Verfasst von: achterosten | 2. Februar 2020

Valter – Predigt zu 5. Buch Mose 30, 11-14

Predigt Einführungsgottesdienste Diakoniepfarrstelle (Dtn 30, 11-14)
Zu der nicht ganz unwichtigen Frage „Was ist Diakonie in 2020“ mal was aus der Abteilung Wissen zum Angeben auf der nächsten Party, der nächsten gemütlichen Runde im Freundeskreis: Der Film, den wahrscheinlich die meisten Menschen der Welt gesehen haben. Der so populär war und ist, dass nicht nur ein Bier den Namen der Hauptcharakters trägt, sondern auch eine Vielzahl von Männern ihn in ihrem Pass stehen haben. Der soviel Begeisterung auslöste, dass über eine Million Menschen den Schauspielerinnen und Schauspielern einen triumphalen Empfang am Flughafen bereiteten. Ein wahrer Kultfilm. Die Romantiker und Nostalgiker untern Ihnen denken jetzt vielleicht an „Vom Winde verweht“. Die auf Gnome mit eigenwilliger Grammatik und Herren mit komischen Helmen und schweren Atemproblemen stehen vielleicht an „Star Wars. Ich muss sie alle enttäuschen, keiner von denen ist es. Sie brauchen auch gar nicht heimlich zum Smartphone greifen, denn zumindest im deutschen Wikipedia werden sie ihn nicht finden. Das ist nämlich das kuriose an diesem Film, den wahrscheinlich die meisten Menschen gesehen haben: Kein Deutscher, keine Deutsche kennt ihn.
Dabei haben eine Vielzahl von Deutschen mitgespielt und auch sein Titel klingt so wunderbar deutsch: „Valter brani Sarajevo – Walter verteidigt Sarajevo“. Der erfolgreichste jugoslawische Partisanenfilm aus dem Jahr 1972, mit einer riesigen Fangemeinde nicht nur auf dem Balkan, sondern vor allem in China. Die Story ist schnell erzählt: Der mysteriöse Partisanenführer mit dem Decknamen „Valter“ macht den deutschen Besatzungstruppen in Sarajevo das Leben schwer. Besonders bedroht er 1944 mit seinen Kämpferinnen und Kämpfern den geordneten Rückzug der Wehrmacht vom Balkan. Der SD Obergruppenführer von Dietrich wird nach Sarajevo gesandt, um Valter ausfindig zu machen und hinzurichten. Von Dietrich benutzt das gesamte grausame Besteck des deutschen Besatzungsregimes: Folter, Hinrichtung etc. Aber niemand verrät „Valter“, keiner gibt seinen Namen preis. Er kann weiter erfolgreich seinen Befreiungskampf durchführen. Weil er versagt, wird von Dietrich letztlich selbst von einem Gestapobeamten abgeholt, um ihn nach Berlin zu bringen. Auf einem Hügel über Sarajevo kommt es dann zu jener ikonenhaften Schlussszene des Films:

Schlussszene „Valter brani Sarajevo“ (43:11-43:49)

Was ist Diakonie 2020? Diese Szene steht mir bei dieser Frage vor Augen. Das ist Diakonie 2020! Das ist unsere Aufgabe hier und heute – unseren Beitrag dazu zu leisten, dass unsere demokratischen, freien Stadtgesellschaften stark sind. So stark, dass all die Hasspredigerinnen und -prediger der Blut- und Bodenideologien, all die selbsterklärten Volkstribune auf dem Tippelsberg in Bochum, auf den Ruhrhängen in Witten oder auf der Halde Hoppenbruch stehen, auf unsere Städte blicken und ihre Niederlage vor Augen haben: Ihre Saat ist nicht aufgegangen, ihr Versuch, die Menschen hier zu spalten, ihr Gift in die Herzen zu pflanzen ist gescheitert. Und wir, die Menschen, die in der Diakonie arbeiten, haben unseren Beitrag dazu geleistet. Nicht allein, sondern mit all den Menschen, die guten Willens sind, die das Gute für die Menschen wollen.
Das Gute für die Menschen wollen und tun, das ist gemeint mit „Gebot Gottes“, so wie es vorhin zu hören war. Das Gebot Gottes der die Liebe ist. Deswegen ist sein Gebot nicht irgendwo fern von uns, „sondern sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun.“ Darum gibt es die Diakonie, darum ist sie aber auch nicht nur ein Teil der Kirche, ein Vorfeld der Kirche in der Gesellschaft, sondern ihr Zentrum. Ihr Zentrum, in dem getan wird, was heute nötig ist, damit das Gebot Gottes Wirklichkeit wird: das Gute für die Menschen. Ein Leben in Freiheit und Frieden. Hier und heute, in Bochum, in Witten, im Ruhrgebiet.

