Verfasst von: achterosten | 25. Dezember 2018

Lichte bei der Nacht – Predigt zu Jesaja 9, 1-6

Predigt Jes 9, 1-6 (Christvesper 2019)

[Sicherungen aus, Kirche dunkel, Benzinlampe I Sakristei Benzinlampe II Kanzel) Finsternis, völlige Dunkelheit um ihn herum. Eine Finsternis wie er sie bis jetzt nie kannte. Eine dumpfe, warme, feuchte Finsternis, die ihn umschließt. Nichts ist zu sehen, umso mehr jedes noch so kleine Geräusch zu hören: der Wetterstrom, das Knarzen des Holzes, das Knistern des Berges. Immer lauter wird alles, sein Atem geht immer schneller. Er spürt zwar das harten Gestein auf dem er kniet, wo aber ist links und rechts, wo oben, wo unten? Nur raus, nur weg. Aufspringen, loslaufen, aber wie? Die dumpfe, warme, feuchte Finsternis dringt ihm durch das dünne, schweißnasse Hemd, greift nach seinem Herzen. Er ist allein in der Finsternis, ohne Ausweg. Da spürt er eine Hand auf seinem Bein, fest, bestimmt und eine Stimme dringt durch die Finsternis, es dauert einen Moment, bis die Worte aus dem Dunkel zu ihm durchdringen, den harten Griff um sein Herz lösen. „Mach die Lampe wieder an! [Benzinlampen II an, Benzinlampe I an auf den Altar]. Verstehst du es jetzt?“ Ja, er begriff, er verstand.
Es kam ihm zwar wie eine Ewigkeit vor, dabei war es gerade mal eine Viertelstunde her. Sofort steht es ihm wieder vor Augen: Wie er nur kurz ein paar Stempelhölzer von unten holen will, sie würden sie brauchen. Weit war es nicht bis unten auf die Strecke. Schon läßt er sich dorthin rutschen, packt das Holz, das dort liegt, da erschrickt ihn der Ruf: „Halt! Was machst Du hier.“ Er blickte in die zusammengezogenen Augen des Steigers. „Ich soll Stempelholz holen, der Rutschenbär hat mich geschickt.“ „Das ist nicht das Thema“, die Augen vom Steiger werden enger, „wo ist deine Lampe? Du hast es doch gelernt: Die Lampe immer am Mann!“ Stimmt, er hatte sie oben hängen lassen, der Streb war hell genug, die Lampen der andern Kumpels, das Licht unten von der Strecke sorgten dafür. „Ach, Steiger, für die paar Meter, ist doch alles hell!“ „Du wartest hier.“ Der Steiger lässt ihn einfach stehen, klettert anstatt seiner hoch in den Streb. Kurze Zeit später kommt er wieder auf die Strecke, die ganze Mannschaft im Schlepptau. „Ihr könnt buttern. Du“, er zeigt auf ihn, „rein mit Dir in den Streb, bis da wo Deine Lampe ist.“ Er klettert hoch, der Steiger folgt ihm. Als er bei der Lampe angekommen ist, wieder dieser Befehlston: „Lampe mitnehmen, weiter hoch, bis zum letzten Knapp.“ „Mensch, was hat der Alte mit mir vor?“, geht es ihm durch den Kopf. Am Kohlestoß angekommen, schaut er auf den Steiger, der sich gegen einen Stempel hockt. Er selber kniet auf dem Stein. Vom Licht der Strecke ist nichts mehr zu sehen, nur seine Lampe und der Blitzer an der Brust des Steigers geben Licht. Den aber löscht der Steiger jetzt. Wieder der Befehlston: „Lampe aus!“ Er löscht auch seine Lampe. Dann kommt sie, die völlige Finsternis, dumpf, feucht und warm. Dunkelheit, wie er sie nie kannte. Dunkelheit, die alles erstickt. Bis sie ihn erreichen, die Hand und die Worte aus der Finsternis: „Verstehst du es jetzt?“ Ja, er versteht: Die Lampe immer am Mann! „Mach sie wieder an.“. Er blickt in das schwarze Gesicht des Steigers, in dem sich die weiße Zahnreihe eines Grinsens zeigt. „So, genug Scherze für heute. Ab an die Wand, Kohlen müssen kommen.“
Er vergaß es von jenem an Tag nie. Nicht als die alten Bezinlampen ersetzt wurden durch die elektrischen [Akkulampe an], als noch der letzte Winkel in Strecke und Streb erleuchtet war [Streblampe an], er hat es nie vergessen: „Die Lampe immer am Mann!“
Selbst lange Zeit später, als sein Tag vor allem darin bestand, schweigend aus dem Fenster zu schauen, konnte es sein, dass er auf einmal alle anblickte, klar und deutlich sagte: „Ihr dürft das nie vergessen: Die Lampe immer am Mann!“

