Verfasst von: achterosten | 19. April 2019

Jesus in den „Honka-Stuben“? Predigt zu Johannes 19, 16-30

Predigt zu Joh 19, 16-30 (Karfreitag, 19.IV.2019)

Man kann es sich kaum vorstellen, wenn man ihn da so sitzen sieht. Ein Häufchen Mensch, für den um ihn herum alles irgendwie eine Nummer zu groß wirkt, für dieses Männchen. Schmalbrüstig, nicht mal 1,70 groß, ein Gesicht das einem irgendwie entgleitet, zur Seite verrutscht. Selbst das Schnurbärtchen, dieser schmale Strich über der Oberlippe bestärkt diesen Eindruck. Das soll er sein? Dass er hier sitzt, ist ein Zufall, so wie alles in diesem Leben Zufall gewesen zu sein scheint, nur niemals ein guter. Ein Brand in seinem Mietshaus, ein Brand wie er immer mal passieren kann. Nichts was gut ist, aber auch keine Katastrophe, kein Mensch kommt zu Schaden, es gibt keinen Totalverlust eines Hauses. Unerfreulich und gefährlich, aber Alltag für die Hamburger Feuerwehr. Ein Zufall und dann noch in der Zeit in der er noch nicht zurückkehrt ist von seinem Job als Nachtwächter. Alltag für die Feuerwehrleute – wenn da nur nicht dieser durchdringende Gestank wäre. Tod und Verwesung liegen in der Luft. Sie suchen nach Brandnestern, decken dafür das Dach ab, finden auch ein, zwei, aber vor allem finden sie die Ursache für den Gestank. In Säcken verstaute menschliche Körper. Es wird eine Zeit brauchen, bis man weiß, dass es drei Menschen waren, drei Frauen. Drei Menschen, die keiner vermisst hat. So wie wohl auch keiner ihren Mörder vermisst hätte – dieses Männchen, dass da in dieser Fantasieuniform eines Nachtwächters vor den Polizisten steht. Dieser Fritz Honka, der jetzt zum Segen aller Boulevardzeitungen inmitten des schlimmsten Sommerlochs wird. Jetzt haben sie die Schlagzeilen – das unscheinbare Männchen mit seinen „ungestalten, viel zu großen Mörderhänden, Monsterhänden“. Bis in die Tagesschau schafft er es. Fritz Honka, am Ende gesteht er, vier Frauen umgebracht zu haben. Er wird verurteilt, erhält nach dem Gefängnis eine neue Identität, lebt unerkannt in einem Altenheim – unauffällig. Am Ende geistig verwirrt holt er ihn wieder ein, dieses Mal allerdings nur in seinem Kopf, der alles durchdringende Geruch von Verwesung mit dem er jahrelang lebte, damals da in Hamburg.
Den zentralen Ort dieser Jahre, den „Lebensort“ von ihm und seinen Opfern, den gibt es bis heute: „Der goldene Handschuh“. Eine Kneipe mitten in Hamburg, wie eine Bucht, eine besondere Stelle an einem Strand an dem sich das menschliche Treibgut sammelt. Fritz Honka, seine Opfer, sie waren, sie sind die andere Seite der westdeutschen Aufstiegsgesellschaft. Die, die keiner damals sehen wollte. Die, an die sich heute keiner mehr erinnern will. Geboren in den 30ern und frühen 40ern des letzten Jahrhunderts, so wie ja nicht wenige heute Morgen hier. Hineingeboren in Unterdrückung und Gewalt. Kinder der Täter oder wie Fritz Honka, der Opfer. Sein Vater saß wohl als Alkoholkranker und Kommunist im KZ. Die Menschen im „Goldenen Handschuh“ sind aber die, die es nicht schafften. Die, die es nicht schafften, einfach zu vergessen, sich mit den richtigen Sachen zu betäuben, irgendwie es auf die Reihe zu kriegen. Von diesen Menschen erzählt Heinz Strunk in seinem Buch „Der goldenen Handschuh“ – nicht vom Frauenmörder Fritz Honka, sondern von diesen Menschen. Vor zwei Jahren ist dieses Buch erschienen. Ich habe es vor einigen Wochen gelesen. Keine leichte Kost, Strunk geht bis an die Schmerzgrenze und locker darüber hinaus. Ein Buch das mich seit dem nicht mehr los lässt. Gerade wenn in an den heutigen Tag denke – an Karfreitag.
Wissen Sie was mich am meisten an diesem Buch erschreckt oder besser verstört hat? Das waren nicht die Mordszenen, da gibt es brutalere in jedem zweiten Krimi. Auch noch nicht mal der bodenlose Abgrund aus Elend, Zerfall, der Kontrollverlust über Seele und Körper – das war immer wieder auch Alltag im Krankenhaus und manchmal auch an der Tür des Pfarrhauses. Nein, so schlimm, so grausam, das ist, nein, es war die Erkenntnis, dass diese Hölle der Dachgeschosswohnung Fritz Honkas auf dem gleichen Fundament steht wie die vermeintlichen Gewinnerseite der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Das Lieblingslied von Fritz Honka? Der Schlager „Es geht eine Träne auf Reisen“. Das Sofa von Fritz Honka? Über und über bedeckt mit den üblichen Stofffiguren und –püppchen wie sie alle in dieser Zeit waren. Die Frauen, die mit ihm mitgingen, um gegen Sex und Unterwürfigkeit eine oder mehrere Nächte im Trockenen und Warmen zu haben? Sie trugen die üblichen Kittelschürzen. Fritz Honkas oberste Maxime? Sauberkeit und Ordnung. Selbst die Sprache, die Bilder, sie waren mir beim Lesen nur allzu vertraut und versetzen mich in meine Kindheit, in die letzten Tage dieser westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Förderten damit auch wieder die Erinnerung zutage: Hatten wir sie nicht alle in unsere Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie? Die, die es nicht geschafft haben, das menschliche Treibgut? Über die nur mehr oder weniger verschämt hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde und wird? Natürlich nicht immer in der Drastik der Menschen im „Goldenen Handschuh“, aber die Grenze war dünner, als es viele sich einreden. Der „Goldene Handschuh“ ist weniger eine reißerische Erzählung über den Frauenmörder Fritz Honka als ein Spiegel westdeutscher Nachkriegsgesellschaft mit ihren Wirkungen bis heute. Wissen Sie womit sich Fritz Honka jahrelang herausreden konnte, wenn sich Menschen im Haus über den bestialischen Gestank beschwert haben? Mit dem Hinweis auf die griechischen Gastarbeiter im Erdgeschoss und dem, was sie angeblich so kochen.
Die Welt der Menschen im „Goldenen Handschuh“ ist keine Sonderwelt derjenigen, die man landläufig „als Bodensatz der Gesellschaft“ bezeichnet. Es ist das Elend jener Jahre, das sich nur im „Goldenen Handschuh“ soweit dreht, bis am Ende, denn so endet auch das Buch, der Wahnsinn steht. Und es gibt viele Drehungen, bis es soweit ist und vier Menschen tot sind. Oder waren sie es schon vorher? Inge, eine von ihnen hat darauf ein klare Antwort, die ich hier mal zitieren will: „Der einzige Unterschied zwischen uns und Leudn auf´m Friedhof is, dass wir im Sitzen vergammeln. Was ist das eigentlich für ein Gott, der so was zulässt. Grunzend wie ´ne Sau. Eine Sau mit goldenen Flügeln. Nur ´n Windstoß hoch in der Luft, so schwebt unser Herrgott über uns und guckt runter auf die Schweinerei, die er da angerichtet hat.“, so stellt sie fest, als die verhasste Offizierin der Heilsarmee ihr gegenüber sitzt.

Eine der Buchstellen, die mich immer wieder an diesen Tag heute erinnerten, was mich seit dem umtreibt: Was hat der Tod Jesu überhaupt für eine Bedeutung, wenn er nichts mit dieser Feststellung von Inge, mit den Menschen aus dem „Goldenen Handschuh“ zu tun haben soll? Wenn wir sie versuchen auszuklammern, wegzuschieben? Wenn der Gekreuzigte über der püppchenverzierten Couch des anständigen Hauses hängt, aber nicht über der von Fritz Honka. Und zwar weil wir ihn da nicht sehen wollen, uns es nicht vorstellen wollen. Aber was ist dann noch dieser Tod am Kreuz, dieses Leiden wert? Was ist dann das „Für uns“ mehr als eine hohle Phrase? Was will man dann noch gegen Inges Feststellung sagen? Wenn die grausame Geschichte vom Tod Jesu am Kreuz keine Bedeutung, keine Rolle im „Goldenen Handschuh“, in dem Wahnsinnsort der Wohnung Fritz Honkas spielt wie kann sie dann überhaupt eine Rolle für uns, die Menschen spielen? Die Geschichte des Karfreitags lässt keine Sonderräume zu in denen sie Hoffnung, Trost schenkt. Sie muss es im „Goldenen Handschuh“, in der Wohnung Fritz Honkas tun oder sie tut es gar nicht. Denn sie erzählt doch, dass Gott selber in Jesus in dem Elend seiner Zeit lebt, bis sich auch dieses Elend zum Wahnsinn des Todes am Kreuz gedreht hat.
Ich habe keine fertige Antwort auf diese Frage nur diese Unruhe in mir, denn es geht um alles bei der Frage ob er dort zu finden ist, im „Goldenen Handschuh“, der Gekreuzigte. Allerdings gab es da beim Lesen so etwas wie ganz leichte Ahnung, eine ganz leichte Spur. Da ist nämlich der tiefe Humanismus den Menschen im „Goldenen Handschuh“ gegenüber. Gerade auch weil es nicht versucht, etwas zu beschönigen, etwas zu verheimlichen und damit zu verschleiern. Gerade in dieser Direktheit aber niemals all diesen Menschen ihr Menschsein abspricht, ihnen zu entreißen versucht. Sich ihnen in aller Drastik mit Achtung zuwendet, ohne die Abgründe zu beschönigen, zu verschleiern. So wie es der Karfreitag auch nicht tut. So Linderung schenkt, auf völlig unerwartete Weise. So wie es auch Herbert tut, der Chef des Goldenen Handschuhs: „Magda und Willi sind schon seit ungefähr Tausenden von Jahren miteinander verheiratet, wie lange wissen sie selber nicht. Ihre letzte Erinnerung ist die Silberhochzeit Neunzehnhundertschießmichtot. Sie haben den richtigen Zeitpunkt verpasst, sich zu trennen, und nun ist es zu spät. Todschwer und kettenrauchend hocken sie in ihrer Stammecke. (…) Magda bildet sich ein, von radioaktiven Strahlen verseucht zu sein. Alle paar Wochen ist es so weit, sie bekommt es wegen der drohenden Strahlenvergiftung mit der Angst zu tun. Einmal ist die kleine, alte, schwache Frau in ihrer Not auf zwei norwegische Matrosen losgegangen. Die haben nur gelacht, der eine hat sie am ausgestreckten Arm hochgehoben und so lange zappeln lassen, bis Herbert das unwürdige Schauspiel beendete. Herbert kümmert sich manchmal nämlich ganz rührend um seine Stammgäste, vor allem um die Alten, Kranken, Verwirrten und Behinderten. In diesem Fall nahm er Magda behutsam an die Hand und führte sie mit nach hinten ins Büro. Dort steht auch eine uralte Infrarotlampe. Er schaltete die Lampe an, setzte Magda davor, ließ sie alleine, und eine halbe Stunde später war sie tatsächlich davon überzeugt, dass das rote Licht die Strahlen aus ihrem Körper gezogen oder neutralisiert oder unschädlich gemacht hat. Oder so ähnlich. Gute Idee, macht er seit dem immer so, Hauptsache es funktioniert. Ist ja bei allem so. Woran die Menschen glauben, ist völlig egal. Hauptsache, der Glaube tut ihnen gut, und sie richten in seinem Namen kein Unheil an. Herbert hilft gerne, und das ist einer der Gründe, weshalb die Menschen ihn in ihr Herz geschlossen haben. In welcher Kneipe gibt´s sonst noch Chefarztbehandlung?“


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