Auf dieser Grundlage sind es in meinen Augen drei Punkte, drei Aufgaben, die sich uns stellen. An erster Stelle steht der Schutz der Menschen. Ein Großteil der Menschen, die bei uns Hilfe und Unterstützung suchen, ist nicht nur virtuell bedroht, sondern in zunehmenden Maßen ihre Gesundheit und ihr Leben. Die Zahl der Morde an wohnungslosen Menschen zum Beispiel ist hoch und steigt. Stammen die Täterinnen und Täter nicht aus der gleichen Gruppe, sprich, sind selbst wohnungslos, sind es Taten von Menschen rechtsradikaler Gesinnung. Wem das übertrieben oder zu einseitig erscheint, den möchte ich auch nur an eine Tatsache erinnern: Im Raum der Diakonie Ruhr, in Dortmund hat nicht nur der NSU getötet, sondern auch drei Polizisten und der Punker Thomas Schulz genannt „Schmuddel“ sind rechten Mördern zum Opfer gefallen. Ich muss hier auch nicht auf die täglichen Schlagzeilen über verbale und tätliche Angriffe auf vermeintlich „Fremde“ verweisen, die kennen Sie alle.
Darüber hinaus ist doch auch klar – wer vom „Völkischem“ schwadroniert, in dessen Ideologie ist kein Platz für Menschen mit Behinderung, mit Einschränkungen, mit Suchterkrankung.
Und so bedeutet Schutz für mich auch und das will ich hier so klar sagen: Menschen, die Feinde von Jüdinnen und Juden sind, die sich islamfeindlich äußern, die Menschen entmenschlichen können nicht bei der Diakonie mitarbeiten und sind auch keine Gesprächspartner.

Der zweite wichtige Punkt: Räume schaffen. Räume im Alltag der Menschen schaffen, wo ihnen Gutes widerfährt, sie sich begegnen können – und das auf die bestmöglichste Art und Weise. Jede, jeder von uns trägt den Samen der Abgrenzung in sich, der feindlichen Unterscheidung zwischen die und wir. Wer weiß, vielleicht wäre ich auch so ein kleiner, rassistischer Wutbürger geworden, wenn ich nicht an ganz vielen Stellen das Glück hatte diese Räume zu erleben. Räumen, in denen ich Menschen in all ihrer Vielfalt im alltäglichen Leben begegnet bin und mir dort Gutes widerfahren ist. Ich meine hiermit nicht jene ritualisierte „Begegnungsforen“, sondern im alltätlichen Leben. Wenn eine Frau mit Kopftuch aus einem Auto mit Diakonielogo steigt und den deutschen Rentner pflegt ist meiner Erfahrung nach meistens mehr passiert als bei jeder noch so gut gemeinten interreligiösen Podiumsdiskussion.
Aber es muss „gut“ sein, diese Begegnung, dieser Raum. Daher gehört das Stichwort „Qualität“ untrennbar dazu. „Qualität“ ist so auch ein Begriff des Glaubens, denn Gott will das Gute für die Menschen. Wir müssen gut sein und wir müssen daher alles dafür tun, dass Menschen, die in der Diakonie haupt- oder ehrenamtlich arbeiten, dies unter guten Bedingungen tun können. Dazu gehört der unermüdliche Einsatz für die Anerkennung all der Menschen, die bei der Diakonie tätig sind; Anerkennung, die auch monetär deutlich wird und sich in einer auskömmlichen Refinanzierung zeigt.

Als Dritter Punkt: Orte, Möglichkeiten schaffen, um Verantwortung für die Stadtgesellschaft wahrzunehmen. Wenn wir es als unser Ziel sehen, eine Stadtgesellschaft, die von Freiheit und gegenseitiger Achtung geprägt ist, mit zu schaffen, zu schützen und auszubauen, dann müssen wir bereit sein, Orte der Verantwortung zu schaffen. Das heißt Menschen, die Verantwortung wahrnehmen wollen, auch die Chance dafür zu geben. Menschen, die es für sich als gut und richtig erkannt haben, dass das, was ihnen Gutes widerfahren ist, was sie sich als Gutes erarbeitet haben, nicht nur bei ihnen bleiben soll. Viele Menschen zum Beispiel ernten jetzt und in nächster Zeit die Früchte des historischen Glücksfalls eines unglaublichen wirtschaftlichen Aufstiegs dieses Landes in den letzten 70 Jahren, die Früchte aber auch von persönlicher Arbeit und großem Einsatz in dieser Zeit. Sie sehen diese Früchte aber nicht nur als Ernte für sich und ihre Familie, sondern als Ernte, von der sie sich in Verantwortung nehmen lassen. Sie wollen an dieser Ernte andere teilhaben lassen. Sie beantworten so für sich die Frage „Was bleibt von mir?“. Diese Menschen müssen bei uns Orte und Möglichkeiten finden, durch eine Schenkung, eine Erbschaft das so tun zu können. Das mit der Ernte eines Lebens ein guter, ein wertvoller Beitrag geleistet werden kann zu einer starken Gesellschaft in unseren Städten, unseren Nachbarschaften.

Am Schluss möchte ich es dann doch so sagen, obwohl der Decknamen, den sich der echte Partisanenanführer Vladimir Perić gegeben hat für deutsche Ohren jetzt nicht so mitreißend klingt: Ich wäre gerne in diesem Sinne „Valter“. So wie sich die Menschen in Sarajevo im Angesicht des jugoslawischen Bürgerkrieges als die giftige Saat von Hass und Nationalismus aufging, an ihre Brust hefteten „Ja sam Valter“ „Ich bin Valter“. In diesem Sinne, mit diesem Signal zu wirken – als Mensch, als Pfarrer, als Mitarbeitender in einer Diakonie als Zentrum der Kirche. Diakonie und Kirche, die alles dafür tun, ihren Teil dazu beitragen, dass Bochum, Witten, das Ruhrgebiet ein guter Ort zum Leben ist, ein Ort ohne Angst, ohne Hass. So das tun, was im Herzen und Mund so nahe ist. Für mich ist es das Gebot Gottes.


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