Verfasst von: achterosten | 2. Januar 2019

Torte der Freiheit – Predigt zu Jesaja 51, 4-6

Predigt zu Jes 51, 4-6 (Sylvester 2018)

Liebe Gemeinde, Sylvester, Jahreswechsel. Ist Ihnen da mal was aufgefallen? Jahreswechsel, das wird immer mehr wie die Adventszeit. Die beginnt ja bekanntlich auch immer früher, von wegen Spekulatius im September. Mit dem Jahreswechsel ist es ähnlich. Ich bin in diesem Jahr von meiner Zeitung schon Anfang Dezember mit dem Jahresrückblick auf 2018 beglückt worden. Seis drum, Sylvester, die Tage „zwischen den Jahren“ das ist die Zeit des Rückblickes und auch die Zeit um Bilanz zu ziehen. Die Politik macht das, die Betriebe machen das und manche und mancher auch für das eigene Leben in den letzten zwölf Monaten. Da gibt es ja auch ganz unterschiedliche Wege. Man kann das sehr emotional machen: all die schönen und traurigen Momente des Jahres sich noch einmal vor Augen führen. Das frühe Aus der Deutschen bei der WM zum Beispiel. Sie können jetzt selber wählen zu welcher Kategorie das für Sie gehört. Man kann das aber auch sehr nüchtern tun und das soll auch dieses Mal mein Weg sein. Ganz nüchtern die nackten Zahlen betrachten. Da hätten wir für das Jahr 2018 in der Ev. Kirchengemeinde Eppendorf-Goldhamme: 27 Konfirmationen, 6 kirchliche Trauungen, weiter hatten wir 3 Aufnahmen, 33 Taufen und 71 Beerdigungen. Zwar liegen die Zahlen noch nicht vor, aber ich gehe davon aus, dass wir wie in jedem Jahr so ca. 30-40 Austritte und eine gewisse Zahl von Menschen aus unserer Gemeinde haben, die zwar gestorben, aber nicht kirchlich bestattet worden sind. Schnell zusammengerechnet wird wohl auch in 2018 unsere Gemeinde um ca. 2,5 Prozent geschrumpft sein.
Soweit, ganz nüchtern, die nackten Zahlen. Jetzt ist das ja mit Zahlen und Statistiken so eine Sache. Da gibt es die nackten Zahlen, die schwarz auf weiß und dann die Gefühlten. Die, die man vermutet. Was nun die Realität wirklich abbildet? Das ist manchmal schwer zu entscheiden. Aber auch die Gefühlten gehören zum Bilanzziehen, zum Rückblick. Es gibt in der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine wunderbare Rubrik dazu: „Torten der Wahrheit.“ Die Journalistin Katja Berlin versucht auf humoristische, provokante Weise „diese gefühlten Zahlen“ in Form von Diagrammen darzustellen. Entweder als Balken- oder aber, genau, als Torten-Diagramm. Oft habe ich den Eindruck, dass Ihre „Zahlen“ der Realität sehr nahe kommen. Kleines Beispiel von ihr: „Was „gleich“ für Frauen in der Wirtschaft bedeutet“: Für 8 Prozent „gleiche Chancen“, für 17 Prozent „gleiche Bezahlung“, für 75 Prozent „Können Sie – gleich – mal das Protokoll schreiben“.
Ich bin bestimmt nicht so gut wie Katja Berlin, aber ich will mich da auch mal versuchen mit so einem provozierenden Rückblick auf 2018. Wie wäre es mit „Welche Nachricht hat die Deutschen 2018 am meisten erschüttert?“: Das Tausende von Menschen im Jemen vom Hungertod bedroht sind – 2, 5 Prozent, Hinweise auf rechtsextreme Netzwerke in staatlichen Organisationen mit Gewaltmonopol – 12,5 Prozent, die Trennung von Helene Fischer und Florian Silbereisen – 85 Prozent. Ich sehe, sie verstehen das Prinzip dahinter. Dann will ich es auch mal für unsere Gemeinde wagen: „Was war das 2018 am stärksten diskutierte Thema?“ Was soll das mit dem Tod Jesu am Kreuz? – 2,3 Prozent, die Verkleinerung der Gemeinde in sechs Jahren um fast 1000 Menschen – 5,1 Prozent, Umsetzung des Datenschutzgesetzes – 22,6 Prozent, Das die Krippenfiguren nicht so standen wie sonst die Jahre – 70 Prozent. So jedenfalls die gefühlte Bilanz, die gefühlte Wahrheit nach dem Blick auf die nackten Zahlen, aber auch nach unzähligen Gesprächen, Telefonaten, E-Mails in den letzten zwölf Monaten.
Das ist ihnen zu hart, zu provozierend formuliert? Ihre Bilanz sähe ganz anders aus? Unbestritten, aber bei dieser, meinen „Torte der Wahrheit 2018“ gesellte sich, neben den nackten Zahlen, dem subjektiven Erleben, noch etwas Drittes hinzu, der heutige Predigttext. Aus dem Jesajabuch: „Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“
Nicht gerade ein Text, der dazu bewegt, schonend, mit Nachsicht einen Blick auf die Realität zu werfen, auch auf die in unserer Gemeinde. Und bei beidem, dem Bilanzziehen für 2018 und dem Lesen des Textes blinkte in meinem Kopf ein Wort auf – „Priorität“. Etwas klarer und ausführlicher gesagt die eine Frage: „Was ist wirklich wichtig? Ist das was wir als Priorität ansehen, wichtig, wirklich das worauf es ankommt?“ Und das ist keine akademische Frage, ich will das noch mal anders sagen. Was ist das wichtigste, kostbarste heute in unserem Leben im Sinne von sehr selten, rar? Grundsätzlich gilt doch erst einmal: Wir haben etwas zu Essen, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben es warm und trocken und vieles darüber hinaus. Das ist es nicht, es ist – Zeit! Dieses rare, begrenzte Gut, das uns so durch die Finger rinnt. Und angesichts dessen wird die Frage noch mal drängender „Nutze ich dieses Kostbare, Wertvolle wirklich für die wichtigen Dinge oder verschleudere ich es sinnlos?“ Denn 2018 war ja auch das Jahr wo wir dank Professors David Graebers um einen Begriff reicher wurden: „Bullshitjobs“. Kurz zusammengefasst, viele Menschen verschwenden diese kostbare Gut, ihre Zeit, in Berufen und mit Aufgaben, die so viel Sinn haben, wie ja, nun mal „Kuhscheiße“, so David Graeber. Und zumindest die Verkaufszahlen seines Buches legen die Vermutung nahe, dass er das Gefühl vieler wohl getroffen hat.
Angesichts dieser Kostbarkeit unserer Zeit also eine ernsthafte Frage:Was hat Priorität? Das ist eine verdammt unangenehme Frage, denn wenn etwas Priorität hat, dann stehen anderen Dinge leider nur an Platz zwei, drei oder ganz am Ende. Auch wenn das so sauber im wahren Leben ja gar nicht läuft, da teilen sich manche Dinge auch schon mal den Platz in der Rangliste. Was hat Priorität? Der Text aus dem Jesajabuch ist da radikal: „mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.“ Das ist das einzige was bleibt, was Bestand hat, was wichtig ist. Alles andere, wirklich alles andere, ist völlig nachgeordnet. Das nenn ich mal Prioritäten setzen, das nenn ich mal eine „Torte der Wahrheit“: Was ist das wichtigste?: „Heil, Gerechtigkeit“ – 100 Prozent, alles andere – 0. Zwischen unseren „Torten der Wahrheit“ und dieser liegen Welten. Daher könnte man zu ihr das sagen, was vielleicht die ein oder der andere zu meiner „Torte“ vorhin gedacht hat: „Eine Frechheit, die reine Provokation, so geht das nicht.“ Ja, genau das war sie und das ist auch diese „Torte“ aus dem Jesajabuch. Und in der geht es auch um was. Kurzer Blick mal auf das zentrale Wort „mein Heil“. Was verbirgt sich dahinter? In einer jüdischen Übersetzung des Textes ins Deutsche steht für Heil die wunderbare Verheißung „meine Befreiung“. Ja, wenn das mal nicht den Anspruch auf Priorität hat, dann weiß ich auch nicht mehr. „Befreiung“ – auch in 2018 oft gesucht, oft verfehlt, in manchen glücklichen Momenten geschenkt bekommen. Und auch für 2019 ganz oben auf der Liste. Viel zu wichtig, als dass ich mich von dieser „Torte der Wahrheit“ Gottes nicht provozieren lasse. Von dieser Radikalität, aber auch von der Hoffnung, der Verheißung, die darin steckt. Nicht ich, wir müssen immer und immer wieder entscheiden, was im Letzen an erster Stelle steht, das ist gesetzt. Das trägt den wunderbaren Titel „Befreiung“. Wenn die wichtigste Frage aber bereits geklärt ist, was Priorität hat, an erster Stelle steht, dann sortiert sich alles danach vielleicht viel einfacher. Auch wenn da immer noch Dinge sich den ein oder anderen Platz teilen müssen, weil das Leben nun mal so ist. Auch wenn diese Liste immer wieder neu sortiert werden muss, denn auch das ist das Leben. Das kann man lernen, glauben sie mir. Sprechen Sie mit z.B. Ärzten, Pflegerinnen, Polizisten, Feuerwehrmänner etc. Die müssen das jeden Tag, innerhalb von Minuten und manchmal auch nur Augenblicken: Prioritäten neu sortieren.
Das aber, das Platz Eins schon lange belegt ist, das ist eine Provokation. Was aber wenn wir uns mal für 2019 provozieren lassen? Mal unsere „Torten der Wahrheit“ auf den Tisch legen, mal die Frage nach den Anteilen und Prioritäten stellen. Ohne das wir schon wieder mit der moralischen Brille darauf gucken, voller Angst vor den möglichen Folgen oder mit hohlen Phrasen. Was wird dann passieren? Ich weiß es nicht, ich kann es echt nicht sagen. Das ist ein Abenteuer, ein Risiko, das ist Leben. Was wenn aber am Ende ganz andere „Torten der Wahrheit“ stehen, „Torten der Freiheit“? Wie zum Beispiel diese hier an einem Sylvester in den nächsten Jahren „Was sind bei uns heute in der Gemeinde die wichtigsten Themen?“ – Der neue Verbund aus Diakonie und Gemeinde, weil wir so für die Menschen da sind – 5 Prozent, Das Heilig Abend die steile These „Gott ist Mensch geworden“ zu verstehen war – 10 Prozent, Sylvester feiern, weil das Leben feiern die Antwort auf unsere Befreiung durch Gott ist – 85 Prozent.“

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