Verfasst von: achterosten | 6. Mai 2018

Bayrischer „Kreuzzug“ – Predig zu Matthäus 6, 10a

Predigt zu Mt 6, 10a (II. Bitte Vater Unser, Rogate 06.V.2018)

Liebe Gemeinde, Sie können sich gar nicht vorstellen wie es in mir aussieht. Ja, wie ich vor Aufregung und Vorfreude fast platze. Ich weiß gar nicht wohin mit mir. Denn schließlich darf ich Ihnen hier und heute die frohe Botschaft verkünden. Ist das noch Zufall oder schon mehr, das just in diesen Tagen, wo ich mit Ihnen das Vater Unser betrachten will diese bahnbrechenden, alles verändernden Nachrichten zu uns gelangen? „Dein Reich komme.“ – Hunderte von Jahren rufen dies Christinnen und Christen im Gebet. Voller Hoffnung, mit ängstlicher Erwartung oder großer Vorfreude. Nicht zu zählen die Zahl derer, über dessen Lippen es kam – voll tiefem Glauben, in skeptischer Halbdistanz oder gedankenloser Routine. In großen Kathedralen bei weltbewegenden Ereignissen oder in Schulklassen in der verzweifelten Hoffnung, dass das Reich Gottes eher seinen endgültigen Anfang nimmt als die Mathearbeit. Ungezählt auch die Versuche, das erhoffte, das erflehte Kommen des Reiches Gottes mit einem festen Termin zu versehen. Was wurde dafür nicht an Hirnschmalz und Rechenkünsten verwendet. Wieviel Hoffnung erweckt und dann bitter enttäuscht. Und wenn es richtig dumm lief verband sich das auch immer mit einer ordentlichen Portion Blut die dabei floss. Noch heute hängen als gruseliger Beweis dafür z.B. die Metallkäfige an der Lambertikirche in Münster. Auch Martin Luther übrigens war der festen Überzeugung, dass die Menschen nicht mehr als zu häufig diese Bitte des Vater Unsers sprechen müssen, bis es soweit ist. Klugerweise hat er sich nicht zu Rechenspielchen verleiten lassen, sein Ruf hätte doch arg darunter gelitten. Sei`s drum, das Warten hat ein Ende. Alles Bitten, alles Flehen hat ein Ende, endgültig. Jetzt schon, in diesen Tagen – am 1. Juni 2018 ist es endgültig soweit. Und ich darf ihnen das heute verkünden. Und es wird noch besser: Direkt vor unserer Haustür. Wenn der ICE pünktlich ist, Sie ohne größere Verzögerungen die Dauerbaustellen auf der A 45 hinter sich bringen, ist es gerade mal knappe drei Stunden von hier. Welch ein Glück für uns, ich kann es kaum fassen. Vor allem wenn man bedenkt, dass man nichts dafür tun muss, um das Reich Gottes in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit erleben zu dürfen. Ich meine das ist doch mal der endgültige Beweis, dass wir Protestanten immer Recht hatten – Gottes Reich gibt es ohne das wir dafür etwas tun müssen, außer das, was schon in der Bibel steht: sich auf den Weg machen. Aber sie dürfen auch frei entscheiden, wo sie eintauchen möchten in das Reich Gottes. Mitten im Alltag – egal ob Sie ihre Steuerklärung abgeben, das alte Auto abmelden oder den neuen Reisepass abholen wollen, das Reich Gottes wartet schon dort auf sie. Wie wunderbar.
Nur eines ist mir ein Rätsel: Warum das Reich Gottes jetzt mitten in Bayern angebrochen ist und der Heilsbringer den nicht allzu biblischen Namen „Söder“ trägt – das versteh ich noch nicht so ganz. Wenigstens trägt er den Namen eines der Evangelisten vorneweg – Markus. Und das mit Bayern – vielleicht hatten ja doch schon immer diejenigen Recht, die die bayrische Biergartenkultur zumindest für ein Vorgeschmack auf das Reich Gottes gehalten haben. Seis drum, Hauptsache es ist jetzt endlich da, das Reich Gottes. In allen Amtsstuben von Aschaffenburg bis Garmisch-Partenkirchen, von Ulm bis Passau. Und in München in der Staatskanzlei nahm es seinen Anfang, als der gerade erwähnte Markus Söder dort selbst das erste „Bayrische Amtskreuz“ an die Wand, ja was wäre jetzt korrekt zu sagen, hängte, nagelte? Ich sage mal, befestigte. Was ist das schön und so verdammt einfach. Wobei ich mich ja jetzt frage: Was passiert in diesem blau-weißen Reich Gottes nun mit den obligatorischen Bildern der milde auf uns herablächelnden Minister- und Bundespräsidenten? Angeblich gab es Entwürfe beide rechts und links des Querbalkens zu platzieren und oben drüber das Bild von Franz-Josef Strauß. Das hat man dann aber doch als zu gewagt verworfen, auch wenn es vielleicht dem Lebensgefühl und Weltbild von manchem tapferen Parteirecken der CSU entspricht. Ich schlage vor sie klassisch links und rechts zu Füßen des Kreuzes zu platzieren. Vielleicht das Bild des MP etwa an der Stelle wo in der Kunstgeschichte der Lieblingsjünger zu finden war. Allein schon wegen seiner Verdienste dafür, dass ich Ihnen heute die frohe Botschaft verkünden kann.

