Verfasst von: achterosten | 28. Juli 2019

Garten-Lust – Predigt zu Hohelied 4, 12-16

Predigt zu Hdl 4, 12-16 (Sommerkirche 2019)
Liebe Gemeinde,
kurze aktuelle Umfrage an diesem Morgen: Wer von Ihnen hat die Chance einen Garten zu nutzen – und mit Garten meine ich jetzt alles, vom 2 ha großen Grundstück bis zum kleinen Handtuchgarten auf den drei Sonnenblumen passen? Ich bin da jetzt noch neugieriger: Wer von ihnen hat den Garten am Haus? Gibt es Schrebergärtnerinnen oder – gärtner unter uns? Okay, wer von ihnen nutz den Garten als Gemüse- und Obstgarten? Wer als Blumengarten? Und wer als Ort wo vor allem der Grill und die Hängematte ihren Platz haben? Jetzt nähern wir uns langsam den Glaubensfragen an: Was ist für sie ein schöner Garten? Für wen ist es der „gepflegte“ Garten mit gestutztem Rasen und ordentlichen Rabatten? Und wer pflegt eher das Bild vom naturnahen Garten, wo es auch mal eine unordentliche Ecke gibt? Okay, keine Angst, ich frage jetzt nicht weiter, wer von Ihnen auch noch eifrige Leserin, Leser von „Landlust“ oder „Kraut und Rüben“ ist. Eine Frage will ich dann aber doch noch loswerden, die dürfen sie aber für sich in ihrem Herzen beantworten: Lieben Sie ihren Garten?
Mich können Sie nachts um drei aus dem Bett reißen und ich würde Ihnen diese Frage aus tiefstem Herzen mit einem „Ja“ beantworten. Ich liebe sie alle beide, die beiden Gärten, deren Pflege mir anvertraut war bzw. sind. Der eine in Kassel war ein Traum mit 2000 qm. Gemüsegarten, Pfingstrosen, Streuobstwiese, Gewächshaus, diverse exotische Pflanzen, die von Reisen der Besitzer in aller Welt zeugten und mittendrin ein Pavillon. Als die drei wunderbaren Menschen, die unsere Vermieterinnen und Vermieter waren, langsam zu alt wurden, übernahm ich nach und nach die Pflege. Aber nicht nur das war ein Traum, sondern vor allem das Vertrauen, das mir geschenkt wurde. „Du wirst das schon gut machen.“ Und so durfte ich mich ganz diesem herrlichen Stück Natur annehmen. Was allerdings, so viel Ehrlichkeit ist nötig, in einem Winter bedeutet, dass ich leider auch zum unbarmherzigen Jäger werden musste. Am Ende waren es über 60 Wühlmäuse, die ich aus den Fallen geholt habe – spätestens dann war mir auch klar: Gartenbau ist nichts für Pazifisten. Welch ein herrliches Stück Natur mitten in Kassel, welch ein Glück diesen Garten sechs Jahre pflegen zu dürfen. Der andere liegt hinter meinem Elternhaus, leider nur knappe 800qm, aber auch dort Platz für Obstbäume, Gemüsegarten, Teich etc. Ihn darf ich bis heute pflegen, dort säen, pflanzen und ernten. Ein Vorteil: Von Wühlmäusen blieb ich dort bisher verschont. Ich liebe diese Gärten aber nicht nur wegen der Natur, dem Lebendigen, der eigenen Hände Werk sondern weil in beiden auch immer etwas da war: Die Handschrift der Menschen, die ihn vor mir angelegt und gepflegt haben. Und man spürt das, ob da eine, einer mit der gleichen Liebe und Leidenschaft zu Werke gegangen ist, mit dem gleichen liebevollen Blick auf ihn geschaut hat. Ein Garten hat ein Gedächtnis – das tief in seinen Boden ragt. Sie glauben das vielleicht nicht, aber ich bin davon überzeugt: Sie spüren schon an der Beschaffenheit des Bodens, wie er gepflegt worden ist: Ist er locker durch unzähliges Bearbeiten und pflanzen, oder ist er bretthart. Sie können einem Garten die Liebe abspüren, er trägt sie in seinem Gedächtnis. Man merkt ob da eine, einer mit der gleichen Lust und Leidenschaft ans Werk gegangen ist.
Liebe, Leidenschaft, Lust und Garten – das gehört zusammen. Sie können im Garten etwas über die Liebe der Menschen erfahren, manchmal versteckt, manchmal ganz offen. Sissinghurst in Südengland, in Kent zum Beispiel. Ich war dort vor einigen Wochen in diesem berühmten Garten, zum Glück noch in der Vorsaison. Die Beziehung seiner Schöpferin und seines Schöpfers, der Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihres Mannes Harold Nicolson, sie ist in diesen Garten hineingeschrieben. Ihre Liebe zueinander, das unter sich sein, aber auch die Bereitschaft der beiden, dem anderen seine sexuelle Freiheit zuzugestehen, das Programm einer offenen Beziehung zu leben. Sie finden in diese Garten Ordnung, Ebenmaß, aber auch bunte, überbordende Vielfalt . Sie finden Abgetrenntes, Verborgenes und Offenes, Freies. So ist dieser Garten wie all die Briefe, die die beiden sich Zeit ihres gemeinsamen Lebens geschrieben haben. „Wir sind einander ganz sicher in diesem sonderbaren, seltsamen, distanzierten, intimen, mystischen Verhältnis, das wir außenstehenden Menschen niemals erklären können.“, so schrieb Vita Sackville-West an Nicolson.
Liebe zum Garten, aber auch die Liebe, die Anziehung, das Begehren untereinander werden spürbar in diesem abgetrennten Stück Welt – so wie es für Menschen immer schon war, unzählig sind die Zeugnisse darüber, als gestaltetes Stück Natur, in Bilder festgehalten oder in poetischen Worten wie diesen: «Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Born, eine versiegelte Quelle. Was dir entsproßt, ist ein Lustgarten von Granatapfelbäumen samt köstlichen Früchten, Hennasträuchern samt Narden, Narde und Safran, Würzrohr und Zimt samt allerlei Weihrauchgewächsen, Myrrhe und Aloe samt allerbesten Balsamsträuchern. Eine Gartenquelle bist du, ein Brunnen mit fließendem Wasser und Wasser, das vom Libanon strömt.» «Wach auf, Nordwind, und komm, Südwind! Laß duften meinen Garten, laß strömen seine Balsamöle! Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse seine köstlichen Früchte!»
Liebe, Garten, das gegenseitige Begehren zweier Menschen, die Erotik – das alles verbindet sich auch zu einem poetischen Werk in der Bibel, dem Hohe Lied. Eines jener kleinen Schätze im Alten Testament, die einen ganz anderen Blickwinkel eröffnen. Vielleicht, weil sie nicht schon unter religiöser Absicht geschrieben wurden. Wie ebbend das Hohe Lied – es ist erst einmal nicht mehr als die Sammlung ganz profaner Liebesgedichte mit zum Teil sehr expliziten erotischen Bildern. Wie Sie es ja gerade gehört haben, in dieser Verbindung von Garten, Liebe und Erotik. Bilder, die durch die Zeiten hindurch natürlich immer auch als anstößig empfunden wurden und werden. Die man lieber in der Schmuddelecke verbannt sehen möchte, nicht aber in einer moralisch sauberen, hygienisch völlig reinen „Heiligen Schrift“ in der bitteschön nicht von „Brüsten wie Rehkitzen“ die Rede ist. Für viele ein Unglücksfall der Glaubensgeschichte, dass dieser Text überhaupt in der Bibel zu finden ist. Für mich ist es geradezu ein Glücksfall! Denn es ist mit der Bibel wie mit einem guten Garten: Man spürt ihr ab, dass dort die Liebe der Menschen zu finden ist, die sie angelegt, die sie gepflegt haben. Dieses Stück erotischer Poesie, sie pflanzten sie in den biblischen Garten der Liebe. Mit dieser ganz der Lieben eigenen Mischung aus freudigem Erkennen des geliebten Gegenübers und der sehnsuchtsvollen Suche. Der berauschenden Nähe und der schmerzhaften Ferne, dem hellen offenen und dem dunklen, verschlossenem, der Freude und dem Leiden aneinander – sprich einer lebendigen Beziehung, jeden Tag anders, jeden Tag neu. Und die dabei das Wichtigste nicht vergießt: die Lust! Die Lust aufeinander, die Lust aneinander. Das Begehren des anderen, des geliebten Gegenüber. Das ist der Glaube: Die Frage Gottes an uns „Hast du Lust? Hast du Sehnsucht nach mir?“ So starke Sehnsucht, so starkes Begehren wie es im Hohen Lied in Bilder und Worte gefasst wird. Das ist für mich eine der schönsten, aber auch wichtigsten Botschaften der Bibel, der Glaubensgeschichte: Gott sehnt sich nach uns, wie eine Liebhaberin nach dem geliebten Menschen! Der Glaube, die Geschichten des Glaubens als einzige bange Frage Gottes: „Hast Du Sehnsucht nach mir?“ Und wie die Geliebte wirbt er um uns, hoffend, verzweifelnd und manchmal auch tobend.
Menschen haben diese Frage Gottes beantwortet, beantworten sie, machen so die Welt zu einem Ort wie einem guten Garten: Ein Ort an dem man spürt, dass Menschen ihm mit Liebe und Lust begegnet sind, diese Liebe sich tief eingegraben hat und Frucht bringt bis heute. Damit wir auch diesen Ort so weiter pflegen können und uns an ihm erfreuen. Mit Liebe, Lust und Sehnsucht im Herzen.


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