Verfasst von: achterosten | 17. November 2019

Realität – Predigt zu Ijob 14, 1-17

Predigt zu Ijob 14, 1-17

Es ist Volkstrauertag. An vielen Orten jahrein-jahraus dasselbe Bild: Ein kleine Schar im grauen Nieselregen drängt sich um einen Stein, kurze Ansprachen, Kranzabwurf und wer es ganz traditionell mag darf auch noch dem „Ich hat einen Kameraden“ lauschen. Danach bleiben sie wieder allein zurück, die grauen Steine, die versuchen dem Tod von Tausenden irgendeinen Sinn zu geben. Auch auf unserem Friedhof ist da die Rede von Helden, Mut und Tapferkeit. Von den „Gefallenen“. Gefallen klingt gut, harmlos, ein Stolperer ins Gras und einer bleibt liegen, sanft. Was „Gefallen“ meint: „Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt. Wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind, sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch. Ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her, ein anderer geht zur Verbandsstelle, und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme. Wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht. Wir finden jemand, der mit den Zähnen zwei Stunden die Schlagader seines Armes klemmt, um nicht zu verbluten, die Sonne geht auf, die Nacht kommt, die Granaten pfeifen, das Leben ist zu Ende.“ Soweit Erich Maria Remarque zum harmlos klingenden Wort „Gefallen“.
Welches Angebot machen die grauen Steine um mit dieser Realität umzugehen, den Schmerz auszuhalten angesichts von unzähligem Leiden? Welches Angebot machen sie angesichts dessen, dass die jahrzehntelange Erzählung von der „sauberen Wehrmacht“ mittlerweile als das dasteht was es ist: ein Märchen vom sauberen deutschen Soldaten. Welches Angebot machen die grauen Steine? Das von Helden, Mut und Tapferkeit? Das ist ihr Weg um mit Leid, Trauer und Schmerz umzugehen, den brutalen Tod aufzuladen mit Sinn. Damit es irgendwie zu ertragen ist. Damit da endlich eine Antwort ist auf die bohrende Frage „Warum?“.
Mir ist er in den letzten Jahren auch immer wieder begegnet, dieser Wunsch, ja sogar diese Forderung an mich. „Es ist doch ihre Aufgabe die Antwort auf das Warum zu geben. Sie sollen doch die Frohe Botschaft verkünden.“ und dergleichen mehr. Ist der Inhalt der Frohen Botschaft die Antwort auf diese Frage? Ist die Frohe Botschaft das Beschönigen, ja sogar das Leugnen der bisweilen verdammt harten Realitäten des Lebens? Für mich nicht!
Und ich glaube ich kann das auf gutem biblischem Fundament sagen. Ich kann damit auch meinem Leitsatz für jede Predigt treu bleiben, die Worte Ingeborg Bachmanns: „Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, daß sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ Diese Worte Bachmanns gelten nicht nur für Schriftsteller, sondern für jede und jeden, die oder der das Wort Gottes auslegt.
Wo soll denn Trost und Hoffnung wachsen, wenn die Wahrheit verschwiegen, beschönigt und verborgen wird? Wo dann allerdings auch in Kauf genommen wird, dass die Wahrheit oft nicht das Einfache, sondern das Verschlungene, nicht das Ewige, sondern das immer wieder neu zu Suchende ist.

Der heutige Predigttext aus dem Ijobbuch ist einer der Steine in diesem, meinem Fundament. Und er bestätigt auch das, was ich zuletzt sagte: Der Text ist nicht einfach, nicht gerade, sondern verschlungen, suchend. So wie das ganze Ijobbuch aber ein Gespräch ist, so auch dieser Abschnitt. Und so soll er auch laut werden:

NN: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur kurze Zeit, ist aber voll Unruhe. Er geht auf wie eine Blume und fällt ab, er flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

NN: Doch du Gott tust deine Augen über einen solchen Schatten auf, indem du mich noch vor dir ins Gericht ziehst.

NN: Kann dann aber ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind des Menschen Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde allein bei dir und du hast dem menschlichen Leben ein Ende gesetzt, das er nicht überschreiten kann. Dann bleibt dir nur die Bitte an Gott: Blicke doch weg von dem Menschen, damit er wenigstens Ruhe hat, bis sein Tag des Gerichts kommt, an dem er sich wie ein Lohnarbeiter freut weil er seinen Lohn empfängt.

NN: Doch ein Baum hat Hoffnung. Auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Auch wenn seine Wurzel in der Erde alt
wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

NN: Das ist richtig. Aber: Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin. Kommt ein Mensch um – wo ist er? Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich zum Sterben niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen. Er wird nicht aufwachen bis der Himmel zusammenschrumpft, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

NN: Ach dass du Gott mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!

NN: Meinst du denn, ein toter Mensch wird wieder leben?

