Verfasst von: achterosten | 7. März 2019

Alles Opfer – Predigt zu Joel 2, 12-20

Predigt Joel 2, 12-20 (Aschermittwoch)

Liebe Gemeinde,
„wo man hinsieht, nur Opfer“ – egal ob mir die Nachrichten aus dem Radio entgegenschallen, ich die Zeitung aufschlage oder mich im Internet durch Kommentarspalten klicke – etwas was in den letzten Jahren erst als Ahnung gewachsen ist, als vorsichtige Beobachtung ist mittlerweile in aller Munde. Nicht nur das, es ist zum gesellschaftlichen Mainstream, zur Grundhaltung und zum politischen Instrument geworden: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Das scheint der gesellschaftliche Megatrend in Deutschland dieser Tage zu sein. Das Prinzip ist relativ einfach und simpel: Man wagt sich vor mit seiner Meinung, gerne auch mal provokativ formuliert. Schlägt einem dann Ablehnung entgegen oder wird diese Äußerung als das bezeichnet, was sie manchmal ja auch einfach ist, z.B. menschenverachtend geht das Geheule los – dann ist man das Opfer von der „Lügenpresse“, von „denen da oben“. Dann wird wieder geraunt vom „Schweigekartell“, dass man nicht mehr sagen dürfe „was man wirklich denkt“. Immer schon auch an Satzeinleitungen wie „aber das darf man ja nicht laut sagen“ oder „das muss aber mal sagen dürfen“ gut zu erkennen. „Politische Opferolympiade“ – so war der sehr passende Begriff dazu in einer Rezension des neusten Buches des Politologen Francis Fukuyama zu lesen.
Es hat eine Pervertierung stattgefunden, deren Gift langsam in unser Leben, in unser Zusammenleben in den letzten Jahren eingesickert ist: Beim Stichwort „Opfer“ geht es nicht mehr um Hilfe, um Gerechtigkeit für die wahren Opfer, sondern es ist zu einem gesellschaftlichen Kampfwort geworden. Es geht auch nicht mehr um Gleichberechtigung, um den Schutz von Minderheiten, all dies wird darunter begraben. Der Begriff „Opfer“, die Selbsterklärung, das man „Opfer“ sei, sie dient nur noch einem: der Abgrenzung gegenüber den anderen: „Wir sind die Opfer der anderen.“ Die Frage des Verhältnisses von Selbstverantwortung und Fremdverschulden – sie wird gar nicht gestellt. Und so klingt es immer mit wenn sie brüllen „Wir sind das Volk.“ – „Wir sind die Opfer.“ Die Pflanze die aus diesem Gift wächst ist der Hass. Der Hass auf die Anderen, der am Ende nur eine Konsequenz haben kann, die Vernichtung des Anderen.
Diese Selbstbezeichnung als „Opfer“ die nun so offensiv zu Tage tritt, wenn wir ehrlich sind, hat sie doch gerade hier bei uns in Deutschland einen fruchtbaren Boden mit einer guten Tradition vorgefunden. Schauen wir doch nur auf die kollektive Erzählung der Jahre 1933-45: „wo man hinsieht, nur Opfer“. Die Diktatur, der Krieg, der Massenmord – eine Tat der Nazis. So eine Art außerirdische Rasse die 1933 plötzlich auftauchte, all die schrecklichen Taten planten, mit einer Art Hirnstrahl die Menschen für sich begeisterten, sie zwangen all diese unschönen Dinge zu tun und dann am 08.05.1945 einfach wieder verschwanden. Zurück blieben nur Opfer, jeder Deutsche, jede Deutsche alles Opfer der Nazis. In wieviel Familie wird das bis heute erzählt – wenn überhaupt klar ist, was die Vorfahren in dieser Zeit getan haben? Was für eine Lüge. Was für ein Schlag in das Gesicht all derjenigen, die mit Mühe und Not sich gerettet haben vor diesen Untaten, ebbend nicht der Nazis, sondern denen von deutschen Männern und deutschen Frauen. Das ist der Nährboden in unserem Land des Märchens das wir alle nur Opfer sind.

Aschermittwoch – das ist kein Tag der selbernannten „Opfer“, das ist der Tag der „Täter“. Das ist der Tag der schmerzhaften Unterscheidung zwischen Selbstverantwortung und Fremdverschulden – also dem Bewusstsein, wo ich selber Verantwortung zu tragen habe. Das ist der Weg all der Geschichten und der Worte der Bibel, so wie sie es gerade aus dem Buch Joel gehört haben. Das Volk Israel erklärt sich nicht zum Opfer um die anderen hassen zu können – auch wenn sie mehr als gute Gründe dafür gehabt hätten, nach der Zerstörung ihrer Heimat, der Verschleppung. Immer wieder wird die Frage nach der eigenen Verantwortung gestellt, der schmerzhafte Weg des ehrlichen Blickes auf sich selber. Das ist die Grundbewegung des Alten Testamentes, des Volkes Gottes, der Juden. Wo trage ich Verantwortung? Wo bin ich „schuldig“ geworden? Hinzu tritt eine zweite Bewegung: Diese Verantwortung, die habe ich immer dem Menschen neben mir gegenüber. Meine Verantwortung für sie, für ihn das ist meine Verantwortung vor Gott. Wo bin ich diesem Menschen zum „Täter“ geworden? Das ist die Frage des Aschermittwochs, die Frage der Bibel. Sie öffnet den Blick, sie ist das Antidot gegen das Gift dieser Tage: Das die „Täter“ sich zum Opfer erklären. Aschermittwoch ist so der erste Schritt dazu die Mauern und Grenzen zwischen den Menschen niederzureißen, den Hass zu besiegen, in der Freiheit zu leben, die Gott für uns will, die er schenken will.
So ist das Aschekreuz kein Zeichen was uns niederdrückt, sondern aufrichtet, den mit diesem Zeichen zeigen wir es: Wir sind bereit für unsere Verantwortung vor den Menschen und somit vor der Welt und Gott.


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