Verfasst von: achterosten | 2. April 2018

Ostern im Garten – Predigt zu „Christ ist erstanden“ (Ostern 2018)

Predigt zu „Christ ist erstanden“  (Ostern, 01.IV.2018)

 

Es wird kälter, er spürt es. Die Kraft der Sonnenstrahlen lässt nach. Sie mühen sich schon, den morgendlichen Dunst zu durchbrechen, der sie bald ganz verschlucken wird. Eine erste feuchte Kälte steigt vom Boden auf unter seine Arbeitsjacke. Feucht und nass ist auch das Gras, schnell spürt er, wie die Nässe an den Knien die Hose durchzieht. Immer kniet er in diesen Momenten, betrachtet oft die Welt auf den Knien, tief unten, taucht unter das Geschehen der Zeit, das über seinem Kopf in diesen Stunden hinweggeht, ihn nicht berührt. Er blickt um sich. Ist der Platz gut gewählt? Gedankenverloren streicht seine Hand durch das nasse Gras. Er wischt danach die Hand an der Hose ab, ein Streifen mehr neben all den andern die von den Monaten erzählen, die hinter ihm liegen. Es ist das letzte was zu tun ist, danach ist es wieder getan, ein weiteres Jahr ist zu Ende. Kurz schaut er noch mal, ja es ist ein guter Ort, hier kann es sein. Er zögert die Arbeit hinaus, geht umständlich sorgfältig vor, so als könne er damit die Zeit zwingen, das Ende hinauszögern. Dann aber ist es soweit, den richtigen Zeitpunkt abgewartet, den richtigen Ort gewählt. Mit Kraft aber doch sanft bohrt er das gezahnte Metall in den Boden, verwundet in einem perfekten Kreis die geschlossene Grasfläche, immer langsamer werdend. Nicht zu flach, nicht zu tief darf es sein. Vorsichtig zieht er das Metall aus dem Boden, drückt mit dem Daumen den Pfropfen aus Erde und Gras hinaus. Legt ihn neben sich. Ist zufrieden. Er greift in die Tasche und holt ihn heraus, ein schrumpeliges, kleines hässliches Etwas. Fast wie ein kleiner, unförmiger dunkler Klumpen Lehm sieht er aus. In seiner Hosentasche sind noch mehr davon, wie um sie zu wärmen, ihnen einen Moment von dunkler Wärme zu schenken, bevor es in die feuchte Finsternis der Erdhöhle geht. Mitten hinein legt er den Klumpen, verschließt die Höhle fest mit dem Erdpfropfen. Kaum zu sehen ist noch etwas, nur für das wissende Auge nicht verschwunden die Narbe auf der Erde. Ruhig und präzise arbeitet er weiter, unzählige der kleinen Klumpen wandern aus der fusseligen Wärme der Hosentasche in ihre Erdhöhle. Die Zeit verstreicht, die Sonnenstrahlen waren heute Morgen doch noch stärker als der Dunst, noch. So spürt er ihre ersterbende Kraft durch Jacke, Pulli und Hemd. Er greift in die Tasche, sie ist leer. Es ist getan. Er blickt auf, löst den Blick von der Erde. Nicht weit sitzt ein Rotkehlchen, neugierige Beobachterin seines Tuns, Begleiterin der letzten Monate. Sein Kopf durchstößt wieder die unsichtbare Grenze zum Alltag als er sich aufrichtet. Das wars. Ohne sich umzublicken geht er ins Haus, in der Hand den Eimer mit den Geräten. Seine Hoffnung sie liegt in den kleinen, feuchten Erdgräbern. Er zwingt sich, nicht an sie zu denken. Ein dummer Trick um der Enttäuschung vorzubeugen. Nach ein paar Stunden schon hat er sie vergessen. Von nun an übernimmt feuchte Kälte, kalte Nässe und graue Dunkelheit das Regime, breiten ihr dunstiges Leichentuch aus. Es gelingt, in die Tiefen seiner Erinnerung hat er die kleinen Erdhöhlen verschlossen in dieser Zeit. Vergisst sie, ihren Ort, begraben unter dem toten Laub.

Eines Morgens aber ist sie da, diese Unruhe. Er erwischt sich immer wieder dabei, wie er aus dem Fenster in das Graue starrt. Sich davon abhält  nicht hinauszugehen, vorsichtig wie beiläufig um nichts zu zwingen, ein wenig das Laub beiseite zu schieben. In einem Moment der Schwäche aber schaut er nach. Er hätte es nicht tun sollen. Nichts ist zu sehen, nur das Einheitsgrün der Rasenhalme. Die kleine Höhle sie ist zum Grab geworden, so scheint es. War es sein Fehler? Falscher Ort, falsche Zeit, zu tief, zu flach? Er wendet sich ab, enttäuscht, mit einem Stich im Herzen. Drei Mal geht das Licht der Sonne über das Land, um wieder in der grauen Dunkelheit zu verschwinden. Die Narben auf dem Rasen sind darüber verschwunden, Gras ist über das Ganze gewachsen. Nichts mehr zu sehen von der kleinen Hoffnung, die er dort begraben hat. Beiläufig geht er an dem Mantel des toten Laubes vorbei, da trifft es ihn wie ein Schlag. Kaum zu sehen eine kleine gelbe Krone, halb verborgen. Zwingt seine Füße stehen zu bleiben, er geht auf die Knie, ungläubig, aber es ist so. Eine kleine gelbe Krone hat mit unwiderstehlicher Kraft das Totenkleid des Laubes durchdrungen. Und es ist nicht nur die eine, jetzt auf den Knien erst sieht er es, überall schieben sich die kleinen Siegerinnen dem Himmel entgegen. Erstrahlendes lebendiges Gelb. Eine  Bewegung daneben, ein pelziger kleiner Körper schiebt sich hindurch, verweilt einen Moment in Schwachheit, wendet sich dann aber den gelben Kronen zu. Eine erste Hummel, die bei ihnen Kraft und Leben finden wird und ihren Namen Lügen strafen wird, den Namen dessen, der nun besiegt ist: Winterlinge.

 

Meditation über „Christ ist erstanden“ (Orgel, Klavier)

 

Liebe Gemeinde,

es ist Ostern. Ein Tag der Freude, des Lebens, ungetrübt. Dieser Tag ist nicht zu erklären, in die Sprache der Theorie zu fassen. Wie soll das auch gelingen? Dass der Tod besiegt ist, das Leben am Ende steht von allem? Der Anfang ist und nicht das Ende? Das können diese Worte nicht umgreifen, nicht erklären. Durch die Zeiten hindurch erheben Menschen in diesen Tagen ihre Stimme und singen es „Christ ist erstanden“, das wahrscheinlich älteste Kirchenlied in unserer Sprache. Auch dies versucht nicht zu erklären, sondern stellt die Botschaft von der Auferstehung nur in größter Verwunderung und Freude fest. In Wort und Melodie. Sprache der Musik, der Bilder, der Poesie, das sind die Sprachen dieses Tages. Die Botschaft des Lebens sie wird in diesen Sprachen laut. Die Botschaft des Lebens braucht Erfahrungen unseres Lebens, mit denen sie sich verbindet, eine Brücke bildet, über die wir gerufen werden, hinzugehen, dort wo das Leben blüht. Und daher muss ich es einfach mal so sagen: Gott ist ein großer Fan des Ruhrgebietes, gerade zu Ostern. Und das nicht gerade deswegen, weil man uns nachsagt, dass wir das Leben zu feiern wissen, sondern wegen der Schrebergärten, der weitläufigen Gärten hinter den Häusern der alten Zechensiedlungen. Fahren sie mal mit dem Zug durch das Ruhrgebiet oder zum Beispiel Stuttgart – in der Zeit, in der sie da an grauen Straßen vorbei  bis zum Milliardengrab Stuttgart Hbf gelangt sind, haben sie schon bei uns in mindestens drei bis vier grünen Einsprengseln den Möhren beim Wachsen und den stolzen Gartenbesitzern beim Grillen zugucken können. Sie halten das für unangemessen zu sagen, dass deswegen Gott ein Fan des Ruhrgebietes ist? Das ist vielleicht ein bisschen flapsig, aber wie wird uns denn Gott ganz am Anfang in der Bibel vorgestellt – als Gärtner. Als Gärtner für den es nichts Schöneres gibt als am Abend durch das zu wandeln, was er geschaffen hat. Der verlorene Ort, wo Gott und Mensch sich Aug in Aug begegnet sind – ein Garten. Die Verheißung Gottes am heutigen Tag, die Botschaft vom Leben, für die wir kaum Worte finden, die allem entgegenstehen, was uns Erfahrung und Klugheit lehrt? Dafür ist er der beste Ort, um dies zu erkennen – der Garten. Denn hier wächst aus dem toten Samenkorn das Leben, aus dem kleinen unscheinbaren toten Klumpen die wunderbaren Winterlinge. Sie lehren zum Beispiel die Gärtnerin den Rhythmus von Karfreitag und Ostern – denn meistens brauchen sie etwa drei Jahre bis zur ersten Blüte. Und ist es wirklich nur Zufall, dass uns erzählt wird, wie Maria den Auferweckten am Ostermorgen für den Gärtner hielt? Die Gärtnerin, der Gärtner tragen sie in sich die Erfahrungen durch die die unsagbare Botschaft von Ostern Worte, Bilder findet. Eine Sache ist da aber noch zur Präzisierung nötig: Gärtnerin, Gärtner, das ist weit gemeint. Jede, jeder die schon einmal einen Samenkorn in die Erde gelegt hat, sei es in einem riesen Gemüsebeet oder einem kleinen Topf. Ungeduldig gewartet und dann dem Leben beim Wachsen und Gedeihen zugesehen hat. Sie wissen um das Geheimnis vom Leben, tragen in sich die Erfahrung für den heutigen Tag. Wissen aber auch darum, dass die Erfahrung des Gartens nicht die Botschaft des Ostermorgens in sich aufnimmt, sondern sich mit ihr zu der Brücke verbindet hinüber und hinein in alle kettensprengende Siegesbotschaft dieses Tages. Die weit über alles hinausgeht. Die Erfahrung der Gärtnerin, des Gärtners weiß um den Kreislauf von Leben und Tod, weiß, das alles verblüht, vergeht. Jesus Nacht der tiefsten Verzweiflung, des Verrates, der Verhaftung – ein Garten ist der Ort dafür. Ostern aber ist nicht ein Wiederauferblühen von Totgeglaubtem, es ist das völlig Neue, das nicht mehr verblühen, vergehen wird. Verborgen und doch offen vor unseren Augen und Herzen. Das völlig Neue von Ostern ist die Brücke in den alten Ort wo Gott und Mensch sich begegnen, das Paradies, ein Garten. Leben und Freiheit wachsen dort ohne Ende, ohne Vergehen, denn er ist erstanden.

 


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