Verfasst von: achterosten | 11. November 2018

Sommerhit – Predigt 1.Thessalonier 5, 4-11

Predigt zu I. Thessalonier 5, 4-11 (Drittletzter Sonntag, 11.XI.2018)

Liebe Gemeinde, nun ist er aber auch wirklich endgültig vorbei, der lange Sommer 2018. Zum Sommer gehören ja nicht nur die ganzen schönen Dinge, die auch mit S anfangen, wie Strand, Sonne, Schwimmen usw. Sondern auch seit vielen Jahren immer der sogenannte Sommerhit. Und was durften wir da schon für musikalische Leckerbissen erleben. Das Rezept ist immer gleich: Man nehme ein paar fette Beats, einen möglichst sinnfreien Text, knapp bekleidete Damen und mische das ganze zu einem wunderbaren leichten Gute-Laune-Hit. Aber in diesem Jahr? Als der aufgeregte Moderator im Radio den Sommerhit 2018 ankündigte, machte mich das nicht wirklich wach, was dann aber kam, da fiel mir doch fast die Kaffetasse aus der Hand:

Bella Ciao

Das alte Partisanenlied aus Italien als Sommerhit 2018. Weil es noch früh am Morgen ist habe ich mal jetzt den Ursprung des Hits aus der Netflix-Serie „Haus des Geldes“ genommen. Das alte Partisanenlied mit Technobeats als Lied auf Sommerpartys, als Dancehit! Ich steh bis heute völlig faziniert davor und schwanke zwischen Begeisterung und Befremden. Ich meine, der Song, also die tanzbare Version, stand in Deutschland in den Charts auf Platz 2! Das ist befremdlich. Deutsche feiern, tanzen, singen mit bei einem Lied, das einen Zweck hatte: Mut zu geben beim gerechten Kampf gegen unsere Väter, Groß- und Urgroßväter, die Tod und Elend brachten. Egal, wo ich in Europa war: Niederlande, Belgien, Dänemark, Italien, Frankreich, Estland, Kroatien, Bosnien – überall stehen sie, die Steine, die mir sagten: Opa war schon vor dir da.
Europäer, Nachfahren der Opfer und der Täter, feiern, tanzen, singen gemeinsam bei einem Lied, das ein Ziel hatte: Die Freiheit von Unterdrückung und Barbarei. Das begeistert mich.
Ob es noch weitere Gründe gab, dass genau dieses Lied in diesen Tagen, in diesem Sommer so ein Hit wurde? In Tagen wo Schatten sich ausbreiten? War es mehr als nur die eingängige Melodie?
Ich hatte das Lied gleich im Ohr als ich den Predigttext für heute las: „Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“

„Kinder des Lichtes“ – der schönste Name für Christinnen und Christen, für die, die wir getauft sind. Strahlend und schön macht uns der Glaube. Wir sind nicht allein, wir sind nicht schutzlos ausgeliefert. Eine wundersame Rüstung ist uns geschenkt. Nicht schwer, niederdrückend, keine, die uns kaum bewegen lässt. Nein, leicht und doch stark, so wie die Liebe, so wie der Glaube. Kein geschlossener Helm mit engem Visier, der Blick und Gedanken einengt, sondern einer mit breiter Krempe, offenem Gesicht, weitem Blick, so wie die Hoffnung. So sind wir die Kinder des Lichtes, so sind wir bestens gerüstet für unseren Auftrag: Nüchtern sein, wachsam sein. Das ist jetzt nicht als Partykiller gemeint, von wegen immer nur klar Wasser, sondern eher so im Sinne von: Ihr habt es nicht nötig euch die Welt, das Leben schön zu saufen. Egal ob mit ner Kiste Bier oder anderem was da so genommen wird: Volk, Nation, Rasse. In dieser Nüchternheit wachsam sein, die Zeichen sehen, erkennen und nüchtern deuten, jene des Lichtes, aber halt auch jene der Finsternis. Sie aber nicht nur sehen, denn wer eine Rüstung trägt, der kann auch kämpfen. Nicht für den Kampf des Zorns haben wir sie. Diese Rüstung von Glaube, Liebe, Hoffnung, jeder und jedem ist sie in der Taufe geschenkt. Wir haben sie Ida und Udo Paul angelegt. Wir haben ihnen damit versprochen: Wir sind die Kinder des Lichtes und wir werden unseren Auftrag annehmen. Wir werden den Kampf kämpfen, dass ihr nicht in Finsternis leben werdet. In der Finsternis, die sich in den Tagen eurer Geburt, eurer Taufe wie eine elende Seuche in Europa, in der Welt ausbreitet. Die die Sinne vernebelt, Haß und Verachtung sät und Gewalt und Tod ernten wird. Wenn sich keine, keiner dagegen stellt. Die Finsternis von Unterdrückung und Barbarei. Die Finsternis, die sich ausbreitet in einem Sommer in dem aus dem Radio ein altes Lied schallt, das von diesem Kampf erzählt. Von den tapferen Frauen und Männern im Unterholz in Frankreich, in den Mooren Rußlands, im Ghetto von Warschau, in den Bergen Jugoslawiens. Davon erzählt, dass zu wenige wach und nüchtern waren als sich die Finsternis über das Land legte, so dass am Ende nur eines blieb: Gewalt gegen Gewalt, Waffe gegen Waffe.
Geschichte wiederholt sich nicht. Heute ist nicht 1932, auch nicht 1923, wir leben nicht in der Weimarer Republik. Vor allem aber gilt heute: Wir haben noch die Chance, noch nicht zu diesen letzten Mitteln greifen zu müssen um das höchste zu verteidigen, was wir haben: die Freiheit. Um unseren Auftrag als „Kinder des Lichts“ zu erfüllen. Unseren Auftrag in der Welt. Wir haben noch die Chance, nicht das tun zu müssen, was diese Frauen und Männer tun mussten: Als „Kinder des Lichtes“ in der Finsternis der Nacht, mit den Mitteln der Nacht zu handeln, zu kämpfen. Wir haben die Chance. Wir haben es alle gerade Ida und Udo Paul vor der Taufe versprochen.
So will ich mit einem anderen Lied schließen, was nicht vom Kampf der Partisanen erzählt. Nüchterner, weniger pathetisch. Der ein oder andere wird es kennen, gerne auch mal verwendet zur Untermalung romantischer Atmosphäre: The Partisan von Leonard Cohen. Egal wie groß die Finsternis auch sein wird, als „Kinder des Lichts“ ist er in unser Herz geschrieben, der letzte Satz des Liedes:

Partisan – Leonard Cohen

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