NN: Alle Tage in meiner Knechtschaft wollte ich aushalten, bis zu meiner Erlösung. Denn
Du, Gott, wirst rufen und ich dir antworten. Dich wird verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann wirst du meine Schritte zählen und nicht achthaben auf meine Sünden. Du würdest meine Übertretung in einem Bündel verwahren und meine Schuld übertünchen.

Das sind sie, die beiden Stimmen im Gespräch. Meine, die von der harten Realität des Lebens spricht, von der härtesten überhaupt: Die Zahl der Tage unseres Lebens ist begrenzt, die Zahl des Leidens, das uns in den Tagen widerfahren kann, nicht. Und am Ende bleibt nur der Tod.
Da ist die andere Stimme, die von Frau NN. Und was tut sie, diese Stimme? Versucht sie diese Realität zu beschönigen, sie zu verdecken oder gar zu leugnen? Versucht sie es irgendwie, diese Realität zu erklären, einen Sinn hineinzulesen, der darin überhaupt nicht zu finden ist? Ich weiß nicht, wie es ihnen ging oder geht, aber für mich gab es in den dunklen Tagen meines Lebens nichts Schlimmeres, als wenn dann einer, eine versucht hat noch in den ganzen Mist irgendetwas hinein zu erklären. Für das Ganze irgendeinen Sinn herbei zu dichten. Als wenn Elend, Leid vor allem eine pädagogische Veranstaltung wären damit wir was lernen.
Nein, diese Stimme leugnet nichts, versucht es nicht weg zu erklären. Sie stellt aber der schonungslosen Beschreibung der Realität drei Punkte an die Seite und macht sie so zur Wahrheit. Denn, dieser kleine Exkurs sei mir erlaubt, die alleinige Beschreibung von Realität ist noch keine Wahrheit, sondern erst der aufrichtige Versuch, die Realität verstehen und deuten zu wollen ist die Wahrheit.

Lass sie uns noch einen kurzen Blick auf diese drei Punkte werfen. Die drei die an die Realität unseres Lebens anknüpfen, sich mit ihr verbinden: Gott sieht mich, Gott verwahrt mich, Gott gedenkt meiner.

Gott sieht mich. – Er verschließt die Augen nicht vor der Realität meines Lebens. Gott schleicht sich nicht aus der Verantwortung, aber er nimmt mich auch nicht aus meiner Verantwortung. Daher der Ruf nach dem Gericht. Vor dem Gericht werden die Augen nicht verschlossen, nicht vor dem Elend, aber auch nicht vor der Verantwortung. Gott sieht mich – wieviel wert ist das in einer Gesellschaft, in der einer wochenlang tot in seiner Wohnung liegen kann?

Gott verwahrt mich. – Oftmals, wenn ich Menschen habe sterben sehen, nahe und ferne, was war dann das Erste an dem sich so etwas wie Trost festmachen konnte? Die Ruhe. Dass es diesem Menschen vergönnt war endlich Ruhe zu haben. Da beugt sich eine Frau über ihren verstorbenen Mann nach langer, oft nicht einfachen Ehe, in dem viel gesagt wurde, aber wenig von der Liebe die man zueinander hatte und sagt: „Nun kannst du schlafen.“ In Gott wird diese Ruhe gesehen, die Verwahrung, eine solche Ruhe, dass sie uns bewahrt sogar vor Gottes Zorn. Daher schrieben die Alten auf die Gräber „Ruhe in Frieden.“ Gott schenkt Ruhe – wieviel wert ist das nach einem letzten, harten Kampf?

Gott gedenkt meiner. – Vergessen werden, das Schlimmste was einem Menschen passieren kann und wieviel schlimmer, wenn er es sich für sich selbst wünscht. Wir führen viel den Begriff der Menschenwürde im Munde, zu recht, aber ein Punkt fällt mir zu oft dabei hinten runter: das Recht, nicht vergessen zu werden. So ist es die edelste Aufgabe, allen Opfern von Gewalt und Unterdrückung ihren Namen wieder zu geben. Auf dass sie nicht vergessen sind. Es ist der legitime Wunsch einer jeden, eines jeden, nicht vergessen zu werden. Eine Antwort zu bekommen auf die Frage „Was bleibt von dir?“. Gott vergisst mich nicht, weil er Verlangen hat nach mir als dem Werk seiner Hände – Wieviel ist das wert in einer Zeit, wo wir verzweifelt darum kämpfen, dass wir beachtet, nicht vergessen werden?

Die harte Realität des Lebens, mit ihr verbunden aber das Sehen, Bewahren und Erinnern Gottes – das ist die Wahrheit des christlichen „Trotzdem“, das ist die Wahrheit der „Frohen Botschaft“.
Wie schön diese „Trotzdem“ sein kann, dazu nächste Woche mehr.


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