Verfasst von: achterosten | 3. März 2019

Maria und mein Kalender – Predigt zu Lukas 10, 38-42

Predigt zu Lk 10, 38-42 (Estomihi 03.III.2019)

Liebe Gemeinde, dieses kleine Büchlein ist mein täglicher Begleiter. Egal wo ich hin gehe, es ist immer dabei. Daher ist es auch so klein, damit es notfalls auch in die Jackentasche passt. Ich muss Sie enttäuschen, es ist nicht die Bibel und auch nicht eine erbauliche Sammlung frommer Weisheiten. Könnte Frau oder Mann ja vielleicht vermuten, so bei einem Pfarrer und dann noch so im pastoralen Schwarz. Ich muss Sie da enttäuschen, es ist leider viel profaner, dafür aber überlebenswichtig – es ist mein Kalender. Ohne den geht es wie bei der Mehrheit der Menschen auch bei mir nicht. Ich bin da noch sehr altmodisch unterwegs und nutze dieses schwarze Büchlein und nicht mein Smartphone. Er ist gut gefüllt der Kalender, auch das wie bei vielen Menschen. Und es erstaunt mich immer wieder, was für eine Bandbreite der Arbeit da so durch die unterschiedlichen Termine deutlich wird. Das wechselt zwar auch immer mit den Jahreszeiten, mit Themen, die gerade oben auf liegen und mit äußeren Bedingungen. So im groben Überblick lassen sich aber schon zwei Dinge festhalten: es ist eine nicht geringe Zahl an Einträgen und die Mehrzahl steht eher über der Überschrift „Arbeit für die Menschen“ und weniger „Arbeit mit den Menschen“. Keine Sorge, ich will hier keine Leistungsschau veranstalten. Ich kenn genügend anderen Kalender, die genauso oder noch bedeutend mehr gefüllt sind. Ich will auch nicht in pastorales Klagen über all die Management- und Verwaltungsaufgaben einstimmen. Denn grundlegend ist immer festzuhalten, wenn wir zu den Menschen gesandt sind, also Kirche in der Welt sind, dann können wir das auch nur unter den Bedingungen der Welt. Und da gehört Management und Verwaltung im 21. Jahrhundert an vorderster Stelle dazu. Mal ganz davon abgesehen, dass die Menschen uns viel Geld anvertrauen und damit ein verdammtes Recht darauf haben, dass mit diesem Geld gewissenhaft und professionelle umgegangen wird. Und zum zweiten: die Gestalt, die heute die Kirchengemeinde hat, sprich mit all diesen Aufgaben, ist ja auch nicht vom Himmel gefallen oder Gotte gewollt, sondern immer nur so, wie die Gemeinde das in der Vergangenheit so für sich entschieden haben, wie sie sein sollen. Evangelische Kirche ist demokratisch, dass heißt jede und jeder kann Einfluss auf die Gestalt der Kirche nehmen. Das heißt aber auch, keine und keiner kann sich später über das Ergebnis beschweren, weil das angeblich jemand ganz allein von oben entschieden hat.
Nein, deswegen habe ich also heute nicht den Kalender mitgebracht. Sondern erstens, weil er in der Vielzahl seiner Termine genauso aussieht wie bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen, die ehren- und hauptamtlich in der Kirche arbeiten. Zweitens, weil es mir nicht darum geht, was sich hier in diesem und all den anderen Kalender findet, sondern um das, was fehlt. Und die Geschichte dieses Sonntags:
„Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Liebe Gemeinde, jetzt leg ich mal meinen Kalender neben diese Geschichte und dann wird es bitter. Ich denke es ist ohne große Worte offensichtlich: Das ist eigentlich nur Martha zu finden, von Maria kaum eine Spur. Sprich, da ist ganz viel Aktivität, ganz viel Alltag einer Kirchengemeinde, aber das Hinsetzten und Hören? Fehlanzeige. Ich bin mir sicher, in vielen der anderen Kalender sieht es ähnlich aus. Wir haben aber ja nicht nur einen „Marthakalender“, sondern wir haben ja auch schon ihre Denke übernommen: Es zählt das endlose Tun, das am Laufen halten all der Dinge und immer noch eine Sache da zu packen, weil das ja angeblich dafür sorgt, dass die Menschen uns nicht weiter verloren gehen oder wieder den Weg zu uns finden. Wir urteilen auch über die anderen wie Martha über ihre Schwester. Denken dabei auch noch wir sind im Recht. Weil ja die Anzahl, das Tun das entscheidende ist. Und seien wir doch ehrlich: natürlich beteiligen wir uns doch auch gerne am innerkirchlichen Wettbewerb. Bei uns kommen so und so viele zum Gemeindefest, dafür haben wir ganz viele Jugendliche etc.
