Verfasst von: achterosten | 11. März 2018

Von Gott, seinem Namen und seinem Volk – Predigt zu Matthäus 6, 9c

Predigt zu Mt 6, 9c (I. Bitte Vater Unser) (Lätare, 11.III.2018)

Liebe Gemeinde, ich gehe mal davon aus, dass die Mehrheit von Ihnen heute Morgen weiß wer ich bin. Sie kennen meinen Namen, haben ihn gehört, gelesen, ich habe mich persönlich so vorgestellt. Wenn sie meinen Namen hören steht vor Ihrem inneren Auge vielleicht ein Bild. Zusammengesetzt aus dem was sie von mir wissen. Sie kennen mich, denn sie kennen meinen vollständigen und richtigen Namen. Fast eine Banalität aus dem alltäglichen Leben – der Name macht einen Menschen erkennbar, hebt ihn heraus, ist Träger und Bild seiner Einmaligkeit. Wir können die Frau, den Mann neben uns damit schon einmal zuordnen, sie im wahrsten Sinne er-kennen. In den Tagen wie diesen gilt das umso mehr – über den Namen findet man jede und jeden, ob über Facebook, Twitter, Snapchat etc. Ohne viel Aufwand findet man den Menschen, wo er wohnt, was er beruflich so macht und manchmal auch Dinge, die man eigentlich nicht sehen will, z.B. die Badebuxenbilder aus dem letzten Urlaub. Aber auch: Den Namen zu wissen, der erste, entscheidende Schritt aufeinander zu aus dem dann auch mehr werden kann – Vertrauen, Zuneigung, Liebe. Wer seinen Namen nennt, gibt etwas sehr wichtiges von sich preis, macht sich erkennbar und begibt sich mehr oder weniger freiwillig in die Hand des anderen. Unser Name macht uns unverwechselbar, erkennbar, aber auch greifbar, verantwortlich und haftbar. Nicht umsonst ist er auch der erste, entscheidende Schritt in der Taufe. Dieser einmalige Mensch mit seinem Namen wird ein Kind Gottes.
Nicht anders ist es bei Gott. Er hat seinen Namen Menschen genannt, seinen wahren Namen. Gott wird damit erkennbar , tritt aus dem Nebel heraus, gewinnt Gestalt. Kein Name, den man wirklich aussprechen kann. Kein Name der in einem Wort liegt, sondern eher auf die Geschichte Gottes mit den Menschen verweist. Von Treue, von Liebe spricht dieser Name. Mit ihm legt sich Gott selber fest, zeigt, dass er mit den Menschen zu tun haben will, für sie ansprechbar sein will. Mit seinem Namen hat er sich selber aber auch haftbar gemacht, hat sich selber greifbar gemacht. Von seinem Namen erzählen uns all die Geschichten, Gedichte, Lieder, Texte, von Liebe, von Treue, von Zorn, von Vergebung, von Friede und Gerechtigkeit. Mit seinem Namen ist Gott für uns erkennbar. Wäre er nicht auf die Menschen zugegangen, hätte er ihnen nicht seinen Namen genannt, nichts würden wir von ihm wissen, kein Glaube wäre möglich. So aber, da sein Name bekannt ist, kann Glaube, Vertrauen entstehen.
Unter diesen Namen Gottes stellen wir jeden Menschen, den wir taufen. Es ist dieser Name, der die erste Bitte des Vater Unsers bildet „Dein Name werde geheiligt“. Die erste Bitte ist heute der nächste Schritt, den ich mit ihnen gehen möchte bei unserem Spaziergang durch die Worte des Vater Unsers. „Dein Name werde geheiligt.“ Es ist der Name, den Gott den Menschen selber genannt hat, mit dem er erkennbar ist, in dem er den Glauben schenkt, der über dieser Bitte aufgespannt ist.
Wie lautet aber dieser Name? Von wem wissen wir davon? Wie sollen wir ihn überhaupt heiligen? Die Antwort? Sie liegt für mich in zwei Liedern, die ich mitgebracht habe. Ich gebe zu, vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Weg, aber bitten folgen Sie mir dabei – erst am Ende ergibt sich alles
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Joseph Schmidt – Ein Lied geht um die Welt…

Liebe Gemeinde, die Älteren werden es erkannt haben, vielleicht leise auch ein wenig mitgesummt haben. Vielleicht wurden in den paar Minuten auch Erinnerungen geweckt, Erinnerungen an gute, unbeschwerte, schöne Stunden. Ein echter Gassenhauer, Titelmelodie des gleichnamigen Filmes „Ein Lied geht um die Welt.“ Die Jüngeren werden vielleicht etwas überrascht oder auch entsetzt gewesen sein – oh Mann, was spielt er da jetzt für alte Dinger. Heute Morgen steht aber für nicht so sehr das Lied im Mittelpunkt sondern sein Sänger. Jener kleine Mann mit gerade mal 154cm Körpergröße, aber einer großen Stimme. Einer der großen Tenöre seiner Zeit und fester Bestandteil jeder Operetten- und Schlagersammlung. Er hat sie alle gesungen, ob „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“, „La Paloma“ oder „Dein ist mein ganzes Herz“. Es rauscht und knackt im Lautsprecher und dann kommt diese Stimme. Sein Name? Ein Allerweltsname, Joseph Schmidt, vor einer Woche hätte er Geburtstag gehabt, seinen 118ten. Was er mit „Dein Name werde geheiligt“ zu tun hat? Als Tenor im Radio, auf der Bühne, im Kino kannten ihn alle, wenige aber nur dies:

Joseph Schmidt – Adonaj hu ha Elohim

Liebe Gemeinde, „Adonaj hu ha Elohim – Der HERR ist Gott“. Joseph Schmidt war nicht nur umjubelter Musikstar jener Tage, er war auch Chasan, Kantor der jüdischen Gemeinde in Berlin. Und natürlich wurde auch ihm das leider zum Verhängnis. Auf einem Sofa in einer Schweizer Gaststätte starb er, gerade mal 38 Jahre alt. Völlig entkräftet von seiner Flucht quer durch Europa, Flucht vor dem sicheren Tod, dem Gang ins Gas, dem Gang an die Wand. Als „Illegaler“ ohne Papier wurde ihm die Behandlung seiner Herzkrankheit verweigert.
Dieser Mann, er besang nicht nur die Hochs und Tiefs des Liebesleben, dramatische Verstrickungen, melancholische Erinnerungen, sondern ließ schon seit seiner Kindheit für eines seine Stimme erklingen: zum Lob, zur Heiligung Gottes, der seinen Namen seinem Volk, dem Volk Joseph Schmidts genannt hatte – den Juden.
Ihnen hat er seinen Namen genannt und nur ihnen. Kein Mensch würde den Namen Gottes kennen, er wäre für uns der große Unbekannte ohne sein Volk, den Menschen denen er sich gezeigt, denen er seinen Namen genannt hat, den Jüdinnen und Juden. Alle drei Fragen: Wie lautet aber dieser Name? Von wem wissen wir davon? Wie sollen wir ihn überhaupt heiligen? Diese Fragen finden hier ihre Antwort. Wie sein Name lautet, dass hat Gott seinem Volk, den Jüdinnen und Juden, gesagt und gezeigt. Damals als sie in Sklaverei lebten, unterdrückt, von der Auslöschung bedroht. Er hat ihnen seinen Namen genannt indem er sie in die Freiheit geführt hat, ihnen seine Gebote gegeben hat. Die Gebote, die die Freiheit des Menschen bewahren, indem sie ihnen ein festes Fundament geben: Die Liebe von Gott und Mensch. So kennen und wissen wir von dem Namen Gottes durch sein Volk und nur durch sein Volk. Das ist keine theologische Randnotiz, sondern elementare, unverzichtbare Grundlage unseres Glaubens: Ohne Gottes Volk, ohne die Juden würde es unseren Glauben nicht nur nicht in dieser Gestalt geben, sondern es würde unseren Glauben überhaupt nicht geben. Gar nichts wüssten wir von diesem Gott! Wir wissen auch nicht mehr als die Jüdinnen und Juden über ihn und sein besseres Volk sind wir mal schon mal gar nicht. Wir haben kein christliches Sonderwissen über Gott! Das ist der Weg Gottes zu uns Christinnen und Christen – über dieses, sein Volk, aus der Mitte seines Volkes wählt Gott seinen Weg zu uns Christinnen und Christen. Erst durch sie kennen wir seinen Namen, durch sie können wir ihn heiligen. Aber wie? Für mich liegt das klar auf der Hand: Indem wir sein Volk, die Jüdinnen und Juden ehren. Indem wir ihnen niemals streitig machen, dass sie Gottes Volk waren, sind und bleiben. Uns niemals über sie erheben, uns anmaßen, wir wären das wahre Volk Gottes. Sondern die Entscheidung Gottes annehmen, in unser Herz lassen, das dies sein Weg ist zu uns Christinnen und Christen, den er gewählt hat. Das heißt es, die Erste Bitte des Vater Unser mit dem Herzen und dem Verstand zu beten, den Namen Gottes zu heiligen.
Das heißt – und das zum Schluss – dem Volk Gottes, den Jüdinnen und Juden diese Rolle voll zuzugestehen. Das heißt aber auch die Distanz zwischen ihnen und uns zu akzeptieren. Sie selber sind für ihren Glauben, ihre Theologie, ihre Kultur zuständig und brauchen nicht unsere wohlgemeinten Ratschläge. Die Jüdinnen und Juden sind auch nicht sozusagen qua Geburt für das elende Problem des Antisemitismus zuständig. Das ist unsere Aufgabe und gerade unsere Aufgabe als Christinnen und Christen in aller Welt. Jeder Angriff auf das Volk Gottes ist ein Angriff auf unseren Glauben. Ohne das Volk Gottes kann unser Glaube nicht leben, nicht bestehen, kann die erste Bitte des Vater Unsers nicht mehr über unsere Lippen kommen.
Genau so wenig ist keine Jüdin, kein Juden verpflichtet sich unsere schlauen und weniger schlauen Beiträge zur Lösung des Nahostkonfliktes anzuhören. Und auf keinen Fall ist es ihre Aufgabe und Pflicht uns von der Schuld, dem Versagen unserer Vorfahren sozusagen loszusprechen. Mann, so viele Keller hat es im ganzen Deutschen Reich gar nicht gegeben, wie angeblich dort Juden versteckt worden sind.
Und wer meint, er könne das Volk Gottes vor seinen Karren des Kampfes gegen den Islam spannen, der wird schnell feststellen, dass er in diesem Wagen viel brauen Mist hat, aber nirgends das strahlende Blau des Magen Davids, des Sterns Davids finden wird.
„Geheiligt werde dein Name.“ – jedes Mal, wenn wir es sprechen, wird unser Blick auf die Menschen gerichtet, denen wir verdanken, dass auch wir den Namen Gottes kennen. Auf die Menschen die schon lange vor uns beteten und es bis heute tun: „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde- sein Reich soll in eurem Leben in den eurigen Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in nächster Zeit erstehen.“


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