Wie? Sie meinen ich hätte da etwas missverstanden? Hier geht es gar nicht um das Reich Gottes, sondern um den für alle sichtbaren „Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“ und dem „sichtbaren Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland“, wie es so im Erlass heißt oder viel griffiger als „grundlegendes Symbol unserer bayerischen Identität und Lebensart“? Tut mir leid, das verstehe ich jetzt nicht. Das Kreuz also auf einer Ebene mit der Toleranz von nackten Männerbeinen in Lederhosen, dem Recht auf Massenbesäufnis auf dem Oktoberfest und der Pflicht seine Weißwurst vor 12 Uhr zu essen? Ich bin in der Naivität meines Glaubens immer davon ausgegangen, dass das Kreuz Zeichen für unserer Sehnsucht, für unsere Hoffnung als Christinnen und Christen ist, wenn wir bitten „Dein Reich komme“. Dass das Kreuz für uns der Ausgangspunkt ist, das wir hoffen, vertrauen, dass diese Bitte nicht verhallt, auf taube Ohren stößt. Das dort zu sehen ist, was der Charakter dieses „Reiches“ ist: das völlig andere, das völlig Neue, das völlig Unbekannte. Denn dort wurde alles anders: Gott selber geht in die tiefsten Tiefen, das unschuldige Opfer menschlicher Willkür wird ins Recht gesetzt, der Ort des Todes zum Ort des Lebens, der Platz der tiefsten Verzweiflung wird zum Hügel der Hoffnung. Das Kreuz ist unser Zeichen für das „Reich Gottes“ und für nichts anderes!

Markus Söder und sein „Kreuzzug“ durch bayrische Amtsstuben ist wohl doch wieder nur eines der traurigen, wenn auch in diesem Fall eher harmlosen, Beispiele dafür wenn Glaube und Politik zu einer Sache erklärt werden. Direkt aus dem Glauben, seinen Geschichten, seinen Texten politische Handlungsanweisungen abgeleitet werden! Glaube und Politik zu einem Eintopf vermengt werden, der dann meistens für ziemliche Magenschmerzen sorgt. Der Glaube ist keine politische Gebrauchsanweisung, das „Reich Gottes“ kein politisches Ziel. Das „Reich Gottes“ ist allein dessen Reich, der auch schon im Namen genannt wird: Gott. Und es ist allein seine Sache, wir können es nicht verhindern, aber auch nicht miterschaffen oder mit daran bauen. Es wird kommen, unabhängig von unseren Leistungen, aber auch unabhängig von unserem Nichtstun. Und es wird sein wie das Kreuz: etwas völlig anderes, etwas völlig Neues. Nicht die Verwirklichung politscher Ziele und Träume, sind sie noch so gut, am Frieden und Wohl von Mensch und Natur orientiert.
Als ich so anfing mich mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen, war viel davon die Rede, dass „wir mit bauen am Reich Gottes“. Das war verbunden mit klaren politischen Positionen und Forderungen, mancher unterlag sogar der irrigen Annahme, dieses „Mitbauen“ damals hätte den Kalten Krieg beendet. Wenige Monate nachdem mir davon vorgeschwärmt wurde, musste ich sehen wie dieses „Reich Gottes“ nicht auf dem Zettel hatte, das vor unsere Haustür im letzten Jahrzehnt des 20.Jh. Menschen schutzlos der Aggression nationalistischer Rattenfänger ausgeliefert waren, die dort ihre „Gottesreiche“ errichten wollten.
Wenn wir im Vater Unser rufen „Dein Reich komme“ da rufen wir nicht nach politischer Einsicht, nicht nach Parteiprogrammen, nicht nach den ehrenwerten Zielen aller Politik. Wir rufen, dass dies alles nicht mehr nötig ist, weil dann das ganz Andere, das ganz Neue herrschen wird. Das ist der Gebetsruf. Daher ist er so schlicht, drei einfache Worte, kein Zeitpunkt, keine politische Dimension wird genannt. Die Beterin, der Beter erhält keine Vorschrift, wie sie, er sich dieses Reich vorzustellen hat. Nur eines kann man wohl festhalten: Mit Politik hat das alles sehr wenig zu tun, wenn das Reich Gottes sich mit dem Kreuz verbindet. Denn am Kreuz endet das grundlegende und wichtigste Werkzeug aller Politik: die Macht. Ihr ist dort, wo der Ohnmächtige ins Recht gesetzt wurde, jeder Anknüpfungspunkt entzogen, sie gleitet ab am Stamm des Holzes.

Um aber allen Missverständnissen vorzubeugen: „Dein Reich komme“ ist andererseits aber nicht der Rückzug von allem politischen Tun, allem gesellschaftlichen Handeln, nicht der Rückzug vor Verantwortung! Und schon gar nicht der Aufruf dazu! Sondern ganz anders: Der Ruf „Dein Reich komme!“ ist unsere Grundlage als Christinnen, Christen uns politisch, gesellschaftlich zu engagieren. Nicht als politisches Programm, als politische Agende, sondern als Fundament, dass wir die Kraft, den Mut und die Freiheit für dieses Engagment haben. Die Früchte des Glaubens in unseren Herzen, die wir brauchen um uns zu beteiligen. Daher haben zum Teil diejenigen Recht, die sagen eine Predigt ist keine politische Rede, ein Gottesdienst kein Parteitag. Sie haben allerdings nicht damit recht, dass der Gottesdienst und die Predigt ohne Folgen für das Zusammenleben in unserem Land bleiben. Denn die Begegnung mit Gott in Wort, Lied und Gebet gibt uns das dafür was wir brauchen: Mut und Freiheit!
Wir bauen nicht mit am „Reich Gottes“, wir beten dass es kommt, nicht nur in bayrischen Amtsstuben sondern überall. Das kann morgen sein, übermorgen oder fern in der Zukunft, egal. Liebe Gemeinde – zu glauben, dass es kommt, schenkt jeden Tag Leben und Hoffnung.

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