Da ist aber die Antwort Jesu: Er verurteilt weder das eine, also Marthas Tun, noch das andere, Marias Nichtstun grundsätzlich. Er weist auf das entscheidende Kriterium hin: Nicht das Tun oder Nichtstun ist entscheidend, sondern zu erkennen wann was dran ist. Nicht umsonst wird folgt diese Geschichte genau nach dem Jesus vom barmherzigen Samariter erzählt hat, also davon wie wichtig das Tun ist. Maria hat erkannt, was dran ist. Bei mir, bei uns habe ich da leider so meine Zweifel.
Ich will ihnen ein Beispiel dazu erzählen: So gegen Ende der Konfirmandenzeit arbeiten wir zum Glaubensbekenntnis. An was Glauben Christinnen und Christen? Kann man das eigentlich überhaupt so generell sagen etc. Am Ende formulieren die Konfis dann ihr persönliches Glaubensbekenntnis mit dem sie bei der Konfirmation Ja sagen zu ihrer Taufe. In dieser Phase können die Konfis aber auch bei einem Fragen auf einen Zettel schreiben: „Was ich schon immer zum christlichen Glauben wissen wollte.“ In der nächsten Stunde lese ich die Fragen dann vor und versuche eine Antwort zu finden. Wissen sie was, mir geht bei dieser Stunde immer das Hinterteil aber mal ganz nahe aufs Grundeis. Warum? Weil die Fragen immer super sind, es sind immer die richtigen Fragen, die mitten hinein ins Zentrum des Glaubens treffen. Wie das sein kann mit dem angeblich liebenden Gott angesichts all des Elends und der Not? Welche Rolle die Bibel spielt oder wofür überhaupt der christliche Glaube gut sein soll? Um diese mal als Beispiel zu nennen. Fragen, die mich immer ins Mark treffen. Ich versuche immer nach bestem Wissen und Gewissen zusammen mit den Konfis im Gespräch darauf zu antworten. Bewege mich dabei aber oft auf sehr dünnem Eis. Denn eigentlich weiß ich, wenn ich die Fragen lese, jetzt wäre „Mariazeit“. Jetzt wäre es ganz dringen nötig, um im Bilde zu bleiben, sich zu den Füßen zu setzten und zu hören. Zeit um der Frage nachzugehen, zu hören, was der Glaube dazu zu sagen hat, wo er aber auch durch die Frage selber infrage gestellt wird. Und genau das fehlt! Diese „Mariazeit“. Warum klingt denn vieles bei uns teilweise wie im Lebensberatungsteil mancher Frauen- und Männerzeitschriften? Ein Allgemeinplatz jagt den nächste, alle drei Sätze klingelts im religiösen Phrasenschwein? Geben wir Antworten auf Fragen die keiner stellt. Warum? Doch nicht aus böser Absicht oder Faulheit, auch nicht aus mangelnder Menschenkenntnis oder so, sondern weil wir den ganzen lieben langen Tag damit beschäftigt sind, den Laden am Laufen zu halten. Weil wir nur noch Martha sind oder wie es ein Theologe angesichts dieser Geschichte schrieb: Es zählt Quantität und nicht Qualität.
Was aber wenn das vielleicht einer der Gründe ist, warum die Menschen uns nicht brauchen. Nicht weil wir so viel anbieten, sondern weil überall bei uns „Marthazeit“ herrscht. Keine Zeit zum Hören auf die Worte des Lebens, der Freiheit, des Glaubens. Keine Zeit für „Lebensqualität“ sondern nur für Quantität. Das Zentrale der Antwort Jesu ist uns fast verloren gegangen: Zu erkennen wann „Martha-„ und wann „Mariazeit“ ist. Und ich glaube, wir bräuchten in diesen Tagen eine große Portion „Mariazeit“.
Wie aber kann das gelingen? Die Geschichte von Maria und Martha macht das sehr geschickt. Sie erklärt nicht, gibt darauf auch keine Antwort, sondern geht sozusagen wieder zurück an den Anfang. Hätte sie eine einfache Antwort, dann würde es doch wieder nur damit enden, dass wir diese Anweisung in bester aktiven Marthamanier befolgen würden. Jesus gibt in der Geschichte darauf keine Antwort, sondern die Geschichte geht an ihren Anfang zurück. Zu Maria die sich niedersetzt und zuhört, auf die Worte die vom Leben sprechen. Das tut not! Die Geschichte erzählt uns nicht, wie Martha reagiert. Setzt sie sich hin, vielleicht sogar erst zähneknirschend? Zieht sie vielleicht sogar beleidigt ab, gefüllt mit Eifersucht auf ihre ja ach so tolle Schwester? Brummelt vor sich hin, der hat gut reden, der Jesus, aber zu essen wollen sie alle dann was? Das wird nicht erzählt.
Wie reagieren wir? Keine Ahnung was Sie so machen, ich jedenfalls habe mir das kleine schwarzes Büchlein vorgenommen. Jede Woche ist jetzt eine Stunde eingetragen. Eine Stunde „Mariazeit“ – ein Stunde lesen theologische Literatur – jede Woche. Das ist schon einmal ein Anfang.


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