Verfasst von: achterosten | 25. November 2018

Mitten im Leben – Predigt zu Johannes 5, 24-29 (Totensonntag)

 

„Was passiert eigentlich wenn eine stirbt?“ – „Wann ist man eigentlich so richtig tot?“ Liebe Gemeinde, wenn wir ein paar Mutige dabei haben, dann kommen sie relativ schnell, diese Fragen. So auch wieder Freitag vor einer Woche. „Tod und Sterben“ – so ist der Freitagnachmittag für die Konfis im November überschrieben. Nach einer Erkundung des Friedhofes gehört dazu auch immer das Gespräch mit einer Bestatterin, einem Bestatter. Menschen, die täglich mit dem Tod zu tun haben. Oft bestätigt sich dabei etwas, was ich immer wieder beobachte: Kinder und Jugendliche sind zum weit überwiegenden Teil unbefangen, wenn es um das Thema Tod geht. Schnell werden Fragen laut, wie ich sie gerade zu Beginn zitiert habe. Fragen, die erst einmal, ja ein bisschen medizinisch, vielleicht sogar biologisch klingen. Bei denen man denkt, eine schnelle Antwort ist möglich. Schon allein, weil das Thema einem ja doch mehr als unangenehm ist. Kurze Erklärung, kurze Antwort, nächste Frage. Dabei führen genau diese beiden Fragen uns viel tiefer, als eine kurze Antwort. Sehr viel tiefer in das Geheimnis von Tod und Leben. Denn wann ist jemand tot, wann ist das Leben an sein Ende gekommen? Landläufig haben viele ja so die Vorstellung eines festen Punktes, einer festen Grenze im Kopf, oder eines fest bestimmbaren Ort. Gut, der feste Punkt hat sich verschoben, in dem Maße, in dem medizinische und biologische Erkenntnisse in das Allgemeinwissen vorgedrungen sind. Früher war das Aussetzen des Atmens ein sicheres Zeichen, dann der fehlende Herzschlag, heute wird viel vom Hirntod gesprochen. Durch bestimmte Anzeichen kann dann davon ausgegangen werden, dass das Gehirn endgültig nicht mehr seinen Dienst versieht. Wenn auch bedingt durch die technischen Möglichkeiten über einen wahrscheinlich längeren Zeitraum alle anderen körperlichen Funktionen aufrecht erhalten werden können. Ein fester Punkt, eine feste Grenze – das ist der Tod. Ende, Aus. Vielleicht hat diese weitverbreitete Meinung, diese Überzeugung etwas damit zu tun, dass Tod und Sterben weitgehend aus unserem Erfahrungsraum, aus unserem Leben verschwunden ist. Denn eines kann ich sagen: Ich habe Menschen sterben sehen, ferne und nahe. Menschen, denen als Patienten und Gästen meine Fürsorge und Menschen aus der Familie, denen meine Liebe galt. Ich habe gesehen, gehört und erfahren, dass so, wie das Leben in aller Vielfalt, in aller Einzigartigkeit ist, so auch das Sterben einzigartig ist. Dass also der Tod der große Gleichmacher ist, im Tod alle gleich – das habe ich nicht erkennen können. Jeder und jedem stand auch im Tod sein Leben ins Gesicht geschrieben, sie oder er blieb unverwechselbar, einzigartig. Eine Grenze, einen festen Zeitpunkt? Auch den habe ich nicht wirklich erkennen können. Kein glatter Schnitt, keine klare Kante, sondern ein Prozess. Selbst bei Menschen, die auf den ersten Augenschein „einfach umfielen“, „sich mal kurz nur hingelegt haben“. Spätestens in der Rückschau zeigen sich kleine Punkte dieses Prozesses. „Plötzlich“ habe ich den Tod nicht erlebt.

Der Tod – keine klare Grenze, keine Abbruchkante. Der Tod ragt weit schon ins Leben hinein, die Zeichen des Lebens ragen in den Tod. Endgültig klar wurde mir das am Bett eines Patienten, als das Wort „Hirntod“ gefallen war. Äußerlich, erfahrbar waren alle Zeichen des Lebens zu sehen, zu spüren. Nach und nach stellten wir die Geräte ab. Der Tod nicht als klare Kante, als klare Grenze, sondern als etwas, was viel mit dem Leben zu tun hat, im Leben schon beginnt, das habe ich gelernt. Das hat Augen geöffnet, den Blick geschärft, wie weit schon der Tod in das Leben ragen kann. Wie viele schon Zeichen des Todes tragen, lange vor dem letzten Atemzug. Wie weit er schon in mein Leben ragt. Das Leben zur Seite drängt im grauem, stumpfen Alltag. Wie viele Dinge ohne Sinn und Verstand ich jeden Tag tue. Wie viele Worte nur leeres, totes Gerede sind. Das Zusammenkommen mit Menschen weniger lebendige Begegnung als Austausch toter Gesten ist. Wie vieles was einmal wichtig, lebendig war, verdorrt, vertrocknet ist. Der Tod kein ferner Ort, keine ferne Grenze ist, sondern seine Kälte schon heute mein Leben, das Leben so vieler erstarren lässt.
So ist es mir deutlich geworden, dass die vermeintlich so simple Frage der Konfis „ Wann ist jemand tot?“ keine einfache Antwort hat. Sie nicht nur hineinführt in das Geheimnis von Leben und Tod, sondern auch in die zentrale Verheißung des christlichen Glaubens, dem sogenannten „ewigen Leben“. So diese Frage der Konfis den Weg zeigt, dass er lebendiger Grund der Hoffnung und des Trostes ist und bleiben kann. Denn das kann er nicht sein, wenn seine Verheißungen alle nur immer erst jenseits der Grenze „Tod“ angeblich Wirklichkeit werden. Dort an jenem Ort jenseits der Grenze, dort im ewigen Leben, da, ja da, angeblich, wird dann alles Wirklichkeit. Das wird zurecht als billige Vertröstung kritisiert, zu Recht von Franz-Josef Degenhardt mit dem spöttischen Bild der „ewigen Blumenwiese“ belegt. Was soll das für mich bedeuten? Das Leben nur als längerer oder kürzerer Wartesaal auf das wahre Leben? Nein, danke, kein Interesse. Das ist zu wenig. Das ist eigentlich auch, wenn man es mal zu Ende denkt, eine Verhöhnung des Lebens, ein Billigmachen. Dann stimmt alle Kritik am christlichen Glauben, denn dann bewahrheitet er sich ja erst hinter der Grenze, die angeblich der Tod ist. Wenn das der christliche Glaube ist, dann versteht er nicht das Leben, aber auch nicht seine eigenen Grundlagen. Denn was sind dann Worte wie die des heutigen Predigttextes anderes als abstruses, leeres Gerede:
„Jesus sprach:. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.“
Wenn ich vom Tod als Grenze ausgehe, dann klingt das maximal ein wenig gruselig, aber mehr auch nicht. Wenn ich aber erfahren habe, dass der Tod nun doch keine Grenze ist, sondern weit in das Leben hineinragt, ich selber mich manchmal an den grauen Tagen wie tot fühle, dann, ja dann. Ja, was dann? Dann gilt die Verheißung heute, jetzt wo ich mich wie tot fühle, fern des Lebens. Keine Vertröstung auf morgen oder, was ja noch schlimmer ist, auf ein übermorgen, das vielleicht nie kommen wird. Irgendetwas hinter irgendeiner Grenze. „Schon jetzt“ heißt es. „Schon jetzt“ wird mir das Leben geschenkt, das Leben, das stärker ist als der Tod. „Schon jetzt werden die leben, die hören werden.“ Nicht morgen, nicht übermorgen schenkt uns Gott das Leben – er schenkt es heute! Ich muss es also nicht einfach ertragen, all die Kälte, all die abgestorbenen Wurzeln und Äste meines Lebens, all diese ganzen sinnlosen Mist, die ganzen Räume, in denen sich schon der Tod breit gemacht und von innen die Tür verriegelt hat. Alles nur ertragen, weil mir ja da irgendetwas, irgendwo im „Jenseits“ versprochen ist. Ich werde leben – schon jetzt ist es mir gesagt, die Türen reißt das Leben wieder auf, nimmt dort wieder Raum, dort wo es hingehört. Bei mir, bei all den anderen die morgens manchmal im Spiegel nur eine tote, graue Gestalt sehen. Leben, lebendige Hoffnung, lebendiger Trost heute, jetzt schon Wirklichkeit. Das ist der Glaube, davon spricht die Bibel.
Aber wissen Sie was? Hier im Kopf, da habe ich es, da habe ich es vielleicht auch ein wenig verstanden. Aber, hier im Herzen, da kommt es nicht immer an, denn gerade dort sitzt er manchmal ganz schön hartnäckig, der Tod des Alltags. Dann hol ich sie raus, die alte schon leicht angestoßene CD von den Missfits. Und im vertrauten, schönen schnodrrigen Dialekt und Denken hier bei uns lassen sie sie in meinem toten Herzen ankommen. Die Stimme, die vom Leben spricht, dass er, Gott, mir schenkt. Schon heute.

Missfits – Mäuschen

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