Verfasst von: achterosten | 28. Januar 2018

Was sind wir gut – Predigt zu Jeremia 9, 22-23

Predigt zu Jer 9, 22f (Septuagesimae, 28.01.2018)

Liebe Gemeinde,
„Eigenlob stinkt“ – das ist doch einer dieser kurzen prägnante Sätze hinter denen sich ein ganzes Gebäude versteckt, was man so für gut und richtig hält. Wie das so im Leben zu laufen hat. Sich selber loben, von sich selber gut zu reden. Das tut man nicht und wer es doch wagt, der darf sich hier bei uns schnell mit einem echten Titel schmücken – „Graf Koks von der Gasanstalt“. Bescheidenheit im Hinblick auf sich selbst, das eigene Licht nicht nur unter den Scheffel, sondern gleich in den Keller stellen, das sind Werte, Haltungen, die wir alle gelernt haben. Aktuelles Beispiel? Die eigentlich völlig widersinnige Antwort: „Dafür nicht“ wenn sich jemand für etwas bedankt. Hat sich so in den Sprachgebrauch eingeschlichen, hört man mindestens einmal am Tag. Ein Freund von mir kann sich über diese Antwort sehr schön aufregen und nach ein bisschen Nachdenken muss ich ihm Recht geben. Denn für was soll man dann noch Danken, wenn die Antwort immer ist „Dafür nicht“? Ab und zu ertappe ich mich selber dabei. Eine Antwort hinter der sich aber genau die genannte Haltung verbirgt: „Ich? Ich habe doch gar nichts gemacht für was es sich zu danken lohnt.“ Ich sage es ja – Licht nicht nur unterm Scheffel sondern im Keller. Allerdings ist die Frage, ob es mit dieser demonstrativen Bescheidenheit wirklich so weit her ist. Auch dafür gibt es einen wunderbaren Begriff: „Fishing for Compliments.“ So lange und lautstark oder leise, aber sehr gezielt sich in Bescheidenheit ob der eigenen Fähigkeiten üben, bis sich dann endlich jemand erbarmt, einem auf die Schulter haut und sagt „Haste gut gemacht“. Sprich endlich das gewünschte Lob am mehr oder weniger geschickt ausgeworfenen Harken hängt. Das mit der Bescheidenheit ist also so eine Sache. Aber, das werden Sie jetzt vielleicht einwenden, ist uns das nicht auch immer in der Kirche erzählt worden – sich selber ja nicht zu hoch einschätzen, immer bescheiden sein, von sich selber nicht allzu viel halten? Haben wir das nicht gerade von unsern Eltern gesagt bekommen, in der Schule gelernt und von der Kanzel gehört? Ich jedenfalls kann mich an solche Worte erinnern. Wenn es richtig zur Sache ging, dann hatte ich auch eher das Gefühl ich solle mein Licht nicht nur in den Keller stellen, sondern gleich auf die siebte Sohle. Dorthin wo es dann endgültig keiner mehr sieht. Das Ganze wurde dann auch mit bedrohlich klingenden Worten aus der Bibel untermalt. Hier mal so eine Kostprobe aus dem Jeremiabuch: „So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ Ja, da haben wir es doch, die Bestätigung des Gesagten. Man soll sich nicht rühmen. Allerdings, das entscheidende kommt noch, denn es geht im Text weiter: „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne, daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“ Das ändert das Ganze jetzt aber erheblich. Wer mag soll sich ruhig rühmen, sprich sein Licht ruhig auf den Scheffel stellen, damit es alle sehen können. Dass Selbstlob stinkt, in der Bibel jedenfalls finden wir so wohl keine pauschale Zustimmung dafür. Selbstlob ist grundsätzlich anscheinend gar nicht mal schädlich. Da gilt, um einen anderen gern benutzen Satz zu nehmen, „Tue Gutes und rede drüber.“ Die entscheidende Frage ist also nicht, dass man sich lobt sondern – für was? Für was also kann man sich loben? Das wird zur entscheidenden Frage.

