Verfasst von: achterosten | 24. Februar 2019

Lydia und der Nassrasierer – Predigt zu Apostelgeschichte 16, 9-15

Predigt zu Apg 16, 9-15 (Sexagesimae, 24.II.2019)

Liebe Gemeinde,
ich habe Ihnen mal wieder etwas mitgebracht. Ein Gegenstand, völlig alltäglich, klein und unscheinbar und trotzdem gab er in den letzten Wochen Anlass zur Sorge. Denn es droht ungemeine Gefahr, größte Bedrohung geht von ihm aus. Wenn man mancher Stimme glauben darf, droht für knapp die Hälfte der Menschheit Schreckliches (Rasierer hochhalten). Es ist der Rasierer. Zugegeben, ich gehöre da zu der altmodischen Sorte. Erstens immer nass und dann mit Hobel, Pinsel und Rasierseife. Bisher sind sie vielleicht davon ausgegangen, die maximale Gefahr dieses Gerätes besteht darin, dass sein Benutzer einem alten Passionslied gleicht: „O Haupt voll Blut und Wunden“? Da haben Sie die Sprengkraft dieses Gerätes aber weit unterschätzt. Einer der beiden Weltmarktführer des Nassrasierers meinte wohl, es war mal wieder Zeit, sich in das Gedächtnis des Mannes zu bringen. Dieses Mal nicht mit der zehnten Klinge, die auch noch dem letzten Barthäarchen für Tage den Garaus macht. Nein, dieses Mal versuchte man sich in Gesellschaftskritik. Aber jetzt ging mal so was von die Post ab. Was war passiert? Die Gilettemanager ließen alle Welt an dem Ergebnis ihres letzten Selbstfindungsseminares teilhaben. Selbstkritisch stellte man sich die Frage, ob man nicht selber über Jahre vielleicht einen kleinen Beitrag zu einem gewissen Männerbild geleistet hatte. Die Erkenntnis: Ja, haben wir. Daher wurden nun pädagogisch und mit dem nötigen Pathos hinterlegt Dinge präsentiert, von denen ich immer dachte, sie seien selbstverständlich: sich Prügeln ist nicht die Verlängerung von Diskussionen mit schlagkräftigeren Argumenten, die Ausgrenzung von Menschen ist nicht eine naturgegebene und hinzunehmende Tatsache und Frauen sind nicht dazu da, von uns Männern beglückt zu werden. Weder von unserer Intelligenz, unserer Weisheit noch von unserer Potenz. Auch nicht dazu, dass wir ihnen gönnerhaft das Maß an Gleichberechtigung zugestehen, was wir ihnen als moderner Mann zugestehen. Oh man, da hab ich mich aber mal getäuscht. Hunderte Männer haben öffentlich Giletteprodukte verbrannt. Sich dabei gefilmt, wie sie ihren Rasierer samt Seife entsorgen und dergleichen mehr. Diejenigen, denen solches zu brachial ist, fingen auf einmal an, irgendetwas von historischen Höchstleistungen zu erzählen, die ohne „männliche Eigenschaften“ wir Ritterlichkeit etc. nicht möglich gewesen wären. Sogar das Idealbild des Gentlemans wurde in Anschlag gebracht. Egal aber ob es einer eher handfester mag oder hochgeistig, die Erregungskurve all dieser Männer stieg ins Unermessliche. Und das nur aus einem Grund: Sie haben diesen schlechtgemachten, im pädagogischen Pathos versinkenden Werbefilm als Angriff auf ihre Männlichkeit gesehen! Von einer Werbung für Nassrasierer! Schon fielen auch wieder die üblichen Kampfbegriffe, natürlich „Gender“ und ganz schnell war man natürlich auch bei solchen Dingen wie der Einführung von Unisextoiletten und ähnlichem. Ein Satz ist mir bei dem ganzen männlichen Befindlichkeitskrempel im Gedächtnis geblieben. Der Aufschrei „Jetzt ist doch auch mal genug mit der Gleichberechtigung.“ Meine böse Vermutung: Genau darin liegt der Kern der ganzen Aufregung. Genau, es reicht doch jetzt mal mit der Gleichberechtigung, denn schließlich ist es doch mittlerweile normal, dass die Frauen auch arbeiten gehen können / dürfen. Ist das etwa nichts? Die Realität dieser Gleichberechtigung sieht ja nach meinem subjektiven Empfinden so aus: Zu der üblichen Hausarbeit und Kinderbetreuung dürfen die Frauen jetzt noch jeden Tag einer Erwerbsarbeit nachgehen. Ein Traum! Lustig auch all die Begegnungen in bürgerlich-akademischen Kreisen wenn dann freundlich aber leicht irritiert beim Smalltalk nachgefragt wird: Ah, ihre Frau ist promoviert, worin haben sie ihren Doktor gemacht oder schreiben sie noch an ihrer Diss? Ich war auch mal so naiv, zu glauben, dass es für Männer keine Rolle spielt wenn Ihre Partnerin mehr verdient, auf der Karriereleiter ein paar Stufen höher steht. Auch da habe ich was lernen müssen. Es ist wie bei so vielen Sachen, die mit den Themen Liberalität, Freiheit, Gemeinsamkeit und Vielfalt zusammenhängen. Ich bin da dem Irrglauben erlegen, dass die Menschen schon weiter wären. Das war ein naiver Fehler und ich glaube mittlerweile wir haben noch nicht mal richtig angefangen. Was aber soll das Ganze hier am Sonntagmorgen? Kann man nicht einmal hier in Ruhe gelassen werden mit dem ganzen Krempel?