[Helmlampe an, an die Kanzel] „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Das ist das Wort der Bibel für heute, Heilig Abend 2018. Wenige Tage nach dem offiziellen Ende des Bergbaues hier bei uns. Wenige Tage nach dem zum letzten Mal Bilder von einer Zeche bei der Tagesschau zu sehen waren. Da war neben aller Abschiedsmelancholie auch viel Verklärung, viel Sozialromantik. Denn wenn früher ein Förderturm hinter dem Sprecher der Tagesschau zu sehen war, bedeutete das nichts Gutes: Es gab die Angst um die Zukunft, die Angst vor Arbeitslosigkeit, die Angst vor dem Bergfreien. Und immer wieder hieß das: Es gab Verletze, es gab Tote. Leider bis zum Schluss. Die traurige Nachricht kam heute vor einer Woche aus Ibbenbüren: Ein 29jähriger Bergmann kehrte von seiner Schicht nicht mehr zurück. Was für ein Elend, so kurz bevor für alle Zeiten Schicht am Schacht ist. Nacht und Dunkelheit – das wird heute in seiner Familie herrschen, bei seinen Freunden, wie bei unzähligen Familien und Freunden vor ihnen.
Nacht und Dunkelheit herrscht auch in den verlassen Grubenbauten zu unseren Füßen. Hier oben, am Tage, auch hier beschleicht mich das Gefühl das die Dunkelheit sich ausbreitet. Es stimmt ja zwar zum Beispiel, keiner von den Bergmännern ist ins Bergfreie, in die Arbeitslosigkeit gefallen. Wenn ich hier aber so durch manche Straßen, machen Stadtviertel fahre, kommt es mir vor, als wenn die jetzt ins „Bergfreie“ fallen. Perspektivlosigkeit macht sich breit, ganze Stadtviertel werden abgeschrieben. „Strukturwandel“ ist eher ein Mythos, und nur sehr begrenzt Realität.
„Die Lampe immer am Mann!“ – „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ [Stern anschalten] Beides verbindet sich an diesem besonderen Abend: Wenn die Lampe immer an der Frau, an dem Mann ist dann kann die Finsternis noch so groß sein, das eigene Licht gibt seinen Schein. Zeigt den Weg. Die Lampe hing für den Bergmann in der Lampenstube bereit. Für jeden seie persönliche, seine eigene, immer mit der eigenen Markennummer. Die Krippe dort, die Worte, die Lieder der heutigen Nacht sind vielleicht auch so etwas wie diese Lampenstube. Der Ort wo wir, ich, diese, meine „Lampe“ bekomme. Die, die leuchtet in der Dunkelheit, in der draußen und in der im Herzen. Die für mich dort bereit steht. So jedenfalls wird uns erzählt.
Das ist meine Hoffnung jedes Jahr an Weihnachten. Dass ich sie hier finde, die Lampe, das Licht, was mir leuchtet, die Dunkelheit durchbricht. Was mir zeigt: „Du bist im letzten nicht allein. Es ist gut, du musst es nicht alles tragen, sondern es trägt der, den man Gott nennt. Den du dort findest, wo du ihn nie vermutest. Sowie er zu den Menschen gekommen ist, im Dunkel eines Stalles, ohne das es außer ein paar Hirten und drei Gelehrten irgendjemand zur Kenntnis nahm. Der nichts von dir fordert, dir aber alles schenkt, was du brauchst: Liebe, Freiheit.“ Denn so einfach ist die Botschaft dieses Abends: „Du bist nicht allein. Du bist Geliebt. Du bist frei.“ Mehr braucht es nicht als dieses Licht.
Ich brauche dieses Licht. Das ist die Sehnsucht dieses Abend: Dieses Licht zu finden, das so für mich, für uns leuchtet. Ohne es bleibt das alles heute Abend nur ein Gemisch aus Sentimentalitäten und alten, leeren Worten ohne weitere Bedeutung. Ich brauche dieses Licht, deswegen bin ich doch hier. Sonst könnte ich doch auch schon bei Muttern am Tisch sitzen oder mit Freunden am Weihnachtsbaum. Ich brauche aber dieses Licht, mein Licht, das für mich bereit ist. Das ich immer „am Mann habe“, immer bei mir. Eine ganze lange Schicht lang, sprich eine lange Zeit des Alltages, jenseits der Festtage. Wie soll ich das denn sonst schaffen, da draußen? Wo es oft so hell durch all die anderen Lichter ist, das ich meine Lampe fasst vergesse. Wo es oft so dunkel ist, das ich mich ohne diese Lampe im Dunkel verliere. Die Lampe ist das Entscheidende an diesem Abend! Sie steht an erster Stelle.
Dass ist die große Hoffnung dieses Abends für mich. Sie verbindet sich mit einer anderen: Das nicht nur ich heute, hier dieses Licht finde, sondern Sie, viele andere mit mir, mit uns. Jetzt, hier, an all den anderen Orten. Jede und jeder ihr, sein Licht, was für sie, ihn leuchtet. Über diese Nacht hinaus. Eine ganze lange Schicht lang. [Kerzen auf dem Altar, Osterkerze entzünden].
Das unser Lichter zusammen leuchten in der Dunkelheit da draußen. Das wir es nicht zulassen, dass Menschen Straßen, Stadtviertel ins „Bergfreie“ fallen. Das es uns gelingt: dem Vergangenen nicht nachzutrauern, aber das Gute zu bewahren, weil wir es brauchen: Der vielbeschworene Zusammenhalt, weil ohne den Kumpel an meiner Seite geht es nicht. Das wertvolle Motto: „Es zählt nicht was du bist oder hast, sondern was du kannst.“ Wo es egal ist, wie eine aussieht, wie sie zu ihrem Gott betet, sondern das entscheidende Kriterium ist, ob man sich auf sie verlassen kann. Weil nun mal gilt „unter Tage sind alle schwatt im Gesicht.“
Das ist mein „Erbe“ unserer Väter und Großväter im Berg das ich mir bewahren will: Nie ohne eigenes Licht zu gehen, egal wie kurz der Weg, wie hell um mich herum alle scheint. Nicht zu vergessen das eigene Licht. Immer zu hoffen, das ich, wir dieses Licht immer für uns bereitet finden, das Licht der Liebe, der Freiheit. Dass es uns leuchtet die ganze lange Schicht des Alltages. Dass es Wahrheit bleibt und wird, was uns erzählt wird: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“
[Weihnachtsbaum an]

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: