Verfasst von: achterosten | 20. Mai 2018

Schönheit der Sprache – Predigt zu Apostelgeschichte 2, 1-21

Predigt zu Apg 2, 1-21 (Pfingsten 20.V.2018)

Liebe Gemeinde, bevor wir heute Morgen in die weite Welt starten, alles im Ganzen betrachten wollen und mal wieder die ganz großen Probleme wälzen bleiben wir doch hier erst einmal vor der Haustür. Hier bei uns, da ist ja schließlich auch was los und angeblich soll es bei uns ja auch ganz besonders schön und grün sein. Jedenfalls sagen uns das ja immer die Leute von Auswärts: „Ne, was ist das Grün bei Euch.“ Aber wir haben ja nicht nur viele Bäume bei uns, sondern auch so eine Art eigene Sprache. Denn wie heißt bei uns ein kleines Messer, z.B. zum Kartoffelschälen? (Hümmelken) – Und bei uns heißt der Regen auch nicht einfach Regen, wenn es nur leicht tröpfelt dann… (fiselt), aber wenn es wie aus Eimern vom Himmel kommt, dann… (plästern). Wunderschön auch unser Wort dafür wenn etwas nicht (mehr) schön, runtergekommen ist? Das kann man aber auch zu schlechtem Wetter sagen (schäbbig). Schön, weil auch das gibt es nur bei uns: Was sagt man wenn man bei uns einen im Freibad untertaucht (döppen). Und das sieht man auch gleich wie gut christlich wir alle erzogen sind: Döppen kommt nämlich von dem alten westfälischen Wort „dope“ und das ist die Taufe, wo man ja auch eigentlich untergetaucht wird. Schön, nicht? Geht ihnen das auch so? Mir jedenfalls schon, wenn man lange nicht hier war und dann auf einmal wieder die vertrauten Worte und die vertraute Art zu Sprechen hört. Was ging mir das Herz auf, als ich nach zehn Jahren Kassel wieder hier war und gleich am ersten Tag mich einer aufm Parkplatz anranzte: „Hömma, da kannste nich parken, is für Behinderte und behindert siehst du mal nich aus.“ Ich hatte dummerweise das kleine zugewachsene Schild übersehen. Ich parkte natürlich dann brav mein Auto um; unter der genauen Beobachtung dieses Prachtexemplars eines Ruhrgebietsmenschen. Es wird einem warm ums Herz, wenn man die vertrauten Worte, die vertraute Sprache hört. Sprache, Worte, sie sind so wichtig wie das täglich Brot und eröffnen einem doch das ganze Leben.
Daher will ich ihnen noch etwas anderes erzählen: Meine Vermieterin in Kassel war gut befreundet mit der großen Übersetzerin Swetlana Geier. Ich durfte sie kennen lernen bei einem ihrer häufigen Besuche in Kassel. Eine beeindruckende Frau, körperlich stark gebeugt, fast zerbrechlich wirkend, aber mit einem eindrucksvollen, wachen Geist, selbst bis kurz vor ihrem Tod. Es gibt einen wunderbaren Film über sie und ihr nicht von Widersprüchen freiem Leben: „Die Frau mit den fünf Elefanten.“ Die fünf Elefanten, so nannte sie die fünf Bücher von Dostojewski, die sie neu in das Deutsche übersetzt hat. Ich konnte im Film dann das sehen, von dem ich bei der persönlichen Begegnung schon eine Ahnung bekam: Diese wunderbare Art und Weise mit Sprachen umzugehen, ihnen nachzugehen. Übersetzen ist ja nicht Wort für Wort zu übertragen, sondern immer der Versuch eine Welt in einer anderen Welt zu verstehen. Jeden Tag traf sie sich und diskutierte mit einem befreundeten Musiklehrer Wort für Wort, Satz für Satz. So schuf sie, da sind sich alle Kritiker wohl einig, soweit ich das überblicken kann, kongeniale neue Übersetzungen dieser Klassiker der russischen Literatur. Welche Kraft Sprache haben kann, bei ihr, nur in der kurzen Begegnung konnte ich das lernen.
Und noch etwas, etwas theoretischer. Ich bewundere Menschen, denen es leicht fällt Sprachen zu lernen, sich schnell in ihnen zu bewegen, wie in einem neuen Kleidungsstück, das so gut sitzt, als wenn man es schon jahrelang trägt. Mir fällt es unglaublich schwer. Latein und Englisch in der Schule, eine Quälerei für die mich. und für Lehrerinnen mit mir. Eine Sprache zu lernen, da liegen in meinem Hirn riesen Steine im Weg. Schnell ist auch wieder leider alles vergessen. Aber trotzdem: Es ist doch einfach ein inneres Bedürfnis, wenn man sein Leben mit jemanden teilt, dessen Muttersprache nicht die eigene ist, trotz aller Quälerei und Rückschlägen, die Sprache des anderen kennen zu lernen. Weil irgendwo spürt man, dann ist ein Verstehen, ein Folgen der Gedanken und Gefühle besser möglich. Ein kleines Beispiel: Wie sehr sich die Beziehung zu seiner Familie in Deutschland und in anderen Gegenden der Welt unterscheidet, man versteht es wohl erst, wenn man die ellenlange Vokabelliste für die beiden einfachen deutschen Wörter „Onkel“ und „Tante“ sieht. Da spielt es eine Rolle, ob es der Bruder des Vaters ist, ob angeheiratet oder leiblich. Jede und jeder hat ihr, sein eigenes Wort. Und manches bekommt in einer anderen Sprache einen anderen Klang. Wie blöd wäre ich mir vorgekommen, wenn ein deutscher Mitreisender zu seinem Sitznachbar, als der mich sah, gesagt hätte: „Guck mal der Große“. Wie ging das drunter wie Öl für einen von der Spätpubertät arg gebeutelten Jugendlichen wie ich damals war, als ein von wind- und wettergegerbter alter Franzose mich anschaute und für alle im Zugabteil vernehmbar sagte: „Oh, le Grand.“ Auf der Jugendfreizeit in der Normandie war danach alle Akne und ungestalten langen Arme und Beine aber mal so was von vergessen.