Was soll ich machen? Es geht nicht! Warum nicht? Allein schon deswegen: Der Umstand, dass wir hier heute Morgen Gottesdienst feiern, ein Kind taufen, den verdanken wir – einer Frau! Und das ist auch noch Gottes Wille. So wird es seit der frühsten Zeit erzählt, so wie alles seinen Anfang nahm. Mit einer Frau. Und wenn ich diese Geschichte höre dann ist spätestens einer dieser Punkte erreicht, wo ich nicht mehr wirklich verstehe, warum manche Themen unter Christinnen und Christen mit solcher Vehemenz diskutiert werden. Denn da ist diese Frau, ohne die wir alle heute nicht hier wären. Aber es wird ja noch besser. Da gibt es ja die, die gerne von sich behaupten sie sprechen für die schweigende Mehrheit. Wenn man denen glauben will, dann verkörpert sie wo alles, vielen anscheinend die Nackenhaaren hochgehen: Sie ist eine Frau, sie ist Ausländerin, sogar eigentlich noch schlimmer, sie ist Wirtschaftsflüchtling. Sie ist erfolgreich, eigenständig. Sie nimmt ihre Religionsfreiheit wie selbstverständlich in Anspruch, sucht den Kontakt zur jüdischen Gemeinde und hält die Juden nicht für das Unglück der Welt. Und zu guter Letzt, von einem Mann an ihrer Seite wird nie was erzählt. Gott bewahre, vielleicht war sie auch noch lesbisch. Und sie ist die erste Christin Europas. Mit dieser Frau beginnt alles das, was ja heute gerne von interessierten Kreisen als christliche Kultur des Abendlandes bezeichnet wird. Der Witz dabei ist, das wird noch nicht einmal als die Sensation erzählt, sondern eher lakonisch, als sei es das Normalste der Welt: „Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, daß uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen (…) nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluß, wo wir dachten, daß man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so daß sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, daß ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.“
Das ist Lydia, die erste Christin Europas, Gründerin der ersten christlichen Gemeinde auf unserem Kontinent, bei ihr nimmt alles seinen Anfang. Deswegen spreche ich heute Morgen über das Thema Gleichberechtigung und Männerbild. Weil es unser ureigenes christliches Thema als Töchter und Söhne dieser Frau ist. Und weil diese Geschichte ein sehr wichtiges Detail zentral in sich trägt. Lydia wird nicht Christin, weil sie, schön klassisch, Objekt männlicher Überzeugungskraft, Weisheit und Potenz ist. Es sind nicht die schönen Worte des Paulus, des Mannes, die sie überzeugen, in ihr den Glauben wecken. Sie ist kein Objekt männlichen Tuns. Ihre Entscheidung ist es, die Worte von dem einen Gott zu hören. Gott selber öffnet ihr das Herz für den Glauben. Und eigentlich geht das noch viel weiter: Paulus ist das Objekt in dieser Geschichte. Denn eigentlich wollte er ganz wo anders hin auf seiner Missionsreise. Dass ihn der Weg nach Europa führt – die Geschichte bringt da Gott ins Spiel. Und für Paulus bleibt es durch die ganze Geschichte so, selbst am Ende ist freundlicher Druck notwendig, damit er sich endlich einladen lässt in Lydias Haus. Und – verliert er dadurch seine Männlichkeit? Ist er das Opfer eines antiken Genderwahns, all seiner Freiheit beraubt? Hat man oder vielmehr Frau ihm alles genommen, was ihn als Mann ausmacht? Das wird uns nicht erzählt. Erzählt wird uns aber von ihr, von Lydia, der Gott das Herz öffnet für die Botschaft der Freiheit. Die Botschaft, die uns die Freiheit gibt unser Leben zu gestalten ohne Vorgaben, was angeblich weiblich oder männlich ist. Und vor allem: Uns Männern die Freiheit gibt, endlich ernst zu machen mit der Gleichberechtigung, nicht als Heulsusen, sondern als Männer.


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