als wenn ich es mir selber in meinem verzagten Herzen versuche zu sagen. Dabei kommt dann meistens doch nur etwas heraus, was maximal zum Pfeifen im dunklen Keller reicht. Und dann kommt es darauf an, wer es sagt. Es sind die Engel. Engel sind keine Geistergestalten, sie sind Boten, die eine Nachricht überbringen, etwas ankündigen, keine geisterhaften Wesen, die über uns schweben. Solchen Engel sind so unterschiedlich wie wir, wie die Welt. Unendlich ist die Zahl der Wege, wie uns die Nachricht, die Botschaft Gottes erreichen kann. Was und wer zum Engel wird. Wir werden es merken, wenn sie, er uns gegenüber steht. Und dann heißt es, sich in Bewegung setzen, zu sehen, ob es wirklich stimmt. Ob er wirklich dort zu finden ist, der Ort, wo es ein starkes Mittel gibt gegen Furcht und Angst. Kein Betäubungs- sondern ein Stärkungsmittel. Auch hier zeigen uns die Hirten den Weg. Was dort in unserem, meinem Herzen und Verstand passiert, Worte, Erklärungen sind dafür zu klein, zu wenig. Auch die Hirten fassen es nicht in Worten, sie erzählen von dieser Krippe, von diesem Kind. Was dort mit ihnen passiert ist, das können sie mit Loben, Beten und Singen zeigen, nicht mit erklärenden Worten. Vielleicht ist das sogar das entscheidende Merkmal, wo es wirklich passiert, das Wunder der Geburt in der Krippe. Gerade nicht erklärende Worte, Verlautbarungen von Kanzeln und Rednerpulten in Pressekonferenzen, sondern das Lob zeigt, dass es wirklich wahr ist: „Fürchtet euch nicht!“

Das ist der Weg, heute an diesem Heiligen Abend, an diesem Ort. Das ist der Weg gegen Furcht und Angst, der in dieser Nacht vor uns liegt. Der Weg, der aus Angst wieder Sorge macht, Kraft gibt, mich den Dingen zu stellen. Kraft, die Koffer noch nicht zu packen, sondern zu sagen: Von solchen Gestalten, von solchen Rattenfängern willst du dich vertreiben lassen, das Ziel eines offenen, friedlichen Nebeneinander- und Zusammenlebens aus der Hand schlagen lassen? Wo kämen wir denn da hin? Nein, soviel Macht geben wir euch nicht, denn mir und uns ist gesagt „Fürchtet euch nicht!“.“

 

Verfasst von: achterosten | 26. November 2017

Erinnerungen – Predigt zu Daniel 12, 1b-3

Predigt zu Dan 12, 1b-3 (Totensonntag, 26.XI.2017)

In einer nicht allzu fernen Zukunft: Die Erde ist gezeichnet von Umweltzerstörung, Megacities, der völligen Digitalisierung. Alles erscheint düster, überhitzt. Aber die Menschen haben einen großen Schritt getan: die Besiedlung fernen Planeten und die Befreiung von Arbeit. Die übernehmen jetzt Wesen, die wie Menschen aussehen, wie Menschen sprechen, wie Menschen arbeiten, wie Menschen bluten und atmen, aber keine Menschen sind. Künstlich geschaffen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, allein in der Gegenwart zu arbeiten und zu Sein ist der ihnen zugestandenen Sinn und Zweck. Dies funktioniert aber nur bedingt, denn sie sollen so menschenähnlich wie möglich sein, aber die Grenze zum Menschsein nicht überschreiten. Es gibt Schwierigkeiten mit diesen „Replikanten“. Ihr genialer „Schöpfer“ entwickelt sie aber immer weiter, bringt sie immer näher an diese Grenze, die auf einmal gar nicht mehr so klar zu sein scheint. Ein entscheidender Schritt wird vollzogen: Die „Replikanten“ erhalten eine Vergangenheit, ihnen werden Erinnerungen eingepflanzt. Erinnerungen an Dinge, die sie nie erlebt haben, aber Erinnerungen. Und mit diesen Erinnerungen erhalten sie noch etwas, was nicht beabsichtigt war: der Wunsch nach Zukunft.

Liebe Gemeinde, „Erinnerungen“ sind eines der zentralen Motive der beiden Filme „Blade Runner“ und „Blade Runner 2049“. Der erste kam 1982 in die Kinos, der andere 25 Jahre später in diesem Jahr. Zwei Filme, die in beeindruckenden Bildern, denen man sich kaum entziehen kann, um die zentrale Frage kreisen: „Was ist der Mensch? Was macht den Mensch zum Menschen?“. Eines der zentralen Motive dabei ist Erinnerung, wahre echte Erinnerung. So ist es der „Replikant“ Roy Batty der im finalen Showdown des ersten Filmes in poetische Worte fasst, wie Erinnerungen den Menschen zum Menschen machen Der Schauspieler Rutger Hauer hat sie selber seiner Figur in den Mund gelegt: „All diese Momente werden in der Zeit verlorengehen, wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.“ Es sind diese Momente, echte Erinnerungen, sie sind die Grenze zum Menschsein.
Liebe Gemeinde, Erinnerungen sind Zeichen unseres Menschseins. Deswegen sind wir heute Morgen hier, wegen diesem zentralen Punkt unseres Menschseins, der Erinnerung. Die Erinnerung an Menschen, die wir verloren haben. Die Erinnerungen an ihr Leben, unser Leben mit ihnen. Schöne Erinnerungen, traurige Erinnerungen, wütende Erinnerungen. Wir erinnern uns an sie. Wir sind dadurch das was wir sind: Menschen. Unsere Verstorbenen bleiben dadurch das, was sie waren: Menschen. Unverwechselbar, einmalig. Denn das bleibt der Mensch, der in Erinnerung bleibt. Das gilt für jeden Menschen. Das ist sozusagen ein großer Teil meiner täglichen Arbeit: Erinnerung. Ob es der Besuch bei einer Familie ist, die jemanden gerade verloren hat, ob es das ausführliche Seelsorgegespräch bei jemandem ist, der Angst hat, sich in seiner Trauer zu verlieren oder der kurze Geburtstagsbesuch zum 95. Bei all diesem stehen Erinnerungen im Mittelpunkt. Sie sind die ersten, zaghaften Schritte im Verstehen, dass dieser geliebte Menschen nun nicht mehr da ist, sie sind die Brücke in ein Leben ohne einen geliebten Menschen, sie bleiben als Halt und Orientierung. Was mir durch viele dieser Gespräche immer bewusster und immer klarer geworden ist: Erinnerungen brauchen dabei immer auch Orte. Orte, die Erinnerungen nicht nur auslösen, sondern sich auch fest mit ihnen verbinden. Bei „Blade Runner“ werden den Replikanten nicht nur falsche Erinnerungen eingepflanzt, sie erhalten auch gefälschte Bilder als Orte der Erinnerung. Ohne diese Orte irren Erinnerungen heimatlos umher, finden Erinnerungen keine Behausung, werden heimatlos. Können so zum quälenden Alb werden. Das ist mir im „Kleinen“ in Gesprächen begegnet, das haben wir im Großen letzten Sonntag gesehen. Am Tag, an dem wir an die Opfer aus Terror und Krieg denken. In jedem Sommer seit über zwanzig Jahren, wenn die Toten in den Massengräbern in Bosnien beigesetzt werden. Die Toten erhalten ihre Namen wieder, die Familien endlich einen Ort nicht nur für die Trauer, sondern auch einen Ort mit dem sich die Erinnerungen verbinden können, sie eine Behausung finden. Unsere Erinnerungen, wir brauchen diese Orte. Wie schwer ist es, wie quälend diese nicht zu haben. Gerade dort, wo Macht und Gewalt, die Entmenschlichung der Opfer durch die Täter dies verhindern. Umso schwieriger für mich zu verstehen, dass es hier bei uns geschieht, wo Gewalt und Terror nicht verhindert, solche Ort zu haben. Ich will da ganz konkret werden: Wir berauben uns in meinem Augen einer der wichtigen Orte der Erinnerung, wenn unser letzter Ort auf dieser Erde ein unbekannter ist. Ohne Name, ohne Zeichen. Ich finde es traurig, wenn anerzogene, durch einen bestimmten Zeitgeist bestimmte Vorstellungen von Sauberkeit und Ordnung Menschen dieser Ort der Erinnerung genommen wird. Wie oft höre ich es, das Argument: „Ich will doch niemandem mit meinem Grab zur Last liegen. Wer soll es denn pflegen? Dann lieber anonym auf die grüne Wiese.“ Da berauben Menschen sich aus pragmatischen Gründen diesen wichtigen Ort der Erinnerung. Wobei es völlig unnötig ist! Wenn wir uns auf der einen Seite verabschieden würden von bestimmten einengenden, beklemmenden Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit. Ein Friedhof ist doch kein deutscher Vorgarten, sondern Ort der Erinnerung, ein menschenfreundlicher Ort. Zum anderen gibt es doch mittlerweile unterschiedlichste Möglichkeiten auf den Friedhöfen, die dieses Argument entkräften. Egal ob auf der „grünen Wiese“ mit einem eigenen Stein, mit dem Namen auf der gemeinsamen Stele, wir haben sie doch, die Chance der Erinnerung einen Ort zu geben. Und sie erlauben mir, jetzt ganz konkret zu werden: Dass diese Orte angeblich teurer sind, als ein anonymes Grab, stimmt so auch nicht. Vieles was dafür spricht uns und den Menschen, die um uns trauern werden diesen einem, aber für viele doch so wichtigen Ort der Erinnerung zu geben. Dass ihre Erinnerungen an uns nicht heimatlos umherirren, wir uns nicht der Vergangenheit und Zukunft berauben.
Liebe Gemeinde, Erinnerungen machen uns Menschen aber nicht nur zu Menschen, sondern sie sind auch immer die Stimme des Lebens im Angesicht der Vergänglichkeit und damit des Todes. „All diese Momente werden in der Zeit verlorengehen, wie Tränen im Regen.“ – das benennt ja auch die andere schmerzhafte Wahrheit der Erinnerungen – sie verändern sich, verlieren ihre Konturen, werden unscharf, bis auch sie verschwinden. Sie unterliegen, wie wir selber auch der Vergänglichkeit, lösen sich auf. So bleiben sie das, was sie uns scheinen: Vergangenheit ohne Zukunft. Der Glaube stellt dieser bitteren Erkenntnis sein großes „Aber“ entgegen. Sein „Aber“, dass sich in der Erinnerung Vergangenheit mit der Zukunft, und damit mit dem Leben verbindet. Es ist sind unsere Lehrerinnen und Lehrer im Glauben, das Volk Gottes, die Juden, die uns dieses Bild des Trostes schenken. Sie stellen Erinnerung an einen zentralen Punkt. Nicht unsere, menschliche, bruchstückhafte und vergängliche Erinnerung bleibt, sondern die Erinnerung Gottes an uns. Gott vergisst uns nicht, sondern erinnert sich unser, in all unserer Einzigartigkeit, mit unserem ganz eigenen Namen, unserer ganz eigenen Geschichte, von Anfang bis zum Ende. Unverlierbar sind wir dort bei ihm aufgehoben, nicht dem Vergessen, dem Tod preisgegeben. Aus seiner Erinnerung ruft er uns neu ins Leben, so wird uns verheißen. Bei ihm ist Erinnerung nicht allein Vergangenheit, sondern er ruft sie in die Zukunft, in das Leben. Für diese Verheißung, dass Gott uns, die Menschen, die vor uns waren und nach uns sein werden, nicht ins Vergessen fallen lässt, für diese Verheißung gibt es in der jüdischen Theologie und dem gelebten Glauben das wunderbare Bild des Buch des Lebens. Seine Wurzeln hat dieses Bild gegen das Vergessen, dieses Bild des Lebens in Texten wie aus dem heutigen Predigttext im Danielbuch: „Es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“ Aus Wurzeln wie dieser wuchs das Bild vom Buch des Lebens. Mit diesem Bild vor Augen betet das Volk Gottes im Umfeld einer seiner höchsten Feiertage, Jom Kippur: „Gedenke unser zum Leben, Herr, der will, dass wir leben, und schreibe uns in das Buch des Lebens, um deinetwillen, G-tt, Ewiglebender!“
Im Buch des Lebens sind all unsere unverwechselbaren Namen niedergeschrieben, unverlierbar verbunden mit der Erinnerung, die unser Leben ist. Kein Buch der toten Buchstaben, sondern der Worte, die ins Leben rufen. Keine und keiner geht verloren. Alle sind unsere Verstorbenen und wir bewahrt vor dem Vergessen, das der Tod ist. Bewahrt in der Erinnerung, die das Leben ist.

