Verfasst von: achterosten | 25. März 2018

Das Eselchen macht den Unterschied – Predigt zu Johannes 17, 12-19

Predigt zu Joh 17, 12-19 (Palmarum, 25.III.2018)

Liebe Gemeinde, das ist die Geschichte dieses Sonntages. Jesu Einzug in Jerusalem wenige Tage bevor er den gewaltsamen Tod am Kreuz findet. Stärker könnte der Kontrast nicht sein: Hier der triumphale Einzug eines Königs und wenige Stunden später Verhaftung, Gewalt, Folter, Tod. Wie in einem Brennglas bündelt sich hier alles. Heute beginnt es. Ein König, ein Sieger zieht ein, so wird uns erzählt. So wie durch die Zeiten der Jahrhunderte Könige und Sieger einziehen, wie sie „eingeholt“ werden mit Jubel an den Straßen, schon vor den Toren der Stadt. Etwas, was bis heute geblieben ist, denken wir nur an die Bilder der Rückkehr der erfolgreichen deutschen Mannschaft der Winterolympiade. So zieht Jesus ein und doch ist alles angeblich ja anders und das liegt allein an diesem Tier – dem Esel. Und dann noch so ein besonders kleiner, „Eselchen“ wird er verniedlicht im Griechischen genannt. Dieser Esel zeigt, hier kommt ein anderer König, ein anderer Sieger. Keiner der mit Macht und Kraft herrscht und siegt, sondern ganz anders. Gehört habe ich das oft, verstanden nicht wirklich – bis vor knapp zwei Jahren. Da hat sich mal wieder die alte Weisheit bestätigt, das Reisen nicht nur ungemein entspannend und eine der besten Errungenschaften der Menschheit ist, sondern halt auch bildet. Da stand ich in der Wärme eines istrischen Sommertages der langsam zu Ende ging an einer langen Gasse in dem Städtchen Vodjan. Ein etwas verschlafenes Städtchen nördlich von Pula, das außer einer der größten Reliquiensammlungen Europas nicht wirklich hervorsticht. Rein familiäre Gründe haben mich hierhin geführt, es gilt die Tanzkünste der Großcousine zu bewundern. Denn es ist Samstag, es ist Festtag in Vodnjan. Dieser Festtag steuert gerade auf seinen Höhepunkt zu. Eifrig müssen die jungen Männer und Frauen für diesen Tag geübt haben, jedenfalls machen viele diesen Eindruck. Es ist auch nichts Leichtes, das nun vor ihnen liegt. Das ganze Geschick und Können sind für die wenigen Meter nötig, die entscheiden ob man Sieger ist oder sich völlig blamiert hat. Alle nehmen die Startposition ein, die Spannung steigt, der Pfiff ertönt und mit lauten Rufen beginnt die wilde Hast durch die Gasse hin zum Ziel. In diesem Moment habe ich sie erst wirklich verstanden, die Geschichte vom Einzug Jesu nach Jerusalem, der so anders ist. Denn all diese Frauen und Männer sitzen wie er auf einem Esel. Es ist auch das ein oder andere „Eselchen“ an diesem Abend in Vodnjan dabei. In diesem Moment erkenne ich: der Esel lässt es nicht zu, dass seine Reiterin, sein Reiter nur im Geringsten etwas Königliches an sich hat. Die Beine hängen herunter, schleifen fast über den Boden, der Gang und Lauf des Esels ist kein majestätischer und schon gar keiner geradeaus. Der Esel zwingt seine Reiterin zur Demut, nie wird es gelingen auf diesem Tier dem landläufige Bild eines Siegers, eines Königs zu entsprechen. Der Esel ist ein egalitäres Reittier, er erhöht den Menschen nicht, er bleibt dann, was er auf dem Esel ist: Einer von uns. Da auf dieser kleinen Gasse habe ich sie zum ersten Mal verstanden, die Geschichte vom Einzug in Jerusalem. So ist mir aber auch etwas anderes klar geworden: Das es ja gar