Verfasst von: achterosten | 22. April 2018

Blick in den Spiegel – Predigt zu Johannes 15, 1-8

Predigt zu Joh 15, 1-8 (Jubilate, Konfirmation 22.IV.2018)

Liebe Konfis,
jetzt ist es fast geschafft, noch ein paar Minuten und dann könnt ihr sie endlich beantworten, die eine Frage: Ob ihr ja sagt dazu dass ihr getauft seid. Ihr habt euch die letzten 15 Monate darauf eingelassen zu überlegen, wie ihr diese Frage beantwortet. Habt etwas von dem geschenkt, was in unseren Tagen das kostbarste ist: Zeit. Zuletzt sogar eine ganze Woche in Euren Ferien. Wir haben uns in dieser Zeit viel unterhalten. Wir haben versucht für euch Zeit und Raum zu schaffen, damit ihr den christlichen Glauben erfahren könnt, so wie er hier in dieser Gemeinde gelebt wird. Ich habe dabei auch etwas von euch gelernt, gerade auch vor zwei Wochen als wir zusammen in Gahlen waren: Von euch wird ganz schön viel erwartet! Ob Schule, ob Freizeit, ob von euren Eltern, Familien, Freunden oder von Euch selbst. Und ihr habt eure eigene Art und Weise mit all diesen vielen Erwartungen umzugehen. Auch heute die Konfirmation war und ist mit Erwartungen an euch verbunden. Ich muss sagen, ich bin bis heute davon extrem beindruckt, zum Teil erschreckt es mich auch. Von euch wird verdammt viel erwartet, was ihr Tun und Lassen sollt, wie Ihr euren Weg gehen sollt. Vielen von euch zum Beispiel hat man ein ganzes Jahr genommen. Ihr seid die Generation, die nie etwas anderes als G8 kannte. Zwölf Monate Zeit, das ist in Eurem Alter fast eine Ewigkeit. Zwölf Monate weniger um Erwartungen zu erfüllen, das ist verdammt viel.
Und noch eins wurde mir klar: Uns Ältere unterscheidet sehr viel von euch, eines aber verbindet uns mit euch. Wir alle stehen unter diesem Druck der Erwartungen, der Ansprüche an uns, von uns selber und von anderen. Egal wie alt wir sind! Und gefühlt nimmt der Druck Tag für Tag zu.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum uns der christliche Glaube so fremd ist, so wenig einleuchtend erscheint, so wenig Raum in unserem Leben einnimmt. Denn das ist der Witz bei der Sache: Der Glaube hat keine Erwartungen an uns, der verlangt nichts von uns, gar nichts! Das ist ihm völlig fremd! Es gibt keine bessere Christin, keinen schlechteren Christen! Es gibt keine Liste zum Abhaken, kein Leistungsnachweis, keine Flammen auf dem Account. Der Glaube ist einfach nur da – ohne Erwartungen. Er will auch einfach nur da sein, das ist sein innerster Kern. Er ist das wahre Geschenk und verlangt noch nicht einmal ein Dankeschön. Das ist sein Geheimnis und die Freiheit, die in ihm wohnt. Freiheit, weil der Glaube erkennen lässt: im letzten, im ganz letzten bin ich gewollt und geliebt ohne Erwartungen. Ich erklär das mal mit dem Beginn eines Nirvanasongs. „Come as you are“ – so lässt es sich beschreiben, das ist das Geheimnis des Glaubens, zu dem sagen heute die Jugendlichen „Ja“. Nicht zu sogenannten christlichen Werten, zu irgendeiner Moral, sondern dazu, dass Gott nichts von Ihnen, von Euch erwartet, Euch, uns aber alles schenkt
.
Aber was heißt das weiter? Kann das Konsequenzen haben? Ändert das was? Der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium fragt genau das: „Was sind die Früchte des Glaubens?“ Ich glaube darauf gibt es keine pauschale, allgemein gültige Antwort. Da kann jede, jeder nur von sich sprechen, erzählen. Ich mache da mal den Anfang und das hat viel mit den Erwartungen, all den Fragen und dem ganzem Kram zu tun, der jeden Tag auf mich ohne Ende einströmt. Der Glaube, dieses lebendige Etwas, was mir geschenkt wurde, ist für mich mein Grund warum ich mir von Dubioza Kollektiv in Musik, Text und Bildern den Spiegel vorhalten lassen kann. Frei zu sein, gelassen zu sein, den Humor zu haben zu erkennen: Du bist einer von denen. Das ist dein Lied.

Liebe Gemeinde, ganz in der Tradition in Eppendorf Musikvideos im Konfirmationsgottesdienst erklingen zu lassen heute nun Dubioza Kollektiv – Himna Generacije. Den deutschen Text gibt es auf dem Einleger in den Liedblättern.

Für mich ist der Glaube die Freiheit, wie diese Jungs auf mein Leben zu schauen. Nicht von einer überhöhten moralischen Position aus auf die anderen, von denen ich mich angeblich so unterscheide. Sondern, dass ich weiß, dass das auch für mich gilt. Ich auf der einen Seite genauso an dem ganzen Kram leide, von dem gesungen wird, auf der anderen Seite aber je nach dem um was es geht, einer von denen in der Meute auf dem Weg zum Einkaufszentrum bin.
Das ist für mich eine der kostbaren Früchte des Glaubens: In diesen Spiegel schauen zu können. Das aushalten zu können, nicht alles als Gefasel unverbesserlicher Idealisten abzutun, nach der nächsten Ausrede zu suchen oder gleich das ganze als sehr gute Analyse der heutigen Gesellschaft zu erklären, die aber mit mir nichts zu tun hat. Sich so den Spiegel zeigen zu lassen, das ist nicht einfach, aber es geht und das ist doch schon mal eine ganze Menge, finde ich. Eine kostbare Frucht meines Glaubens, vor allem weil ich dank ihm auch mit der nötigen Portion Humor in diesen Spiegel schauen kann. Weil in meinem Herzen etwas gepflanzt ist, was mir sagt: Du bist so, aber es ist nicht das letzte Urteil über dich, Du bist geliebt und nicht allein. Wie schwach auch diese Stimme des Glaubens sein mag, wie überdeckt gerade auch von all den Dingen, von denen Dubioza gerade gesungen haben. Dies ist in meinem Herzen geblieben bis heute und hoffentlich für alle Tage.
Vielleicht habt Ihr, haben Sie in dem Lied ein Gefühl, einen Gedanken entdeckt, der Ihnen und Euch ja auch nicht fremd ist. Vielleicht wirklich ein Blick in den Spiegel, eine Momentaufnahme.
Wenn ihr gleich „Ja“ sagt, sagt Ihr „Ja“ zu einem Fundamt um entspannt in diesen Spiegel zu schauen. Sagt „Ja“ zu einem Fundament um entspannt mit all den Erwartungen umzugehen, die so an euch gestellt werden. Denn das ist die Verheißung des heutigen Tages: Das Geschenk des Glaubens gibt euch die Freiheit, den Humor und die Kraft dazu, aber auch dazu, die Frage zu stellen: Muss es so bleiben wie es ist?
Amen.


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