Verfasst von: achterosten | 23. November 2017

An die eigene Nase packen – Predigt zu Ezechiel 22, 23-31

Predigt zu Ez 22,23-31 (Buß-und Bettag 2017)

„Des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, sprich zu ihnen: Du bist ein Land, das nicht beregnet ist, das nicht benetzt wurde zur Zeit des Zorns, dessen Fürsten in seiner Mitte sind wie brüllende Löwen, wenn sie rauben; sie fressen Menschen, reißen Gut und Geld an sich und machen viele zu Witwen im Lande. Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt. Die Oberen in seiner Mitte sind wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen und Menschen umzubringen um ihrer Habgier willen. Und seine Propheten streichen ihnen mit Tünche darüber, haben Truggesichte und wahrsagen ihnen Lügen; sie sagen: »So spricht Gott der HERR«, wo doch der HERR gar nicht geredet hat. Das
Volk des Landes übt Gewalt; sie rauben drauflos und bedrücken die Armen und Elenden und tun den Fremdlingen Gewalt an gegen alles Recht. Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ichs nicht vernichten müsste; aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie aus, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich ihnen ein Ende und ließ so ihr Treiben auf ihren Kopf kommen, spricht Gott der HERR.“

Liebe Gemeinde, das sind mal ordentliche, harte Worte. Vielleicht erwartet man so etwas ja auch am Buß- und Bettag. Und passen sie nicht wie gemacht für die heutigen Tage, für unsere Zeiten? Da stehen sie uns sofort vor Augen, Mächtige, Herrscher, wie sie im Text beschrieben und verdammt werden. Ich brauche gar keine Namen nennen, jede und jeder vor ihnen wird da ein, zwei, drei vor Augen haben, je nach persönlicher Überzeugung. Hach, was für ein schöner Text, da zuckt es im Finger auf der Tastatur, da springt das Herz. Jetzt auch mal endlich vom Leder ziehen dürfen gehen die da oben. Einstimmen zu dürfen in den neuen Volkssport in unserem Lande: Elitenbashing. Mal so richtig auf die einzuprügeln, die da oben sind. Immer in der tiefen Überzeugung, dass ich weiß, was gut und richtig ist. Wie es zu laufen hat. Ja, der Text lädt dazu mehr als ein. Ist er nicht sogar der unmissverständliche Aufruf, genau das zu tun? Auch wenn es doch so schwer fällt, ich will dieser Versuchung dennoch widerstehen. Gerade heute, denn wenn ich das richtig verstanden habe, soll es doch heute an diesem Tag um uns, um mich gehen und nicht um die da oben. Eine kritische, wenn auch schmerzhafte Schau auf mich, mein Herz, meinen Verstand, mein Tun. Und dann gilt für mich wohl doch erst einmal vor allem der folgende Satz: „Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt.“ Und wenn ich diesen Satz gut evangelisch lese, dann geht es da nicht um mich in meiner Rolle, in meiner Funktion als Pfarrer, sondern als Teil der Gemeinschaft des „Priestertum aller Gläubigen“. Als Teil der Gemeinschaft der Christinnen und Christen hier vor Ort, die das Priesteramt unseres Glaubens gemeinsam tragen.
Jetzt fällt es mir schon nicht mehr so leicht vom Leder zu ziehen, jetzt wird es unangenehm. Denn das sind dann mal ganz schöne harte Worte nicht gegen die da oben, sondern gegen mich, gegen uns. Jetzt gibt es nur noch zwei Wege. Da gibt es den bequemen: „Ich, wir sind ja gar nicht damit gemeint.“ Den findet man gerne bei bestimmten Gruppierungen und Gemeinden einer gewissen Frömmigkeit. Selbst schon erlebt, dass mir das von Vertreterinnen dieser Gruppe so gesagt wurde, wie Unheilig mein Leben sei und der Suda mehr. Und machen wir uns da nichts vor, diese Haltung gibt es in jeder Kirchengemeinde, mal mehr oder weniger. Die Frömmigkeitsblockwarte. Die, die Worte wie diese hören und dann gleich mal schauen, wer von den Mitpriestern und Mitpriesterinnen damit gemeint ist. Und wenn dann jemand gefunden ist, auf ihn mit Gebrüll. Da wird dann leider, wenn auch zum Glück selten, wortwörtlich durch Schlafzimmer, Vorgärten und Mülltonnen geschnüffelt und gestöbert. Wer sich das in abstoßender Weise anschauen will, dem seien die Kommentare auf evangelisch.de zu einem Artikel über das Leben von Ex-Frauen von Pfarrern empfohlen. Bei sich selber geschaut wird nicht, allenfalls in Ansätzen, in hömopatischer Dosis vielleicht. Wenn man sich ausnahmsweise bei einem kleinen bösen Gedanken erwischt. Die harten Worte, die wir im Predigttext gehört haben, nicht gegen uns zu richten, ja uns gar nicht gemeint sehen – das ist der bequeme Weg. Wie so etwas dann meistens endet kann man wunderbar in dem Film „Wie im Himmel“ anschauen – im Gesicht des sich als immer fromm, immer moralisch gebenden Pfarrers Stig Berggren. Ein interessanter Gesichtsausdruck, wenn ihm seine Frau seine Pornohefte vor die Füße wirft, dessen Versteck sie schon seit Jahren kennt.
Der andere Weg, wie sieht der aus? Der ist schmerzhafter, der tut weh. Da kann man sich auch nichts vormachen. Der schaut auf sich, auf uns selber, ungeschönt. Der fragt: „Was ist bei uns? Wo tun wir Gottes Geboten und damit ihm selber Gewalt an?“ Da merken wir schnell, hier geht es nicht um die doch meist kleinen, belanglosen Verfehlungen in unserem Leben. Hier geht es ans Eingemachte, an die umstürzende grundlegende Frage: Wie leben wir unseren Glauben, wie leben wir unser Leben als Christinnen und Christ? Was ist der Grundton unseres gemeinsamen Lebens als Priesterinnen und Priester Gottes? Was das sein kann?
Der Buß- und Bettag ist kein Tag der Antworten, sondern der Fragen. Der Fragen an sich selbst, aber auch der gemeinsamen Fragen. In Respekt und Achtung vor den anderen, vor sich selber, auch in aller Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber dem was ist. Beichte, Buße, die Bitte um Vergebung heißt nicht den Weg der schnellen Antwort zu gehen, sondern den Weg der Fragen bis zu seinem Ende. Das will ich heute auch tun: Die harten Worte des Predigttextes als Frage hören, als Frage stellen. An mich, an uns, die wir gemeinsam Gottes Priesterinnen und Priester in dieser Welt sind. Fragen, an deren Ende keine einfachen Antworten stehen werden, aber das wiedererwachte Bewusstsein, dass uns Flügel geschenkt sind. Und der Mut, der wunderbare Mut, endlich wieder zu fliegen, in die unbekannte, aber herrliche Freiheit, die uns Gott schenkt.
Der dänische Philosoph und Theologe Soren Kierkegaard erzählt zu dieser Frage eine Geschichte: „Ein Haufen schnatternder Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof. Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredteste Gänserich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank deren die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher, und ihr Leben bequem.“
Liebe Gemeinde, ich denke, es braucht keine erklärenden Worte, welchen realen Gänsehof Kierkegaard hier vor Augen hatte. Keine weiteren Worte, wie treffend er das Leben der Gemeinschaft der Priesterinnen und Priester beschreibt.
Heute ist der Tag der Fragen, nicht der Antworten, an uns.

 

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