Sprache – die eigene, die fremde, sie gehört zu uns Menschen. Sie verbindet, sie trennt aber auch. Sie bestimmt ob wir uns heimisch, gut fühlen oder schlecht und fremd. Sie schaufelt tiefe Gräben und sie baut Brücken über Gräben. Sprache – sie ist fester Bestandteil, Fundament dieses Tages – Pfingsten. Denn so wird uns erzählt: „Und als der Tag des Pfingstfestes erfüllt war, waren sie alle an einem Ort beisammen. Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen, als führe ein gewaltiger Wind daher, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. Es wohnten aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer, von jeder Nation unter dem Himmel. Als aber dieses Geräusch entstand, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder einzelne sie in seiner eigenen Mundart reden hörte. Sie entsetzten sich aber alle und wunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer? Und wie hören wir sie, ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind: Parther und Meder und Elamiter und die Bewohner von Mesopotamien und von Judäa und Kappadozien, Pontus und Asiennund Phrygien und Pamphylien, Ägypten und den Gegenden von Libyen gegen Kyrene hin und die hier weilenden Römer, sowohl Juden als Proselyten, Kreter und Araber – wie hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden? Sie entsetzten sich aber alle und waren in Verlegenheit und sagten einer zum anderen: Was mag dies wohl sein? Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines.“
Das ist die Geschichte des heutigen Tages. Für viele die Geburtsstunde der Kirche, der Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Wenn das wirklich stimmt, dann stimmt es auch, dass die Sprache eine nicht zu überbietende Rolle für diese Kirche, für Christinnen und Christen, ihren Glauben spielt. Sie ist Ausdruck des Heiligen Geistes! An ihr ist es für die Menschen zu erkennen, dass die Verheißung nicht ins Leere geht. Wir nicht allein sind, sondern in unserem Herzen der Heilige Geist, der Glaube gepflanzt ist. Aber nicht in einer Einheitssprache, sondern in ihrer Vielfalt. Das beschriebene Wunder ist kein Hörwunder, sprich, alle verstehen auf einmal die gleiche Sprache, sondern ein Sprechwunder. Die Botschaft der Freiheit des Glaubens wird zu den Menschen in ihrer Sprache gesprochen, dort wo sie sich heimisch fühlen, auf dem direkten Weg zu ihrem Herz. In der jeweils eigenen Muttersprache und was ist einem näher als diese. Und man weiß nicht was wunderbarer, wunderhafter an dieser Geschichte des Pfingsttages ist: Dass die Jünger auf einmal in fremden Sprachen sprechen oder vielmehr, dass die Vielzahl der Sprache nichts Trennendes ist, sondern die Menschen zusammenführt. Keine Gräben gerissen sondern Brücken gebaut werden.
Das ist in meinen Augen kein Nebenschauplatz, keine Randbemerkung aus Gründen der gesteigerten Dramatik des Erzählten, kein Stilmittel des Autors. Es ist zentral für das was dort erzählt wird. Diese Geschichte mit dem Heiligen Geist, mit der wir uns doch sehr schwer tun.
Das Sprachwunder ist zentraler Hinweis in den aufgeheizten Debatten dieser Tage. Wo es hitzig jeden Tag um Einheit und Vielfalt, um Abgrenzung und Öffnung, die und wir geht. Wie kann eine theologisch begründete, im Glauben wurzelnde Position in diesen Debatten aussehen? Der heutige Tag beschreibt dafür in meine Augen das Fundament: In seiner Mitte steht die Sprache und zwar: die Vielfalt der Sprache. Denn hier verbindet sich die Geschichte des heutigen Tages mit der anderen „Sprachgeschichte“ der Bibel: dem Turmbau zu Babel. Die Geschichte vom Geschenk des Heiligen Geistes, vom Glauben ist ja erstaunlicherweise keine Korrektur der Sprachverwirrung von Babel, sondern eine Bestätigung der Sprachvielfalt von Babel. Denn die Schuld der Menschen von Babel war doch nicht ihr komischer Turmbau, so eine Art Stuttgart 21 der frühen Menschheit, sondern, dass sie sich Gottes Befehl wiedersetzten, in Vielfalt die Erde zu besiedeln. Sie wollten weiterhin alle an einem Ort hocken, mit einer Einheitssprache, Einheitskultur, einheitlichem Einerlei. Um das aufzubrechen kam die Strafe der Sprachenvielfalt. Angesichts dessen, was am Anfang der Predigt stand, frage ich mich aber eher, ob es nicht eher ein „strafendes Geschenk“ war.
Pfingsten – das Fest der Kirche, der Christinnen und Christen, das Fest des geschenkten Glaubens ist das Fest der Sprache in all ihrer Vielfalt. Auf diesem Weg kommt dieses Geschenk in unser Herz, denn was gibt es schöneres als in der eigenen Sprache zu hören: „Ich liebe dich!“ Das ist der Heilige Geist, das Geschenk Gottes.

 

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