Liebe Gemeinde, wir werden uns gleich im Anschluss an den Gottesdienst darüber unterhalten, wie sie denn aussehen kann, die Zukunft der Kirchengemeinde in Goldhamme und Eppendorf. Wie soll es aussehen, das gemeinschaftliche Leben der Christinnen und Christen hier vor Ort? Das heißt wir müssen auch darüber sprechen, was wir tun, aber auch was wir lassen. Das ist nicht einfach, das ist uns allen klar. Vieles hat sich ja auch schon in der Vergangenheit geändert, es galt Abschied zu nehmen von altem Vertrauten, es ist aber auch viel Neues entstanden. So zum Beispiel gerade hier im Jochen-Klepper-Haus die besondere Atmosphäre der Gemeinschaft, der Umbau der Kita in der Cheruskerstraße zur U3 Kita und vieles mehr. Wie aber soll es weitergehen? Sind nicht neue Strukturen notwendig, neue Formen nötig? Wichtige Fragen, denen wir nicht aus dem Weg gehen, die wir nicht ignorieren können. Denn das ist klar und eine Tatsache, alles zu lassen wie es war und ist, das war nie so und wird auch nie so sein. Woran aber sollen wir uns dabei orientieren? Was soll sozusagen unsere Leitplanke dabei sein, zu entscheiden, wie es weitergehen soll, was wir in Zukunft tun und lassen? Ich will sie bei diesen entscheidenden Fragen ernstnehmen – die Zeugnisse des Glaubens. Vielleicht ist das in der Vergangenheit auch viel zu selten geschehen. Der Text aus dem Jeremiabuch könnte doch dann ein wichtiger Teil der Leitplanke unserer Entscheidungen sein.
Fangen wir doch mal vorne an: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit.“ Mit Weisheit ist jetzt hier nicht reines theoretisches Wissen gemeint, sondern eher etwas was man lebenspraktische Klugheit nennen kann. Und das können wir doch wohl in Kirche und Gemeinde. Nehmen wir nur all die Feste, Gruppen und Kreise, die zu organisieren sind. Dafür braucht man eine ordentliche Portion lebenspraktischer Klugheit und es klappt doch gut bei uns wenn sowas ansteht. Aber das ist wohl nicht entscheidend.
„Ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke.“ Bei der ganzen Sorge im Blick auf die Zukunft vergessen wir viel zu oft, wie stark wir eigentlich sind. Welche Organisation in Deutschland hat so viele Mitglieder? Welche Organisation bestimmt so sehr die Feiertagskultur? Jeden Sonntag sind zusammen mehr Menschen in Deutschland im Gottesdienst als am gleichen Spieltag in den Stadien der Bundesliga. Ich hab sie immer noch im Ohr, die neidischen Sprüche von Menschen aus anderen Wohlfahrtsorganisationen angesichts dessen, dass es noch im letzten Dorf Anschluss an eine Kirchengemeinde gibt. Auf dem Gebiet unserer Gemeinde wohnen so ca. 20 Tausend Menschen, davon sind ungefähr 5300 Mitglieder der Kirchengemeinde, das ist immer noch ein Viertel der Menschen in den beiden Stadtvierteln. Aber auch das ist wohl nicht entscheidend…
„Ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ Ich denke dazu muss ich nicht allzu viel sagen. Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, so reich wie Kirchengemeinden hier in Deutschland sind, sind sie nirgendwo. In diesem Jahr beträgt allein der Haushalt der Kirchengemeinde 950 Tausend Euro, ohne Kitas und ohne Friedhof. All das Geld geben wir auch verantwortungsvoll aus, aber dass wir arm wären – spätestens wer sich mit der Situation vieler Gemeinden in der Welt kurz befasst, wird das nicht sagen können. Geld ist also da, mehr als je zuvor. Wir wissen zwar, dass die Einnahmen sehr stark zurückgehen werden. Aber dass wir arm wären, nein nun wirklich nicht. Aber auch das ist wohl nicht entscheidend…
„Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich kenne.“ – das ist wohl das Entscheidende, die Leitplanke für unser Nachdenken, unser Tun und Lassen. Das was an erster Stelle steht – der gelebte Glaube. Denn das ist hier mit klug sein und kennen gemeint. Nicht allein das Wissen ob irgendwelcher christlicher Inhalte, Dogmen usw. Nein, „kennen“ meint hier vielmehr. Es geht auch um Wissen, aber es ist vor allem das Wort für die intimste Art und Weise der Beziehung, die man zueinander haben kann. „Vertraut sein“, tiefste Nähe von Herz und Verstand, das sind Worte, die den Horizont des „klug sein und Gott kennen“ abstecken. Darum soll es gehen, dessen dürfen wir uns rühmen. Das ist der entscheidende Punkt. Aber das kann man nicht einfordern. Diese innige Nähe zwischen Gott und Mensch, sie ist wie alles Intime weder etwas was man verordnen kann noch für was man allgemein gültige Maßstäbe schaffen kann oder sollte. Es ist etwas zwischen mir und Gott. Und wie alle intime Nähe auch etwas was mir geschenkt wird. Eine Nähe zwischen Gott und mir. Das steht im Zentrum, auch der Gemeinde, aber nicht als Prüfsiegel, nicht als Zwang, denn wie groß diese Nähe ist, auch das ist Sache zwischen Gott und jeder Einzelnen, jedem Einzelnen. Aber es muss aller nötige Raum da sein, dass diese Nähe gelebt und genährt wird. Denn auch wenn diese Nähe etwas Intimes ist, braucht sie die Gemeinschaft, damit sie wachsen, gedeihen, leben kann. Das muss immer und alle Zeit in unserer Gemeinde möglich sein! Ohne dass wir es überprüfen, feststellen können. Wir können den Raum, die Orte dafür bieten, mehr nicht, aber das ist schon sehr viel. Das heißt zum Beispiel wir müssen immer die Möglichkeit, die Ressourcen haben, Menschen an den Punkten im Leben zu begleiten, wo sie nach dieser Nähe rufen, sie vermissen, sie besonders spüren, sprich Taufen, Trauungen, Beerdigungen. Da müssen wir für die Menschen mit all unserer Kraft und Zeit zur Verfügung stehen. Schenken können wir die Nähe nicht, das liegt nicht in unserer Hand, aber wir können den Raum dafür schaffen. Es gibt aber Maßstäbe, wie diese Nähe für die Menschen um uns herum spürbar wird, wie sie gelebte Wirklichkeit wird: „Daß ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“ Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit – das sind die Maßstäbe, die Leitplanke für unsere Entscheidungen was wir tun und was wir lassen. Das sind die drei Prüfsteine: Wird durch uns Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit in Eppendorf und Goldhamme Wirklichkeit? Füllen wir diese drei Begriffe mit Leben? Kreist unser Fragen darum oder darum dass die Kirche immer gut geheizt und der Rasen davor immer geschnitten ist?
Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit ist unser Auftrag – das mögen ja sehr große Begriffe sein, so groß dass man sagt, das ist sogar eine Nummer zu groß für uns! Nein, das ist es nicht sondern es passt ganz gut zu uns. Nicht weil wir so weise sind, so stark oder so reich, sondern weil die Nähe, zwischen Gott und uns im Zentrum steht. Dass wir nach ihr fragen, nach ihr suchen, sie von Gott einfordern. Nähe, die Kraft, Mut und Gelassenheit schenkt zu fragen: „Was tun wir, und was lassen wir, damit Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit Wirklichkeit werden?“
Liebe Gemeinde, darunter machen wir es nicht und dafür dürfen wir uns dann auch mal selber loben!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: