Verfasst von: achterosten | 24. Juni 2018

Wille und Vertrauen – Predigt zu Matthäus 6, 10 b.c

Predigt zu Mt 6, 10b.c (III. Bitte Vater Unser)

Liebe Gemeinde,
er hat alles, ihm stehen alle Wege, alle Möglichkeiten offen. Sein Lebensunterhalt ist mehr als gesichert, er hat alle Mittel zur Verfügung, die er braucht: Finanzielle Unabhängigkeit, gesellschaftliches Ansehen und politische Macht. Und das alles, wenn man denn so seiner Selbstdarstellung glauben darf, im Überfluss. Keine Sorge, es handelt sich hierbei nicht um jenen aktuellen US-Präsidenten, bei dem manchem und mancher ja nicht nur die Frisur wirr erscheint. Nein, unser Held ist eher genau das Gegenteil, sozusagen ganz idealtypisch. Ihm geht es nicht um das „immer mehr“ von Reichtum, Ansehen und Macht. Das sind für ihn nur Mittel, die ihm die Freiheit, die Unabhängigkeit für etwas ganz anderem geben: der Suche nach Erkenntnis, nach Wahrheit. Er will verstehen, damit er danach handeln, sein Leben danach ausrichten kann. Und so probiert er alles aus. Von Sex, Drugs, Rock n Roll über ausschweifenden Luxus, über tiefe geistige Versenkung bis hin zu hochgelehrter Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Denkmustern probiert er alles. Dabei das Ziel immer fest im Blick, endlich eine Antwort auf die Frage finden „Was ist das gute Leben?“ oder noch präziser „Was ist der Wille Gottes“? Am Ende kommt er zu einer entscheidenden, sehr nüchternen Erkenntnis: Den Willen Gottes – Frau und Mann, der Mensch kann ihn nicht wirklich erkennen. Sehr eindrücklich warnt er davor sich unnütz wie er auf die Suche nach diesem zu machen. Eine sehr nüchterne, sehr ernüchternde Erkenntnis, die bei ihm zum Glück nicht im Aufruf zur kollektiven Depression mündet. Sondern eher sehr lebensnahe: Wenn wir schon nicht erkennen können, was wirklich Gottes Wille ist, dann sollen wir wenigstens die Dinge, die zu tun sind gut machen und dabei nicht vergessen, das Leben zu genießen. Denn da ist sich unser Held sicher: Er hat zwar nicht Gottes Willen erkannt, aber ist davon überzeugt, dass das Gute, das uns bereitet ist, von Gott kommt. Von diesem Helden habe ich ihnen schon öfters erzählt, mich als sein Fan geoutet.
Von dem anderen haben Sie auch schon öfters gehört. Ihm geht es ganz anders, ihm geht es nämlich mit ziemlicher Sicherheit demnächst an den Kragen. Sein Vermögen, sein gesellschaftliches Ansehen, seine politische Macht? Mehr als überschaubar, um nicht zu sagen überhaupt nicht vorhanden, wenn man vielleicht von dem Ansehen, der Bewunderung absieht, die er bei einem gewissen Kreis von Anhängern genießt. Aber selbst seine engsten Vertrauten sind nun nicht wirklich für ihn da. Sie zeichnen sich auch in diesen Tagen eher durch Unverständnis, großer Klappe mit nichts dahinter oder gleich durch Verrat aus. Jetzt gerade scheint ihnen ein wenig Schlaf auch wichtiger als alles andere. Und unser Held durchlebt das härteste Ringen und Hadern das man sich nur vorstellen kann. Sein ganzer Körper ist mit davon betroffen. „Wie soll es weitergehen, wie wird es weitergehen mit mir?“, um diese eine Frage dreht sich alles. Und auch bei ihm ist das vor allem die Frage: „Was ist der Wille Gottes?“ Und vielleicht hat auch er nicht wirklich eine Antwort gefunden, aber vielleicht einen Weg. „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, das schreit er Gott entgegen, wohl wenn auch nicht wissend, so doch ahnend, was es für ihn bedeuten wird: Schmerz, Leid und Tod. Drei Mal schreit er es, dann kommen sie, holen ihn und es kommt so: Schmerz, Leid und Tod für ihn.
Liebe Gemeinde, sie werden sie beide erkannt haben, auf jeden Fall den Zweiten. Der erste ist jener uns unbekannte Autor des Buches Kohelet im Alten Testament. Ob er wirklich ein reicher Herrscher war oder nicht? Es zeigt jedenfalls die ganze Bandbreite, den Reichtum der Bibel. Zeigt, dass sie viel mehr ist als eine enge theologische Sicht mit nur einer Wahrheit über Gott und die Welt. Der zweite, ganz klar, Jesus selber im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung. So wie es uns der Autor des Matthäusevangelium erzählt. Beide sollen den Boden bereiten, wenn wir heute die dritte Bitte des Vater Unsers in den Blick nehmen: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Denn beide verhindern, dass dieser Boden zu einem Minenfeld wird, auf dem man eigentlich nur umkommen kann. Denn als nichts anderes kann ich es bezeichnen, wenn die Beterin, der Beter in diesen Worten nicht nur ihren, seinen Ruf zu Gott laut werden lässt, sondern daneben und manchmal sogar lauter, ihre, seine Überzeugung. Die darin besteht ganz genau zu wissen, was dieser Wille Gottes ist. Es konnte mir bis heute noch keiner ein positives Beispiel dafür nennen, wo diese Überzeugung, Gottes Willen bis ins letzte erkannt zu haben und zu tun, nicht immer einen sehr hohen Preis gekostet hat. Nicht immer im letzten dazu geführt hat, dass der gute Boden des Glaubens zu einem lebensgefährlichen Minenfeld wurde. Und mag dieser vermeintlich erkannte Wille noch so gut, die Absicht dahinter noch so menschenfreundlich sein. Die Theokratie, die „Gottesherrschaft“, ist keine Herrschaftsform Gottes, sondern sie unterwirft Gott dem menschlichen Willen. Sie erhebt den angeblich erkannten Willen Gottes zum höchsten Prinzip. Damit natürlich auch die, die an dieser Erkenntnis teilhaben, erhebt sie zu den alleinigen Herrschern. Es stellt sich ja die Frage: Wie soll dieser Wille getrennt werden vom menschlichen Willen, menschlichen Streben? Wo liegen die Kriterien dafür, dass es wirklich Gottes Wille ist? Weil es vernunftsgemäß ist, weil es zutiefst im Herzen anspricht? Und wie soll dieser Wille umgesetzt werden? Mit Überzeugung, mit Druck, ja sogar Gewalt? So übt auch die Bibel in ihrer Vielzahl von Stimmen Kritik an dem vorschnellen Schluss, was Gottes Wille ist oder dass der Mensch ihn erkennen kann. Kohelet ist der beste Schutz davor den guten Boden des Glaubens in dieses Minenfeld der religiösen Schreckensherrschaft zu verwandeln. In dem er ganz klar festhält: Der Wille Gottes, er bleibt für uns im letzten verborgen und wir sollten uns hüten, ihn sehen zu wollen, wo er nicht zu sehen ist. Warum das so wichtig ist? Weil wir uns so zum Beispiel wirklich zu denen setzen können, die hart getroffen wurden vom Leid, von Krankheit. Weil wir damit den erbärmlichen und letztlich auch menschenverachtenden Versuch aufgeben können, das Leid als Gottes Willen erklären zu wollen. Kurt Marti hat für diesen miesen Versuch die passenden Worte gefunden:

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
das gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen

was soll jetzt ohne ihn werden?
was ist seine frau ohne ihn?
wer spielt mit den kindern?
wer ersetzt einen freund?
wer hat die neuen ideen?

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen

im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand
wir protestieren gegen den tod
von gustav e. lips

Die Geschichte von Jesus kurz vor seiner Ergreifung, von seinem verzweifelten Ruf nimmt diesen Gedanken auf, führt ihn weiter. Verbindet ihn schließlich mit seinem Tod am Kreuz und seine Auferstehung. Was wenn das alles auch ein Hinweis, ein Fingerzeig unter dieser Überschrift auf die 3. Bitte des Vater Unsers ist? Was, wenn uns Gott eines vor Augen stellt: Wir sollen nicht dem Missverständnis erliegen, im grausamen Tod am Kreuz könnten wir den Willen Gottes erkennen? Was, wenn Ostern, die Auferweckung uns genau das zeigen soll? Dann würden wir vielleicht die Worte in ihrer Klarheit hören und beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Dann wäre es ein Schrei ohne zu wissen, ohne zu behaupten, ohne sich zwanghaft einreden zu wollen was dieser Wille ist. Dann wäre es der Ruf, dass dieser Wille Wirklichkeit wird. Nicht in kleiner Dosis, sondern ganz. Dann wären wir frei von diesem verzweifelten Versuch diesen Willen erkennen zu wollen, ihn durch Anstand und Moral, ihm durch Leistung gerecht zu werden. Und sie können da gerne auch Gott durch andere Begriffe ersetzen, die für Menschen an die Stelle Gottes gerückt sind: das Gute, das Richtige, das Wahre, das Erfüllende. Dem allen muss ich dann nicht mehr gerecht werden. Das Vater Unser wird zum Ort meiner tiefsten Sehnsucht, meinem tiefsten Verlangen: ohne Angst, ohne Vorbehalt, bedingungslos vertrauen zu können. Mich hineinfallen zu lassen. Aber nicht mich willenlos auszuliefern und alles einfach hinzunehmen, was da so kommt. Die heutige Bitte des Vater Unser ist kein Aufruf zur gläubigen Schicksalsergebenheit, die alles nimmt was da kommt. Es geht um Vertrauen, dass man es nur gut mit mir und all den anderen meint. Das ich ganz ohne Angst sein kann. Das ich nicht ausgenutzt, nicht Mittel zum Zweck werde, die Sache einen Harken hat. Sondern einfach im ganzen Herzen, im ganzem Verstand eingepflanzt ist: Dieser Wille im Himmel und auf Erden, auch wenn ich ihn nicht erkenne, meint es gut und nur gut mit dir und allen Menschen. Was wäre das wunderbar! Was gäbe es schöneres, wenn das wahr wäre? Dann würde es sie wirklich geben, die Liebe, denn nur sie kann dieses Vertrauen schenken und nur sie ist dieses Vertrauen wert! Dann würde sie herrschen im Himmel und auf Erden.

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