nicht stimmt, was uns oft vorgegaukelt wurde: Dass genau die Menschen, die hier Jesus zujubeln, wenige Tage später dafür sorgen, dass er am Kreuz endet. Eine dieser Auslegungen, die in sich das Gift des Antijudaimus tragen, das so lange unseren Glauben pervertiert hat. Der Autor des Johannesevangelium dagegen differenziert hier sehr genau. Da sind die, die jetzt jubeln. Die, die all ihre Hoffnung auf den setzten, der da kommt, von dem sich die Menschen erzählen, dass der Tod vor ihm weichen muss. In dessen Wort und Tat sich das zeigt, was das Elend des Alltages durchbricht. Dass Liebe stark ist und nicht vor den Verhältnissen kapituliert. Das sind die, die jubeln. Dann sind da die anderen, die mit Skrupel durchsetzt sind, die Alternativlosen, die sich selber eine höhere Erkenntnis zuschreiben, einen größeren Überblick. Sie werden es sein, die ihn denunzieren werden bei den Besatzern. Nicht aus Bösartigkeit, noch nicht einmal so sehr aus dem Willen zum Machterhalt und religiösen Fanatismus, sondern vor allem aus Angst, dieser Krankheit des Herzens. Und wo bleiben, die die jubeln? Vielleicht standen sie unter dem Kreuz, am Wegesrand hin zur Schädelstätte und sahen erneut, wie ihre Hoffnung zerrann, zerstört wurde von den anderen. Und wieder heißt es, sich aufraffen, um einen kleinen Funken Hoffnung trotzdem zu bewahren.
An dieser Stelle der Geschichte steh ich dort auf der Gasse Jerusalems. So wird die Geschichte wird zu einer gefährlichen Geschichte. Geschichten und Erfahrungen meines Lebens verknüpfen sich mit ihr, Geschichten und Erfahrungen aus den letzten 25 Jahren, seit ich als Konfirmand bewusst ein Teil der Gemeinde, der Kirche wurde. Geschichten aus der Zeit des Studiums, dem Vikariat, der Arbeit in Diakonie und Gemeinde. Erfahrungen als einer aus der Mehrheit der Menschen in unserer Kirche, unseren Gemeinden. Mit einem gewissen christlichen Traditionshintergrund, gründlich war in der konfessionellen Kita dafür gesorgt worden. Religiöse Praxis bestand in Konfirmation und den Gottesdiensten an den Wendepunkten des Lebens. Wie bereits gesagt einer von der Mehrheit unsere evangelischen Volkskirche, wie sie bis heute ist. Und das ist ja auch gut so, dass das so ist. Vor diesem Hintergrund immer wieder Erfahrungen, Erlebnisse, die sich mit dieser Geschichte heute am Palmsonntag verweben. Lebhaft vor Augen, wie dieses: Da ist ein Treffen mit dem Presbyterium und uns engagierten Jugendlichen meiner damaligen Heimatgemeinde. Ich weiß überhaupt nicht mehr um was es konkret ging, jedenfalls hatte es lange Planung und noch vieles mehr in Anspruch genommen. Es war vor allem von einem geprägt: Ernst machen mit der Botschaft von Freiheit, Ernst machen mit der Hoffnung, dass es das gibt, das ganz Andere. Das Ende vom Lied: Alles wurde abgelehnt, am Ende hatte man auch noch die Chupze uns vorzuwerfen, wie mies denn die Jugendarbeit durch uns geworden sei und der liebe Herr Jesus käme ja auch viel zu kurz bei uns. Da hatte ich das erste Mal das Gefühl wie vielleicht all diejenigen, die in der Geschichte heute an den Straßen standen und ihm zujubelten, dem der da kam, der Freiheit versprach, mit dem sich große Hoffnung verband. So groß, dass sie überschäumte, in einem brannte. Was für ein Hochgefühl, aber nur kurz durfte diese Flamme brennen. Wir schlichen damals davon, enttäuscht von der Schar der Etablierten und mit dem Versuch, die Hoffnung nicht ganz zu verlieren. Das gelang nicht vielen. Viele weitere Geschichten folgten bis zum heutigen Tag, an denen ich und andere uns fühlten wie einer von denen, die heute jubelnd am Palmsonntag am Straßenrand stehen. Kurz Zeit später müssen sie alle Kraft dafür aufwenden, das trotzige „Trotzdem“ als Hoffnung im Herzen nicht zu verlieren. Wie vielen war das nicht möglich? Wahrscheinlich, und das ist das Schmerzhafteste, den meisten. Wir haben sie verloren. Ihnen hat es ein, zwei Mal gereicht zu sehen wie das mit dem sich ihre tiefe freudige Hoffnung verband, ausgeliefert und geopfert wurde, von denen die „dazu gehörten“, den Etablierten. Die ihre Macht aus dem gefühlten Grad des Glaubens, aus der Höhe ihres Engagements, ihrer Professionalität ableiten. Wie bei den Pharisäern geschah dies Preisgeben bei der Mehrheit nicht aus Machterhalt und religiösen Fanatismus, sondern aus Angst. Aus Angst vor was, ja vor was will man fragen? So richtig habe ich keine Antwort. Keine brutale Besatzungsmacht bedroht sie, niemand will ihnen an die Wäsche – was ist es dann? Ich weiß es nicht.
Jetzt könnte man einwenden, das was ich da beschreibe, für das der Einzug Jesu in Jerusalem ein Bild ist, hat eher mit normalen Lebenserfahrungen zu tun, als mit der Situation in der Kirche. Ich soll mal nicht so rumjammern. Ja, das stimmt, aber behaupten nicht gerade jene, die Etablierten, dass es hier ganz anders sein soll? Und bin ich nicht über die Jahre ja auch zu einem dieser Etablierten geworden? Stehe manchmal selber dort am Rande, sehe wie die anderen jubeln ob dem was da kommt, was in ihnen die Flamme der Hoffnung entzündet? Steh dort und denke mir, hoffentlich können wir das abwenden, das hat hier nichts verloren. Es gab manchmal gute Gründe, aber oft war es auch einfach nur die Angst und der Hochmut des Etablierten, dessen der dazugehört, der es angeblich besser weiß. Immer wieder stehe ich aber auch noch bei den Jubelenden, denen die hoffen. Warum stehe ich aber dort noch, hat die Erfahrung mich noch nicht klüger gemacht? Was soll das Ganze dann noch, sollte man dann nicht alles einfach seinen Gang gehen lassen?
Gute Fragen – am Ende steht aber eines und da kommt wieder der Esel ins Spiel: So sehr sich die Geschichte vom Einzug in Jerusalem mit meinen Erfahrungen verwoben hat, es gibt es da einen gewichtigen Unterschied: Der der dort einzieht ist vielmehr als eine gute Idee, etwas Neues, etwas was ein wenig anders ist – er ist der Andere. Und seine Geschichte endet nicht wie die mancher Idee, die wir haben sterben sehen. Hier triumphieren am Ende nicht die Macht und auch nicht die Angst. Hier behalten nicht die Etablierten das letzte Wort, sondern der wird ins Recht gesetzt, der alles, aber nicht königlich aussah auf seinem „Eselchen“. Heute in einer Woche endet erst die Geschichte und dann werden wir nicht mit gesenktem Haupt und gebrochenem Herzen davonschleichen, sondern mit geradem Rücken, freiem Herzen und freiem Geist. Und weil diese Geschichte so ganz anders endet als viele der unsrigen, werde ich dort am Straßenrand zu finden sein, wenn es gilt, dem zuzujubeln, was die Wahrheit der Geschichte Gottes zu uns bringt. Die in mir hoffentlich auch die Angst besiegt, wenn ich dort am Rande stehe und jubeln will.


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